„Ihr hochwohlweisen Philanthropins“ Jakob Lenz zwischen Weimar und Dessau – Ein wenig bekanntes Kapitel

Foto: Stefan Groß

I.
Zu Beginn des Monats April 1776 kam Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) zu Goethe nach Weimar, zu seinem Dichterfreund aus Straßburger Zeiten. Er war arm wie eine Kirchenmaus, aber voller Tatendrang. Am Weimarer Musenhof wurde er zunächst freundlich aufgenommen und betätigte sich nicht selten als Vorleser eigener und fremder Texte. Weitere dichterische Pläne wollte er voranbringen und nicht zuletzt seine militärreformerischen Ideen („Über die Soldatenehen“) weiter ausarbeiten. Für kurze Zeit (im Herbst) war Lenz in Kochberg der Englischlehrer der Frau von Stein. Kurzum, der Poet mit vielfältigen Interessen und Fähigkeiten hoffte auf eine Anstellung.

Im Frühjahr, fast zeitgleich, überraschte ihn ein Brief aus Dessau. Verfasst hatte ihn am 4. April der Pädagoge Johann Friedrich Simon, der Lenz aus Straßburg kannte. Simon schrieb im Auftrage des Philanthropins, welches 1774 in Dessau begründet worden war: „Mein Teurer, Lieber Lenz! Unser Philanthropin braucht itzt unumgänglich notwendig einen besonderen Mann als teutschen Schriftsteller. Da wir Ihre Talente und Ihr Herz kennen, glauben wir nirgends besser, als an Sie uns wenden zu können. Helfen Sie mit ein Institut befördern, das das Wohl der Menschheit zum einzigen Gegenstand hat.
Die Bedingungen sind: Mit uns glücklich zu leben, Ihre Kräfte zum allgemeinen Wohl mit den unsrigen zu vereinigen, und alle Vorteile mit uns zu teilen. Die Reiskosten sind frei, versuchen Sie ein bis zwei Jahre bei uns zu sein, sollten Sie alsdenn (wofür mir nicht bange ist) mit Ihrem Aufenthalt allhier nicht zufrieden sein, so sollen Sie kostfrei hingeliefert werden, wohin Sie wollen. Alle Bedingungen, die Sie noch machen wollen, – da Sie keine andere als billige machen können, sollen erfüllt werden.
Lassen Sie uns so bald als möglich wissen, ob und wann Sie kommen wollen. Werden Sie mit ein Vater des Philanthropins , lieben Sie dasselbe, und denjenigen, der im Namen desselben schreibt
Ihren Simon Professor am Philanthropin zu Dessau.“

Was für eine Offerte (!), die Lenz zur falschen Zeit, am falschen Ort erreichte. Noch fühlte sich der Dichter in Weimar wohl. Desillusioniert wanderte Lenz bereits zwei Monate später, Ende Juni, in seine „Einsiedeley“ nach Berka: „Ich geh aufs Land, weil ich bei Euch nicht tun kann“, lässt er Goethe noch in Weimar lapidar wissen. Zu Winterbeginn musste er Weimar für immer verlassen. Ein Jahr später erkrankte er schwer.

Die Dessauer luden Lenz als bekannten, geistreichen Poeten ein, als einen „besonderen Mann.“ Man schätzte seine „Talente“ und – was wohl für Lenz noch wichtiger war – sein „Herz.“ Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass die Einladenden Lenzens soziale Lage kannten. So wollte man ihm in vieler Hinsicht entgegenkommen. Die von Johann Bernhard Basedow, dem Dessauer Rousseau, und Christian Heinrich Wolke ins Leben gerufene Musterschule der Aufklärung wurde durch den reformwilligen Fürsten Leopold III. Friedrich Franz gefördert, der an der Spitze eines wohlhabenden Herzogtums stand. So konnte man auch Jakob Lenz für mehrere Jahre eine Stelle anbieten. Manches in dem Brief wirkt hochfliegend-pathetisch. Das Institut wolle das „Wohl der Menschheit zum einzigen Gegenstand“ haben und Lenz solle, heißt es am Ende, ein „Vater des Philanthropins“ werden. Das Angebot aus Dessau war verlockend. Möglicherweise stand der Dichter an einer Wegscheide seines Lebens, das 1792 auf einer Moskauer Straße tragisch enden sollte.

Aber Jakob Lenz ging es um die Sache. Er verstand etwas von Pädagogik. Lange genug war er Hofmeister gewesen, um 1774 sein bestes und langwirkendes Stück, die Tragikomödie „Der Hofmeister“ veröffentlichen zu können.

Noch im April 1776 schrieb er eine schwer verständliche, etwas gequälte Epistel, einen Fragment gebliebenen Brief an Simon. (Es ist nicht sicher, ob der Briefschreiber den Text abgeschickt hat.) Man hat diesen später als Absage an das Dessauer Bildungsinstitut gelesen. Die Absage zeigt Jakob Lenz als „Subjekt seiner eigenen Geschichte, als kompromisslos, was seine literarische Karriere betrifft, schließlich als jemanden, der seine pädagogischen Ambitionen nicht in praktischer Umsetzung im schulischen Alltag erfüllt sah.“

Lenzens Berkaer Brief vom Juli an den gleichaltrigen Simon klingt wesentlich verbindlicher. Seine eigene Lage beschönigend, schreibt der Dichter: „Auf dem Lande“ sei er nun „sehr glücklich“, am „Hofe“ wäre er fast „verwittert“. Das kurze Schreiben zeigt, wie genau Lenz die Arbeit in Dessau weiterverfolgte und in ihrer Widersprüchlichkeit begriff. „Ihre Nachrichten sind mir sehr lieb und sehr leid, ich hoffe es soll bald besser tonen. Wenn Sie doch die Schwärmerei erst auf Ihrer Seite hätten und nicht die Tugendschwärmer die nur Lärm machen wollen, die anderen, die Toren, die Unglücklichen mit ihrer kauderwelschen pietistischen Sprache, – die aber tun.

Ich bin von Herzen
Ihr Freund Lenz“

Etwa zur gleichen Zeit teilte Lenz seinem Freund Konrad Pfeffel, der 1773 in Kolmar eine protestantische Erziehungsanstalt gegründet hatte, mit: „Herr Basedow hat mir die Ehre angetan, mir einen Ruf als Schriftsteller ans Philanthropin zuzuschicken; ich mußte wirklich lachen über diese neue Art zu komplimentieren. Indessen hoffe ich dennoch von dieser Anstalt in unseren Gegenden viel Gutes, wenn der Mann nur im Stande wäre sich die Grille der allgemeinen Religion aus dem Kopfe zu lassen, welches die meisten Eltern von ihm abschreckt.“. In der Distanz zur Person und dem pädagogischen Konzept Basedows stand Lenz ganz nah bei Goethe und Herder. Letzterer teilte Hamann am 24. August 1776 mit: „Ihm, den ich persönlich kenne, möcht‘ ich keine Kälber zu erziehen geben, geschweig Menschen.“

Wohl 1776, somit parallel zu dem Dessauer Angebot, hatte Lenz in lyrischer Form drastisch seine Differenzen zu den Philanthropisten ins Bild gesetzt: „Aretin am Pfahl. Gebunden mit zerfleischtem Rücken“. Er wählte einen Stoff aus der Renaissance, indem er sich dem Schriftsteller Pietro Aretino (1492-1562) zuwandte. Dessen erotische Dichtungen („Die Kurtisanengespräche“ 1533/1535 und die Sonette) wirkten auf Lenz lebensnaher und naturverbundener als die ihm pedantisch anmutenden Verlautbarungen der Philanthropisten.

