Nach seinem Tod wurde er berühmt – Victor Klemperers Briefe 1909/59

Walhalla, Foto: Stefan Groß

 

Der am 9. Oktober 1881 in Landsberg an der Warthe/Neumark geborene Victor Klemperer war das achte und jüngste Kind des Rabbiners Wilhelm Klemperer und seiner Ehefrau Henriette. Der Vater wurde 1885 von Landsberg ins westpreußische Bromberg versetzt und von dort 1891 in die Reichshauptstadt Berlin, wo Sohn Victor wie auch schon die drei älteren Brüder Georg (1865-1946), Felix (1866-1932) und Berthold (1871-1931) das 1689 gegründete „Französische Gymnasium“ (seit 1974 in Berlin-Tiergarten gelegen) besuchte, um 1896 ans Friedrichswerdersche Gymnasium überzuwechseln. An diesem 1681 vom Großen Kurfürsten gegründeten Gymnasium wurde er auch in den alten Sprachen Latein und Griechisch unterrichtet.

Allerdings verließ er schon 1897, um eine kaufmännische Lehre anzutreten, diese Schule noch vor dem Abitur, kehrte aber 1900 in seine Heimatstadt Landsberg zurück, wo er 1902 am Königlichen Gymnasium das Abitur nachholte. Danach studierte er vier Jahre in München, Genf, Paris und Berlin die Fächer Philosophie, Romanistik und Germanistik, ohne freilich ein Examen abzulegen oder den Doktortitel zu erwerben. Stattdessen heiratete er am 16. Mai 1906 die aus Königsberg/Preußen stammende Konzertpianistin Eva Schlemmer (1882-1951) und führte fortan ein Leben als Rezensent für mehrere Zeitungen und als Verfasser literaturwissenschaftlicher Arbeiten. Obwohl er schon 1903 zum Protestantismus konvertiert war, ließ er sich 1912 noch einmal taufen und zog mit seiner Frau nach München, wo er sein unterbrochenes Studium wiederaufnahm und mit einer germanistischen Dissertation über den im 19. Jahrhundert berühmten Romanschriftsteller Friedrich Spielhagen (1829-1911) aus Magdeburg promoviert wurde. Die Habilitation bei dem weithin angesehenen Romanisten Karl Vossler (1872-1949) in München über den französischen Aufklärungsphilosophen Charles de Montesquieu erfolgte 1914.

Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er 1914/16 an der Westfront eingesetzt war, ging er nach Leipzig, wurde 1919 Privatdozent in München und führte gleichzeitig Tagebuch über die revolutionären Veränderungen unter Ministerpräsident Kurt Eisner (1867-1919). Im Jahr darauf wurde er als Ordinarius an die Technische Universität Dresden berufen, wo er 16 Jahre lang über französische Literatur las, ehe er als Jude und NS-Gegner 1935 zwangsemeritiert wurde.

Diese Dresdner Jahre bis 1935 waren die wissenschaftlich fruchtbarsten im Leben des in Ost-Brandenburg geborenen Gelehrten, der zur Zeit seines Berufsverbots gerade einmal 54 Jahre alt war. In dieser Zeit waren Werke entstanden wie „Einführung in das Mittelfranzösische“ (1921), „Die moderne französische Prosa 1870-1920“ (1923), „Romanische Sonderart“ (1926), „Pierre Corneille“ (1933) und, gemeinsam mit den Kollegen Helmut Hatzfeld und Fritz Neubert, „Die romanischen Literaturen von der Renaissance bis zur Französischen Revolution“ (1924).

Das 1938 verhängte Verbot für Juden, öffentliche Bibliotheken zu benutzen, machte ihm wissenschaftliches Arbeiten völlig unmöglich. Zwei Jahre später musste das Ehepaar Klemperer das 1934 bezogene Wohnhaus in Dresden-Dölzschen verlassen und in ein „Judenhaus“ ziehen. Seit 1943 musste Victor Klemperer, der zunächst noch durch die Ehe mit seiner „arischen“ Frau Eva vor der Verschleppung in ein Konzentrationslager geschützt war, in mehreren Dresdner Betrieben Zwangsarbeit leisten. Während des Angriffs angloamerikanischer Flugzeuge auf Dresden in der Nacht des 12./13 Februar 1945 konnten Eva und Victor Klemperer, der sich den Judenstern abgerissen hatte, aus der brennenden Stadt entkommen und sich bei einer früheren Hausangestellten in der Kreisstadt Pirna an der Elbe verstecken. Von dort erreichten sie nach mehrtägiger Flucht über München das Dorf Unterbernbach bei Augsburg, von wo sie am 10. Juni nach Dresden zurückkehrten.

