2017 ist ein Erhard-Jahr

Quelle: LUDWIG-ERHARD-STIFTUNG

2017 ist ein Erhard-Jahr: Vor wenigen Tagen jährte sich der 120. Geburtstags des „Vaters des Wirtschaftswunders“, im Mai gedenken wir seines 40. Todestags, vor 70 Jahren erschien die Bibel der Sozialen Marktwirtschaft, „Wohlstand für alle“. Ludwig Erhard hat im zerstörten Nachkriegsdeutschland die Fundamente für eine Wirtschaftsordnung gelegt, auf denen auch unsere aktuellen wirtschaftlichen Erfolge beruhen. Und er hat – neben Konrad Adenauer – die CDU zur mit Abstand erfolgreichsten Volkspartei gemacht.

In der CDU ist das Erbe Erhards jedoch verblasst. Das Wort Ordnungspolitik kommt in ihren Beschlüssen kaum noch vor, ihre Wirtschafts- und Sozialpolitik atmet eher den grün-roten Zeitgeist als seinen liberalen Geist. Herausragende wirtschaftspolitische Köpfe gibt es in den Reihen der Union immer weniger. Jetzt, im Erhard-Jahr, wird die Büste des „Dicken mit der Zigarre“ im Konrad-Adenauer-Haus etwas entstaubt. Und selbst das mit mäßigem Erfolg.

Wie weit sich die CDU von Erhard entfernt hat, demonstrierte in diesen Tagen ihr Generalsekretär Peter Tauber in einem Gastbeitrag in der „Welt“. Darin erzählt er eine Geschichte aus seiner Heimat, dem Main-Kinzig-Kreis: „Ein Bäcker in einer kleinen Gemeinde fand keine Lehrlinge mehr und war deswegen kurz davor, seinen Laden zu schließen. Vor allem, weil ihm nach eigenen Aussagen die Discounter mit ihren Aufbackbrötchen das Leben schwer machten und die Einnahmen oft nur noch die Ausgaben deckten.

Zehn Leute hätten bei einer Pleite ihren Job verloren. Aber vor einigen Monaten fand er einen äthiopischen Flüchtling, der bei ihm als Lehrling anfing und mit großem Engagement bei der Sache war. Für diesen Schritt musste der Bäcker im Internet ekelhafte Hetze über sich ergehen lassen. Aber er blieb standhaft, und heute sind alle Beteiligten froh, diesen Schritt gegangen zu sein. Diese Geschichte zeigt, was Soziale Marktwirtschaft in vielen Facetten ausmacht. Dazu gehören übrigens auch Freiheit und Demokratie.“

„Was Soziale Marktwirtschaft in vielen Facetten ausmacht“? Nun ja, Taubers Text zeigt eher, dass Angela Merkels Parteisekretär von wirtschaftlichen Zusammenhängen wenig Ahnung hat. Denn die Quintessenz seiner Story lautet: Ein Flüchtling hat zehn Arbeitsplätze gerettet. Das ist ein herzerwärmendes Flüchtlings-Märchen, hat aber mit Wirtschaft nichts zu tun.

Taubers Bäcker hat offenbar zwei Probleme. Erstens hat er Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden; das geht vielen Handwerksbetrieben so. Wenn aber alle Handwerksbetriebe zumachten, weil sie im Moment keinen Lehrling finden, gäbe es im Mittelstand das große Sterben. Zweitens hat er ein Kostenproblem: Die Lebensmittel-Discounter können dank ihrer von Backfabriken bezogenen Rohlinge ihre Brötchen billiger anbieten als der auf solide, aber teure Handarbeit setzende Bäckermeister. Bei dieser Konkurrenzlage hat er zwei Möglichkeiten: Er kann die Kosten senken oder er muss höherwertige Qualität, eine größere Produktvielfalt und einen besseren Service bieten als die Billig-Konkurrenz. Das tun – landauf, landab – viele Bäcker und halten so dem heftigen Konkurrenzdruck der Anbieter von Papp-Brötchen stand. Das nennt man marktwirtschaftlichen Wettbewerb.

Der Bäcker hat, so Tauber, aber offenbar den in betriebswirtschaftlichen Lehrbüchern nicht vorgesehenen Königsweg gefunden: Er senkt die Kosten durch Einstellung eines Lehrlings. Der wiederum ist, politisch-korrekt, ein Flüchtling. Dieser Auszubildende muss ein wahres Genie sein: Der junge Mann aus Äthiopien backt so gut, dass er im  Alleingang die Wettbewerbsfähigkeit der Bäckerei wiederherstellt und – ganz nebenbei – noch zehn Arbeitsplätze rettet. Das heißt: Der Lehrling ersetzt nicht etwa einen höher bezahlten Gesellen. Nein, er ist so produktiv, dass er mehr erwirtschaftet als er den Meister kostet und gibt nebenbei dem ganzen Betrieb einen Schub. Es gibt nur ein Problem. Wenn das so ist, wie der CDU-Generalsekretär es darstellt, wird der junge Mann nicht lange bei diesem Arbeitgeber bleiben. Er wird sich bald selbständig machen, ein wahres Backimperium aufbauen und Taubers Bäcker die Kunden wegnehmen.

Natürlich wird es so nicht kommen. Doch freuen wir uns, dass Taubers Bäcker einen Lehrling gefunden hat und dass er sich von fremdenfeindlichen Anfeindungen nicht hat beeindrucken lassen. Nur: Taubers Geschichte ist eine indirekte, marktwirtschaftlich verbrämte Rechtfertigung von Merkels Flüchtlingspolitik. Ganz im Sinne von Wirtschaftsbossen, die im Willkommensrausch von 2015 die Flüchtlinge als Basis für das nächste Wirtschaftswunder gepriesen hatten.

Wer Ludwig Erhard so zu erklären versucht, hat „Mister „Marktwirtschaft“ und sein Konzept wohl nicht so recht verstanden. Nur gut, dass Ludwig Erhard diese CDU so wenig erleben muss wie Mietpreisbremse, Frauenquote, gesetzlichen Mindestlohn, Rente mit 63 und andere „Errungenschaften“ seiner angeblichen Erben. Erhard selbst hatte 1958 geschrieben: „Das mir vorschwebende Ideal beruht auf der Stärke, dass der einzelne sagen kann: Ich will mich aus eigener Kraft bewähren, ich will das Risiko des Lebens selbst tragen, will für mein Schicksal selbst verantwortlich sein“. Ein einzelner Lehrling als Retter eines Backbetriebs mit zehn Arbeitsplätzen – das hätte nicht einmal der notorisch optimistische Erhard als Ideal propagiert. Kein Wunder: Er verstand ja auch etwas von Marktwirtschaft.

 

Veröffentlicht auf www.ludwig-erhard.de

 

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