Immer schön der Katze nach! – „Pharao“ im Lokschuppen Rosenheim: Das pralle Leben der alten Ägypter

Foto: Hans Gaertner

Sie jagten das Nilpferd und aßen den Nilhecht. Sie schmückten sich mit dem Skarabäus und gaben ihn einer Mumie bei. Sie hielten sich Paviane, Stiere, Hunde und Katzen. Jedes Tier, das im Leben der alten Ägypter eine Rolle spielte, hatte auch religiöse Bedeutung. Die Schlange war der Erzfeind des Sonnengottes, weibliche Löwengottheiten gab es in Memphis (Sachmet), Heliopolis (Tefnut), Abydos (Mehit) und Beni Hassan (Pachet). Heilig im Sonnenkult war den Menschen vor mehr als 3000 Jahren, dessen Lebensader der Nil war, die Katze. Bastet, die Tochter des Sonnengottes Re in Bubastis (Neues Reich), wurde als Katzengöttin dargestellt.

„Immer schön der Katze nach!“, ordnet die Führerin der 29. Groß-Ausstellung im wieder reich bestückten Rosenheimer „Lokschuppen“ an. Die Aufforderung, den viereckigen Schildern mit der schwarzen Katze zu folgen, richtet sich zwar in erster Linie an das junge Besucher-Publikum, ist aber auch Senioren hilfreich, um sich in den abgedunkelten, weitläufigen Abteilen der Schau „Pharao – Leben im Alten Ägypten“ (bis 17. Dezember) zurechtzufinden. „Sind Tempel sowas wie Kirchen?“, fragt die Katze Bastet. Antwort: Eigentlich nicht; denn Tempel waren für die alten Ägypter die Wohnhäuser für die Götter. Nicht jedermann hatte Zutritt. Die Statue des Allerheiligsten wurde regelmäßig gewaschen, bekleidet, geschmückt, sogar genährt und mit Opfergaben befriedet. Zu einer Tempelanlage gehörten Ländereien, Schulen, Werkstätten, Bäckereien.

Wer der Katze Bastet folgt, erfährt von ihr an vielen weiteren Stationen Wissenswertes aus einer längst vergangenen Hochkultur, am meisten und zugleich intensivsten über den Totenkult. Speisen und Getränke, auch eine Menge Figürchen wurden den Verstorbenen ins Grab mitgegeben, manchmal 365 Stück, für jeden Tag des Jahres eins. An die Wand einer Grabplatte wurden Augen gemalt, um dem Toten Ausblick zu gewähren. Die Exponate allein zum Thema Totenkult sind zahlenmäßig und qualitativ erschöpfend und exquisit. Dafür sorgten der ägyptologisch über lange Berufsjahre hinweg erfahrene Kurator Christian Tietze ebenso wie seine Kolleginnen und Kollegen der Leihgaben spendenden Institutionen: Uni Aberdeen, Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim, dazu Museen in Berlin und Hamm.

Arbeit und Familienalltag, Götterverehrung und Pyramidenbau, Schrift und Architektur, Kunst und Landwirtschaft – es gibt keinen Bereich des Alltags der alten Ägypter, der nicht wissenschaftlich getreu, dennoch leicht verständlich beschrieben, bebildert, erläutert und – von der Halskette der Ptolemäer bis zur Sphinx der bärtigen Königin Hatschepsut, von der Priesterstatue, die einen Naos (Götterschrein) vor sich her trägt bis zu Kopfstützen aus Stein oder Holz, geziert mit Schutzgeistern wie Bes, der Schlafenden und Ruhenden die Dämonen vom Leib halten sollten.

So bunt das meiste in dieser herrlichen Ausstellung, so furchterregend ist manches, so erstaunlich vieles, so bewegend, tiefgläubig, lustig, mythisch, verspielt und geheimnisvoll eigentlich alles. Die Welt der alten Ägypter war voller ernst genommener und zielgerichtet gelebter Bezüge zum Jenseits – so prall das diesseitige Leben mit seinen Erwartungen und Enttäuschungen auch sein mochte.

Man begebe sich, am besten mit dem Audio-Guide, als Erwachsener, der nie auslernt, auf die Spur der Katzengöttin Bastet, so wie es Kinder von sich aus tun werden. Für sie ist ganz entscheidend, während oder/und nach der Ausstellung aktiv sein zu können. Das fängt beim nicht hoch genug zu preisenden „Kinderpfad“ mit der schwarzen Katz` an, das endet, bei Bastelnachmittagen oder Taschenlampenführungen, in Ferien-Workshops, bei denen, zum Beispiel, ein „Senet“ kreiert werden kann. „Senet“ war das „Mensch ärgere dich nicht“ der Nilbewohner schon zu Beginn des 3. Jahrtausends vor Christi Geburt.

 

Foto (HaG) Sandstein-Kopfstütze: Zweimal sollte Bes Schlafenden vor Dämonen schützen

Hans Gärtner
Über Hans Gärtner 252 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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