Tarch[u]na. Über die antike Geschichte der etruskischen Stadt

Theater, Foto: Stefan Groß

von Çagıl Çayır

Einleitung

Die Entdeckung der antiken Stadt Tarquinia[1] begann im Zeitalter des Humanismus, trug sich über die Epochen der Aufklärung, Romantik und Moderne bis in die Gegenwart durch und wird zu Weilen in Forschungen der Etruskologie ausgeweitet.[2] In der Forschung gilt die an archäologischen Funden trächtige und sagenumwobene antike Stadt als kulturelles und religiöses Zentrum Etruriens.[3] Bisher hat Tarquinia, neben Cerveteri,[4] wie sonst keine andere Grabungsstätte, das Verständnis über die etruskische Zivilisation gefördert.[5] In dieser Arbeit werden zunächst die geographische Lage der etruskischen Stadt beschrieben, die geschichtswissenschaftliche Relevanz der Erforschung der vorrömischen Geschichte des heutigen Tarquinias anhand archäologischer, künstlerischer und literarischer Zeugnisse verdeutlicht und der aktuelle Forschungsstand zur etruskischen Schrift skizziert. Im darauf folgenden Kapitel werden literarische Überlieferungen griechischer und römischer Autoren hinsichtlich der antiken Geschichte der etruskischen Stadt diskutiert. Diese umfassen vor Allem die Städtegründung durch Tarchon,[6] die Sage um die Offenbarung der sogenannten Etrusca disciplina durch Tages,[7] die Tradierung des Gentilnamens Tarquinius in der Tanaquil-Sage[8] und die Königsherrschaften der Tarquin-Dynastie in Rom.[9] Somit werden die grundlegenden Informationen zur etruskischen Stadt und vielversprechende Forschungsmöglichkeiten und Ansätze für die Geschichtsforschung versammelt. Zum Schluss werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst und mögliche Fragestellungen zur weiteren Forschung angeführt. Dies schafft eine Orientierungsgrundlage für weiterführende Forschungen zur Geschichte Tarquinias.

 

Die antike Stadt Tarquinia

Die Anhöhe des antiken Stadtzentrums war spätestens ab dem Jahre 1307 verlassen. Zum Schutz vor Angriffen der Sarazenen seien die Bewohner Tarquinias auf den gegenüberliegenden Hügel umgesiedelt und hätten dort die mittelalterliche Stadt Corneto gegründet. Diese wurde im Zuge des Nationalismus in Italien im Jahr 1922 nach dem ruhmreichen Städtenamen Tarquinia umbenannt. Das antike Tarquinia befand sich einige Kilometer östlich von der heutigen Stadt auf der Anhöhe namens „Turchina“, „Tarchina“ oder „Pian die Civita“.[10] Antike Funde wurden im mittelalterlichen Corneto geschätzt und gepflegt, doch wurde die etruskische Vergangenheit des Orts weitgehend vernachlässigt.[11] Vielmehr wurden antike Zeugnisse mitunter achtlos zur Gründung und Erhaltung der mittelalterlichen Stadt wiederverwendet. Erst im Zeitalter des Humanismus erwachte in Italien das Interesse an der etruskischen Zivilisation.[12] Im ausgehenden 15. Jahrhundert machte der Dominikanermönch Annius von Viterbo auf die Bedeutsamkeit der Etrusker für die Religion der Römer aufmerksam. Er publizierte auch als erster die Behauptung, dass es sich bei den antiken Funden in und um Corneto um Zeugnisse der etruskischen Stadt Tarquinia handle.[13] Zahlreiche Entdeckungen und Ausgrabungen ab dem 15. Jahrhundert bereicherten die Kenntnisse über die antike Vergangenheit des Orts. Wobei Grabplünderungen seit römischer Zeit den verfügbaren historischen Quellen erhebliche Verluste zufügen und die Erforschung der etruskischen Kultur fortwährend erschweren.[14] Die systematische Erschließung und wissenschaftliche Erforschung der etruskischen Kultur erfuhr im 20. Jahrhundert vor allem wegen technologischer Neuerungen in der Archäologie eine Ergänzung und Ausweitung.[15] Im folgenden sind charakteristische Erkenntnisse, die bislang über die antike Stadt Tarquinia erlangt wurden, zusammengefasst.

 

Geographische Lage

Etwa 70 km nordwestlich vom heutigen Rom, in etwa 6 km Entfernung zur tyrrhenischen Meeresküste befand sich die antike Stadt Tarquinia. Sie erstreckte sich über mehrere Hügel und Täler am Fluss Marta. Das Zentrum der antiken Stadt lag etwa 4 km südöstlich vom heutigen Stadtzentrum auf der Anhöhe Pian de Civita und war von den beiden Wassergräben Albucci und San Savino umarmt, die beide in den Fluss münden. Der Fluss bot den Tarquiniern hervorragende Verkehrswege zum Meer und etwa 30 km bis ins Landesinnere zum See Bolsena.[16] Dies war die südwestliche Zone des antiken Etruriers und das Kerngebiet der etruskischen Zivilisation zwischen dem Tiber und dem Arno.[17] Die geographische Lage bot günstige Bedingungen für Handel, Landwirtschaft, Besiedlung und territoriale Kontrolle.[18] Das antike Stadtgebiet umfasste Teile der modernen italienischen Regionen Umbrien, Latium und Toskana. Die größten rivalisierenden Nachbarstädte waren das antike Vulci, Caere (Cerveteri) und Volsinii (Orvieto).[19] Zahlreiche Archäologische Funde bieten Einblick ins Leben im antiken Tarquinia.[20] Im folgenden sind grundlegende archäologische Erkenntnisse über die antike Stadt zusammengefasst.

 

Archäologische und künstlerische Zeugnisse

Das Stadtgebiet von Tarquinia war bereits vor dem Aufstieg zu einer der wichtigsten etruskischen Städte bewohnt. Zeugnisse menschlicher Besiedlung reichen in und um Tarquinia bis ins Neolithikum.[21] Überlieferungen der frühen Eisenzeit zeugen von der so genannten Villanova-Kultur.[22] Ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. wird jedoch die Urbanisierung Tarquinias als orientalisierende Phase erkannt.[23] In dieser Zeit erfuhr Etrurien Zuwanderungen aus dem gesamten Mittelmeerraum.[24] Die Nekropolen von Cerveteri und Tarquinia wurden im Jahre 2004 von der UNESCO zum Weltkulturerbe benannt. Die archäologischen Funde zeugen vom Reichtum, der Kunstfertigkeit, Religiosität und Literarizität der Etrusker. Es sind vor Allem tausende Gräber, davon hunderte mit Malereien, eine Stadtmauer, sowie zwei Paläste, des Weiteren Vasen, Statuen, Sarkophage, Schmuck, Waffen und Inschriften erhalten.[25] Auf Grund des Ruhms der antiken Stadt wurde bereits seit römischer Zeit in und um Tarquinia nach vergrabenen Schätzen gesucht. Auch im Mittelalter strebten Geistliche der Kirche nach etruskischen Gegenständen als Rohstoffe oder Artefakte. Weswegen wiederum Grabungen und Plünderungen unternommen wurden. Das Kunstinteresse der Moderne förderte weiterhin die Vermischung der antiken Quellen. Denn anders als in heutigen Forschungen verliefen die meisten Grabungs- und Bergungsunternehmungen ungeordnet.[26] Je nach Forschungsinteresse geben die verfügbaren archäologischen Quellen Aufschluss über Kunst, Kultur, Religion, Ritual, Handwerk, Handel, Landwirtschaft und Bevölkerung im Stadtleben des etruskischen Tarquinia. Insbesondere dienen die archäologischen Quellen der Kontrolle der literarischen Überlieferungen späterer Autoren bezüglich der etruskischen Zivilisation.

