Tarch[u]na. Über die antike Geschichte der etruskischen Stadt

Theater, Foto: Stefan Groß

von Çagıl Çayır

Einleitung

Die Entdeckung der antiken Stadt Tarquinia[1] begann im Zeitalter des Humanismus,

trug sich über die Epochen der Aufklärung, Romantik und Moderne bis in die Gegenwart durch

und wird zu Weilen in Forschungen der Etruskologie ausgeweitet.[2] In der Forschung

gilt die an archäologischen Funden trächtige und sagenumwobene antike Stadt als

kulturelles und religiöses Zentrum Etruriens.[3] Bisher hat Tarquinia, neben Cerveteri,[4] wie sonst keine andere Grabungsstätte, das Verständnis über die etruskische Zivilisation gefördert.[5]

In dieser Arbeit werden zunächst die geographische Lage der etruskischen Stadt

beschrieben, die geschichtswissenschaftliche Relevanz der Erforschung der vorrömischen

Geschichte des heutigen Tarquinias anhand archäologischer, künstlerischer

und literarischer Zeugnisse verdeutlicht und der aktuelle Forschungsstand zur etruskischen

Schrift skizziert. Im darauf folgenden Kapitel werden literarische überlieferungen

griechischer und römischer Autoren hinsichtlich der antiken Geschichte der

etruskischen Stadt diskutiert. Diese umfassen vor Allem die Städtegründung durch

Tarchon,[6] die Sage um die Offenbarung der sogenannten Etrusca disciplina durch

Tages,[7] die Tradierung des Gentilnamens Tarquinius in der Tanaquil-Sage[8] und die

Königsherrschaften der Tarquin-Dynastie in Rom.[9] Somit werden die grundlegenden

Informationen zur etruskischen Stadt und vielversprechende Forschungsmöglichkeiten und- Ansätze für die Geschichtsforschung versammelt. Zum Schluss werden die Ergebnisse

der Untersuchung zusammengefasst und mögliche Fragestellungen zur weiteren

Forschung angeführt. Dies schafft einen notwendige und nützliche Orientierungsgrundlage für die weiterführende Forschung zur Geschichte Tarquinias.

 

Die antike Stadt Tarquinia

Die Anhöhe des antiken Stadtzentrums war spätestens ab dem Jahre 1307 verlassen.

Zum Schutz vor Angriffen der Sarazenen seien die Bewohner Tarquinias auf den

gegenüberliegenden Hügel umgesiedelt und hätten dort die mittelalterliche Stadt

Corneto gegründet. Diese wurde im Zuge des übersteigerten Nationalismus in Italien

im Jahr 1922 nach dem ruhmreichen Städtenamen Tarquinia umbenannt. Das

antike Tarquinia befand sich einige Kilometer östlich von der heutigen Stadt auf

der Anhöhe namens „Turchina”, „Tarchina” oder Pian die Civita.[10] Antike Funde

wurden im mittelalterlichen Corneto geschätzt und gepflegt, doch wurde die etruskische

Vergangenheit des Orts weitgehend vernachlässigt.[11] Vielmehr wurden antike

Zeugnisse mitunter achtlos zur Gründung und Erhaltung der mittelalterlichen Stadt wiederverwendet. Erst im Zeitalter des Humanismus erwachte in Italien das Interesse an der

etruskischen Zivilisation.[12] Im ausgehenden 15. Jahrhundert machte der Dominikanermönch

Annius von Viterbo auf die Bedeutsamkeit der Etrusker für die Religion

der Römer aufmerksam. Er publizierte auch als erster die Behauptung, dass es sich

bei den antiken Funden in und um Corneto um Zeugnisse der etruskischen Stadt

Tarquinia handle.[13] Zahlreiche Entdeckungen und Ausgrabungen ab dem 15. Jahrhundert

bereicherten die Kenntnisse über die antike Vergangenheit des Orts. Wobei

Grabplünderungen seit römischer Zeit den verfügbaren historischen Quellen erhebliche

Verluste zufügen und die Erforschung der etruskischen Kultur fortwährend

erschweren.[14] Die systematische Erschließung und wissenschaftliche Erforschung der

etruskischen Kultur erfuhr im 20. Jahrhundert vor allem wegen technologischer

Neuerungen in der Archäologie eine Ergänzung und Ausweitung.[15] Im folgenden

sind charakteristische Erkenntnisse, die bislang über die antike Stadt Tarquinia erlangt

wurden, zusammengefasst.

