„Leben“ – Ein neues Buch von Andreas Brenner

Andreas Brenner, Leben, Erschienen in der Reihe Grundwissen Philosophie, Philipp Reclam jun. Stuttgart 2009, 113 S., ISBN 978-3-15-020328-6

Dieses Buch zu lesen belebt. Auf vergleichsweise wenigen ihm zur Verfügung stehenden Seiten gelingt es Andreas Brenner, mehr als eine Einführung zu bieten. Der Band „Leben“ aus der Reclam-Reihe „Grundwissen Philosophie“ enthält keine schlichte Aneinanderreihung bekannter Positionen, die bereits aus anderen Darstellungen bekannt sein mögen. Vielmehr versteht es der Autor, die Ansichten berühmter wie auch weniger bekannter und zu entdeckender Denker so zu organisieren, dass seine eigene Idee zunächst keimhaft, dann immer deutlicher hervortritt. Man könnte sagen: Er erhält sich mit seiner Lebens-Deutung über dem Wechsel der untersuchten philosophiegeschichtlichen Stoffe und der betrachteten Positionen. Brenners Aussage lautet: Kein Leben ohne Selbst oder Innerlichkeit. Damit schwört der Autor der fast allgegenwärtigen Gleichsetzung von DNS oder Proteinbiosynthese mit dem Phänomen des Lebens Seite um Seite ab und schafft geistigen Nährboden für vielversprechendere Sichtweisen. Der Leser sinkt erleichtert zurück und wird lesehungrig in Ansehung des philosophiegeschichtlichen Stoffwechsels, über dem Brenner sich organisiert. Kapitelüberschriften:

Die Frage aller Fragen
Leben erkennen als Erkenntnisproblem
Lebensfelder (mit Abschnitten wie „Leben und Seele bei Aristoteles“, „Der Triumph des Materialismus“, „Neodarwinismus“, „Neovitalismus“, „Leben als Selbst“).
Lebenstheorien („Lebendige Information: die Kybernetik“, „Autopoiesis“, „Leben in der Zielorientierung: Teleologie“ u.a.m.).
Künstliches Leben? („Synthetische Artefakte der Computerscience“)
Leben als offene Frage

Für seinen Gewinn des Selbst als Lebenselixier weist Brenner romantische Wurzeln nach. Wegweisend ist hier sein Satz: „Die von der Romantik vermittelte Rückwendung zum Subjekt der Frage stellt dieses an den Anfang und in die Mitte der Frage.“ (27 – alle Zahlen ohne nähere Angabe entsprechen Seitenzahlen im besprochenen Buch) Und an dieser Stelle könnte die Buchbesprechung schon bald mit den Worten schließen, diese Einführung sei ohne Tadel zu empfehlen, hätte der Rezensent sich bei der Lektüre nicht folgende Notizen gemacht:

Selbstloses Selbst?
Problematisch scheint bereits, dass es dem Autor eher um „das Leben“ oder „belebte Materie“ geht, als um einzelne „lebende Wesen“. In der uns umgebenden Welt treffen wir jedoch keinen homogenen „Lebensstoff“ an, sondern stets nur individuelle lebende Wesen. Was aber viel wichtiger ist: Leitbegriffe für die Erschließung von Leben und Lebendigem sind dem Autor das Selbst und eine Innenperspektive, ohne dass bis ins Letzte deutlich würde, ob Brenner – wo er sich der Ausdrücke Selbst oder Innerlichkeit bedient – auch eine zumindest basale Form von Subjektivität (Empfindung des Selbst und durch das Selbst) stets mitdenkt oder nicht. Das Konzept „Leben als Selbst“ scheint bei Brenner auf zwei unterschiedliche Weisen inhaltlich gefüllt: Zum einen bedeutet ihm dieses Konzept, dass es ein Organismus selbst ist, der etwas tut, der aktiv ist. Zum anderen aber soll mit dem Selbst-Begriff angezeigt sein, dass ein lebendes Wesen ein Selbst im Sinne von Innerlichkeit oder Bewusstsein hat. Weder wird klar, welchem Selbst-Begriff Brenner den Vorzug gibt, noch, ob er sich des Oszillierens seiner Begrifflichkeit überhaupt klar ist. In der Mehrzahl verweisen seine Ausführungen auf einen selbstlosen Selbstbegriff, auf die Selbsttätigkeit eines Organismus, ohne dass der betreffende Organismus als lebendes Wesen essentiell zugleich ein erlebendes Selbst sein müsste.