Am 23. November 1945 trat Victor Klemperer der KPD bei und wurde 1946 in die neugegründete SED übernommen. Am 1.Dezember 1945 wurde ihm die Professur, die er bis 1935 innegehabt hatte, an der Technischen Hochschule bestätigt. In diesen von Unsicherheit erfüllten Nachkriegsjahren schrieb er sein sprachkritisches Buch „LTI“ (1947), eine Untersuchung zum Sprachgebrauch im „Dritten Reich“ (Lingua Tertii Imperii), wozu er sich im Krieg Notizen gemacht hatte. Schließlich wurde er an die Universität Greifswald berufen und 1948 an die Universität Halle, von 1951 bis 1955 lehrte er auch als Gastprofessor an der Humboldt-Universität in Ostberlin.

Eva Klemperer, die 45 Jahre mit ihm verheiratet gewesen war und die Demütigungen und Erniedrigungen in den NS-Jahren 1933/45 mit ihm durchgestanden hatte, starb überraschend am 8. Juli 1951. Ihre Kompositionen und Bilder (sie hatte bei Walter Leistikow in Berlin Malerei studiert) waren im Krieg verloren gegangen, aber ihre Übersetzungen aus dem Französischen und dem Spanischen konnten 1947/52 in Ostberliner Verlagen erscheinen. Ihr Leben mit Victor Klemperer wurde 1999 unter dem Titel „Klemperer. Ein Leben in Deutschland“ in einer zwölfteiligen ARD-Folge (als DVD 2010) mit Matthias Habich und Dagmar Manzel verfilmt.

Bereits 1952, im Jahr darauf, heiratete er Hadwig Kirchner (1926-2010), die noch in Niederschlesien das Abitur abgelegt hatte und in Halle/Saale Germanistik und Romanistik studierte. Sie kannten sich seit 1948, sie war fast 46 Jahre jünger als Victor Klemperer, wurde in Halle seine Assistentin und in Ostberlin 1951 seine Oberassistentin. Außerdem schrieb sie bei ihm ihre Dissertation über den zweibändigen Roman Heinrich Manns (1871-1950) „Die Jugend und die Vollendung des Königs Henri Quatre“ (1935/38), die 1957 vorlag. Gutachter waren der Germanist Alfred Kantorowicz (1899-1979), der am 22. August 1957 nach Westberlin fliehen sollte, und die in Rumburg/Sudetenland geborene Romanistin Rita Schober (1918-2012), die Victor Klemperers Schülerin war. Die Ehe mit Hadwig Klemperer dauerte nur acht Jahre, am 11. Februar 1960 verstarb Victor Klemperer, seine Witwe blieb zunächst in Dresden-Dölzschen wohnen und übernahm dann einen Lehrauftrag für Romanistik an der Universität Halle.

Es gab aber, wovon zu DDR-Zeiten außer seinen beiden Ehefrauen Eva und Hadwig niemand etwas wusste, nicht nur den Literaturwissenschaftler Victor Klemperer, sondern auch den geheimen Tagebuchschreiber, der nicht nur seine Verfolgungsgeschichte 1933/45 aufgezeichnet hatte, sondern auch seine Erlebnisse in der Münchner Räterepublik 1919, während des Nachkriegsjahre 1945 und während der SBZ/DDR-Jahre 1945/59. Ohne diese, in der NS-Zeit unter Lebensgefahr vorgenommenen Niederschriften freilich, die nach seinem Tod von seiner Witwe Hadwig Klemperer und ihrem Mitarbeiter Walter Nowojski (1931-2012), auch er ein Schüler Victor Klemperers, entziffert werden mussten, wären Leben und Forschungsarbeit des Romanisten, auch die zweibändige „Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert“ (1954/66) längst in die Wissenschaftsgeschichte des SED-Staates eingegangen, von Bedeutung nur noch für Historiker.