Der „Lenz-Kenner“ Georg Büchner hat Jahrzehnte später dem Sturm-und-Drang-Dichter mit seinem synthetischen Fragment „Lenz“ ein grandioses Denkmal gesetzt. Es ist unwahrscheinlich, dass er Lenzens Aretin-Gedicht kannte, als er sein Schauspiel „Aretino“ geschrieben haben soll. Das Stück ist bis heute unauffindbar. Die Pfarrerstochter Wilhelmine Jaeglé, Büchners Verlobte, soll es (so die Legende) vernichtet haben.
Im Folgenden versuchen wir keine Gedichtinterpretation zu Lenzens Text. Erstens hat Martin Kagel diese überzeugend geliefert und zweitens geht es hier vorrangig um Lenzens Kritik am philanthropischen Bildungsansatz. In dem Rollengedicht schildert Lenz die Qualen Aretins außerordentlich drastisch. Kolportiert wird, dass der Renaissance-Dichter für seine religiösen Schriften von einem italienischen Prinzen zu 100 Stockschlägen verurteilt worden sei.

In keinem seiner lyrischen und essayistischen Texte hat Lenz seine Differenzen zu Basedow und seinem Institut so deutlich artikuliert wie in den 15 Paarreimen des Aretin-Gedichts. Sofort kommt Lenz zur Sache, indem er die Philanthropisten zu Adressaten seines lyrischen Textes macht. Zugleich wird Aretin als Subjekt erkennbar, das seine Qualen am Pranger benennt.

„Ihr hochwohlweisen Herrn Philanthropins
Auf Knien bitt‘, hört die Tränen Aretins“

Dass harte Strafen bei einigen der „Menschenfreunde“ in Dessau durchgesetzt wurden, die dem Bildungsideal konträr entgegen standen, drückt Lenz gleich in der 3. Verszeile aus:
„Die Proben Euer Lieb‘ auf meinem Rücken“.

Aretin formuliert, dass aus den Köpfen/den Schülern nur „Drahtmaschinen“ werden. (Vers 14) Satirisch und drastisch zugespitzt spricht Lenzens Aretin davon, wie körperliche Lebensbedürfnisse der Anvertrauten (Essen, Schlafen usw.) streng reglementiert werden. „Man kackt sogar mit Sittlichkeit“, heißt es im 18.Vers. (In älteren Ausgaben hat man das Verb durch „k….“ ersetzt.) Im letzten Drittel des einstrophigen Gedichts spricht Aretin davon, „dass große Tugenden nie ohne Laster waren“ (V.20). Nach Aretin würden „innere Triebe“ das „Beste“ aus uns machen. Als „größtes Laster“ wird die „Schlaffigkeit“ angeprangert. (V. 22) Lenz, der Aretin seine Stimme leiht, kritisiert abschließend die „Püppchen“, die „nach eurem“ Bilde geschnitzt werden.

In den beiden abschließenden Paarreimen findet der Poet, ironisch gebrochen, fast noch einen versöhnlichen Schluss:

„Mit nimmer ruhigen, verwünschten Plappermühlen
Die noch für Gott, noch Welt, noch für sich selber fühlen
Lehrt ihnen was dafür und dann schickt sie nach Haus
So werde was da will nur nicht ein Affe draus.“

Bei der verständlichen Kritik und satirischen Zuspitzung kann nicht übersehen werden, dass das Philanthropin – trotz aller internen Differenzen- zu einem beträchtlicher pädagogischer Fortschritt führte. Gelehrt wurden neben Geografie, Physik, Geometrie und Mathematik auch Sexualkunde und Körperertüchtigung. Mit Blick auf die passiv angelegte alte Lateinschule, an der das Auswendiglernen im Zentrum stand, muss man den philanthropischen Ansatz einen grandiosen Gegenentwurf nennen: Eine aktive Aneignung von Wissen gepaart mit einer zielgerichteten Vorbereitung auf das gesellschaftliche Leben standen am Dessauer Institut im Vordergrund.

Obgleich Lenz niemals in Dessau war, hat ihn das Philanthropin bis in seine letzte Lebensphase hinein begleitet. Im April 1780 bat Lenz, der damals in Petersburg lebte, Bertuch darum, dem Mathematikprofessor Theodor Bause die Wege in Weimar und Dessau zu ebnen.