 

Die Etruskische Schrift

Viele der überlieferten Malereien, Skulpturen, Sarkophage und sonstige Gegenstände sind beschriftet.[27] Die etruskische Schrift ist sogar eines der Kriterien um das sie tragende Stück als etruskisch zu bestimmen.[28] Die Schrift der Etrusker ist eine alphabetische Schrift. Dabei ist von den Etruskern selbst keine Literatur überliefert, die ihre Geschichte erzählt. Die erhaltenen Schriftzeugnisse beschränken sich weitgehend auf kurze Inschriften, deren Untersuchung Gegenstand der Etruskologie ist.[29] Die Sprache der Etrusker unterscheidet sich vom Lateinischen und zählt nicht zur indogermanischen Sprachfamilie. Es sind in etwa elftausend Zeugnisse erhalten. Die bedeutungsvolle Interpretation ist jedoch meist unsicher. Aus den Zeugnissen werden einige Namen und Titel sowie grammatische Endungen sicher bestimmt, doch auf Grund des nicht-indogermanischen Ursprungs der etruskischen Sprache bleibt der Großteil des etruskischen Lexikons bislang unbestimmt. Die Schriftzeichen unterscheiden sich vom griechischen und lateinischen Alphabet. Der Ursprung der Schrift ist umstritten und wird im Mittelmeerraum vermutet.[30] Die Schrift hat formale Ähnlichkeiten mit mitteleuropäischen und asiatischen Runenschriften, mit welchen Sie oftmals in historischen Zusammenhang gebracht wurden und teilweise immer noch Gegenstand der vergleichenden Literaturforschung sind. Dennoch bleiben die meisten literarischen Überlieferungen der Etrusker rätselhaft. Der größte Teil der Inschriften ist vor Allem in dem noch nicht abgeschlossenen Corpus Inscrpitionum Etruscarum veröffentlicht.[31] Außer den weitgehend epigraphischen Schriftzeugnissen der etruskischen Kultur, beschränken sich die anderen Quellen auf archäologisches Material. Sekundärquellen bestehen aus Schriften römischer und griechischer Autoren der ausgehenden Republik, der Kaiserzeit und der Spätantike.[32]

 

Literarische Überlieferungen antiker Autoren

Die antike Geschichte der Stadt Tarquinia ist sagenumwoben. Zahlreiche archäologische Funde bezeugen die kulturelle Belebtheit in der etruskischen Stadt. Die Nekropolen von Tarquinia wurden von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt. Viele der erhaltenen Zeugnisse aus etruskischer Zeit sind beschriftet. Tatsächlich ist die etruskische Schrift eines der Kriterien um das Trägerobjekt als etruskisch zu bestimmen. Allerdings beschränken sich die schriftlichen Überlieferungen der Etrusker meist auf kurze Inschriften. Diese werden wiederum nur beschränkt bedeutungsvoll interpretiert. Denn bislang begrenzt sich das etruskische Lexikon hauptsächlich auf einige Namen, Titel und grammatikalische Endungen. Daher bleibt das meiste der überlieferten etruskischen Literatur weiterhin rätselhaft. Die bedeutendsten schriftlichen Quellen über ihre Lebenswelt begrenzen sich auf die Werke griechischer und römischer Autoren, welche oftmals feindselig gegenüber Fremden waren und nur beschränkte Kenntnisse über sie verfügten. Im Fall der Etrusker erwuchs eine solche Situation auf Grund von sprachlichen Barrieren, einer langen Tradition gegenseitiger Rivalität und sporadischen militärischen Konflikten.[33] Tatsächlich standen vor dem 5. Jh. v. Chr. sehr wenige schriftliche Zeugnisse über Italien zur Verfügung. So konnten antike Autoren über die dunstige Vergangenheit hinwegsehen und ihre Leser spekulierend oder ausschmückend mit guten, jedoch meistens propagandistischen Texten unterhalten.[34] Im Fall von Tarquinia widerspiegeln die Überlieferungen griechischer und römischer Autoren ein hohes Ansehen der Stadt.[35] Sie gilt als eine Städtegründung des sagenhaften Tarchon, dem unter anderem beim pflügen der Felder von Tarquinia die etruskischen Wahrsagebücher durch den Propheten Tages offenbart worden seien.[36] Des Weiteren gilt Tarquinia als Wohnort des Demaratos aus Korinth, dessen Sohn später der erste etruskische König in Rom gewesen sei.[37] Im Folgenden sind die wichtigsten literarischen Überlieferungen um Tarquinia beschrieben.

