50. Todestag von JIM MORRISON Mensch und Mythos – Teil 5

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You know exactly what i do

Everything

In einer wahnsinnigen Hetzjagd nach Leben, meinte der Musikjournalist Siegfried Schmidt-Joos Mitte der achtziger Jahre, habe Jim Morrison alles sehen, alles fühlen, alles sein wollen. Seine innere Entwicklung vollzog sich, folgen wir dieser Auffassung, in zwei getrennt voneinander ablaufenden Einheiten. Die erste, anfangs noch stark der überlieferten Bildung verpflichtete Phase, galt der Vorbereitung; einer vor allem intellektuellen Einfühlung oder Einstimmung, entlang gedanklicher Initiationsreihen. Die zweite dann, im Visionären wurzelnd, kennzeichnete den Vollzug. Er rieb sich bald schon am Geschäft und seinen zahllosen Sachzwängen. Der resultierende Abnutzungsprozess zeitigte eine weithin sichtbare Erosion, die den Körper richtete, während Geist und Seele langsam in sich zerfielen.

Im Übergang, der beide Ströme miteinander eint, träumte Jim am Strand von Venice das Unsägliche. Dabei bleibt ungeheuerlich genug, das am Ende eine ´Karriere´ daraus werden konnte. Man vergleiche die ´Geburtsstunde´ der Doors ruhig einmal mit den Entstehungsgeschichten späterer, gar heutiger Bands. Am Anfang dieser Laufbahn gab es noch gar keine Band, nur eine Vision, die im Solitären gründete. Zuerst ´vernahm´ Jim Klänge; die ´spukten´ als Musik im eigenen Hirn. Sicher haben sie später, im Analogen, nie wieder so geklungen wie in seinem Oberstübchen zuvor. Um nicht zu vergessen, was er da hörte, dachte er sich ´passende´ Worte aus. Oder kamen die auch ´wie von selbst´? Von einem solchen ´Selbstläufer´ hatte er zeitlebens geträumt.“ Ich wollte immer schreiben,“ erklärte Jim später,“ dachte aber, es hätte keinen Sinn, wenn nicht die Hand den Stift ergriffe und ihn übers Papier führte, ohne dass ich wirklich etwas damit zu tun hätte. Wie automatisches Schreiben. Aber das kam nie.“ Nun war, statt der Worte, die Musik zu ihm gekommen. Nicht auf dem Papier, sondern im Kopf. Mit den Sätzen, die ihm dazu einfielen, hatte Jim ´etwas´ in die Hand bekommen. Mehr nicht. Das war schon damals reichlich wenig. Von den unentbehrlichen ´Handwerksmeistern´, die heute üblicherweise Anfang und Ende einer Zusammenarbeit bestimmen, nähme keiner einen wie Jim auch nur ansatzweise ernst oder zur Kenntnis. Das ist leicht einzusehen. Ihm fehlten die nötigen ´Qualitätsnachweise´ – als Mindestanforderungen, um immerhin in eine engere Wahl kommen zu können. Dazu zählt mittlerweile auch ein qualitativ ansprechendes Demo. Davon einmal abgesehen, verfügte Jim über keinerlei Banderfahrung, er konnte nach eigenen Angaben auch nicht wirklich singen, und seine mangelhaften Fähigkeiten am Klavier kamen überhaupt nicht in Betracht. Er hatte auch keinen genrekompatiblen ´Stil´ in petto, alles blieb so vage und unbestimmt wie nur möglich. Der abgebrochene Student traf auch nicht in irgendeinem Proberaum oder auf eine Anzeige hin jemanden, der aushalf. Am Strand von Venice, Zufall oder nicht, kam Raymond Daniel Manzarek vorbei spaziert, dem Jim mit der ihm eigenen Scheu anvertraute, ein paar Songs ´geschrieben´ zu haben. Die er dem andern wohl niemals vorgesungen hätte, wäre dieser nicht von sich aus drauf gekommen, ihn darum zu bitten. Manzarek glaubte sofort an Morrison. Womöglich war es weniger der unbeholfene Gesang des Jüngeren als dessen vielversprechende äußere Erscheinung, die den Kommilitonen überzeugte. Jim versuchte es mit Moonlight drive, dessen suggestive Lyrik in der Tat einzigartig ist. Manzarek machte daraus nachträglich eine Art Offenbarung. Sein Ehrgeiz war fortan der eines Paulus, der den Heiligenschein des Erweckers schirmte und dessen ´Botschaft´ einer breiteren Gemeinde ´handlich´ machte.  Diesem ´Auftrag´ fühlte er sich bis zuletzt verpflichtet. Den Jüngeren im bescheidenen Rahmen eigener Mittel und Möglichkeiten zu fördern, blieb sein ganzer, nie erlahmender Ehrgeiz. Er wurde im Folgenden oft auf die Probe gestellt, und hielt doch allen stand; bis ganz zuletzt. Mit viel Sorgfalt und Geduld widmete er sich einem Projekt, das anfangs nur mühselig in Gang kam. Ohne die Nachsicht des Älteren, der wie ein abgebrühter Sonderpädagoge die Verhaltensauffälligkeiten des Jüngeren schluckte, der ihm den Rücken frei und eisern an der ´Mission´ fest hielt und immer wieder das Beste aus dem ´Heiland´ heraus zu holen bemüht blieb: wäre der Traum einer geblieben.

Er trug dann, in die Wirklichkeit gezwungen, früh Züge eines echten Alps. Schnell wurde deutlich, dass Jim im Zweifel auf nichts und niemanden Rücksicht nahm, schon gar nicht auf sich und seine eigene Gesundheit, die umso nachhaltiger litt, je tolldreister er sich gebärdete. Ohne entsprechend Ausgleich, für den Manzarek zuständig blieb, wären Densmore und Krieger wohl nicht lange  am Start geblieben. Jims Verhalten glich in sämtlichen Bezügen oder Belangen bodenloser Kraftvergeudung. So kam dem Asthmatiker Morrison nie in den Sinn, seine ohnehin zarte, brüchige Stimme zu schonen oder zu schulen, ihren Einsatz zu dosieren bzw. anzupassen, wie das heute obligatorisch ist.“ Dont´t overblow it Jim,“ riet Bruce Botnick während einer Probe zu den Aufnahmen von The Soft parade,“ you got a long way to go.“ Der so ´Gemaßregelte´ hatte nämlich wie ein Berserker ins Mikro gegrölt, um den andern zu verdeutlichen, wie er sich den Part vorstellte. Üblicherweise gibt man im Studio sein letztes erst nach zahllosen Probeaufnahmen, nie vorher. Kalkül und Vorsorge, kluge Haushaltung und professionelle Umsicht: passten nicht zum Plan, den das Genie sich zurechtgelegt hatte. Manzarek machte, sozusagen, einen halbwegs bindenden Vertrag daraus. Er wurde auf Kredit beglichen, und blieb im Grunde eine reine Luftbuchung: sie entsprach dem Anfang, dem Beginn – der Obhut, in die sich Jim begeben hatte, bevor ihn der Ältere herauslockte.

Venice und die Folgen. Es haben sich, ich erwähnte dass bereits, einige Aufnahmen der Doors erhalten, die am Strand der beschaulichen Künstlermetropole entstanden; auch kurze, stumme Filmsequenzen sind darunter. Zwischen beiden, die nur eine kurze Spanne Zeit voneinander trennt, scheinen Welten zu liegen. Auch das recht grenzwertige, im Ganzen einfallslose Video zum Unknown soldier entstand vor Ort. Hier kam Jim bereits reichlich genervt und abgewrackt rüber, doch immer noch halbwegs seinem Alter entsprechend. Um Jahrzehnte gealtert wirkte er hingegen zwei Jahre drauf, als er mit den andern zusammen vor laufender Schmalspurkamera spazieren ging. Ein Frührentner, dem man die gesundheitlichen Probleme, die ihn damals bereits plagten, deutlich anmerkt. Wie aus der Zeit gefallen: divergiert seine Erscheinung zum Datum selbst, das diese Aufnahmen markiert. Die meisten von denen, die in den Sechzigern damit anfingen, sich ihre Haare lang wachsen zu lassen, waren und wirkten noch immer ziemlich jung, insofern mutete die Erscheinung des fettwanstigen Morrison, der uns hier begegnet, verstörend an und wie falsch abgelegt: ein alter, ersichtlich in die Jahre gekommener Hippie auf Erholungsurlaub. Solchen Typen begegnete man eigentlich erst in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, denn vor fünfzig Jahren sah noch keiner von denen so alt  aus wie Jim. Auf Anhieb kaum fassen, dass zwischen diesen Aufnahmen und denen, die in Venice zu Beginn ihrer Karriere entstanden gerade einmal drei Jahre lagen. Freilich reichten sie aus, den Mythos zu begründen, ihn rasch auf die Spitze zu treiben – und seinen Helden unter sich zu verschütten.

Als Jim in der schützenden Atmosphäre von Venice dem Geist der Musik begegnete: schien alles möglich. Erinnert: Banalitäten reichten, ihn zu inspirieren. Sie stießen, als reine Äußerlichkeiten, auf eine selbst äußerst gespannte, extrem empfängliche, sich wirklich öffnende Seele. Damals entstanden Songs wie Soul Kitchen oder Hello i love you, die sich inhaltlich auf bloße Beiläufigkeiten beziehen, entlang reiner Alltagserfahrungen, deren Beliebigkeit austauschbar bleibt. Jim kamen sie gerade recht. Recht unbekümmert spielte er mit Worten, die dem Konzert in seinem Kopf irgendwie entsprachen. Ironischerweise erschien er auf den Fotos, die aus dieser Zeit stammen, noch in Resten pummelig und pausbäckig. Auch das macht ihren Reiz aus. Er empfand sich wohl noch nicht als Star. Doch kündigte sich in der ersichtlich banalen Gestalt bereits die Ikone an, wurde aus einem Segen bereits der Fluch – vollzog sich gnadenlos ein Schicksal, auf das noch nichts wirklich hinzudeuten schien. Nirgends besser als an diesem Punkt wurde und wird deutlich, wie sehr das bloße Vordergründige im Hintergründigen, Sichtbares im Unsichtbaren gründet.

In seltsamer Umkehrung zur Gestalt des Gregor Samsa, den Franz Kafka sich und uns in der ´Verwandlung´ vorstellte, wurde Jim rein äußerlich beinahe über Nacht ein anderer. Kein hässliches Ungeziefer wie dieser, ganz im Gegenteil mauserte er sich zum wunderschönen Jüngling, doch auch ihm missriet, gleich dem unseligen ´Helden´ besagter Groteske, der Umgang mit den anderen, denn die Grundlagen eines sozialen Miteinander hatten sich verflüchtigt. Nichts passte mehr. Entfremdung und Irritation richteten diesen wie jenen zugrunde. Die Drogen machten Jim selbst zu einem Monster. Er verlor jede Kontrolle über sich, auch das Verhältnis zu den andern, und seine Verwandlung zum Schönling leitete im Grunde nur die abschließende, ihn unsäglich Verunstaltende ein. Weil er, gleich Kafkas ´Käfer´, aus der extravaganten Nummer, eben: aus der Haut bzw. dem eigenen, sich ständig häutenden Panzer nicht mehr heraus konnte, war er dem konventionellen Leben entfremdet, entwöhnt – verloren. Was hilft es dem Insekt, an Wänden entlang klettern zu können, wo sein Wesen doch im schnöden Menschsein, dem ´auf dem Teppich bleiben´ befangen bleibt? Wer den für einen fliegenden hält, gerät mit jedem weiteren Schritt ins straucheln. Der König der Eidechsen mochte, wie er sich einzureden verstand, alles können; daneben aber fiel es ihm schon bald immer schwerer, während der Auftritte halbwegs gerade zu stehen, Textzeilen zu erinnern oder den Whiskey im Magen zu behalten, den er oft nächtelang erbrach. Freilich: sah man all das dem Beau des Beat zunächst nicht an. 

In Ergänzung zu der Wandlung im Äußeren, die das Pummelchen zum Adonis machte, vollzog sich also eine viel tiefere, nicht minder folgenschwere im Innern, die für kurz verheißungsvoll und gefährlich, und dann immer vergeblicher und zwielichtiger nach außen strahlte. In der ersten, frühen Phase kam den halluzinogen Drogen eine wesentliche Rolle zu; ob ergänzend oder auslösend, eröffnend oder vollendend mag der Geschmack entscheiden. Wer wollte hier schon ein endgültiges Wort sprechen? Sugarman und Hopkins haben es in ihrer Biografie so formuliert:“ Jetzt unternahm Jim wirklich alles, um sein Bewusstsein zu erweitern, die Pforten der Wahrnehmung zu öffnen… Die treffenden Sätze und Bilder, die er später in seine Songs aufnahm, wurden jetzt am warmen herbstlichen Strand in den Notizbüchern festgehalten. Jim war in einem Entdeckungsrausch, er fand seine eigenen Visionen, seine eigene Sprache. Er warf sich die Trips Handvoll rein, wie Erdnüsse oder Aspirin.“ LSD war damals noch eine Weile frei erhältlich. Und das Zeug war mehr als nur eine Modedroge. Rauschmittel mögen gewissen Konjunkturen unterworfen sein, unterwerfen sich ihrerseits aber die Menschen, deren Wille an ihrer eigenen, chemischen Wirkungsmacht zunehmend hilfloser baumelt, und sie standen und stehen tatsächlich am Anfang gesellschaftlicher Umbrüche oder religiöser Erweckungen, künstlerischer Inspiration oder deren Abtötung. Von LSD wurde man, so heißt es, nicht süchtig. Doch veränderte sein Konsum den ganzen Menschen. Um an dieser Stelle immerhin einige zeitlich dicht aufliegenden Beispiele anzureißen: entschlüpften die Mitglieder jener Kader, die dem bundesdeutschen Links-Terrorismus Berühmtheit verschafften einschlägigen Wohngemeinschaften, in denen der Drogenkonsum eine ganz wesentliche Rolle spielte, so betreffs der Wielandkommune (Bewegung 2. Juni) oder der WG Birkendörfle, die schon einen Teil jenes harten Kerns der RAF barg, die den Schrecken des deutschen Herbstes inszenierten. Jene Wirkungszusammenhänge, um die es hier geht, reichen tief, sind kaum zu entwirren und zeitigen im analogen Geschehen deutlich sichtbare Veränderungen. Jim trieb das nur begrenzt kalkulierbare Wechselspiel zwischen Mensch und Droge, Hirn und Chemie auf die Spitze. Ein ´neuer Mensch´ kam anfangs durchaus dabei heraus; übrig blieb ein erschöpfter, in sich ´erledigter´. Dazwischen freilich tat sich einiges.

Nicht wenige träumten damals den Traum, sich selbst in einen neuen Menschen zu verwandeln, um solcherart gleich noch die ganze Gesellschaft zu verändern. Im Grunde waren und blieben die meisten von ihnen Schwärmer und Autisten, Spinner oder neurotische Willensmenschen. Das spricht nicht gegen sie und ihres gleichen. Einige wenige reichen meist aus, die Verhältnisse zum tanzen zu bringen, während die allermeisten fast von allein den unerbittlichen Mechanismen gesellschaftlicher Auslese erliegen ohne je aufhorchen zu können. Venice Beach bot der dort strandenden, lästiger Verpflichtungen ledigen Künstler-Boheme ein passendes, recht unverbindliches Refugium. Gleichzeitig lauerte, in den nahen Hügeln, die Traumfabrik, das sagenumwobene Hollywood: ein Film-Mekka der Superlative, das profitträchtige Träume für Millionen am laufenden Meter produzierte. Kein Wunder, das Jim die Reise nach New York verwarf und in dieser Umgebung hängen blieb. Hier gehörte er in Wahrheit hin, nur in einem solchen Umfeld konnte er, auf Zeit, seinen eigenen Hirngespinsten anhängen und, wichtiger noch, mächtig Atem schöpfen. Los Angeles war auch bekannt für sein überreiches Angebot an halluzinogen Substanzen. Theatralik und Entfesselung, Selbstdarstellung und Selbstvergessenheit, Genie und Wahnsinn ähnelten, in diesem Biotop, Paarungszusammenhängen, die an organische Übereinkünfte siamesischer Zwillinge erinnern: verkörpert im gestern noch linkisch lugenden, jetzt stolz und stur blickenden Jüngling: Halbgott und Tunichtgut, Genie und Clown, Nichtsnutz und Alleskönner, der mit seinen luzide geweiteten Augenpaaren zunehmend Blicke einfing und bedrohliche die ihm eigenen auswarf. Man könnte sagen: die Kamera lief schon damals mit. Dieser Film, der jetzt in seinem eigenen Kopf spukte und Handlungsfrei der inneren Dramatik folgte, vom schillernden Reigen inspiratorischer Augenblicke und Momente beflügelt, kannte nur einen Produzenten. Der übernahm auch gleich die Regie. Ohne Teamunterstützung wäre aber ein einziges analoges Werk dabei herausgekommen. Mastermind Morrison brauchte vor allem einen Produzenten, denn die sind häufig ´Mädchen für alles´ am Set. Den Part übernahm von Anfang an Manzarek. Mit ihm stand und fiel das ganze Unterfangen. Bis Morrison es angewidert von sich stieß.

Spätestens an diesem Punkt bekommt man eine flüchtige Vorstellung davon, dass jeder Mensch zusätzlich zur rein vordergründigen Geschichte, die sich zwischen ihm und seiner Umwelt abspielt, eine ungleich rätselhaftere, weil verborgen gehaltene durchlebt, die jenseits bloßer Wechselwirkungen mit der Umwelt in den Untiefen der eigenen Person gründet; so singulär wie selbstvergessen, weshalb die Berührungen mit den Alltagserfahrungen umso irritierender verlaufen. Denn je eigenmächtiger das Ingenium nach außen drängt, umso ´befremdlicher´ sein Zugriff. Dem entspricht die begleitende Oberflächenspannung. Geladen mit einer ungeheuren Kraft, stand Morrison oft vor einer Art Kurzschluss, was manche seiner Handlungen nachträglich kaum entschuldigt, mehr halbwegs erklärt. Ursachen lassen sich weniger ergründen, mehr erahnen; die Mechanik der Ereignisse erklärt nur deren Vollzug, kaum den ermöglichenden Hintergrund. Die Geheimgeschichte einer parallel zur greifbaren Realität ablaufenden, im Unbestimmten waltenden Traumwelt, vieldeutig in den je tastenden, vieldeutig interpretierbaren Bezügen: ist eigentlich noch nie geschrieben worden. Wir wissen wenig über jene Eigengesetzlichkeiten, die im zeitlosen, non-kausalen Gefüge eigenen Rhythmen unterworfen bleiben und stets im Vagen gründen, gleichwohl über zahllose Rezeptoren mit der alles richtenden Materie verbunden bleiben. In Verwandtschaft zur Dekade selbst, die als psychedelische der reinen Realität eine Art Über-Realität anheim oder entgegen stellte, vollzog sich Jims Schicksal ähnlich unterirdisch, untermeerisch – im letzten unsäglich. Und schwoll dann schließlich so mächtig an, dass die Wirklichkeit selbst davon getränkt, gesättigt – aufgeladen werden konnte. Solchen ´Gestaltwerdungen´ freilich eignet, das sie ihres gleichen kaum halten oder festigen, irgendwie am Leben halten können. Sie bleiben seltene Glücksfälle, die oft im Alptraum oder reinem Leerlauf enden. Und endlich ganz verflüchtigen.

Man hat die Sache mit Jim und den Drogen allzu geschäftsmäßig und altklug abgetan, frei nach dem Motto: der knallte sich das Zeug rein und war dann ziemlich weggetreten. Fertig. Banal gefragt: Wie verhielt sich eigentlich die verträumte, später allzu versoffene Realität dieses Menschen zur nicht minder aufregenden, zunehmend divergierenden, gnadenlos eigene Tribute zollenden Außenwelt? Wie behauptete er die in der Bewusstseinserweiterung forcierten Freiräume wider eine eng abgerichtete, gnadenlosen Normvorgaben hörige Welt des bloßen Geschäfts? Im Unterschied zu den mal schwerfällig, dann wieder ruckartig, mit plötzlicher Wucht oder lähmender Routine auftretenden oder einhergehenden Ereignissen oder Einflüssen, eignet den innerhalb divergierender Zyklen oder Schübe an Geltung gewinnenden, rein geistig oder seelisch wirkenden Seinsarten ein recht eigenes Tempo, ein eigener Rhythmus – eine eigene Logik. Die entsprechende Dynamik divergiert zu den je vorgefundenen oder verabreichten Tempi und muss einen Menschen, der den Pulsschlägen im Innern Folge leistet, in Verlegenheit bringen. Ich glaube, dass Jim sich in diesen Jahren zunehmend allen Anforderungen täglichen Lebens weniger entzogen, mehr entwöhnt, ja entfremdet hat. Von Träumen und Visionen fortgetragen, stur abschweifend und zunehmend in sich selbst versponnen, verfing er sich im Spinnennetz eines Betriebs, der seine Manien zwecks gewinnbringender Vermarktung gnadenlos ausschlachtete oder sanktionierte. Immer hilfloser und verzweifelter reagiert er. Und rebellierte am Ende weniger als das sein Inneres kapitulierte. Auch darum floh er nach Paris.

Morrison habe sich, so stellten Roby Krieger und Ray Manzarek Ende der Siebziger unabhängig voneinander fest, stets und ständig am Rande der Realität befunden. Man möge einmal bedenken, was das wirklich bedeutet: für einen, der damit ernst macht, und für sein Umfeld auch. Mit viel wohlmeinender Pädagogik im Unterton hat Manzarek es Punkt gebracht: solches verursachte eine Menge Probleme. Tatsächlich hat Jim bewusst und mit Vorsatz alles getan, um zum Äußersten, also bis an die letzten Grenzen zu gelangen, an diese und über alle weiteren, je vorgefundenen hinaus oder hinweg, immerzu fort und davon, bis an´s Ende, wie er meinte – bis zum Schluss. Wir wissen: bis zur Neige – bis zum Verdruss.

Take the highway to the end of the night, end of the night

Er hat Körper, Geist und Seele das Maximum eines überhaupt Erträglichen zugemutet, abverlangt, am Ende eher abgerungen, abgestaubt oder in Resten abgegrast. Über den Exzess. Konnte er so, wie ein Dichter mutmaßte, den Palast der Weisheit betreten? Verlor er sich nicht eher bei dem Unterfangen, den Göttern das Feuer zu stehlen? Was blieb von ihm übrig, eben: am Ende? Zum Schluss glich er einem alten, erloschenen Vulkan. Der atemberaubend gut aussehende Mann mutierte zur komischen Figur: hilflos und an Leib und Seele erschöpft, speckhüftig und übergewichtig. Das spricht nicht grundsätzlich gegen ein Experiment, dessen Scheitern nur die vielen Anläufe bestätigt. Hier kommt vielmehr jene schaurige Indifferenz zur Geltung, von der Nietzsche in einem Gleichnis sprach, als er an den einsamen Vogel erinnerte, der sich nach langem Flug über endlos scheinende Meeresweiten erschöpft auf einem noch einsameren Felsen niederlässt. Schaurig wirkt die grenzlose Weite, ohne Land in Sicht…

Out here in the perimeter there are no stars, out here we are stoned, immaculate

Es begann mit einem Höhenflug. Der rasch ins gleiten, schlingern – trudeln kam. Im schon erwähnten Interview mit Bob Chorush äußerte sich Jim betont nüchtern zu den Drogen:“ Ich glaube, niemand hat auf Dauer wirklich die Kraft, all diese Kicks auszuhalten.“ Allerdings:“ Ich glaube, sie (die Leute) bauen eine zellulare Toleranz dafür auf. Es wird einfach Teil ihrer Körperchemie. Sie sind nicht wirklich stoned. “Ob dann noch gelten kann, was der Dichter Hebbel als Fluch und Freiheit künstlerischer Betätigung an sich selbst erkannt haben wollte? Er sei, versicherte dieser,“ immer so, wie die meisten Menschen nur im Fieber sind.“

Gut drei Jahre vor dem erwähnten Interview stieg Jim endgültig auf seine Lieblingsdroge um: den schweren Alkohol. Das kam einer Kapitulation gleich. LSD mochte beflügeln und befreien, Irrsinn und Wahnwitz heraufbeschwören: Alkohol dämpfte und betäubte – ohne zu erlösen. Was blieb Jim übrig? Das Pandämonium im Innern hatte sich aufgebraucht bzw. totgelaufen. Es mochte ihn, der daran teilhatte, verändert haben: die äußere Wirklichkeit blieb, abzüglich jener Momente äußerster Euphorie, die sich immer seltener einstellten, relativ unberührt davon. Um besser ertragen zu können, was doch im Katzenjammer enden musste, soff Jim sich nun um Kopf und Kragen. So hielt er auch den Druck besser aus, der damals auf die Band zukam, auf ihn besonders, denn er stand ja im anfangs herbeigesehnten Fokus, der ihn bald störte, weil er zum Fluch geworden war. Man kann nur spekulieren, was damals wirklich mit Morrison geschah. Wahrscheinlich überwältigte ihn einfach der Ekel; die Abscheu vor allem Profanen, nach mystisch aufgeladenem, hoffnungsfrohen Beginn. So jemand wacht morgens auf und fällt gleich in ein Loch; und muss trinken, wie Jim es tat, hatte er nicht gerade einen guten Start. Zu dieser Zeit versetzten ihn, der ehedem LSD in Mengen eingeworfen hatte, schon geringe Mengen Haschisch in kosmische Angst. Alkohol wiederum mochte zunächst beruhigend wirken, indem er lästige Gedanken und Gefühle abtötet, doch schlug er gerade bei Morrison immer häufiger in Gewalttätigkeit um. Unter dem Einfluss von Bourbon, Scotch oder Bier wurde Jim zum Redneck – unausstehlich. Er geriet dann zunehmend in Rage, tobte und randalierte dementsprechend, zettelte immer wieder Schlägereien an und unterlag meist. Der Weg zur Freiheit mündete spätestens jetzt in echte Selbstzerstörung, und immer öfter in bedrohliche Unfälle. Selbstmord auf Raten? Er fuhr Autos zu Schrott und balancierte auf Hochhausvorsprüngen, warf sich aus der beschleunigten Karre und dergleichen mehr: ein ´Kamikaze ohne Fallschirm´ (Craig Kee Strete). Es war eine Art Harakiri: an Leib und Seele, Geist oder Verstand.

Doch war er keine zwanzig mehr. Der König der Eidechsen hatte sich in eine träge, fette Schlange verwandelt, die nur noch unter den Bedingungen der Fallsucht zubiss. Endlos gehäutet und unsäglich aufgebläht, zum Platzen prall, glich das Reptil in Phasen stummer Teilnahmslosigkeit, trotz aller Gespanntheit, eher einem schlappen, ausrangierten Fahrradschlauch: porös und aufgeweicht, ramponiert und löchrig, und also nicht mehr aufzupumpen. Morrison gab denen, die ihn näher kannten, ein nur mehr trauriges Bild seiner selbst zum Besten. Fortan verlief und verlor sich der Entthronte in lauter kleineren und größeren Miseren.

Hier schloss sich ein übergeordneter Kreis, wie wir sahen. Der Zustand, in dem er sich befand,  verband ihn auch jetzt mit dem Schicksal seiner Nation. Hopkins später, in seiner ´endgültigen Biografie´:“ 1967, nach dem Sommer der Liebe, standen wir an der Schwelle einer neuen Ära, doch 1968 schlug die Tür… wieder zu.“ Äußere Befindlichkeiten färbten in unheimlicher Schattierung auch auf unseren Helden ab, der in dieser Zeit, so Hopkins weiter, nach zu vielen Drinks in einer billigen, heruntergekommenen Bleibe, dem Alta Cienega, seinen Rausch ausschlief. Ihm war dann meist speiübel. Jim dämmerte fortan mehr vor sich hin als das er konzentriert an irgendeiner Sache arbeitete. Halluzinogene hatten ihn einst aktiviert – der Alkohol verriegelte den armen Menschen, und machte ihn gleichzeitig so aggressiv, dass er anschließend unendlich müde war. Die verbliebenen Auftritte der Band rissen keinen mehr vom Hocker. Mit Morrison standen und fielen sie. The Doors are open? Not any longer.  

Als Jim daran ging, die großen Auftritte der Vergangenheit in einer total misslungenen Filmproduktion (Feast of Friends) unterzubringen, war die Luft längst raus. Zusammen mit den falschen Leuten und unter dem Einfluss fataler, keimtötender Substanzen (worauf Manzarek in seiner eigenen Biografie gewohnt rechthaberisch und fast ein wenig empört verwies) konnte nichts Brauchbares mehr dabei rauskommen. Etwas später stieg Jim zusätzlich auf Kokain ein. Wollte er damit noch einmal einen kreativen Ausbruch erzwingen? Im Mix mit sehr viel Alkohol, der obligatorisch blieb, warf ihn das nur zusätzlich aus der Bahn. Gemeinsam mit einer Freundin, deren Gatte sich seinerzeit gerade auf Geschäftsreise befand, tat er, was er tun musste: er übertrieb es – um jeden Preis. Sugarman weiß von einem Abend zu berichten, den die beiden gemeinsam in einem Apartment verbrachten. Nach jeder Menge Champagner kam in reichlichen Mengen der ´Hirnkiller´ dazu. Das ganze endete in einer seltsamen Orgie aus sprudelndem Blut und wildem Sex. Physisch und psychisch nahezu gestreckt, ließ Morrison sich mehr denn je gehen, uferlos treiben – aus jeder Bahn tragen. Es scheint, als habe er den eigenen Untergang, ehedem aus Urkräften schöpfend, nunmehr mit letzter Kraft, doch weiterhin um jeden Preis voran getrieben, nach eigener Regie, die ihm aber zunehmend entglitt. Es hätte, statt des weißen Pulvers, auch Heroin oder irgendeine andere harte Droge sein können (letzteres kam auch noch an die Reihe). Phil Oleno fand für das deviante Verhalten  eine sehr einleuchtende Erklärung zum Besten:“ Er hätte alles probiert. Er musste herausfinden, wie es war. Er musste es (das Kokain) einfach nehmen. Und das hat er auch getan… es war wie ein Berg, den man besteigen muss.“ Irgendwann wird dann die Luft zu dünn zum atmen. Seltsam leicht wird auch der schleppende Schritt, den die Nachtschattenden Euphorien eine Weile lang ermöglichen, bis der solcherart ´Erleichterte´, bereits ernüchternd, mangels Gewöhnung elender Erdschwere erliegt; und ganz in sich zusammen bricht.

Noch einmal: Jims Drogenmissbrauch wurde und wird dauernd mit der größten Selbstverständlichkeit bemüht, aber keiner von denen, die das taten oder tun hielt es bis jetzt der Mühe wert, näher auf die sich beißenden oder ergänzenden Zusammenhänge und Besonderheiten einzugehen. Die werden immerhin spürbar, horchen wir etwas genau hin: lauschen wir unserem Helden das eine oder andere Geheimnis ab. Vor allem in den Interviews aus der Übergangszeit wird sehr deutlich, wie sehr Jim sich seinerzeit dem inneren Strom überließ, der zunehmend in einer einzigen Leere mündete. Die sehr erfolgreich verlaufene Europatournee der Doors hat uns diesbezüglich einige überaus aufschlussreiche Rollen Filmmaterials beschert, etwa jene Interviewsequenz, die einen sichtlich mitgenommenen, aufgedunsenen jungen Mann zeigt, der so freimütig wie gleichzeitig gelangweilt, ein wenig angewidert fast über sich und seine Gefühle sprach, als habe er mit ihnen wie überhaupt mit allem übrigen längst abgeschlossen. In Andeutungen rührte Jim, selig dämmernd und doch hellauf erleuchtet, trotz angestammter Hemmnis an den Dingen. Banal und eigentümlich zugleich nahm sich aus, was aus dem Munde eines Menschen kam, der sichtlich in anderen Sphären vegetierte, wie denn seinen Ausführungen entfernt elegisch anmuteten; wie von ganz weit her. Densmore erinnerte sich noch an diese Monologe; ihnen war ein heftiges nächtliches Besäufnis vorausgegangen. Jetzt wisperte Jim in der ihm eigentümlichen, beschwörenden Weise: so luzide und schlafwandelnd, wachtrunken und mattnüchtern, wie dies einzig ihm gegeben war. Mochten in Resten die abgetanen Psychedelika wirkungsmächtig geblieben sein: der Alkohol, dessen Allmacht in ihm gärte und restliche Reserven aufbrauchte bzw. verzehrte, schien ihn auf sanfte Weise zu strecken. In jener Zeit versickerte langsam der letzte Rest Kraftspendender Gesinnung, auf zunehmend austrocknenden Böden sozusagen, die kein Humus mehr belebte. In dem erwähnten Filmschnipsel herrscht eine eigentümliche Andacht und Ruhe. Die Stille hat etwas Beklemmendes und Befreiendes zugleich. Morrison wirkt berauscht und doch beruhigt, betört und irgendwie besänftigt, beseelt und ´nirwanös´. Was jetzt noch in ihm wuchs oder nachwirkte, schien schon ganz klamm vor lauter Staunässe. Aber auch derlei subtile, atmosphärisch geladene Besonderheiten bestätigen ein sehr spezifisches Fluidum, das die Zeit selbst damals – im Film – offenbarte. Etliche der angesagten, hippen Stars, die man auf ähnliche Weise befragte, so sehr dezent im Umgang wie stets freundlich nachfühlend, ergaben sich einer ähnlich eigentümlichen, irgendwie getragen wirkenden Beschaulichkeit und Verträumtheit, die ihren Geist weniger schirmte, mehr schwach umwölkte; einer von sanften Sommerwinden fortgetragenen Wolke gleich. Im Film zur Mad Dogs & Englishman – Tour tauchte gegen Ende der Produktion ein Interview mit Leon Russel und Joe Cocker auf, dass diesbezüglich Bände spricht. Die Kontrahenten parlierten hier in einer Mischung aus Scheu, Sanftmut und intellektueller Reserviertheit, sehr andächtig sprechend, mitunter in vorsichtig beschwörender Manier, als korrespondiere man in einem Trappistenkloster. Es wird eine Aura spürbar, die sich so in späteren, umtriebig wie hektisch ablaufenden Zeiten nie wieder einstellte oder entfalten konnte, geschweige denn herstellen ließ; wiewohl schon die damaligen Tourneen in Stress und Arbeit auszuarten drohten. Es mutet nur vordergründig wie ein Paradox an, das Jim einerseits in einer Art Dusel versackte und zum Stillstand kam; andererseits die weitere Entwicklung mutwillig beschleunigte, um seinen Traum von der allseitigen Grenzüberschreitung bis zum bitteren Ende zu verwirklichen.

Wie verhielt sich die spürbare Langsamkeit interner Abläufe, deren Zeitlupen unerhört beseelten, zu den rasend schnell abrollenden, allzu äußeren Entwicklungen, die im Ergebnis nicht minder dicht und konzentriert gerieten? Im Innern vollzog sich eine Art Zerstreuung, im Äußeren ballten sich zusehends Potenzen, deren materialistisches Selbstverständnis den Anfang heutiger Exzesse begründete. Während die Konturen unseres Helden schwanden, im Äußern wie im Innern, verschärften die Anforderungen des täglichen Geschäfts sämtliche Tagesabläufe. Den Straffungen auf der einen Seite entsprachen die Ent-bindungen derer, die zur anderen überwechseln wollten und so im Hier und Jetzt gar nicht mehr ankommen konnten. Drogenrausch versus Tournee Stress – das eine biss sich mit dem andern. Damals, so Jim später lakonisch, habe er einen Menge Probleme gehabt. Er fasste die Misere vorzüglich und unverstellt, erstaunlich klar und deutlich im letzten Gedicht zusammen (Road days). Unendlich viel Traurigkeit und Resignation spricht aus diesem Fragment, als einem Dokument letzter, nicht weiter auflösbarer,  in reinen Formen geronnener Vergeblichkeit. Hier listete er die als Zumutung empfundenen Begleitumstände und Pannen jener Jahre wie beiläufig auf, auch seine Ratlosigkeit im Blick auf die Zukunft. Das ´Umsonst´ von und hinter allem: drängte sich Zeile um Zeile förmlich auf. Jim schloss, einmal mehr patriotisch anständig, mit jenen Worten, die ich im zweiten Kapitel bereits zitiert habe.

Mich erinnert derlei Seelenverfassung ein wenig an den Schauspieler und Entertainer Harald Juhnke, der zuletzt – wiewohl mit über Siebzig Jahren – am eigenen Unvermögen zerbrach und die letzten Tage im Delirium zubrachte. Zwischen rauschhafter Entfesselung und bürgerlicher Langeweile hektisch hin und her hastend, brachte ihn der resultierende Zwiespalt fast um den Verstand, den er nach unermüdlichen Zechtouren endlich ganz verlor. In seinen Memoiren beschrieb der geniale Mime einen Abend im Gemeinschaftsraum der Basler Psychiatrie, wo er nach exzessiver Sauftour landete; dortselbst unerkannt unter lauten Drogensüchtigen vor sich hindämmernd. Im Fernsehen lief gerade eine Harald Juhnke Revue.“ Mir war,“ so steht da geschrieben,“ als sei ich schon tot und guckte zurück auf das, was sich mit mir mal abgespielt hatte.“ Tat das nicht am Ende auch Jim, im fernen Pariser Exil? In den Road days klang das wirklicher denn je.

