Donald Trump: „Denn mein ganzes Leben lang war ich habsüchtig, habsüchtig, habsüchtig.“ – Die Habsucht als Motor der modernen Gesellschaft

Geld. Foto: Stefan Groß

Donald Trump hat uns bereits am 9. Januar 2016 während einer Wahlkampfrede in Des Moines, Iowa, seine leitende Politik-Maxime sehr klar vorgestellt. Unter tosendem Applaus der Zuhörer sagte er:

„My whole life I’ve been greedy, greedy, greedy. I’ve grabbed all the money I could get. I’m so greedy. But now I want to be greedy for the United States. I want to grab all that money. I’m going to be greedy for the United States.“[1] [„Mein ganzes Leben lang war ich habsüchtig, habsüchtig, habsüchtig. Ich habe mir alles Geld geschnappt, das ich bekommen konnte. Doch nun möchte ich für die Vereinigten Staaten habsüchtig sein. Ich möchte all das Geld einkassieren. Ich werde für die Vereinigten Staaten habsüchtig sein.“]

Dass ein derart machiavellistisch-hobbes’sches Theorem des derzeitigen Präsidenten der größten Supermacht der Welt nackt als politisches Programm formuliert werden kann, ist so erstaunlich und gleichzeitig so sprechend für unsere Zeit und Gesellschaft, dass es eine Betrachtung verdient.

Zumal der Trump-kritische Journalist Ezra Klein (in Abgrenzung von den Äußerungen Trumps) dieses Zitat auf Facebook bereits am 29. Januar 2016 mit der vorausschauenden Bemerkung gepostet hat, dass genau diese offene Habgier ein Argument für Trumps Wahlsieg sein wird: „This is why he’s winning“.[2] [„Deshalb gewinnt er.“] Damit hatte Ezra Klein (wie wir nun wissen) zweifellos recht. Donald Trump hat die Präsidentschaftswahlen gewonnen, womöglich weil er – wo andere Politiker ebenso wie Journalisten sich weiterhin genötigt sehen, gewisse moralische Standards zumindest noch zu behaupten – ganz offen das movens unserer Gesellschaft beschreibt: die Habgier, seit der Antike als gesellschaftsgefährdend und zersetzend verdammt, vom Christentum als eine der sieben Todsünden deklariert, heute eine Kardinaltugend, die den Wahlsieg möglich macht. Frei mit Kurt Vonnegut: So geht das.

Zumindest die Lüge – spätestens seit Augustinus[3] zwar keine Todsünde, doch aber eine schwere Sünde, wird man Trump nicht vorwerfen können. Was auch ein Grund für seinen Wahlsieg sein mag. Für die Politik und für die Presse wird es nun schwer sein, mit diesem Mann und dem politischen establishment, für das er steht, umzugehen, und wir können gespannt sein, wie sich die öffentliche politische Szene und die Zeitungen hierzu verhalten werden. Das öffentliche Herumeiern der Politiker und Journalisten wird nun (wir werden es sehen) eine neue Richtung nehmen müssen. Wir sind gespannt. Für einen Zyniker, „dem nichts Menschliches fremd ist“, wird es eine interessante Zeit werden, denn – wie schon Balthasar Gracian in seinem Handorakel der Weltklugheit meinte: „Mehr ist nun erfordert, um in diesen Zeiten mit einem einzigen Menschen fertig zu werden, als in vorigen mit einem ganzen Volke.“[4]

Dennoch macht dieses Zitat von Donald Trump nachdenklich und ist (sofern man noch kein vollkommener Zyniker ist) bedrückend. Schließlich haben sich in der Vergangenheit nahezu alle Philosophen und Politiker gegen die Habsucht ausgesprochen und sie mit den schärfsten Worten verdammt. Bereits Aristoteles hatte sie in seiner Nikomachischen Ethik als Pleonexie[5], dem ständigen Drang nach Mehrhabenwollen, mit durch die Geschichte hindurch wirkmächtigen Worten kritisiert. Dieser Kritik an der Habsucht, der Pleonexie, dem Mehrhabenwollen, liegt bei Aristoteles ein Verständnis des Politischen zugrunde, das unsere Gesellschaft nicht nur nicht mehr teilt, sondern dessen Gegenteil (und mit Trumps erfolgreichen Worten ganz offensichtlich) sogar Antrieb und Motiv aller Handlungen zu sein scheint.

