Boris Johnson – ist er bald Englands Nummer 1?

Rolls-Royce, Foto: Stefan Groß

Das Schlachtfest der britischen Wähler hat prominente Konservative das Amt gekostet. Zu den Opfern gehören immerhin acht Mitglieder des britischen Kabinetts. Zu den Überlebenden zählen Schatzkanzler Philip Hammond (61) und Brexit-Minister David Davis (68). Die sind jetzt die starken Männer hinter Theresa May (60). Und sie sind die konservative Reserve, falls die resolute und doch angeschlagene May mit ihrer Minderheitsregierung stolpern sollte.

Doch heimlich, still und leise lauert noch jemand darauf, die konservative Premierministerin zu beerben: Boris Johnson, der Paradiesvogel der britischen Politik. May hatte ihn, einen der Lautsprecher der Anti-EU-Kampagne, voriges Jahr als Außenminister eingebunden. Damit schien der quirlige Ex-Bürgermeister von London ruhig gestellt zu sein. Doch das könnte sich jetzt ändern.

Die Hausherrin von 10 Downing Street ist nach dem selbstverschuldeten Verlust der absoluten Mehrheit von der Eisernen zur Bleiernen Lady geworden. Ihr politischer Bewegungsraum ist klein, während das Aufmarschgebiet für mögliche Königsmörder nun größer ist. Das weiß auch Johnson, ein Mann scharfer Zunge, die schon als Student trainierte, als er zum Präsidenten des renommierten Debattierzirkels Oxford Union aufstieg.

Der 53jährige Urenkel von Ali Kemal, dem letzten und gelynchten Innenministers des Osmanischen Reiches sowie weitläufigen Verwandten von Queen Elizabeth II., ist für jede Überraschung gut. Sein bisheriges Leben ist von Skandalen gepflastert. So wurde Johnson als Vizepräsident der hochangesehenen Universität Oxford entlassen, weil er ein Zitat seines Patenonkels, des Historikers Colin Lucas, verfälscht hatte. Da war er aber noch kein nationaler Promi.

Der breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Johnson Ende der 1990er Jahre durch Fernsehrollen. Er blieb zugleich Journalist beim konservativen Spectator und leistete sich auch dort 2004 einen Skandal mit einem Leitartikel. Überliefert ist das Zitat eines live-Anrufers während einer BBC-Sendung, der Johnson mit den Worten beschimpfte: „Sie sind ein egozentrischer, aufgeblasener Idiot – verschwinden Sie aus der Öffentlichkeit!“

Das meinen bis heute viele in der britischen Politik. Doch es nützt nichts. Wie ein Gummiball hüpft der vierfache Vater nach jedem Aufprall nur noch höher. Im Mai 2008 wurde er zum Bürgermeister von London gewählt, der mit 13,6 Millionen Menschen größten Metropolregion der EU und einem Jahresetat von rund drei Milliarden Euro.

Während der Brexit-Kampagne war der Mann mit dem Markenzeichen orangegraue Wuschelfrisur (aber anders als Trump) der schärfste Anti-EU-Agitator neben dem hasserfüllten UKIP-Mann Nigel Farage. Die EU ziele auf einen Superstaat, sagt er damals: „Napoleon, Hitler, verschiedene Leute haben das versucht, und es endet immer tragisch.“

Besser so einen Mann in das diplomatische Korps einbinden, als ihn sich zum Feind machen, dachte sich Mrs. May, als sie das Enfant terrible, das sich auch um ihren heutigen Job beworben hatte, zum Außenminister machte – und zugleich zum Chef des legendären britischen Geheimdiensts MI-6. Verbale Ausrutscher leistete er sich freilich auch da. So warb Johnson ausgerechnet in einem Sikh-Tempel für mehr Whisky-Importe nach Indien, obwohl die Religion jeden Alkohol verbietet. Beim Antrittsbesuch in Berlin erklärte Johnson fröhlich: „Ich bin nicht ein Berliner.“ Und beim Joggen im New Yorker Central Park zeigte sich der Außenminister Ihrer Majestät in einem extrem mutigen Outfit, das einer Unterhose glich…

Dieser bisweilen lächerlich wirkende und ewig unterschätzte Mann ist es, den May jetzt im Auge haben muss. Keiner verfolgt seine Ziele so ruchlos und unbekümmert, wie Boris Johnson. Niemand verließ die traurige Wahlparty der Konservativen in der Nacht zum vorigen Freitag so rasch wie er – zum Strippenziehen? Am Morgen danach schrieb die konservative Zeitung „The Telegraph“ jedenfalls: „Johnson steht auf der Liste möglicher Nachfolger ganz oben.”

(((Originalzitat für Übersetzung: ‘After his failed leadership bid last year, the Brexiter-in-chief and Theresa May’s foreign secretary is now top of the list of potential replacements.’)))

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