„Der Puppenspieler aus Mecklenbörg“- Hamster Damms Briefband ein Gesamtkunstwerk

Klaviertasten, Foto: Stefan Groß

Der 1965 geborene Joachim (Hamster) Damm gilt als Multitalent: Puppenspieler, Puppenbauer, Bühnenbildner, Buchgestalter, Maler, Graphiker…Als Autor trat er bislang weniger in Erscheinung. Damm ist in Bild und Wort ein genauer Beobachter. Nun erschien, pünktlich zur Leipziger Buchmesse, ein wunderbarer Band mit dem Briefwechsel Franz Fühmanns mit Joachim Damm. Er ist Teil einer Reihe eindrucksvoller Briefbände. Bislang waren diese Fühmanns Urfreund Wieland Förster, seinem Verleger Kurt Batt und seiner unersetzbaren Lektorin Ingrid Prignitz vorbehalten. Diese Editionen wurden grundsolide kommentiert.

Das vorliegende Buch ist etwas völlig anderes: Ein Briefgespräch zwischen einem neugieren Jungen und einem großen Autor – beide altersmäßig durch 43 Lebensjahre getrennt. So etwas, lesen wir auf dem Cover, sei „einzigartig in der deutschen Literatur.“ Der Band 3 dieser Buchreihe umfasst neun Jahre – bis 1984, als Fühmann starb.

Er setzt mit einem (sogleich bebilderten) Brief ein, in dem der phantasiereiche Neunjährige seine Leseeindrücke zu Fühmanns „Prometheus“- Adaption aufschreibt. Vor allem stellt er Fragen, will mit Ungeduld wissen, wie es im zweiten Teil weitergeht. Neun Tage später kommt ein geduldiger und ausführlicher Brief Fühmanns zurück. Der Junge gewinnt bald Vertrauen, spürt, wie ernst der Dichter junge Leser nimmt. Fühmann hat nichts Onkelhaftes an sich, er spricht auch mit Joachim auf Augenhöhe.

Im Jahre 1976 fragt der Zehnjährige vorsichtig an, ob der Dichter ihm eine „kurze Geschichte im Dialog“ (ein Puppenspiel) schreiben könnte. Fühmann arbeitete an vielen Projekten gleichzeitig, wie ein Berserker – seinem Briefpartner sagte er, wie ein Kamel: ausdauernd und genügsam. Noch nie hatte er in der dramatischen Gattung gearbeitet. Hinzu kam, dass der werdende Puppenspieler das dramatische Personal bereits zeichnerisch vorgegeben hatte: eine dicke Dame (Katja), ein Sultan, ein Ritter, eine Prinzessin, ein orientalischer Zauberer, ein Drache und Sklaven. Die Gebrüder Damm brachten das Auftragswerk in einer kleinen Köpenicker Wohnung – im Beisein des Dichters – zur Welturaufführung. Das Spiel in 4 Akten „für Joachims sechs Puppen“ heißt „Der glückliche Ritter oder Wie wird man Oberdiskutierer“ Als Epilog ist es im Band den Briefen nachgestellt.

Als Joachims Eltern getrennte Wege gehen, ist Fühmann äußerst beunruhigt. Er mischt sich nicht in familiäre Interna ein, aber er ist besorgt, dass die Entwicklung des begabten Puppenspielers leiden könnte.

Als dritte Briefschreiberin kommt dezent, in knappen Ausschnitten, Sigrid Damm zu Wort, als Mutter, die behutsam und nicht ohne Stolz Joachims Dialog mit dem väterlichen Mentor Fühmann verfolgt. Zugleich ist sie in kulturpolitisch schweren Zeiten, 1976, im Jahr der Biermann- Ausbürgerung, als Mitarbeiterin im Kulturministerium und als Literaturkritikerin auch mit Fühmanns Schaffen befasst. Fragen werden verhandelt, die der elfjährige Joachim noch nicht voll erfassen kann.

Ein Reiz des Buches besteht darin, dass die Briefe des Kindes / des Jugendlichen als Faksimiles (also  unkorrigiert) wiedergegeben werden. Durch diese Authentizität kann der Leser und Betrachter die Entwicklung des Zeichners und Schreibers gut verfolgen.

1979 schickte Franz Fühmann seinem Zögling einen Band mit Stücken Alfred Jarrys (1873-1907), der im Leipziger Reclam erschienen war. Die Zeit schien reif, dass Joachim Bekanntschaft mit einem Autor der Vormoderne schließt. Dessen bekanntestes Stück „König Ubu“, das schon im 19. Jahrhundert von Puppenspielern erprobt wurde, war noch auf keiner Bühne der DDR zu sehen. Diese Anregung war für den Mecklenburger Puppenspieler „ein Volltreffer“. Von dem Drama, das bewusst holzschnittartig – primitiv angelegt ist, war er besessen. Drei Jahre lang schuf er 30 Marionetten (die zum Teil in dem Band zu sehen sind) und probte mit einigen Mitspielern. All dies fand parallel zur Schulausbildung an der amusischen Oberschule „John Brinkmann“ in Güstrow statt, wo Jahrzehnte vor Damm Uwe Johnson Schüler war. Die dortigen Lehrer zeigten für die DDR-Premiere dieses surrealistischen Stückes in der finstersten Provinz keinerlei Interesse.

Eröffnet wird der Briefband durch den lesenswerten Essay „Mein Fühmann“, abgeschlossen mit der zauberhaft illustrierten autobiographischen Erzählung „Die Fliege im Auge“. Zugleich umrahmt Damm sein Buch durch ein farbiges Porträt des hageren Dichters, das 1989 entstand. Am Ende ist ein Panorama vom unvergesslichen 4. November 1989 zu sehen. Zu unserer Überraschung steht der sehr lebendige Franz Fühmann am Mikrophon, obgleich er bereits fünf Jahre tot war. „Sollte er kurze Zeit darauf wieder, ein viertes Mal in seinem Leben, um seinen Glauben betrogen werden?“ Der verbale Dialog zwischen dem Dichter und dem Puppenspieler wird geistreich durch ein Selbstzitat ins Bild gesetzt: Damm zeigt Fühmann seine indessen berühmt gewordene Egon-Krenz-Parodie „Großmutter, warum hast du so große Zähne?“ Mit diesem Plakat stand Joachim Damm vor 29 Jahren auf dem Alex… Hamster Damm war im Sinne seines Mentors zu einem vielseitigen, originellen und widerständigen Künstler gereift.

Für die zahlreichen Superlative, die hier zu einer Laudatio beitrugen, muss sich der Rezensent entschuldigen. Bei diesem Buch ging es nicht anders.

Franz Fühmann, Die Briefe, Band 3 – Briefwechsel mit Joachim Damm. Hinstorff Verlag Rostock 2018, 175 Seiten, ISBN 978-3-356-02168-4, 22 Euro.

Über Ulrich Kaufmann 11 Artikel
PD. Dr. Ulrich Kaufmann wurde 1951 in Berlin geboren u. lebt seit 1962 in Jena. Hier hat er nach dem Abitur 1970 Germanistik und Geschichte studiert. 1978 wurde er in Jena über O.M.Graf promoviert u. 1992 über Georg Büchner hablitiert. Von 1978 bis 1980 war Kaufmann als Aulandsgermanist im polnischen Lublin tätig.Von 1999 bis 2016 Gymnasiallehrer für Deutsch u. Geschichte. Er hat 10 Bücher über die deutsche Literatur verfasst.