Historienmalerei in Westeuropa zwischen 1830 und 1900

Foto: Stefan Groß

Prof. Dr. Matthias Eberle und seine Frau Margreet Nouwen sind Inhaber des Max Liebermann-Archivs in Berlin und recherchieren seit vielen Jahren sein umfangreiches Werk. Die zirka 1600 Ölbilder Liebermanns sind von Matthias Eberle in einem zweibändigen Buch erfasst worden: Max Liebermann (1847-1935) – Werkverzeichnis der Gemälde und Ölstudien, 2 Bde., München, Hirmer Verlag 1995/96.

Nun legt Matthias Eberle unter der Hilfe seiner Frau und anderen Kunsthistorikern wieder im Hirmer Verlag ein monumentales wissenschaftliches Werk über die realistische Historienmalerei in Westeuropa zwischen 1830 und 1900 vor.

Das Wesen der realistischen Historienmalerei

Der Begriff der Historienmalerei umfasst im weiteren Sinne die Wiedergabe jeglicher mythologischer, religiöser oder literarischer Themen sowohl in idealistisch-überhöhter als auch realistischer Form. Im engeren Sinne versteht man darunter eine akademische Gattung der Malerei, die sich vor allem auf die Wiedergabe politischer weltgeschichtlicher Ereignisse spezialisiert. Die Historie wird zur stofflichen Fundgrube der Kunst, wobei die Wiedergabe der Geschehnisse auch im Allgemeinen eine Wertung des Künstlers enthält. Die Geschichtsmaler erfassen das allgemein Menschliche in der Konkretion der wichtigen historischen Begebenheit, um es der Nachwelt zu visualisieren.

Die realistische Historienmalerei dieser Zeit hatte den Anspruch, ein wirklichkeitsnahes Porträt von Geschichte zu geben und gleichzeitig die Gegenwart kritisch zu kommentieren. Dabei stützten sie sich vor allem auf die wissenschaftlichen historischen Quellen. Die historischen Stoffe erreichten auch deshalb eine solche Breitenwirkung, da die jeweiligen Künstler durch den meistens großen zeitlichen Abstand Thesen zur Politik, Moral oder Einordnung der Historie der jeweiligen Gegenwart vortragen konnten.

Eberle stützt sich hierbei auf das Konzept des amerikanischen Kunsthistorikers Albert Boime, „Bilder nicht nur unter genuin kunsthistorischer Perspektive zu betrachten, sondern auch hinsichtlich der in ihnen enthaltenen Aussagen zu allgemeinen historischen Ereignissen und Entwicklungen zu lesen.“ (S. 8) Das Buch besteht jeweils aus Hälfte aus der Abbildung der besprochenen Werke und dem dazugehörigen wissenschaftlich aufbereitetem Text mit historischen und politischen Hintergrundinformationen.

Künstler aus Frankreich, Deutschland und Großbritannien

Die meisten der hier vorgestellten Künstler dürften nur passionierten Kunsthistorikern etwas sagen. Bekannter sind Paul Delaroche, Gustave Boulanger aus Frankreich und der Hofmaler Friedrichs II. von Preußen, Adolph von Menzel. In dem monumentalen Band werden hauptsächlich Künstler aus Frankreich, Deutschland und Großbritannien zwischen 1830 und 1900 behandelt. Als Exkurse gibt es thesenartig Informationen über belgische Künstler nach der belgischen Revolution 1830.

Im Anhang findet sich ein ausführliches Literaturverzeichnis sowie ein Orts-, Sach- und Personenregister, wo immer wieder wichtige Begriffe oder Künstler nachgeschlagen werden können.

Hoher Anspruch mit Schönheitsfehlern

Eberle schafft es, mit seinem monumentalen Werk Maßstäbe zu setzen. Die Mischung aus politischen Hintergrundinformationen und kunsthistorischer Betrachtungsweise macht die Qualität dieses Buches aus. Es ist aber bedauerlich, dass die niederländische Historienmalerei bei dieser Betrachtung fehlt, denn gerade nach der Abtrennung Belgiens 1830 gab es eine Welle nationalistischer Historienmalerei, die es wert gewesen wäre, hier ebenfalls präsentiert zu werden. Seine Auseinandersetzung mit den damaligen realistischen deutschen Historienmalern, die zum größten Teil heute unbekannt sind, schließt eine Forschungslücke. Insgesamt gesehen besitzt der Band einen hohen Anspruch und kann nur empfohlen werden.

Matthias Eberle: Im Spiegel der Geschichte. Realistische Historienmalerei in Westeuropa 1830-1900, Hirmer-Verlag 2017, ISBN: 978-3-7774-2798-0.

 

 

 

 

 

 

Michael Lausberg
Über Michael Lausberg 255 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.

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