Aristoteles diskutiert die Pleonexie im fünften Buch der Nikomachischen Ethik im Zusammenhang mit der Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit ist für Aristoteles die höchste aller Tugenden, weil sie für das gute und geregelte Zusammenleben der Bürger einer Polis untereinander essentiell wichtig und notwendig ist. Sie ist die politische Tugend schlechthin. Ohne Gerechtigkeit ist für Aristoteles kein politisches Zusammenleben möglich, da in der politischen Organisation das Ziel (telos) des Menschen besteht:

„Deswegen gilt die Gerechtigkeit als die wichtigste aller Tugenden, und weder der Abendstern noch der Morgenstern ist so wunderbar. Auch im Sprichwort heißt es ‚In der Gerechtigkeit ist jede Tugend enthalten`. Und sie gilt am meisten als vollkommene charakterliche Gutheit, weil sie die Ausübung der vollkommenen Gutheit ist. Vollkommen aber ist sie, weil der, der sie besitzt, die Tugenden auch in Bezug auf den anderen Menschen gebrauchen kann, und nicht nur für sich selbst. […] Deswegen gilt der Ausspruch des Bias als richtig, dass die Ausübung eines Amtes zeigt, was für ein Mensch jemand ist. Denn wer ein Amt innehat, der ist schon auf den anderen Menschen bezogen und ist schon in Gemeinschaft. […] Die Gerechtigkeit in diesem Sinn nun ist nicht ein Teil der charakterlichen Gutheit, sondern die ganze Gutheit, und die ihr entgegengesetzte Ungerechtigkeit ist nicht ein Teil der Schlechtigkeit, sondern die ganze Schlechtigkeit.“[6]

Die Habsucht zerstört – folgen wir Aristoteles – die Gerechtigkeit und damit das politische Fundament, auf dem eine Gesellschaft beruht, weshalb sie für Aristoteles nicht nur „ein Teil der Schlechtigkeit, sondern die ganze Schlechtigkeit“[7] ist. Aus diesem Grund verurteilt er diejenigen, die nach Mehr streben – also die pleonektes, die Habsüchtigen – auf das Strengste, weil sie mehr haben wollen, als ihnen (im Verhältnis zu den anderen Bürgern) zusteht, weshalb sie ungerecht und für die Gesellschaft zerstörerisch sind:

„Als ungerecht gilt zum einen, wer das Gesetz verletzt (paranomos), zum anderen, wer mehr haben will (pleonektes), das heißt eine Einstellung der Ungleichheit hat. […] Da nun der Ungerechte mehr haben will, wird er es mit Gütern zu tun haben, nicht mit allen Gütern, sondern mit denen, auf die sich äußeres Glück (eutychia) und Unglück (atychia) beziehen, mit Gütern also, die als solche immer Güter sind, für einen bestimmten Menschen aber nicht in jedem Fall. Die Menschen erbitten sie in Gebeten und jagen ihnen nach. Das sollten sie jedoch nicht tun, sondern sollten vielmehr erbitten, dass die Dinge, die für sich genommen Güter sind, auch Güter für sie sind, [dann auch] wählen.“[8]

Ähnlich schreibt Aristoteles in der Politik:

„Wenn viele (Verfassungsgeber), selbst solche, die aristokratische Verfassungen einrichten wollen, nicht nur den Reichen größeren Einfluß einräumen, sondern auch den Demos betrügen, dann begehen sie einen schweren Fehler. Denn es läßt sich nicht vermeiden, daß irgendwann im Laufe der Zeit falsches Wohl zu einem tatsächlichen Übel wird. Die Bemühungen der Reichen, sich einen Vorteil zu sichern, ruinieren ja mehr die Verfassung als diejenigen des Demos.“[9]

Für Aristoteles ist die Habsucht – die Pleonexie – die höchste Form der Ungerechtigkeit und damit das Schlimmste aller Laster, weil sie das Bestehen einer politischen Gemeinschaft gefährdet. Dies gilt ganz besonders, wenn führende politische Amtspersonen habsüchtig sind und Partikularinteressen über das Wohl der Allgemeinheit stellen.