Einmal sagt Brenner: „Das Lebendige erweist sich demnach von seiner Art her als etwas, dessen Verständnis nur von der Innenperspektive her möglich ist.“ (39) Um im nächsten Satz einen vermeintlichen Gewährsmann herbeizuziehen: „So spricht der französische Physiologe Claude Bernard (1813–1878) mit Bezug auf eine Zelle vom milieu intérieur.“ (Ebd.) Bernard selbst erläutert dieses milieu intérieur nun aber keineswegs im Sinne einer bewusstseinsmäßigen Innenperspektive, die einer jeden Zelle zugeschrieben werden müsse. Bernard erläutert seinen Begriff folgendermaßen: »Je crois avoir le premier insisté sur cette idée qu’il y a pour l’animal deux milieux: un milieu extérieur dans lequel est placé l’organisme, et un milieu intérieur dans lequel vivent les éléments des tissus.» (Leçons sur les phénomènes de la vie communs aux animaux et aux végétaux, Paris 1878, p. 113) Für Bernard hat das innere Mileu nichts mit mentaler Innerlichkeit zu tun, sondern bezeichnet schlicht den Umstand, dass die inneren Strukturen eines mehrzelligen Organismus von Flüssigkeit umspült oder durchdrungen sind.

„Von Leben zu reden“, führt Brenner aus, gehe „so lange fehl, wie nicht die Innenperspektive des Lebendigen in den Blick kommt.“ (94) Und wieder stellt sich die Frage, ob mit dieser Innenperspektive nun ein Bewusstsein bezeichnet ist oder nicht. Sehen wir, wie sich Brenner die Autopoiesistheorie Humberto Maturanas einverleibt. Laut Brenner ist gemäß dieser Theorie das „Selbst“ die organismische Einheitsstiftung (vgl. 88). Zugleich aber begreift Maturana in der Deutung Brenners „Leben als geistiges Ereignis. Zentrum dieses Geistigen kann aber muss nicht das Nervensystem sein. Alle Lebensformen, also auch jene ohne ein Nervensystem, sind zu kognitiven Leistungen in der Lage.“ (56) Maturana spricht nun aber vor allem deshalb von Organismen als autopoietischen Systemen, weil es sich um „selbst“-herstellende Entitäten handelt, ohne dass diese Selbstherstellung von einem eigentlichen Selbst im Sinne von Bewusstsein/Mentalem begleitet sein müsste.

Verpflanzung des Selbst ins Reich der Gewächse und Körperzellen
Soll allem Lebendigen eine Innenperspektive, ein Selbst, zukommen, so darf sie auch bei Pflanzen nicht fehlen, wenn Pflanzen Formen des Lebendigen sein sollen. An Pflanzen macht Brenner ein intra- sowie ein interorganistisches Kommunikationssystem aus. Demnach erkennen Pflanzen Gefahren und verteidigen sich gegen Angriffe von außen. „Diese außergewöhnliche Fähigkeit wird unterstützt durch ein Erinnerungsvermögen der Pflanzen. So konnte beobachtet werden, dass sich beispielsweise Bäume daran erinnern, dass sie in unregelmäßigen Abständen gegossen werden, und manche Pflanzen können sich auch nach ihrer Verpflanzung an ihre früheren Nachbarn erinnern.“ (78f) Ob Bäume auch nachtragend sind? Wir wollen nicht spotten und geben der Hoffnung Ausdruck, dass Selbiges auf den Autor nicht zutrifft. Dem Rezensenten ist bei der Lektüre nicht unzweideutig klar geworden, ob Brenner über eine „chemische Kommunikation“ – im Sinne eines Stoffaustausches – hinausgehend tatsächlich an Empfindungen bei Pflanzen glaubt. Sollte er dies nicht tun, hätte er vielleicht gut daran getan, dies expliziter zu machen, da Leser seiner Einführung leicht einen anderen Eindruck vermittelt bekommen.

