Bayreuther Jubiläumssommer 2013

500ein Meter hohe Wagner-Figuren in Dirigentenpose des bekannten Nürnberger Künstlers Ottmar Hörl in der Farbskala zwischen purpurrot, violett und blau empfangen mit offen-erhobenen Armen die Besucher in Bayreuth. Die witzige und zugleich nachdenklich stimmende Großrauminstallation ist in der ganzen Stadt und verstärkt am so genannten „Grünen Hügel“ präsent, wo sich jährlich die elegant-mondäne Gesellschaft inklusive Politprominenz mit Scharen von Wagnerianern vermengt, die aus der ganzen Welt anreisen. Neu auf dem Programm in diesem Jubiläumsjahr die mit Spannung erwartete Inszenierung des Ring des Nibelungen für die Regie von Frank Castorf unter der Leitung von Kirill Petrenko.
Neben dem russischen Star betritt zum ersten Mal das Bayreuther Podium auch ein „heimischer“ Dirigent, der Franke Axel Kober, der Tannhäuser mit großer Sensibilität und träumerisch-romantischem Elan souverän leitet und auch dank der Sänger -insbesondere Michael Nagy als Wolfram von Eschenbach sowie Michelle Breedt als Venus und Camilla Nylund als Elisabeth – jubelnden Beifall erntet. Anders die Inszenierung des Berliner Sebastian Baumgartner, die auch in der aktuellen, bearbeiteten Fassung, mit Buhrufen empfangen wurde. Zweifelsohne stellt die Tannhäuser-Inszenierung der Bayreuther Festspiele 2013 des Berliner Regisseurs, seit kurzem Professor für Regie an der Hochschule für Musik und Theater in München, sehr hohe Anforderungen an das elitäre Publikum. Und als „schwer lesbar“ wird sie bereits im Programmheft 2013 von Dramaturg Carl Hegemann in seinen lehrreichen Erläuterungen, die – u.a. anhand eines ausklappbaren 2011 entstandenen Tafelbildes – , in die Struktur der Inszenierung einführen soll. Von „komplementären“ und „symmetrischen Orten“ ist dabei die Rede, respective von der „Wartburg“, wo sich der berühmte „Sängerkrieg“ abspielt, im hinteren Teil der Bühne und vom „Venusberg“, ganz vorne nahe dem Orchestergraben. „Wartburg“ und „Venusberg“ stehen jeweils im Sinne Nietzsches für das „Apollynische“ und das „Dionysische“: Gegensätze, die hier allerdings als „zusammenhängend“ begriffen sind, denn Kunst schlussendlich aus der Synthese zwischen „Formtrieb“ (Apollynische) und „Stofftrieb“ (Dyonisische) entsteht. Von Gegensätzen gezeichnet ist auch die Gestalt des Titelhelden, mit deren inneren Zerrissenheit Wagner sich völlig identifizierte. Wie der Komponist befindet sich auch Tannhäuser auf „Irrfahrt“, auf eine Wanderschaft – oder Flucht -zwischen zwei Welten, der Welt der mittelalterlichen „höfischen“ und der Welt der sinnlichen Liebe -wie Lacan in seiner psychoanalytischen Deutung suggeriert – die sich die Autoren zu eigen gemacht haben. Schiller, Nietzsche, Lacan sind in dem erwähnten Tafelbild als Quellen genannt. Neben ihnen Heine, dessen „Tannhäuserlied“ – und nicht „irgendwelches Volkslied“-Wagner die „Initialzündung“ gegeben haben soll. Eine weitere genannte Quelle ist die Musik der Rockgruppe Rammstein, die in den dramaturgischen Absichten mit ihrem Lied „Hier kommt die Sonne“ das „zu konventionelle“ Venus-Lied hätte ablösen sollen: ein Plan, der zum Scheitern verurteilt war, waseine weitere „Grenzverletzung“ auch in musikalischer Hinsicht verhindert, die das Publikum mit Sicherheit nicht befürwortet hätte.
Vieles hätte Wagner an dem in einer Biogasanlage-Installation angesiedelten Bühnenbild des Holländers Joep van Lieshout auszusetzen gehabt. Gestoßen hätte er sich gewiss an der Entscheidung, einige Zuschauer mit ihren Stühlen rechts und links auf der Bühne zu plazieren. Eine Idee, die sich mit dem Brechtschen „Verfremdungseffekt“ eher assoziieren lässt als mit Wagner, der sein Orchester in den „mystischen Abgrund“ verdeckte, um die Illusion auf der Bühne vollkommen werden zu lassen. Somit entwickelt sich Baumgartens Tannhäuser zum eigenständigen Werk, das sicherlich zur Reflexion in philosophisch-ästhetischen Kategorien zwingt, aber nicht leicht nachvollziehbar bleibt. Reizvoll und qualitativ hochwertig ist Michael Höppners neue Inszenierung unter der Leitung von Boris Schäfer der Kinderoper Tristan und Isolde, die in einer eigenen eineinhalbstündigen Fassung für ein kleines Orchester mit Sängern zum Anfassen – darunter die gewaltige, tonsichere „offizielle“ Bayreuther Isolde Irene Théorin – , witzigen Einlagen und opulenten Kostümen die jungen Zuschauer zu begeistern weiß. Die Oper ist Teil des2009 von Katharina Wagner initiierten „Vorzeigeprojekts“ Richard Wagner für Kinder.
Draußen inmitten der herrlichen mit Blumen geschmückten Gartenanlage vor dem Musiktempel stolpern die Besucher über die Freiluftinstallation „Verstummte Stimmen. Die Bayreuther Festspiele und die ‚Juden’ 1876-1945“, die noch bis Ende 2013 verlängert wurde und am besten als Dauerinstallation zu erhalten wäre.
Auf Stellwänden wird an die zahlreichen Musiker jüdischer Herkunft erinnert, die bei den Bayreuther Festspielen mitwirken durften, bis sie dem gnadenlosen Antisemitismus der Wagner-Dynastie zum Opfer fielen. Lebenswege werden akribisch rekonstruiert, die fast ausnahmslos in ferne Länder oder in ein Niemandsland enden, das den Namen Auschwitz, Buchenwald oder Lódz trägt. Vergegenwärtigt werden Etappen der Karrieren von 9 Mitgliedern der Künstlerischen Leitung,23 Solisten, 17 Orchester- und 5 Chormitgliedern.Über viele von ihnen erfährt man, dass sie meistens in Ermangelung eines „deutschen Ersatzes“ engagiert wurden. Denn Juden wurden keine wahre Talente zugeschrieben, sondern nur die Fähigkeit, andere „nachzuahmen“. Wagners Witwe und Liszts Tochter Cosima – liest man auf den Begleittafeln – hielt Deutschland für einen „judaisierten Staat“. Dem wollte sie Bayreuth als „ein deutsches Theater mit allen Nationen“ entgegensetzen. Daraus sollten die in ihren Augen „Bevorzugten“ – d.h. die ‚Juden’ – ausgeschlossen bleiben. Beleuchtet wird u.a. Cosimas ambivalente Beziehung zum Hermann Levi, dem genialen Musiker, der Wagner von König Ludwig II. als „Parsifal“-Dirigenten regelrecht aufgezwungen worden war. Nach Wagners Tod hatte ihm Cosima die Leitung der Bayreuther Festspiele übertragen. Nachdem er diese zu internationalem Ruhm geführt hatte, bat Wagners Witwe schließlich um seine Entlassung mit dem Argument „Levis Größe… sei zwar sein „individueller Verdienst“, das ‚Schlechte’ gehöre aber seinem Stamm an.“„Ich bin Jude“ -liest man auf der ihm gewidmeten Tafel – „ so beurteilt man Alles…von diesem Gefühlspunkte aus und findet deshalb auch in Allem, was ich thue und sage, etwas Anstößiges oder zum mindesten Fremdartiges…“.
