Ein Paradigmenwechsel in der Ökonomie: Für eine neue, globale Finanzarchitektur

Foto: Stefan Groß

Lassen Sie mich mit einer Frage beginnen, die es ermöglicht meine Idee besonders übersichtlich darzustellen. Wie vergrößert der Kapitalismus sein Geldvolumen, so dass die Weltwirtschaft wachsen kann? Ich will hier die (globale) makroökonomische Bilanz ansprechen, es geht mir nicht um bestimmte industrialisierte Volkswirtschaften, die durch Exportüberschüsse Geldvolumen von fremden Ökonomien absorbieren und damit ihren Wohlfahrtsstaat und ihren Jobbestand aufrecht erhalten. Betrachtet man die Weltwirtschaft global als geschlossenes System, so muss dem realen Wirtschaftswachstum (ohne Deflation) ein Geldvolumen entsprechen, das die zusätzlich erzeugten Güter und Dienstleistungen kauft. Ich frage danach, wo dieses herkommt.

Die Politik des billigen Geldes

Ich sehe hier nur zwei Möglichkeiten. Entweder Staaten erhalten von ihren Zentralbanken gedrucktes Geld und werten damit ihre Währungen ab. Oder Staaten (und Privatpersonen) leihen sich Geld, wodurch ein Teil des Kapitals, das sich in der Geldblase der Gewinne angehäuft hat, wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückkehrt. Auch haben die Zentralbanken der USA und der EU, die Federal Reserve Bank und die EZB, nach der Krise von 2007 in großem Umfang „billiges Geld“ gedruckt und an die Geschäftsbanken verliehen, die es dann an Unternehmer und Staaten weiter verliehen haben. Die Kreditklemme durch die Bankenkrise wurde bei weitem überkompensiert, wie die niedrigen Zinsen in den wichtigsten Industrieländern Europas zeigen, was zu immensen weiteren Schulden geführt hat.

Beide Optionen das globale Geldvolumen zu vergrößern haben erhebliche Nachteile. Die Abwertung von Währungen führt zwar für die Länder, die sie vornehmen, zu einer Ankurbelung des Exportes, aber ausländische Güter, insbesondere auch Rohstoffimporte, werden teurer. Die Märkte werden verzerrt. Man spricht ja auch negativ von „Währungsdumping“.

Die Staatsverschuldung auf der anderen Seite ist überhaupt nicht mehr tragbar. Die Abzahlungen haben heutzutage ein Volumen im zweistelligen Prozentbereich der Haushalte erreicht. Die weltweite Gesamtverschuldung hat im Sommer 2013 die Marke von 100 Billionen Dollar erreicht. Dieses System stolpert spätestens dann über seine eigenen Füße, wenn die Abzahlungen für die Staatshaushalte und die privaten Budgets nicht mehr tragbar sind.

Eine neue, globale Finanzarchitektur

Und hier setzt meine Idee an. Positiv ausgedrückt: Ein besserer Kapitalismus ist möglich. Lassen Sie mich an dieser Stelle mein System als neue, globale Finanzarchitektur darstellen. Ich schlage vor, dass nicht nur einige wenige Länder, sondern alle Notenbanken Geld drucken. Dies soll im Rahmen einer multilateralen Vereinbarung, etwa unter dem Dach der UNO oder WTO, geschehen. Jedes Land bekommt dabei eine Gelddruckfazilität zugewiesen, einen Prozentsatz seines BIP, den es jährlich drucken darf. Ich wäre für 2% – 5% des BIP als Regelfall. Dadurch wird zwar eine gewisse Inflation ausgelöst, aber es soll so gemacht werden, dass alle Währungen relativ zueinander stabil bleiben. Das heißt, weil alle im Verhältnis zu ihrer Wirtschaftsleistung die gleiche Menge Geld drucken, verschieben sich die Währungen nur unwesentlich zueinander. Um es mal so paradox aber dennoch präzise auszudrücken: Indem alle ihre Währung kooperativ (gleichermaßen) abwerten wird keine Währung der anderen gegenüber abgewertet. Die Inflation wäre im Wesentlichen stets eine Inlandsinflation. Oder besser, eine Weltbinneninflation.