Problembehaftet sind denn auch Brenners Ausführungen zu einzelnen Körperzellen. Nachdem er bereits zwischen intra- und interorganistischer Kommunikation unterschieden hat, will er die interorganistische Kommunikation auch noch für den Binnenbereich von Organismen in Anwendung bringen (obwohl dieser Bereich doch schon durch den Begriff „intraorganistische Kommunikation“ abgedeckt sein sollte): „Die beobachtete interorganistische Kommunikation findet sich auch im Organismus. Zellen verfügen demnach über die Fähigkeit, zwischen dem eigenen Selbst und dem Nichtselbst zu differenzieren und mit anderen Zellen in eine kommunikative Beziehung zu treten.“ (79) Problematisch an dieser Ausführung ist zumindest, dass der uns als ein Selbst vorgestellte Organismus in einen Plural weiterer Selbste aufgespalten wird. Demnach wären also nicht die Organismen die lebenden Wesen, sondern die sie konstituierenden Zellen. Woher kommt dann aber mein Selbstgefühl und in welchem Verhältnis steht es zu den Selbstgefühlen jeder einzelnen meiner Körperzellen? An diesen Fragen kommen wir vorbei, wenn wir annehmen, dass Brenners Wortwahl doch nur metaphorisch ist, dass Begriffe wie „Innenperspektive“ oder „Selbst“ nur im Sinne einer „selbstorganisierenden und selbstaktiven Potenz“ (93) ohne empfindendes Selbst gelesen werden sollen. – Wie es denn unter gegebenen Bedingungen im Nanobereich auch die Kohlenstoffatome „selbst“ sind, die sich zu einer Vielzahl räumlicher Strukturen, darunter Röhren und Kugeln, anordnen, ohne dass hier Mentales im Spiele wäre.

Zunächst unplausibel wird diese Lesart, wenn wir Brenners Ausführungen zu Hunger und Atmung nachgehen, wo er sich mit Samuel Alexander (1859-1938) beschäftigt. Bei Hunger und Atmung handele es sich um basale Empfindungen auf einer Stufe des Mentalen weit unterhalb geistigen Selbstbewusstseins. „Den dermaßen heruntertransponierten Begriff des Geistigen kann man auch auf Wesen ohne neuronal-kortikalen Apparat anwenden, womit er dann alles Lebendige umfasst.“ (67) Da Brenner nun nicht nur jeder Organismus als ein lebendes Wesen gilt, sondern überdies jede einzelne Zelle, aus denen ein Organismus besteht, liegt vor dem Hintergrund seiner Annahmen nahe, dass Milliarden unserer Körperzellen Hunger verspüren, wenn wir selbst hungrig sind. Die Frage nach dem lebenden Individuum scheint hier aus dem Ruder gelaufen. Aber auch diese Deutung hat nur eine kurze Halbwertzeit, da Brenner „Hunger und Atmung als Ausdrucksformen von Bewusstsein“ im Windschatten Samuel Alexanders wie folgt erläutert sehen will: „Es handelt sich dabei um Prozesse, die man auch als vor- oder als unterbewusst bezeichnen kann, denn sie finden zwar auch im Zustand wachen Bewusstseins statt, sind aber von anderer Qualität als ein mentales Geschehen, wie es sich am anspruchsvollsten im (reflexiven) Selbst-Bewusstsein zeigt.“ (66f) Demnach gäbe es nicht-erlebten Hunger. Zumindest der Rezensent sieht sich außerstande, dies zu verdauen und er möchte den nach Wasser dürstenden Tafelschwamm tränken, um tabula rasa zu machen.

Einen Abschnitt zu Beginn seines Buches überschreibt Brenner mit dem vielsagenden Titel „Die Bedeutung der Lebensmetaphern“. In enger Anlehnung an Lily E. Kays Arbeit „Das Buch des Lebens“ bekennt er sich hier zu der Einsicht, es handele sich bloß um eine anthropomorphisierende Redeweise, „wenn beispielsweise die Rede davon ist, dass sich Moleküle ‚gegenseitig erkennen’“, die die Tatsache verdecke, „dass die vermeintliche ‚Erkenntnis’ eigentlich eine ‚Passung’ nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip ist.“ (13) Demnach wäre das vermeintliche Erinnerungsvermögen der Bäume nur metaphorisch aufzufassen. Brenners Ausführungen zu den Pflanzen legen diese Deutung allerdings nicht unzweideutig nahe. Denn anders als die erinnernden Bäume hat er das an früherer Stelle Erläuterte in einer Fußnote zum Abschnitt über die Bedeutung der Lebensmetaphern wieder „vergessen“, wenn er die Autoren Marc Kirschner und John Gerhart zustimmend paraphrasiert, denen zufolge „Proteine in einer schwachen Verbindung zur DNA stehen, was bedeutet, dass sie die DNA-Information deuten können und quasi ‚frei’ in der Befolgung dieser Information sind.“ (103, Anm. 90).