 

Die Sagen um Tarchon

Die Heldenfigur des Tarchon ist in den antiken Quellen unmittelbar mit der Frühgeschichte der etruskischen Zivilisation verbunden. Er gilt als Sohn[38] oder Bruder[39] des Tyrrhenos[40] und Sohn des Myserkönigs Telephos. In den antiken Quellen ist Tarchon als Gründungsheros und Namensgeber Tarquinias und Baumeister anderer etruskischer Städte überliefert.[41] Die älteste Quelle findet sich bei Lykophron, wo Tarchon und Tyrrhenos Bündnis mit Aeneas schließen und auch bei Vergil tritt Tarchon als Anführer der Tyrrhener und Bündnispartner von Aeneas auf.[42] Darüber hinaus gilt Tarchon als Empfänger der Offenbarung der etruskischen Religion. Beim Pflügen der Felder von Tarquinia soll ihm der Kindsprophet Tages erschienen sein. Dieser habe Tarchon die so genannte Etrusca disciplina offenbart.[43] In der Forschung wird die Antiquität dieser Sage mitunter daran fest gehalten, dass selbst sagenhafte Helden wie Tarchon auf dem Feld arbeiteten.[44] Dennoch herrschen unterschiedliche Forschungsmeinungen darüber, ob nicht die Legenden um Tarchon fiktiv und in Anlehnung an den Ruhm Tarquinias nachbereitet seien.[45] Die Sagen um Tarchon als Empfänger der etruskischen Disziplin haben die Eigenschaft, dass nur der göttlich auserwählte und sozial privilegierte Tarchon das Wissen der Wahrsagung erlangt. Des Weiteren scheint Tarquinias Ruhm in der Antike dazu beigetragen haben, dass Tarchon auch als Städtegründer anderer etruskischer Städte mythisiert wurde. Die Sagen um Tarchon stehen in direkter Verbindung mit der Genese und den Traditionen der etruskischen Kultur.[46] Der Name ist in verschiedenen Formen inschriftlich überliefert. Die verschiedenen Wandlungen des Namens werden jedoch als eine Gruppe von identischen Begriffen zusammengefasst. Etymologisch identifizieren Thomas[47] und Beveridge[48] den Herrschertitel und Namen Tarchon und Tarquin mit dem asiatischen Tarkhan und führen somit eine kulturelle Verbindung der etruskischen Kultur mit zentralasiatischen Völkern her. In der Gegenwart wird die Herkunft des Namens als luwisch vermutet und in Anatolien gesucht.

 

Die Sage von Tages

Die Sage von Tages handelt von der Offenbarung der Etrusca disciplina, den Ritualbüchern der etruskischen Wahrsagung. In den antiken Quellen erscheint Tages einem Bauern oder Tarchon auf den Feldern von Tarquinia als Kindsprophet und offenbart ihm die Wahrsagung. Er ist die zentrale Figur in der Offenbarungsgeschichte der etruskischen Disziplin und erfährt „dasselbe hohe Ansehen wie Philosophen vom Schlage Pythagoras oder Platon.“[49] Verschiedene literarische Zeugnisse berichten über den Offenbarungsmythos.[50] Nach Cicero sei Tages einem Bauern, in Gestalt eines Jungen, doch mit der Weisheit eines Greisen erschienen. Diese habe so laut aufgeschrien, dass sich innerhalb einer kurzen Zeit das gesamte Etrurien dort versammelt habe und Tages die Verkündigung der Etrusca disciplina begann.[51] Dabei ist er in einer kritisch-aufklärenden Stimmung, und führt an, wie unsinnig denn eine solche Geschichte sei.[52] So wird Ciceros Version von anderen Überlieferungen unterschieden und als satirische Abwandlung der traditionellen Sage verstanden. Andere überlieferte Quellen um die Sage von Tages unterscheiden sich in Einzelheiten. Als verlässlichste Quelle gilt Lydus’ „De ostentis“.[53] Ovid berichtet poetisch das Wunder der Transformation des Propheten der etruskischen Religion aus einer Staubwolke.[54] Einige Lehren betreffen „den Willen der Götter – Regeln der Leberschau und Exegese von Blitzerscheinungen -, andere Formen des sozialen Zusammenlebens, […] Respekt vor dem Privateigentum.“[55] Damit die offenbarten Lehren der etruskischen Religion auch an Nachfahren weitergegeben werden konnten, mussten sie verschriftlicht werden. Die hierin enthaltenen Vorschriften bilden die Etrusca disciplina. Die Bücher der etruskischen Disziplin liegen uns nur in Auszügen und Zitaten aus lateinischen Übersetzungen vor. Bei vielen Überlieferungen ist eine interpretatio Romana nachweisbar. Dennoch widerspiegeln die Sagen um Tages die kulturelle Bedeutung Tarquinias in der etruskischen Zivilisation. Die fundamentalen Aspekte der etruskischen Religion, „Offenbarungen eines Propheten, dessen übernatürliche Herkunft, Weisheit und jugendliches Alter, Ansprachen an die Menge, Notwendigkeit der Schriftlichkeit für die Gültigkeit der Vorschriften“ erlauben einen Verweis auf „jüdisch-christliche Vorstellungen.“[56]

 

Die Sage von Tanaquil

Eine weitere antike Sage um Tarquinia handelt von der weiblichen Figur der Tanaquil. In den antiken Quellen gilt sie als vornehme Etruskerin aus Tarquinia und Ehefrau des ebenfalls aus Tarquinia stammenden fünften und ersten etruskischen Königs von Rom Lucius Tarquinius Priscus. Dieser hatte den Geburtsnamen Lucomo und war den Überlieferungen nach der Sohn des um 700 v. Chr. samt einer Gefolgschaft von Künstlern aus Korinth nach Tarquinia eingwanderten Demaratos. [57] Wegen seiner halbgriechischen Abstammung und den damit einhergehenden Erfolgsschwierigkeiten in Tarquinia seien er und seine Frau nach Rom ausgewandert. Auf dem Weg von Tarquinia nach Rom sei ein Ereignis geschehen, dass seine Ehefrau Tanaquil als Prophezeihung für die Königswerdung ihres Ehemannes in Rom deutete und ihm den Namen Tarchons zu tragen empfahl.[58] Der Sage nach änderte Lucomo darauf hin seinen Namen zu Lucius Tarquinius Priscus und herrschte als fünfter und erster etruskischer König in Rom. Nach seiner Ermordung bewirkte Tanaquil auch die Königswerdung ihres Günstlings Servius Tullius, der vor erst als einziger die Herrschaft der Tarquin-Dynastie in Rom unterbrechen sollte. In republikanischer Zeit galt Tanaquil als gute Ehefrau und Vorbild der römischen Matronen. Sie wurde nachträglich mit Gaia Caecilia gleichgesetzt.[59] Die Sage vermittelt entscheidende Merkmale der etruskischen Kultur, die keine Analogie in der griechischen Kultur, aber in Kulturen Asiens wiederfinden. In den Sagen um Tanaquil ist dieselbe Frau gleich zwei Mal unmittelbar an der Krönung des Königs beteiligt.[60] Des Weiteren wird ihr die Sehergabe zugeschrieben. Das auch Frauen die Lehren der etruskischen Disziplin erlernten sei in der etruskischen Kultur üblich gewesen. Des Weiteren ist an der Sage festzuhalten, dass der Tarquinierin solch ein Vertrauen in ihre Sehergabe zugesprochen wird, dass sie nicht zögert die höchsten Erwartungen für die Zukunft zu erwecken.[61] In den antiken Quellen ist eine Tanaquiltradition überliefert, die in ihrer Entwicklung und ihrem Verlauf von Johann Jakob Bachofen untersucht wurde. Die Sagen um Tanaquil spielen eine wichtige Rolle in der Frühgeschichte Roms und wurden vermutlich über einen wahren Kern hinaus ausgeschmückt. Fest zu halten ist hier wieder die Verbindung Tarquinias und seiner Bewohner mit übersinnlichen Kräften. In diese Fall kommt zu dem hin zu, dass es sich um eine Frau handelt, die ihrem wegen seiner Abstammung diskriminierten Mann zur Königswürde in Rom verhilft.