Seine zweibändigen „Erinnerungen eines Philologen 1881-1918“ erschienen unter dem Titel „Curriculum vitae“ im Jahr des Mauerfalls 1989, wurden damals aber aus verständlichen Gründen kaum wahrgenommen. Erst die Veröffentlichung der beiden umfangreichen (1800 Seiten) Tagebuchbände „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ (1995) machten seinen Namen weltweit bekannt. Hier schilderte ein vom NS-Rassenwahn Betroffener die systematische Entrechtung und Ausgrenzung von Juden aus dem öffentlichen Leben, wie man es bis dahin höchstens in Inge Deutschkrons (1922) Buch „Ich trug den gelben Stern“ (1978) hatte lesen können. Die Autorin freilich konnte 1943 in Berlin untertauchen und wurde mit ihrer Mutter, während der Vater schon 1939 nach England emigriert war, von nichtjüdischen Freunden versteckt. Eva und Victor Klemperer aber waren schon in Dresdner „Judenhäuser“ verschleppt worden, der letzten Station vor dem Transport ins Vernichtungslager Auschwitz. Insofern ist Victor Klemperers Tagebuch ein unmittelbares Zeugnis der Judenvernichtung, das noch im Jahr des Erscheinens 1995 mit dem „Geschwister-Scholl-Preis“ ausgezeichnet wurde.
Der vorliegende Briefband ist eine unentbehrliche Ergänzung zu den vier Editionen der Tagebücher. Allein das Verzeichnis der Briefempfänger ist höchst aufschlussreich. Einer der ersten Briefe vom 28. April 1910 war an die deutsch-mährische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) gerichtet, die er ehrerbietig darum bat, sie besuchen zu dürfen. Auch mit Ottilie Franzos (1856-1932), der Witwe des aus Galizien stammenden Schriftstellers Karl Emil Franzos (1848-1904), stand er in Korrespondenz, wie der Brief vom 12. Februar 1909 zeigt. Korrespondenzen führte er aber auch mit anderen Schriftstellern wie Lion Feuchtwanger (1884-1958), der schon 1933 emigriert war, allerdings erst im Todesjahr des Autors 1958, mit dem Theologieprofessor Friedrich Delekat (1892-1970), der seit 1933 der „Bekennenden Kirche“ nahestand und 1936 des Amtes enthoben wurde, und selbstverständlich mit mehreren Fachkollegen, allen voran Karl Vossler (1872-1949) in München, der ihn 1914 habilitiert hatte und der 1938 zwangsemeritiert worden war. Brieflichen Austausch pflegte er weiterhin mit Leo Spitzer (1887-1960), der 1933 nach Istanbul emigrierte und von dort 1936 in die Vereinigten Staaten, wo er bis 1956 in Baltimore lehrte; mit Erich Auerbach (1892-1957), dem Verfasser des Standardwerks „Mimesis“ (1946), auch er 1936 emigriert, der 1936/47 eine Professur in Istanbul versah und dann an der Yale University in New Haven lehrte; und schließlich mit Werner Krauss (1900-1976), der 1944 als Widerstandskämpfer knapp der Todesstrafe entronnen und 1947 in Leipzig zum Ordinarius für Romanistik ernannt worden war.

Victor Klemperer hat, wie der Briefband erweist, alle diese bedrohlichen Vorgänge um den Aufstieg und die Herrschaftssicherung des Nationalsozialismus mit wachen Sinnen aufgenommen und niedergeschrieben, aber er hat sie nicht wahrhaben wollen. Sein ältester Bruder Georg Klemperer (1865-1946), Medizinprofessor an der Charité in Berlin, als Jude schon 1933 entlassen, ist noch 1935 im Alter von 70 Jahren emigriert, ein Entschluss, worin er durch die Verabschiedung der „Nürnberger Rassegesetze“ vom 15. September 1935 nur noch bestärkt wurde, und ist 1946 in Boston gestorben. Er hat, hellsichtig, was die politische Zukunft Deutschlands betraf, seinen jüngeren Bruder mehrmals beschworen, das Land zu verlassen und sich um „außerdeutsche Unterkunft“ (Brief vom 5. Januar 1934) zu bemühen, stieß aber auf taube Ohren. Victor Klemperer lehnte dieses Ansinnen rundweg ab, da er „ausschließlich nach Deutschland gehöre, dass ich absolut deutsch bin.“ (Brief vom 19. Januar 1934). Georg Klemperer antwortete am 22. Januar 1934: „Alles, das Du von Deiner deutschen Gesinnung und Einstellung schreibst, hat mich lebhaft berührt und findet in meinem Herzen starken Widerhall. Aber was machen wir mit unserem Deutschtum, wenn uns dessen maßgebende Vertreter täglich erklären, dass wir in einem anmaßlichen Irrtum sind, wenn wir uns für deutsch halten? Wie sollen sich meine Söhne verhalten, die nur deutsch fühlten und die als Fremdstämmige aus der Heimat vertrieben sind?…die heut lebenden nichtarischen Deutschen, die ihre deutsche Seele nicht verleugnen wollen, haben ein hartes Schicksal! Wir wollen es mit Würde tragen.“

Victor Klemperer „Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen. Ein Leben in Briefen“, Aufbau-Verlag, Berlin 2017, 640 Seiten, 28.00 Euro

 

 

 

 

 

 

Jörg Bernhard Bilke
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Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.

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