Statt dass nun aber Politiker alle möglichen Wahlgeschenke an ihr jeweiliges Klientel machen können, sollte die neue Rolle der Zentralbanken durch die Armutsreduktion bestimmt sein. Das Geld sollte den Armen und Hungernden dieser Welt zur Verfügung gestellt werden.

Perspektiven mit dieser Konstruktion

Diese ganze Politik wäre ein hervorragendes Konjunkturprogramm, das überall die Binnenwirtschaft ankurbeln würde. Der Widerspruch zwischen Austeritätspolitik und Investitionspolitik würde aufgehoben, denn die Druckfazilitäten wären das Investitionsprogramm, während der normale Haushalt ausgeglichen sein kann.

Das Problem der Hungernden ist ja nicht so sehr, dass ihnen die Menschen in den reichen Ländern die Nahrung weg essen, sondern dass sie selbst kein Geld haben, um sich Lebensmittel zu kaufen, so dass die Produktion in kurzer Zeit der Nachfrage nachläuft. In Deutschland könnte mittels seiner Druckfazilität (bereits mit 2% des BIP) ein Mindesteinkommen von 1050 Euro realisiert werden, das „Die Linke“ vorschlägt. Und für Afrika südlich der Sahara würden 5% des dortigen BIP ausreichen, um die Zahl der Hungerenden sofort zu halbieren (62 USD pro Kopf und Monat, 239 Millionen Hungernde, BIP: 1950 Milliarden USD). Viele würden in der wachsenden, lokalen Landwirtschaft Arbeit und Einkommen finden. In Nordafrika könnte die soziale Situation stabilisiert werden, was auch dem Islamischen Staat die Rekrutierungsbasis entziehen würde. Die schlimmsten sozialen Folgen der Schuldenkrise Griechenlands könnten durch die Druckfazilitäten aufgefangen werden. Die Druckfazilitäten kämen praktisch zur üblichen Entwicklungshilfe hinzu. Löhne, Gehälter, Renten und Sozialhilfe würden natürlich regelmäßig an die Inflation angepasst, was während der Boomperiode in Deutschland zum Beispiel zwischen 1969 und 1978 mit 4,66% durchschnittlicher Inflation und einem durchschnittlichem Wachstum von 3,6% ja auch gelang. Mit einer leichten Inflation von maximal 5% könnte auch der Schuldenberg der Welt langsam abschmelzen. Inflation ist ja praktisch ein Erfordernis von (globalem) Wachstum, an dem breite Schichten der Bevölkerung teilnehmen. Denn wenn die Arbeitnehmer mehr Geld ausgeben, dann erhöhen sich auch etwas die Preise, bis die Produktion der vergrößerten Nachfrage nachgelaufen ist.

Durch die Zurückdrängung des Primats des Welthandels würden die Transportwege verkürzt, was auch zu einem ökologischeren Kapitalismus führen würde. Die Wirtschaft würde „qualitativ“ von den Bedürfnissen der Armen und Hungerenden her wachsen, anstatt wie jetzt durch den Kauf von unökologischen Luxusgütern, angekurbelt durch das billige Geld der Zentralbanken. Und mit der boomenden Konjunktur wären sozial und ökologische Standards mit der Mehrheit der Arbeitnehmer wieder durchsetzbar. Die Lösung vieler Probleme hängt so gleichzeitig an der Lösung des Problems der kohärenten Geldvermehrung im Kapitalismus.

Dabei könnten die Druckfazilitäten auch steuerungspolitisch eingesetzt werden. Länder, die bisher ihre Kohlevorkommen für ihre Energieversorgung ausbeuten, könnten durch den Anreiz einer Erhöhung ihrer Druckfazilität um 1% dazu motiviert werden (und dafür kompensiert werden), davon Abstand zu nehmen und auf erneuerbare Energien umzustellen. Länder, die Flüchtlinge aufnehmen, könnten ebenfalls einen Bonus von 1% pro Million aufgenommener Flüchtlinge erhalten. Die Druckfazilitäten würden als eine Form der Entwicklungshilfe zudem dazu beitragen, die sozialen Migrationsursachen in den Herkunftsländern zu reduzieren. Dabei ist wichtig, dass das neue System ein Solidarsystem von Währungen wäre. Starke Währungen würden schwache Währungen unterstützen (Geld bereitstellen), so dass das Währungsgefüge stabil bleibt. Das würde dann auch die Druckfazilitäten als politisches Steuerungssystem ermöglichen. Der Wettlauf um die schlechtesten Löhne und Arbeitsbedingungen würde ersetzt durch ein System der internationalen Solidarität, von dem alle profitieren. „Kooperation“ ist überhaupt das Stichwort für die Lösung der globalen Probleme, die sich der Menschheit an der Schwelle des Zeitalters der knappen Ressourcen stellen.

