Ahnungslos diskutieren 2017 – Phrasen-Sprech 2017

2017 wird so etwas wie ein Super-Wahljahr, da in Nordrhein-Westfalen und im Bund abgestimmt wird. Aufgeheizt wie selten ist die politische Debatte. Jeder ist ein kleiner Politiker. Durch die Verbreitung von sozialen Medien ändern sich mit dem damit verbundenen Zwang zur Außendarstellung auch die Meinungen.
Es gibt also nicht nur die schon bis zum Abwinken wiederholte Binsenweisheit, dass öffentliche und veröffentlichte Meinung zwischen Journalisten und Lesern abweichen, sondern auch eine Hybridvariante. Sie können nämlich eine nach außen gekehrte Schokoladen-Seiten-Meinung haben und eine im kleinen vertrauten Freundeskreis. Beide müssen gar nichts miteinander zu tun haben.
Na, erkennen Sie sich wieder?
Sie alle sind Publizisten. Was ich kann, können Sie schon lange, liebe Leser. Sobald Sie bei Facebook und Twitter etwas notieren, sind Sie Publizist. Außerdem sind Sie, ob Sie wollen oder nicht, kleine Bundespräsidenten. Und mehr Unterhaltungswert als Frank Walter Steinmeier werden Sie ja wohl anbieten können.
Daher legen Sie sich kleine Versatzstücke zurecht, damit sie geschmeidig Ihnen aufgezwungene äußere Ereignisse kommentieren können, ohne Ihr Gesicht zu verlieren. Geschickt gemacht können Sie sogar glänzen.

Lektion 1: Das Schlimmste geschieht (Gräueltaten, Amoklauf, Terroranschlag etc.) – wie reagiert man?

„Man sollte jetzt keine voreiligen Schlüsse ziehen.“
So fängt man an, zumindest, wenn man geschickt ist. Wer keine Schlüsse zieht, trägt weder Verantwortung noch irgendetwas. Wie lange das Zeitintervall „voreilig“ dauert, bestimmen allein Sie. Schließlich sind wir in einem freien Land. Dann muss ein Satz folgen, aber nur einer, sonst wäre es dem Ereignis nicht angemessen. Geschwätzigkeit kommt da nie gut an. Wählen Sie also folgenden Varianten:
„Das ist ein schrecklicher Einzelfall.“
oder:
„Wir sind in Gedanken bei den Angehörigen.“
oder:
„Je suis … irgendwas“, wobei das „irgendwas“ mit einem möglichst stylishen Logo in Windeseile zu untermauern ist, das ein Graphikdesigner irgendwo in weiser Vorausschau des „unerwarteten“ Ereignisses in der Schublade auf Halde liegen hatte.

Lektion 2: Freunden Sie sich damit an, dass alles ein Hashtag bekommt, das in einem kompakten Kunstwort Emotionen, Originelles und ach so Hintersinniges vereint. Prägen Sie also ein Hashtag, bevor es Sie prägt.

#Aufschrei ist dann gut, wenn man die Übergriffe gefährlicher älterer Männer in der Karnevalszeit brandmarken will, die Frauen wie Freiwild behandeln, sobald sie 3 Glas Riesling genossen hatten. Merke hierbei, der Aufschrei muss negativ korreliert sein mit Gefährlichkeit des Übergriffs. Bei wirklichen Übergriffen empfiehlt sich die De-Eskalation. Dabei lege ich das Hashtag #Einzelfall – siehe oben – nahe.
Deeskalation ist allein schon deshalb wichtig, weil diejenigen, denen Sie als Mini-Bundespräsident schreiben, also Ihren Followern, nicht die höchste Intelligenz attestiert werden kann. Nicht, weil es IHRE Follower sind, sondern weil grundsätzlich alle doof sind außer Mutti.

Lektion 3: Dumme dumm nennen.