Die politische Gemeinschaft (die Polis) bestand in der Konzeption Aristoteles’ hierbei nicht in erster Linie in wirtschaftlicher Unabhängigkeit (wie es unser heutiges Verständnis nahelegt) und in der Profitmaximierung der in einer politischen Gemeinschaft lebenden Individuen/Institutionen (dies selbst moderne Begriffe), sondern in der Sicherung eines gemeinsamen und damit guten politischen Lebens der Bürger, das der Habsüchtige durch sein übertriebenes Mehrhabenwollen gefährdet.

Auch wenn die Römer im Allgemeinen mit moralischen und politischen Fragen etwas lockerer umgegangen sind als ihre griechischen Vorgänger, blieb die (zumindest öffentliche) Verurteilung der Habsucht doch ein Grundbestandteil der damaligen politischen Diskussion. In diesem Sinne thematisierte bereits Cicero (exemplarisch als die uns bekannteste öffentliche Person) das Laster der Habgier in seinem Werk Über die Pflichten (De officiis), insbesondere bezogen auf die für jeden Staat wichtigen Amtsträger. Gerade Amtspersonen sollten nicht darauf aus sein, sich persönlich zu bereichern, weil dies – Aristoteles folgend – in ungerechten Handlungen mündet, die das Bestehen eines Gemeinwesens gefährden:

„Kein Laster ist abstoßender als die Habsucht, vor allem bei führenden Männern und solchen, die den Staat leiten. Den Staat nämlich als Erwerbsquelle zu haben ist nicht nur schändlich, sondern auch verbrecherisch und ruchlos. Daher scheint mir der pythische Apollon das, was er in einem Orakel verkündete, nämlich daß Sparta durch nichts anderes als die Habsucht zugrunde gehen werde, nicht nur den Lakedaimoniern, sondern auch allen Völkern vorausgesagt zu haben. Jene aber, die an der Spitze des Staates stehen, können durch keine Sache leichter den Wohlwollen vieler gewinnen als durch Enthaltsamkeit und Selbstbeherrschung.“[10]

Auch für die Stoa, den Epikureismus sowie für die gesamte antike Philosophie[11] blieb die Habsucht das Grundübel schlechthin, mit derselben Argumentation, die wir bei Aristoteles und Cicero bereits kennengelernt haben: Weil sie ungerecht ist, persönliche Interessen über das Wohl der Gemeinschaft stellt und damit zu zutiefst apolitischen und asozialen Ergebnissen führt, da sie ein bestehendes politisches System auflöst: mit all den Folgen, die solches nach sich zieht, die in der Geschichte bekannt sind (all das ist nicht neu, man lese nur Thukydides, Plutarch und Sueton für die griechische bzw. römische Antike oder Montaigne, Hobbes und Grimmelshausen für die beginnende Moderne) und die sich uns nun bereits wieder (Auflösung der EU, Pegida und AfD, um nur die offensichtlichsten Entwicklungen zu nennen) ankündigen.

Ebenso wurde die Habgier natürlich im Christentum verdammt, wenn auch weniger als politisches Fehlverhalten, sondern vielmehr als persönliche, das Seelenheil gefährdende Sünde, die meist als ein unmäßiges Streben nach irdischem Besitz und als mangelndes Gottvertrauen charakterisiert wurde. Die Habgier (avaritia; cupiditas) gehört sowohl in den Katalog der sieben Hauptlaster[12] als auch zu den drei Versuchungen[13]. Der Bibelstelle 1 Timotheus 6 folgend: „Habgier ist die Wurzel aller Übel“ wurde die Habgier als in sich schlecht beschrieben. Mehr noch: Auf Grundlage von Jakob 5 wurde sie sogar als „himmelschreiende Sünde“ verurteilt, die noch schlimmer sei als die Todsünden, weil die Habsucht die Ausbeutung der Arbeiter fördere. Bei Jakob heißt es:

 

„1 Nun also, ihr Reichen, weint und heult über eure Plagen, die über euch kommen! / 2 Euer Reichtum ist verfault, und eure Kleider sind von Motten zerfressen worden. / 3 Euer Gold und Silber ist verrostet, und ihr Rost wird zum Zeugnis sein gegen euch und euer Fleisch fressen wie Feuer; ihr habt Schätze gesammelt in den letzten Tagen. / 4 Siehe, der von euch vorenthaltene Lohn der Arbeiter, die eure Felder geschnitten haben, schreit, und das Geschrei der Schnitter ist vor die Ohren des Herrn Zebaoth gekommen. / 5 Ihr habt auf der Erde in Üppigkeit gelebt und geschwelgt; ihr habt eure Herzen gemästet an einem Schlachttag. / 6 Ihr habt verurteilt, ihr habt getötet den Gerechten; er widersteht euch nicht.“

Alle Stellen des Neuen Testaments anzuführen, in denen die Habgier verdammt wird, hieße fast, das gesamte Neue Testament zu zitieren, angefangen mit der Vertreibung der Geldwechsler durch Jesus aus dem Tempel. Hier sei nur eine Stelle aus dem Evangelium des Matthäus wegen ihrer Exemplarität und Eindrücklichkeit (gleichzeitig auch die Todsünde der superbia kritisierend) wiedergegeben:

25 Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung? / 26 Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie? / 27 Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen möge, ob er gleich darum sorget? / 28 Und warum sorget ihr für die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. / 29 Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist wie derselben eins. / 30 So denn Gott das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr euch tun, o ihr Kleingläubigen? / 31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? / 32 Nach solchem allem trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr des alles bedürfet. / 33 Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen. / 34 Darum sorgt nicht für den andern Morgen; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.“[14]

Dementsprechend gab es – von der lateinischsprachigen Spätantike seit Augustinus[15] gar nicht zu sprechen – auch im griechischsprachigen Raum eine ganze Homilienliteratur gegen die Habsucht, angefangen von Klemens von Alexandrien über Klemens von Nyssa bis zu Gregor von Nazianz[16]. Isidor von Sevilla spitzte die Kritik der Habsucht (für das lateinischsprachige Mittelalter wirkmächtig) im 6./7. Jahrhundert nach Christus noch zu, wenn er neben Lüge, Betrug, Meineid, Gewalt und Unmenschlichkeit auch Raub (furta), das Streben nach unredlichem Gewinn (turpis lucri appetitus), den Hang zu falschen Zeugnissen (falsa testimonia) und Raffgier (rapacitas) als Töchter der Habsucht (avaritia) nennt.[17]

Im Spätmittelalter erhielt die Kritik an der Habsucht eine noch tiefere Gewichtung als Reaktion auf die sich herausbildene bürgerliche Geld- und Warenwirtschaft. Im 12. und 13. Jahrhundert wurden die Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner gegründet (jeweils als Reaktion der sich verändernden politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse), deren Grundsätze der Armut (paupertas) der Habgier vollkommen entgegengesetzt waren. Als Beispiel sei ein Text angeführt, der in der Mitte des 13. Jahrhunderts entstand: In diesem Text[18] begibt sich der heilige Franziskus selbst auf die Suche nach der Armut, die als „Fundament aller Tugenden“ (fundamentum omnium virtutum) bezeichnet wird. In ihrer Rede beklagt sich die Armut darüber, dass ihre Gegnerin, die Habsucht (avaritia), verstanden als „unmäßiges Begehren, Reichtümer zu erwerben oder zu behalten“, sich unter den Namen der „Unterscheidung“ (discretio) und der „Voraussicht“ (providentia) – was uns bei Hobbes noch begegnen wird – ausgibt und die Menschen korrumpiert.[19]

Hier ließen sich noch unendlich viele Beispiele der Zeit hinzufügen, von Thomas von Aquin[20] über Dante Alighieri, der die Habsüchtigen in der Göttlichen Komödie mit dem Rücken nach oben im Staub liegen lässt, weil sie Gott nicht anschauen dürfen[21], bis hin zu Bernhardin von Siena[22], dessen Predigten Poggio Bracciolini in Florenz zum Anlass genommen hatte, im Jahr 1428 mit seinem Dialog Über die Habsucht[23] (De avaritia) die wohl wichtigste Abhandlung der Renaissance über dieses Thema zu schreiben. Der Punkt ist klar: Seit der Antike ist die Habsucht bis ins späte Mittelalter und die Renaissance hinein verurteilt worden, weil sie – folgen wir diesen Autoren – für die Gesellschaft gefährlich und für jeden einzelnen zersetzend gewesen ist.

Diese Sicht auf den Menschen, seine Ziele und das menschliche Zusammenleben generell änderte sich erstmals systematisch und philosophisch fundiert mit Thomas Hobbes, den wir als den Theoretiker einer modernen Gesellschaft sehen können, in dessen Folge (freilich wahrscheinlich ohne es zu wissen) auch Donald Trump mit seiner öffentlichen Affirmation der Habsucht noch steht – mit dem Unterschied freilich, dass Hobbes’ Bücher in Oxford verbrannt worden sind, während man Donald Trump dafür applaudiert. Machiavelli hatte eine neue Sicht auf den Menschen, des Politischen als eigenen Sektors – in dem die Habsucht eine grundsätzliche und handlungsmotivierende Rolle spielt – und dessen Zielen in seinem Principe[24] und seinen Discorsi[25] bereits angedeutet, doch Thomas Hobbes hat in seinem Leviathan[26] erstmals das Konzept einer Gesellschaft theoretisch fundiert und analysiert, in der auch wir noch leben: Einer Eigentumsmarktgesellschaft[27], in der sich atomisierte und voneinander vollständig dissoziierte Individuen begegnen, die nur durch die Überwindung ihres jeweiligen Eigeninteresses – das bei Hobbes nicht mehr hinterfragt, sondern (aufgrund und in Erweiterung seiner Erfahrungen während des englischen Bürgerkriegs) als faktisch in der Natur des Menschen gegeben angenommen wird – durch einen starken Souverän, die einzige Macht, „die sie alle in Schrecken halten kann“[28] noch zusammengehalten werden, um ein einziges politisches Ziel zu realisieren: Den Wunsch nach Frieden, der sich (so denkt es Hobbes) nur durch die Eingrenzung der im menschlichen Wesen als vorausgesetzt gedachten Habsucht jedes Einzelnen durch einen starken Souverän realisieren lässt.

Um diesen grundsätzlich neuen Blick auf den Menschen und die Entstehung der Gesellschaft bei Hobbes deutlich zu machen, erlaube ich mir nur, Hobbes mit Rousseau zu kontrastieren: Rousseau schreibt zu Beginn des zweiten Kapitels des Gesellschaftsvertrages: „Das älteste und einzige naturgegebene gesellschaftliche Gebilde ist die Familie […].“[29] Hobbes schreibt in De cive [Über den Bürger], gleichsam den Kern seiner gesamten Anthropologie zusammenfassend: „Wir wollen nun auf den Naturzustand zurückgehen und annehmen, daß die Menschen – gleichsam wie Pilze – plötzlich aus der Erde hervorgewachsen und erwachsen wären, ohne das einer dem anderen verpflichtet wäre.“[30] Für Hobbes gibt es kein unter den Mensch zu verwirklichendes politisches Ziel, keine Annahme des Menschen als eines politischen Lebewesens, das sein Leben erst in dem Zusammenleben mit anderen zu einem erfüllten und glücklichen Leben macht. Es gibt für Hobbes – der hier unterbewusst oder bewusst in Form des „Naturzustandes“ seine (und auch unsere Zeit) beschreibt, kein glückliches Leben mehr. Es gibt nur noch die Eingrenzung der Habsucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln – wohlgemerkt: gegen die Menschen und ihre als ewig seiend vorausgesetzten egoistischen Partikularinteressen, ihrem Streben nach dem immer Mehrhabenwollen.

In der Konzeption Hobbes’ ist der Mensch ein nie zur Ruhe kommendes, getriebenes Lebewesen, das von seinem Streben nach Mehrhabenwollen (der seit der Antike verdammten Pleonexie) niemals ablassen kann:

„Hierbei haben wir zu beachten, daß die Glückseligkeit dieses Lebens nicht in der zufriedenen Seelenruhe besteht. Denn es gibt kein finis ultimus, d. h. letztes Ziel, oder summum bonum, d. h. höchstes Gut, von welchen in den Schriften der alten Moralphilosophen die Rede ist. […] Glückseligkeit ist ein ständiges Fortschreiten des Verlangens von einem Gegenstand zu einem anderen, wobei jedoch das Erlangen des einen Gegenstandes nur der Weg ist, der zum nächsten Gegenstand führt. Der Grund hierfür liegt darin, daß es Gegenstand des menschlichen Verlangens ist, nicht nur einmal und zu einem bestimmten Zeitpunkt zu genießen, sondern sicherzustellen, daß seinem zukünftigen Verlangen nichts im Wege steht. Und deshalb gehen die willentlichen Handlungen und Neigungen aller Menschen nicht nur darauf aus, sich ein zufriedenes Leben zu verschaffen, sondern auch darauf, es zu sichern. Sie unterscheiden sich nur im Weg: Dies kommt teils von der Verschiedenheit der Leidenschaften bei verschiedenen Menschen, teils von ihren unterschiedlichen Kenntnissen oder Meinungen, die jeder einzelne von den Ursachen hat, die die begehrten Wirkungen hervorbringen. So halte ich an erster Stelle ein fortwährendes und rastloses Verlangen nach immer neuer Macht für einen allgemeinen Trieb der gesamten Menschheit, der nur mit dem Tode endet.“[31]

Damit hat Hobbes den Antrieb seiner wie auch unserer Zeit erstmals in aller Klarheit deutlich formuliert und herausgearbeitet: Was die Menschen ihm zufolge antreibt, was sie erst dazu bringt, „durch Kunst jenen großen Leviathan“ zu schaffen, „genannt Gemeinwesen oder Staat“[32] ist eben jene Leidenschaft, die seit der Antike als Pleonexie, als avaritia, als Habsucht verdammt worden ist. Der Mensch unterwirft sich einem übermächtigen Staat, um vor der eigenen Habsucht und der Habsucht der anderen sicher sein zu können und keine Angst mehr haben zu müssen: Der Staat als Verwalter unserer Angst, das ungestörte Bereichern als dessen Grundlage. Dahinter steht aber auch das Gefühl, dass die Gesellschaft „bereits so fließend oder brüchig ist, daß das Verhalten der übermäßig gierigen Menschen alle anderen dazu zwingt, sich an dem Wettlauf um die Macht über andere zu beteiligen.“[33] Diese Überlegung ist schrecklich und überwältigend zugleich: es ist jenes künstliche „lasset uns Menschen machen“[34], das Hobbes als Versuch der Überwindung der furchtbaren Zustände seiner Zeit als erster in aller Klarheit systematisch gedacht und – mit großer Sorge und tiefer Abneigung – formuliert hat; und das nun der Antrieb und die Grundlage unserer Gesellschaft ist: „My whole life I’ve been greedy, greedy, greedy. I’ve grabbed all the money I could get. I’m so greedy.“ Damit werden heute Wahlen gewonnen, so wird heute ganz offen Politik gemacht.

John Locke und Adam Smith sollten diese brutale, bei Hobbes noch mit Sorge und tiefer Abneigung formulierte Diagnose dementsprechend nur wenig später ins Positive kehren und öffentlich gesellschaftsfähig machen: In Adam Smiths Theorie der ethischen Gefühle (1759) wird beschrieben, wie diejenigen, die nur ihrem eigenen Vorteil nachgehen, von einer „unsichtbaren Hand“ geleitet werden, sodass sie „ohne es zu beabsichtigen, ja ohne es zu wissen das Interesse der Gesellschaft“ fördern und „die Mittel zur Gewährung der Gattung“ gewähren.[35] Und in seinem Werk Der Wohlstand der Nationen formuliert er die – für uns alle in seiner Nachfolge zerstörerische und nicht nur unbedachte, sondern unmenschliche – Annahme, dass im Eigennutz die „Ursache und Quelle“ des öffentlichen Wohlstands liege[36].

Hier sind wir – bedrückend – in unserer Zeit angekommen. In einer Gegenwart, die die Habsucht nicht nur öffentlich zu einer Tugend erklärt, mit der die Welt regiert wird und mit der Wahlen gewonnen werden, sondern in der auch alle anderen, seit Jahrhunderten verurteilten Laster zu Tugenden geworden zu sein scheinen.

Denn die sieben Todsünden sind bekanntlich: Hochmut, Habgier, Genusssucht, Rachsucht, Maßlosigkeit, Neid, Trägheit des Herzens. Diese – noch im neuesten Katechismus der katholischen Kirche verurteilten – Sünden scheinen eben jene Eigenschaften zu sein, mit denen die Welt derzeit regiert wird und denen sich ein Großteil der Menschen – unterbewusst oder ganz bewusst, und damit Hobbes’ Diagnose bestätigend – untergeordnet hat. Diese Sünden sind der Motor der modernen Gesellschaft geworden: „Mein ganzes Leben lang war ich habsüchtig, habsüchtig, habsüchtig. Ich habe mir alles Geld geschnappt, das ich bekommen konnte. Doch nun möchte ich für die Vereinigten Staaten habsüchtig sein. Ich möchte all das Geld einkassieren. Ich werde für die Vereinigten Staaten habsüchtig sein.“

Um diesen Artikel nicht mit Donald Trump und seinen Versprechen für seine Wähler, sondern mit einer sehr viel älteren Warnung zu schließen: „Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“[37], eine Warnung, die auch in den beiden Bibeln gestanden haben wird, auf die Donald Trump bei seiner Inauguration seine Hand gelegt hat.

 

Quellen und Literaturangaben

[1] Abrufbar auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=WOF03ZAuemE [Stand: 22.01.2017].

[2] Abrufbar auf Facebook: https://www.facebook.com/ezraklein/posts/10153948873983410 [Stand 22. 01. 2017].

[3] Vgl. Augustinus, Die Lügenschriften. De Mendacio – Die Lüge u. Ad Consentium contra Mendacium – An Consentius gegen die Lüge, eingel., übers. u. komm. v. Alfons Städele, Paderborn u. a. 2013.

[4] Balthasar Gracian, Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit, übers. v. Arhtur Schopenhauer, hg. v. Arthur Hübscher, Stuttgart 1953, § 1, S. 5.

[5] Vgl. Art.: H. Busche, „pleonexia / Mehrhaben(wollen)“, in: Aristoteles-Lexikon, hg. v. Ottfried Höffe, Stuttgart 2005, S. 456.

[6] Aristoteles, Nikomachische Ethik, hg. u. übers. v. Ursula Wolf, Hamburg 2006, 1129b28-1130a10.

[7] Ebd., 1129b28-1130a10.

[8] Ebd.

[9] Aristoteles, Politik, übers. u. erl. v. Eckart Schütrumpf, in: Aristoteles. Werke, hg. v. Hellmut Flashar, Berlin 1991, Bd. IX, 1297a6-15.

[10] Cicero, De officiis. Vom pflichtgemäßen Handeln, lat.-dt., übers. komm. u. hg. v. Heinz Gunermann, Stuttgart 1976, II, 77, S. 211 f.

[11] Dass die Pleonexie nicht nur für Aristoteles, sondern für die gesamte antike Philosophie und Geschichtsschreibung sehr stark negativ besetzt war, zeigt sich daran, dass der Begriff schon bei Herodot und Thukydides abwertend gebraucht wurde, ebenso bei Xenophon, Platon, Epikur, der Stoa usw. – siehe dazu: G. Delling:„πλεονέκτης“, in: Geriard Friedrich (Hrsg.): Theologisches Wörterbuch zum neuen Testament, Stuttgart 1959, Bd. VI, S. 266-274; Karl Suso Frank: „Habsucht (Geiz).“, in: Theodor Klauser, Ernst Dassmann u. a. (Hrsg.): Reallexikon für Antike und Christentum, Stuttgart 1986, Bd. XIII, Sp. 226-248; sehr knapp auch: H. Reiner: „Geiz“, in: Joachim Ritter (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Basel/Stuttgart 1974, Bd. III, Sp. 217-219.

[12] Vgl. Morton W. Bloomfield, The Seven Deadly Sins: An Introduction to the History of a Religious Concept, with Special Reference to Medieval English Literature, Michigan 1952; The seven deadly sins from communities to individuals, hg. v. Richard Newhauser, Leiden 2007.

[13] Vgl. Donald R. Howard, The Three Temptations: Medieval Man in Search of the World, Princeton 1966.

[14] Matthäus 6, 25-34.

[15] Vgl. Augustinus, De genesi ad litteram 11, 15, hg. v. J. Zycha (=CSEL 28), Wien 1894.

[16] Vgl. Gregor von Nazianz, Gegen die Habsucht, eingel. u. komm. v. Ulrich Beuckmann, Paderborn u. a. 1998.

[17] Vgl. Isidor von Sevilla, Questiones in libros veteris testamenti, c. 16, Migne Bd. 83, Sp. 366 f.

[18] Vgl. Anonymus, Sacrum commercium sancti Francisci cum domina Paupertate, hg. v. Stefano Brufani, Assisi 1990.

[19] Vgl. Sabrina Ebbersmeyer, Homo agens. Studien zur Genese und Struktur frühhumanistischer Moralphilosophie, Berlin/New York 2010, S. 199 f.

[20] Siehe nur Thomas von Aquins Verurteilung der Habsucht in: Summa Theologiae, II-II. quaestio 118, jede beliebige Ausgabe.

[21] Vgl. Dante Alighieri, La Commedia. Die Göttliche Komödie, ital.-dt., übers. u. komm. v. Hartmut Köhler, 3 Bde., Stuttgart 2011, Bd. 2, 19. Gesang, Z. 69 ff.

[22] Vgl. Sabrina Ebbersmeyer, Homo agens, a. a. O., S. 200 ff.

[23] Vgl. Poggio Bracciolini, De avaritia, lat.-ital., hg. u. übers. v. Giuseppe Germano, Livorno 1994.

[24] Vgl. Niccolò Machiavelli, Il Principe. Der Fürst, ital.-dt., übers. u. hg. v. Philipp Rippel, Stuttgart 1995.

[25] Vgl. Niccolò Machiavelli, Discorsi. Gedanken über Politik und Staatsführung, hg. v. Rudolf Zorn, Stuttgart 21977.

[26] Vgl. Thomas Hobbes, Leviathan, hg. v. Hermann Klenner, übers. v. Jutta Schlösser, Hamburg 1996.

[27] Vgl. Crawford B. Macpherson, Die politische Theorie des Besitzindividualismus, Frankfurt am Main, 1967, S. 74 ff.

[28] Thomas Hobbes, Leviathan, a. a. O., XIII, S. 104.

[29] Jean-Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Rudolstadt 1953, S. 37.

[30] Vgl. Thomas Hobbes, Vom Menschen. Vom Bürger, hg. u. übers. v. Günther Gawlick, Berlin 1967, S. 161.

[31] Thomas Hobbes, Leviathan, a. a. O., XI, S. 80 f.

[32] Thomas Hobbes, Leviathan, a. a. O., Einleitung, S. 5.

[33] Crawford B. Macpherson, Die politische Theorie des Besitzindividualismus, a. a. O., S. 55.

[34] Thomas Hobbes, Leviathan, a. a. O., Einleitung, S. 6.

[35] Vgl. Adam Smith, Theorie der ethischen Gefühle, übers. u. hg. v. Walther Eckstein, Hamburg 2004, IV, 1, S. 216 f.

[36] Vgl. Adam Smith, Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, übers. u. hg. v. Horst Claus Recktenwald, München 21982, S. 283.

[37] Matthäus 7, 15-16.

Nikolaus Egel
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Dr. Nikolaus Egel, geboren 1984 in Berlin, studierte von 2004-2008 Philosophie an der LMU München, Abschluß der Promotion 2014 im Fach Philosophie, zur Zeit tätig am Historischen Seminar der LMU München.

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