FAUST – EIN EUROPÄISCHER MYTHOS Dokumentation mit Fotoschau „Faust auf Italiens Bühnen“ im Italienischen Kulturinstitut

Hexenküche als Rocksszene ,Bilder von Luigi Ciminaghi - Aus dem Archiv vom Piccolo Teatro Milano
Faust (Giorgio Strehler) und Pudel (Franco Graziosi) Bilder von Luigi Ciminaghi – Aus dem Archiv vom Piccolo Teatro Milano

Beachtlich ist die Anzahl von Werken der Literatur, der Kunst und der Musik, die die Faust‘sche Gestalt im Laufe eines halben Jahrtausends angeregt, inspiriert, ja beflügelt hat. Ein Einfluss, der sich europaweit wie ein Feuer ausbreitete und nun ein Echo in dem Festival findet, das München bis Ende Juli mit vielen Aspekten der Faustrezeption vertraut machen wird.

In einer Dokumentation auf Tafeln im Italienischen Kulturinstitut in München wird auf einige Beispiele dieser vom „Global Player“ Faust animierten Produktion eingegangen, die Autoren von West nach Ost, von Portugal bis hin nach Russland ins Leben gerufen haben. Poeten, Schriftsteller, Komponisten, Künstler, die sich auch gegenseitig befruchten konnten, und uns heute als Verkörperung jenes europäischen Geistes – von Portugal eben bis nach Russland – erscheinen, der in den vergangenen 70 Jahren für viele prägend gewesen ist.

Die Dokumentation gehört zu der „Faust – Ein europäischer Mythos“ genannten dreiteiligen Reihe, mit der sich der Kulturverein Pro Arte e.V. und das Istituto Italiano di Cultura am „Faust Festival München“ beteiligen. Am 1. März haben uns Sängerin Maria Rui und Schauspielerin Marion Schneider mit einer ergreifenden zweisprachigen Lesung mit musikalischer Gestaltung in dem bekannten Schwabinger Lokal „Vereinsheim“ in der Occamstrasse mit dem Fragment-Stück „Fausto“ vom portugiesischen Dichter Fernando Pessoa bekannt gemacht. Pessoa ist auch auf einer der Tafeln präsent, in denen von manchen Erfolgsgeschichten die Rede ist. Oder von eklatanten Misserfolgen, die sich mit der Zeit in Triumphzüge umwandelten. In einem Fiasko endeten beispielsweise Gounods „Faust“ und Boitos „Mefistofele“: zwei Opern, die bei ihren Premieren kläglich scheiterten und heute zu den populärsten ihres Repertoires zählen. Ein am „Teatro Comunale„ von Bologna 1919 aufgezeichnetes Bild zeigt die erste „proletarische Aufführung“ des „Mefistofele“ vor einer stehenden Volksmenge, wie man sie heute noch bei Megarockkonzerten erleben kann. An Gounods „Faust“ knüpft das zentrale Szenario in der grandiosen Ausstellung von Roger Diederen „Faust in der Kunst“ in der Kunsthalle; Boitos „Mefistofele“ präsentiert die Bayerische Staatsoper am 29. April in einer sehr innovativen Version, die sich auch an ein junges Publikum wendet.

