Rückzug ins Leben oder: Frei wie ein Vogel

Henry David Thoreau war 28 Jahre alt, als er 1845 beschloss, eine kleine Hütte an einem See zu bauen, um sich dort für eine Weile dem Tumult der Zivilisation zu entziehen. Der See hieß Walden, und so hieß auch das Buch, das er später darüber schrieb. Es ist eines der berühmtesten und der bedeutendsten Werke der amerikanischen Literatur geworden. Das Grundstück gehörte übrigens Ralph Waldo Emerson, dem Dichter, Unitarier und Philosophen, unter dessen Einfluss Thoreau seine gerade wegen ihrer Schlichtheit verblüffenden, reformerischen Ideen entwickelte und die bis heute nichts an Aktualität eingebüßt haben. Thoreau war ein Aussteiger auf Zeit, der eine Wahrheit bei sich suchte, um besser in das unheimliche Wesen, das Anfang des 19. Jahrhunderts am Nervenkostüm der Menschen zerrt, einsteigen zu können: die Moderne. Mittlerweile hat selbige uns fest im Griff…. Oder vielleicht doch noch nicht?

Der 24-jährige Protagonist in Norbert Scheuers beeindruckendem Roman liest nicht nur Thoreau und Emerson, sondern auch er sucht einen Weg, um wieder zu sich zu finden. Nach einem Autounfall, an dem er nicht schuldlos war und der seinen besten Freund als Pflegefall hinterlassen hat sowie dem Selbstmord seines Vaters, findet er keine Ruhe mehr. Sein ganzes Leben stellt er in Frage. Einzig das Bestimmen und Beobachten von Vögeln lässt ihn die Schuldgefühle etwas vergessen und zur Ruhe kommen. Paul Arimond wird Sanitäter bei der Bundeswehr und meldet sich im Jahr 2003 freiwillig für einen Einsatz nach Afghanistan. Doch auch dort kommt er nicht zur Ruhe. Während des teilweise zermürbenden Wartens in der sengenden Hitze des afghanischen Sommers und der sich ständig wiederholenden monotonen Arbeit, zieht er sich, wann es nur geht, zurück, um die Gegend nach seinen gefiederten Freunden zu „observieren“, von deren Vielfalt und Artenreichtum bereits sein Urahn Ambrosius berichtete. Doch die vogelreichen Ufer des Sees, den er durch sein Fernglas glitzern sieht, liegen für ihn unerreichbar hinter Stacheldraht und einer alarmgesicherten Schutzzone. Einzig ein paar brütende Moabidsperlinge im Wrack eines liegengelassenen russischen Panzers auf dem Gelände verirren sich zu den Soldaten. Mit ganzer Kraft setzt er alles daran, dieses ornithologische Eldorado zu erreichen. Auch auf die Gefahr hin, von den eigenen Leuten als Spion erschossen zu werden…
Szenenwechsel: Die krebskranke Lehrerin Helena trifft bei einem ihrer Arztbesuche Julian, einen ehemaligen Schüler, der sie nach Hause fährt und ihr ein dickes Bündel handgeschriebener Papiere übergibt: tagebuchartige Aufzeichnungen seines Bundeswehrkameraden Paul Arimond. Zuhause versucht Helena diese Blätter zu ordnen und zu sortieren. Dabei gerät sie in den Bann des persönlichen Schicksals dieses jungen Mannes.

Aus dieser Konstellation hat Norbert Scheuer einen atemberaubenden, stillen, äußerst tiefsinnigen, einen unglaublich großartigen Plot entwickelt. Hier die Schuldaufladungen des jungen Mannes, dort die Monotonie und Einsamkeit auf dem Gelände der Schutztruppen, die aber jeden Moment durch Raketenangriffe und Schmerzensschreie seiner Kameraden einen empfindlichen Dämpfer erhalten können. Auf der einen Seite die Schönheit der Natur, das Flirren der Luft und die Rufe der Vögel, auf der anderen das Dröhnen der Drohnen und das Einschlagen von Granaten. Diese Szenenwechsel hat der deutsche Autor stilistisch grandios dargestellt, indem er auch seine Erzählperspektive wechselt. So stellt er den tagebuchartigen Kapiteln des Ich-Erzählers Paul, kurze Zwischeneinschübe aus der Sicht von Helena, die in der 3. Person gehalten sind, entgegen. Zusätzlich integriert er eine dritte Ebene: Originalreiseberichte von Ambrosius Arimond aus dem Jahr 1781. Zusammen ergibt dies einen Text, bei dem man das Gefühl hat, „als würde die Zeit stillstehen und zugleich rasend schnell vergehen, wie in einem herumwirbelnden Karussell, in dessen Zentrum ich in einem Schwebezustand lebe“ und bei dem man sich immer wieder selbst hinterfragt. Hinzu kommen filigrane, wunderschöne Kaffee-Aquarelle des Sohnes von Norbert Scheuer, die einige Vogelarten des kriegsgeplagten Landes zeigen.

Fazit: Ich möchte mein Gesamturteil mit einigen Textpassagen einleiten, die mich bewegt und fasziniert haben. Sie bringen vielleicht den Duktus dieses Buches recht gut zur Geltung: „Vielleicht kommt es im Leben nur darauf an, irgendetwas zu finden, bei dem alles andere in Vergessenheit gerät. (…) Irgendetwas existiert im Leben, das mehr ist als wir selbst und für das es keine Sprache gibt. Vielleicht liegt darin der Grund, dass Vögel singen. (…) Unser Leben ist nicht wie das der Vögel, wir können uns nie so sicher sein wie sie. Unsere Sprache vergeht, wir treffen nie die richtige Melodie, weil unsere Gedanken und Gewohnheiten sich zu schnell ändern.“ Mitunter doch! Norbert Scheuer hat sie getroffen. „Die Sprache der Vögel“ ist ein Plot über Grenzen und das Überschreiten selbiger. Geschickt lässt der Autor dabei die Gedanken Emersons und Thoreaus einfließen, überträgt diese in die Gegenwart und verarbeitet sie nahezu schwerlos und vogelfrei.
Ein unbedingt lesenswertes Buch, das völlig zu Recht unter den sechs Finalisten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015 war.

Norbert Scheuer
Die Sprache der Vögel
C.H.Beck Verlag (März 2015)
238 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3406677452
ISBN-13: 978-3406677458
Preis: 19,95 EUR

Finanzen

Über Heike Geilen 597 Artikel
Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.

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