Das Naivchen aus dem Taunus – Eva Rupperts Briefe an Erich Honecker

DDR-Sandmaennchen, Foto: Stefan Groß

Im ehemaligen Ostberlin steht die DDR-Nostalgie-Industrie in voller Blüte! Ein rundes Dutzend einstiger DDR-Verlage verbreiten in Memoiren prominenter DDR-Rentner und angeblichen Aufklärungsschriften ein derart geschöntes Bild des SED-Staates, dass man heute noch bedauert, dort nicht gelebt zu haben! Wenige Wochen, nachdem am 6. Mai 2016 im fernen Santiago de Chile die frühere DDR-Volksbildungsministerin Margot Honecker (1927-2016) gestorben war, erschien in der „edition ost“ ein umfangreicher Band „Post aus Chile“ (336 Seiten) mit dem Untertitel „Die Korrespondenz mit Margot Honecker“, deren Empfänger und zugleich Verleger des Buches Frank Schumann war, als Pfarrerssohn 1951 in Torgau geboren, auch bekannt als „inoffizieller Mitarbeiter Karl“ der „Staatssicherheit“.

Nun gibt es, unter dem Titel „Liebe Eva“, eine zweite Sammlung solcher Briefe, die der Verlag als „Zeugnisse von zeitgeschichtlicher Bedeutung“ anpreist. Die Empfängerin der Briefe von Erich und Margot Honecker, Dr. Eva Ruppert, ist 1933 im Saarland geboren und war bis 1999 Lehrerin für Latein und Griechisch an zwei Gymnasien im hessischen Bad Homburg vor der Höhe. Sie ist freilich eine Revolutionstouristin besonderer Art. Als Erich Honecker am 13. März 1991 von Berlin nach Moskau geflohen war und dort in einem Krankenhaus wegen seines Lebertumors behandelt wurde, fuhr sie mit einem Taxi von Klinik zu Klinik, um ihn, den sie überhaupt nicht kannte, ausfindig zu machen. Als sie im Sommer 1992 von einer Kubareise zurückflog und in einer Zeitung las, er wäre am 29. Juli an Deutschland ausgeliefert worden, war sie „entsetzt“ über die Verhaftung dieses Politikers, von dem man in Moskau „mit respektvoller bis zu bewundernder Anerkennung“ spräche. Also beschloss sie, ihn am 25. August 1992, seinem 80. Geburtstag, in Berlin-Moabit zu besuchen, wo er „schon bei den Nazis gesessen“ hätte.

Nach diesem Besuch, an dem auch drei westdeutsche Kommunisten beteiligt gewesen waren, fasste sie Mut, dem gescheiterten Erich Honecker, der seinen Staat 1989 in den Abgrund gefahren hatte, Briefe ins Gefängnis zu schicken. Wie man beim Lesen dieser Briefe erfährt, schrieb sie ihm ungleich häufiger als er ihr. Man hat den Eindruck, dass sie förmlich nach Anerkennung durch einen im „Klassenkampf“ erfahrenen Genossen lechzte. Als er sie einmal „querida companiera“ (liebe Genossin) nannte, war sie außer sich vor Freude. Dem Leser kommt sie in ihrer aufdringlichen Verehrung manchmal vor wie Diederich Heßling aus Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ (1918), der atemlos dem Zweispänner nachhechelt, mit dem Kaiser Wilhelm II., huldvoll grüßend, durch Rom fährt.

Man fragt sich, was diese biedere Lehrerin aus dem Taunus mit ihren Briefen an einen abgehalfterten Politiker erreichen wollte, der in Berlin wegen Totschlags vor Gericht stand, weil er Hunderte von DDR-Flüchtlingen an der innerdeutschen Grenze hatte erschießen lassen. Von den schlimmen Zuständen im SED-Staat, in dem sie nie hatte leben müssen, hat diese glühende Verehrerin eines kommunistischen Diktators bis heute keine Ahnung. Wenn sie, wie sie bekennt, als Touristin durch die DDR-Provinz gefahren ist, hat sie nur „freundliche, aufgeschlossene, hilfsbereite Menschen“ getroffen, so hätte sie nur „positive Eindrücke von diesem Land“ gewonnen. Nein, es war ihr nicht gegeben, hinter die Kulissen zu schauen. Sie sah nur die Fassade, die Lobreden, die Aufmärsche, aber nicht die Wirklichkeit dahinter, und hielt das, was sie sah, für die „größte Errungenschaft der deutschen Arbeiterbewegung“. Man fragt sich nur, warum dann im Herbst 1989 die Berliner Mauer gefallen ist.

