„Pfarrers Fritze“ – Die Cospedaer Jugendjahre des Weimarer „Allerweltskerls“ Friedrich Johann Justin Bertuch (1747 – 1822)

Eiszeit, Spuren im Schnee, Foto: Stefan Groß

Der bewunderte, beneidete und umstrittene Friedrich Justin Bertuch, den Goethe einen „Allerweltskerl“ nennen sollte, war ein „Übersetzer mit Verdiensten. Dichter ohne Talent.

In Weimar kluger Verwalter der fürstlichen Privatschatulle, Herausgeber und Verleger, Freund Goethes.

Ein Kapitalist und Philanthrop der Aufklärung“.

All dies ließ Siglinde Hohenstein 1989 auf das Cover ihrer Bertuch-Monografie drucken, die aus einem Ausstellungskatalog hervorging. Dennoch sind damit längst nicht alle Arbeitsfelder dieses „Selfmademans“ verdeutlicht oder genannt: Herausragend war ein zwölfbändiges „Bilderbuch für Kinder“ mit über 1000 kolorierten Kupferstichen in 190 Heften, die Redaktionsarbeit an Wielands „Teutschem Merkur“, die Mitbegründung der „Allgemeinen Literaturzeitung“, die Herausgabe des „Journals des Luxus und der Moden“ sowie vor allem die Gründung des „Landes-Industrie-Comtoirs“(1791), das zuweilen bis zu 400 Menschen in Weimar Brot gab. In der bereits 1782 gegründeten Manufaktur für künstliche Blumen arbeitete auch Christiane Vulpius, Goethes spätere Frau.

Der Geheimsekretär und Legationsrat hatte großen Anteil an der Gestaltung des Ilm-Parks. Weit verbreitet war in den Jahren 1775/76 Bertuchs Originalübersetzung des „Don Quixote“ von Miguelde Cervantes. ( Die Vorgänger hatten Cervantes aus dem Französischen übersetzt.) Zur gleichen Zeit gründete er in Weimar die „Freie Zeichenschule“ usw. usf.

So ein erfolgreicher Mann hatte nicht nur Freunde. Schiller spottete über Bertuchs „merkantilistische Seele“, auch Herder ging deutlich auf Distanz.

In Paul Kaisers Broschur über „Das Haus am Baumgarten“ (1980), dem heutigen Weimarer Stadtmuseum, gibt es am Ende eine Zeittafel zum Leben Bertuchs. Der erste Eintrag erfolgt zu Bertuchs Geburt am 30. September 1747 in Weimar. Es schließt sich ein Vermerk zum Jahr 1769 an, in dem Bertuch in Jena sein Studium aufgenommen haben soll. Bertuch begann sein Studium, wie seine Immatrikulationsurkunde vom 3. März zeigt, bereits 1767. Sein Studium brach er 1769 ab, weil er eine Hofmeisterstelle im Altenburgischen erhielt. Dort wurde der Freiherr Ludwig Heinrich Bachoff von Echt (1725-1792) – wie später auch Christoph Martin Wieland – zu seinem väterlichen Mentor. Hat sich in den zwei Jahrzehnten zwischen Geburt und Studium nichts ereignet, das einer Betrachtung wert wäre?

Wer heute das Weimarer Bertuch-Haus besucht, kann eine eindrucksvolle Exposition aus dem Jahre 1999 sehen, die den geistigen und materiellen Reichtum dieses „Allerweltskerls“ sichtbar macht. Die Ausstellung stellt Bertuchs „Landes-Industrie Comptoir in Weimar“ ins Zentrum. Bertuch hat trotz seiner vielfältigen Leistungen und Bemühungen heute in seiner Geburtsstadt einen schweren Stand. Auch die Ausstellung im europäischen Kulturstadtjahr hat daran langfristig wenig geändert. Die Touristen wollen zu Goethe und Schiller, wer aber fragt nach Herder und Wieland oder erkundigt sich gar nach Friedrich Justin Bertuch?