Bis dahin ging er auf´s Ganze. Jim Morrison wollte tatsächlich einen neuen Menschen aus sich machen und er ging mit viel Verve und mit festem Vorsatz, aber ohne Vorsicht an die Sache heran. An das Experiment vielmehr. Nur wenige seien bereit, meinte er einmal, restlos ernst zu machen. Schon der Dichter Grabbe fragte: Wozu Mensch, wenn du nach Übermenschlichem strebst? Der gleichsam am Suff krepierte, genialisch veranlagte Dramatiker, dem fast keines seiner Werke füglich gelang, wusste ferner noch: Der Mensch hat Adler im Haupte und steckt mit beiden Füssen in dem Kote. Montaigne fand: noch auf dem höchsten Thron sitzt man auf seinem eigenen Hintern. Jim saß dort nicht lange, er war wackelte unruhig hin und her, und fiel endlich, frei nach Grabbe, in den banalen Alltagsdreck, der ihn dann auch unter sich begrub.

Ob die tolldreiste Odyssee schließlich, aller Verirrung zum Trotz, doch noch in eine Art Ordnung mündete und so etwas wie Beruhigung und Mäßigung zeitigte? Vielleicht ergaben sich neue Perspektiven, sinnlich-geistige Spannweiten; wer weiß. Jim starb darüber weg. Auch hier muss gefragt werden, wie sich etwaige Vorstellungen über eine nähere Zukunft mit den banalen Anforderungen des täglichen Daseins vertragen hätten. Ob gewohnt hochtrabend oder eher bescheiden: wäre ihnen, Jims Lebenswandel eingerechnet, selbst wohl kein allzu langes Leben beschieden gewesen. Am meisten mag Morrison die Erkenntnis bedrückt haben, das ein möglicher Neubeginn nahezu zwangsweise an den Altlasten scheitern musste, die er sich im Laufe der Jahre selbst eingehandelt hatte. Eine davon war die Monstranz des Lizard King, hinreißend verpuppt in der Gestalt eines unwirklich schönen Jünglings, den er satt hatte wie das ganze Image, an dem man ihn aber auch weiterhin maß, wiewohl es ihm nicht länger entsprach. Hier konnte nichts mehr geschönt, vor allem: nichts mehr übertroffen werden. Andererseits bot der Ausweg einer bescheidenen, unauffälligen Künstlerexistenz auf lange Sicht keine Gewähr, der gärende Langeweile zu entgehen, die ihn, den Rast, – und Ruhelosen, trotz aller Ermüdungserscheinungen immer wieder plagte. Was auch immer in Aussicht stand: fiel entweder zu klein oder nicht groß genug aus. Der Wunsch nach mehr Ruhe und Gelassenheit, nach Dauer und Ergebung, blieb eine Art Blütentraum; mehr nicht. Jim scheiterte schlicht am Unvermögen, dem Leben ein festes Ziel und den begleitenden Stunden einen verlässlichen Verlauf zu ermöglichen. Den exzessiven Besäufnissen zu entsagen  misslang ihm so ausdauern, wie der Versuch scheiterte, mit irgendetwas wirklich ernst machen zu können. Als die Auftritte ausblieben, bot sich ein breites Feld an Möglichkeiten, doch lebte er jetzt, da Zeit im Überfluss vorhanden war, ungleich zielloser in den Tag hinein. Und ließ sich völlig gehen. Kann und mag einer in solchen Zuständen noch so viel lesen, wie Paul Rothchild uns Glauben machte? Wenn Jim alkoholisiert im Aufnahmestudio erschien, konnte man es, so der Produzent, mit der Gesangsspur gleich wieder vergessen. Bei ihm fragte man sich immer, so Rothchild, ob er als Jekyll oder Hyde in Erscheinung träte. So ein ´Doppelleben´ blieb vor allem den zwischenmenschlichen Beziehungen abträglich, deren Belastbarkeit Jim allzu oft bis an die Grenzen des Erträglichen strapazierte.

We want the world and we want it – now!

Und was kommt dann? Jims Selbstverständnis litt unter dieser Frage, die er sich und andern nicht beantworten konnte. So blieb in lauter Anläufen stecken, was als Anfang einen Ausweg aus seinem Dilemma geboten hätte. Am Ende eines immer sang, – und klangloser dahinsiechenden Lebens mag die ersehnte Befreiung immerhin in Momenten reiner Erkenntnis, ohne gedankliche Verwirrung, Wirklichkeit geworden sein. Doch blieb ihnen keine Dauer beschieden. In Paris mögen sich Zustände solcher oder ähnlicher Art eingestellt haben, die weiteren Ausführungen lassen das ziemlich vermuten. Doch war damit nichts mehr zu gewinnen. Deuteten zunehmender Kräfteverfall und schleichende Anämie darauf hin, dass Morrison sich immer weiter verlor, so mag am Ende doch wenigstens eine Art kosmischer Alleinheit, im losen Zusammenwirken ihrer Fragmente, Tod und Verklärung bewirkt haben. In Zuständen äußerster körperlicher Versehrtheit, die auch den Schmerz tilgen, stellt sich eine fast unwirkliche Leichtigkeit ein, die schon den Rubikon markiert, den man damit streift. Hier versagen im Grunde alle weiteren Worte. Je mehr der Körper verfalle, so Jim in einer seiner letzten Schriften, umso mächtiger werde der Geist. Der aber waltet im Innern, dem magischen Zentrum, das dieser Mensch ein Leben lang eifersüchtig gegen zu viel Neugier schirmte. Freilich hält auch dieser Geist nicht ungestraft Hof, denn das Leben geht inzwischen weiter: so ordinär wie unbedarft, unverschämt unbekümmert gegen alles ´nur´ Erhabene, Außergewöhnliche oder Unerhörte. Es schert sich nicht um höhere Instanzen, deren Potenzen allenfalls abgriffen und abgerichtet, sagen wir: gefügig gemacht werden. Viel von Jims Unmut und Groll, von seinen Launen und Allüren kommt daher. Er spürte die Vergeblichkeit, den Widerspruch – das Scheitern.

To have just been born for beauty and see sadness, what is this frail sickness?

So blieb er im bereits ermittelten Sinne vorsichtig und unendlich schüchtern im Umgang. Wie skrupulös er tatsächlich war zeigt sich in einem bis zur Neige tapfer durchgehaltenen Skeptizismus, der den reichlich überkandidelten Modererscheinungen alternativ-esoterischer Erbauung, die mit der Jugendbewegung der späten Sechziger mächtig Einzug hielten, durchweg mit Verachtung begegnete. Während eines Konzertes raunzte er einmal, deutlich gereizt und hörbar sturztrunken, dem Publikum entgegen, das er Astrologie für Bullshit halte. Von den höheren Sphären paranormaler Erscheinungen war der existentialistisch orientierte Morrison so weit entfernt, wie er, in Phasen tiefer Paralyse, womöglich noch am ehesten deren Säume flattern sah.

Gedanke: um einen Menschen zu verstehen, in dessen Innern sich alle möglichen Extreme infolge polytoxer Hirnstrapaze bis an den Rand des Erträglichen steigern und verbrauchen, benötigte man Kenntnisse, die unser Held seinerseits in jungen Jahren bildungstechnisch weniger bewältigte, mehr gierig in sich aufgenommen hatte. Da käme einiges zusammen: Psychologie und Anthropologie, Historie und Soziologie, Biologie und Medizin, Philosophie und Pädagogik – Jim hatte das meiste davon ´drauf´. So verfuhr er auch mit den Drogen. Die Kumulationen kulminierten in seinem Innern bis zum platzen. Er sah sich genötigt, wie wir sahen, ein überreiches Bluterbe zu verwalten und irgendwie zu verarbeiten, und vielleicht muss deutlicher gefragt werden: wer oder was er gerade nicht war. Nietzsche selbst bat seinerzeit nahezu verzweifelt um Verständnis: Verwechselt mich nicht! Jim grenzte sich deutlich von den anderen ab, entwand sich jeder allzu aufdringlichen Nähe, den Pflichten des Lebens und ihren Einschränkungen, wie er dem Alltäglichen überhaupt auswich, indem er einen verhängnisvoll verlorenen Posten bezog und behauptete: einer gegen alle, was seinen Niedergang nur beschleunigte.

So zu leben, wie er es tat, widersprach ganz entschieden einerseits dem analog-organischen, stammesgeschichtlich begründeten Verlauf oder Vollzug eines Menschenlebens, andererseits auch dem Selbstverständnis einer technisch-rationalen, auf Zweckmäßigkeit reduzierten Moderne, die heute in digitaler Verrechnung das Machbare auf die Spitze treibt und jede Vision sofort mangels digitaler Verrechnung im Keim erstickt und damit an der reinen Oberfläche oszilliert. Jim neigte zur Tiefe, und strebte nach Höherem. Er konnte sich, seinen Manen getreu, gar nicht den je vorgegebenen, immerzu banalen Ordnungen und Maßgaben fügen, die das Geschäft ihm und den andern abverlangte. Dennoch mag er, auf den ihm eigenen Umwegen, Rudimente einer Weisheit erlangt haben, die für kostbare Momente beruhigt und erlöst, verklärt und versöhnt. So haben Rausch und Ekstase das angehäufte Bildungserbe weniger überlagert, mehr in Schüben entkräftet oder entbunden; abgetragen sozusagen, wie einen Berg: und als Schutt in alle Winde zerstreut. Sein Intellekt verlor sich im Nirgendwo, was im Song Universal mind auf sehr eindringliche Weise transparent wird; ein im Grunde endlos trauriges Lied, das von der grenzenlosen Einsamkeit spricht, die ihn umgab.

A sort of gloomy feeling, like of someone not quit at home, not quit relaxed

Wie anders auch? Er war ja pausenlos zugedröhnt, dicht bis obenhin. Und sehnte sich, mehr denn je, von Mal zu Mal inniger: nach schlichter Ursprünglichkeit. Nach einem ´Etwas´ also, das den Sinnen schmeichelt, statt sie zu strapazieren, indem es freundlich betört und wie von selbst erlöst: als Gefühl oder reine Geistesgegenwart.

The coming of spring…feeling of being totally at home…

Offenbar verstärkten die Drogen, im Übermaß konsumiert, eine verhängnisvolle innere Verfinsterung, die der Alkohol in trübe Schemen hüllte. Dann erscheint die Welt als Schattenriss, als Hölle, ganz im Sinne Schopenhauers. Das aber haben die Drogen-affinen Dichter und Denker, Epiker und Autoren zu allen Zeiten gewusst, schmerzlich an sich selbst erfahren. Der Dichter Georg Trakl, ein früher Angehöriger des ´Club 27´, formulierte es so:“ Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.“

Some are born to sweet delight, some are born to the endless night…

In diesem Zusammenhang lohnt zu fragen, wie sich die Entregelung aller Sinne ganz konkret auf den Intellekt, auf Wille und Charakter eines ungewöhnlichen Menschen auswirkt. Das kann so wenig im Einzelnen entschieden wie im Ganzen verstanden werden. Es mag eine Rolle spielen, ob Jim sein Zeug wahllos oder mit gewisser Berechnung einwarf, ob er die Dosen nach Bedarf oder Deckung steigerte oder einfach das, was da war, umgehend konsumierte. Letzteres verkündet die Fama. Grace Slick und Paul Kantner bestätigten es. Aber das können auch Ausnahmen gewesen sein. Jim hat nie Buch geführt. Die näheren Umstände spielen gewiss eine Rolle. Gönnte er sich ruhige Phasen oder nahm, mit den Tourneen, der spielerische, waghalsige Gebrauch verbotener Substanzen eher zu? Bastelte er an seiner Legende, indem er absichtlich falsche Fährten legte? Was der hemmungslose Konsum unterschiedlichster Rauschmittel wirklich aus ihm machte, darüber kann ewig nur spekuliert werden. Hat er das selbst reflektiert oder irgendwann aufgehört, darüber nachzudenken? Hier mag das Wort Thomas Manns gelten, der als Kennzeichen echten Genies die Sehnsucht nach Einfachheit auch und gerade an sich selbst erkannte. Sie lebt vom Gegensatz, dem Überschwang – der titanenhaften Anstrengung. Am Ende seines Lebens hat Jim sich ganz ähnlich geäußert: müsse er das alles noch mal durchmachen, er würde lieber in Ruhe seinen Garten bestellen. Von irgendeiner geistigen oder künstlerischen Tätigkeit war nicht länger die Rede. Hier sprach ein Mensch, der sich ganz entschieden darüber im Klaren war, sein Konto überzogen, das Erbteil verspielt und jeden Rest an sinnvoller Betätigung verwirkt zu haben. Eben darauf hatte er es früh angelegt. Der messerscharfe Intellekt, über den er verfügte, stand ihm im Wege, seiner Vorstellung von Freiheit vor allem, weshalb ihm die Drogen gnadenlos den Rest gaben. Auch wenn Morrison auf der Zielgeraden seines Lebens nach letzten Auswegen Ausschau hielt: er akzeptierte grundsätzlich, was geschehen war. Kein Wort der Klage kam ihm je über die sanften Lippen. Verwirrung und Schmerz, überhaupt die tief empfundene Divergenz zu einem Sein, das nicht den eigenen Bedürfnissen entsprach: all dies betäubte der Alkohol.

Die Last der Öffentlichkeit wurde dem einsamen Säufer zuletzt unerträglich. Jener Schmach, die er sich mit Miami eingehandelt hatte, war kaum beizukommen. Am Ende reduzierte sich alles auf schnöde Schadensbekämpfung. Immerhin: ließ sich der Gelegenheit unnötiger Ballast loswerden, wie denn der Druck zunehmend von selbst nachließ. Indem Jim von sich abtat, was ihm lästig wurde, ´erleichterte´ er sich um letzte Restbestände. Versprach das allein schon Erlösung oder Erleuchtung? Die unerhörte Leichtigkeit des Seins war so billig wohl kaum zu bekommen. Und doch: der späte Jim, als Versehrter, sichtlich ausgepowerter Mensch, wirkte seltsam gelöst und schien, bei aller Verlorenheit, entspannt aufzuseufzen. Weil er endlich angekommen war? Ob letzte Heimat oder letzte Ausflucht: der Endpunkt aller Sehnsüchte, die sich durch nichts im Leben je ganz befriedigen lassen, blieb in seinem Fall vage und vieldeutig.  

In einigen Balladen wurde das Verlangen nach Einkehr und Eintracht, nach Ruhe und Frieden sehr spürbar (Blue Sunday, Love Street, Hyacinth House, dämonisch und visionär gesteigert in Riders on the Storm). Sein Leben, soll er Pamela Courson einmal anvertraut haben, werde mit einer Katastrophe enden, die es so gut wie möglich zu planen gelte. So eben mag auch ein Soldat den Einsätzen im Krieg begegnen: im ewigen Kampf um Leben und Tod muss er sich auf das Schlimmste gefasst machen und gleichzeitig alle Zügel fest in der Hand behalten. Bis zuletzt. Das gilt auch und gerade für einen, der ständig los lies, dabei aber immer Herr seiner Visionen zu bleiben gedachte. Morrison ermächtigte sich einer Freiheit, über die nur er gebot, sonst niemand.

Each color connects to create the boat which rocks the race – could any hell be more horrible than now and real?

Jim wollte nach eigener Aussage nichts als Dichter sein, um alle Erfahrungen zu machen. Im Grunde träumte er Nietzsches Übermenschen auf der Überholspur. Kannte er, jenseits der Neugier, die ihn ritt, ein wirklich festes Ziel? Das aber hätte seinem Credo widersprochen, denn den Grundfesten der Realität, die nicht im Bodenlosen wurzeln, schwor er früh ab. Zwei Seelen pochten auch in seiner Brust. So sehnte er sich unbewusst schon lange vor dem Fall nach einer Reinheit, die erst als eine Art geistig-seelischer Ruinenlandschaft aus dem langsam verrauchenden Chaos seines Innenlebens deutlicher hervortrat. Seinem Katechismus entsprach nicht die Unterwerfung unter irgendeinen abstrakten Glauben, mehr die dauernde Herausforderung sämtlicher Glaubensgehalte, auf jede Gefahr hin. Im Grunde stellte er die Machtfrage: an ein Leben, das sich innerhalb bestimmter Grenzen genügte. Er habe einfach, so meinte Jim schon 1969, die Grenzen der Realität getestet. Eben: aus Neugier. Man muss aber ziemlich besessen sein, es so getan zu haben wie er es tat. Denn er ging gründlich zu Werke. Und forderte niemanden auf, ihm zu folgen. Auch das erinnert an den alten Nietzsche, der in gewaltiger geistiger Anstrengung um höchste Ausdrucksformen eines unerhört gesteigerten Lebens rang, bis in die eigene Umnachtung hinein.“Er suchte Tiefen aus,“ so Egon Friedell,“ die ihn verschlingen, und mit dem Bewußtsein, dass sie ihn verschlingen werden. Er ist eine Warnung: hier ist´s tief! Aus jedem seiner Worte spricht die ergreifende Mahnung: folgt mir nicht nach!“

Jaggers You can´t always get what you want setzte Jim sein zunehmend besoffeneres we want the world and we want it entgegen. Some are born to the endless night – das war und blieb sein Fluch, dem eigenen Wahn geschuldet. Wenn man so will: ein selbst(herrlich) bestimmtes, restlos durchlebtes, weil bis zur Neige ausgekostetes, also auch gründlich verdientes Schicksal. Er mutete seinem Hirn und seinem Körper, und mehr noch der Seele allzu viel auf einmal zu, und ging das Risiko mit Vorsatz ein. Er packte in ein Leben, was nur gerade eben rein passte. Und wusste um die Risiken und ihre letzte Konsequenz. Angesprochen darauf, warum er bei jedem x-beliebigen Auftritt immer bis zum Äußersten ging, äußerte Jim lapidar:“ You never know when you are giving your last performance.“ Also ist auch alles erlaubt, alles drin – alles und mehr möglich. Es findet sich viel von alledem in seinen Texten und Songs, überspitzt oder in symbolischer Verdichtung, in Andeutungen allenthalben, je nachdem.

Can you picture what will be, so limitless and free?

