90. Geburtstag von Niklas Luhmann

Klaviertasten, Foto: Stefan Groß

Man stelle sich Folgendes vor: ein Mann langweilt sich in einer Behörde, ist als einfacher Verwaltungsjurist in der Provinz chronisch unterfordert. Eines Tages reicht ihm ein Vorgesetzter eine Broschüre ein, die junge Leute animieren soll, sich an der renommierten Harvard-Universität um ein Stipendium zu bewerben.

Der Mann ist bereits Mitte 30 und wird aufgrund seiner mangelnden Leutseligkeit permanent bei Beförderungen übergangen, bewirbt sich im fortgeschrittenen Alter selbst an der Harvard University, wird genommen und kommt auf den Geschmack, schreibt eine Abhandlung und wird – zurück in Deutschland – als Student der Soziologie mit Ende 30 von einem gutvernetzten deutschen Professor endgültig entdeckt.

In kürzester Zeit wird er diplomiert, promoviert, habilitiert sich und besetzt einen Lehrstuhl:

„Ziel: Theorie der Gesellschaft, Laufzeit: 30 Jahre, Kosten: keine.“

Mit Worten, die vom Terminator stammen könnten und einem Aufstieg wie Rocky Balboa tritt der größte Soziologe und einer der bedeutendsten Philosophen des 20.Jahrhunderts gerade noch rechtzeitig den Dienst an.

Seine Welt erscheint menschenleer, stets aus einer Perspektive wie Andreas Gurskys Photographien. Ähnlich den Konzeptmusikern wie Daft Punk und den Pet Shop Boys pflegt er das öffentliche Bild eines scheinbar Eigenschaftslosen.

Wer keine Forschungsgelder benötigt „Kosten: keine“ – siehe oben – muss auch mit Bürokraten keine Kompromisse in Forschungsdingen eingehen. Das System Forschung hat mit dem System Bürokratie nicht unbedingt zu tun. Das weiß niemand besser als er.

Der Nachteil fehlender Vernetzung während der ersten 35 Lebensjahre erscheint nunmehr als Vorteil. Es macht ihn, den Freigeist, den allumfassend Gebildeten, zum großen Paradigmatiker. Er ändert den bisherigen Ansatz in seinem Fach grundlegend.

Norbert Bolz findet, wie immer, die passenden Worte: „Er war der letzte Theorie-Riese, auf dessen Schultern sich zu stehen lohnt.“ So einhellig positiv fällt aber nicht jedermanns Urteil aus. Ein Politikdozent während meines Studiums mochte Luhmann keineswegs, empfand seine Systemtheorie gar als Unfug.

Große Geister erkennt man daran, dass sich an ihnen die der Kollegen scheiden. Beim Ausfüllen der Drittmittelanträge vertun zu viele glattgeschliffene Wissenschaftler ihre Zeit. Wer Anträge ausfüllt, hat keine Zeit mehr für den Zettelkasten.

Welcher Forscher würde heute noch zum Kultstar taugen, dessen Konterfei T-Shirts ziert?

Obwohl Luhmann recht früh verstarb, konnte er seinen 30-Jahresplan umsetzen. Auch hier fällt mir ein Konzeptkünstler ein: David Bowie, dessen bahnbrechendes Album Blackstar zwei Tage vor seinem Ableben 2016 erschienen war. Luhmann vollendete 1997 die Gesellschaft der Gesellschaft. Ihm war es vergönnt, sein Leben abzurunden. Luhmann als geschlossenes System also.

Wie jeder Große stirbt Luhmann mit einem Geheimnis: über die Todesursache wird bis heute spekuliert. Von seinem Privatleben ist wenig bekannt. Ob er ein Mensch war oder ein Wesen von einem anderen Stern, darüber könnte man – ähnlich wie bei Bowie – trefflich spekulieren.

Nur wohnte er im Gegensatz zu Bowie weder in London noch in New York, sondern in Oerlinghausen.

Eines ist er zweifelsohne: eine Ermutigung für all jene, denen ihr herkömmlicher Job zu öd ist.

 

 

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