Über Bertuchs Eltern oder die frühen Cospedaer Jahre wird der Ausstellungsbesucher nicht unterrichtet. Dies passt insofern zu dem praktisch denkenden Bertuch, als er um sein persönliches Leben öffentlich wenig Aufhebens machte, auch, um dem Weimarer Klatsch und Tratsch zu entgehen.

Bertuchs Vater Justin Bertuch war (nach Johann Georg Slevoigt) als Garnisionsarzt in den Diensten des Weimarer Herzogs Ernst August Konstantin, dem Ehemann Anna Amalias. Garnisionsärzte, zumal bei einem Kontingent von nur 500 Soldaten, wurden schlecht bezahlt. Justinus Bertuch heiratete 1744 Johanna Christiana Rosina, verwitwete Slevoigt, die er „bey dem guten Rufe, darinne sie bey jedermann stand, zu seiner Ehegenoßin ausersehen hatte.“ ( *Zit. nach Steiner/Kühn, S.15) Der junge Bertuch, das einzige Kind, konnte sich daran erinnern, dass sein Vater, ein der „Arzteney Berühmter Doktor und Practicus“, mit 35 Jahren einem Blutsturz erlegen war. Da war er vier Jahre alt, erzählte er seinem Schwiegersohn Ludwig Friedrich Froriep. ( Ebenda, S.16 und S. 246)

Justins Mutter war die Tochter des Weimarer Amtsmannes und Stadtrichters Johann Ehrenfried Bürger. Von der Mutter, so wird vermutet, habe Bertuch den Hang zum Musischen mitbekommen, vom Vater eher das Praktische und Wissenschaftlich-Exakte. Ein Vorfahre von Bertuchs Mutter war der Pädagoge und Hofprediger Johannes Kromayer (1576-1643), der in Weimar das Schulwesen beaufsichtigte und reformierte. Bereits seit 1619 existierte die „Weimarische Schulordnung mit muttersprachlichem Unterricht und allgemeiner Schulpflicht.“ (Ebenda, S.245)

Die nächste einschneidende Veränderung im Leben der Bertuchs trat ein, als die Mutter in dritter Ehe den späteren Cospedaer Pfarrer Johann Gottlieb Haensche heiratete. Einen großen Teil seiner Kindheit und Jugend (von 1757-1762) hat Friedrich Justin in Cospeda verbracht, am Rande seines späteren Studienortes Jena. In der soliden und auf neu entdeckten Materialfunden basierenden Bertuch-Biografie, die Walter Steiner und Uta Kühn-Stillmark 2001 herausbrachten und die hier als wichtige Quelle dient, ist von zehn Cospedaer Jahren Bertuchs die Rede. Es waren deren fünf . Zeitgenossen erinnern sich, dass der junge Bertuch ein „fröhlicher Knabe von lebhaftem Geist“ gewesen sei. „Pfarrers Fritze“, wie man ihn nannte, wurde von der Dorfjugend geliebt. Die „naturverbundene und geistig rege Umgebung“ tat dem Jungen gut, lesen wir in der Biografie „Ein Leben im klassischen Weimar zwischen Kultur und Kommerz“. (Ebenda, S.16)

Die Cospedaer Festschrift zum 750. Ortsjubiläum (2009) enthält eine Dorf – und Kirchenchronik. Zu „Fritzes Pfarrer“ heißt es auf Seite 78:

„Hänsche Gottlieb   1757 – 1762

*??? Buttelstedt

20.2. 1755 Weimar ordiniert

1755-1757 Weimar St. Jacob Kollab.

