Das Buch der Weisungen, der Lesungen und des allerletzten Bundes

Juedischer Armleuchter, Foto: Stefan Groß

Ich bin im Besitz des Buches der Lesungen und der Wahrheit. Es ist das einzige Exemplar im weiten Universum. Ich habe es vor Kurzem im Traum erhalten. Den Traum werde ich niemals vergessen. Ich höre eine männliche Stimme, die mich mit Namen anspricht. In welcher Sprache spricht der unbekannte Mann mich an? Ich weiß es nicht, kenne die Sprache nicht, dennoch verstehe ich die Worte, nicht jedoch vollständig den Sinn. Ich höre nur die Stimme, sehe nicht den Sprecher. Der Traum ist dunkel-dunkel-schwarz.

Die Stimme des Sprechers klingt unangenehm. Es ist eine uralte Stimme, die schon viel zu viel geredet hat. Die Stimme stellt sich als Erzengel Gabriel vor. Gabriel sagt, dass er neben meinem Bett ein dickes Buch hinterlegt. Dieses Buch sei heilig, weil es die ganze und einzige Wahrheit der gesamten Welt enthält. Ich soll das Buch lesen, auch wenn es altmodisch und langweilig geschrieben ist. Dann soll ich den Inhalt unter die Menschen verbreiten. Dies sei ein Auftrag seines Chefs. Sämtliche Heiligen Bücher, die zuvor unter der brennenden Sonne orientalischer Wüsten verfasst worden sind, verlieren ab sofort ihre Gültigkeit.

Ich will die Stimme fragen, warum er mich für die ungeheuerliche Aufgabe auserwählt hat. Doch der Traum endet abrupt und ich schlafe ein.

Am nächsten Morgen erwache ich, ohne mich an den Traum zu erinnern – bis ich den in Schweinsleder gebundenen Schmöker entdecke. Sofort fällt mir der seltsame Traum ein. Ich öffne das Buch nicht, berühre es auch nicht, obwohl ich sehr neugierig bin, und beginne meinen Alltag. Zur Nacht betrete ich das Schlafzimmer. Das Buch ist immer noch da.

Ich beginne das Buch zu lesen.

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Ich lese das Buch, unterbrochen von langen Pausen. Ich suche den Autor. Schließlich finde ich ihn: Ich bin es! Der Inhalt des Buches ist schwer verständlich. Manches kommt doppelt, ja dreifach vor, einiges widerspricht sich. Vieles ist mir unverständlich, obwohl es auf Deutsch geschrieben zu sein scheint. Manche Worte sind so unleserlich, dass ich imstande bin, sie auf vielfältiger Art aufzunehmen. Zuweilen erhellt sich dadurch der Sinn des Geschriebenen, oft nicht. Irgendwann begreife ich, dass ich auserwählt worden bin, das unter meinem Namen Geschriebene der Menschheit zu verkünden.

Ich beginnen jetzt damit. Vorsichtig und langsam. Denn ich möchte nicht von Anhängern früherer Konkurrenten umgebracht werden und mich auch nicht in einer geschlossenen medizinischen Anstalt wiederfinden.

Das Buch hat einen sperrigen Namen. Es heißt Buch der Weisungen, der Lesungen und des allerletzten Bundes. Es beginnt damit, dass der Schöpfergott, den die Menschen vielfältig benennen, das Universum aus sich erschaffen hat. Somit sind wir Teil des Schöpfergottes sowie der Schöpfung. Wie Gott sind auch wir unsterblich, weil unsere Atome und unsere Energie niemals verschwinden. Zumindest nicht bis das Universum sich zusammenzieht und nach einer gewissen langen und nicht messbaren Zeit erneut sich ausbreitet. Dann kommen im Buch Formeln vor, die ein von mir herbeigerufener bekannter Physiker weder entziffern, noch verstehen kann. Als der Physiker entgegen meinem Rat und meiner Warnung einen Artikel darüber veröffentlicht, wird er von seinen Kollegen zunächst gemieden, dann ausgestoßen, schließlich für den Nobelpreis für Physik und für Literatur nominiert. Der Papst in Rom und Trump in Washington laden ihn ein, Kim Jong-il lässt ihn entführen. Ich werde übergangen.

Ich übergehe deshalb den physikalischen Teil und betrete die antike Historie. Diese ist sehr einseitig, beschäftigt sich nur mit den Mittelmeeranrainerstaaten. Der Erzengel Gabriel und einige seiner Kollegen haben Moses, Abraham, Jesus, Mohammed und andere Persönlichkeiten aufgesucht, die heute niemand mehr kennt. Alle aufgesuchten Persönlichkeiten haben ein- und denselben Auftrag erhalten, den sie nicht zur Zufriedenheit des Erzengels ausgeführt haben. Deshalb verlieren sie das ewige Leben und müssen alle sterben. Besonders der Analphabet Mohammed ist derart renitent, dass Gabriel ihm die Existenz entzieht. Als Herr über die menschliche Zeit gelingt es ihm mühelos. Im anschließenden Mittelalter und in der Neuzeit tauchen noch weitere Verkünder und Propheten mit Verkündungsauftrag in allen Erdteilen auf, deren Einfluss marginal bleibt.