 

Geographische Lage

Etwa 70 km nordwestlich vom heutigen Rom, in etwa 6 km Entfernung zur tyrrhenischen

Meeresküste befand sich die antike Stadt Tarquinia. Sie erstreckte sich

über mehrere Hügel und Täler am Fluss Marta. Das Zentrum der antiken Stadt lag

etwa 4 km südöstlich vom heutigen Stadtzentrum auf der Anhöhe Pian de Civita

und war von den beiden Wassergräben Albucci und San Savino umarmt, die beide

in den Fluss münden. Der Fluss bot den Tarquiniern hervorragende Verkehrswege

zum Meer und etwa 30 km bis ins Landesinnere zum See Bolsena.[16] Dies war die

südwestliche Zone des antiken Etruriers und das Kerngebiet der etruskischen Zivilisation

zwischen dem Tiber und dem Arno.[17] Die geographische Lage bot günstige

Bedingungen für Handel, Landwirtschaft, Besiedlung und territoriale Kontrolle.[18]

Das antike Stadtgebiet umfasste Teile der modernen italienischen Regionen Umbrien,

Latium und Toskana. Die größten rivalisierenden Nachbarstädte waren das antike

Vulci, Caere (Cerveteri) und Volsinii (Orvieto).[19] Zahlreiche Archäologische Funde

bieten Einblick ins Leben im antiken Tarquinia.[20] Im folgenden sind grundlegende

archäologische Erkenntnisse über die antike Stadt zusammengefasst.

 

Archäologische und künstlerische Zeugnisse

Das Stadtgebiet von Tarquinia war bereits vor dem Aufstieg zu einer der wichtigsten

etruskischen Städte bewohnt. Zeugnisse menschlicher Besiedlung reichen in

und um Tarquinia bis ins Neolithikum.[21] überlieferungen der frühen Eisenzeit zeugen

von der so genannten Villanova-Kultur.[22] Ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. wird

jedoch die Urbanisierung Tarquinias als orientalisierende Phase erkannt.[23] In dieser

Zeit erfuhr Etrurien Zuwanderungen aus dem gesamten Mittelmeerraum.[24] Die

Nekropolen von Cerveteri und Tarquinia wurden im Jahre 2004 von der UNESCO

zum Weltkulturerbe benannt. Die archäologischen Funde zeugen vom Reichtum, der

Kunstfertigkeit, Religiosität und Literarizität der Etrusker. Es sind vor Allem tausende

Gräber, davon hunderte mit Malereien, eine Stadtmauer, sowie zwei Paläste,

des Weiteren Vasen, Statuen, Sarkophage, Schmuck, Waffen und Inschriften erhalten.[25] Auf Grund des Ruhms der antiken Stadt wurde bereits seit römischer Zeit in und um Tarquinia nach vergrabenen Schätzen gesucht. Auch im Mittelalter strebten

Geistliche der Kirche nach etruskischen Gegenständen als Rohstoffe oder Artefakte.

Weswegen wiederum Grabungen und Plünderungen unternommen wurden. Das

Kunstinteresse der Moderne förderte weiterhin die Vermischung der antiken Quellen.

Denn anders als in heutigen Forschungen verliefen die meisten Grabungs- und

Bergungsunternehmungen ungeordnet.[26]  Je nach Forschungsinteresse geben die verfügbaren

archäologischen Quellen Aufschluss über Kunst, Kultur, Religion, Ritual,

Handwerk, Handel, Landwirtschaft und Bevölkerung im Stadtleben des etruskischen

Tarquinia. Insbesondere dienen die archäologischen Quellen der Kontrolle der literarischen

überlieferungen späterer Autoren bezüglich der etruskischen Zivilisation.