00 ??? Christiana Rosina Maria + 12.11. 1762 Cospeda

+2. 6. 1762 Cospeda

„aus Weimar, allwo er einge Jahr an der Jacobs Kirche Collaborateur (gemeint ist ein Mitarbeiter – U.K.) gewesen, substituierete Herrn Günther im Pastorate, und wurde Dom. V. p. Trin. Anno 1757 investiret. Er starb aber anno 1762 an einem Fieber.“ (S.78)

Das Cospedaer Kirchenbuch (1638-1764, Col. 244) dokumentiert, wie die Trauerfeier für Bertuchs Stiefvater ablief: „H. Gottlieb Hänsche gewesener Pfarrer allhier, starb den 2 Juny und wurde den 4 ejusd: beerdigt. Der H. Pastor Schneider zu 14 Heiligen predigten (sic!) über den erwähnten Leichentext. Psalm 23. Der H. ist mein getreuer Hirt pp Die Parentation hielten (sic !) H. Pastor Martini zu Frankendorf. Music: vor der Thür. Unser Wandel pp in der Kirche Seelig sind die Toden aetat.“

Die Quellen, auch wenn sie manches Faktum mehrfach bieten, zeigen nicht, dass die Ehefrau des Pfarrers die Mutter des kleinen Bertuch war. Belegt ist, dass Bertuchs Mutter in Cospeda starb. Die Kinder der Pastoren werden in der Chronik meist genannt. „Pfarrers Fritze“, wohl, weil er kein gemeinsames Kind des Paares war, fand keine Erwähnung.

Das Weimarer Kirchenbuch 952 lässt uns wissen, dass der Cospedaer Pfarrer 1724 in Buttelstedt geboren wurde und ab 1752 für die Gemeinden Cosweda (sic!), Closwitz (!) und Lützeroda verantwortlich war. Hänsche wohnte im (bis heute denkmalgeschützten) Cospedaer Pfarrhaus, welches 1638, während des Dreißigjährigen Krieges gebaut wurde und 18 Pfarrergenerationen als Wohn – und Wirtschaftsanwesen diente. „Beachtenswert ist das den Innenhof zum Dorf hin abgrenzende langestreckte Fachwerkgebäude mit seinen bis über 13 m (!) langen Horizontalbalken. Welch stattliche Bäume müssen seinerzeit in der Umgegend gewachsen sein und mit welchem Aufwand sind sie hierher gebracht worden?“**

Der Pfarrhof, das Holperpflaster eingeschlossen, ist historisch erhalten geblieben. So kann man den Wohnort des jungen Bertuch noch heute authentisch erleben. Zu fragen wäre, was über die grundlegende Schulbildung des aufgeweckten und vielseitig interessierte Friedrich Justin in seiner Cospedaer Zeit in Erfahrung zu bringen ist. Die Cospedaer Ortschronik von 2009 weist für die Jahre 1751-1758 den „hiesigen Cantor und Schuldiener“ Johann Heinrich Bretewitz aus. Ab 1759 wird der Cantor Johann Stichling genannt, der mit der Tochter des Schuldieners Dorothea Susanna Bretewitz „copulieret“ war. Anschließend arbeitete hier für lange Zeit (1758-1781) Johann Adam Körbs Schuldiener in Cospeda und Lützeroda. (S. 85)

Ein Großteil der Bildung lag seinerzeit in den Händen der Kirche. In Cospeda findet man kein Schulgebäude, das aus dem 18. Jahrhundert stammt. Es war üblich, dass die Kinder Teile des Unterrichts in den Nachbardörfern absolvierten. Dorthin gingen sie zu Fuß. Im Falle Bertuchs ist davon auszugehen, dass sich auch die Mutter und der Stiefvater individuell und vertiefend um die Bildung und Erziehung kümmerten.

Im Jahre 1761 erhielt Bertuch seine Konfirmation. Es ist zu vermuten, dass man ihn dann bei einer Familie in Weimar, Jena oder Mellingen als Pate einsetzte. Ein solcher hatte sich um die Entwicklung der dortigen Kinder zu kümmern und wäre im Falle des Todes der Eltern für die Patenkinder verantwortlich. Bislang fehlt eine Quelle, die Bertuchs Tätigkeit als Pate belegt.