I am talking to you, my Self. Let´s recreate the world. The palace of conception is burning

The opening oft he trunkMoment of inner freedom, when the mind is opened & the infinite universe revealed & the soul is left to wander, dazed & confused searching, here and there for teachers and friends

Jims übrige Interessen, seine Neigungen und halbgaren Beschäftigungen spielten während der kurzen Achterbahnfahrt keine gewichtige Rolle mehr, nur noch beiläufig und am Rande fand das alte Bildungserbe bescheidene Beachtung. Bevor er den im Grunde romantischen Traum von totaler Entfesselung und Befreiung aus rationalen Bezügen in die analoge Tat umsetzte, mit viel Chemie dazu, ähnelte er, trotz aller Schrullen, die er kultivierte, dem Ideal jenes ´Bürgers´, den der achtbare Publizist Joachim Fest recht überzeugend skizziert hat (vgl. zahlreiche Stellen in dessen Essay ´Der Irrtum Hannos´, oder: ´Bürgerlichkeit als geistige Lebensform´). Es lohnt, diesen Umstand noch einmal aufzurollen um etwas deutlicher nach zu sehen, ob der um Freiheit Ringende, wie oben angedeutet, wirklich vollends loswerden konnte, was er sich als ´Bildungsbürger´ in den prägenden Jahren angeeignet hatte. Aus ihm selbst ist dann ja eine literarische Erscheinung geworden.

Jim las sich eine so umfassende, fast universell anmutende Geistes, – und Kulturgeschichte an, das selbst seine Dozenten und Professoren staunten. Ob das alles eher zusammengewürfelt oder tatsächlich glücklich vereint bzw. verdaut in ihm rumorte oder ruhte, kann auch an dieser Stelle nicht entschieden werden. Hier geht es eher um Wahrscheinlichkeiten, die fast auf der Hand liegen und von den Befunden der Kinderpsychologie längst bestätigt worden sind. Jim fing früh an zu lesen, und die jungen Jahre sind und bleiben nun einmal die prägendsten. Die Bibliothek der Großeltern mag eine frühe Zuflucht gewesen sein, das ´gotische Gewölbe´(Ernst Jünger), ein Hort der Stille und der Einkehr, der Selbstbesinnung und auch Selbstvergessenheit, fern des Getriebes und seiner lärmenden Geschäftigkeit.

Did you know feedom exists in a scholl book? Do you know we are ruled by TV?

Lange vor dem Aufbruch ins Unbekannte hatte der kleine Jim in den Bücherregalen schon vielerlei unbekannte Welten in geduldiger Askese erkundet. Beharrlich durchmaß er die Wege und Bahnen überlieferter Bildungstradition, akribisch bis in entlegenste Bezirke hinein, so etwa im Blick auf den rätselhaften Hieronymus Bosch, den er einer seltenen Sekte zuordnete. Vor allen interessierten ihn Psychologen, Dichter, Maler, Musiker, Philosophen, Soziologen, Anthropologen; Menschenkundler so gut wie Menschenfänger. Sie waren und blieben, nach eigner Auskunft, seine Helden. Doch verharrte unser Held nicht im Theoretischen, sein Ehrgeiz ging weiter. Der ´Rimbaud Trip´, als praktisch-sinnliche Umsetzung tollkühner, schriftlich verbriefter Vorhaben, die als Überwältigungsphantasien vor keiner Grenze Halt machten, trieb ihn früh um. Dass er am Ende ins Leere lief und jene Ratlosigkeit zeitigte, die ihn schon 1968 ausbremste, spricht nachträglich nicht gegen ihn. Morrisons später Wunsch und Wille, wie ein pensionierter Bildungsbürger einfach da weitermachen zu können, wo er in der ersten Hälfte der Sechziger aufhörte, baute nur noch auf Sand, doch schloss sich mit dieser Vorstellung auch der Kreis zum Anfang. In einem Radio Interview mit Tony Thomas, im Mai 1970, beteuerte er:“…irgendwann einmal möchte ich etwas wirklich Bedeutendes schreiben. Etwas Sinnvolles zu schreiben, das ist mein Ehrgeiz.“ Das war geblieben, daran hielt er sich fest – darauf gründete sein ganzer Ehrgeiz.

Auch der im Delir parlierende Dionysos blieb also Bildungsbürger. Das war sozusagen die erworbene Montur, die er nie wieder ganz ablegen konnte. In diesem Zusammenhang war ihm vor allem an sprachlicher Brillanz gelegen: eine, die den Worten ihr Äußersten abgewann, auch und gerade im Theoretischen. Man hört das aus jedem noch so beiläufig geführten Gespräch mehr oder weniger deutlich heraus. Fast allen Äußerungen, zu denen er sich wiederwillig oder entgegen kommend bereitfand, eignet auch eine gewisse Genügsamkeit, die dem Menschen selbst nie gegeben war. Den Gesprächen merkte man keinerlei Eile oder Hast, Ungeduld und Ungestüm mehr an. Jenseits dieser Rituale mochte die Unrast dominieren; hier kam sie wunderlich zur Ruhe. Betont sachlich, nüchtern und im Ansatz grüblerisch, begegnet uns in den verblüffend druckreifen Ausführungen weniger der Beatfreak, mehr ein um ernste Analyse befleißigter Dozent: und immer auch der Sohn aus gutem Hause. Das hielt sich hartnäckig, und das hört man vor allem aus den späteren Interviews deutlich heraus. In den frühen wirkte noch die Euphorie des Aufbruchs nach, von der er sich poetisch beflügeln ließ. Mit zartem Schmelz in der weichen, fast kuschligen Stimme, klang er hier seltsam verhangen und verträumt, selig entrückt. Das galt nicht einzig für ihn. Auch der junge Jagger gab sich in der zweiten Hälfte der Sechziger versponnen, schweifend – schwafelnd fast. Und so deren etliche Exponenten mehr. Freilich: verlor sich dieser ´Spleen´ bald wieder; dezent und kaum merklich. Sehr viel prosaischer und verkopfter hörte sich auch Jim später an: nunmehr abgeklärt und betont intellektuell, den Hauch des Geheimnisvollen nur mehr beiläufig bemühend als noch inwendig atmend. Der alte Zauber hatte sich verflüchtigt und verbraucht, verausgabt und vollendet. Er, der allem Gewöhnlichen floh, fand so wieder zurück in die Normalität, auch wenn sie ihm dauerhaft nichts mehr zu geben hatte.

Jims Fluchtversuch wiederholt ein im Grunde altes Thema. Der angestammten Verhältnisse überdrüssig, hat es die Söhne der gehobenen Mittelklasse immer wieder aus der als abgelebt empfundenen Behaglichkeit bürgerlicher Lebensweise heraus getrieben, denn sie empfanden als fad und abgeschmackt, was den Alten recht und billig blieb. Der ´alte Soldat´ Ernst Jünger, um nur den an dieser Stelle zu erwähnen, betonte und bestätigte den Sachverhalt noch im hohen Alter mit einem altersweisen Lächeln. Er sei, befeuert durch anregende Lektüre, die ihm den Kopf verdrehte, immer wieder ausgebrochen – und dann durch die Wirklichkeit enttäuscht worden. Freilich entdeckte dieser Sprachbildner höchsten Ranges erst im weit fortgeschrittenen Alter ´Drogen und Rausch´ (so ein Buchtitel) für sich. Unter der Anleitung Albert Hoffmanns, der seinerzeit das LSD eher zufällig entdeckte, nahm er weitere psychoaktive Substanzen zu sich, deren Wirkungsweisen nachträglich nüchtern protokolliert wurden. Noch der in bürgerlicher Beschaulichkeit als Anarch residierende Greis eiferte so den Tagträumen des Jünglings hinterher. Bürgertum und Freigeisterei gehörten, auch bei Jim, unbedingt zusammen; sie bedingten einander in ganz eigener Verrechnung. Morrison zeigte sich somit, trotz aller Verrücktheiten, als würdigen Vertreter einer sich selbst stets wiedersprechenden und bestätigenden Kultur. Dieser Dualismus zieht sich ja in Wahrheit durch die ganze abendländische Geschichte. So trat auch unser Held das Erbe eines uralten Geschlechtes an, dessen Bildungskanon bis in die frühe Antike zurückreicht. Nietzsches ´Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik´ bestätigte in seinem Falle ganz real den entsprechenden Zusammenhang. Auch seine eigene Tragödie wäre ohne Venice, wo ihn der Geist des Melos nahezu überfallartig überkam, kaum vorstellbar oder wahrscheinlich.

In seinen jungen Jahren ging die Initialzündung von der Lektüre aus. Indem Jim gierig in sich aufsog und im Einzelnen schon ganz bewusst auf sich selbst bezog, was in reicher Sammlung bereits vorlag, erdete er sozusagen den geistig-seelischen Grund seiner Selbst. So durfte er schließlich die kühne Jungfernfahrt antreten, von der er freilich nie wieder in den alten Schoß zurück kehrte. Indem er das gestapelte Erbe im passenden Moment einfach über Bord warf und sehr im Sinne Rimbauds der Schöpfer seiner selbst wurde, bis zur Erschöpfung selbst, die ihn wieder auf die nackte Erde zurück drängte: bestätigte er nur den als Ballast empfundenen, beträchtlichen Bildungshintergrund. Seine größten Vorbilder blieben, neben den jungen Wilden der Beat Generation, die großen Visionäre, als da waren Nietzsche und Blake, vor allem Rimbaud. Die mystische Heiligsprechung seines Vorhabens rührt ganz entschieden von diesen Autoren. Auch der Hang zum Bizarren. Seine Lektüre war, jenseits der Klassiker, nicht selten ausgefallen, abwegig und ´speziell´ – dem Besonderen zugeneigt. Man könnte, in Analogie hierzu, viel aus Nietzsches Umwertung aller Werte zitieren, wo der Autor gegen Ende den Übermensch immer konkreter fasst: das sei einer, der schließlich die ganze Menschheit in sich trägt und endlich auch die ganze Natur damit bewegt. Das eben schließt auch die Absonderlichkeiten mit ein, den so ein Mensch ist es ganz entschieden selbst: seltsam im Wesen und selten im Blick auf die Masse, eine echte Ausnahme, die sämtliche Regeln bestätigt und in sich überwindet.

Noch passender wollen mir, in Anlehnung an das Zeitalter der Romantik, einige wenige Anmerkungen von Ricarda Huch scheinen. In ihrer feinsinnigen Betrachtung über diese geistesgeschichtlich so ungemein bedeutende Epoche, deren Strömungen das 19. Jahrhundert weniger bestimmten, mehr unterschwellig begleiteten und in den entsprechenden Kunstformen der gehobenen Schicht ein Wohlbehagen bereiteten, stellt die Chronistin heraus:“ Die Romantiker waren die Entdecker des Unbewußten, indiensuchende Träumer, die ihre Seele nach dem uralten Wunderlande aussandten… wie Kolumbus wußten sie nicht, was sie gefunden hatten. Denn nicht das entfernte Mittelalter oder irgendein wunderbares Traumland war es, sondern in ihnen selbst öffnete sich das unendliche Nachbarland ihres Geistes; die entgegen gesetzte Scheibe des beseelten Planeten, wie einer von ihnen die verhüllte Hälfte des mit sich selbst unbekannten Menschen nennt, hatte sich ihnen zugwendet.“ Friedrich Schlegel, der sich als Programmatiker der Bewegung vor allem um sprachliche Grundlagen verdient machte, wusste um die begleitenden Divergenzen:“…die leise Besonnenheit des Apollo und die göttliche Trunkenheit des Dionysos…“ Von daher kam auch Nietzsche, der dem Dualismus in seinem bereits erwähnten, ersten großen Werk nachging, dass Jim so sehr liebte. Nietzsche äußerte sich zeitlebens verächtlich über die Romantik, deren Gefühlsüberschwang ihn so sehr beseelte. Das war seine Art, nachträglichen Dank zu entrichten. Er verehrte Schopenhauer und Wagner, und dankte es denen schließlich, indem er ihnen die Gefolgschaft kündigte. Jim tat, wie wir sahen, ähnlich konsequent ab, was er als ´Renaissance des Geistes´ erlebt zu haben glaubte; als handele es sich auch hier um einen Rohrkrepierer, im Mindesten um ein Missverständnis, das auf Naivität´ beruhte, wie er sich ironisch ausdrückte.

Von Apoll getragen, von Dionysos emporgehoben: blieb Morrison beiden verpflichtet. Der wahnsüchtige, wirrwütende Schamane, als einer, der ´über den Verhältnissen´ tanzt, sinnenfroh und selbstvergessen: verriet doch nie sein stilles, stummes Pendant. Der Berserker stürzte sich in das pralle Leben, der Stubengelehrte hielt Abstand und blieb umsichtig. Auch die Väter und Mütter der Romantik waren, ganz wesentlich, solche ´Stubenhocker´. Die von ihnen ausgebrüteten Exzesse gründeten auf jener verborgen lauernden und umso gebieterischer im jähen Moment hervorsprudelnden, sogleich ausufernden Omnipotenz des Unbewussten, deren vorrausetzungslos einsetzende Gewalt keiner Rechtfertigung bedarf. Einer der wortmächtigsten Vertreter dieser Richtung, der Dichter Jean Paul, sprach vom Ich, das sein eigener Vater und Schöpfer sei. Hier wird der Ansatz Rimbauds sozusagen vom Kopf auf die Beine zurück gestellt. Für Rimbaud ist dieses ´Über-Ich´ ein Anderes, das vom ´Unter-Ich´ abgetan werden konnte. Für Jim war es beides zugleich und nichts außerdem. Hier war er stark von Freud eingenommen, wie wir unten weiter sehen werden.

I´m talking to you, my self. Let´s recreate the world. The palace of conception is burning

Die Kunst der Romantik kam ihrerseits nicht ohne Kunstgriff aus. Sie schöpfte aus dem Nichts und drohte jederzeit in dieses Nichts zurück zu stürzen. Ein dauerndes Gefahrenmoment, das Morrison intuitiv erfasste. Er lebte danach. Und hänselte den stets ängstlich und umsichtig agierenden Mitstreiter Densmore mit der Frage, ob dieser je die Bereitschaft verspürt habe, in besagtes Nichts – als einen Abgrund – zu schauen. Apoll weiß dieses Nichts zu bannen. Er vernichtet nicht; er baut. Und stets auf verlässlichem Fundament. Robby, John und Ray waren insofern Jims Zimmerer. Dionysos feierte, trunken taumelnd, auf schwankendem, unsicherem Grund. So einen musste man irgendwie auffangen, immer wieder. Tatsächlich hat keiner derer, die bis an die eigenen Grenzen gingen, der Tugend des Apoll je ganz abgeschworen, wie denn im Furor der Verzückung noch die letzte, halbwegs gültige Form bewahrt blieb, weil sonst ganz banal gesprochen gar nichts bliebe. Auch das Nichts ist kaum ohne Einbußen, ohne Kredit oder Hypothek zu haben. Die glückliche Verrechnung baut auf Formeln, die keiner kennt. Jene vielzitierte Chemie, die rechte Verbindung: bleibt besser unbekannt. Sie höbe auch sogleich ihre eigene Wirkung auf, ließe sie sich irgendwie ´machen´. Keith Richards meinte lapidar, dass er sie in Flaschen abfüllen und verscherbeln würde, käme er je dahinter, was sich hinter ihrem Geheimnis verberge.

Jim hat den Vorrat an Geheimnissen, die er im Innern barg, zeitlebens sorgsam gehütet und mit ins Grab genommen. Im letzten konnte er sie so wenig begreifen wie nur irgendwer. Aber er spielte mit ihnen, er forderte sie heraus. Vermutlich ist er dem Numinosen solcherart ziemlich nahe gekommen, zum Schaden seiner selbst, wogegen nicht allzu viel zu sagen wäre. Die schon bemühte chronologische Folge eignet sich abschließend noch einmal ganz gut, das mutwillig gereizte Innenleben dieses ´Agent Provokateur´ der Unvernunft noch einmal aufs Geratewohl in einen ordnenden Zusammenhang zu überführen.

Im Grunde begann alles mit der Flasche, und endete auch mit ihr. Hatte Morrison vor dem Wiedersehen mit Manzarek hauptsächlich Bekanntschaft mit der Droge Alkohol gemacht, startete er um 1965 voll mit Halluzinogenen durch. In dieser ´chilligen´ Phase, die ohne irgendwelche Verpflichtungen oder feste Bindungen auskam, ließ er sich vollends treiben, einfach so gehen. LSD wurde zur täglichen Kür. Mit den ersten Proben und gelegentlichen, bald festen Auftritten in kleinen, oft halbleeren Clubs, wurde gleichzeitig das Leben immer schneller, dichter, intensiver. Im Jahr des Durchbruchs sattelte Jim dann schon wieder auf den Alkohol um. Der jetzt, wo sich die Dinge überschlugen, gleichsam befeuerte und beruhigte, beflügelte und besänftigte. Alles in allem hatten die Doors aber noch Anfang 1967, trotz des jähen Aufmerkens, eine relativ ruhige, ja fast beschauliche Zeit. Sie traten nicht durchgehend auf, meist an den Wochenenden, dann aber gleich mehrmals pro Tag und bis in die Nacht hinein. Jims ohnehin eher bemühte Disziplin versandete zusehends. Er ließ Proben sausen und war dann kaum noch auffindbar. Ein merkliches Indiz dafür, dass er dem ´Betrieb´ bereits den Rücken kehrte.

Während der Auftritte war er, häufiger als später, wie weggetreten. Die ersten Kraftreserven brauchten sich bereits auf. Was ehedem noch unglaublich befeuernd gewirkt hatte und aus der Energie des Anfangs schöpfte, wurde zunehmend zur ständigen Belastung, weil es den Recken nur mehr zu richten schien und oft ganz niederstreckte. Mitunter ´nützte´ das noch der Show, oft genug schadet es aber. Immer gebieterischer machte sich das Business bemerkbar: PR-Aktionen, meist in Form von Foto-Terminen, zwangen ihn auch weiterhin dazu, den jungen Gott zu mimen. Immer mehr Leute umwuselten den Sänger und ´seine´ Band, er allein bekam auch die ganzen Weiber ab. Im Grunde interessierte nur er, als Blickfang. Die Band blieb Staffage, bloße Begleitung – eine Art stiller Reserve. Er stand im Vordergrund. Wie bei dem berühmt berüchtigten Auftritt in der Ed Sullivan Show. Gleich zu Beginn setzte er sich von den andern ab und trat nach ganz vorne, wo er stehen blieb. Die andern spielten im Hintergrund.

Der kreativen Explosion folgte die kommerzielle. Für Robby, Ray und John ergab sich reiche Ernte; eine, die nun endlich eingefahren werden konnte. Arbeit ohne Ende also. Doch passte die Vielfachbelastung einer ruhmreichen Karriere nicht mehr in Jims eigenes Konzept. Wo andere sich die Finger rieben, befielen ihn schon erste Zweifel. Hatte er zunächst, nicht ungeschickt, mit den Trümpfen des Erfolgs gespielt, die der Band förmlich aus den langen Ärmeln fielen, tat er bald alles, sämtliche Asse zu verspielen. Man wird den Eindruck nicht los, dass er es fortan darauf anlegte, das ganze Kartenhaus zum Einfall zu bringen. Mit der ihm fremden Professionalität, die er weder verinnerlichen konnte noch wollte, spielte er nicht minder fahrlässig. Gierte er jetzt noch nach Ruhm und Anerkennung? War ihm nun peinlich, im Rampenlicht zu stehen? Er forderte die entsprechenden Instanzen heraus, und irgendwie katapultierte ihn das erst recht in den Fokus, der ihm nun immer lästiger wurde. Populär zu sein war keine Droge mehr, das törnte ihn nur weiter ab. Was anderen, die gleich ihm um Aufmerksamkeit und Anerkennung buhlten, trotz aller Belastung Auftrieb verlieh: widerte ihn bloß noch an. Das war nicht, was er wollte; und hielt nicht, was es versprach. Jim machte keinen Hehl aus seiner Verachtung. Sie stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Auftritte, Proben und Aufnahmetermine, eine zunehmend aufdringlichere Öffentlichkeit, dazu der Druck, ständig im erwarteten Sinne zu funktionieren, und zwar bis zum Anschlag: machte 1968 zum erfolgreichsten Jahr für die Band. Jim hatte sich davon zunächst mitreißen lassen und riss die anderen bereits mit sich fort. Er kultivierte allerlei Extravaganzen und blieb nun endgültig auf der Überholspur. Doch war vom alten Überschwang aus Venice Tagen nicht mehr allzu viel übrig geblieben. Die Träume waren zerplatzt. Sie wichen dem großen Geschäft, mit allem, was dazu gehörte: den Stadien und immer größeren Hallen, TV-Präsenzen und endlos langen Aufnahmesessions, auch den Gelagen, nächtelang. Jims Art, in die vollen zu gehen, war unter diesen Umständen reiner Selbstmord. Nicht länger beseelt, nur irrsinnig befeuert, brauchte er das Feuer nun endgültig in sich auf, die Kerze brannte rekordverdächtig schnell an ihren Enden ab. Jim absolvierte immer öfter lauter kleinere und größere Kamikaze Einsätze. Auch und gerade während der Europatournee, wovon die Anekdoten der Grace Slick zu Genüge zeugen.

Er entschied sich nun endgültig für das Nervengift Alkohol. Der Druck ließ sich so besser ertragen. Ertränken vielmehr. Die Desillusionierung zollte ihren Tribut. Ob Morrison gegen Ende des Jahres 68 noch so tollkühn durchs Leben raste wie in den Monaten zuvor? Tatsächlich zeigten sich erste Ermüdungserscheinungen, das heißt: die Entwicklung hatte ihn endgültig überrollt. Wenn er sich ehedem gehen ließ, dann doch, um Räume weiten zu können, um zum Unerhörten vorzustoßen – zum Unbekannten eben. Jetzt war das Unterfangen in einen existentialistischen Exzess ausgeartet, zur nihilistischen Orgie heruntergekommen. Das macht einen ganz wesentlichen Unterschied aus. Es ist, als bewahrheitete sich in dieser Phase seines Lebens ein wenig die Gewissheit von einem Sein, das nicht länger vom Bewusstsein, nur noch von reiner Materie, von niederen Instinkten bestimmt wurde. Er hatte es nicht mehr in der Hand, nicht länger im Griff. Zu Beginn freilich, am Strand von Venice, war es sein Bewusstsein gewesen, das die Verhältnisse zum tanzen brachte, und wenn es auch der fremden Substanzen bedurfte, dies zu vermögen, und einer Band, die passend mitzog: der Zauber ging von ihm aus, und von niemandem sonst.

Davon konnte anno 68 nur noch mit Einschränkungen die Rede sein. Er stand im Mittelpunkt wie nie; aber als zunehmend besoffene Marionette, die an fremden Fäden baumelte. Jim tat jetzt alles, um in letzten Resten auszureizen, was überhaupt noch drin war. Im Grunde hatte er die Nase voll. Und wusste nicht wirklich, wie es weitergehen solle. Jeder Ansatz, jeder Versuch scheiterte am Unvermögen, wenigsten ein paar Tage ´clean´ zu bleiben. Künstlerisch hatte dieser Trunkenbold nichts mehr zu geben. Das unterschied ihn von Bukowski oder Hemingway. Ob ihm die kurze Zeit des Ruhms am Ende wie eine halbgare Erinnerung vorkam, die sich vom Zwielicht löste und bereits in ein verlässliches Dunkel herabsank? Womöglich auch als eine allzu überstürzte, vor allem heillos überfrachtete und schlechthin verlorene Zeit, die schon zu Ende ging als sie gerade erst begann. Ich vermute, sie beraubte ihn seines Eigentlichen, Wesentlichen. Ein ruhiger, träumerischer Geist, wie aus der Flaschenpost, die über Meere wandert: gerann zu einem fiesen Klumpen. Nun warf ihn aus der viel zu weiten Umlaufbahn, was ehedem für Zunder sorgte. So gesehen war 68, trotz aller Triumphe, sein vertanes, weggeworfenes Jahr. Die Penetranz andauernden Jubels, der fortlaufende Stress, in den der Betrunkene immer häufiger geriet, wahllose Sexgeschichten und die Kunst oberflächlicher Zerstreuung: zehrten ihn innerlich auf. Er wurde reizbar, gewalttätig und ungenießbar.

Ein Jahr später bauten Körper, Geist und Seele mächtig ab. Dazu passt, dass nach Miami nur noch selten Konzerte stattfinden konnten. Es folgte eine Art Zersetzungsprozess, über den die letzten drei Alben ein wenig hinwegtäuschen. Wollte man das ganze irgendwie gegeneinander gewichten, so ließe sich vielleicht sagen, das Initiation und Erwachen intensiver und kürzer ausfielen als der kurzer Siegeszug es sein konnte, bevor ein träger Abstieg alles besiegelte. Tatsächlich erwachte Jim anno 65 aus einer seltsam trächtigen Versunkenheit, und blieb es auch auf divergierende Art und Weise für kurze Zeit: herrlich in sich versunken. Seine Visionen lernten laufen, während ihr Schöpfer sich schon dabei verlief und verloren ging. Im Jahr des Ruhm verrannte und verbrannte er sich, angetrieben von den Stabraketen des Ruhms, die freilich auch wie echte Silvesterknaller nach dem Knall zerplatzen und in Resten zur Erde herab rieseln, in dem sie sich zerstreuen und auch ihren Glanz dabei einbüßen. Auf dem Gipfel des Erfolges meuchelte die Höhenluft den zarten, doch unsäglich überspannten und am Ende überreizten Traum. Und führte zur Schwindsucht. Künstlerisch die meiste Zeit eher untätig und uninspiriert, büßte Jim dort oben jede überhaupt verbliebene Schaffenskraft ein. Nichts zündete noch. Das wahllose ´Doping´ leerte die Trommel. Sein Hirn, in jungen Jahren vollgestopft mit Bildung und den abenteuerlichsten Vorstellungen, hatten Alkohol und Drogen mürbe gemacht: gefügig den Reizen einer Müdigkeit, die ihn mehr und mehr streckte. Der Körper, einst rank und schlank vom Schwimmen und der LSD-bedingten Fastenkur, ging nun breit auseinander und vor die Hunde. Er war zu intelligent, um nicht am Ende begriffen zu haben, das ein Übermaß auch äußerer Eindrücke, ständige Anstrengungen ohne Ruhephasen, vordergründiger Rummel und Radau endgültig ruinierten, was noch irgendwie in ihm steckte. Da war nichts Tiefes oder Bleibendes, nichts Dauerhaftes oder Kostbares mehr übrig geblieben. In einem Milieu, das heute global ausgreift und keinen Winkel der Erde außer Acht lässt, war nicht mehr möglich, in seinem Sinne aus dem Vollen zu schöpfen. Jim warf sich und sein Leben in dieser Phase desselben einfach weg. Schon damals war das Showgeschäft ganz wesentlich Oberfläche, die jenseits ihrer Gewalt nur mehr Zerstreuung ermöglichte. Jim ging auch hier aufs Ganze. Es bleibt insgesamt ein Rätsel, wie solche Menschen Traum und Realität, Verwirrung und Verpflichtung irgendwie in Einklang bringen können; wie sie die Grundlagen innerer Prozesse, auf denen ihre Kunst nun einmal angewiesen bleibt, dem äußeren Prozedere angleichen. Jim schaffte das nicht. Er hatte zu viel zu geben und nichts mehr zu verlieren.

Galt eben für die ganze Szene selbst. Eine damals kurz und kräftig, üppig und verwegen aufblühende Gegenkultur konnte sich nur kurzfristig gegen rigide Normen abgestandener Verhältnisse behaupten, die in immer neuen Inkarnationen über Freiheit und Phantasie geboten. Der Untergrund trivialisierte schon in Ansätzen selbst – wie Jim und die Doors es dann taten. Er übertraf die ihn tragenden Strukturen und verstrickte sich gleichzeitig in den Spinnennetzen wirrer Geschäftigkeit. Anfangs ganz im Kokon seiner Phantasie befangen, befreite Jim sich als Schmetterling, der zur schillernden Eintagsfliege mutierte. All das war ihm bewusst, schmerzlich bewusst.

Being drunk is a good disguise

Das meiste von dem, was ihn in diesen Jahren ausmachte, verlor sich bereits im Ungesonderten, in den Irrgärten einer Existenz, die Grenzen sprengte und dabei selbst in Einzelteile zerfiel: eine gebrochene, in sich verlorene Existenz.

I am a death bird, naughty night bird

VI.

Du bist traurig über Byron, aber ich bin sehr froh

über seinen Tod, der ein erhabenes Thema für die

Dichtung ist. Byrons Genie verblasste mit seiner Jugend…

Er erreichte plötzlich das Stadium der Reife und Männlichkeit,

sang sein Lied und verstummte und kehrte nicht mehr zu seinen

ersten Tönen zurück…

Puschkin

Apoll und Dionysos begegnen einander im Werk des Popstars, der als Dichter gelten wollte. Mitunter schwer auseinander zu halten, scheinen sie kaum Berührungsängste gehabt zu haben. Was in den stärksten Momenten gegenseitiger Durchdringung besticht, verpuffte kläglich in den schwächsten. Jim blieb ein Spieler, und als solcher leidenschaftlicher Amateur. Einmal zu Ruhm gelangt trat er, anfangs noch zögerlich, dann immer entschlossener und am Ende umso tragischer als Vollstrecker eines Ideals in Erscheinung, das am eigenen Verfall Maß nahm. Die aufgesetzte, meist Bierernste Gebärde bestätigte den hohen Anspruch und blieb bis zuletzt sein Markenzeichen. Passend zum Gesamtkunstwerk, dem Überlebensgroßen. Es dauerte nicht lange, bis die Fassade erste Sprünge bekam und zu bröckeln begann, doch tat er nichts, den Anschein irgendwie zu wahren.  Erschien er auf den anfänglichen Promo-Photos wie eine unnahbare, steinerne Sphinx, verwandelte sich das Idol zunehmend in eine Karikatur. Der Erfolg zehrte an den Nerven, die ihm immer öfter durchgingen. Verdruss und Verzweiflung waren ihm deutlich anzusehen. Sie machten einen Menschen aus dem Halbgott. Übrig blieb ein armer Kerl, der sich nicht länger als Eidechsenkönig aufspielte. Die stolze Gebärde litt zusehends, deutlich vor allem in der Performance, wo sich der Verschleiß umgehend bemerkbar machte.

Morrison suchte, fand und verlor den Kontakt zum Publikum. Kehrte er diesem anfangs noch scheu den Rücken zu, bot er ihm später seinen eigenen Schwanz zur Ansicht. Ob er´s wirklich tat oder nicht bleibt recht eigentlich nebensächlich, denn auch das war nur eines der Spielchen, mit denen er Hofstaat und Publikum, Freund und Feind, Fremde und ihm halbwegs nahe stehende Personen bei Laune hielt. Eher kleinlaut und verstohlen zu Beginn, verloren sich Jims Ängste unter dem permanenten Einfluss unterschiedlicher Stimulanzien. Eine Suffgrölende Darbietung wie in Miami wäre in den frühen Tagen kaum vorstellbar gewesen, wiewohl die Premiere seiner ödipalen Verkündigung im Whiskey, dem das Stück The End den tiefenpsychologischen Schliff verdankt, schon in diese Richtung zielte. Freilich: ohne Alkohol im Blut, dafür mit LSD im Hirn. Seinerzeit eher wortkarg und verschlossen, grunzte er sich in Miami schließlich um Kopf und Kragen. Privates und Öffentliches, Gedachtes oder Gefühltes, das Gewollte so gut wie das Verheimlichte: wuchs ihm da zur Monstranz aus – und über den eigenen, ständig irrlichternden Kopf hinweg. Im Grunde erfüllte sich in den nicht länger kalkulierten, bald immer öfter aus dem Ruder laufenden Entgleisungen der trügerische Traum des abgöttisch verehrten William Blake, welcher meinte, dass nur der Weg der Maßlosigkeit in den Palast der Weisheit führe. Er drängte unseren Helden gleichzeitig in die Gosse, ins völlige Abseits – in die eigene Isolation. Auch künstlerisch verrannte er sich in lauter halbgare Anfänge hinein, die keinerlei Erleuchtung versprachen, nach der sich der Geschasste verzehrte. Jim verlor den Spaß an einer Sache, die immer ernster wurde. Er verlor auch den Überblick, wie denn die Unsicherheit des Beginns wieder von ihm Besitz ergriff, während letzte Reste kreativen Ausdrucksvermögens schwanden.

Am beharrlichsten hielt sich, ob seiner seltsam wachschlafenden Erscheinung, die Bühnenpräsenz, deren Auflösungserscheinungen das Experiment zu bestätigen schienen. Ihm fiel nun nichts mehr ein, nicht auf dem Papier und nicht auf der Bühne. Nach dem Eklat von Miami folgten nur mehr wenige, eher langweilige Darbietungen. Freilich: auf einen solch kläglichen Abgang deutete schon ehedem mancherlei und mehr hin. Morrison, eher beiläufig in den schrillen Popzirkus gestolpert, war und blieb zeitlebens mehr ein Ereignis, eine Wucht; ein sorgfältig und geduldig arbeitender, sagen wir: ernsthafter Künstler war er im Grunde nie. Der wollte er aber sein oder wenigstens werden. Es wurde nichts draus. Das Publikum war auf Knalleffekte und schräges Theater aus. In der Rolle des angesoffenen Lyrikers brillierte bald ein nicht minder abgewrackter Charles Bukowski die Szene, dem Jim vielleicht als Konkurrent begegnet wäre, wer weiß.

Abgesehen davon also, dass die recht unerwartet in Gang gekommen Produktion früh stockte, noch etwas nachstotterte und endlich ganz versiegte, stand dem Künstler später ganz wesentlich das eigene Image im Wege. Von der mit viel Sorgfalt und Berechnung geschaffenen, überlebensgroßen Gestalt, der Ikone, die keine kleinste Sorgenfalte duldet: wurden sämtliche Ambitionen in den Schatten gestellt. Paradoxerweise bestätigte und beglaubigte die rasch in sich zusammenfallende äußere Erscheinung den allzu hehr gesteckten Anspruch, als König der Eidechsen alles zu können, und erst durch sie wurde er, der dem Anspruch nie genügen konnte, zur Legende. Entlang des Verfalls vollzog sich die Dämonie eines Schicksals, das den Helden, wie erwartet, zugrunde richtete. So dünn die Substanz blieb, hinter der sich ein großes, am Ende vergebliches Talent verbarg: es hinterließ auch deutliche Spuren, die von der Zeit nicht wieder ausgewaschen werden konnten.

Jim trat als Filmemacher an, der dann zum Musiker wurde; hervorgetreten ist er vor allem als echtes, spät erwachtes Bühnentier. Dichter: wollte er vor allem sein. Wo es also darum geht, seine schöpferische Kraft zu deuten und ihre sehr unterschiedlichen Wachsabdrücke einzuordnen, interessiert uns das ganze Spektrum. Seine halbgaren Verse, denen er zeitlebens die größte Bedeutung zumaß, mündeten in Songs, die ohne Unterstützung der übrigens Doors, wie wir sahen, gleichsam Bruchstücke geblieben wären, ungestaltet und nie von einem Publikum gehört. Jims Cineastik, die gleich der Dichtung unvollendet blieb, interessiert nur, wo sie ihn selbst abbildet, im Theater also: der Live-Performance. Wiewohl der stärkste Eindruck vom Frontman ausging, blieb er auch in dieser Rolle, wie sich noch zeigen wird, in lauter Anläufen und Ansätzen stecken. Doch der Reihe nach.

Jim begann relativ früh, sich künstlerisch zu betätigen. Er entwarf vulgäre, Comic-ähnliche Collagen, malte oder kritzelte abstrus-surrealistische Gestalten und Formverläufe auf Blöcke, führte Tagebuch und packte da so ziemlich alles rein, was ihm an eigenen Einfällen, Lektürezitaten und vielem mehr wichtig schien. Ein eklektisches, genialisches Durcheinander. Die von ihm zeitlebens bevorzugte Art, Freiheit zu erproben, kommt hier bereits mustergültig zum Ausdruck: spielerisch im Zugriff und unverbindlich im Ergebnis. Nichts wirklich Gestaltetes also. Unfertig und unausgegoren wie seine Dichtung, der wir uns nun noch einmal zusammenfassend widmen. Die ´aufgeblasenen Kritzeleien´ (wie jemand vom Rolling Stone Magazin früh höhnte) lassen sich kaum klassifizieren oder thematisch ordnen, weder inhaltlich noch formal. Zu vieles läuft kreuz und quer, ist bewusst (oder gewollt) vieldeutig, Wort-tänzerisch und obskur, wie ein echter Trip eben. Durchsetzt mit durchaus realen Bezügen, deren symbolische Überhöhung oft platt und altklug wirkt, fehlt diesen ständigen Anläufen der Klebstoff, die Bindung – eben: die Gestalt. Echte Dichtung, meinte freilich Jim, sage gar nichts mehr aus. Sie öffne nur noch Türen. Jeder könne sich eine aussuchen und durchgehen. Seine Dichtung ziele, so meinte er weiter, wesentlich darauf, die Menschen aus den Zwängen zu befreien, innerhalb derer sie sehen und fühlen. Wohlgemerkt: nicht denken! Aber ganz verzichten konnte auch er nicht auf das Surrogat gedanklicher, leidig geordneter Ansätze. Seine Notizen zum Thema Film strotzten vor gedanklichem Ballast, den der Poet als lästig empfand. Dichtung blieb ihm, jenseits deutlich erkennbarer epigonaler Verstrickung, eigenen, philosophisch anmutenden Befindlichkeiten und Überzeugungen verhaftet, von assoziativen Einfällen und mitunter melodisch anheimelnden Satzfolgen eher müßig umspült als rein durchdrungen. Unfertig und unklar, dann wieder auf beinahe kafkaeske Art Traumhell in ihren wahllosen, selbstherrlichen Bezügen, konnte und kann man jenseits konkreter Allgemeinplätze alles Mögliche herauslesen. So dachte sich das der Dichter selbst, so sollte es also sein.

Sämtlichen der nach Aussage seiner Biografen oft aus, – und nachgebesserten schriftlichen Improvisationen freilich fehlte, sehr zu ihrem Nachteil – die Musik. Immer dann nämlich wurden diese Beziehungslos aneinander gereihten, in sich oft wortmächtig auftrumpfenden Schutt, – und Geröllhalden zu lebendigem Humus; zu einer Saat, die endlich doch noch aufging. Sie bedurften sozusagen künstlicher Befruchtung: des Melos, der ihre Muse blieb. Ohne diese Belebungsmomente erscheint uns seine Dichtung eher als Auswurf unausgegorener, nicht zu Ende verdauter Erlebnisse: ein in summa unverbindliches, zu keinem Ergebnis führendes Experiment. Jims Verse mögen, als Ausgeburten visionärer Anwandlungen, je nach Stimmung aufhorchen oder nicht: sie bleiben doch allesamt stecken oder hängen in der alles und nichts suggerierenden Sensation reiner Augenblicke, der sich um keine weiteren scheren. Isoliert in den je eigenen, wortreichen Wahnvorstellungen, gibt sich jeder Satz der eigenen Beliebigkeit preis, auch wenn er anzudeuten scheint, einem Ganzen zu gehören. Ob Gefühl oder Gedanke, Erlebnis oder Traum, Weisheit oder Wahn, Wunsch oder Wille – Ausdruck oder Andeutung, bis zur letzten Ausdeutung der Resultate: in allem obwaltet ein autistisch anmutender Solipsismus, der sich an den eigenen Geniestreichen berauscht und einen Dreck um reale Bezüge schert oder dieser einfach wahllos, nach Lust und Laune, zwecks dekorativer oder deklamatorischer Finessen bedient. So entstanden ja auch, in den endlosen Improvisationen auf der Bühne, früh die interessantesten Texte der Songs (vgl. exemplarisch The End). Derlei Spielereien erheischen noch am ehesten die Rockzipfel des französischen Symbolismus, deren Bemühungen bekanntlich in den Versen des frühreifen Rimbaud kulminierten und kaum übertroffen werden konnten. Die meisterliche Strenge seiner metrisch sehr sorgsam ausgestalteten Gedichte musste, einmal gebrochen, in Beliebigkeit münden. Der abgöttisch verehrte Franzose blieb dem späten Nachfahren denn auch in punkto Form,- und Gestaltungswille turmhoch überlegen. Wenig verbindet ihn mit dem ´Vater´ der Bewegung, dem allzu schwerfällig und Bildungsaffin veranlagten Mallarme, der doch gleich ihm nur wenig zu Papier brachte. Eher noch gelang Morrison, als Annäherung, der lose Anschluss an einen späten Nachfahren des ob seiner notorischen Gesetzlosigkeit bestaunten Tunichtgut Francois Villon: Paul Verlaine. Das Unklare mit dem Klaren zu vereinigen, strebte dieser zeitlebens wie ein Vagabund lebende, schwer dem Trank ergebene Dichter eigenen Worten zufolge an. Eine Weile lang band dieser sich, in homoerotischer Verzückung, an den jüngeren Rimbaud, auf den er später mit der Waffe schoss. Vielleicht war Jim Morrison gerade da am stärksten, wo er sich, mit Bildung überladen, schon wieder von der Dichtung entfernte: in kurzen, prosaischen Skizzen und Würfen, einer Poesie im Übergang sozusagen, die oft Bekenntnishaft, nicht selten hochmütig Belehrend oder, seltener, innig und aufrichtig blieb.

Gedichte, meinte Jim einmal, sprächen ihn an, weil sie für die Ewigkeit gemacht seien. Alle übrigen Kunstformen überlebten sich mehr oder weniger, meist früher als später, Songs und Lyrik aber, ob ihrer kurzen, knappen Kontur, könnten immerhin, solange es nur Menschen gäbe, Bestand haben. Auch diese Art der Betrachtung weist ihn als echten Spätling aus. Als Romantiker allenthalben. Der sich später sicher selbst widersprochen hätte, wäre ihm die weitere Entwicklung bis ins trügerische Digitalzeitalter hinein noch erlebbar gewesen. Überlebt hat ihn gerade die eigene Dichtung nicht. Doch sah er sich in einer gewissen Tradition, und die nahm er sehr ernst. Vielleicht war sein Alter Ego Rimbaud da schon weiter, als er im Blick auf die jugendlichen Würfe verächtlich spottete:“ Absurde! Ridicule! Degoutant!“ Ein anderes Mal sprach er von ´Spülwasser´. Und doch: in den Jahren des Überschwangs war es ihm sehr ernst damit gewesen. Wie Jim. Alle Erfahrungen zu machen, die sich machen ließen, und irgendwie festhalten, in Worte fassen, was das am Ende heißen konnte oder mochte: versuchten beide. Drogen und Alkohol halfen unserem Helden, das Unaussprechliche irgendwie stammeln oder, hochnotpeinlich, verkünden zu können. Schon der nicht minder besessene Charles Baudelaire, ein weiterer Poet aus dem Club der französischen Schwarzkunstecke, stopfte sich mit Opium und Haschisch voll, trank Wein in Unmengen und fand heraus, das ihm am Ende nur der eigene Kopf lauter Streiche spiele; das erhoffte Land der Magie und Befreiung, so der Exzentriker, ließ sich so nicht finden. Jims Dichtung kreiste um die Extreme und suchte doch, im Letzten, Erlösung vom Leben selbst, das er so unsäglich herausforderte.

Wie jeder echte Dichter versuchte auch Morrison, von stark und überzeugend empfangenen Eindrücken zum nüchtern Exemplarischen zu gelangen, also: vom Empfinden zur Vision, von der Entregelung zur Offenbarung, von bloßen Ahnungen zu echter Weisheit. Selten freilich fand er über den Vollzug zur Vollendung. Er hat Verse zu Papier gebracht, die am Ideal immerhin rühren, doch blieben sie Ausnahmen, die im wirren Beziehungsgeflecht seiner Ansichten und Offenbarungen seltsam verloren, wie hingeworfen wirken. Deutlich wurde und wird, dass er alle verfügbaren Aspekte des Lebens, jedwede Art des Empfindens oder Erduldens zum Ausgangspunkt seiner Erleuchtungen (oder Verfinsterungen) gemacht hat, die aber allzu oft in der Narrheit ihrer Ausdrucksformen einerseits, andererseits in dem allzu gewollt wirkenden symbolischen Versteckspiel ihre besten Momente gleich wieder verspielen. Oft verlor er sich im Theoretischen (The lords and the new creatures), in wahllos hingeworfenen Geistreicheleien, Reflexionen und Maximen, die ihren bruchstückhaften Charakter kaum verleugnen können. Im Wesentlichen scheint doch das meiste unter dem Eindruck oder Einfluss verbotener Substanzen entstanden zu sein. Reine Selbsterfahrungen, rasch zu Papier gebracht. Anschließend zusätzlich ausgebessert, ausgeschmückt – austariert. Auf seinen langen Spaziergängen mag er, gleich Nietzsche, Muße genug gefunden zu haben, über alles Mögliche nachzugrübeln. Seine gedanklichen Geistesblitze sind nicht frei vom Pathos hochmütigen Sendungsbewusstseins, es steckt viel priesterlicher Ernst und selbstverliebter Größenwahn darin, aber mitunter erreicht er auch eine fast unschuldig anmutende Reinheit und stille Erhabenheit, die in echte Weisheit mündet und davon zeugt, das sich ihr Schöpfer dem ewigen Lauf der Dinge ergibt:“ If the writer can write & and the farmer can sow, then all miracles concut.“ Wie blasiert und abgehoben, selbstgerecht und pubertär hingegen diese Zeilen:“ Forgive me father, for i know what i do. I want to hear the last poem of the last Poet.“  Zeitlebens pendelte Jim zwischen reiner Überhebung und tolldreister Verwirrung hin und her, zwischen hoher Warte und niederer Genusssucht, und steigerte sich bei der Gelegenheit in lauter Zynismen und Fatalismen hinein, in Resignation und Verzweiflung; eine Schmach, die der eigene Schmerz zu beglaubigen schien:“ Even the bitter Poet-Madman is a clown, treading the Boards.“ Davon findet sich so manches im Gewirr seiner verlorenen Schriften, gern beiläufig oder am Rande, sporadisch eingestreut, meist gegen Ende eines ganzen Verses:“ To have just been born for beauty and see sadness, what is this frail sickness?“

Über allem freilich stand, herrisch und verwegen, der Anspruch des Prometheus, die Mär vom Übermenschen:“I am the guide tot he labyrinth, Monarch oft he protean Towers.“ Dass er sich in diesem Labyrinth verlaufen müsse war ganz klar, aber die Lehrer und Freunde, als gleichsam Fremde, fanden sich doch nicht ein. Er war wohl insgesamt zu stolz und zu eigen, sich und anderen einzugestehen, dass der von ihm weniger bestellte, mehr wahllos kultivierte Garten am Ende einem Urwald glich, wo das im Ansatz sicher seltene Gewächs vom Unkraut überwuchert wurde. Eine verwirrende Vielfalt unerhört drängender, kühn ausgreifender Nachtschattengewächse erstickte im Keim. Was damit gesagt sein soll: Jim sah vor lauter Wald die eigenen Bäume kaum, und die verbliebenen Monstranzen, als mühselig errichtete Monokulturen, streckte ein fataler Flächenbrand, weil Jim stets mit dem Feuer spielte. Seine Dichtung hat nie den Grad echter Reife erreicht, weil ihr jede inneren Geschlossenheit fehlte, ein Zentrum vor allem, wenn man so will: eine ausgleichende Gravität, und vorrausetzend vor allem: Disziplin. Jim verließ sich nur auf den Zufall, auf Momente der Inspiration – den Automatismus kreativen Selbstverständnisses. Herve Muller, der in Paris eher durch Zufall auf Morrison stieß, erinnerte sich später so:“ Ich glaube nicht, das er irgendetwas tat. Er trug stets seine Notizbücher und dergleichen bei sich und machte sich Notizen, aber ich habe ihn nie konzentriert an etwas arbeiten sehen.“ Wie anders auch? Der geduldige, zähe Dienst am Werk, den die Kapriolen eines durch geknallten Hirns an der Arbeit hinderten, war seine Sache eben nicht.“ Ich wollte immer schreiben,“ erklärte Jim,“ dachte aber, es hätte keinen Sinn, wenn nicht die Hand den Stift ergriffe und ihn über´s Papier führte, ohne dass ich wirklich etwas damit zu tun hätte. Wie automatisches Schreiben. Aber das kam nie.“ Einmal, immerhin, kam ´automatisch´ die Musik, und mit ihr dann die Worte, passend zur Band. Einmal nur. Und dann nie wieder.

Wollte man Jims dichterische Bemühungen irgendwie auf den Punkt bringen, fände man die passenden ´Stichworte´ wohl am deutlichsten in einem kurzen Gedicht aus dem Nachlass (Power), dessen Worte jenseits der Zwiesprache, die sie beschwören, auch so etwas wie ein Programm formulieren, das entfernt eine Art theoretischer Begründung böte. Fast jeder Satz beginnt da mit einem entschieden i can – und endet abschließend mit dem Worten: I can, i am. Das erinnert an Descartes, aber der fand lediglich: I think, therefore i am. Nicht das umständliche, fragwürdige Denken aber zählte für Jim, sondern ein wahlloses ´machen dürfen´, als einer Art Anmaßung, die über jeden bloßen Bewusstseinsakt, jede rein verstandesmäßige Anstrengung hinausgeht, sich einfach über alles hinwegsetzt und vor allem mittels chemischer Verstärkung angeheizt werden kann. Hier wird ein Ansatz offenbar, der als begleitendes Prinzip Jims ganze Dichtung umfasst und grundiert. Im Anspruch auf Steigerung der Wirklichkeit in ihren sämtlichen Bezügen überhebt sich der Dichter, aber er glaubt ganz fest daran, dass sich eben darin sein Schicksal Standesgemäß erfüllt. Nicht jener Macht, der die Materie gehorcht, galt sein Interesse; sondern einer, die das Immaterielle steigert und aus sämtlichen, bloß stofflichen Bezügen sozusagen erlöst, bis zur Erschöpfung. Ironischerweise ´lebte´ Jim diesen Lusttraum in sehr weltlichen Bezügen, fern jeder Esoterik, ganz nackt und rein, körperlich und sinnenfroh, bis an den Rand der Selbstvernichtung. 

An dieser Stelle lohnt, die abendländische Kulturgeschichte zu streifen. Seit der Renaissance gelang in immer neuen, immer kühneren Anläufen die Beherrschung der Elemente. Empirie und Experiment mauserten sich zu neuen ´Wunderwaffen´ im Kampf gegen das Alte und seine Gewissheiten, die man nunmehr ins Reich der Lügen und des Aberglaubens verwies. Das cartesianische Weltbild begünstigte einen sehr diesseitigen Bezug zur Wirklichkeit, wie denn die ´vernünftige´ Betrachtung derselben, noch kleinsten Kreisen vorbehalten, den Weg bereiteten, der in einen schrankenlosen Materialismus mündete. Doch formierten sich auch immer wieder gegenläufige Tendenzen, gipfelnd in der deutschen Romantik, die ihren trefflichsten Ausdruck in den Dichtungen ihrer Zeit fand, mittels derer die oben umrissene Macht wieder in ganz anderem Lichte erschien. Sie fühlte dunklen Trieben nach, den Tiefen der Volkseele und den Untiefen des eigenen Geistes, entlang einer sehr individuell gefassten, wiewohl im Überpersönlichen waltenden Selbstverwirklichung, nicht selten mündend in exzentrischer Selbstherrlichkeit, die mangels Hintergrundwissen noch nicht einleuchten konnte oder wollte, da sämtliche Erfahrungsspielräume aufgrund stammesgeschichtlicher Formung begrenzt bleiben. Über diese Grenzen freilich setzte Jim sich mutwillig hinweg, er erkannte ihr Primat nicht an, denn er wollte zur anderen Seite durchbrechen, gleichwie. Renaissancemensch im konkreten Vollzug, wurzelte er geistig in der Romantik, wie denn beiderlei Gesinnung je nach Gefühl und Laune, Bedarf oder Bedacht wechselte; wer weiß. Ein sehr konkret gefasster Materialismus vermittelt den Bezug zur Tat, der den Anspruch auf grenzenlose Hingabe, den die Romantiker in zahllosen Variationen beschworen und besangen, erst ermöglichte. Jims existentialistische Diesseitigkeit wurzelte im Selbstverständnis des Amerikaners; seine transzendenten Neigungen weisen auf das Erbe der alten Welt. Materialismus und Idealismus bilden so etwas wie das Yin und Yang des Abendlandes, als einen unauflöslichen, sich gegenseitig befruchtenden Zwiespalt und vielleicht hat Jim den okkulten Glauben der Indianer als Befreiung empfunden, als Ausweg aus einer uralten Entzweiung, die in den sehr anders gearteten, nicht minder vieldeutigen Antagonismen der Naturvölker mit ihrem polytheistischen Zauberglauben keine Rolle mehr spielt. Von fremden Kulturen geht ja meist eine Faszination aus, die der Bildungsmüde, an sich und seinen Überlieferungen verzweifelnde westliche Mensch als Befreiung empfindet. Freilich: wird er sie nie ganz los. Je inniger er dies versucht, umso intensiver geht er ihnen auf den Leim.

Vor allem in den visionären Dichtungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, deren seltsame Wendungen dem seinerzeit herrschenden, platt fortschrittsgläubigen Rationalismus kühn widersprachen, sah Jim am innigsten verwirklicht, was auch ihn, als Sehnsucht, antrieb, wie denn die seinerzeit bereits abgelebte Tradition des transzendentalen Idealismus, der als philosophisch-weltanschauliches Konstrukt in den ausgeklügelten, selbstherrlichen Phantasma Hegels gipfelte, seinen Vorstellungen von Freiheit noch am ehesten entsprochen hätte. Dessen Weltgeist waltete fürwahr grenzenlos, ausufernd und anmaßend; bis in lauter Kleinigkeiten hinein und über alles Umfassende hinaus. Die zahlreichen einander verwandten Denkschulen der Dekade, als in sich versponnene Systeme und Lehrgebäude, deren Divergenzen im speziellen nur den unerhört ausgreifenden Anspruch in allgemeinen bestätigen, liefern eine Art Hintergrundrauschen: als ´Soundtrack´ zu einem Film, dessen assoziative Folgen im Esoterischen wurzeln. Der heute irrwitzig anmutende Ansatz Fichtes, dem alles Wirkliche nur Ausdruck des eigenen, selbstherrlich waltenden Ich war, entsprach vom anderen Ende her eine der Lehren Schellings, die das innere Prinzip geistiger Tätigkeit auf die Monstrosität eines absoluten Selbstbewusstseins zurückführte. Für Schopenhauer, der den verhassten ´Kollegen´ in punkto Gedankenhypertrophie mehr ähnelte als ihm je klar werden wollte, war alle Welt Wille und Vorstellung, Vision und Vollzug – unablässiges Fressen und Gefressen werden. Nietzsche huldigte, nicht ohne Gewalt, dem alles bejahenden Willen zur Macht; als einem unablässig und von Ewigkeit zu Ewigkeit wütenden und waltenden Regiment. Diese Imperatoren des Geistes waren in ihren Ansprüchen unsäglich und unerbittlich: ob in der Anstrengung des Begriffs (Hegel) oder einer übermenschlichen Umwandlung aller Werte (Nietzsche): überall kam ein sehr deutscher Rigorismus zum Ausdruck, der sich die Welt bestellt und gefügig macht: wie es ihm gefällt. In dieser Linie liefen, ob er sich dessen bewusst war oder nicht, auch Jims eigene Gedanken und Ansprüche hin und her; und endlich aus dem Ruder. Die Schöpfer solcher und ähnlicher Weltanschauungsdiktate entstammten überwiegend alten Theologenfamilien des schwäbischen Raumes, deren Ahnen wiederum den Auspizien pietistischer Traditionen verpflichtet blieben. Auch in Jims Familie lassen sich derlei verdächtige sakrale Verwandtschaften nachweisen.