 

Die Etruskische Schrift

Viele der überlieferten Malereien, Skulpturen, Sarkophage und sonstige Gegenstände

sind beschriftet.[27] Die etruskische Schrift ist sogar eines der Kriterien um das

sie tragende Stück als etruskisch zu bestimmen.[28] Die Schrift der Etrusker ist eine

alphabetische Schrift. Dabei ist von den Etruskern selbst keine Literatur überliefert,

die ihre Geschichte erzählt. Die erhaltenen Schriftzeugnisse beschränken sich weitgehend

auf kurze Inschriften, deren Untersuchung Gegenstand der Etruskologie ist.[29]

Die Sprache der Etrusker unterscheidet sich vom Lateinischen und zählt nicht zur

indogermanischen Sprachfamilie. Es sind in etwa 11 000 Zeugnisse erhalten. Die bedeutungsvolle

Interpretation ist jedoch meist unsicher. Aus den Zeugnissen werden

einige Namen und Titel sowie grammatische Endungen sicher bestimmt, doch auf

Grund des nicht-indogermanischen Ursprungs der etruskischen Sprache bleibt der

Großteil des etruskischen Lexikons bislang unbestimmt. Die Schriftzeichen unterscheiden

sich vom griechischen und lateinischen Alphabet. Der Ursprung der Schrift

ist umstritten und wird im Mittelmeerraum vermutet.[30] Die Schrift hat formale Ähnlichkeiten

mit mitteleuropäischen und asiatischen Runenschriften, mit welchen Sie oftmals in historischen Zusammenhang gebracht wurden und teilweise immer noch Gegenstand der vergleichenden Literaturforschung sind. Dennoch bleiben die meisten literarischen überlieferungen der Etrusker rätselhaft. Der größte Teil der Inschriften ist vor Allem in dem noch nicht abgeschlossenen Corpus Inscrpitionum Etruscarum veröffentlicht.[31] Außer den weitgehend epigraphischen Schriftzeugnissen

der etruskischen Kultur, beschränken sich die anderen Quellen auf archäologisches Material. Sekundärquellen bestehen aus Schriften römischer und griechischer Autoren

der ausgehenden Republik, der Kaiserzeit und der Spätantike.[32]

 

Literarische überlieferungen antiker Autoren

Die antike Geschichte der Stadt Tarquinia ist sagenumwoben. Zahlreiche archäologische

Funde bezeugen die kulturelle Belebtheit in der etruskischen Stadt. Die

Nekropolen von Tarquinia wurden von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt.

Viele der erhaltenen Zeugnisse aus etruskischer Zeit sind beschriftet. Tatsächlich ist

die etruskische Schrift eines der Kriterien um das Trägerobjekt als etruskisch zu bestimmen.

Allerdings beschränken sich die schriftlichen überlieferungen der Etrusker

meist auf kurze Inschriften. Diese werden wiederum nur beschränkt bedeutungsvoll

interpretiert. Denn bislang begrenzt sich das etruskische Lexikon hauptsächlich auf

einige Namen, Titel und grammatikalische Endungen. Daher bleibt das meiste der

überlieferten etruskischen Literatur weiterhin rätselhaft. Die bedeutendsten schriftlichen

Quellen über ihre Lebenswelt begrenzen sich auf die Werke griechischer und

römischer Autoren, welche oftmals feindselig gegenüber Fremden waren und nur beschränkte

Kenntnisse über sie verfügten. Im Fall der Etrusker erwuchs eine solche

Situation auf Grund von sprachlichen Barrieren, einer langen Tradition gegenseitiger

Rivalität und sporadischen militärischen Konflikten.[33] Tatsächlich standen vor

dem 5. Jh. v. Chr. sehr wenige schriftliche Zeugnisse über Italien zur Verfügung.

So konnten antike Autoren über die dunstige Vergangenheit hinwegsehen und ihre

Leser spekulierend oder ausschmückend mit guten, jedoch meistens propagandistischen

Texten unterhalten.[34] Im Fall von Tarquinia widerspiegeln die überlieferungen

griechischer und römischer Autoren ein hohes Ansehen der Stadt.[35] Sie gilt als eine

St.dtegründung des sagenhaften Tarchon, dem unter anderem beim pflügen der

Felder von Tarquinia die etruskischen Wahrsagebücher durch den Propheten Tages

offenbart worden seien.[36] Des Weiteren gilt Tarquinia als Wohnort des Demaratos

aus Korinth, dessen Sohn später der erste etruskische König in Rom gewesen sei.[37]

Im Folgenden sind die wichtigsten literarischen überlieferungen um Tarquinia beschrieben.

 

Die Sagen um Tarchon

Die Heldenfigur des Tarchon ist in den antiken Quellen unmittelbar mit der Frühgeschichte

der etruskischen Zivilisation verbunden. Er gilt als Sohn[38] oder Bruder39[39]

des Tyrrhenos[40] und Sohn des Myserkönigs Telephos. In den antiken Quellen ist

Tarchon als Gründungsheros und Namensgeber Tarquinias und Baumeister anderer

etruskischer Städte überliefert.[41] Die älteste Quelle findet sich bei Lykophron,

wo Tarchon und Tyrrhenos Bündnis mit Aeneas schließen und auch bei Vergil tritt

Tarchon als Anführer der Tyrrhener und Bündnispartner von Aeneas auf.[42] Darüber

hinaus gilt Tarchon als Empfänger der Offenbarung der etruskischen Religion.

Beim Pflügen der Felder von Tarquinia soll ihm der Kindsprophet Tages erschienen

sein. Dieser habe Tarchon die so genannte Etrusca disciplina offenbart.[43] In

der Forschung wird die Antiquität dieser Sage mitunter daran fest gehalten, dass

selbst sagenhafte Helden wie Tarchon auf dem Feld arbeiteten.[44] Dennoch herrschen

unterschiedliche Forschungsmeinungen darüber, ob nicht die Legenden um Tarchon

fiktiv und in Anlehnung an den Ruhm Tarquinias nachbereitet seien.[45] Die Sagen um

Tarchon als Empfänger der etruskischen Disziplin haben die Eigenschaft, dass nur

der göttlich auserwählte und sozial privilegierte Tarchon das Wissen der Wahrsagung

erlangt. Des Weiteren scheint Tarquinias Ruhm in der Antike dazu beigetragen

haben, dass Tarchon auch als St.dtegründer anderer etruskischer Städte mythisiert

wurde. Die Sagen um Tarchon stehen in direkter Verbindung mit der Genese und

den Traditionen der etruskischen Kultur.[46] Der Name ist in verschiedenen Formen

inschriftlich überliefert. Die verschiedenen Wandlungen des Namens werden jedoch

als eine Gruppe von identischen Begriffen zusammengefasst. Etymologisch identifizieren

Thomas[47] und Beveridge[48] den Herrschertitel und Namen Tarchon und Tarquin

mit dem asiatischen Tarkhan und führen somit eine kulturelle Verbindung der

etruskischen Kultur mit zentralasiatischen Völkern her.

 

Die Sage von Tages

Die Sage von Tages handelt von der Offenbarung der Etrusca disciplina, den Ritualbüchern

der Wahrsagung. In den antiken Quellen erscheint Tages einem Bauern

oder Tarchon auf den Feldern von Tarquinia als Kindsprophet und offenbart ihm

die Wahrsagung. Er ist die zentrale Figur in der Offenbarungsgeschichte der etruskischen

Disziplin und erfährt „dasselbe hohe Ansehen wie Philosophen vom Schlage

Pythagoras oder Platon.”[49] Verschiedene literarische Zeugnisse berichten über den

Offenbarungsmythos.[50] Nach Cicero sei Tages einem Bauern, in Gestalt eines Jungen,

doch mit derWeisheit eines Greisen erschienen. Diese habe so laut aufgeschrien,

dass sich innerhalb einer kurzen Zeit das gesamte Etrurien dort versammelt habe

und Tages die Verkündigung der Etrusca disciplina begann.[51] Dabei ist er in einer

kritisch-aufklärenden Stimmung, und führt an, wie unsinnig denn eine solche Geschichte

sei.[52] So wird Ciceros Version von anderen überlierferungen unterschieden

und als satirische Abwandlung der traditionellen Sage verstanden. Andere überlieferte