Auch der verhaftete und in Berlin-Moabit einsitzende Organisator des Mauerbaus von 1961 zeigte weder Einsicht noch Lernfähigkeit! Für ihn wie für seine inzwischen an der Karl-Liebknecht-Schule in Leverkusen marxistisch geschulte Briefpartnerin war der über Nacht erfolgte Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“ eine politische Notwendigkeit, weil es sonst Krieg gegeben hätte. Diese wahnwitzige These vertrat auch sein Gesinnungsgenosse Heinz Kessler (1920-2017), von 1985 bis 1989 DDR-Verteidigungsminister, der noch heute von Eva Ruppert als „Genosse, Vorbild und Freund“ verehrt wird, in seinem Buch „Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben“ (2011). In seinem Brief vom 24. Januar 1991 aus dem sowjetrussischen Militärhospital in Beelitz/Mark an die „lieben Genossen aus der saarländischen Heimat“, eine Art Vorspann zur Korrespondenz mit Eva Ruppert, beklagte „Genosse Erich“, sich selbst im finsteren Keller Mut zusprechend, die „zeitweilige Niederlage des Sozialismus“ und den „Verlust der DDR“ und verschloss sich damit der Erkenntnis, dass der Marxismus-Leninismus höchst untauglich war, den Verlauf der Geschichte zu erklären. Sollte nicht, wie uns im Zuchthaus Waldheim beigebracht wurde, nach Feudalismus und „Kapitalismus“ der Sozialismus kommen und danach die „klassenlose Gesellschaft“? Dann aber stürzte die Mauer ein, und die Geschichte lief rückwärts, denn der „Kapitalismus“ kam zurück. Der starrköpfige Staatsratsvorsitzende, der von der „deutschen Klassenjustiz…nichts“ erwartete, saß nun verbittert in seiner Moabiter Einzelzelle, und die hessische Genossin bestärkte ihn in seinen abwegigen Ansichten.

Verglichen mit den Zuständen im Zuchthaus Waldheim in Sachsen 1962/64 lebte Erich Honecker 1992 im Gefängnis Moabit wie im Luxusknast. Er hatte eine geräumige Einzelzelle, während wir Waldheimer jahrelang zu viert auf 9,2 Quadratmetern hausen mussten, wobei noch zwei Doppelpritschen den Raum zusätzlich einengten. Während der einstige Staatsratsvorsitzende eine Toilette mit Wasserspülung benutzen konnte, hatten wir in Waldheim nur einen stinkenden Kübel in der Zelle, der morgens um 4.00 Uhr, nach dem Wecken, geleert wurde. Der Kommunist Erich Honecker durfte im Gefängnis des „Klassenfeinds“ einige Stunden länger schlafen.

Über mangelnde Post konnte sich „Genosse Erich“ auch nicht beklagen: Die „Genossin Eva“ aus dem Taunus überschüttete ihn derart mit Briefen, dass er kaum nachkam, sie zu beantworten. So erhielt er im August 1992 von ihr sieben Briefe. In Waldheim durften wir im Monat einen Brief von 20 Zeilen schreiben und bekommen. Dazu kamen noch die vielen Bücher und Musikkassetten, die sie ihm schicken oder mitbringen durfte. In Waldheim wäre das unmöglich gewesen! Und dann die Besuche: In Waldheim durfte man einmal im Vierteljahr einen Verwandten für eine halbe Stunde sprechen. In Moabit bei Erich Honecker gaben sich ausländische Kommunisten gegenseitig die Klinke in die Hand. So sprach im Herbst 1992 der Sandinist Daniel Ortega aus dem mittelamerikanischen Nikaragua in Moabit vor. Auf DDR-Verhältnisse angewandt, hätte dann auch „Staatsfeind“ Gerhard Zwerenz aus Köln, der im Sommer 1957 aus Leipzig hatte fliehen müssen, seinen Freund Erich Loest im Zuchthaus Bautzen besuchen dürfen.

Die Korrespondenz zwischen Erich Honecker in Moabit und Eva Ruppert begann am 7. August 1992 und endete am 22. Dezember. Am 12. Januar 1993 wurde der todkranke Erich Honecker entlassen und durfte nach Chile ausreisen, wo er am 29. Mai 1994 starb. In den 139 Tagen seiner Moabiter Haft hat er Eva Ruppert 13 Briefe nach Bad Homburg geschickt, von ihr ist leider nur einer abgedruckt, sodass man nie weiß, worauf er reagiert hat. Aber zunehmend mischte sich auch Margot Honecker aus dem fernen Chile ein und schrieb drei Briefe an die „Genossin Eva“, wobei sie immer, nicht gerade geschichtskundig, von „Großdeutschland“ sprach, wenn sie den am 3. Oktober 1990 gegründeten Staat meinte. So schrieb sie am 8. Oktober 1992, dass am Tag zuvor in Santiago mit ehemaligen DDR-Emigranten, chilenischen Kommunisten also, die nach 1973 im SED-Staat Zuflucht gefunden hatten, den „Tag der Republik“ (7. Oktober) gefeiert hätten, und sie fügte dann an: „Das Schlimmste ist, dass der Revisionismus in die eigenen Reihen eingebrochen ist.“

Der Leser merkt deutlich, dass Eva Rupperts Briefe auf den einstigen Staatsratsvorsitzenden eine besänftigende, wenn nicht therapeutische Wirkung ausübten und die innere Verkrampfung lösten (5. Oktober: „Deine Briefe bereichern meine Gedanken und Gefühle.“). Von der Starrheit und Unbelehrbarkeit in seinen politischen Aussagen, wie sie beispielsweise in seiner Verteidigungsrede vom 3. Dezember 1992 vor dem Kammergericht Berlin-Moabit zum Ausdruck kamen, war hier nichts zu spüren. Aber auch hier bedauert man, dass Eva Rupperts Briefe an Erich Honecker nicht mitabgedruckt wurden, vermutlich deshalb, weil sie in ihrer Aufdringlichkeit einfach nur peinlich waren!