Der kleine Bertuch genoss den Schutz und das Wohlwollen des Weimarer Herzoghauses. Es existiert das Bildnis eines „hübschen, zarten und wachen“ Knaben. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat Anna Amalia um 1782 dieses eindrucksvolle Ölgemälde auf Leinwand – nach einer Vorlage von Melchior Kraus – geschaffen. Neuere Forschungen gehen indessen davon aus, dass die Herzoginmutter Bertuchs Sohn Carl als Knaben gemalt hat. (Ebenda, Bildteil nach S. 200) In Albrecht von Heinemanns Biografie „Ein Kaufmann der Goethezeit – Johann Friedrich Justin Bertuchs Leben und Werk“ (Vgl. Ausgabe von 1955) wird das Jugendbildnis noch Friedrich Justin Bertuch zugeordnet. (S. 33) Das undatierte Pastell von Johann Christoph Philipp Gutbier ist deshalb wohl das früheste Bildnis, das wir von Friedrich Justin Bertuch haben. (Ebend, Tafel I, nach S.88)

Zwischen der Herzogenmutter und Bertuch gab es über Jahrzehnte einen vertrauten und produktiven Umgang: Bertuch half ihr bei der Buchbeschaffung für die (später nach ihr benannte) Bibliothek. Durch sein „Journal des Luxus und der Moden“ war die modebewusste Herzogin im Ruhestand „auf dem Laufenden“, erfuhr vielfältige Anregungen für gediegene Kleidung und Raumgestaltung. Die Gründung der Weimarer Zeichenschule war für die kunstinteressierte Herzogin, die auch bei Gregor Melchior Kraus Zeichenunterricht nahm, eine Freude.

Blicken wir zurück nach Cospeda, wo das Jahr 1762 zu einem Schicksalsjahr wurde. Es brachte neues familiäres Unheil für Bertuch: Am 2. Juni verstarb, wie angedeutet, sein geliebter Stiefvater mit 38 Jahren und am 11. November verlor er auch noch seine Mutter. Sie starb in Cospeda an „Auszehrung“. (In der Stammtafel zur Familie Bertuch wird das Sterbedatum der Mutter irrtümlich mit 1761 angeben. Ebnda, S. 301) Lange hatte sie ihrem Sohn verheimlicht, wie krank sie war. Bertuchs herzensgute Mutter, die zweimal mit Ärzten verheiratet war, hatte sich selbst ausgiebig mit der „Arzney Kunst“ vertraut gemacht. Oft versuchte sie, uneigennützig Weimarer Bürgern zu helfen.

Das innige Verhältnis des einzigen Sohnes zu seiner verstorbenen Mutter wird eindrucksvoll im Predigt-Text zur Beerdigung am 14. November zum Ausdruck gebracht. Er befindet sich, wie viele Materialien zu Bertuch , im Weimarer Goethe-und Schiller-Archiv :

„Gott segnete sie, da sie einen hoffnungsvollen Sohn gebahr, der noch am Leben, und gegenwärthig bey ihrem Sarge Thränen der Liebe, Thränen der Wemuth und Thränen des Dankes weinet, und sie, seine innigst geliebte Mutter mit äußerster Wehmuth zu ihrer bereiteten Ruhe Stätte begleitet. Wie viel schlaflose Nächte und wieviel arbeitsvolle Tage sie diesem Sohn bey seiner Pflege und Erziehung geweihet, davon geben betrübte Freunde und selbst der Schmerzenvolle Sohn die sichersten Zeugnisse.“ (Nach Steiner/Kühn, S.17)

Im oben erwähnten Kirchenbuch (Col. 246) kann man ergänzend erfahren:

„Fr. Chrisiana ( ! – U.K.) Rosina Maria, des wohlseel. H. Pastor: Gottlieb Hänsches Fr. Eheliebste starb, den 12.Nov: H. Past: Käsebier zu Taupadel predigte über den erwählten Text. Hos. Ich will nicht mit dir pp und der Candit: H. Schroen aus Weimar hielt Parentat: altat:“

Bei dem „Candidaten“ H. Schroen handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um den Sohn von Bertuchs Weimarer Oheim, über den noch zu berichten sein wird.