Statt darauf zu bauen insular Geldströme der sporadischen Injektionen in den weltweiten Wirtschaftskreislauf zu absorbieren, würde die Weltwirtschaft im koordinierten, kooperativen Zustrom frischen Geldes für alle wachsen. Statt sich in einen Unterbietungswettlauf der Valuta der Währungen zu begeben, würden alle Geld erhalten und alle Währungen und das heißt Exportmöglichkeiten würden stabil zueinander bleiben (siehe letzter G20 Gipfel). Mein System macht sozusagen aus der Not (Abwertungswettlauf durch Drucken von Geld) eine Tugend (alle werten etwas ab und zwar quantitativ koordiniert). Und dies geschieht nun nicht mehr, um das Exportvolumen einzelner Länder zu erhöhen, sondern um das Geldvolumen im globalen Kapitalismus bereit zu stellen, so dass alle Wirtschaften wachsen können.

Viele Einzelheiten und Einwände sind hierbei noch zu klären. Der Einsatz der Druckfazilitäten sollten meiner Ansicht nach auf die drei Gebiete Armutsbekämpfung, ökologische Transformation und Friedenspolitik strikt beschränkt werden (und zwar so, dass nicht bisherige Investitionen ersetzt werden, sondern zusätzliche Mittel bereit gestellt werden). Die Armutsbekämpfung hat dabei die höchste Priorität, denn den Hunger und die Armut abzuschaffen ist auch die beste Friedenspolitik und erzeugt erst die Akzeptanz entschlossen gegen die globale Erwärmung vorzugehen.

Geld, meint man, müsse „verdient“ werden. Aber wo soll global mehr verdient werden, wenn das Geld das im System steckt nicht vermehrt wird? Es gibt keinen Handel mit Außerirdischen.

 

Diesem Hauptartikel sind folgende Artikel als Ergänzung bzw. Erweiterung zugeordnet

  1. Ein Kapitalismus für das 21ste Jahrhundert?

  2. Die Malthussche Falle

  3. Die neue, globale Finanzarchitektur und der Neoliberalismus

  4. Die neue, globale Finanzarchitektur und die Marxsche Krisentheorie

Den Autor erreichen Sie unter bluewinds44@gmail.com

 

 

1 Kommentar

  1. Ich stehe Ihrer Idee grundsätzlich erstmal offen gegenüber, frage mich jedoch, ob dies tatsächlich funktionieren kann und die gewünschten Ergebnisse bringt. Daher hätte ich einige Fragen an Sie. Sie schlagen vor, jährlich eine Druckfazilität von etwa 2-5% zu ermöglichen. Befindet sich ein Mehr an Geld in diesem Ausmaß im Umlauf, nehme ich an, dass auch die Inflation in vergleichbarem Umfang steigt. Dass die Banken ihre Zinsen anheben, halte ich dagegen für unwahrscheinlich, schließlich würde das privatwirtschaftliche Investitionen hemmen. Es besteht also die Gefahr, dass die Inflation steigt, ohne dass Zinsen und Löhne im selben Ausmaß steigen. Gehen wir von einer Inflationsrate von 3% aus.
    Wie erklären Sie dem*der Sparer*in, dass sein*ihr angelegtes nach Vermögen von 100.000€ nach 10 Jahren nur noch 75.000€ wert ist?
    Wie erklären Sie dem*der Arbeiter*in, dass sein*ihr Lohn von 3000€ nach 10 Jahren nur 2200€ wert ist?
    Wie sollen Staaten ohne umlagefinanziertes Pensionssystem bei solchen Inflationsraten die Renten der Bürger*innen bezahlen?

    Ich würde mich über Antworten von Ihnen freuen, machen Sie mich auch gerne auf Fehler in meinen Gedankengängen aufmerksam.

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