Beim Umgraben der Ideengeschichte des Lebens trifft Brenner nicht zuletzt auf Hans Jonas. An seiner Philosophie des Organismus stellt er heraus, „dass Leben allgemein einen Innenhorizont habe“ (30). Leider versäumt es Brenner, die Ungereimtheit herauszustellen, dass Jonas zwar einerseits Pflanzen als Lebewesen ansieht, ihnen aber im gleichen die Innerlichkeit im Sinne basalen Bewusstseins – die mit Lebendigkeit koextensiv sein soll – nicht zuspricht. Jonas’ Naturphilosophie hätte Brenner als Wegscheide dienen können, sein Zentralkonzept des Selbst entschieden entweder auf die eine Weise (Selbst als selbst-tätiger Organismus) oder eine andere Weise (Selbst als erlebendes Wesen) auszudeuten, statt es beim bereits bemängelten Sowohl-als-Auch zu belassen.

Wie ticken andere Kulturen?
Schon zu Beginn seiner Arbeit präsentiert sich Brenner als Parteigänger der Antimechanisten, deren mechanistische Gegner sich mitunter dahin verstiegen, die Existenz eines lebenden Wesen mit dem Ablaufen einer aufgezogenen Uhr zu vergleichen. Sicher ist es vor diesem Hintergrund lohnend, den Geist der „außereuropäischen Tradition“ (46ff) kontrastiv zu beleuchten. Doch hätte Brenner gut daran getan, die europäische Tradition bis an ihre Anfänge zurückzuverfolgen. So geht ihm zufolge der Gedanke einer Spontanerzeugung lebender Wesen auf Hegel zurück (35). Indes kannte wohl schon der gottlos philosophierende Vorsokratiker Anaximander eine Zoogonie und sogar eine Anthropogenie: „Anaximander behauptet, die ersten Lebewesen seien im Feuchten entstanden…“ (Die Vorsokratiker I, Philipp Reclam Jun., Stuttgart 1983, S. 79) Und: „Der Mensch sei aus einem anderen Lebewesen, d.h. einem Fisch entstanden und diesem anfänglich ähnlich gewesen.“ (Ebd., S. 81). Wenn Brenner mit Bezug auf seine Ausführungen über China, Indien und Afrika ankündigt, er gebe Hinweise, „die für eine angemessene Beschäftigung mit der Frage nach dem Leben unverzichtbar sind“, so fragt man sich in Ansehung einiger Allgemeinplätze, mit denen man konfrontiert wird, worin die Unverzichtbarkeit bestehen soll. Vielleicht wäre ein Hinweis angebracht gewesen, wonach zumal die chinesische Zivilisation in Ermangelung des Glaubens an eine göttliche Schöpfung aus dem Nichts weniger Schwierigkeiten mit der Idee einer Wandelbarkeit der Arten hatte als das christliche Europa (für Näheres siehe Joseph Needham, Wissenschaftlicher Universalismus, Suhrkamp, Ff/M 1979, S. 207ff). – Oder ein Verweis auf das Bedachtsein von Rückkopplungsmechanismen als Kontrollsystem komplexer Organismen im Denken des Wang Fu-Chih (1619-1692), laut Needham ein Proto-Theoretiker der Idee des dynamischen Gleichgewichts (vgl. Joseph Needham, Wissenschaft und Zivilisation in China, Suhrkamp, Ff/M 1988, S. 323).

Von Descartes bis Mary Shelley
Wie in den meisten Darstellungen, wird Descartes leider auch in derjenigen Brenners in ein vorgefertigtes Befragungsschema eingespannt, um seinem Werk altbekannte Antworten abzutrotzen, die ihn neben Francis Bacon als einen Träger der Urschuld an modernen Miseren dastehen lassen sollen. Dabei ist Descartes nicht nur Autor mechanistischer Traktate, sondern auch Verfasser einer Embryologie, in der der Umlauf von Flüssigkeiten die entscheidende Rolle für das Hervorgehen der Organe während der Embryogenese spielt. Was über die von Brenner betonte Metapher vom Körper-Automaten hinausweist.

Zum Ende des Abschnitts „Der Triumph des Materialismus“ findet Mary Shelley (1797-1851) Erwähnung. Brenner rechnet sie offenbar unter die Gefolgsleute des materialistischen Triumphzugs: „Sie erfindet in Frankenstein eine geniale Forschergestalt, der es gelingt, einen Menschen zu schaffen. Diese noch fiktionale artifizielle Lebensschöpfung hat auch die Naturwissenschaft nicht zur Ruhe kommen lassen, die in unseren Tagen unter dem Titel der synthetischen Biologie aus der Fiktion Realität werden lassen möchte.“ (24) Dem materialistischen Siegeszug stellt Brenner in seinem Buch den nächsten – „Das Gespür für den Zusammenhang: die Romantik“ betitelten – Abschnitt gegenüber, offenbar nicht bedenkend, dass gerade Mary Shelley als eine der Hauptfiguren der Romantik gilt.