Die Freiluftinstallation ist eine „Fallstudie“ über die Rolle des bekannten Festivals in der Verbreitung antisemitischen Gedankenguts bereits ab dem Zeitpunkt seiner Gründung im Jahre 1876.Sie hilft zu verstehen, wie sich – zeitgleich mit der Entstehung der deutschen Nation – der Antisemitismus wie ein Krebsgeschwür wucherte und in bürgerlich-gebildeten Kreisen salonfähig wurde. Diese unter dem Kuratorium u.a. von Klaus von Donhanyi, Hans-Dietrich Genscher, Antje Vollmer, Gerhard Baum, Charlotte Knobloch, Ulrike Hessler und Gerhard Richter realisierte Doku-Schau ist ein später, überfälliger Versuch, die Leidtragenden eines unglaublichen „Kulturkampfes“ aus der Versenkung zu holen und ihre Leistung endlich gebührend zu würdigen. Eine direkte Verbindung zwischen Wagner und Hitler – so die erklärte These der Ausstellung – existiere zwar nicht, Wagner selbst sei allerding seiner der wichtigsten „Stichwortgeber“ gewesen. Durch „Diffamierung und Ausgrenzung jüdischer Künstler wie durch Mitwirkung an allen wichtigen antisemitischen und antidemokratischen Organisationen ab 1914 haben Wagners Erben den Boden für die im Dritten Reich durchgeführte Vertreibung jüdischer und politisch untragbarer Künstler vorbereitet.“
Die Schicksale der in der NS-Zeit in Deutschland diffamierten und aus Theatern vertriebenen Komponisten, Dirigenten und Sänger jüdischer Herkunft sowie weiterer Andersdenkenden, die für ‚Juden’ gehalten wurden, werden in 44 Biographien mit Tonbeispielen in der parallel dazu laufenden Ausstellung im Bayreuther Rathaus fokussiert.
Autoren des 2006 unter dem Titel „Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der ‚Juden’ aus der Oper 1933 bis 1945“ für die Axel-Springer-Galerie in Hamburg konzipierten und von der Axel-Springer-Stiftung finanzierten Ausstellungsprojekts sind der Historiker Hannes Heer, der Musikpublizist Jürgen Kesting und der Bayreuther Designer Peter Schmidt. Gezeigt wurde sie bereits u.a. in der Oper Unter-den-Linden zu Berlin und in der Semper Oper in Dresden sowie in Stuttgart und Darmstadt. www.verstummtestimmen.de
An Hermann Levis Verdienste im Dienste Wagners und der Bayreuther Festspiele knüpft auch eine großformatige Tafel an, die wenige Meter davon entfernt, in einer König Ludwig II. gewidmeten Ausstellung im Haus Wahnfried gezeigt wird. In Wagners letzter Wohnstätte und Museum, das z.Z. durch einen angrenzenden Bau erweitert wird, ist eine kompakte Fassung der
Sonderausstellung „Götterdämmerung“ zu sehen, die 2011 zum 150. Todesjahr des visionären bayerischen Monarchen auf Schloss Herrenchiemsee zum Publikumsmagnet wurde. Auf der neuen Tafel wird auf einen besonders wichtigen Aspekt im Leben und Wirken Ludwig II. eingegangen, nämlich auf sein sehr positives Verhältnis zum Judentum, das anhand seines Besuchs der Synagoge in Fürth und am Beispiel seiner konsequenten Durchsetzung Hermann Levis beim glühenden Antisemiten Wagner.