Nachdem der auf dem Gnadenweg am 13. Januar 1993 freigelassene Gewaltverbrecher (Totschlag in 68 Fällen!) nicht mehr juristisch zu belangen und nach Chile ausgeflogen worden war, übernahm Margot Honecker zunehmend die Federführung in dieser Korrespondenz, während Erich nur noch unterschrieb. Nun wurden auch die Antwortbriefe an Eva Ruppert spärlicher, und die Fristen zwischen Brief und Antwort vergrößerten sich, zumal nach Erich Honeckers Tod, auf bis zu einem Vierteljahr.

Margot Honecker gebärdete sich in ihren Briefen wie ein lebender Leitartikel der SED-Zeitung „Neues Deutschland“. Sie war keineswegs Anhängerin von Gregor Gysis noch im Dezember 1989 gegründeten SED-Nachfolge-Partei PDS, für sie fast schon eine Variante der „Konterrevolution“, sondern Verfechterin der Interessen einer politischen Sekte, der stalinistischen DKP mit 2017 nur noch 3500 Mitgliedern. Diese „Partei“ gewann 1983 bei der Bundestagswahl 0,2 Prozent der Stimmen, seitdem wurden keine Angaben mehr gemacht, vermutlich weil die Wählerzahlen gegen Null tendierten.

Die in den Briefen aus Chile verbreiteten Tiraden Margot Honeckers, einer abgrundtief gescheiterten DDR- Kommunistin, zeigen in erschreckender Deutlichkeit den moralischen Verfall einer politischen Kaste, die, streng abgeschirmt vom Volk, behauptete, im Auftrag des Hegelschen Weltgeists zu handeln, wofür ihr jedes Mittel bis zum Mord recht war. In Wirklichkeit aber ging es nur um Erhaltung und Ausbau der Machtpositionen der herrschenden Klasse, deren oberstes Organ das in seinen Beschlüssen unfehlbare Politbüro war.

Margot Feist, so der Geburtsname, die als Tochter eines kommunistischen Schusters in Halle/Saale seit 1945 immer nur in Klassenkampfkategorien dachte, sprach auch in ihren Briefen aus Chile immer nur von „Konterrevolution“, wenn der Mauerfall vom 9. November 1989 gemeint war, und vom „Wiedererstehen Großdeutschlands“, wenn es um die Wiedervereinigung vom 3. Oktober 1990 ging. Die Berliner Prozesse wegen Totschlags gegen mehrere Mitglieder des Politbüros waren in ihrer ideologischen Verblendung „Klassenjustiz“. Obwohl der Sozialismus weltweit abgewirtschaftet hatte, sprach sie noch am 13. Dezember 2015 vom „verfaulenden imperialistischen System“.

Manchmal sind in diesem Buch die Fußnoten, die Frank Schumann verfasst hat, weit aufschlussreicher als die Briefe selbst. So liest man auf Seite 116, dass die beiden NVA-Generäle Heinz Kessler und Fritz Streletz sowie Hans Albrecht, der SED-Vorsitzende des Bezirks Suhl, die vom Landgericht Berlin wegen Totschlags am 16. September 1993 zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt worden waren, dagegen Widerspruch beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe eingelegt hätten, der freilich am 26. Juli 1994 die Urteile bestätigte. Das muss man sich vorstellen: Drei im „Klassenkampf“ ergraute Funktionäre rufen das oberste Gericht des „Klassenfeinds“ an, den sie 40 Jahre lang verachtet und bekämpft haben, und winseln um Gnade! Und es kommt noch schlimmer: Während Erich Honecker 1990 bei der Evangelischen Kirche, bei Pfarrer Holmer in Lobetal/Kreis Barnim bei Berlin, vorübergehend Unterschlupf fand, lebte NVA-Generaloberst und DDR-Verteidigungsminister Heinz Kessler, der noch 2009 DKP-Mitglied geworden war, zuletzt im Seniorenstift St. Antonius in Berlin-Karlshorst, einem Altenheim der Katholischen Kirche.

 

Eva Ruppert „Liebe Eva. Erich Honeckers Gefängnisbriefe“, Verlag edition ost, 176 Seiten, 9.99 Euro, Berlin 2017

Jörg Bernhard Bilke
Über Jörg Bernhard Bilke 153 Artikel
Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.

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