Öfters haftet den von Brenner hergestellten Bezügen ein mehr als kühner, fast schon lebenslustig zu nennender Zug an. So erläutert er in einem interessanten Abstecher in die Gedankenwelt des Romantikers Novalis (1772-1801): „Mit Gedanken lässt sich demnach das Leben nicht wirklich erkennen. In diesem Zusammenhang redet Novalis mit Skepsis über die Möglichkeit, den ‚Buchstaben der Natur’ neuen Sinn zu verleihen. Mit verblüffendem Weitblick nimmt Novalis hier die Entschlüsselung des Gencodes und die Entwicklung der Gentechnologie bis hin zur synthetischen Biologie vorweg.“ (27) Mit ähnlichem Recht ließe sich sagen, der Dichter John Milton habe mit Satans Reise durch den Weltenraum die moderne Raumfahrt vorweggenommen.

Über Goethe führt Brenner aus, dieser habe zwar den Begriff des Systems mit den Worten „Natur hat kein System“ abgelehnt, halte aber den Begriff der Organisation, der erst im 20. Jahrhundert Bedeutung erlangt habe, für angemessen (32). Für einen kurzen Augenblick (da ihm selbstverständlich vertraut) übersieht Brenner, dass dem Begriff der Organisation bereits in Kants Philosophie des Organismus eine entscheidende Rolle zukommt, insofern Kant Organismen als „organisierte Wesen“ beschreibt. Laut Kant hat „die Organisation der Natur nichts Analogisches mit irgend einer Kausalität, die wir kennen.“ (Kant, Kritik der Urteilskraft § 65) In Brenners Darstellung ist weniger von den organisierten Wesen Kants die Rede, als vielmehr von „belebter Materie“ (25). Fragwürdig an Brenners Erörterung der Kantischen Naturphilosophie ist zudem, dass er den Teleologie-Kritiker Kant ohne nähere Erläuterung folgendermaßen paraphrasiert: „Die Natur entfaltet sich nach einem teleologischen Plan, der sich der kausal-deterministischen Erklärung eines Mechanismus versperrt.“ (25)
Mit dem „Begriff des Systems“ habe Goethe (1749-1832) einen Begriff abgelehnt, „der zweihundert Jahre später Karriere machen soll“, erläutert Brenner (32), und bedenkt nicht, dass das, worauf Goethe abgezielt haben könnte, weniger der systemtheoretische Lebensbegriff unserer Gegenwart gewesen sein wird, als etwa das System des „Vaters der Taxonomie“: Carl Linnaeus (1707-1778).

Wiederum über Kant führt Brenner aus, er habe „bereits in der Kritik der Urteilskraft, also 1790, den Prozess des Wachstums bei lebenden Organismen als einen teleologischen beschrieben.“ (60) Außer Betracht lässt Brenner, die mit Kant unvertrauten Leser dieses Bandes aus der Reihe Grundwissen Philosophie darauf hinzuweisen, dass Kant – wie oben angedeutet – ein früher Kritiker teleologischen Denkens ist und sein Gebrauch der teleologischen Denkform dem Vorbehalt eines regulativen Prinzips, einem Als-Ob, untersteht, welches nicht mit Naturerkenntnis gleichzusetzen sei.

Die Reclam-Reihe Grundwissen Philosophie hat einen wissenschaftlichen Beirat aus angesehenen Philosophen. Wünschenswert wäre gewesen, Mitglieder des Beirates hätten Wissen und Fertigkeiten, aus denen sich ihr Ansehen speist, noch stärker in die Begutachtung dieser lebendigen Einführung eingebracht, die freilich auch in der vorliegenden Form durch das gegebene Leitmotiv eine ungemein anregende Lektüre und allerlei Bedenkliches bietet. Doch urteile ein jeder selbst!

Über Akerma Karim 49 Artikel
Dr. Karim Akerma, 1965 in Hamburg geboren, dort Studium u.a. der Philosophie, 1988–1990 Stipendiat des Svenska Institutet und Gastforscher in Göteborg, Lehraufträge an den Universitäten Hamburg und Leipzig, Tätigkeit als Übersetzer aus dem Englischen, aus skandinavischen und romanischen Sprachen. Wichtigste Publikationen: „Verebben der Menschheit?“ (2000) sowie „Lebensende und Lebensbeginn“ (2006).

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