Über Nacht zum „Faschisten“ ernannt – Die Johannes-Bobrowski-Ausstellung in Tilsit

Sonnenuntergang am Mittelmeer, Foto: Stefan Groß

Der ostpreußische Dichter Johannes Bobrowski, der 1917 in Tilsit an der Memel geboren wurde, das seit 1946 „Sowjetsk“ heißt, galt bis zum 4.April dieses Jahres in der russischen Exklave Kaliningrad als verehrungswürdiger Humanist und Antifaschist, der in Gedichten und Prosatexten deutsche Kriegsschuld aufarbeitete. So konnte man schon 1969, vier Jahre nach seinem frühen Tod, in der dritten Auflage der „Großen Sowjetischen Enzyklopädie“ lesen, der einstige Wehrmachtssoldat verträte heute „die Ideale einer humanistischen Völkerbrüderschaft“.
Als am 4. April die Ausstellung zum 100. Geburtstag (9.April) im „Museum für Stadtgeschichte“ eröffnet wurde, wo 2013 schon die aus Berlin angereiste „Johannes-Bobrowski-Gesellschaft“ getagt hatte, konnte niemand den Eklat am Tag darauf vorausahnen. Schließlich hatte die Gebietsregierung der Oblast Kaliningrad die Ausstellung befürwortet, für deren Kosten die Stadt Sowjetsk aufgekommen war, und der Bürgermeister hatte voller Vorfreude an den deutschen Generalkonsul in Kaliningrad, dem früheren Königsberg, geschrieben, dass „unsere Stadt die historischen Wurzeln bewahrt hat, die unsere Kulturen verbinden und der gegenseitigen Bereicherung dienen.“ In dieser Überreinstimmung aller Beteiligten wurde die Ausstellung eröffnet, auf einem Erinnerungsfoto sind der sächsische Bundestagsabgeordnete Klaus Brähmig (CDU), der ein Geschenk des „Vereins ehemaliger Tilsiter“ überreichte, zu sehen, weiterhin der schon erwähnte deutsche Generalkonsul Dr. Michael Banzhaf, der litauische Generalkonsul Olegas Skinderskis und Oleg Waschurin, der Kulturreferent der Stadt, in der 1807 zwischen Frankreich, Russland und Preußen der „Frieden von Tilsit“ geschlossen worden war.
Das Verhängnis kam am 5. April, als vor dem Stadtmuseum in der Ulica Pobedy (Straße des Sieges), eine Gruppe von Journalisten des örtlichen Kabelfernsehens erschien und die ahnungslose Museumsleiterin inquisitorisch befragten, warum in ihrer Ausstellung „faschistische Uniformen“ zu sehen wären. Tatsächlich wurde dort der Dichter zweimal in Uniform gezeigt, einmal irgendwo im Krieg und einmal bei seiner Hochzeit 1943 in Motzischken/Memelland. Der Einwand von Anschelika Schpilijowa, dass diese Fotografien auch schon auf einer Ausstellung 2012 unbeanstandet zu sehen gewesen wären, verfing nicht. Auch dass am Geburtshaus des Dichters seit Jahrzehnten eine Erinnerungstafel hängt, wollten die TV-Leute nicht wissen. Sie waren auf Provokation aus und konfrontierten Passanten vor dem Museum mit der „faschistischen Propaganda“ und lösten erwartungsgemäß „Empörung“ aus.
Abends wurde die Sendung ausgestrahlt, und nun war auch Kulturreferent Oleg Waschurin, der am Vortag die Ausstellung miteröffnet hatte, „empört“ und forderte die Museumsleiterin, deren Vorgesetzter er ist, auf, ein Entlassungsgesuch einzureichen. Als sie seiner Aufforderung nicht nachkam, ließ er die Stellwände mit den beiden Fotografien ins Rathaus bringen, drohte der ungehorsamen Museumsleiterin mit geheimdienstlichen Ermittlungen und richtete eine Sonderkommission ein, die zu dem gewünschten Ergebnis kam, dass die Ausstellung „eine negative Reaktion der Presse und der Einwohner von Sowjetsk“ provoziert hätte. Man kann der standhaften Museumsleiterin nur wünschen, dass sie „auf ihrer Auslegung der Geschichte“ (Kommissionsbericht) beharrt und Verbündete findet, die sie schützen.
Den deutschen Beobachter fernab vom Geschehen muss diese gespenstische Szenerie irritieren, zumal anderswo im Kaliningrader Gebiet deutsche Kultur durchaus gepflegt wird, ohne dass russische Ideologen in untergeordneten Behörden die „Faschismus-Keule“ (so der Titel eines Buches des Bonner Politologen Hans-Helmuth Knütter) schwingen. So wurde 1992/98 der im Krieg zerstörte Königsberger Dom mit deutschen Geldern restauriert und am 24. Januar 2016 in Kaliningrad der 240. Geburtstag des Schriftstellers Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776-1822) gefeiert. Im Vorfeld des 300. Geburtstag des Königsberger Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) am 22. April 2024 wird im Dorf Judtschen bei Gumbinnen vom Kaliningrader Geschichts- und Kunstmuseum, einer russischen Institution, das Haus des reformierten Pfarrers Daniel Ernst Andersch (1701-1771) renoviert, wo der heute weltberühmte Denker vor seiner Universitätslaufbahn 1747/50 als Hauslehrer tätig war. Und nicht zuletzt wurde 2014 in Sowjetsk eine Kopie des Denkmals der preußischen Königin Luise (1776-1810) im Stadtpark wieder aufgestellt, wo es 1945 zerstört worden war.
Man kann nur hoffen, dass diese positiven Aspekte der Geschichts-aufarbeitung nicht von den negativen Tendenzen, wie sie jetzt in Sowjetsk zu beobachten sind, überlagert werden. Offensichtlich fürchtet man dort, mehr als 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, eine „schleichende Germanisierung“ und ein „aggressives Vordringen deutscher Kultur ins öffentliche Leben“ (Kulturreferent Oleg Waschurin). Über solche Ansichten kann man nur den Kopf schütteln.

 

Jörg Bernhard Bilke
Über Jörg Bernhard Bilke 150 Artikel
Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.

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