Plötzlich und übergangslos taucht mein Name inmitten eines Absatzes auf. Ich erhalte Anweisungen, die zu erfüllen sind, da ansonsten der Erzengel und sein Schöpfergott übellaunig werden. Warum sie mich auserwählt haben, mich brauchen, bleibt mir bis heute unklar.

Meine Anweisungen lauten verkürzt: Kundtun der Menschheit, dass ich alleine im Besitz der erzenglischen und göttlichen Wahrheit bin, die ich hiermit verkünde und die alle Menschen befolgen müssen. Diejenigen, die sich weigern, werden ewig in der Hölle schmoren, die heißer als ein salafistischer Pizzaofen ist.

Anweisungen: Das Jahr besteht aus 12 Monaten zu je 30 Tagen. Nach drei Monaten folgt ein Schalttag, in 7 von 19 Jahren ein weiterer Schalttag an beliebiger Stelle. Die Woche besteht aus 10 Tagen, wovon der erste und der zehnte Tag heilig und arbeitsfrei sind. An den arbeitsfreien Tagen darf nicht gearbeitet werden. Wer dennoch schafft, ist des Todes, und wird der anschließenden ewigen Verdammnis unterzogen (ewig = maximal 14 Milliarden Jahre = Zeit bis zur Erschaffung des nächsten Universums).

Gewisse Speisen sind verboten. Einzelheiten folgen. An den Schalttagen darf nicht geraucht und der männliche Bart nicht geschnitten werden. Über den weiblichen Bart finde ich keinen Eintrag.

Gott verlangt von den Menschen, täglich mehrmals (1 bis 5 Male) angebetet zu werden. Da der Schöpfergott überall ist, darf das Gebet nicht kniend erfolgen, um Gott nicht mit dem menschlichen Hintern in Richtung göttlichen Gesicht zu beleidigen. Bei Zuwiderhandlung erfolgt ein jämmerlicher Tod mit anschließender ewigen Verdammnis (Erklärung s.o.).

Gläubige müssen Ungläubige (Definition folgt) ermorden. Gläubige sind diejenigen, die Ungläubige morden. Die Gläubigen kommen ohne Umwege ins Paradies. Im Paradies erhält jeder Gläubige täglich eine Ration von 72 Weintrauben, die nicht rot sind. Frauen ist der Zutritt zum Paradies verboten.

Die Staaten der Erde müssen die schöpfergöttlichen Gebote befolgen, ansonsten verschwinden sie vom Antlitz der Erde.

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Die Langfassung möchte ich dem Leser ersparen.

Als Erstes beantrage ich beim Amtsgericht eine Religionszulassung. Dann will ich Mitglied im „Dialog der Religionen“ werden, um meinen göttlichen Auftrag besser zu erfüllen. Bei Schwierigkeiten geringster Art genügt ein kurzes Gebet, um die gottlosen Widersacher auszuschalten. Somit werde ich meine erzenglischen Auftrag gewiss durchsetzen.

Ich hätte lieber eine politische Partei gegründet. Jede Partei hat eine eigene Ideologie, trotzdem ist eine Zusammenarbeit – Ausnahmen bestätigen die Regel – möglich. Religionen dulden keinen Nebenbuhler. Manche alteingesessene Religionen haben sich mit der Situation abgefunden und sind verstummt. Zugewanderte Religionen schaffen es nicht, sich mit den bestehenden Regionen auf eine faire Umverteilung der Beute (Kirchensteuer und weitere staatliche Zuwendungen) zu einigen. Sie sind wie in ihrer Heimat weiterhin davon überzeugt, dass ihre Religion die einzig wahre ist. Sie wollen kämpfen, bis sie allein übrigbleiben. Sterbende Religionen wehren sich nicht, freuen sich sogar auf einen baldigen Tod. Leider gibt es politische Parteien, die den kulturellen Untergang ablehnen.

Das Judentum vermittelt, dass alle Gläubigen jedweder monotheistischer Religion ins Paradies gelangen. Dort streben wir doch alle so bald wie möglich hin! Oder?

Ähnlichkeiten mit real existierenden Religionen sind gewollt!

 

 

Über Nathan Warszawski 535 Artikel
Dr. Nathan Warszawski (geboren 1953) studierte Humanmedizin, Mathematik und Philosophie in Würzburg. Er arbeitet als Onkologe (Strahlentherapeut), gelegentlicher Schriftsteller und ehrenamtlicher jüdischer Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Gesellschaft zu Aachen.

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