Antinatalismus und letzte Menschen in der Literatur – Erinnerung an einen vergessenen Roman Karl Ettlingers (1882-1939)

Inhalt:
1. Karl Ettlingers letzte Menschen
2. Antinatalismus bei Arno Schmidt
3. Guido Morsellis nichtkatastrophale Aufhebung der Menschheit
4. Herbert Rosendorfers Entwurf einer Soloexistenz
5. Anhang. Thomas Glavinic, Die Arbeit der Nacht
Wenn wir aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen dürfen, ist die Fortexistenz von Menschen auf diesem Planeten nur um den Preis unausdenkbaren Leids denkbar. Ist die Hervorbringung von Nachkommen in Anbetracht dessen zu rechtfertigen? Diese Frage fällt in den Bereich der Philosophie, wo sie jüngst eingehend behandelt wurde (vgl. Akerma 1995, 2000, Benatar 2006). Nicht selten jedoch werden philosophische Fragen zuerst in der Literatur virulent. Ein hier zu würdigender und in den Kontext desThemas „letzte Menschen“ zu stellender Roman, der das Gebot der Nachkommenlosigkeit in Anbetracht unvermeidbaren künftigen Leids philosophisch auslotet, ist DER ERSCHOSSENE STORCH von Karl Ettlinger, dem Journalisten, Autor und Kabarettisten, dessen Karlchenabende seinerzeit überaus beliebt waren.
„Kein Mensch von uns allen will vollkommen allein auf der Erde sein. Niemand will der Einzige sein – und um sich, unter sich, neben sich die Kugel leer von Menschen.“ So schreibt Ludwig Rubiner in DER KAMPF MIT DEM ENGEL (Rubiner, S. 159) Kein Mensch möchte der letzte seiner Art sein. Gleichwohl sind die letzten unserer Art immer wieder vorgekommen – in der Literatur. Beispielsweise in einem Roman Mary Shelleys, die nicht nur Autorin eines Romans über den ersten menschengeschaffenen Menschen ist, sondern mit THE LAST MAN überdies Verfasserin eines Buches, in dessen Verlauf im Zuge einer weltumspannenden Seuche nur mehr einer verbleibt (für Näheres zum literarischen Topos des letzten Menschen vgl. Fiona Stafford, The last of the race, Clarendon Press, Oxford 1994). Ähnlich wie der Kunstmensch des Dr. Frankenstein in Shelleys Prometheus-Roman, ist auch der von ihr gestaltete letzte Mensch auf der Suche nach einem Kameraden und hat diesbezügliche Hoffnungen nicht aufgegeben (vgl. Shelley, S. 374). Dennoch lassen wir ihn am Ende des Romans nicht im Zustand abgrundtiefer Verzweiflung allein mit sich selbst, sondern in demjenigen heiterer Gelassenheit. Leser dieses Romans werden Zeugen einer erschütterten Gewissheit göttlich verbürgter oder doch zumindest regulierter Fortexistenz von Menschen auf der Erde. Wobei Gottes Handhabe die Apokalypse war. Bei Shelley ist es nicht mehr Gott, der ein Ende herbeiführte und noch nicht der apokalypsemächtige Mensch, sondern vorerst die unbeherrschbare Natur als hereinbrechende Krankheit. Auch wenn vordergründig niemand der letzte sein möchte, hat nach Mary Shelley eine Reihe von Schriftstellern ausgelotet, wie es ist und wie die Welt sich darstellt, wenn nur noch einer übrig ist. Nachstehende Ausführungen demonstrieren anhand weniger literarischer Beispiele, dass die antizipierte Verfassung der letzten unserer Art nicht unbedingt diejenige unversöhnlicher Verzweiflung ist und wie das Verebben der Menschheit literarisch als Spielart und Eintritt in einen ewigen Frieden entworfen wird.
Inzwischen hat sogar die Beschreibung der Welt nach dem Verschwinden des allerletzten Menschen ihren Autor gefunden. Da es in dieser Welt keine handelnden Personen mehr gibt, lässt sich hierüber kein Roman schreiben. Eine Beschreibung der posthumanen Welt konnte nur als Sachbuch vorgelegt werden. Sein Autor ist Alan Weisman, der Titel seines 2007 erschienen Buches lautet THE WORLD WITHOUT US. In dieser Arbeit können wir zu unseren Lebzeiten nachlesen, wie von Menschen hinterlassene Artefakte von der Natur rekolonisiert (vgl. Zizek, Living in the end times, London-New York 2010, S. 80) werden. Wobei der Autor die Frage aufwirft und offenlässt, ob die Welt ohne uns statt einen Seufzer der Erleichterung auszustoßen, uns nicht vielmehr vermissen würde.

