Licht – und kein Klecks Farbe: Meisterfotos von Peter Mathis in einer bildschönen „Berge“-Schau in Burghausen

Lichtbild mit Besucher

Vorletzter August-Samstag, Dämmerstunde. Das „Haus der Fotografie“, Hausnummer 1 der Burg zu Burghausen, füllt sich langsam mit gemächlich einherschreitenden Besuchern. Am Eingang liegen abgerissene Äste, herabgefallene Dachschindeln, Häufchen noch grüner Kastanien auf dem Boden – Erinnerungen an den heftigen Sturm Freitagnachts. Noch einmal dramatisch wird es im Saal des Museums. Peter Mathis zeigt eine Auswahl seiner neueren Fotografien. „Berge“ nennt er sie schlicht und einfach. Und löst, mit jedem seiner Bilder, einen kleinen inneren Sturm aus: Nebelschwaden über zerklüfteten Gipfeln. In Milch getauchte schroff ragende Dolomitenspitzen. Schwärzliche, vom Mond beschienene Alpenmassive. Schweizer, Italiener, Franzosen, ein paar Deutsche auch. Keineswegs nur Matterhorn.

„Der Mond ist aufgegangen …“, beginnt es im Kopf zu singen, ohne dass ein Ton des Liedes gefallen wäre, allein aus dem Augen-Blick auf eine der Mathis-Schöpfungen, betitelt mit dem Herkunftsort „Croda da Lago, Italien“ und der Jahreszahl 2012. Dieses atemberaubende Foto hängt, groß genug, um in der letzten Reihe der Vernissage-Gäste ohne weiteres wahrgenommen zu werden, gleichsam als Kulisse für das Podium. Zwei Stab-Mikros ragen an der Rampe empor. Auftritt Fritz Moßhammer. Überraschungsgast aus dem Nachbarland. Ein Stündchen vorher einem Wägelchen mit Kennzeichen „HA“ entstiegen. Das Instrument, dem er seltsame Tonfolgen entlockt, überragt den 63-Jährigen um Lineal-Länge. Mit geschlossen Augen bläst er die Slawische Hirtenflöte. Trägt die gebannt Hörenden weit hinaus und hoch hinauf – wie am Schluss der Vernissage nochmal. Mit dem Alphorn aus Karbon und einer Maultrommel. Ohne vereint zu sein, bilden der Salzburger Instrumentalist und der Vorarlberger Fotokünstler ein eingeschworenes Duo aus dem Moment. Ein Gespann der Extreme.

„Der Wald steht schwarz und schweiget, / und aus den Wiesen steiget / der weiße Nebel wunderbar.“ Die nächste Strophe des Dichters Matthias Claudius drängt sich auf: „Wie ist die Welt so stille / und aus der Dämm`rung Hülle …“ Doch nicht dem Lied folgen, sondern zuhören, was Peter Mathis erzählt. Er gibt kurze Antworten auf präzise Fragen der Kuratorin Ines Auerbach, die ihrer Freude Ausdruck geben muss, so viele Interessierte begrüßen zu können. Vor dem Fotografieren, dem er sich seit gut 30 Jahren ganz und gar verschrieben hat (und das ihm vor 9 Jahren den „Master of European Photography“ einbrachte) waren angeblich Skilaufen, Klettern und Bergsteigen Sache des 1961 geborenen Peter Mathis. Ein Jahrzehnt Tischlerei genügten ihm. Es zog ihn mit Macht zur Landschaftsfotografie. Nie ohne Stativ zieht er seitdem los. Am liebsten an entlegene Standorte und in hochalpine Höhen. Warten auf Wetterstürze. Die garantieren die unabdingbaren Wolken. Wasserfälle werden nicht von vorne, sondern von hinten aufgenommen. Auf Farbe verzichtet Mathis seit 2009 ganz, und damit wohlweislich auf das Verführerische des Fotografierens.

Bergsteiger ist Peter Mathis geblieben. Allerdings einer, der stets in Vierecken sieht: im Format eines seiner Fotos. „Hingetrimmt“ ist bei ihm nichts. Ebenso wenig wird da etwas montiert. Das Ungewöhnliche seiner Bilder, das oft surreal anmutet und eine unerhörte innere Dramatik besitzt, ist nicht gemacht, nicht manipuliert, sondern der Natur abgenommen, abgerungen. Texturen sind dem feinfühligen Handwerker Mathis wichtig. Kontraste. Das Kompositorische. Licht – und kein Klecks Farbe. Das macht die Kunst des famosen, schon international bekannten Foto-Landschafters Peter Mathis. Von Weiß bis Schwarz: „alle Stufen des Grau“. Heile, unverfälschte Fotografie.

Foto (Hans Gärtner)

Lichtspiel mit Hand (eines Ausstellungsbesuchers) auf das Mathis-Foto „Aiguilles Dibona“, 2016

Infos zur Ausstellung „Berge“, Peter Mathis

Ort: 84489 Burghausen, Haus der Fotografie, Dr. Robert-Gerlich-Museum, Burg 1, Telefon +49 8677 4734. www.burghausen.de/hausderfotografie. Dauer: bis 5. November 2017. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, auch Feiertag von 10 bis 18 Uhr. Kuratorin: Ines Auerbach. Präsentation des Begleitbuches (Prestel-Verlag, München) am 30. September um 19 Uhr. Künstlergespräch mit Peter Mathis am 22. Oktober um 16 Uhr

 

Hans Gärtner
Über Hans Gärtner 241 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen