Die unhinterfragten Voraussetzungen der Wissenschaften

In den letzten einhundert Jahren gibt es wohl kaum etwas, über das wir mehr erfahren haben, als über dieses merkwürdige Phänomen, das wir Materie nennen. Doch trotz aller Erkenntnis auf diesem Gebiet ist die Materie, gerade in vielen naturwissenschaftlichen Publikationen, ein oftmals unhinterfragtes Problem. So heißt es in einem Standardwerk zur Evolutionsbiologie: „Der Materialismus ist das solide philosophische Fundament, auf dem auch die Evolutionstheorie ruht.“ (Kutschera: Evolutionsbiologie, 2008, S. 12). Das klingt ganz so, als wüsste der Autor, was sich hinter dem Begriff Materie verbirgt. Doch das ist natürlich ganz und gar nicht der Fall. Von welcher Art Materialismus spricht er? Ist es das, was Ernst Bloch einmal spöttisch Klotzmaterialismus genannt hat? Das heißt, Materie gedacht als ein Sammelsurium bauklotzartiger Gebilde, die sich irgendwie zu Irgendetwas formieren? Ist es der Materiebegriff der Quantenmechanik, die darunter nur noch ein Geflecht von Beziehungen versteht und sich vom „klassischen“ Materiebegriff so weit wie irgend möglich entfernt hat? Ist Materie eine Ansammlung protokomplexer, protovitaler oder gar protomentaler „Teilchen“? Sind die Teilchen vielleicht gar keine Teilchen sondern vielmehr Ganze/Teilchen, das was Arthur Koestler und, etwas später, Ken Wilber als Holons bezeichnet haben? Diese Aufzählung ließe sich problemlos weiter fortführen. Wie auch immer, eines steht auf jeden Fall fest: Ganz so einfach, wie es sich Kutschera und mit ihm viele andere Naturwissenschaftler machen, liegt der Sachverhalt offensichtlich nicht. Darüber hinaus geht es hier nicht um philosophische Erbsenzählerei, wie vielleicht manch einer an dieser Stelle denken mag. Klotzmaterialismus oder nicht, ist das so entscheidend? Ja, ist es! Denn mit dem Materiebegriff steht und fällt so manches naturwissenschaftliche und philosophische Lehrgebäude. Wer hier nicht von Beginn an sauber gedacht hat, wird sich später zwangsläufig in eine Vielzahl von Widersprüche verwickeln, oder, was vielleicht noch schlimmer ist, er wird die unausgesprochenen Voraussetzungen seines Denkens oder Experimentierens fälschlicherweise später für die Ergebnisse halten. Gerade dieser Tatsache begegnet man in der Evolutionstheorie, die hier lediglich exemplarisch für andere Disziplinen steht, nicht selten.