Quellen um die Sage von Tages unterscheiden sich in Einzelheiten. Als verlässlichste

Quelle gilt Lydus’ „De ostentis”.[53] Ovid berichtet poetisch das Wunder der

Transformation des Propheten der etruskischen Religion aus einer Staubwolke.[54] Einige

Lehren betreffen „den Willen der Götter – Regeln der Leberschau und Exegese

von Blitzerscheinungen -, andere Formen des sozialen Zusammenlebens, […] Respekt

vor dem Privateigentum.”[55] Damit die offenbarten Lehren der etruskischen Religion

auch an Nachfahren weitergegeben werden konnten, mussten sie verschriftlicht werden.

Die hierin enthaltenen Vorschriften bilden die Etrusca disciplina. Die Bücher

der etruskischen Disziplin liegen uns nur in Auszügen und Zitaten aus lateinischen

übersetzungen vor. Bei vielen überlieferungen ist eine interpretatio Romana nachweisbar.

Dennoch widerspiegeln die Sagen um Tages die kulturelle Bedeutung Tarquinias

in der etruskischen Zivilisation. Die fundamentalen Aspekte der etruskischen

Religion, „Offenbarungen eines Propheten, dessen übernatürliche Herkunft, Weisheit

und jugendliches Alter, Ansprachen an die Menge, Notwendigkeit der Schritlichkeit

für die Gültigkeit der Vorschriften” erlauben einen Verweis auf „jüdisch-christliche

Vorstellungen.”[56]

 

Die Sage von Tanaquil

Eine weitere antike Sage um Tarquinia handelt von der weiblichen Figur der Tanaquil.

In den antiken Quellen gilt sie als vornehme Etruskerin aus Tarquinia und

Ehefrau des ebenfalls aus Tarquinia stammenden fünften und ersten etruskischen

Königs von Rom Lucius Tarquinius Priscus. Dieser hatte den Geburtsnamen Lucomo

und war den überlieferungen nach der Sohn des um 700 v. Chr. samt einer

Gefolgschaft von Künstlern aus Korinth nach Tarquinia eingwanderten Demaratos.

[57] Wegen seiner halbgriechischen Abstammung und den damit einhergehenden Erfolgsschwierigkeiten

in Tarquinia seien er und seine Frau nach Rom ausgewandert. Auf

dem Weg von Tarquinia nach Rom sei ein Ereignis geschehen, dass seine Ehefrau

Tanaquil als Prophezeihung für die Königswerdung ihres Ehemannes in Rom deutete

und ihm den Namen Tarchons zu tragen empfahl.[58] Der Sage nach änderte Lucomo

darauf hin seinen Namen zu Lucius Tarquinius Priscus und herrschte als fünfter

und erster etruskischer König in Rom. Nach seiner Ermordung bewirkte Tanaquil

auch die Königswerdung ihres Günstlings Servius Tullius, der vor erst als einziger

die Herrschaft der Tarquin-Dynastie in Rom unterbrechen sollte. In republikanischer

Zeit galt Tanaquil als gute Ehefrau und Vorbild der römischen Matronen. Sie wurde

nachträglich mit Gaia Caecilia gleichgesetzt.[59] Die Sage vermittelt entscheidende

Merkmale der etruskischen Kultur, die keine Analogie in der griechischen Kultur,

aber in Kulturen Asiens wiederfinden. In den Sagen um Tanaquil ist dieselbe Frau

gleich zwei Mal unmittelbar an der Krönung des Königs beteiligt.[60] Des Weiteren

wird ihr die Sehergabe zugeschrieben. Das auch Frauen die Lehren der etruskischen

Disziplin erlernten sei in der etruskischen Kultur üblich gewesen. Des Weiteren ist

an der Sage festzuhalten, dass der Tarquinierin solch ein Vertrauen in ihre Sehergabe

zugesprochen wird, dass sie nicht zögert die höchsten Erwartungen für die Zukunft

zu erwecken.[61] In den antiken Quellen ist eine Tanaquiltradition überliefert, die in

ihrer Entwicklung und ihrem Verlauf von Johann Jakob Bachofen untersucht wurde.