Nehmen Sie sich ein Beispiel an Herfried Münkler. Er nennt Dumme einfach dumm. Münkler kann es sich leisten, er ist Professor und einer der führenden Intellektuellen im Lande. Was er kann, können Sie schon lange. Zitieren Sie einfach mal Machiavelli, dann haben Sie neben sich noch einen der führenden politischen Philosophen als Alibi. Je mehr dumm sind, umso eher sieht man in Ihnen philosophische Tiefe und Intelligenz. Fallen Wahlen nicht so aus, wie Sie sich das wünschen, streuen Sie neben dem Wort „dumm“ noch „postfaktisch“ oder „White Trash“, „alter weißer Mann“ oder „Abstiegsangst“.
Ist es Ihnen jedoch zu hart, den Pöbel mal richtig zu beleidigen, machen Sie es etwas subtiler. Juli Zeh ist ein wundervolles Beispiel. Andere Menschen sind einfach mal nicht klug genug, um die richtige Meinung zu haben. Man sagt es ihnen nicht, gibt aber ein pädagogisches Beispiel.
Erwachsenenpädagogik ist im Kommen. Es heißt Nudging. Man muss diese bedauernswerten Menschen nur subtil genug zu ihrem Wohl führen. Wenn sie wirklich dumm sind, merken sie es gar nicht, sind am Ende aber glücklich. Als Versatzstück der Erwachsenenpädagogik hat sich folgender Satz besonders bewährt: „Ich verstehe Sie, aber denken Sie, dass das die Lösung ist? Ich sehe das vielmehr so: …..“ Punkt. Ende der Diskussion. Das Gegenüber hat etwas gelernt.

Lektion 4: Wenn es eng wird mit der Argumentation

Haben Sie Schwierigkeiten, Ihre Argumente durchzusetzen, weil die Faktendecke zu dünn ist, kein Problem. Es gibt retardierende Sätze wie „Das muss man im großen Zusammenhang sehen“ oder weniger kompliziert: „Das hängt von vielen Umständen ab“. Oder ganz kurz und knackig: „In der globalisierten Welt hängt alles zusammen.“ Nebelkerzen sind die Glanzlichter der Rhetorik. Unscharfes Argumentieren kommt immer gut. Das verstehen auch die Dümmsten.

Lektion 5: Menschlich sein

Haben Sie endgültig argumentativ Schiffbruch erlitten, flüchten Sie sich in Floskeln wie
„Menschlich und anständig sollte man immer sein“ oder „Humanität in diesem Zusammenhang aber wichtig“. Oder: „Das ist blanker Zynismus“. Geht gar nicht.
An dieser Stelle möchte ich Ihnen ganz persönlich einen besonderen Kniff ans Herz legen. Betonen Sie nicht Ihre Menschlichkeit, jeder sieht ja, dass Sie ein Mensch sind, auch wenn Sie eigentlich so mechanisch argumentieren, wie man Autos baut oder im Kaufhaus Anzüge zusammenstellt, nämlich nach Baukastenprinzip.

Lektion 6: Statistiken diffamieren

Unterstellen Sie vielmehr Ihrem Gegenüber mechanische Logik und Unmenschlichkeit. Das fällt besonders leicht, wenn Sie Ihr Gegner argumentativ unter Druck setzt, indem er Statistiken verwendet.
Merke: Statistiken sind unmenschlich. Das funktioniert immer, da können Sie sich dann die Dummheit des Publikums zunutze machen. Wir sind zwar im postfaktischen Zeitalter, aber auch im prä-statistischen. Das Publikum mag Fakten, hasst aber Statistiken.
Niemand ist gern ein Algorithmus – das ist eine tiefe Kränkung. Aber Baukastenargumente sind natürlich etwas ganz Anderes.
An einem einfachen Beispiel der stereotypen Baukasten-Diskussion sei genannt, wie der Dreh funktioniert.
Nennen wir den einen netten Typen Jakob, der mit Fakten argumentiert. Und den nicht ganz so netten Thilo, der mit Statistiken operiert.
Jakob: „Was Sie machen, ist gefährlich. Es stimmt einfach nicht, was Sie da sagen.“
Thilo: „Welche meiner Zahlen wollen Sie widerlegen?“
Jakob: „Sie kommen mit angeblichen Statistiken, aber was Sie eigentlich machen, ist, dass Sie die Tür für Rassisten öffnen, die durch Sie ein Alibi haben. Das ist gefährlich.“
Thilo: „Welche Statistiken meinen Sie, widerlegen zu können?“
Jakob: „Darauf lasse ich mich nicht ein, auf Ihre angeblichen Zahlen“.
Thilo: „Das hat wohl seinen Grund.“

Na, merken Sie es? Fakten und Statistiken sind zweierlei. Fakten sind nämlich menschlich, haben einen Gefahrendetektor, bald wird es sogar eine Fakten-Behörde geben, #relevant. Statistiken sind hingegen unmenschlich unsensibel, #gehtgarnicht.

Fakultativ (für Ambitionierte): Lektion 7 – Bauen Sie Rechtfertigungsdruck auf

Jetzt nehmen wir mal an, Sie haben politische Ambitionen, wollen wieder zurück in die große Politik, wo Sie nicht mehr sind. Ihnen fehlt das Rampenlicht. Bringen Sie sich ins Spiel, indem Sie Begriffe kapern, die menschenverachtend sind.
Nafri ist so ein Begriff. Er ist noch viel böser als eine Statistik. Haben also Nafris etwas Schlimmes getan, was statistisch greifbar ist, greift Lektion 1 (#Einzelfall), aber dann kommt gleich ein Wendemanöver, wie beim geübten Segler.
Nafri als Abkürzung geht gar nicht. Setzen Sie also Polizisten oder andere Ihnen irgendwie unliebsame Ordnungshüter unter Druck, indem Sie ihnen Menschenverachtung unterstellen. Seien Sie ein Pirat, die können Wendemanöver besonders gut.
Wenn also die Polizei ungeschickt ist, weil sie mehr mit Arbeit als mit Pressemitteilungen zu tun hat, umso besser. Bringen Sie sie in die Defensive. Rudert Ihr Gegner zurück, kommen Sie damit in die Schlagzeilen und argumentativ in die Offensive.
Es spricht 2 Tage später niemand mehr über eine geglückte Polizeiaktion, statistisch belegbar mit dem Rückgang von Übergriffen von 97% gegenüber dem Vorjahr, sondern nur noch über das hässliche Wort, das rhetorisch wenig geübte Ordnungshüter verwenden und natürlich spricht man über Sie, #zurückinsrampenlicht.
Am besten prangern Sie die Wortwahl genau dann an, wenn kurz danach das Unwort des Jahres gekürt wird. Die „Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres“ wird Ihnen bestimmt zur Seite springen, #Wortpolizei. Dann erhalten Sie ein Denkmal, ohne etwas getan zu haben. Vielmehr haben Sie die erfolgreiche Polizeiaktion in Misskredit gebracht, indem Ihr Gegner seine gute Tat selbst durch Zurückrudern reflexartig entwertet hatte. Das ist rhetorische Finesse für Fortgeschrittene.

Quintessenz: Die Baukastenidee hat bei Möbeln, Autos, Partnersuche und in der schlechten Herrenmode obsiegt. Es wurde nun auch wirklich Zeit, dass dieses Prinzip bei Diskussionen Anwendung fand.
So argumentieren also nicht mehr Individuen mit Argumenten in Diskursen, sondern Aggregate mit Versatzstücken in Sprech-Fabrikhallen. #Berechenbarundmerktesnicht

1 Kommentar

  1. Mein erster Gedanke war, hier als Kommentar „Was für ein Schwachsinn“ zu hinterlassen. Da ich damit aber genau unter Ihren Vorwurf fallen würde, inhaltslos zu argumentieren, fühle ich mich bemüßigt, meine Ablehnung genauer zu erklären.
    Gehen wir also einmal die einzelnen Punkte chronologisch durch:

    1) Nach Terroranschlägen keine voreiligen Schlüsse ziehen. Ich denke, wir sind uns einig, dass es keinen Sinn ergibt, Personen(gruppen) zu verurteilen, bevor Ermittlungsbehörden Täter*innen ermittelt haben, oder? Da es aber in letzter Zeit reichlich Personen gibt, die schon Personengruppen im Voraus verurteilen (wie beispielsweise Marcus Pretzell von der Afd), scheint es wohl notwendig zu sein, auf solche banalen Grundsätze hinzuweisen und Errungenschaften des Rechtsstaats wie die Unschuldsvermutung zu beachten. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, auf die ich gerne verzichten können würde.

    2) Stimmt. In einer digitalen Zeit werden hashtags verwendet. Wir können trotzdem in mehr als 140 Zeichen diskutieren, siehe dieser Artikel.