Das Thema „Wagner und die Juden“ wird auch in der Doku-Schau Liebe ohne Glauben fokussiert, die das Heinrich- und Thomas-Mann-Zentrum Haus Buddenbrooks in Lübeck der komplexen Beziehung Thomas Manns zur Wagnerschen Musik widmet. Mit Gemälden, Bühnenbildentwürfen, Installationen, Plakaten und wertvollen Manuskripten werden Thomas Manns Liebe und Leiden an Wagner dank einer elegant-aufwendigen Ausstellungsarchitektur im Neuen Rathaus rekonstruiert, in der sich u.a. auch ein von Thomas Manns Schwiegervater Alfred Pringsheim 1872 erworbenes Patronat-Schein des Richard-Wagner-Vereins befindet. Seines immensen Besitzes beraubt, durfte der 90.jährige Mäzene, der zu den frühestem Förderer der Bayreuther Festspiele gehörte, auf Vermittlung von Winifried Wagner, die sich direkt beim Führer einschaltete, mit seiner Frau Hedwig Dohm in letzter Minute in die Schweiz ausreisen, in das Land, das auch Wagner Asyl geboten hatte.
Neben Wagners 200. Jubiläum feiert das barocke Bayreuth in diesem Jahr auch den 250. Geburtstag eines zum Teil vergessenen Klassiker der deutschen Literatur: Jean Paul. Sein Leben und Schaffen werden wieder lebendig in der vom Münchner Florian Raff nach einem innovativen Konzept von Frank Piontek neu gestalteten Kleinmuseum an der Wahnfriedstraße. Im ehemaligen Hause von Wagners Tochter Eva und dessen Schwiegersohn, dem britischen „Germanophilen“ und Rassentheoretiker Houston-Stewart Chamberlain, gewinnt die liebevolle Humanität des Dichters eine sichtbare Dimension, die als Sieg des Geistes über die Dummheit gedeutet werden kann.
Der ausgewiesene Wagner-Experte Frank Piontek stellte auch mit einem brillanten Vortrag über Wagners Bezug zu Venedig den Dokumentarfilm“ Richard Wagner .Venezianisches Tagebuch der wiedergefundenen Symphonie“ (http://wagnerinvenice.com) des italienischen Regisseurs Gianni Di Capua (Kublaj Film, Venedig) vor. Organisiert wurde die Vorführung am 30. Juli 2013 im Cineplex von der Tiven Group-Verona in enger Zusammenarbeit mit dem Team aktiver Festspielförderer (Taff- www.wir-sind-festspiele.de), das damit sein Festspiel-Begleitprogramm 2013 startete. Die Filmpräsentation durch Taff-Vorstandsmitglied Markus Spona ist Teil der in Abstimmung mit den neuen Leiterinnen der Bayreuther Festspiele Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner entwickelten Erneuerungsstrategie, die u.a auch die spezielle Förderung von Multi- und Crossmedia-Projekte, Web-Streaming sowie die Organisation von Live-Übertragungen vom Opernrepertoire in Kinosälen vorsieht. Im Zeichen vom Crossover auch die flächendeckende Licht- und Video-Mapping-Installation, die der Berliner Multimedia-Künstler Philip Geist am 40 Abenden während der Festspiele (20.07. bis 28.8.) direkt auf die Fassade des Neuen Rathauses projizieren lässt. Ein „synergetisches“ work in progress, worin unzählige mit Wagner verbundenen Bilder, Begriffe, Zitate und Assoziationen hineinfließen und in der eigenen Bildersprache neu interpretiert werden. Wie in Wagners Werk werden hier auch die Grenzen der verschiedenen Künste überschritten, während aus Texten Bilder entstehen und sich Analoges mit Digitalem vermischt, indem der Künstler mit Licht und mit dem Computer malt.

www.videogeist.com

Über Anna Zanco-Prestel 178 Artikel
Dr. Anna Zanco-Prestel, hat Literaturwissenschaften (Deutsch, Französisch und Italienisch) und Kunstgeschichte in Venedig, Heidelberg und München studiert. Publizistin und Herausgeberin mit Schwerpunkt Exilforschung. U.d. Publikationen: Erika Mann, Briefe und Antworten 1922 – 69 (Ellermann/DTV/Mondadori). Seit 1990 auch als Kulturkoordinatorin tätig und ab 2000 Vorsitzende des von ihr in München gegründeten Kulturvereins Pro Arte e.V.

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