Die Sagen um Tanaquil spielen eine wichtige Rolle in der Frühgeschichte Roms und

wurden vermutlich über einen wahren Kern hinaus ausgeschmückt. Fest zu halten

ist hier wieder die Verbindung Tarquinias und seiner Bewohner mit übersinnlichen

Kräften. In diese Fall kommt zu dem hin zu, dass es sich um eine Frau handelt, die

ihrem wegen seiner Abstammung diskriminierten Mann zur Königswürde in Rom

verhilft.

 

Die Tarquin-Dynastie

Die Beschäftigung mit literarischen Quellen zur Frühgeschichte Roms bedarf der

Achtsamkeit, da die frühen Chronisten selten über gutes Quellenmaterial vergangener

Zeiten verfügten und oftmals die Darstellung der Vergangenheit eleganter

gestalteten, als sie es überprüfen konnten.[62] Die Sagen um die etruskischen Könige

Roms nämlich der Tarquin-Dynastie sind vor Allem bei Livius und Dionysios überliefert.

Die tatsächliche herrschaftliche Lage im frühen Rom war wahrscheinlich anders

und beschränkte sich nicht nur auf die von antiken Autoren überlieferten Könige

der Tarquin-Dynastie als etruskische Herrscher in Rom. Den antiken Quellen nach

herrschte Lucius Tarquinius Priscus als erster etruskischer König in Rom.[63] Dieser

habe die Gunst der Römer gewonnen und sei von ihnen nach dem Tod des Königs

Ancus Marcius zum König ernannt worden.[64] Zuvor war er mit seiner Frau Tanaquil

aus Tarquinia nach Rom eingewandert und hatte seinen etruskischen Geburtsnamen

Lucomo zu Lucius geändert. Der Gentilname Tarquinius bedeutete, dass er

aus Tarquinia stammt.[65] Der Beiname „Priscus” sei später erfunden worden um ihm

unterscheiden zu können. Ihm werden unter anderem Kriege gegen die Sabini, etruskische

und latinische Städte, sowie die Vergrößerung des Senats und die Einführung

etruskischer Traditionen zugeschrieben. Ihm folgte sein Adoptivsohn Servius Tullius

auf den Thron. Dieser wurde bereits als Kind von Tanaquil in der Vorahnung einer

glücklichen Sache in die Familie des Priscus adoptiert. Wahrscheinlich hatte er

schon zuvor als Mittler und Verwalter des Priscus gedient. Zudem war er mit der

Tochter des Priscus Tarquinia I. verheiratet. Tullius wurde von Tarquinius Superbus

gestürzt. Dieser war entweder Sohn oder Enkel des Priscus. Seine Regierungszeit

sei von Willkür, List und Grausamkeit überschattet gewesen. Seinem Sturz durch

Verwandte folgte die Vertreibung der gesamten gens Tarquinia aus Rom und war

konstitutiv für das Selbstverständnis der klassischen römischen Republik. Insgesamt

verzeichnen die antiken Quellen mehr als achtzehn Mitglieder der Tarquin-Dynastie.

Die sagenhaften Figuren haben entweder teilweise existiert, oder wurden erfunden,

weil Tarquinia eine vornehme Stadt war. Dabei scheinen viele der Figuren später

auch erfunden worden zu sein um eine dynastische Kontinuität aufzeigen zu können.

Die überlieferung schreibt den tarquinischen Königen tief greifende Veränderungen

in der Staatsorganisation zu. Darüber hinaus wird den Bewohnern von Tarquinia

zusammenfassend schon vor der Königsherrschaft die allererste Erhebung der römischen

Siedlung aus einer Dorfgemeinschaft heraus zugeschrieben.[66]

 

Fazit

Die historische Erforschung der etruskischen Stadt Tarquinia birgt viele Anknüpfungspunkte

zur tiefergehenden Untersuchung und Kontextualisierung. Die archäologischen

Funde seit der italienischen Renaissance und vor in der Moderne haben

bereits die Größe und den Reichtum der etruskischen Stadt erwiesen, von denen in

vielen verfügbaren antiken griechischen und römischen Schriften zu lesen ist. Als

archäologische Grabungsstätte tritt Tarquinia vor Allem mit seinen vielen etruskischen

Hügelgräbern und den meisterhaften Wandmalereien hervor. Die dort symbolisierten

und thematisierten Beobachtungen und Vorstellungen der etruskischen

Lebenswelt zeugen mit unter von der Meisterhaftigkeit im Handwerk und den vielen

Kunstfertigkeiten der Tarquinier. Da von den Tarquiniern selbst keine eigene

Geschichte verfügbar ist, stützen sich unsere literarische Quellen auf später von

nicht-etruskischen Autoren verfasste Schriften. In den antiken Quellen ist die Stadt

sagenumwoben. Wobei bereits die Sagen neben ihrer Verbindung mit Tarquinia auch

immer eine wichtige Rolle für die Geschichte und Kultur Roms spielen. Denn während

der Held Tarchon die Stadt gründete, empfang er beim Pflügen der Felder von

Tarquinia die Offenbarung des Kindspropheten Tages. Diese Offenbarungen sollen

der Grundstein der etruskischen Religion gewesen sein. Als dann später die die Tarquinierin

Tanaquil ihrem halbgriechischen Ehemann die Königserhebung in Rom

prophezeite, wurde dieser bald darauf zum König von Rom und führte letztlich die

etruskischen Traditionen ein, die die Kultur der Römer geprägt haben sollen. Diese

etruskische Zeit ist in den Quellen als Herrschaftszeit der tarquinischen Dynastie

überliefert, doch scheint das meiste weniger aus der Authentizität der Vergangenheit,

als mehr aus dramaturgischen Zwecken verfasst worden zu sein. Im Kern jedoch

ist die Hervorhebung der etruskischen Stadt Tarquinia und seiner Bewohner in antiken

griechischen und römischen Quellen festzuhalten. Somit erscheint Tarquinia

zum einen an für sich als hoch geachtete Stadt und zudem scheinen ihre Bewohner

wesentliche und maßgebliche Einflüsse auf die Geschichte und Kultur Roms bewirkt

zu haben. Bei der Erforschung der vorrömischen Geschichte Italiens, der Kultur der

Etrusker und der frühesten Geschichte Roms scheint die Auseinandersetzung mit

der in dieser Arbeit untersuchten etruskischen Stadt und ihrer Einordnung in den

gesamthistorischen Kontext daher erforderlich.

 

 

Quellenverzeichnis

 

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13

 

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[1]             Etruskisch Tarch(u)na, lateinisch Tarquinii und griechisch Tarkunia. Vgl. Robert Leighton,

Tarquinia, An Etruscan city. London, 2004, S. 1; Giovannangelo Camporeale und Helmut Schareika,

Die Etrusker. Duesseldorf, 2003, S. 311.

[2]    Leighton, S. 1.

[3]    Camporeale und Schareika, S. 311.

[4]    Caere auf Lateinisch.

[5]    Leighton, S. 1.

[6]    Luciana Aigner-Foresti, Die Etrusker und das frühe Rom. Darmstadt, 2003, S. 123.

[7]    Ambros Josef Pfiffig, Die etruskische Religion. Wiesbaden, 1998, S. 36f.

[8]             Johann Jakob Bachofen, Die Sage von Tanaquil, Eine Untersuchung über den Orientalismus in

Rom und Italien. Band 6, Johann Jakob Bachofens gesammelte Werke. Basel, 1951, S. 7f.

[9]             Timothy Nolan Gantz, The Tarquin Dynasty. Historia, Zeitschrift für Alte Geschichte 24, 1975, 4, S. 539f.

[10]          Hans Philipp, Art.: „Tarquinii”. RE IV A 2, Stuttgart, 1968, S. 2343f.

[11]          Leighton, S. 2.

[12]          Giovannangelo Camporeale und Helmut Schareika, Die Etrusker. Duesseldorf, 2003, S. 312.

[13]          Leighton, S. 4.

[14]  Ebd., S. 1f.

[15]          Insbesondere fanden die Methoden geophysikalischer Prospektion in den fünfziger und sechziger

Jahren breite Anwendung bei den Ausgrabungen der Nekropolen von Tarquinia. Vgl. Camporeale

und Schareika, S. 314.

[16]  Leighton, S. 32f.

[17]  Ebd., S. 32.

[18]  Camporeale und Schareika, S. 320.

[19]  Leighton, S. 33.

[20]  Ebd., S. 32f.

[21]  Ebd., S. 38f.

[22]  Ebd.

[23]  Camporeale und Schareika, S. 137f.

[24]  Ebd.

[25]  Philipp, S. 2343f.

[26]  Leighton, S. 1.

[27]  Ebd., S. 79f.

[28]            Camporeale und Schareika, S. 250.

[29]  Ebd., S. 250f.

[30]  Ebd.

[31]            Ambros Josef Pfiffig, Die etruskische Religion. Wiesbaden, 1998, S. 9.

[32]  Ebd.

[33]          Robert Leighton, Tarquinia, An Etruscan city. London, 2004, S. 75f.

[34]  Ebd.

[35]  Ebd.

[36]  Ebd.

[37]  Ebd.

[38]  Serv. A. X, 179.

[39]  Serv. A. X, 198.

[40]  Lykophr. Alexandra, 1248f.

[41]  Strab. 5, 2, 2.

[42]                Verg. A. 8, 470.; Verg. A. 10,146.; Vgl. Kristina P. Nielson, Tarchon Etruscus, Alter Aeneas.

Pacific Coast Philology, 19 November 1984:1/2, S. 28f.

[43]  Lyd. De ostentis, 3.

[44]  Leighton, S. 76.

[45]  Leighton, S. 77f.

[46]  Ebd., S. 76f.

[47]                Vgl. Frederick William Thomas, Tarkhan and Tarquinius. Journal of the Royal Asiatic Society

of Great Britain and Ireland, Januar 1918.

[48]                Vgl. Henry Beveridge, Tarkhan and Tarquinius. Journal of the Royal Asiatic Society of Great

Britain and Ireland, April 1918.

[49]        Giovannangelo Camporeale und Helmut Schareika, Die Etrusker. Duesseldorf, 2003, S. 179.

[50]        Ambros Josef Pfiffig, Die etruskische Religion. Wiesbaden, 1998, S. 352f.

[51]        Cic. div. 2, 50-51.

[52]        Cic. div. 2, 50f.

[53]        Lyd. De ostentis, 3.

[54]        Ov. met. 15, 552-559.

[55]        Camporeale und Schareika, S. 179.

[56]  Ebd.

[57]        Strab. 5, 2, 2.

[58]        Dion. Hal. 3, 46, 5; Liv. I, 35.

[59]        Johann Jakob Bachofen, Die Sage von Tanaquil, Eine Untersuchung über den Orientalismus in

Rom und Italien. Band 6, Johann Jakob Bachofens gesammelte Werke. Basel, 1951, S. 117.

[60]  Ebd., S. 180f.

[61]        Jean MacIntosh Turfa, The Etruscan World. London, 2013, S. 1111.

[62]          Timothy Nolan Gantz, The Tarquin Dynasty. Historia, Zeitschrift für Alte Geschichte, 24 1975:4,

  1. 539.

[63]  Ebd., S. 539f.

[64]          Dion. Hal. 3, 46-73.

[65]          Luciana Aigner-Foresti, Die Etrusker und das frühe Rom. Darmstadt, 2003, S. 126.

[66]          Max Fluss, Art.: „Tarquinius”. RE IV A 2, Stuttgart, 1968.

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