 

Die Tarquin-Dynastie

Die Beschäftigung mit literarischen Quellen zur Frühgeschichte Roms bedarf der Achtsamkeit, da die frühen Chronisten selten über gutes Quellenmaterial vergangener Zeiten verfügten und oftmals die Darstellung der Vergangenheit eleganter gestalteten, als sie es überprüfen konnten.[62] Die Sagen um die etruskischen Könige Roms nämlich der Tarquin-Dynastie sind vor Allem bei Livius und Dionysios überliefert. Die tatsächliche herrschaftliche Lage im frühen Rom war wahrscheinlich anders und beschränkte sich nicht nur auf die von antiken Autoren überlieferten Könige der Tarquin-Dynastie als etruskische Herrscher in Rom. Den antiken Quellen nach herrschte Lucius Tarquinius Priscus als erster etruskischer König in Rom.[63] Dieser habe die Gunst der Römer gewonnen und sei von ihnen nach dem Tod des Königs Ancus Marcius zum König ernannt worden.[64] Zuvor war er mit seiner Frau Tanaquil aus Tarquinia nach Rom eingewandert und hatte seinen etruskischen Geburtsnamen Lucomo zu Lucius geändert. Der Gentilname Tarquinius bedeutete, dass er aus Tarquinia stammt.[65] Der Beiname „Priscus“ sei später erfunden worden um ihm unterscheiden zu können. Ihm werden unter anderem Kriege gegen die Sabini, etruskische und latinische Städte, sowie die Vergrößerung des Senats und die Einführung etruskischer Traditionen zugeschrieben. Ihm folgte sein Adoptivsohn Servius Tullius auf den Thron. Dieser wurde bereits als Kind von Tanaquil in der Vorahnung einer glücklichen Sache in die Familie des Priscus adoptiert. Wahrscheinlich hatte er schon zuvor als Mittler und Verwalter des Priscus gedient. Zudem war er mit der Tochter des Priscus Tarquinia I. verheiratet. Tullius wurde von Tarquinius Superbus gestürzt. Dieser war entweder Sohn oder Enkel des Priscus. Seine Regierungszeit sei von Willkür, List und Grausamkeit überschattet gewesen. Seinem Sturz durch Verwandte folgte die Vertreibung der gesamten gens Tarquinia aus Rom und war konstitutiv für das Selbstverständnis der klassischen römischen Republik. Insgesamt verzeichnen die antiken Quellen mehr als achtzehn Mitglieder der Tarquin-Dynastie. Die sagenhaften Figuren haben entweder teilweise existiert, oder wurden erfunden, weil Tarquinia eine vornehme Stadt war. Dabei scheinen viele der Figuren später auch erfunden worden zu sein um eine dynastische Kontinuität aufzeigen zu können. Die Überlieferung schreibt den tarquinischen Königen tief greifende Veränderungen in der Staatsorganisation zu. Darüber hinaus wird den Bewohnern von Tarquinia zusammenfassend schon vor der Königsherrschaft die allererste Erhebung der römischen Siedlung aus einer Dorfgemeinschaft heraus zugeschrieben.[66]

 

