Robert Gernhardt zum 80. Geburtstag

Feuerwerk zur Faschingszeit, Foto: Stefan Groß

Die Stadt Frankfurt am Main ist gesegnet mit bedeutenden Schriftstellern. Johann Wolfgang von Goethe verbrachte hier seine Kindheit und Jugend und Arthur Schopenhauer verbrachte hier fast 30 Jahre. In der Gegenwart leben einige durch zahlreiche Literaturpreise bekannt gewordene Schriftsteller in Frankfurt – Wilhelm Genazino, Bodo Kirchhoff und Martin Mosebach. Am 13. Dezember 2017 ist es mehr als angebracht, sich an einen anderen großen Dichter Frankfurts zu erinnern, an Robert Gernhardt. Es ist sein 80. Geburtstag. Gernhardt wurde in der Nachkriegszeit als Maler, Zeichner, Karikaturist und Schriftsteller bekannt. Da er überwiegend Gedichtbände schrieb, ist er als einer der bedeutendsten deutschen Lyriker der Nachkriegszeit in die Literaturgeschichte eingegangen. Für jene Frankfurter, die sich nicht für Lyrik interessieren, gibt es doch einige Orte der Stadt, an denen man sich an Robert Gernhardt erinnern kann: Sein Grab befindet sich am Frankfurter Hauptfriedhof, es gibt eine Robert-Gernhardt-Brücke und an der Wörth-Spitze stehen die drei Gernhardt-Eschen. Bei jenen Frankfurtern, die gerne in das Hafenlohr-Tal fahren, könnte die Robert-Gernhardt-Linde in Lichtenau deren Aufmerksamkeit erringen. Seit 2009 wird jährlich der Robert-Gernhardt-Preis an jeweils zwei hessische Autoren verliehen.

Am 30. Juni 2006 ist Robert Gernhardt in Frankfurt im Alter von 69 Jahren an seiner Darmkrebserkrankung verstorben. Er hinterließ mehr als 50 Bücher und wurde durch 21 Literaturpreise von der literarischen Fachwelt geehrt. Er erhielt den Bertolt-Brecht-Preis, den Erich-Kästner-Preis, den Heinrich-Heine-Preis, den Joachim-Ringelnatz-Preis und den Wilhelm-Busch-Preis. Seine „Gesammelten Gedichte“ umfassen mehr als 1000 Druckseiten. Als Karikaturist, Zeichner und Dichter wurde er in den 80-er Jahren durch seine vielfältigen Beiträge für die Zeitschriften „Pardon“ und „Titanic“ bekannt. Er war Mitbegründer der „Neuen Frankfurter Schule“, zu der auch F.W. Bernstein, F.K. Waechter, Chlodwig Poth, Ekhard Henscheidt, Bernd Eilert, Dieter Knorr und Hans Traxler gehören. Robert Gernhardt war bekannt durch seinen spritzigen und bissigen Humor. Lange Zeit galt er als „Nonsens-Dichter“. Durch zwei lebensbedrohliche Erkrankungen wurde die Grundmelodie in seinen Gedichten besinnlicher und melancholischer. Sein Humor färbte sich zunehmend traurig bis tragisch. Kurz vor seinem 60. Geburtstag erlitt er einen Herzinfarkt und musste sich einer Bypass-Operation unterziehen. In dieser Zeit schrieb er den Gedichtband „Herz in Not“ (2004), in dem sich genau 100 Gedichte über seine Herzerkrankung und seine Herzoperation befinden. Im Jahre 2002 wurde eine Darmkrebserkrankung diagnostiziert, an der er schließlich im Jahre 2006 starb. In den vier Jahren, in denen er mit der Krebserkrankung lebte, war seine Lyrik überwiegend durch die Themen Krebserkrankung, Tod und Sterben geprägt. Sein Gedichtband „K-Gedichte“ (2004) und der posthum erschienene Gedichtband „Später Spagat“ enthalten Gedichte gegen den Krebs. Gernhardt hat quasi jahrelang gegen seinen Krebs angedichtet. Während der Chemotherapien schrieb er oft Gedichte. So entstand sein Motto „Jede Chemo ein Gedicht“. Er schilderte sein Erleben wie folgt: „Da hängt man am Tropf und kriegt wirklich harte Sachen, und ich hatte immer was zu schreiben dabei, schrieb beispielsweise über Schiller oder Ingeborg Bachmann, und ich hatte mir vorgenommen, jede Chemo: ein Gedicht. Angst, hadernd manchmal. So habe ich mir während einer Chemo mal „Geh aus mein Herz und suche Freud“ von Paul Gerhardt vorgenommen und es umgeschrieben.“

Im kurzen Gedicht „Dialog“ schimmert die Ambivalenz auf, die dem inneren Gespräch mit dem Krebs entspringt: „Gut schaust du aus!/Danke! Werds meinem Krebs weitersagen./Wird ihn ärgern.“

Im Achtzeiler „Vom Gewicht“ wird die Macht des Todes durch wenige Worte überaus drastisch dargestellt: Der Tod als Schwergewicht und letztlich als Sieger des langen Kampfes gegen den Krebs: „Vom Gewicht. Trägst den Tod in dir?/Trägst schwer./Tod ist nicht irgendwer:/Wiegt./Stirbst wie nur ein Tier?/Nimms leicht./Tod wird durch nichts erweicht:/Siegt.“

Robert Gernhardt hat vier Jahre lang einen bewundernswerten Kampf gegen den Krebs durchgestanden. Er hat in dieser Zeit tapfer gegen den Krebs angedichtet. Gemäß seinem Motto „Jede Chemo ein Gedicht“ hat er dem finalen Sieger Tod Gedicht um Gedicht abgerungen. Dafür verdient er unsere Wertschätzung, Bewunderung und Anerkennung. Deshalb sollten wir uns zu seinem 80. Geburtstag an ihn erinnern!

Zum Autor:

Prof. Dr. med. Herbert Csef, geboren 1951, ist Psychoanalytiker und Professor für Psychosomatik am Universitätsklinikum Würzburg. Zu seinen Forschungsgebieten gehören Psychoonkologie und krebskranke Schriftsteller.

 

 

Über Herbert Csef 17 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.

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