    3) Dumme dumm nennen bringt nichts. Wenn ein*e Diskussionspartner*in sich aber konsequent weigert, Fakten anzuerkennen, alle Medienberichte prinzipiell als „Lügenpresse“ diffamiert und ein Dreieck im Hintergrund als Beweis der großen Illuminati-Weltverschwörung gegen das deutsche Volk betrachtet, ist es wohl manchmal ein Ventil, um Frust über eine nicht mögliche Diskussion abzulassen.

    4) Ja, das sind Allgemeinsätze, die nicht themenspezifisch sind und alleine nichts aussagen. Deshalb würde ein*e gute*r Diskussionspartner*in in dem Moment nachfragen, welcher große Zusammenhang denn gemeint. Und spätestens in einem zweiten Satz, so denn man denn anderen diese Möglichkeit zugesteht, könnte dann eine Erklärung folgen wie: „Wenn wir die Fleischproduktion deutscher Agrarindustrie weiter subventionieren, mag das für diese deutschen Konzerne gut sein, wenn sie dann den Produktionsüberschuss aus dem Inland zu Billigpreisen in afrikanische Staaten exportieren und die dortige bäuerliche Fleischproduktion zerstören, sorgt das im großen Zusammenhang für höhere Flüchtlingszahlen in Deutschland.“ Auch solche Allgemeinsätze haben also durchaus eine Berechtigung, wenn sie denn durch belegbare Inhalte gestützt werden.

    5) Das Menschlichkeit kein Argument sein soll, erschreckt mich. Zu sagen „Die Würde des Menschen ist unantastbar und das rechtfertigt die Ausgaben für die Flüchtlingsunterbringung“, halte ich für ein legitimes Argument.

    6) Statistiken diffamieren ist sinnlos. Die verwendete Methodik zur Erstellung von Statistiken zu erfragen und ggf. zu kritisieren, kann aber angemessen sein. Ein Beispiel: Der Vergleich der Kriminalitätsraten von Inländer*innen und Ausländer*innen. In Deutschland beispielsweise gibt es eine Vielzahl von Delikten, die rein rechtlich nur von Ausländer*innen begangen werden kann. Dazu zählt zum Beispiel der illegale Grenzübertritt. Da dieser von so gut wie allen Flüchtlingen begangen worden ist, sind also je nach Statistik 100% der Flüchtlinge kriminell. Das mag zwar statistisch stimmen, bringt eine*n in einer Diskussion aber nicht wirklich weiter.

    7) Und zum Schluss der Rechtfertigungsdruck am Beispiel der Polizeiaktionen zu Sylvester in Köln. Der Autor beschwert sich darüber, dass der Polizeieinsatz kritisiert wird, wo er doch Übergriffe verhindert hat. Dass Übergriffe verhindert werden sollen, sehen wir glaube ich alle gleich. Doch das dabei nicht jedes Mittel recht ist und rechtsstaatliche Grundsätze einzuhalten sind, ist meiner Meinung nach eine legitime Kritik. Um das deutlich zu machen, ist vielleicht ein extremeres Beispiel notwendig: Wenn die Polizei alle Bürger*innen umbringt, können die Übergriffe sogar um 100% reduziert werden. Das, was wir uns alle wünschen, ist erreicht. Und doch war das Mittel keinesfalls gerechtfertigt, den Erfolg eines Polizeieinsatzes nur an einer Zahl festzumachen halte ich also für schwierig. Und auch wenn in dem Fall Bürger*innen mit fremdländischen Aussehen nicht umgebracht, sondern „nur“ ohne persönlichen Verdacht eingekesselt worden sind: Ich halte das Mittel noch immer für ungerecht (hier wäre jetzt ein vereinfachender Hashtag #diewürdedesmenschenistunantastbar angebracht).

    So sehr ich also Ihre Kritik an manchen hohlen Phrasen oder reflexhafter Verteidigung nachvollziehen kann, halte ich viele der von Ihnen gewählten eher linken Argumentationsmuster für gerechtfertigt und eben nicht inhaltslos. Das heißt nicht, dass man diesen Argumenten zustimmen muss, aber zumindest ernst nehmen sollte man sie. Denn ja, es ist ein erwartbares sich wiederholendes Muster, dass Grüne und Linke beispielsweise bei diskriminierenden polizeilichen Maßnahmen als erstes gegen die Polizei aussprechen. Schaut man sich deren Vorgehen an, scheint dies auch notwendig zu sein.
    Ich hoffe also mal, dass Sie mit diesen linken Argumenten etwas anfangen konnten.

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