Antwortbilder – Das Städel-Museum erregt derzeit sogar die Experten mit den kühnsten Florentiner Manieristen

Die Florentiner Manieristen antworteten kühn und dreist auf Michelangelos, Tizians, Raffaels und Leonardos enorme Würfe. Sie wandelten deren Prinzipien – Statik, Zentrierung, Realität und dogmatischen Gehorsam – ins schiere Gegenteil. Bewegung statt Statik. Zentrifugales statt Zentriertes. Unendlichkeit und Weite statt Begrenzung. Abnormes statt Normiertes. Steigerung des Ausdrucks zugunsten der ungeschminkten „Wahrheit“. Ekstase. Am intensivsten antworteten die Italiener den Italienern vor ihnen: Japoco Pontormo, Bronzino, Rosso Fiorentino, auch Archimboldo und Vasari. Namen, die hohen Bekanntheitsgrad besitzen und weitergeführt werden könnten. In Frankfurt am Main hat man sich – das „Städel“ zieht derzeit die Massen an, nicht nur die Matronen und Emeriti mit hohem Kunstinteresse – auf einige der bedeutendsten italienischen Manieristen kapriziert. Reicht auch dicke. Denn die gut 130 Werke, die da geboten werden, liefern Betrachter-Arbeit zu Genüge.

Alles spielt im Florenz der zwielichtigen, aber einflussreichen Familie der Medici aus dem Florenz des 16. Jahrhunderts, namentlich der Anfangsjahre. Ein halbes Jahrtausend trennen uns Heutige von den Persönlichkeiten und ihren Antwort-Werken auf die Hochrenaissance und ihre gewaltigen Auftragswerke durch die Päpste und Kleriker, den Hochadel und – auch schon – die tonangebenden Wirtschafts-„Bosse“. Seit dem 14. Jahrhundert zentrierte die reiche Bankiersfamilie der Medici die Alleinherrschaft in der Stadtrepublik am Arno. Vertreibungen und triumphale Rückkehren aus den Exilen bildeten den Nährboden für die Künstler der „Maniera“. So nannte denn auch das Städel-Museum seine Riesen-Schau am Schaumainkanal.

„Bizarre Formen“, „Auf Biegen und Brechen“, „Stilbewusste Maniera“, „Politischer Aufruhr“, „Image eines Hofes“, „Kontrollierte Lässigkeit“ – die Überschriften der knappen, aufschlussreichen Texte der nur 7,50 Euro teuren Begleitbroschüre zur Ausstellung (bis 5. Juni, außer Montag täglich von 10 bis 18, Donnerstag und Freitag bis 21 Uhr) machen nicht nur neugierig auf die ausgestellten „Belege“ für die in den Texten aufgestellten Thesen und kunsthistorisch begründeten Wegweisungen; sie geben auch Anhaltspunkte für die eigene Interpretation der angestaunten Gemälde von Weltrang – von Bronzinos kühnem „Dickerle“-Porträt des Garzia de` Medici (um 1550) oder ungeschöntem „Bildnis der Eleonora di Toledo“ (1539 – 43) bis zu Rosso Fiorentinos absonderlich dahockenden „Heiligem Johannes d. T. in der Wüste“ (um 1521) oder Jacopo Pontormos Sicht auf den geradezu respektlos gewundenen, kahlköpfigen Büßer Hieronymus (um 1528).

Den Städel-Besucher blickt auf dem hoch auf dem Museumsbau angebrachten Plakat ein schöner junger Mann mit weit aufgerissenen Augen schon von weitem an, wenn er sich dem Museum von Frankfurts Altstadt über den Holbeinsteg nähert (s. Foto): Provokant entblößt der Bursche seinen wohlgeformten alabasterweißen Oberkörper, den ein roter Umhang freigibt, der anscheinend den ganzen nackten Körper des Porträtierten einhüllt. Er schaut sinnend in die linke Richtung, hält den Mund artig geschlossen und lässt – wohl erst auf den zweiten Blick – den kurzen Teil bis zur Feder eines in seinen Leib unterhalb der linken Brust eingedrungenen Pfeiles erkennen. Blut fehlt. Auch jegliche Spur einer Schürfung oder Verletzung. Den „Heiligen Sebastian“ verrät ein zweiter Pfeil, den er unversehrt in seiner Linken hält, wobei er träumerisch den Zeigefinger an der Pfeilspitze spielen lässt. 25 Jahre jung war Agnolo Bronzino, Schüler Pontormos, als er den Märtyrer darstellte – völlig anders als dies bisher geschah, nämlich erotisch aufgeladen, sinnlich bis in die Augenwinkel hinein, mit siegesgewisser Grandezza und einer umwerfend nonchalanten Eleganz. Dies alles war bis dato über den Pest-Patron aus Rom bildlich nie so erzählt worden.

Das Andere, Aufrührerische, Aufmüpfige und Ambivalente der Manieristen wird in diesem Proto-Typ allein bereits sichtbar. Es wird ergänzt und fortgeführt von weiteren Spielarten des „Alternativen“ – vornehmlich an Porträts junger schöner oder auch eingebildeter Adeliger, wenn nicht auch an „ganz anderen“, nämlich äußerst weiblich betonten, aufreizend positionierten und der bis dato frommen, untergebenen Haltung beinahe verlustig gegangenen Madonnen. Ihre frechen Begleiter in purer Nackt- und draller Frechheit (Jesus- und Johannesknabe) sind jedenfalls Heiterkeit auslösend, während man sich von Francesco Salvatinis schwarz gekleidetem Handschuh-Halter und Hand-Verdreher bald abwendet: allzu gestylt und gespreizt in seiner kalkulierten Selbstdarstellungspose.

Hans Gärtner
Über Hans Gärtner 258 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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