1. Karl Ettlingers letzte Menschen
Bevor die Welt ohne uns auskommen muss und bevor der letzte Mensch sich Gedanken darüber machen kann, ob er wohl wirklich der letzte sei, wird es auf der Welt die letzten Menschen geben. Ihre letzten Tage sind Gegenstand des Romans DER ERSCHOSSENE STORCH (1931) von Karl Ettlinger. Um das dystopische Gewicht von Ettlingers Roman DER ERSCHOSSENE STORCH fassen zu können, halte man ihn gegen Edward Bellamys 1887 veröffentlichte Utopie EIN RÜCKBLICK AUS DEM JAHR 2000 AUF DAS JAHR 1887. Unterschiedlicher kann ein Erwachen nicht sein. In Bellamys Utopie erwacht der US-amerikanische Protagonist nach gut 100-jährigem Schlaf, um eine durchsozialisierte und durchtechnisierte, zum Guten gewandelte Welt vorzufinden. Ettlinger hingegen lässt seinen Helden, Dr. Jung, nach einem 5000 Jahre währenden Schlaf in einer Welt aufwachen, in der nach dem letzten großen – mit Giftgas geführten – Krieg nur mehr ein kleiner Menschenrest sein Dasein fristet. Das heißt: In Karl Ettlingers Vision fristen die letzten Menschen ihr Dasein gerade nicht. Sie genießen es im aufgesetzten Stile spätrömischer Dekadenz. Daher auch die Gepflogenheit, sich römische Vornamen zu geben. Dr. Jung fällt 5000 Jahre in der Zukunft der Name „Brutus“ zu. Die letzten Menschen genießen ihr Dasein – und sie tun dies, ohne die leidende Kreatur zu vergessen. Der Menschheitsrest isst vegetarisch. Tiere werden nicht mehr geschlachtet und das Gebot der Nachkommenlosigkeitauf alle Lebewesen ausgedehnt: „Auch die Tiere sollen unfruchtbar sein…“ (Ettlinger, S. 123)
Da Sexualität und Fortpflanzung in Ettlingers prophetischem Roman auseinandergetreten sind, verzichten die letzten Menschen gleichwohl nicht auf fleischliche Genüsse. Ebenso wenig wie manche der vor Jahrhunderten vegetarisch lebenden Katharer, die gleichfalls die Nachkommenlosigkeit predigten. Unter Rückgriff auf eine hochentwickelte Technik sowie auf die in den vergangenen Jahrtausenden angesammelten kulturellen Errungenschaften führen die letzten Menschen in Ettlingers Roman ein Leben, das so angenehm ist wie dasjenige, das der südafrikanische Philosoph David Benatar in seinem Buch BETTER NEVER TO HAVE BEEN für die freiwillig aussterbende Menschheit voraussieht: „Wir sind in der Lage von Erben, deren Erbteil so unermesslich ist, dass es aller Verschwendung trotzt.“ (Ettlinger, S. 38)
Der Held des Storchenromans, Dr. Jung alias Brutus, wird in eine von einem Menschheitsrest bewohnte Welt hineinerweckt, da im großen Krieg vor 30 Jahren fast alle ums Leben gekommen waren. Seit 20 Jahren wurde kein Kind mehr geboren (vgl. S. 34). Die letzten Menschen folgen einer Einsicht, die auf ihren geistigen Führer zurückgeht, den großen Cassius. Dieser hatte nach der großen Katastrophe die versprengten Häuflein um sich geschart und ihnen in Ansehung der furchtbaren menschlichen Vergangenheit aus Krieg und Vernichtung das Gelübde abgenommen, sich künftiger Fortpflanzung zu enthalten.
Mag man sich über den literarischen Wert von Ettlingers DER ERSCHOSSENE STORCH streiten können, so ist die philosophische Tiefe schwerlich in Abrede zu stellen. Ettlinger gestaltet große Philosophie, indem er den Romanhelden Dr. Jung alias Brutus als „Staatsanwalt des Menschengeschlechts“ auftreten und gegen die „Ermordung der Menschheit“ argumentieren lässt (S. 111). Was als „Ermordung“ angeprangert wird, ist jedoch in Wahrheit ein kultiviertes Aussterben. Als der große Cassius nach dem Krieg die Stadt wiederaufbauen lässt, wird er gefragt, wozu der Aufbau tauge. Seine Antwort: „Weil wir fröhlich sterben wollen, nicht verzweifelt; wie Könige, nicht wie Bettler; im Prunkgemach, nicht in der Kotpfütze!“ (S. 91) Cassius und seine Mitmenschen haben eingesehen, dass eine Perpetuierung der Menschheit – das Wagnis eines „Neuanfangs“ – doch immer wieder zu Krieg und Leid führen würde. Als Dr. Jung in einer Unterredung mit Cassius der Hoffnung Ausdruck verleiht, „dass irgendwo auf dieser Erde noch Menschen leben, denen Euer selbstmörderisches Gesetz unbekannt ist“, antwortet dieser: „Wenn Du es Hoffnung nennen willst, dass irgendwo Menschen neue Kräfte sammeln, um sich eines Tages noch blutiger zu zerfleischen, so sei sie Dir gegönnt!“ (S. 35)
Karl Marx schrieb: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks. (…) Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.“ (MEW Bd. 1, S. 378f). In Ettlingers Zukunftsroman wird es ein künftiges Jammertal nicht mehr geben, haben Religion und Gott ihren Dienst getan. Die Menschen der Zukunft benötigen den Trost nicht mehr, den einst die Idee eines Schöpfers spendete. Der große Krieg, so erfahren wir, habe „Gott mitten ins Herz getroffen“ (S. 93) In einer genialen Wendung sagt Dr. Jung über Cassius: „Er hat dem Glauben an einen Gott, der den ersten Menschen schuf, den Todesstoß versetzt, um als neuer Gott den letzten Menschen schaffen zu können!“ (S. 97) Doch zum letzten Menschen dringt Ettlinger in seinem Roman nicht vor. Dabei sind die Argumente gegen die Hervorbringung neuer Menschen, die der Autor dem großen Cassius in den Mund zu legen weiß, überwältigend. Auch für Dr. Jung, den Staatsanwalt der Menschheit, sind diese Argumente so überzeugend, dass er sie als „Giftgas der Logik“ (S. 97) anprangert. Das die Nachkommenlosigkeit fordernde Giftgas der Logik sei schlimmer als der letzte große, mit Giftgas geführte, Krieg.
Ettlinger, der 1916 als Soldat an der Westfront im teils mit Giftgasen geführten Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden war, lässt seinen Cassius sagen:
„… wollt Ihr Kinder in die Welt setzen, damit in der Blüte des Lebens ihre Leiber in Fetzen gerissen, ihre Augen von Gasen geblendet, ihre Glieder von Geschossen zerschmettert werden? Fraget die Mütter, deren Söhne in unvorstellbaren Qualen verendeten, fraget die Witwen, deren Gatten als zuckende, eiternde Wundenklumpen den erlösenden Tod herbeiheulten, fraget sie, ob sie zu gleichem Ende die Schmerzen des Gebärens auf sich nehmen wollen?