Gehen wir einmal von einem naiven Materiebegriff aus, so wie ihn Ernst Bloch seinerzeit verspottet hat. Der englische Philosoph und Mathematiker Alfred North Whitehead schreibt dazu: „Der ursprüngliche Stoff oder das Material, von dem eine materialistische Philosophie ausgeht, ist der Evolution unfähig.
Dieses Material ist an sich die elementare Substanz. Evolution wird nach der materialistischen Theorie auf ein anderes Wort für die Beschreibung von Veränderungen in den äußeren Relationen zwischen Materieteilen reduziert. Hier gibt es nichts, was der Evolution fähig wäre, weil eine Menge von äußeren Relationen so gut wie jede andere ist. Möglich ist allein eine nicht zweckgerichtete und nicht fortschreitende Veränderung. Aber die ganze moderne Lehre läuft darauf hinaus, daß eine Evolution der komplexen Organismen aus früheren Zuständen weniger komplexen Organismen stattfindet. Die Lehre schreit daher geradezu nach einer Konzeption des Organismus, wie er für die Natur grundlegend ist.“ (Alfred North Whitehead: Wissenschaft und moderne Welt, 1988, S. 130). Materie, naiv gedacht, ist demnach keiner Evolution fähig. Möglicherweise würde eine Vielzahl von Wissenschaftlern dieser Behauptung zustimmen. Falls sie es nicht tun, haben sie unreflektiert der Materie bereits Eigenschaften zugesprochen, die ein Materialist im ursprünglichen Sinne des Wortes eigentlich ablehnen müsste. Was sind das für Eigenschaften? Materie hat die Tendenz, sich zu immer komlexeren Gebilden zusammenzufügen. Von Teilhard de Chardin, dem französischen Philosophen und Paläontologen, stammt der Satz, ceér, c`est unir (schöpferisch sein, heißt vereinigen). Eine komplexe Struktur ist nun aber bereits durch eine Zunahme an Information gekennzeichnet, andernfalls wäre es ein bloßer Haufen. Unter Information verstehen wir hier die „Gesamtheit der Wirkungspotenz, die ein Muster in Wechselbeziehung zu allen anderen denkbaren Mustern besitzt“ (Carsten Bresch: Die Menschheit an der zweiten Schwelle der Evolution, 1979, S. 52):Materie als Ansammlung von leblosen Bauklötzen gedacht, würde wohl eher dazu neigen, sich zu sinn- und wertlosen Haufen zu formieren, da „eine Menge von äußeren Relationen so gut wie jede andere ist.“ Materie, so wie wir sie wahrnehmen, tendiert aber zur Ausbildung komplexer Strukturen unter Zunahme von Information. Das ist etwas grundlegend anderes. Diese Materie nenne ich protokomplex. Protokomplexität ist demnach bereits eine unausgesprochene Eigenschaft der Materie.

Die nächste Stufe der Entwicklung ist der Schritt von zwar komplexen, aber unbelebten, zu lebendigen Strukturen. Für diesen in völliger Dunkelheit liegenden Vorgang muss in der Evolutionsbiologie der Begriff Emergenz oder wahlweise Fulguration (von lat. fulgur, der Blitz) herhalten. Der Begriff stammt ursprünglich vom österreichischen Ethologen und Nobelpreisträger Konrad Lorenz. Emergenz heißt also in diesem Fall, dass ab einem gewissen Grad von Komplexität eine neue Systemeigenschaft auftritt: Leben! Wie sich aber dieser geheimnisvolle Vorgang im Einzelnen vollziehen soll, darüber schweigt sich die Wissenschaftsgemeinde aus. Natürlich, denn Emergenz ist das genaue Gegenteil einer sich im kausal-reduktionistischen Rahmen abspielenden naturwissenschaftlichen Erklärung. Vielmehr handelt es sich um einen quasi-numinosen Vorgang, man könnte auch ganz profan sagen, um Zauberei. Da Naturwissenschaftler in der Regel nicht an Magie glauben, muss man an dieser Stelle vermuten, dass der ein oder andere von ihnen eine weitere unausgesprochene Voraussetzung gemacht hat. Er hat der Materie bereits, wenn auch sozusagen in unendlich verdünnter Form, lebendige Eigenschaften zugeschrieben. Das wäre der protovitale Materiebegriff. Wie könnte es auch anders sein? Wie etwa soll man sich tote Materie vorstellen? Materie besitzt Energie, ist unablässig in Bewegung und verfügt darüber hinaus, wie wir bereits festgestellt haben, über Information, was man auch teleologisch nennen könnte, und ist damit natürlich noch nicht lebendig, aber mit Sicherheit auch nicht gänzlich tot.


Der nächste und im wörtlichen Sinne wunderbarste Sachverhalt ist der Übergang von lebendigen zu geistigen, bzw. bewussten Wesen. Auch diese neue Systemeigenschaft soll wieder mittels Emergenz erklärt werden. Hat das schon beim Übergang von unlebendiger Materie zu lebendigen Strukturen nicht funktioniert, scheitert dieses Konzept zur Erklärung der Entstehung des Geistes nun völlig. Hatte sich der Übergang vom Unlebendigen zum Lebenden noch im materiellen Raum vollzogen, so ist der Geist, bzw. das Bewusstsein ja gerade dadurch gekennzeichnet, dass es diese räumlichen Strukturen verlässt und eine völlig neue Kategorie konstituiert. Das ist bereits auf der Ebene des Geistes der Fall. Bei Betrachtung des subjektiven Bewusstseins (Stichwort Qualia), beginnt die ganze Sache noch wesentlich komplizierter zu werden. Hier stehen wir spätestens vor dem größten Rätsel überhaupt, oder, mit den Worten des australischen Philosophen David Chalmers, vor den „hard problems of consciousness“. Aber das soll hier gar nicht Thema sein.