Zusammenfassend lässt sich zu Friedrich Justin Bertuchs früher Zeit – trotz des tragischen Endpunktes 1762 – sagen, dass die „unbeschwerten Jahre in Cospeda für seine Entwicklung von erheblicher Bedeutung“ waren. (Ebenda, S. 16)

Es ist kein Zufall, dass in der Weimarer Biografie von 2001 im Kapitel „Der ‚grüne‘ Bertuch“ gleich eingangs erneut von Cospeda die Rede ist. „Bertuchs innige Beziehungen zur Natur begannen in früher Jugend, als er mit vier (fünf – U.K.) Jahren nach Cospeda kam und im Pfarrgarten seines Stiefvaters in der schönen Umgebung Jenas aufwuchs. In Weimar blieb er später der Natur nahe. Als er im holzländischen Waldeck um seine Braut Carolina Slevoigt (1731-1810) warb, half er mit eigener Hand, ein weitläufiges Landstück seines künftigen Schwiegervaters in einen Landschaftspark, in ‚Bertuchs Monpliaisier‘ zu verwandeln.“ Die Familien Bertuch und Slevoigt standen über Jahrzehnte hinweg in enger Verbindung.

In Weimar dann bemühte sich Bertuch darum, den „Garten auf dem Horn …samt dem darinnen befindlichen Gartenhaus und Brunnen“ käuflich zu erwerben. Dieses Haus sprach der Herzog Carl August jedoch Goethe zu. Bertuch und Goethe gemeinsam erwarben später große Anerkennung dadurch, dass sie den Ilmpark zu einem bis heute weltbekannten englischen Landschaftspark entwickelten.

Der Weimarer Herzog sorgte dafür, dass sein Schatullenverwalter, der „nebenbei“ auch die Kasse des Dessauer Hofs betreute, als Äquivalent für das Gartenhaus im Ilmpark den weit größeren „Baumgarten“ (heute ist es der „Weimarhallenpark“) zur Pacht erhielt. Hier konnte er seinen riesigen Hausgarten, in dem es einen Teich gab, anlegen. Laut Pachtvertrag musste Bertuch bestimmte Kontingente an Obst und Gemüse, aber auch Fische an die Hofküche liefern. (Ebenda, S.142)

Auf seinen Wunsch hin durfte er als erster Bürger Weimars in seinem Garten begraben werden (1822). Im Familiengrab im hinteren Teil des Gartens wurden u.a. sein frühverstorbener Sohn Carl und seine Ehefrau Carolina bestattet.

Blicken wir nach dem Exkurs erneut auf die Jahre des jungen Bertuch. Am Ende seiner Cospedaer Zeit war Bertuch mittellos, Vollweise. Mit fünfzehn Jahren kam er zurück in seine Heimatstadt. Sein Oheim Gottfried Mathias Ludwig Schrön, angestellt bei der „Fürstlich –Sächsischen Landeskasse“, deren Direktor er später wurde, nahm ihn auf. In Weimar lebte er in einer künstlerisch interessierten Familie, die vom Geist der Aufklärung geprägt war. Dort hatte er ideale Bedingungen, um seine Gymnasialausbildung zu absolvieren. Nebenbei leitete Schrön den „Weimarischen Anzeiger“, der zweimal wöchentlich erschien. Der Gymnasiast und spätere Verleger und Schatullier Bertuch ging hier gewissermaßen in die „Lehre“. Über Bertuchs Schulzeit notierte der Gymnasialdirektor, Journalist und das Klatschmaul Weimars Karl August Böttiger (1760-1835): „Bertuch lässt sich in alle seine Röcke und Mäntel 4 Taschen machen.

Schon auf der Schule war er ein großer und raffinierter Rahmenvergolder.“ (Atv, S.290)

Kurzum, Bertuch konnte in Weimar – trotz des geschilderten Unheils in der Familie und der Tratschereien – seinen Weg kontinuierlich weitergehen.                                                               *

Denkt man über Bertuch und Cospeda nach, so hat das Thema noch einen zweiten Part: Er hängt mit der Schlacht bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806 zusammen. Kurz vor diesem Ereignis hatte der Verleger Bertuch vom Oberbefehlshaber der preußischen Armee, dem Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig, der wenig später bei Hassenhausen (in der Nähe Auerstedts) zu Tode kam, eine Ordre. Der Herzog, Bruder von Anna Amalia, ordnete an, ein „Kriegsmanifest“, einen Aufruf gegen Napoleon, zu drucken. Der national gesinnte Bertuch plante, 4000 Exemplare zu produzieren. Wie viele dieser Blätter verteilt wurden oder ob es nur den noch erhaltenen Andruck gibt, ist in der Forschung ungeklärt. Auf jeden Fall war Bertuch nunmehr hochgradig gefährdet und verließ seine Familie, sein Haus und sein großes Unternehmen. Er irrte acht Tage nach der Jenaer Schlacht durch Thüringen (Erfurt, Gispersleben, Kleinfahner, Langensalza…). Vor allem wollte er immer wieder in Erfahrung bringen, wie es um Weimar und Jena bestellt war. Aus Bertuchs „Tagebuchaufzeichnungen von 1806“, die erst 1997 unter dem Titel „Meine Hegira“ (Meine Flucht/Auswanderung) erschienen***, erfährt man nicht, ob der Geflohene bei dieser Gelegenheit nochmals in sein geliebtes Cospeda zurückkehren konnte. In den dramatischen Tagen der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt war dies höchst unwahrscheinlich.

Bertuchs Freund, der Maler Georg Melchior Kraus, wurde von den Franzosen grausam ausgeraubt und zugerichtet. An den Folgen starb er. Den Bertuchs passierte kaum etwas. Ihrem Haus wurden die französischen Generäle Louis Gabriel Suchet und JeanVerdier zur Logie zugewiesen.

Der flüchtende Geheime Sekretär hatte jedoch für etliche Tage „schreckliche Abenteuer gehabt.“****                                                            *

Wäre es nicht an der Zeit, dass wir am Cospedaer Pfarrhaus oder an der „Kulturscheune“ mit einer Tafel an die frühen Jahre Friedrich Justin Bertuchs erinnern? Die Zeit in Cospeda hat ihn folgenreich geprägt. Ohne Bertuch ist das klassische Weimar nicht denkbar, auch wenn er im Schatten Wielands, Herders, Goethes und Schillers stand.

Der Verfasser bedankt bei den Cospedaern Dr. Wolfgang Biewald und Egon Luther, bei Frau Dr. Uta Kühn(Weimar) und bei Rita Seifert (vom Universitätsarchiv Jena ) für ihre Mitarbeit..

*Walter Steiner / Uta Kühn Stillmark, Friedrich Justin Bertuch – Ein Leben im klassischen Weimar zwischen Kunst und Kommerz.Weimar 2001

** Wolfgang Biewald, 750 Jahre Cospeda, Festschrift 2009, S.56

***Weimarer Schriften 54 / 1997, hrsg. v. Christina Junghanß

****Birgitt Hellmann (Herausgeber), Bürger, Bauern und Soldaten – Napoleons Krieg in Thüringen 1806…Jena 2005, S.122

Über Ulrich Kaufmann 7 Artikel
PD. Dr. Ulrich Kaufmann wurde 1951 in Berlin geboren u. lebt seit 1962 in Jena. Hier hat er nach dem Abitur 1970 Germanistik und Geschichte studiert. 1978 wurde er in Jena über O.M.Graf promoviert u. 1992 über Georg Büchner hablitiert. Von 1978 bis 1980 war Kaufmann als Aulandsgermanist im polnischen Lublin tätig.Von 1999 bis 2016 Gymnasiallehrer für Deutsch u. Geschichte. Er hat 10 Bücher über die deutsche Literatur verfasst.