‚Nie wieder Krieg’, agitierten die Sanftmütigen nach jedem Blutbade, um es vor jedem Blutbade zu verleugnen. Halbheit der Parole! ‚Nie wieder Kinder!’ dies müsst Ihr geloben, wollt Ihr den ewigen Frieden!’
Er pries Ihnen das ungefährdete Glück einer im Überfluss aussterbenden Menschheit, er versprach ihnen das Paradies und malte als Gegenbild die Hölle, in die eine sich mehrende Menschheit unentrinnbar taumeln müsse.
An diesem Festtage gelobte die Stadt einstimmig Unfruchtbarkeit.“ (S. 96)

Geradezu prophetische Worte legt Ettlinger seinem Cassius in den Mund, indem er ihn den Umstand erwähnen lässt, dass zwar die Mehrheit aller Menschen den Frieden und Friedfertigkeit wolle, aber stets einer unter Tausend geboren werde, der die anderen mit sich ins Verderben ziehe. Cassius befindet, „dass unter tausend Sterblichen neunhundertneunundneunzig als oberstes Gebot anerkannten: ‚Du sollst nicht töten!’ und danach lebten. Wie es kam, dass sich, soweit Geschichtsforschung zurückreicht, immer wieder neunhundertneunundneunzig dem Wahnsinn des Tausendsten unterwarfen, ich weiß es nicht, doch es mag wohl ein Naturgebot sein.“ (S. 85) Solange geschichtliche Überlieferung zurückreicht, gab es von der Mehrheit ungewünschte Kriege, was für die Zukunft nichts Gutes ahnen lässt. Daher richtet Cassius folgende Worte an die ihn umgebenden letzten Menschen:
„‚Wollt Ihr Wiederholung der Greuel? In noch furchtbareren Maßen?’
‚Nie!’ tobten sie.
‚Dann höret auf, Euch zu vermehren! Jedes Kind, das Ihr dem Lichte schenkt, kann der Tausendste sein…’“ (S. 95)
Als DER ERSCHOSSENE STORCH im Jahr 1930 erschien (1939 erteilten die Nazis Ettlinger Schreibverbot), war dieser Tausendste bereits dabei, sich seine Gefolgschaft zu sichern. In seinem Buch MEIN KAMPF findet sich als basaler Grund für Hitlers Ziel der Judenvernichtung seine Überzeugung, die Menschheit werde aussterben und die Erde dereinst menschenleer um die Sonne kreisen, wenn man die Juden nicht vernichte (für Näheres vgl. Akerma, Fortbestand durch Vernichtung. Das Kernmotiv für Hitlers Ziel der Judenvernichtung; URL: http://www.philosophieren.de/archiv/seinsollen.pdf).
Nachdem Ettlinger dem Leser eine Reihe starker Gründe vor Augen geführt hat, die gegen die Hervorbringung neuer Menschen sprechen, schreibt er eine erstaunliche Kehrtwende herbei und lässt die Ebenen des Naturhaften und Seelischen – verkörpert in der Frau – obsiegen: „Die Natur selbst ist es, die ihren Befreiungschor anstimmt! Und wie immer spricht sie aus Weibes Mund!“ (S. 199) Ähnlich wie in P. D. James’ 1992 erschienenem Roman über eine unfreiwillig unfruchtbar gewordene Menschheit, THE CHILDREN OF MEN, wird letztlich doch wieder ein Kind geboren. Obgleich der praktizierten Nachkommenlosigkeit ein selbstgegebenes Gesetz (S. 17) zugrundeliegt, keine obrigkeitliche Bestimmung, bringt Ettlinger gegen die Logik das ins Spiel, was die biologische Bestimmung der Frau zu nennen wäre. Dr. Jung ruft aus: „Es ist ja nicht wahr, dass Ihr dem Gebote des großen Cassius freiwillig folgt, dass Ihr das große Aussterben herbeisehnt!“ (S. 81) Er spricht von der „Vollendung im Muttertum“ (S. 81) und äußert: „Mütter seid Ihr, ob Ihr auch nie ein Kind gebäret!“ (S. 73)
In seinem philosophischen Roman sammelt Ettlinger gewichtige Argumente gegen die Perpetuierung der Menschheit und lässt am Ende doch Seelisches, Schicksal und Natur obsiegen. Er bringt die Natur in einer an Hans Jonas gemahnenden Weise in Stellung, der ein Gebot zur Fortzeugung zu entnehmen sei. Gegen Cassius, der das Verebben der Menschheit anstrebt und den letzten Menschen mittels seiner Gelehrsamkeit ein unbeschwertes, unkriegerisches Dasein beschert hat, lässt er Dr. Jung einwenden: „… aber all dies Wissen dient ihm nur als geballte Faust, der Natur mitten ins Antlitz zu schlagen! (S. 100) Wie später in Jonas’ PRINZIP VERANTWORTUNG, gibt es einen Ruf des Seins, ein Gebot der Natur zum Dasein, welches der Mensch zu vernehmen und umzusetzen habe: „Wie kann Lebensverneinung Weisheit sein, da das erste aller Naturgebote Leben heißt? Nach Leben giert, was die Erde trägt, vom Menschen, der alle Schätze hingäbe, sein Leben nur eine Sekunde zu verlängern… Leben, leben, ist aller Sehnsüchte Sehnsucht, ist der Schrei, den der große Pan aus dem Munde selbst des Sandkornes vernimmt!“ (S. 114. Man vergleiche hierzu Arthur Schnitzlers Erzählung UM EINE STUNDE, in der der Protagonist den Engel des Todes immer wieder um eine Stunde Aufschub bittet, erst für seine Lebensgefährtin, dann für sich selbst.)