Den Philosophen der Romantik war weniger am erklären oder beweisen, feststellen oder festhalten gelegen, mehr strebten sie danach, über alles bloß Fassliche oder Faktische hinaus zu gelangen um den Erkenntnisprozess in eine Art Kunst zu verwandeln. Der Lauf der Dinge sollte, umfassend und gründlich, von eigener Phantasie gelenkt oder geleitet werden; der Verstand war nur Mittel zum Zweck. Sie wollten führen und verführen, entfesseln oder kontrollieren, und immer zur Freiheit und zum Absoluten: darin gründete ihr ganzer Ehrgeiz. Das Maß der Schöpfung konnte, so glaubten sie, vom Menschen selbst bestimmt werden, und alle Geschichte, wohlverstanden, erlöste ihn nur aus einem dunkel geahnten oder empfundenen Urgrund, um mit jedem neuen Aufbegehren ungeahnte Kräfte entfesseln und entfachen zu können. Zeitgleich mit der mächtig aufkommenden industriellen Revolution, die ein tüchtiges Bürgertum entfesselte, deren profane Fürsten damit auch den modernen Kapitalismus aus der Taufe hoben, träumten sie einmal mehr den uralten Traum der Menschheit nach. Sie fanden ihn, da die Gegenwart nur Verdruss bereitete, in tiefer, als mystisch empfundener Vergangenheit, im eigenen Unterbewusstsein und in der Allbeseelung, die befreit und erlöst.

Das Ungestüm klassisch romantischer Anfänge erschöpfte sich schnell. Umso merkwürdiger, das Bedeutendes davon ungebrochen fortlebte, so in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Fundus urdeutscher Bildkunst und Musik; in der Lyrik vor allem und auch im Roman. Zählten im tätigen, immer rastloser sich gebärdenden urbanen Leben bald nur noch bloße Tatsachen, Ergebnisse und Erträge, wirkte die Spielart der Spätromantik, mit ihren ungemein überfeinerten und zunehmend ins Monströse ausufernden Eigentümlichkeiten fast wie eine spiegelbildliche Bestätigung der Gründerzeit selbst. Der hehre Anspruch verlor sich dabei im Detail, und manch Herrschaftliches endlich im Beliebigen.

Die ´alten´ Romantiker hatten sich noch angemaßt, wild zu spekulieren, auf metaphysischem Grund, magisch-mystisch fast; sachlich nüchtern nur in den Grenzen, die sie selbst für angemessen hielten. Diesen vor allem am Ende des 18. Jahrhunderts mächtig aufblühenden Bewegungen, deren erlauchteste Geister weniger eine bestimmte Richtung vorgaben, mehr alles Mögliche anrührten und aufkochten, was unter dem Dampfkessel einer jäh aufgeschreckten Seele im Unbewußten gärte, verdankten die Deutschen ihren mittlerweile zu bloßem Kitsch verkommenen Ruf als Dichter und Denker. Ihr Geist gründete in den Untiefen äußerst reizbarer, empfänglicher Seelen.

Down, down, deep below, children oft he caves will let their secret fires glow

Die Vorstellungswelten romantisch beseelter Männer und Frauen waren betont musisch, der Dichtung näher als den Fakten, und noch in ihrer logischen Methode (Hegel) beinahe absurd, mitunter in träumerisch-entrückter Verfassung sanft raunend (Novalis), allzu oft versackend in wortreichen Vorreden, Anläufen und Fragmenten (Schelling). In Jims eigenen Träumen verband sich der philosophisch-pragmatische Ansatz seines Heimatlandes (James, Dewey) mit dem des deutschen Idealismus in nahezu selbstmörderischer Konsequenz. Wollte man besagten Pragmatismus anglo-amerikanischer Eigenart kurz und knapp zusammenfassen, so stellt er, vor allem anderen, das Handeln zuoberst; dasselbe damit aber auch über die bloßen Ansätze reiner Vernunft, denn als Essenz eines Phantasma bleibt einzig der Erfolg maßgebend, was immer ein Einzelner darunter verstehen mag. Will einer alle Pforten der Wahrnehmung durchschreiten, ist an und für sich schon das Vorhaben selbst als Erfolg zu werten, im Sinne jener Selbstüberwindung, die Nietzsche für unentbehrlich hielt, um das Seil von der gewöhnlichen Alltagskreatur zum Übermenschen zu spannen. Davon aber zeugt Morrisons eigene, in sich zerrissene Lyrik, die gleich dem Werk des Philosophen Fragment bleiben musste.

Als höchste Form des Ausdrucks kam für Jim nur reine Dichtung in Frage. Einzig ihr wusste er zu gefallen oder zu genügen; nur sie bot ihm die Möglichkeit, spontan und ohne lästige Skrupel alles Mögliche zu Papier bringen, ohne erst umständlich ausholen oder in die Breite gehen zu müssen, wie dies bloß prosaischen Bemühungen eigentümlich bleibt, weshalb ihnen auch stets der Ruch des Gewöhnlichen anhaftete. Jim hat uns nichts Episches hinterlassen. Sein Hang zum Absoluten, zum Allerletzten, zum Unsäglichen: konnte nur in dichterischen Himmelsstürmen gipfeln, die allerdings oft hilflos eine innere Achterbahnfahrt nachstammelten, deren Kapriolen Schweiß und Schwindel verursachten. Auch Morrisons philosophische Würfe sind immer kurz und knapp gehalten, passend eingestreut und ´abgewürzt´. Nicht selten belehrend oder altklug, mitunter umständlich im Ausdruck, gebärden sich diese ´Geistesblitze´ als Weisheiten, denen eine fast priesterliche Weihe anhaftet. Das Mensch und Werk, Existenz und Dichtung eine Einheit bilden, wird im Falle dieses ´Sehers´ überdeutlich. Tatsächlich entsprachen seine Schreibgewohnheiten der Art, wie er lebte. Jims Neigung, in den Tag hinein zu dümpeln, sich treiben zu lassen und einzufahren, was an Pillen, Säften oder Pulvern zur Verfügung stand deckt sich mit den zu Papier gebrachten Ergebnissen, die in summa wie hingeschlampt wirken. Ganz gleich, welche Suggestivkraft von ihnen ausgeht, wirken sie doch im Ergebnis einzeln und beliebig; lauter Totgeburten, denen schon kurz nach der Entbindung die Luft auszugehen droht. Sie sind nicht das Produkt einer sorgsamen Lese, eher die auf, – und übergeschnappten Luftblasen herrisch erzwungener Kopfgeburten: zum Platzen verurteilt.

Jim wollte, gleich den Romantikern, Schöpfer seiner selbst sein. Als solcher hielt er sich ganz bewusst alle Wege offen: sämtlicher Fesseln ledig und allen Verpflichtungen zum Trotz, an denen der Showstar doch nicht vorbei kam. So konnte er erzwungene oder empfange Eindrücke in verwirrend vieldeutige oder verblüffend einleuchtende Worte fassen, je nachdem. Er konnte also spielen, wahllos experimentieren, sich die Welt als Wirklichkeit neu erfinden und so, das mag er sich wiederum eingeredet haben, zur Wahrheit gelangen – zu irgendeiner, allenthalben. Im Grunde arbeitet jeder Dichter in diesem Sinne, das ist und bleibt die heimliche oder versteckte, die offenkundige oder rätselhaft verworrene Absicht sämtlicher Sonderlinge solcherlei Art. Auf diese Art und Weise werden Bilder zum sprechen gebracht, Anwandlungen oder Stimmungen – stark empfangen – in Anschauungen verwandelt, und statt der abgestandenen Bezüge ungewöhnliche Zusammenhänge konstruiert. Nicht mit dem Verstand. Mittels Intuition. Dass Jim dabei im Unfertigen hängen blieb und über Fragmente nie hinausgelangte, spricht nicht gegen den Anspruch als solchen. Im unverbindlichen Wechsel von einem Eindruck zum nächsten, von lauter Halluzinismen umfiebert, fand und verlor er sich, immer wieder: das bürgt für den Dichter, der kein Meister werden konnte. Sein ganzes Leben beweist es, bekräftigt den Ansporn, bestätigt die Verwandtschaft – und belehrt über Tragik und Vollzug. Denn zu viel wollte, ach, auch sein Herz.

Der Dichter Morrison scheiterte also am eigenen Anspruch; am fortwährenden ´zu viel von allem´, wobei ihm im Einzelnen durchaus gelang, was in der bloßen Folge nie zu echter Ganzheit fand. Wollte man das wirre Durcheinander seiner schriftlich fixierten Eingebungen abschließend zusammen fassen oder in irgendeine leidige Ordnung bringen, könnte das eine oder andere Schlagwort immerhin andeuten, worum es ihm ging, was eigentlich gemeint oder gewollt gewesen ist. Seine Dichtung wäre dann, je nachdem, Beschreibung oder Betrachtung, mitunter Spruch-Weisheit; sie zeichnet Erlebnisse, Zustände und Erfahrungen nach, solcherart entfernt den bizarren Illuminations Rimbauds ähnelnd und als solche auf ein schmales Publikum abonniert. Zwischen geistreichem Einfall und ausufernder Metaphorik, konkreten Bezügen und rätselhaften Andeutungen hin und her pendelnd, bemühte er sich wohl hauptsächlich darum, seine Worte und Wendungen in magische Bezüge zu überführen, sie sozusagen in ein ´traumwandlerisches´ Verhältnis zueinander zu setzen, was allzu oft gewollt, irgendwie zurechtgebogen wirkt. Wie jeder echte Dichter wog er die ihm zugefallenen oder empfangenen, oft auch ganz bewusst ausgewählten Worte, prüfte sie auf ihren maximalen oder je typischen Ausdruck, auf schlichte Innigkeit oder Musikalität, auf Wirkung hin. Seltsam beziehungslos und beiläufig, belanglos bis übergeschnappt blieben sie ohne den Melos, der Gefühle und innere Bilder anspricht oder auslöst. Nennen wir sie autistisch anmutende Selbstgespräche eines Übergeschnappten oder schräge Manifeste in eigener, Trip-affiner Sache; Beschwörungen in Form von ´Reiseführern´, die ins Nirwana planloser Drogenmysterien weisen. Und doch hat er an diesem Wust wahllos erbrochener Worte endlos gefeilt, wie denn die Mär von der göttlichen Inspiration stets an einer sehr profanen Wirklichkeit scheitert und das meiste von dem, was Jim im Rausch empfing, ohne handwerkliche Nachbearbeitung nur noch peinlicher gewirkt hätte. Jeder Dichter ´arbeitet´ an seinen Eingebungen. Nichts steht da fertig im Zustande reiner, vollendeter Offenbarung. Alles ist, letzthin, doch wieder ´gemacht´, sozusagen beharrlich gerodet und aufgeforstet, eben: kultiviert worden. Spontanes mischt sich dann mit kunstvoll Nachgereichtem. Sozusagen wird der Grundriss nachträglich korrigiert und ausgeziert. Das genügt noch nicht der Form, bringt aber die Gestalt auf ´Vordermann´. Kein Satz, kein Wort und keine noch so geglückte Wendung käme je ganz ohne Hammer und Meißel, Rotstift oder Randbemerkung aus.

Das muss man wissen, will man die im Ganzen dennoch unvollendet oder ungeschlacht gebliebene Dichtung Morrisons begreifen. Jim wollte mit seinen Sentenzen die Realität nicht einzig spiegeln oder, in ihren überkommenen Bezügen, einfangen: er wollte sie zertrümmern und solcherart ganz neu erschaffen – wie sich selbst. Selbstherrlich und um Originalität bemüht, den Schwarzkünsten der Meister verpflichtet (Baudelaire, vor allem Rimbaud und Mallarme), verfehlte er sein Ziel, trotz aller überströmenden Visionen, die ihm der Rausch bescherte. Wer Jims Lyrik wirklich begreifen will kann nicht umhin, besagte Dichter zu befragen. Ihr Werk ist schmal, aber meisterlich; der begleitende Anspruch ungeheuerlich und die Geltung, allen Moden zum Trotz, gewaltig. Jim eiferte ihnen nach. Dass er im Ergebnis fehlte spricht nicht gegen ihn. Sein Scheitern bestätigt nur die Tradition, als einer unaufhörlich nachwachsenden Linie, deren Quell, allen Dürren zum Trotz, nie ganz versiegt. In den Adern dieser Meister der Worte pochte auch sein Blut. Mag der allzu schulmeisterliche, wie ein pensionierter Professor Hof haltende, recht provinziell anmutende Mallarme auch aus ganz anderem Holz geschnitzt gewesen sein, so traf sich Jim am Ende auch und gerade mit ihm in jener Wurzelschweren Tiefe, die den Grad der Verwandtschaft dunkel bezeugt. Ausgerechnet er, der unscheinbare, stets kränkelnde Mann, zeitlebens den bürgerlichen Konventionen verhaftet: brach der modernen, experimentellen Lyrik Bahn und sprengte mit  Un coup de Dés als erster seiner Zunft die bis dato geltende Form, der noch Rimbaud, aller diktatorischen Selbstherrlichkeit zum Trotz, verhaftet und verpflichtet blieb. An ihm hingegen faszinierte, sehr im Unterschied zum behäbigen Mallarme, die Tatkraft des früh gereiften, rasch fallenden Empörers, den das Fieber trieb und streckte. Baudelaire wiederum, ein verbummelter Dandy, Lebemann und Gelegenheitsdichter, huldigte dem Bösen wie ein verliebter Jüngling, aber auch einem Narren gleich: Jim hätte ihn einen Clown geheißen. Gleich Rimbaud probierte er die ihm zugänglichen Rauschmittel aus und suchte ihre Wirkung in Worte zu fassen; gleich diesem starb er relativ früh, wiewohl auch Mallarmé mit gerade einmal 56 Jahren kein hohes Alter erreichte. Ihr Werk, dicht und gedrängt, kann als Urknall genialischer Dichtkunst gelten, die alle verbliebenen Bande sprengte und nur noch das Gesetz eigener Schwerkraft gelten ließ. Entrangen sich die Älteren der Drei, Baudelaire und Mallarmé, die schwer zugänglichen Bizarrerien tröpfchenweise, nach langen Durststrecken, erbrach der Jüngere, gleich Jim, alles auf einmal und mit einem anschließenden Lebewohl. Als bedeutendste Vertreter der L’art pour l’art nahmen sie vorweg, wofür auch Morrison mit Haut und Haaren einstand. Doch gehört er recht eigentlich, als Mensch, mehr in eine Linie, die von Hölderlin über E.T.A Hoffman und Poe bis nach Trakl führt. Begann ersterer noch hymnisch und hingebungsvoll, verlor sich die Esoterik seiner Erben tatsächlich im Abgründigen, im visionär durchleuchteten Irrsinn, der ohne Anklagen auskommt und keinen Trost mehr kennt. Nur selten souverän, oft schwitzend, ja krampfhaft bemüht, suchte auch ihr später Nachfahre die dunklen Geheimnisse des Lebens an, – und auszudeuten, ein gefährliches Dahinter oder Darin zu enthüllen. Das Profane um jeden Preis zu überwinden, umzudeuten – umzustürzen: war auch seine Obsession. Fallen freilich die Vorhänge, die bunten, stürzt auch der Wortschwall schnell in Staub und Boden. Gewöhnt man sich an die begleitenden begrifflichen und wortwendigen Manien, erscheint vieles nur als bloße Zierde, als angestrengte, überreizte Gebärde: so skuril und verfremdet, überformt oder solitär die Worte je prunken und prahlen. Jim liebte die doppeldeutige Gebärde. Den Widerspruch, das Absurde – den Wahn. Davon lebt Dichtung, schlechthin. Allzu leicht verdirbt es sie auch. Womöglich wurde Morrison das eigene Unvermögen nirgends bewusster als ganz zum Schluss im Pariser Apartment, wo die wenigen hingeworfenen Sätze, die er soeben zustande brachte, nicht länger überzeugten und zu den wirklich letzten führten, mit denen er sich selbst sanft zu Grabe trug:

Leave the informed sense in our wake, you be christ on this package tour, money beats soul, last, words, last words out

Mit seinen bloß papierenen Worten ist er denn auch bis heute unbekannt, vielleicht ein Geheimtipp, kaum mehr geblieben. Mit einigen der Songs nicht. Im Gegenteil. Ging der erfolgreichste Titel (Light my Fire) auch auf Kriegers Konto, so zeigte der sich doch schon in der Wahl der Wendungen und Worte deutlich vom Älteren beeinflusst. Um mit Jims wortgewandter, mitunter verblüffend wirkungsmächtiger Lyrik mithalten zu können, musste er textlich tief in die Trickkiste greifen.

Die Musik der Doors hat sich im Laufe der Jahrzehnte immer besser verkauft und kann heute als  klassisches Bildungserbe moderner Unterhaltungskunst gelten. Fester Bestandteil einer den Trends und Moden unterworfenen, eher im Vergänglichen und leicht Verfänglichen fischenden Popkultur, behauptet sie ihren Rang. Der Umstand mutet insofern merkwürdig an, als das die musikalischen Endprodukte der Doors von Anfang an auf eher schwankendem, unsicherem Grunde wuchsen oder wurden. Wenn man bedenkt, wie Popmusik üblicherweise entstand und entsteht, kann man eben nur staunen, schaut man sich den Entstehungsprozess dieser Musik an. Sie ist im Grunde gleich  drei Mal geboren geworden: beim vorsingen und beim nachspielen – und später in den Clubs. Im Kopf des Meisters – und in der geduldigen Umsetzung derer, die den Worten die passenden Klänge verliehen und dann damit experimentierten. Das tat auch Jim, indem er während der Performance weitere Worte und Wendungen, als geheime Botschaften in das sich blähende musikalische Gebilde fügte, spielerisch und unbedarft, benebelt oder befreit, beflügelt von den Substanzen, die er sich gnadenlos reinfuhr. Angeblich, erinnerte sich Manzarek später, hätten sie zu der Zeit ständig unter Drogeneinfluss miteinander musiziert. Auch galt es, Auftritte zu strecken und entstehende zeitliche Spielräume zu füllen. So konnte am Ende gar nicht ausbleiben, den einen oder anderen Song in endlose Improvisationen zu verstricken, die den assoziativen Launen des Sängers sehr gelegen kamen und zusätzlich reizten. Zwischen hypnotischer Eintönigkeit und chaotischer Entfesselung entfaltete sich ein seltsames Eigenleben, das den Dämon seines Schöpfers beschwor, der in diesen Phasen freien Spiels entweder verstummte oder um Gehör in eigner Sache bat. Ohne ihn wären sicher nur die üblichen, dem Jazz entlehnten Spielereien bei alledem herausgekommen. Das ist leicht zu verstehen, betrachtet man eine Band als Einheit, deren miteinander korrespondierende Teile in symbiotischer Beziehung zueinander stehen. Jim hatte den andern früh ein Beispiel gegeben. Er ließ sich treiben, im Rausch von Welle zu Welle tragen, und das taten die andern auch, lullte er sie mit frei erfundenen Textpassagen ein. Er trug nicht nur vor, er forderte auf – und heraus. Schon in der Einfühlung oder Auffassung der ihm Lauschenden gebar sich das musikalische Gespinst sozusagen ein zweites Mal selbst, und wuchs über die intuitiven Ursprünge hinaus. In den Kaschemmen an der Peripherie gebar die Melange eine ihr eigene, dämonische Kraft. So kurios und dilettantisch der Beginn aus heutiger Sicht anmuten mag: er funktionierte nicht nur, sondern half auch, echte Schätze zu heben. Ist das, so mag man fragen, gegenwärtig überhaupt noch irgendwo praktikabel? Damals freilich war es möglich.