Fazit

Die historische Erforschung der etruskischen Stadt Tarquinia birgt viele Anknüpfungspunkte zur tiefergehenden Untersuchung und Kontextualisierung. Die archäologischen Funde seit der italienischen Renaissance und in der Moderne haben bereits die Größe und den Reichtum der etruskischen Stadt erwiesen, von denen in vielen verfügbaren antiken griechischen und römischen Schriften zu lesen ist. Als archäologische Grabungsstätte tritt Tarquinia vor Allem mit seinen vielen etruskischen Hügelgräbern und den meisterhaften Wandmalereien hervor. Die dort symbolisierten und thematisierten Beobachtungen und Vorstellungen der etruskischen Lebenswelt zeugen mit unter von der Meisterhaftigkeit im Handwerk und den vielen Kunstfertigkeiten der Tarquinier. Da von den Tarquiniern selbst keine eigene Geschichte überliefert ist, stützen sich unsere literarische Quellen auf später von nicht-etruskischen Autoren verfasste Schriften. In den antiken Quellen ist die Stadt sagenumwoben. Wobei bereits die Sagen neben ihrer Verbindung mit Tarquinia auch immer eine wichtige Rolle für die Geschichte und Kultur Roms spielen. Denn während der Held Tarchon die Stadt gründete, empfang er beim Pflügen der Felder von Tarquinia die Offenbarung des Kindspropheten Tages. Diese Offenbarungen sollen der Grundstein der etruskischen Religion gewesen sein. Als dann später die die Tarquinierin Tanaquil ihrem halbgriechischen Ehemann die Königserhebung in Rom prophezeite, wurde dieser bald darauf zum König von Rom und führte letztlich die etruskischen Traditionen ein, die die Kultur der Römer geprägt haben sollen. Diese etruskische Zeit ist in den Quellen als Herrschaftszeit der tarquinischen Dynastie überliefert, doch scheint das meiste weniger aus der Authentizität der Vergangenheit, als mehr aus dramaturgischen Zwecken verfasst worden zu sein. Im Kern jedoch ist die Hervorhebung der etruskischen Stadt Tarquinia und seiner Bewohner in antiken griechischen und römischen Quellen festzuhalten. Somit erscheint Tarquinia zum einen an für sich als hoch geachtete Stadt und zudem scheinen ihre Bewohner wesentliche und maßgebliche Einflüsse auf die Geschichte und Kultur Roms bewirkt zu haben. Hier erscheint weiterhin die Frage nach der Rolle des Helden Tarchons in den Sagen um Aeneas bemerkenswert, da sie in den später verbreiteten Troja-Rezeptionen kaum besprochen wird. Bei der Erforschung der vorrömischen Geschichte Italiens, der Kultur der Etrusker und der frühesten Geschichte Roms scheint die Auseinandersetzung mit der in dieser Arbeit untersuchten etruskischen Stadt, samt ihren Überlieferungen und Mythen, sowie ihre Einordnung in den gesamthistorischen Kontext, daher erforderlich.

 

Quellenverzeichnis

 

Marcus Tullius Cicero, De divinatione, übers. v. C. Schäublin, München 1991.

 

Dionysios von Halikarnassos, Antiquitates, 7 Bde., übers. v. E. Cary, London 1937 – 1950.

 

Maurus Servius Honoratus, Serv. A., 3 Bde., übers. G. Thilo und H. Hagen, Leipzig 1881 – 1902.

 

Johannes Lydos, De ostentis, übers. v. Anastasius C. Bandy, Lewiston 2013.

 

Lykophron, Alexandra, übers. v. C. v. Holziger, Leipzig 1895.

 

Strabon, Geographika, 2 Bde., übers. v. A. Forbiger. Berlin – Stuttgart 1855 – 1910.

 

Publius Ovidius Naso, Metamorphosen, übers. v. E. Rösch. München 1980.

 

Publius Vergilius Maro, Aeneis, übers. v. E. und G. Binder. Stuttgart 2008.

 

Literaturverzeichnis

 

Luciana Aigner-Foresti, Die Etrusker und das frühe Rom, Darmstadt 2003.

 

Johann Jakob Bachofen, Die Sage von Tanaquil, Eine Untersuchung über den

Orientalismus (Johann Jakob Bachofens gesammelte Werke. Rom und Italien 6), Basel 1951.

 

Henry Beveridge, Tarkhan and Tarquinius, in: Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, April 1918, S. 314 – 316.

 

Giovannangelo Camporeale und Helmut Schareika, Die Etrusker, Düsseldorf 2003.

 

Max Fluss, Art.: „Tarquinius“. RE IV A 2, Stuttgart 1968, S. 2348 – 2395.

 

Timothy Nolan Gantz, The Tarquin Dynasty, in: Historia. Zeitschrift für Alte Geschichte, 24 1975:4, S. 539–554.

 

Robert Leighton, Tarquinia, An Etruscan city, London 2004.

 

Kristina P. Nielson, Tarchon Etruscus. Alter Aeneas. Pacific Coast Philology, 19, November 1984:1/2, S. 28 – 34.

 

Ambros Josef Pfiffig, Die etruskische Religion, Wiesbaden 1998.

 

Hans Philipp, Art.: „Tarquinii“. RE IV A 2, Stuttgart 1968, S. 2343 – 2348.

 

Frederick William Thomas, Tarkhan and Tarquinius. Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, Januar 1918, S. 122 – 123.

 

Jean MacIntosh Turfa, The Etruscan World, London 2013.