An dieser Stelle zeichnet sich indes ab, dass Ettlinger selbst nicht unbedingt auf Seiten von Seele, Schicksal und Natur steht, die er seinen Dr. Jung beredt verteidigen lässt. Denn die Äußerungen seines Cassius sind mindestens ebenso reflektiert wie die von Brutus alias Dr. Jung: „Weshalb plapperst Du das Märchen nach, der Natur oberstes Gebot heiße Leben? Gegenseitige Vernichtung heißt es! Was auf dieser Erde lebt, lebt auf Kosten anderer Erdbewohner.“ (S. 114) Dem Menschen als Kulturwesen komme es jedoch zu, kultiviert aus der naturwüchsig gegebenen gegenseitigen Vernichtung herauszutreten, was nur die Selbstaufhebung der Menschheit mittels freiwilliger nataler Enthaltsamkeit bedeuten kann. Cassius: „Nenne mir ein einzig Gebilde auf Erden, das nicht von Vernichtung zehrt, und ich will umlernen! Vernichtung ist das oberste Gesetz, und es ist aller Lebewesen würdig, – nur des Menschen nicht! Drum muss er aussterben und beweisen, dass Mensch sein mehr war als Raubtier sein!“ (S. 115) Während Oswald Spengler den Menschen als ewiges Raubtier denkt, ist Ettlinger zum Gedanken kultürlicher Selbstaufhebung vorgedrungen. Er entwickelt den philosophischen Gedanken, dass der Mensch von Natur aus auf nichts festgelegt ist, nicht einmal auf sein Dasein!
Gegen ein vermeintliches Gebot zur Fortpflanzung präsentiert Ettlinger zwei hauptsächliche Argumente. Zum einen die Extrapolation aus der Vergangenheit in die Zukunft: Soweit geschichtliche Überlieferung zurückreicht, waren Menschen Menschen Feinde. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass sich dies in Zukunft ändern könnte. Ettlingers zweites Hauptargument attackiert die Rede vom Elternglück:
„Ich habe gesagt, durch das Kind sei alles Unheil in die Welt gekommen, und ich schulde Dir den Beweis. Schenkte Elternglück Güte, wie gut hätte die Menschheit sein müssen! Doch Elternglück ist kurzer Rausch, es bleibt der lebenslängliche Katzenjammer: Elternsorge! Und Elternsorge verdirbt, erniedrigt, macht schlecht und – wie Du es zu nennen beliebtest – gewissenlos. Hat doch der Mensch nur einen einzigen Magen, nur ein geringes Maß Genussfähigkeit, und im Sarg ist nicht Platz für einen Geldschrank. Doch er hat Kinder, die er höher, reicher, mächtiger sehen will, und so rafft er und wuchert, geht krumme Wege, vergisst die Nächstenliebe über die Allernächstenliebe, und brüstet sich noch seiner Fürsorglichkeit.“ (S. 117)
Auch dieses Argument ist zu stark, als dass man es nur einem advocatus diaboli in den Mund legen würde. Mit einiger Wahrscheinlichkeit kommt hier Ettlingers eigene Überzeugung zum Tragen, wie auch in der paradoxen Sophokleischen Wendung vom Besser-Niegeborensein: „Ich bin der Kinder ehrlichster Freund, ich erweise ihnen die größte Wohltat: nicht geboren zu werden.“ (S. 118) Paradox ist diese Wendung, da man „jemandem“, der nicht existiert, keine Wohltaten erweisen kann. Wie man auch „jemandem“, der nicht existiert, nicht schadet, indem man „ihn“ hervorbringt. – Was den Philosophen David Benatar nicht davor bewahrte, unter dem Titel BETTER NEVER TO HAVE BEEN (Besser nie gewesen) ein Buch über den Schaden zu schreiben, den wir ihm zufolge erleiden, indem wir ins Leben gerufen werden. Aber es ist eben noch niemand da, der einen Schaden erleiden könnte. Soll man einen Schaden erfahren, muss man zuallererst existieren.
In Ettlingers Roman kommt es nicht zum Verebben der Menschheit und damit auch nicht zur Existenz des letzten Menschen. Stattdessen: „Zum reißenden Strome wird die Menschheit wieder anschwellen, befruchtend das weite Land, doch auch in sinnloser Überschwemmung zerstörend, Schrecken zeugend! Welle wird Welle verdrängen, – Kampf wird wieder Kampf! So braust der Strom durch die Jahrtausende, – niemand kennt seine Mündung.“ (S. 210)
Folgen wir noch einmal der antinatalistischen Utopie, die gegen Seelisches und Urmuttertum verloren hat, so müssen wir uns den letzten Menschen als einen glücklichen seiner Art vorstellen: „Wer auch immer der letzte Überlebende sein mag, sein Sterbewort wird Dank sein für den großen Cassius!“ (97) Da es bei Ettlinger mit der Menschheit gegen alle Vernunft und in Ansehung einer blutigen Zukunft weitergeht, fallen in seinem Roman keine Sterbeworte eines letzten Verbliebenen. Bevor wir uns dem allerletzten Menschen zuwenden, wie er uns in den Romanen Morsellis und Rosendorfers begegnet, gilt es, eine Erzählung über einen letzten Menschen in Erinnerung zu rufen, der schließlich feststellte, doch nicht ganz allein zu sein: Arno Schmidts SCHWARZE SPIEGEL (1951). Auch in dieser Erzählung findet sich antinatalistisches Gedankengut. Anders als Ettlinger jedoch, wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, lässt Schmidt seine Erzählung nicht in ein abermaliges Anschwellen des Menschenstromes münden.