Aus Moskau teilte Lenz 1785 seinem Vater, dem Generalsuperintendenten des Herzogtums Livland, mit, dass er Basedows „Elementarwerk“ dringlich für seine pädagogische Arbeit benötige. Der Dichter nahm wiederholt Lehrerstellen an, auch wenn er desöfteren von schizophrenen Schüben gepeinigt wurde. „…Herr Rektor Lau…bei der deutschen Schule…besitzt das fürtreffliche Elementarwerk des Herrn Basedow mit Kupfern…(Der) Graf v. Anhalt, der Mäzen aller Erziehungsanstalten in Rußland“ fände sich willig „mir dasselbe um einen billigen Preis ganz abzustehen. Könnte ich, teurester Vater! Ihr gütiges Geschenk wohl besser anwenden, als durch den Ankauf eines Buches, das mir gleichsam erst jetzt meine erste Moralische Existenz bei einer Erziehungsanstalt gibt, da es nicht bloß für Eléven, sondern hauptsächlich für diejenigen verfasset ist, die sich mit der Bildung derselben beschäftigen.“

Der „Graf Anhalt“ war gewissermaßen das Bindeglied zwischen dem Dessauer Hof und Russland. Im Auftrage Katharinas II. inspizierte Lenzens „Buchanbieter“, Sohn des Erbprinzen Wilhelm Gustav von Anhalt, seit 1785 die russischen Erziehungsanstalten. Das bereits im Geburtsjahr des Philanthropins (1774) erschienene, vierbändige Lehrwerk enthielt auch Kupferstiche von Daniel Chodwiecki und wurde ins Französische und Lateinische übersetzt. Basedows Lehrbuch war „ein geordneter Vorrat aller nötigen Erkenntnis zum Unterricht der Jugend, vom Anfang bis ins akademische Alter, zur Belehrung der Eltern, Schullehrer und Hofmeister, zum Nutzen eines jeden Lehrers die Erkenntnis zu vervollkommnen.“

Detlef Jena ist in seinem verdienstvollen Buch „Wie das Vorüberschweben eines leisen Traumbilds – Goethe, Weimar und das Wörlitzer Gartenparadies“ auch auf die Experimente und Reformvorschläge für einen freien Buchhandel eingegangen. Dabei stellt er besonders die Bemühungen Friedrich Justin Bertuchs heraus, der nicht nur in Weimar, sondern – was bislang weniger beachtet wurde – auch in Dessau vielfältig tätig war. Die Reformer um Bertuch gingen gegen die schlechte Bezahlung der Autoren vor – die zu schmalen Bogenhonorare etwa wurden nur bei der Erstauflage gezahlt. Gegen den Raubdruck waren die Schriftsteller in dieser Zeit fast ungeschützt. Intensiv wurde über die Möglichkeiten der Selbstverlage nachgedacht. Auch eine „Verlagskasse“ richtet man ein. Die Namen der „Aktionäre“ des Dessauer Projekts können kaum klangvoller sein: Goethe, Herder, Wieland, Bertuch, Lichtenberg, Campe…Das im Jahre 1781 begonnene Experiment einer „Buchhandlung der Gelehrten“ scheiterte.
In diesen Kontext gehört auch Lenzens kleine, wenig bekannte Reformschrift „expositio ad hominem“ („Entwurf zum Besten des Menschen“), die Wolfgang Albrecht und ich 1997 nach der Weimarer Handschrift erstmals historisch-kritisch edierten. Der Reformer Lenz polemisiert hier gegen das „verhaßte Schreiben ums Brod“. Ein Rat aus „Gelehrten von entschiedenem Ruf und Verdienst“ sollte die Schriften der „Genies“ anonym, wie bei „Preißschriften“ üblich, beurteilen. In diesem Punkt unterschied sich Lenzens Ansatz von den Ideen seines Vorbilds Klopstock („Die deutsche Gelehrtenrepublik“, 1774), der die Namen der „Beurteiler“ öffentlich zu machen vorschlug. Lenz wirbt in seiner Schrift für eine „Leykasse“ der Autoren. (Heute würde man diese einen Stipendienfond nennen.) In seinem kühnen Text verschwendet er keinen Gedanken daran, woher das Geld für dieses Projekt kommen könnte. Offenkundig – und dies nicht zum ersten Mal – spekulierte er auf die von Bertuch verwaltete Privatschatulle des Herzogs. Es dürfte kein Zufall sein, dass sich Lenzens Text, der in Sigrid Damms Ausgabe von 1987 fehlt, im Weimarer Bertuch-Nachlass fand.

II.

Beim Nachdenken über Lenz und Dessau bietet ein Seitenblick auf Christoph Kaufmann (1753-1795) Erstaunliches. Den Schweizer „Genieapostel“ hat man in Lexika auch als „Philosophen“ und „Mediziner“ bezeichnet. Der Gerbersohn hatte jedoch weder einen Schulabschluss erreicht noch ein systematisches Studium vorzuweisen. Der „Wunderheiler“ war freilich Apothekerlehrling gewesen und hatte in Straßburg und Breslau sporadisch medizinische Vorlesungen besucht.

In die deutsche Literaturgeschichte ist er nicht seiner (wenigen) Schriften wegen, sondern durch den Vorschlag eingegangen, Friedrich Maximilian Klingers Drama „Wirr-Warr“ stattdessen „Sturm und Drang“ (1777) zu nennen. Eine ganze Literaturepoche firmiert noch heute unter diesem Titel. Berühmt wurde Kaufmann auch dadurch, dass er den kranken Lenz in den Wintermonaten 1778 zu dem namhaften philanthropischen Pfarrer Johann Friedrich Oberlin nach Waldersbach schickte. Tage später erschien auch Kaufmann bei Oberlin im Steintal. All dies schildert Georg Büchner in seiner „Lenz“- Erzählung. Büchner, der wenig von Kaufmann, dem genialischen Kraftmenschen, wusste, erfindet Lenzens Kunstgespräch mit Kaufmann. Hier entwickelt der monologisierende Lenz seine Kunstansichten, die vor allem die des Autors Büchner selbst sind.

Bereits 1774 gelangte Christoph Kaufmann nach Straßburg, wo er schnell Zugang zu akademischen Kreisen fand. Er lernte die pädagogischen Ideen Rousseaus und Basedows kennen. Der Leichtentflammbare gründete den reformpädagogischen „Straßburger Bruderbund“, dem auch jener Simon angehörte, der zwei Jahre später Lenz für das Philanthropin zu gewinnen trachtete. Es ist wahrscheinlich, dass der vom „Werther“- Fieber angesteckte Kaufmann auch mit Lenz und seinem gerade erschienenen „Hofmeister“-Stück (das man zunächst für ein Werk Goethes hielt) Bekanntschaft gemacht hat.

Nach seiner Rückkehr in die Schweiz lernte Kaufmann seinen wichtigsten Mentor kennen, den Theologen und philosophischen Schriftsteller Johann Kaspar Lavater, der ihn vorschnell für eine außerordentliche pädagogische Begabung hielt. Mit einem Empfehlungsschreiben Lavaters besuchte er viele deutsche Städte und kam, zeitgleich mit Klinger, auch nach Weimar. Im Oktober 1776 gelangte er, noch vor Goethe und Carl August, an das Dessauer Philanthropin. Dort plädierte er unter anderem für ein einfaches Leben, auch für vegetarische Ernährung. Schnell spürte der Freidenker, der vermeintliche „Geniemensch“, die Diskrepanz zwischen faszinierenden pädagogischen Ideen und der harten, prosaisch erscheinenden Kärnerarbeit in der systematisch angelegten Unterrichtspraxis. Keineswegs erwiesen sich die Schüler als Engel. Erfolgreicher arbeitete er indessen an den Statuten des Instituts mit und nutzte seine Kontakte zum Dessauer Hof, um zu erreichen, dass mehr Geld für das Philanthropin bereitgestellt wurde.

Etwa zeitgleich scheiterten Kaufmann in Dessau und Lenz in Weimar. Interessant ist ein Brief, den Herder, ein Anhänger Kaufmanns, am 30. November 1776, dem letzten Tag, den Lenz in Weimar verbringen durfte, schrieb: „Ich habe Dir nichts zu sagen, als daß Kaufmann vorigen Posttag an mich geschrieben, wie er sehr wünsche, Dich nach der Schweiz mitnehmen zu können. Nach Dessau aber sollt (sic!) Du beileib nicht kommen, sondern irgendwo in der Nachbarshaft hier, (etwa in Erfurt) seine Ankunft erwarten. Er ist auf dem Wege oder kommt bald. Hüt Dich aber, daß Du nicht nach Dessau gehst. Da (in Erfurt) sehe ich Dich vielleicht mit Kaufm. wieder. Sudle u. laure nicht, sondern geh. Jetzt ist an Bernhard zu denken.“ Der Brief zeigt, wie nüchtern Kaufmann nunmehr sein Dessauer Intermezzo bewertet. Deshalb wohl rät er Lenz ab, in die Muldestadt zu kommen. Dass Lenz nach dem Rauswurf zu Winterbeginn in seiner Verzweiflung und ohne Bleibe, auch Dessau als Anlaufpunkt ins Auge fasste, ist kaum beachtet worden. Sigrid Damm vermutet in den Anmerkungen zu dem Herder-Brief, dass Lenzens Auftauchen in Dessau nach der Absage in der ersten Jahreshälfte bei den dortigen Pädagogen wohl zu großer Enttäuschung geführt haben könnte. Herder, der selbst erst in Weimar angekommen war und dort Orientierung suchte, konnte Lenz nicht helfen, riet ihm jedoch, seine Arbeit fortzusetzen. Um seine Position in Weimar zu retten, hatte Jakob Lenz mit einer Biografie über den Herzog Bernhard von Weimar begonnen, einen Ernestiner des 17. Jahrhunderts.

Schon diese Skizze über Kaufmann zeigt, was für ein unsteter Zeitgenosse er war. Geschildert wird er als schöner Mann mit wehendem Haar, in Bauerntracht mit einem offenen Hemd, ausgerüstet mit einem Knotenstock. An den Musenhöfen in der Ilm- und der Muldestadt trat er als Provokateur auf. Der Dichter Jakob Lenz und der sich selbst überschätzende, ständig reisende Lavater-Jünger, den Goethe, Klinger und andere Zeitgenossen wenig später böse verspotteten, sind sich nicht in Erfurt, sondern in Emmendingen, bei den Schlossers wiederbegegnet. Im März (1777) tauchte Kaufmann nochmals in Dessau auf. Die Fürstin Louise von Anhalt Dessau soll sich gar in ihn verliebt haben.

Kaufmann war es, der Simon u. a. in der ersten Dessauer Zeit finanziell unterstützte. Beide gehörten, wie erwähnt, dem „Straßburger Bruderbund“ an, galten später als die „elsässischen Genies“. Pädagogische Hierarchien, Titel und feste Stellen lehnten Simon und die Seinigen ab. Um die „Junglehrer“ Simon und Schweighäuser (die eine Lehrerausbildung erst anstrebten) an Dessau binden zu können, sorgte Basedow dafür, dass beide schon im Mai 1776 von Deutschlands Lieblingsfürst zu Professoren ernannt wurden.
Zwischen den mitteldeutschen Aufklärern um Joachim Heinrich Campe, den Nachfolger Basedows, und den „elsässischen Genies“ wurden die Gräben immer tiefer. Die Statutenfrage des Instituts, bei der die Straßburger von der Gleichheit und Brüderlichkeit der Lehrer ausgingen sowie die „Sexualitätsdebatte in der Pädagogik“ machten, wie Niedermeier darstellt, die Differenzen aus.

In seinem Lehrerdasein hat Simon neues Denken und Handeln gewagt: In wilder Ehe lebte er ausgerechnet mit der Base des Institutsleiters Campe zusammen, der völlig andere pädagogische Prämissen (strenge, Hierarchien, Konzentration auf das Rationale…) vertrat. Auch Simons Vorschlag von 1780, seine Straßburger Mädchenschule mit dem Dessauer Bildungsinstitut zusammenzuschließen und Teile des Unterrichts gemeinsam zu gestalten, wurden von der Mehrheit der Kollegen strikt zurückgewiesen.

Die Straßburger „Genies“ nahmen die sexuellen Probleme ihrer Zöglinge ernst und polemisierten öffentlich gegen die Auffassung, dass das Onanieren zu Krankheiten führen würde. Im Übrigen vertrat Jakob Lenz in Fragen der Sexualität – wenn man seine Straßburger„ Philosophischen Vorlesungen für empfindsame Seelen“ sowie die Reformschrift „Über die Soldatenehen“ ansieht, ähnlich kühne Thesen.

III.

Ein großer Dichter der Jetztzeit, dies soll hier abschließend vermerkt werden, stellt unser Thema radikal in Frage: Peter Hacks, der kluge, böse Spötter, sympathisierte über Jahre mit der klassischen Tradition Goethes, in der er sich selbst sah. Argwöhnisch blickte er auf die Stürmer und Dränger sowie die Frühromantiker. In einem Essay von 1990 entwickelte er die These, Goethes „Tasso“ sei ein Stück über Lenz: Tasso zieht am Hof blank, wird gerügt und soll, vom Herzog unterstützt, an den Hof nach Florenz gehen. Der italienische Dichter „kapriziert sich auf Rom“. „Die geographische Übersetzung der italienischen Residenzen in deutsche kann nicht mit Sicherheit vorgenommen werden, und muß es nicht. Denkbar wäre, daß Florenz für Dessau steht; denn Dessau stand zu Weimar in eben der schöngeistigen Konkurrenz wie der Hof der Medici zu dem der Este, und Lenz hatte eine angebliche Aufforderung, nach Dessau zu eilen, mit deren angeblicher Ablehnung er Weimar ein angebliches Opfer brachte. Es kann tatsächlich sein, dass Carl August ihm die Übersiedlung nach Dessau nahelegte und daß Lenz sich sofort drauf ein besonders hochgestochenes Reiseziel in den Kopf setzte, Petersburg oder sonst was Verwegenes.“ Das liest sich flüssig, hat aber mit der Wahrheit kaum etwas zu tun. Dr. Hacks biegt die Fakten solange zurecht, bis sie zu seiner These passen. Lenz hatte keine „angebliche Aufforderung, nach Dessau zu eilen.“ Die dringliche Bitte kam von einem namhaften Bildungsinstitut, keineswegs von einem Fürsten. Lenzens Absage ist philologisch freilich kaum zu belegen. „Lenz lehnt es ab“, schreibt Sigrid Damm 1985 in ihrer Biografie, ohne eine Quelle zu nennen. Keinen Beleg gibt es dafür, dass Carl August eine Vermittlung des Dichters nach Dessau angestrebt hätte. Nach dem Bruch mit dem Weimarer Hof zog es Lenz nicht an einen großen Hof, sondern zu den Schlossers, in das kleine Emmendingen, vor allem zu Cornelia Schlosser-Goethe.

In der Zeit um die Jahrtausendwende war Jakob Michael Reinhold Lenz in Dessau präsenter, als mancher vermutet. Im Herbst 1993 konnte man am dortigen Theater eines seiner Hauptwerke sehen, die Komödie „Der neue Menoza“. In lebendiger Erinnerung des Schreibers blieb auch eine Adaption von Lenzens Briefroman „Der Waldbruder ein Pendant zu Werthers Leiden“ für die kleine Bühne im Bauhaus. Zum 250. Geburtstag des Dichters wurde im Rathaus von Dessau-Roßlau die Jenaer Lenz-Ausstellung „Ich aber werde dunkel sein“ gezeigt. Aus diesem Anlass hatten wir 2001 die Exposition um die Schautafel „Lenz in Dessau“ ergänzt.

Über Ulrich Kaufmann 11 Artikel
PD. Dr. Ulrich Kaufmann wurde 1951 in Berlin geboren u. lebt seit 1962 in Jena. Hier hat er nach dem Abitur 1970 Germanistik und Geschichte studiert. 1978 wurde er in Jena über O.M.Graf promoviert u. 1992 über Georg Büchner hablitiert. Von 1978 bis 1980 war Kaufmann als Aulandsgermanist im polnischen Lublin tätig.Von 1999 bis 2016 Gymnasiallehrer für Deutsch u. Geschichte. Er hat 10 Bücher über die deutsche Literatur verfasst.

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