Ein „Tannhäuser“ zum Zahnausbeißen

Sie treffen – nicht ins Schwarze, nein: ins Auge. In ein weibliches Auge – so viel ist dem kreisrund gerahmten Schwarzweiß-Foto, auf die knallweiße Bühnenrückwand projiziert, zu entnehmen. Welches Auge wird hier getroffen? Das der Venus? Das der Elisabeth? Ach, falsch gedacht. Das Foto wandelt sich: Aus dem Auge wird ein Ohr. Die Pfeile häufen sich in der Muschel – mit einem kletterfreudigen Mann in Schwarz (Foto). Sie treffen jetzt nicht mehr eine Frau, sondern einen Mann. Begleitet wird die taktgenaue Schießübung der wohlgeordneten Riege bogenbewehrter, gertenschlank gewachsener Amazonen vom Vorspiel zur Oper „Tannhäuser“. GMD Kirill Petrenko zaubert die Musik des von ihm verehrten und nun neu entdeckten Richard Wagner wunderzart aus dem Graben. Lasziv und glimmend, fiebernd und flirrend gelingt Petrenko, dem Magier mit dem sicheren Gespür für Feinnerviges, der Zugriff auf die bis zur Viertelstunde gedehnte Ouvertüre – dank eines Orchesters, das schon mit diesem Entree den Gipfel an Transparenz und diaphaner Schwebe erklimmt. Die ganze 3-aktige Oper hindurch hält Kirill Petrenko die Spannung mit seinen Musikern durch. Er lässt den „Tannhäuser“ passagenlang neu wahrnehmen.

Neues gab es bei der letzten 2016/17-Spielzeit-Premiere im Münchner Nationaltheater nicht nur fürs Ohr, sondern, und das geradezu unverschämt penetrant und eigenmächtig-kühn, nämlich gar oft (vor allem im 2. Akt) an Wagners Text vorbei, fürs Auge zu erleben. Wofür der 57-jährige Mailänder Romeo Castellucci in vierfacher Hinsicht geradesteht: Regie, Bühnenbild, Licht und Kostüme. Für den Italo-Theaterphilosophen, der „Tannhäuser“ seit seiner Kindheit „kennt“, wie er bekannte, liegt diese Oper zwischen Leidenschaft und Kalkül. Alles sei da anders als „man“ denkt, anders auch als es die Musik nahelegt – vom Libretto ganz zu schweigen. Wo ein Festzug erwartet wird, erscheinen sich am Boden lemurenhaft windende pseudo-nackte Männerkörper und weiß verschleierte Damen, chaos-los choreographiert, steif wie mit Zirkel und Stoppuhr gemessen. Vieles an Castelluccis Regie mag ihm selbst klar, dem Zuschauer aber zum Zahnausbeißen sein.

Ob das Sinn von Oper ist? Kein Venusberg, sondern Fleischbatzen, die um eine adipöse Venus (Elena Pankratova, die mit sparsamen Mitteln ihrer Verführungskünste auskommt) wuchern und wabern. Keine Halle, welche die Landgrafen-Nichte Elisabeth glutvoll grüßt: die bildhafte Anja Harteros, grandios, makellos, viele ihrer Vorgängerinnen, nein: sich selbst himmelhoch an Geschmack und Deutungstiefe übertreffend. Auch kein richtig aufregender Sängerwettstreit.

Die auf Befehl des Landgrafen (respektabel und magierhaft: Georg Zeppenfeld) antretenden Liebes-Elogen kommen daher wie Bhagwan-Jünger oder Kurienkardinäle auf Urlaub. Sie streiten nicht, sie sind und singen sittsam und schön (besonders Dean Power als Walther, auch Peter Lobert als Biterolf), müssen mit einer einzigen langstieligen Rose auskommen: Symbol für Duft und Dorn zugleich? So wie Tannhäuser, der edle zerrissene Sänger, der nicht weiß, ob er lieber vegan oder fleischig essen soll, der sich bald an Venus kuschelt, bald Elisabeths Nähe sucht. Oder doch nicht? Die Schleier-Wände im 2. Akt wehen und wehren ein Tète-a-tète ab, lassen nur ahnen, geben die enttäuschte Jungfrau Elisabeth bald frei, bald verhüllen sie sie keusch. Schwer, das alles mitzudenken, wie die Hirnzentrale Castellucci sich das für uns Normalsterbliche ausdachte. Im 3. Akt erwischt er uns dabei, sich die Frage nach dem Vorgang der über Milliarden von Jahren sich hinziehenden eigenen Verwesung zu stellen – phasenweise werden die Leichen Heinrichs (auf dem „Altar“ mit der Aufschrift „Klaus“) und Elisabeths (auf dem „Altar“ mit Namen „Anja“ – ein Witz?) regelrecht aufgetischt und fortwährend ärztlich diagnostiziert.

„Anja“ steht für die Rolleninhaberin der Elisabeth, „Klaus“ für den Sänger des Titelhelden. Ihn gibt Klaus Florian Vogt als Debütant. Eine phantastische Leistung, die der „weißeste“ aller derzeit lebenden deutschen Tenöre da hinlegt, nach winzigen stimmlichen Anfangs-Problemen mitreißend in Gestaltung und kühler Anmut, herrlicher Textphrasierung und bei noch nie so wundersam erlebter, geradezu müheloser, von Petrenko haargenau, immer bedächtig und keimend entwickelter Rom-Erzählung – die Enttäuschung, die den zur Läuterung geschickten Vatikan-Pilger in weiter, weiter Ferne traf, der Fluch des Papstes – das alles ist nicht nur Tannhäusers bitterem Bericht zu entnehmen, sondern steht auch dem düsteren Elisabeth-Verehrer Wolfram in Gesicht und Stimme geschrieben. Christian Gerhaher vermag dieser Partie das Doppelbödige ebenso todernst einzuweben wie er seinem Edel-Bariton, auf freilich manieristische Art, das ebenso Entsagungsvolle wie Ernüchternde abverlangen kann, als wär`s ein Stück aus seiner eigenen Verzichts-Biografie. Gerade an dieser „Tannhäuser“-Figur (Wolfram zog sich wohl fürs Schluss-Begräbnis eigens den schlichten schwarzen Anzug an) kulminiert das Rätselvolle dieser voll ausgespielten speziellen „Tannhäuser“-Interpretation. Ins Auge wurde mehrfach – siehe oben – mit Pfeilen geschossen. Ins Auge hätte diese Neuproduktion gehen können, wären da nicht Petrenko, das Staatsorchester, der fulminante Staatsopernchor – und gewiss auch das umstrittene Multitalent Castellucci. Dieser Typ Regisseur mag die Opernwelt, in diesem Fall die Wagnerwelt, mit seiner ersten Münchner Arbeit spalten. Was das rein Musikalische des enigmatischen Bühnengeschehens angeht, erzielt er allerdings eine unerreicht exzeptionelle Wirkung. Hierfür war der rauschende, nicht enden wollende Beifall des Premierenpublikums Indiz.

Hans Gärtner
Über Hans Gärtner 246 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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