Medizinische Ethik an deutschen Hochschulen unter dem Nationalsozialismus

Hochschule: Foto: Stefan Groß

 

Die bedeutende US-medizinische Zeitschrift „Annals of Internal Medicine“ veröffentlicht in ihrer April-Ausgabe 2017 unter dem Titel „Lectures on Inhumanity: Teaching Medical Ethics in German Medical Schools Under Nazism“ eine deutsch-israelische Gemeinschaftsarbeit, die die medizinische Ethik an den medizinischen Fakultäten unter dem Nationalsozialismus durchleuchtet.

Nazi-Medizin und ihre Grausamkeiten werden in den letzten Jahrzehnten genau untersucht. Neu ist, dass nun auch die medizinische Ethik an den medizinischen Fakultäten unter dem Nationalsozialismus erforscht wird. In Anbetracht der medizinischen Verbrechen und des unethischen Verhaltens von Ärzten während des 3. Reiches wird gewöhnlich angenommen, dass nationalsozialistische Ärzte jegliche Ethik übergehen.

1939 werden in der Medizin Pflichtvorlesungen über Ethik eingeführt. Kataloge und weitere Quellen aus Archiven zeigen, dass Ethik-Vorlesungen bis zum Untergang Nazi-Deutschlands feste Bestandteile der Medizinerausbildung sind. An allen Universitäten Deutschlands werden Vorlesungen in den neuen Fächern „Medizinisches Recht“ und „Fachgerechte medizinische Studien“ gehalten. Langjährige Mitglieder der NSDAP werden zu Dozenten berufen, die nazistische und moralische Werte den angehenden Medizinern beibringen. Diese Werte beinhalten den ungleichen Wert der Menschen, die Reinhaltung des arischen Volkes, die gebieterische Rolle des Arztes den Behandelten gegenüber, die Verpflichtung des Einzelnen, gesund zu bleiben, und den Vorrang der allgemeinen Gesundheit vor der individuellen Patientenbehandlung.

Der Artikel zeigt auf, dass es nicht nur eine medizinischen Nazi-Ethik gibt, sondern dass diese medizinische Nazi-Ethik systematisch den Medizinstudenten Nazi-Deutschlands eingetrichtert wird. Die Ergebnisse illustrieren, dass von einem historischen Standpunkt aus das Konzept der „ewigen Werte“, die dem Arztberuf anhaften, in Frage gestellt werden müssen. Die vorherrschende medizinische Gesinnung kann durch Politik und Zeitgeist bestimmt sein und muss deshalb ständig hinterfragt werden.

Die Arbeit beweist, dass das Gedankengut des Nationalsozialismus – wohl nicht nur in der Medizin – nicht schlagartig mit der deutschen Kapitulation verschwindet, sondern langjährig, wahrscheinlich bis heute, nachwirkt. So verständlich die zweite und dritte Nachkriegsgeneration nichts mehr von den Naziverbrechen erfahren will, weil sie sich nicht schuldig fühlen wollen, so falsch und gefährlich ist es, diesem Drang nachzugeben. Die politische und ethische Lage in der EU ist heute weit weniger stabil als es uns Politiker und vom Staat abhängige Medienkonzerne weismachen wollen.

 

Nathan Warszawski
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Dr. Nathan Warszawski (geboren 1953) studierte Humanmedizin, Mathematik und Philosophie in Würzburg. Er arbeitet als Onkologe (Strahlentherapeut), gelegentlicher Schriftsteller und ehrenamtlicher jüdischer Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Gesellschaft zu Aachen.

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