2. Antinatalismus bei Arno Schmidt
Gedankliche Vorarbeit zu Schwarze Spiegel leistet Schmidt in seinem Erstling LEVIATHAN (1949), der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs spielt. In diesem Text sucht er dem Seinsollen von Menschen nachhaltig den göttlichen Grund zu entziehen. Was zunächst in der Frage zum Ausdruck kommt: „Haben diese Leute denn nie daran gedacht, dass Gott der Schuldige sein könnte?“ (LEVIATHAN, S. 22. Siehe ähnlich SCHWARZE SPIEGEL, S. 119) Der Gottesankläger Schmidt scheint den theologischen Leitsatz unserer Gottesebenbildlichkeit durchaus ernst zu nehmen, wenn er von uns auf Gott schließt, der ihm, in gnostischer Manier, ein böser Demiurg, kein Geringerer als Satan, scheint: „Um das Wesen des besagten Dämons zu beurteilen, müssen wir uns außer uns und in uns umsehen. Wir selbst sind ja ein Teil von ihm: was muss also Er erst für ein Satan sein?! […] Diese Welt ist etwas, das besser nicht wäre; wer anders sagt, der lügt!“ (LEVIATHAN, S. 29) Was im Leviathan über die Welt im Ganzen ausgesagt wird, gilt für die Menschheit im Besonderen, auch sie wäre besser nicht: „Ich würde begrüßen, wenn die Menschheit zu Ende käme; ich habe die begründete Hoffnung, dass sie sich in – na – in 500 bis 800 Jahren restlos vernichtet haben werden; und es wird gut sein.“ (LEVIATHAN, S. 25). – Ein Gedanke, den später Ulrich Horstmann in seinem UNTIER ausführen wird. In SCHWARZE SPIEGEL ist dieses Ziel lange vor der im LEVIATHAN erhofften Zeit fast erreicht. Nach einem vernichtenden Krieg findet der Protagonist sich, soweit seine Anschauung reicht, allein auf der Welt vor. In scharfem Widerspruch zu Rubiners eingangs zitiertem Diktum („Niemand will der Einzige sein“) ist es ihm durchaus recht, in menschenleerer Welt zu leben: „Seit fünf Jahren hatte ich keinen Menschen mehr gesehen, und war nicht böse darüber.“ (SPIEGEL, S. 47). „Und ich war erst Anfang Vierzig; wenn Alles gut ging (?) konnte ich noch lange über die menschenleere Erde schweifen: ich brauchte Niemanden!“ (a.a.O., S. 60) Ganz sicher ist sich der vermeintlich letzte seiner Art dann doch nicht: „Ob außer mir überhaupt noch jemand übrig war? Wohl kaum; vielleicht irgendwo auf den Südzipfeln der Kontinente, die vermutlich noch am wenigsten abgekriegt hatten.“ (a.a.O., S. 76f; vgl. S. 90) „Und wenn ich erst weg bin, wird der letzte Schandfleck verschwunden sein: das Experiment Mensch, das stinkige, hat aufgehört!“ (a.a.O., S. 82) Nicht ins Konzept passt dann freilich die Überlegung, falls es noch Kleinstgruppen von Menschen gebe, „könne sich ja eventuell eine Wiederbevölkerung der Erde anbahnen“ (S. 115), aber diese würde dann hoffentlich 1000 Jahre dauern, so der Ich-Erzähler. Passend hierzu trägt Schmidt im LEVIATHAN eine Spekulation vor, wonach unser Leviathan nicht der einzige seiner Art sein muss (vgl. a.a.O. S. 30). Was bedeutete, dass das Menschenexperiment nur auf Erden mit dem letzten Menschen enden würde. Es mag andere weltenschaffende Wesen geben, darunter auch gute, die andere Planeten mit Wesen bevölkert haben. Letztlich findet der anthropofugale Ich-Erzähler in SCHWARZE SPIEGEL heraus, dass er nicht der letzte auf Erden wandelnde Mensch ist. Gleichsam in Fortsetzung des letzten großen Krieges, dem scheinbar alle Menschen bis auf ihn zum Opfer gefallen waren, wird auf ihn geschossen.
Die sich beinahe den Status der Einzig-Artigkeit erschießende Person ist eine Frau, die in die Ukraine verschleppt worden war und sich auf den langen Weg nach Norddeutschland gemacht hatte. Der Erzähler schildert ihr seine Vermutung, wonach, „getrennt durch sehr große Räume, hier und da noch ein paar Einzelindividuen nomadisieren.“ (a.a.O., S. 115) Eine Wiederbevölkerung der Erde, ausgehend von den kleinen Menschheitsinseln erfüllt den Mutmaßenden mit Schaudern: „Rufen Sie sich doch das Bild der Menschheit zurück! Kultur!?: ein Kulturträger war jeder Tausendste; ein Kulturerzeuger jeder Hunderttausendste! […] Boxen, Fußball, Toto: da rannten die Beine! – In Waffen ganz groß!“ (Ebd.)
Das unvermutete Auftauchen der Frau in vermeintlich menschenleerer Welt lässt den Leser sofort Kurs auf einen Schluss der Erzählung nehmen, in dem sich die Welt wie bei Ettlinger abermals bevölkert (dem von Schmidts Verleger, Ledig-Rowohlt, geäußerten Wunsch nach einem Ende mit Fortpflanzung, erteilte der Autor einen abschlägigen Bescheid, vgl. Schossboeck, S. 114f). Doch dem ist nicht so. Zum einen erwähnt Schmidt en passant das „kurze Grauhaar“ (a.a.O., S. 108) seiner Figur Lisa, vielleicht um Fortpflanzungsunfähigkeit zu signalisieren. Bedeutsamer ist indes, dass Lisa nach drei Weltkriegen keine Gesellschaft mehr erträgt. Während in Ettlingers Roman die „Natur der Frau“ stets aufs Neue in nicht unterdrückbarem Kinderwunsch sich Bahn bricht, ist bei Schmidt die „Natur“ der letzten dem Ich-Erzähler bekanntgewordenen Frau ganz auf Freiheit oder Unabhängigkeit gerichtet. „’Ich bin verrückt!’ stellte sie stöhnend fest: ‚Aber kein Mensch kann für seine Natur. Entwurzelt durch 3 Kriege…’“ (a.a.O. S. 149) Der Erzähler ist wieder mit sich allein. In SCHWARZE SPIEGEL erscheint die letzte Frau als Kulturwesen, dass sich von einer Natur, die ihr in Ettlingers Roman noch anhaftet, emanzipiert hat.

3. Guido Morsellis nichtkatastrophale Aufhebung der Menschheit
Jahrzehnte nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg haben wir es bei Guido Morselli mit einem Autor zu tun, in dessen Werk die Menschheit nicht – wie bei Ettlinger und Schmidt der Fall – infolge eines Krieges bis auf wenige Exemplare verschwunden ist. Mit seiner Dissipatio humani generis oder Die Einsamkeit – einem ausgesprochen physiozentrischen Versuch über die Befreiung – eröffnet Morselli eine Reihe von Romanen, in denen (wie später bei Rosendorfer und Glavinic der Fall) der Protagonist erwacht , um festzustellen, dass alle anderen Menschen verschwunden sind. Da keine Leichen herumliegen, bringt Morsellis Protagonist die Idee einer Sublation, einer Aufhebung aller Menschen im Sinne einer Angelisierung ins Spiel.
An einer Stelle des Buches (vgl. S. 83) erläutert uns der Protagonist die Herkunft des Titels Dissipatio humani generis folgendermaßen: Es sei dies schon der Titel einer Schrift von Iamblichos. Im späten Latein bedeute „dissipatio“ Verdunstung oder Zerstäubung. Die hier in den Blick geratene Aufhebung der Menschheit sei also nicht katastrophal zu denken: „keine Sintflut, kein Holocaust ‚solvens saeclum in favilla’ etwa wie heute eine Atomkatastrophe.“ (S. 83) Statt einer Katastrophe lässt der Ich-Erzähler in Anlehnung an einen gewissen Salvianus von Trier „angesichts der Leiden der Menschen… eine ersehnte allgemeine ‚sublimatio’“ in Frage kommen (S. 84), eine „Angelisierung“ (S. 88), eine Erhebung ins Empyreum (S. 68). Ebenso gut könne es sich bei der dissipatio aber auch um eine Strafe gehandelt haben (vgl. S. 88).
Das Übrigbleiben eines Einzigen gilt als „eine Art von unerhörter Schlamperei“ (S. 112). Was seine eigene Fortdauer anbelangt, bereitet ihr Morselli kurz nach Fertigstellung seines Letztmenschromans im Jahr 1973 ein Ende, nicht zuletzt aus Verdruss über fortgesetzte Absagen, die ihm Verlage auf seine eingereichten Schriften hin erteilen.
Schmidts und Morsellis letzte Menschen sind nicht aus freien Stücken die letzten ihrer Art. Es gibt sie nicht, weil, wie bei Ettlinger, der Antinatalismus ein zustimmungsfähiges Programm geworden wäre. Gleichwohl vermitteln uns beide Autoren ein Stimmungsbild gelassener Genugtuung, in dem der Letzte lebt. Maßgeblich hierfür ist bei Morselli der Gedanke an eine endlich vom Menschen befreite Natur sowie das Wissen darum, dass es mit dem Ende der Fortzeugung künftig keine Menschen mehr geben wird, die anderen Menschen Leid zufügen, womit ein ewiger Frieden erreicht wäre. So erfahren wir von Morsellis Erzähler, er sei zwar kein Misanthrop, sehr wohl aber phobanthrop; er „habe Angst vor dem Menschen, wie vor den Ratten und den Stechmücken, wegen des Unheils und der Ärgernisse, die er unermüdlich produziert.“ (S. 45) Und wie bei Schmidt, ist das Verschwinden aller Menschen in den Augen des letzten kein Grund zum Verzweifeln. Jetzt sei die Welt sauberer, leuchtender und fröhlicher als je zuvor (vgl. S. 57). Morsellis Romanfigur feiert die Befreiung der Natur vom Menschen ebenso wie das künftige Ausbleiben des Leids, welches Menschen Menschen zufügen, wobei dem Erzähler gilt, „das einzig Böse ist das Leiden“ (S. 67). „Die Menschen haben in dreißig Jahrhunderten ungefähr 5000 Kriege angezettelt.“ (67)
Dabei dürfe man das Verschwinden aller Menschen nicht mit dem Ende der Welt gleichsetzen. Dies sei „einer von den Scherzen der Anthropozentrik: das Ende der Spezies als den Tod der pflanzlichen und tierischen Natur implizierend zu beschreiben, als das Ende der Erde schlechthin. Das Einstürzen der Himmel. Es gibt keine Eschatologie, die nicht die Fortdauer des Menschen als wesentlich für die Fortdauer der Dinge ansähe. […] Ach was, ihr Weisen und Anmaßenden, ihr nehmt euch zu wichtig. Nie war die Welt so lebendig wie heute, da eine gewisse Gattung Zweifüßer aufgehört hat, sie zu frequentieren.“ (S. 56f). Freilich ist dies eine romantische Träumerei. Auch wenn Tiere keine Kriege führen, ist ihr Dasein kein Zustand permanenter Zufriedenheit, sondern zumindest periodisch beherrscht von Hunger, Schmerz und Parasiten.

4. Herbert Rosendorfers Entwurf einer Soloexistenz
Morsellis Roman über das Verschwinden der menschlichen Gattung kann als Versuch über die Befreiung des Menschen von menschenverursachten Leiden auf dem Wege der Befreiung der Natur vom Menschen gelesen werden. Mit der Aufhebung des Menschen verbleibt bei Morselli eine Natur, die jedoch nur vermeintlich als befreite angesehen werden könnte. Er lässt außer Acht, dass die Natur, tierisches Erleben, auch nach dem Verschwinden des Menschen alles andere als ein Hort der Glückseligkeit ist. Diesem Umstand begegnet Rosendorfer in seinem Letztmenschroman auf makabre Weise, indem er seinen Letzten reihenweise herrenlose Hunde erschießen lässt. – Was bei nüchterner Betrachtung ein besseres Schicksal sein mag als langsames Verhungern oder das Gefressenwerden durch andere Hunde.
Wie Morselli, entwickelt auch Rosendorfer ein nichtkatastrophales Verschwinden aller Menschen bis auf den letzten. Auch er lässt seinen Solisten, Herrn Anton, mit anthropofugalem Gedankengut hervortreten: „Aber alles in allem: Es wäre einfacher, wenn sie – sie: alle anderen – nicht mehr wiederkämen…“ (Rosendorfer, S. 107) Der gegen Ende des Romans längst in Umnachtung aufgehobene Protagonist hegt keine hohe Meinung von den Milliarden Verschwundenen: „Aber die Menschheit? War denn dieser verkommene Haufen so viel wert?“ (S. 328) Erst der bereits im Wahnsinn selbstaufgehobene Anton vermag es, das spurlose Verschwinden aller anderen als Katastrophe zu deuten: „Es wäre völlig unbefriedigend, wenn diese Katastrophe, also dieses Ende der Menschheit nicht auch irgendwie ein neuer Anfang wäre.“ (S. 304) Dieser Anfang findet indes nur im Geiste des mental Zerrütteten statt: „Ich werde, sagte Anton L., nun, da ich Gott bin…, eine neue Menschheit erschaffen.“ (S. 327)
Anders als die Schriften von Schmidt oder Morselli, kommt „Großes Solo für Anton“ allzu spielerisch und verkünstelt daher, als dass der Roman eine dem Thema angemessene Verarbeitungsform böte. An einer Stelle jedoch gibt Rosendorfer einen versteckten Hinweis auf eine – religiöse – Grundfigur des Antinatalismus. Anton studiert den Briefwechsel zweier längst verschwundener Menschen und liest von „mittelalterlichen und frühchristlichen Geistesströmungen, die heute als Irrlehren gelten: dem Manichäismus, gnostischem und nestorianischem Gedankengut und vor allem der nun wahrhaft atemberaubenden – von der Katholica als Häresie bezeichneten – Lehre des Markion.“ (S. 172) In der Tat ist Markions Lehre insofern atemberaubend, als er den Antinatalismus predigte. Der Schöpfer dieser Welt, so lehrte er – ohne dass Rosendorfer seinen Lesern dies vermitteln würde –, ist ein böser Gott, den man dadurch in die Schranken weist, dass man keine Nachkommen zeugt.
Rosendorfers letzter Mensch sollte nicht der letzte seiner Art bleiben:

5. Anhang. Thomas Glavinic, Die Arbeit der Nacht
Mit seinem Roman „Die Arbeit der Nacht“ (2006) setzt Thomas Glavinic die Reihe der Romane vom letzten Menschen fort. Wie ansatzweise bereits bei Schmidt, dann ausufernder bei Morselli und Rosendorfer der Fall, feiert der letzte Bürger den Umstand, dass ihm nunmehr der Reichtum der Weltgesellschaft, der nichts als eine „ungeheure Warensammlung“ (Marx) scheint, zu Gebote steht. Bei Rosendorfer findet der unumschränkte Besitzanspruch auf die Stadt, die ganze Welt, Erwähnung (S. 204). Unablässiger als Morselli und Rosendorfer lässt Glavinic seinen Letztmenschen mit dem Auto herumfahren, Schaufensterscheiben oder Türen eingeschlagen, um an das zu gelangen, was vormals Ware war. „Vormals“, da die ehemaligen Waren ihren Doppelcharakter – Gebrauchsgegenstand und Tauschgegenstand zu sein – verloren haben. Denn in der bis auf einen Menschen reduzierten Welt lässt sich nichts mehr tauschen. Ware, Geld und Recht sind verschwunden. Wer große Besitztümer sein Eigen nennt, um den wird es schnell einsam; wer über die gesamte Welt verfügt, bleibt dem entsprechend allein auf ihr zurück, dies ein denkbares philosophisches Extrakt aus der „Arbeit der Nacht“, das sich weiten ließe zur Aussage: Wenn die Marktgesellschaft nicht aufgehoben werden kann, so doch die marktlogisch arbeitende Menschheit, die andernfalls an ihr zu Grunde gegangen wäre.