Ein weiteres Kriterium des Geistes ist, im Gegensatz zum Leben, das nicht graduell abgestuft ist, die Tatsache, dass er sich im Laufe der Evolution langsam entwickelt hat und nicht etwa blitzartig (fulgurativ) aufgetreten ist. Den Geist mit Hilfe von Emergenz zu erklären läuft also offensichtlich ins Leere. Der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker sah da bereits tiefer, als er schrieb, „
dass die Materie, welche wir nur noch als dasjenige definieren können, was den Gesetzen der Physik genügt, vielleicht der Geist ist, insofern er sich der Objektivierung fügt.“ (Carl Friedrich von Weizsäcker: Die Einheit der Natur, 1972, S. 289). Ein Materialist, der aber trotz allem an diese Form der Emergenz glaubt – und um nichts anderes als Glauben handelt es sich hier – kommt wohl nicht um die Erkenntnis herum, dass er auch hier eine stillschweigende Voraussetzung macht, indem er der Materie eine, wie auch immer geartete, geistige Ebene zusprechen muss. Damit wären wir zuletzt beim protomentalen Materiebegriff angekommen.

Zusammengefasst heißt das: Ein Materialist im wirklichen, strengen und ursprünglichen Sinne des Wortes muss von einem Materiebegriff ausgehen, der von allen eben beschriebenen intrinsischen Eigenschaften der Materie absieht und sie als ungeistig und tot betrachtet. Eine solche Materie wäre aber, um noch einmal Whitehead zu zitieren, „der Evolution unfähig“, da sie sich nur zu immer neuen chaotischen Haufen zusammenschließen würde, wenn sie sich überhaupt zusammenschlösse. Denn das Bestreben sich zusammenzuschließen setzt ja bereits etwas voraus, über das streng materialistisch gedachte Materie nicht verfügt. Dass aber aus Materie lebendige und geistige Wesen hervorgehen, die noch dazu über ein subjektives Bewusstsein verfügen, setzt unausgesprochen einen anderen Materiebegriff voraus. Wer jetzt aber sagt, dass Materie macht, was sie eben macht, sei nichts anderes als eine Folge der Naturgesetze, vergisst, dass auch – oder gerade – die sogenannten Naturgesetze, das heißt ihre Entstehung, ihre speziellen Werte (die Evolution überhaupt erst möglich machen), und ihre Wirkungen, also das, was man auch als Anthropisches Prinzip bezeichnet, in metaphysischer Dunkelheit liegen. Wir können zwar jeden Tag beobachten, was durch Gravitation geschieht, was aber Gravitation ist und warum sie exakt diese Eigenschaften aufweist, bleibt völlig ungeklärt. Das gleiche gilt für die Feinstrukturkonstanten und ihre besonderen Eigenschaften.


Wer demnach heute noch behauptet, sein Weltbild stünde auf dem festen Boden des Materialismus, der muss erst einmal darlegen, was genau er noch unter Materie versteht. Die naturwissenschaftlichen Disziplinen, bzw. ihre Vertreter, sind somit aufgerufen, in Zukunft vermehrt Rechenschaft darüber abzulegen, auf welchem Materiebegriff ihre weltanschauliche Konzeption basiert.

Zum Autor: Eckart Löhr studierte Philosophie und Germanistik und lebt als freier Fachjournalist in Essen. Veröffentlichungen in verschiedenen Onlinemagazinen sowie in Spektrum der Wissenschaft.

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