[1]          Etruskisch Tarch(u)na, lateinisch Tarquinii und griechisch ‚Tarkunia‘. Vgl. Robert Leighton, Tarquinia. An Etruscan city. London 2004, S. 1; Giovannangelo Camporeale und Helmut Schareika, Die Etrusker, Düsseldorf 2003, S. 311.

[2]          Leighton, S. 1.

[3]          Camporeale und Schareika, S. 311.

[4]          Caere auf Lateinisch.

[5]          Leighton, S. 1.

[6]          Luciana Aigner-Foresti, Die Etrusker und das frühe Rom, Darmstadt 2003, S. 123.

[7]          Ambros Josef Pfiffig, Die etruskische Religion, Wiesbaden 1998, S. 36f.

[8]          Johann Jakob Bachofen, Die Sage von Tanaquil, Eine Untersuchung über den Orientalismus (Johann Jakob Bachofens gesammelte Werke. Rom und Italien 6) Basel 1951, S. 7f.

[9]          Timothy Nolan Gantz, The Tarquin Dynasty. Historia, Zeitschrift für Alte Geschichte 24, 1975, 4, S. 539f.

[10]        Hans Philipp, Art.: „Tarquinii“. RE IV A 2, Stuttgart, 1968, S. 2343f.

[11]        Leighton, S. 2.

[12]        Camporeale und Schareika, S. 312.

[13]        Leighton, S. 4.

[14]        Ebd., S. 1f.

[15]        Insbesondere fanden die Methoden geophysikalischer Prospektion in den fünfziger und sechziger Jahren breite Anwendung bei den Ausgrabungen der Nekropolen von Tarquinia. Vgl. Camporeale und Schareika, S. 314.

[16]        Leighton, S. 32f.

[17]        Ebd., S. 32.

[18]        Camporeale und Schareika, S. 320.

[19]        Leighton, S. 33.

[20]        Ebd., S. 32f.

[21]        Ebd., S. 38f.

[22]        Ebd.

[23]        Camporeale und Schareika, S. 137f.

[24]        Ebd.

[25]        Philipp, S. 2343f.

[26]        Leighton, S. 1.

[27]        Ebd., S. 79f.

[28]        Camporeale und Schareika, S. 250.

[29]        Ebd., S. 250f.

[30]        Ebd.

[31]        Pfiffig, S. 9.

[32]        Ebd.

[33]        Leighton, S. 75f.

[34]        Ebd.

[35]        Ebd.

[36]        Ebd.

[37]        Ebd.

[38]        Serv. A. X, 179.

[39]        Serv. A. X, 198.

[40]        Lykophr. Alexandra, 1248f.

[41]        Strab. 5, 2, 2.

[42]        Verg. A. 8, 470.; Verg. A. 10,146.; Vgl. Kristina P. Nielson, Tarchon Etruscus. Alter Aeneas (Pacific Coast Philology 19. November 1984:1/2), S. 28f.

[43]        Lyd. De ostentis, 3.

[44]        Leighton, S. 76.

[45]        Leighton, S. 77f.

[46]        Ebd., S. 76f.

[47]        Vgl. Frederick William Thomas, Tarkhan and Tarquinius, in: Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, Januar 1918, S. 122 – 123.

[48]        Vgl. Henry Beveridge, Tarkhan and Tarquinius, in: Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, April 1918, S. 314 – 316.

[49]        Camporeale und Schareika, S. 179.

[50]        Pfiffig, S. 352f.

[51]        Cic. div. 2, 50-51.

[52]        Cic. div. 2, 50f.

[53]        Lyd. De ostentis, 3.

[54]        Ov. met. 15, 552-559.

[55]        Camporeale und Schareika, S. 179.

[56]        Ebd.

[57]        Strab. 5, 2, 2.

[58]        Dion. Hal. 3, 46, 5; Liv. I, 35.

[59]        Bachofen, S. 117.

[60]        Ebd., S. 180f.

[61]        Jean MacIntosh Turfa, The Etruscan World, London 2013, S. 1111.

[62]        Gantz, S. 539.

[63]        Ebd., S. 539f.

[64]        Dion. Hal. 3, 46-73.

[65]        Aigner-Foresti, S. 126.

[66]        Max Fluss, Art.: „Tarquinius“. RE IV A 2, Stuttgart 1968.

 

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen