Imre Török. Die Königin von Ägypten in Berlin

Klaviertasten, Foto: Stefan Groß

Die ungarische Gräfin May Török von Szendrö und die ägyptische Prinzessin Djavidan Hanum in Personalunion; der ungarische Diplomat Andreas Szendrö; Josef, der Chauffeur des Diplomaten, Berlin 1942/43; eine beinahe tödliche Begegnung mit dem Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, auf der Reichautobahn; Sophie la Bendola, Balletttänzerin am Deutschen Nationaltheater Weimar, der ungarische Häftling Levente Sárközi im KZ-Lager Buchenwald; der nationalsozialistische Widerstand mit den Brüdern Harnack und Sophie Scholl und der Autor Imre Török von Szendrö, weitläufig verwandt mit mindestens drei Personen der Romanhandlung– eine solche Verquickung von realen und fiktiven Figuren verspricht einen spannenden Plot. Und der wird bereits in den Eingangspassagen geliefert! Handlungsorte und Aktionen in Außen- und Innenräumen vermischen sich, ein personaler Erzähler wechselt von Situationsschilderungen zu inneren Monologen seiner Figuren. Der Leser wird gleichsam in Filmschnitten zwischen den Handlungsorten hin und hergetrieben, manchmal so atemlos wie die unerwarteten Auftritte der Prinzessin Djavidan in der Wohnung des Diplomaten Andreas. Beide verbindet nicht nur ihre ungarische Herkunft, ihre weitläufige familiäre Abstammung und ihr Widerstand gegen das mörderische nationalsozialistische Regime. Und beide sind auch im Visier der Gestapo, die sie Tag und Nacht überwacht, und der sie bei entscheidenden Aktionen immer wieder entschlüpfen. In diesem Katz-und-Maus-Spiel erweist sich Djavidan (1877-1968), die als zweite Ehefrau mit dem Khediven, dem König von Ägypten, von 1900 heimlich bzw. 1910 offiziell bis 1913 verheiratet war, als überaus intelligente, wagemutige, leidenschaftliche und hochflexible Persönlichkeit. Den Nachweis für ihre außerordentlichen intellektuellen und pragmatischen Fähigkeiten hatte sie in ihren 1930 (Verlag für Kulturpolitik) erschienenen „Erinnerungen der Prinzessin Djavidan, frühere Gemahlin des Khediven von Ägypten“ unter dem Titel „Harem“ erbracht. In seinem ausführlichen Nachwort zur veränderten zweiten Ausgabe 1991 im dtv-Verlag bescheinigt ihr der renommierte Literaturkritiker Karl Corino, dass sie bei der Darstellung der „Geschichte und Phänomenologie der Institution Harem …dieses männlichen Allmachts- … Allbesamungswahns“ (S. 254) Beachtliches geleistet habe. „Sie zeigt“, so Corino „wie aus den Privilegien des Propheten Mohammed und seiner ‚ursprünglichen Lehre … eine falsche und ungerechte Religion entstand‘“. (S. 254) Von dieser Lebensklugheit und ihren praktischen Fähigkeiten wird nicht nur der Leser angezogen, auch Andreas, bei dem Djavidan seit ihrem unerwarteten Auftauchen in Berlin wohnt, ist von ihr gleichsam verzaubert. Sie tröstet ihn, wenn er depressiv ist angesichts des ständigen Fliegeralarms und des sich verschärfenden Terrors der Gestapo und sie schmiedet kühne Pläne. So wie die Entführung des Elefanten Siam aus dem Berliner Zoo oder die Rückholung der berühmten Nofretete, die „unter dubiosen Umständen“, so Djavidan, aus Ägypten gestohlen wurde und sich nun im Ägyptischen Museum auf der Museumsinsel befindet. Und sie macht auch dem Diplomaten Andreas Szendrö Mut bei dessen Bemühungen um die Freilassung seines ungarischen Landsmanns aus dem KZ-Buchenwald. Sicherlich ist die imaginäre Königin von Ägypten überzeichnet, ihre physische und intellektuelle Energie zu euphemistisch beschrieben, doch im Kontext der unterschiedlichen Handlungsorte, an denen sie gegen SS-Schergen, Gestapo-Gangster und KZ-Aufseher antritt, verleiht der Autor „seiner“ Djavidan ganz bewusst eine gleichsam überbordende Energie. Deshalb gelingt es ihr auch – gemeinsam mit Andreas – ihren ungarischen Landsmann aus dem KZ-Buchenwald herauszuholen, eine Erzählpassage, in der die Menschenschlächterin Ilse Koch und ihr Komplize, der Lagerarzt Hoven, in all ihrer dokumentierten Brutalität dargestellt werden. Neben solchen veristischen Darstellungen spielt der Text auch mit ganz anderen Narrativen. Er nimmt märchenhafte Züge an, wenn der ungarische „Zigeuner“ Levente auf einer Lokomotive mit seinen Landsleuten in die Freiheit rauscht, er bildet die Inhalte von Briefen ab, die die verliebte Gräfin an ihren schwerkranken Andreas schreibt, er fabuliert mit Theaterinszenierungen, die tödlich enden, er bedient sich kluger philosophischer Gedanken, in denen Djavidan ihre Haremserfahrungen gleichsam en passant durch die erzählerische Maske des Autors hindurch ihren Lesern übermittelt.
Ein besonderes Thema in dieser Doku-Fiktion ist die Auseinandersetzung mit dem deutschen Widerstand gegen das nationalsozialistische Terrorregime in der Gestalt der Brüder Harnack und in dem dokumentarischen Verweis auf die „Weiße Rose“. Sie belegen auch bestimmte Kontakte der Gräfin zu dem Berliner Untergrund, den die Gestapo aufdeckte und die Hinrichtung zahlreicher Widerstandskämpfer in Plötzensee zur Folge hatte. Es ist der oft jähe Wechsel in der Beschreibung von Kriegsvisionen, von wagehalsigen Aktionen im Umfeld des Feindes, von Traumpassagen, in denen sich Djavidan und Andreas an den Nil beamen, die nüchterne Einschätzung der grausamen politischen Situation und manchmal auch stammelnde Liebesbekenntnisse, die diesen Roman so spannend, so lesenswert machen. Und nicht zuletzt den Leser anlocken beim Blick auf die Cover-Illustrationen von Emir Roda Ahr.

Imre Török. Die Königin von Ägypten in Berlin. Ludwigsburg (Pop Verlag) 2017, 297 S., 20,00 €, ISBN 978-3-86356-150-5.

 

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