Statt in philosophischen Gedankengängen über Gott und die Welt – die freilich schon bei Rosendorfer vom Grotesk-Spielerischen übertönt werden –, ergeht sich Glavinics Protagonist zumal im Aufstellen von Videokameras in menschenleerer Welt und darin, sich das von ihnen aufgezeichnete Filmmaterial anzusehen, das, häufig genug, ihn selbst im Schlaf zeigt, den Letzten. Fast will es scheinen, als wollte sich der letzte Mensch Morsellis und Rosendorfers nicht in sein Schicksal fügen, weshalb Glavinic ihn auferstehen ließ, um Erfahrungen zu machen, die andere letzten Menschen bereits geläufig sind. – Was aus folgender Aufstellung erhellen mag:

Guido Morselli
Dissipatio humani generis / Bibliothek Suhrkamp / Frankfurt/M 1993
Thomas Glavinic
Die Arbeit der Nacht / Hanser Verlag / München-Wien 2006
„Ich hatte einen Plan. Diese Menschen, sagte ich mir, sind fortgegangen. Sie sind nicht einfach verschwunden“. (34) „An Außerirdische, die jahrelang unterwegs waren, bloß um ausgerechnet alle Wiener bis auf ihn verschwinden zu lassen, glaubte er nicht.“ (17)
„Heute morgen in Widmad habe ich das Schaufenster eines Geschäfts eingeschlagen, um mir zwei Grapefruits zu holen.” (99) „Mit der Zange hatte er Scheiben und Glastüren eingeschlagen und heulende Alarmanlagen abgeklemmt. 19 Auch die Auslagen der Geschäfte vor den südlichen Bahnsteigen schlug er ein.“ (22)
„Ich habe die Nummer 11 gewählt, die Zeitansage…“ (25) „Es gab keinen Notruf. Kein Taxi. Keine Zeitansage.“ (17)
„Ich trat mit erschrockener Wut aufs Gaspedal, ich der ich kaum fahren kann. Auf vierzig Kilometern Ebene nicht mehr als ein Dutzend Autos, alle von der Straße abgekommen.“ (11) „Kurz vor der slowenisch-ungarischen Grenze passierte er einen umgestürzten Lkw. Er bremste so abrupt, dass er beinahe die Herrschaft über den Wagen verloren hätte.“ (42)
„Ich habe den Wagen in Gang gesetzt und bin losgefahren, für eine Weile ohne zu wissen, was ich suchte und wohin ich eigentlich wollte. In Wirklichkeit hatte ich es auf Teklon abgesehen, den Flughafen.“ (136) „Am Flughafen Schwechat machte er sich nicht die Mühe, den Wagen im Parkdeck abzustellen… Eine Lauda war da, eine Lufthansa, eine Maschine aus dem Jemen, eine aus Belgien.“ (19f)
„Von heute an ziehe ich in den Bahnhof, das heißt nicht direkt in den Bahnhof, in einen Güterwagen. Selbstkasteiung, vielleicht.“ (132f) „Ohne erst Waggon um Waggon zu durchsuchen, betrat er im Zug mit dem Bestimmungsort Zagreb das erste Abteil. Wo waren die Leute, mit denen er damals auf Bahnhöfen und in Parks übernachtet hatte, in diesem Augenblick?“ (23f)
„Anarchie und Monarchie fallen zusammen, jetzt und in mir. Keiner verfügt über mich, ich verfüge über alles. Potentiell bin ich in der Lage, den Codex Atlanticus oder die Gutenberg-Bibel mit nach Hause zu nehmen, ohne dass mich einer anzeigt; mich als Philosophen auszugeben, ohne dass mich einer Lügen straft, den immerwährenden Frieden zu verkünden, in der Gewissheit, dass er eingehalten wird.” (99f) „Gesetzt den Fall, er war wirklich allein, bedeutete das, er konnte eine neue Rechtsprechung erlassen. … Ihm, dem Souverän, stand es frei, Diebstahl und Totschlag theoretisch straffrei zu stellen… Er hatte die Möglichkeit, eine andere Staatsform zu wählen. Ja sogar eine neue zu erfinden. Obgleich das System, in dem er lebte, faktisch Anarchie, Volksherrschaft und Diktatur zugleich war.“ (117)
„Ich suchte nach Pappbögen, großen Blättern, um darauf zu schreiben. … Alle mit der gleichen Aufschrift. “Sollte irgend jemand hier vorbeikommen, so bitte ich ihn, mich zu verständigen.” (136) „Eilig schrieb er auf ein Stück Papier seinen Namen und seine Handynummer. Sowie eine Notiz, dass jeder, der dies lese, ihn unbedingt anrufen möge. Diesen Zettel klebte er am Empfangsschalter fest. Ehe er das Hotel verließ, deckte er sich mit Papier und Klebestreifen ein.“ (41)

Literatur

Akerma, Karim
Soll eine Menschheit sein? Eine fundamentalethische Frage, Traude Junghans Verlag, Cuxhaven-Dartford 1995
Akerma, Karim
Verebben der Menschheit? Neganthropie und Anthropodizee, Alber Verlag, München 2000
Akerma, Karim
Fortbestand durch Vernichtung. Das Kernmotiv für Hitlers Ziel der Judenvernichtung. Der Mensch als Gefangener von Sein und Schöpfung; URL: http://www.philosophieren.de/archiv/seinsollen.pdf
Benatar, David
Better never to have been. The harm of coming into existence, Oxford University Press 2006
Ettlinger, Karl
Der erschossene Storch, Wilhelm Goldmann Verlag, Leipzig 1930
Glavinic, Thomas
Die Arbeit der Nacht, Hanser Verlag, München-Wien 2006
Rosendorfer, Herbert
Großes Solo für Anton, Diogenes Verlag, Zürich 1981
Rubiner, Ludwig
Der Kampf mit dem Engel. Der Mensch in der Mitte, 2. Auflage. Potsdam: Kiepenheuer, 1920
Shelley, Mary
The Last Man, Wordsworth Classics 2004
Schmidt, Arno
Leviathan und Schwarze Spiegel, Rowohlt Verlag, Reinbek 1974
Schoßböck, Judith
„Letzte Menschen“. Postapokalyptische Szenarien in Romanen der Neueren Deutschen Literatur nach 1945, Magisterarbeit, Wien 2009, URL: http://othes.univie.ac.at/3532/
Weisman, Alan
The world without us, St. Martin’s Press, New York 2007

Über Akerma Karim 49 Artikel
Dr. Karim Akerma, 1965 in Hamburg geboren, dort Studium u.a. der Philosophie, 1988–1990 Stipendiat des Svenska Institutet und Gastforscher in Göteborg, Lehraufträge an den Universitäten Hamburg und Leipzig, Tätigkeit als Übersetzer aus dem Englischen, aus skandinavischen und romanischen Sprachen. Wichtigste Publikationen: „Verebben der Menschheit?“ (2000) sowie „Lebensende und Lebensbeginn“ (2006).

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