Neben der Dokumentation werden unter dem Untertitel „FAUST AUF ITALIENS BÜHNEN“ Aufnahmen aus berühmten italienischen Aufführungen an bedeutenden italienischen Theatern gezeigt.
Veranschaulicht wird die umstrittene und gleichzeitig – u.a. von Ennio Flaiano -umjubelte Interpretation von Marlowes Drama „Dr. Faust“ durch das Ensemble des exzentrischen, genialen Schauspielers Carmelo Bene am „Teatro Stabile Torino“, die seinerzeit für großes Aufsehen sorgte. Im Fokus der Ausstellung stehen Bühnenfotos von Giorgio Strehlers vierteiligem Werk „Faust – Fragmente I und II“, die 1988 und 1991 im „Teatro Studio“, der Werkstatt-Bühne des von ihm gegründeten „Piccolo Teatro“ di Milano“, jeweils an zwei Abenden aufgeführt wurden. Vier Jahre seines Lebens widmete Theatermann Giorgio Strehler Goethes Drama „Faust“ und erforschte es – wie man in den Regienotizen liest – in seiner „Tiefe und Komplexität, in dem Dauergeheimnis seiner Klarheit, in seinen Widersprüchen und kontinuierlichen lyrischen Höhepunkten, vor allem in seiner inneren Spannung, die für die Interpreten beinah unhaltbar zu sein schien…“ Trotz der hohen Hürden, die der von ihm selbst und von Gilberto Tofano übersetzte Text stellte, waren die Vorstellungen ein Riesenerfolg. Es gab 180 Repliken und 75.200 Besucher in 7 Wochen – auch aus dem europäischen Ausland. Viele aus Frankreich, wo Strehler dank Francois Mitterand und seines Kulturministers Jack Lang das „Teatro d’Europa“ in Paris leitete. Die „Frankfurter Rundschau“ nannte Strehlers „ausgreifende Arbeit“ ein „Unternehmen gegen den Strom, von großer Fremdheit und großem Mut“, das zu den „bedeutendsten Anstrengungen der zeitgenössischen italienischen Kultur“ inmitten einer tiefgreifenden Gesellschaftskrise zählte.
Strehler-Regisseur und Strehler-Darsteller trafen in einer mehrstündigen Doppelaufführung aufeinander, die Goethes Drama wie ein „Work in Progress“ auf die Bühne brachte.“ Einen tiefen Einblick in die Aufführungen gewähren 300 Bühnenaufnahmen aus den Archiven des „Piccolo Teatro“ – heute „Teatro Strehler“ – von Luigi Ciminaghi, der ab 1964 37 Jahre lang als offizieller Fotograf des Theaters wirkte. Ein Modell des aus zwei Theatern zusammengefügten Raums mit der von Strehler und dem genialen tschechischen Bühnenbildners Josef Svoboda entwickelten weißen Spirale kann man während des Festivals in der hervorragenden, hochtechnologischen Ausstellung im „Deutschen Theatermuseum“ besichtigen. Aus den Archiven des „Piccolo Teatro“ di Milano kommen auch Bühnenbilder aus dem Stück „Mon Faust“ des französischen Dichters und Philosophen Paul Valery, das 1987-88 mit Star-Schauspielern wie Tino Carraro unter der Regie von Walter Pagliaro aufgeführt wurde. Auch dieses Werk steht im Zeichen jenes europäischen Geistes, der in Strehlers Theater schwebte.
Mit einem historischen Bild aus dem hiesigen „Stadtarchiv“ der Generalprobe der Uraufführung von Gustav Mahlers „VIII. Symphonie“ in der Neuen Musikhalle – heute „Münchner Verkehrsmuseum“ – wird in der Ausstellung auch an den großen Musiker gedacht, der die Schlussszene vom Faust II. in seinem grandiosen Oeuvre musikalisch transponiert hatte. Ein sich dem Ende der „Belle Epoque“ neigendes, kosmopolitisches München empfängt am 12. April 1910 den wegen zunehmender antisemitischer Anfeindungen aus Wien fliehenden Mahler mit offenen Armen und gönnt ihm einen letzten Triumph als Dirigent und endlich auch als Komponist. Sein Auftritt vor mehr als 3000 Zuschauern und Vertretern der geistigen Elite seiner Zeit – von Siegfried Wagner zu Alfredo Casella, Auguste Rodin und Thomas Mann – wird im Kollektivgedächtnis unvergesslich bleiben. „Die Welle der Emotionen, die ‚jene Botschaft der Liebe an eine lieblose Zeit auslöste“, ist das Ereignis, das Faust mit München im Sinne Goethes und seines Verehrers Mahler verbindet“

FAUST – EIN EUROPÄISCHER MYTHOS
Ausstellung /Dokumentation mit Fotoschau „Faust auf Italiens Bühnen“
Veranstalter: Pro Arte e.V. – Italienisches Kulturinstitut
Idee u. Konzept: Anna Zanco-Prestel – Marco Zanco
Italienisches Kulturinstitut
Hermann-Schmid-Str. 8
München
U3/U6 Goetheplatz
www.proarte-münchen.biz www.iicmonaco.esteri.it
18.April – 19.Mai 2018
Öffnungszeiten: Mo-Do 10-13 u. 15-17 Uhr
Fr. 10-13.30
Eintritt Frei

Anna Zanco-Prestel
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Dr. Anna Zanco-Prestel, hat Literaturwissenschaften (Deutsch, Französisch und Italienisch) und Kunstgeschichte in Venedig, Heidelberg und München studiert. Publizistin und Herausgeberin mit Schwerpunkt Exilforschung. U.d. Publikationen: Erika Mann, Briefe und Antworten 1922 – 69 (Ellermann/DTV/Mondadori). Seit 1990 auch als Kulturkoordinatorin tätig und ab 2000 Vorsitzende des von ihr in München gegründeten Kulturvereins Pro Arte e.V.