Der Keim dazu lag in den Anfängen selbst. Man stelle sich einen Moment lang bildhaft vor: schüchtern und verlegen, mit gewiss gefühlvoller Intonation, singt unser Held die späteren Klassiker einfach in die Leere eines sich endlos weitenden Raums hinein, die anderen schweigen und hören geduldig hin, bevor sie dazu dann die passende Musik zaubern. Schon hier ist alles offen, alles möglich – alles drin. Sie jamten anfangs also gar nicht miteinander, wie es bis heute im Proberaum üblich ist, sie fühlten sich vielmehr in ihn und seine gesungenen, noch sehr lebendigen Gefühlswelten ein und ebneten so dem Überschwang erste ´handgreifliche´ Wege. Man könnte sagen: sie haben Jims Gesang arrangiert. Zunächst noch entlang strikter Linien. Später lockerten sie die Zügel, den kompakten Zugriff wieder: so wurde z. b. aus einem einfachen Abschiedsliedchen ein ausufernder Bewußtseinsstrom (The End).

We´re not really making it, it´s just kind of making itself…

Tatsächlich war, schenkt man Jims Erinnerungen Glauben, die Musik zuerst da. Und um sie irgendwie festhalten zu können, bedurfte er der Worte, denen er spielerisch allen möglichen Bezügen ´andichtete´. Sie mochten banal oder bedeutsam sein, Alltägliches oder das Unerhörte spiegeln. Der Zauber einer jungfräulichen Frühe adelte alles. Die Zeilen von Moonlight Drive – damit fing ja alles irgendwie an – sind in der Tat betörend und berauschend, vieldeutig und assoziativ. Die Musik ist es auch. Beides fügte sich: in, – und zueinander. Auch im Trivialen. Alles passte also – alles fand ´wie von selbst´ zueinander. Die Vibes stimmten. Der typische Doors Sound entstand.

In that year there was an intense visitation of energy. I met the spirit of music

Freilich, wie schon erwähnt: über diese Anfänge sind die Doors nicht mehr hinausgekommen. Bald schon gingen sie, mangels Material, dazu über, Reste alter Ideen oder Bestände zu plündern, die Zeit der ´Musenküsse´ war vorüber. Vor allem Jim war hier sehr ehrlich. Er bestätigte später im Interview, selbst nur wenige musikalische Einfälle gehabt zu haben. Einmal aber, ganz  Beginn: war das ganz anders gewesen. Da überkam ihn, der selbst kein Instrument wirklich beherrschte (lausig, immerhin, die Mundharmonika; ein wenig das Klavier) eine wahre Sturzflut an Einfällen. Das alles spielte sich im Kopf ab, und davon zehrten die Doors im Grunde bis zum Schluss. Als der Quell versiegte, griffen sie, abzüglich der erwähnten Bestände, vermehrt auf den bewährten, für endlose Improvisationen gleichsam sehr empfänglichen Blues zurück. So gesehen blieb dieser bei den längeren Stücken ein weiterer, eher heimlicher Geburtshelfer.

Zunächst noch betont konventionell und folkloristisch (vgl. die Urfassungen von Hello i love you oder Moonlight Drive), entwickelten sich die durchweg straffen, betont gefühlvoll und poetisch angehauchten Pop Songs, noch ganz ´Küken ihrer Zeit´,  beim ´Klinkenputzen´ in den Clubs zu den bekannten Endprodukten. Etwas mehr als ein Jahr dauerte es bis zur Aufnahme des Debütalbums. Bis dahin konnten die Doors recht unbedarft vor einem eher spärlichen Publikum an ihren Songs feilen und herum friemeln. Das war danach nur noch in Ansätzen möglich und beschränkte sich hauptsächlich auf den schon geerdeten Fundus. Es ist dies ein Phänomen, das auf viele Newcomer zutrifft, weshalb oft die erste Platte der eigentliche Kracher bleibt. Aufgerieben von den sich anschließenden Verpflichtungen, versiegt der Born der Inspiration rasch wieder, wiewohl nicht wenige Bands dem Druck standhielten und während der endlosen Tourneen kreativ am Ball blieben. So entstanden, dies am Rande, die besten Alben von Led Zeppelin, deren Debüt dennoch unübertroffen blieb in Punkto Kraft und Ursprünglichkeit (vgl. die Erstlinge von Van Halen, Metallica u.v.m).

Die Doors traten lange Zeit nur an Wochenenden auf, hatten also Zeit und Muße, weiteres Material zu testen, doch immer öfter ohne Jim, der häufig tagelang verschollen blieb. Er fehlte, und das merkte man dann auch der Musik an. Die Einheit zerbrach. Bereits das ´Waiting fort he Sun´ Album litt unter dem beginnenden Schwund, endgültig ´hörbar´ wurde das Dilemma auf ´The Soft Parade´. Die Platte war, im Stil der Zeit, um orchestrale Begleitung erweitert worden, was den typischen Doors-Sound verwässerte, vielleicht aber ganz gut zu den eher sekundären Songs des Gitarristen passte. Rothchild war Perfektionist. Hatte er der Band anfangs noch Spielräume eröffnet und geduldig in sein Raster gepresst, was ansonsten uferlos auseinander getrieben wäre, würgte er nun eher ab, was ohnehin nicht mehr recht an Fahrt aufnehmen wollte oder konnte. ´The soft Parade´ offenbart das Dilemma. Die Doors griffen auch weiterhin auf den Fundus früher Tage zurück und verpassten den Liedern ein sehr enges, aber viel zu aufwändig besticktes, kitschkackiges Korsett. Das Album, mit durchaus beachtlichen Nummern bestückt, litt mehr als alle anderen unter Rothchilds Knute, seinem Hang zum Rigorismus, der sich hier im schwülstigen Pathos einer Überproduktion gefiel, die vor allem Kriegers Songs zu seichten Schlagern mit viel Soße herunter kochte: prätentiös und gewunden, seltsam gedunsen, banal eingängig. Das Kollektiv hatte sich endgültig vom eigenen Stil entfernt und in Beliebigkeit verloren, die jede kultivierte Geschmacklosigkeit kennzeichnet. Der Probenfuror zog sich endlos hin und kostete ein kleines Vermögen. Mal fehlte der Sänger, dann wieder störten laufende Termine. Die immerzu fordernden Furien eines zunehmend lukrativeren Geschäfts, das keine Atempausen gönnt, dazu anhaltende Spannungen innerhalb der Band, die schon während der Aufnahmen zum Vorgängeralbum zutage traten, trugen zu den Verstimmungen bei, die dem Album zusätzlich geschadet haben mögen. Keinem in und außerhalb der Band konnte verborgen bleiben, das auch die Doors ihre Grenzen hatten und das ihr Zugpferd längst über dieselben hinaus galoppiert war: wie ein toller Gaul. Man lebte auf Kredit. Und der braucht sich nun auf.

The future is uncertain, the end is always near

Der vielversprechende, unerklärlich kreative Aufbruch war also im Grunde schon eine Art vorweg genommener Abschluss gewesen. Stark und überzeugend, ganz der Inspiration des Augenblicks hingegeben, sowohl beim Proben daheim als auch in den Clubs, überlebte sich damit auch ein Traum, wiewohl das Projekt als Unternehmen nun erst richtig an Fahrt aufnahm. Sie zehrten von diesem Anfang bis zuletzt, und überlebte sich das Pathos früher Tage auch allzu schnell, strahlte es doch bis in die Niederungen kommerziellen Ausverkaufs hinab. Jim spielte mit und sprach ironisch von einem Ego-Trip, aber der katapultierte sie, die gestern noch in kleinen Häusern spielten, für damalige Verhältnisse recht unvermittelt in den Olymp, wo die Luft bekanntlich stickig wird. 

Natürlich kann es nicht Aufgabe dieser Betrachtung sein, alle Songs einzeln auszuweiden und einzuordnen. Hier deckt und sticht sich vieles, wie bei den Gedichten. Auffallend immerhin gewisse Ambivalenzen. Tönen manche der ´kleineren´ Songs spürbar um Ausgleich bemüht, buhlend um eine gewisse Beschaulichkeit, dröhnt aus anderen der Wahnsinn – die Anmaßung. Love Street oder Blue Sunday klingen wie ein Ausruhen wollen, gleich einer müden Sehnsucht nach Einfachheit und Loslassen. Sie gehören, vorweg genommen, eher nach Paris. Not to touch the earth oder Five to one feiern hingegen, mit Schaum vor´m Maul, den Exzess – die Katastrophe. The end oder When the music´s over gleichen endlosen ausufernden, assoziativen Projektionsflächen. Als rituelle Anrufungen ähneln sie in ihren kühnsten Auswüchsen schamanistischen Beschwörungen. Jim kam eben vom Theater her, vom Ausdruck – von der Darstellung. Ihm ging es auch beim Singen um ein Maximum an Ausdruck. Mit eigentlich viel zu dünnem Timbre suhlte er sich, sehr Sinatra-like, im baritonalen Wohlklang, dann wieder strapazierte er seine Stimmbänder bis an den Rand einer Kehlkopfentzündung, indem er grölte, grunzte, schrie und tobte. Gerne sprach er zu den Klängen. The celebration of he lizard oder Texas Radion and the big beat klingen, als verkündende Dichtungen mit musikalischer Untermalung, eher wie Prophetien im Stile altpriesterlicher Initiation. Die meisten Songs auf dem ersten, auch noch dem zweiten Album bedienen klar das klassische Drei-Minuten-Schema. Man könnte sagen, dass mit dem Erscheinen des Erstlings bestehende Strukturen einerseits gefestigt, andererseits gesprengt und so auf eine andere, höhere Ebene transportiert wurden. Da lag und liegt vieles beieinander: Schönes neben Hässlichem, versöhnlich Stimmendes dicht am Verhängnisvollen, heillos Verstricktes im Schatten matter Erlösung: Tod und Leben, Hingabe und Selbstzerstörung – Aufbruch und  Abklang. Ende und Anfang.

I know what you want. You want ecstasy, desire & dreams

I fall. Sweet blackness

Es wurde gern ein Gegensatz konstruiert zwischen den eher düsteren Doors und der auf ähnliche Klischees herunter gekochten Hippiebewegung. Da sind dann auf der einen Seite Themen wie Mord und Totschlag, Schuld und Verderben, Wahnsinn und Verlockung; die andere gefällt sich in der Feier von Friede, Freude, Eierkuchen. Eine solche Vereinfachung verkennt oder übersieht, wie nah derlei Divergenzen damals beieinander lagen und sich nur zu oft überschnitten. Schmerzhaft. Blutig. Mörderisch. Die Songs vom Charlie Manson klingen noch wie nettes, harmloses Folk Gedudel. Die wohltönenden Passagen auf Good Vibrations werden bereits von einem diabolischen, ja satanisch anmutenden Unterton ´eingeholt´. Their satanic majesties request von den Stones lebt, trotz aller Schwächen, vom Dualismus, der selige Exaltationen und Augenblicke echten Wahnsinns recht unentschieden gegeneinander ausspielt. Ozzy Osbourne versicherte in einem Interview, das er und seine Mitstreiter Hippies gewesen seien, und auch Robert Plant sah sich als ´Original Hippie´. Beide ´Seiten´ wollten damals doch im Grunde dasselbe: Rausch und Entfesselung – Freiheit eben. Deren Wege bekanntlich vielfältig, vieldeutig, widersprüchlich – gefährlich bleiben. Und je nach Umstand und Begleitung, Anlage oder Kern: im entscheidenden Punkt auch wieder trennscharf auseinandergehen. Es bedurfte, das wusste schon Nietzsche, der großen Liebe oder Hingabe, um überzeugend ausdrücken zu können, was totale Entfesselung meinen könnte: was den Doors in ihren besten Momenten durchaus gelang. Damals war alles noch immer auf Anfang. Gewisse Nischen entwickelten sich gerade erst, und je verkaufsträchtiger man sie ausbeutete, umso selbstverständlicher entstanden neue. Die Beatles hatten auf ihren White Album bereits etliche der neuen Möglichkeiten stilsicher durch dekliniert und für ein neues Jahrzehnt ´freigegeben´. Den Doors missriet der Versuch dem Zeitgeist zu schmeicheln auf ihrem vierten Album. Auch verlor der Sänger mehr und mehr die Lust an der Sache. Alles, was nach dem dritten Album kam: waren lauter Abschiedsvorstellungen. Jim fühlte sich zum Film hingezogen. Der seinerzeit auch gerade in Extremen reüssierte.

Morrison ist als Filmemacher restlos gescheitert. Der für ihn maßgebliche, die Dinge konstituierende Dilettantismus fand innerhalb dieses Mediums zu keinem wie auch immer gearteten Ausgleich. So blieb fade und nichtssagend, was in lauter Vieldeutigkeiten versackte. Unser Held kam über bemerkenswerte theoretische Reflexionen, die er schriftlich fixierte, nie hinaus. Was er schließlich praktisch zustande brachte, blieb immer unfertig, irgendwie bloß angefangen, und überhaupt befangen in lauter Schrullen und Extravaganzen. Eine im Ergebnis holperige, und seien wir ehrlich, um bloßen Eindruck schindende Kunst kam allenfalls heraus. Hier trafen und behinderten sich vor allem jene zwei Potenzen, die ihn zeitlebens beschäftigt haben: das gewaltig angehäufte Bildungsbürgertum und sein eisern durchgezogenes ´Programm´; ein Bücherballast sondergleichen und die beharrliche Entregelung der Sinne, mittels derer er alles über Bord warf.  

Zu einer Art Meisterschaft hat er es endlich als Performer gebracht. Bezeichnend bleibt auch hier, das im Grunde fragwürdig und problematisch bleibt, was im Ergebnis dennoch überzeugt und jene Aura aufleuchten oder aufblühen ließ, von der sein Mythos bis heute zeugt und zehrt.

Das kam nicht von ungefähr. Jims Interesse galt hauptsächlich Film und Theater. Sein Exhibitionismus, seine Manierismen, seine stets sparsam dosierten, im passenden Moment hemmungslos exaltierten Selbstdarstellungen rühren daher. Er hatte Nietzsches ´Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik´ sehr aufmerksam studiert und sich entsprechend ´zurechtgelegt´. Bekanntlich belegte Morrison schon bei seinem ersten Studium in Tallahassee Theater als Hauptfach. Theatralik blieb sein Thema – sein Spielchen mit sich selbst und denen, die ihm zusahen. 

Ich vermute, dass Morrisons Interesse an Psychologie, konkret: an der Ausübung oder Ausreizung von Macht, bis zuletzt eine gewichtige Rolle spielte. Er hatte seinen Le Bon, seinen Freud oder wer sonst noch in Frage kam gut gelesen, bestens verstanden. Das Publikum zu manipulieren, war auch eine Art künstlerischer Freiheit, und von der Kenntnis des menschlichen Hirns bis zu den Drogen, die ihn ritten,  war es ein im Grunde logischer Schritt.

Er tat sich bezeichnenderweise gerade in punkto Performance zunächst ziemlich schwer. Die Bühne macht angreifbar, denn sie setzt jeden, der sich auf sie einlässt, fremden, immerzu  fordernden oder richtenden Blicken aus. Der Graben könnte kaum tiefer sein. Das Trennende dominiert, die Masse mutiert zum Pandämonium. Das Publikum wird zum Moloch, die Verbindung stockt und eine Vereinigung mit der Bestie scheint zu Beginn unmöglich. Jim litt anfangs tausend Tode. Doch hielt er fest an seiner Vision vom antiken Theater, an welcher ihn eigentlich nur die dionysische Entfesselung interessierte oder reizte. Ob dem unendlich schüchternen Jungen die Drogen eher halfen oder behinderten, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls fand er sich dann doch soll heißen: den ihm gemäßen Ausdruck, einen wirklich eigenen, unverkennbaren Stil. Die Entwicklung ist so bezeichnend wie aufschlussreich. Nicht einmal ins Publikum konnte oder wollte er während der ersten Auftritte sehen. Hatte Jim zunächst also nicht einmal den Mut, nach vorne zu schauen, manipulierte er die Meute schon ein Jahr später mit viel Berechnung und Geschick, bevor er sie zu verachten begann und in Miami dann mit Beleidigungen und Bezichtigungen nur so überhäufte. Am Ende aber, als ihm die Luft ausging, spulte Morrison das Programm ohne Zicken oder Finten, ohne Gebärden und Getue herunter, und es hätte nichts mehr ausgemacht, wenn er denen im Publikum, die auf weiteren Krawall aus waren, wieder den Rücken zugewandt hätte. Stets schlossen sich gewisse Kreise in diesem Leben, das so widersprüchlich und folgerichtig zugleich blieb.

Seltsam, aber wahr: er hat sich im Grunde nie sonderlich gerührt da oben. Die Bewegungen selbst waren denn mehr Schauspiel, und als solches immer ambivalent: Ausdrucksformen echter Entfesselungen oder restgültiger Umpanzerung, mitunter reines Affentheater, Befreiung für Momente, als Ekstatik oder Exaltation, selten bloßes ´Entertainment´, bierernst und im nächsten Moment schon wieder clownesk und spitzbübisch. Es schien oft, als hielte er die begleitenden Gefühle bis zum Platzen in sich zurück; als müsse sich erst endlos vieles in ihm anstauen, damit der Dämon doch noch aus der Flasche sprang. Die Musik feuerte Morrison an und powerte ihn gleichzeitig aus, pushte seine Dämonen und begrub sie wieder unter sich. Das kam dem Berserker sehr entgegen. Die Neigung, den Möglichkeiten des Augenblicks zu vertrauen und sich entsprechend gehen zu lassen so gut wie jene, im passenden Moment zielgenau zuzuschlagen, sozusagen die Kontrolle wieder an sich zu reißen, um andere mitzureissen: trug nicht minder zur Faszination bei, die von ihm da oben ausging oder ausstrahlte.

Einen unerschöpflichen Fundus bieten vor allem die Aufnahmen von Grenada TV, zu begutachten in der Fernsehdoku ´The Doors are open´. Eine etwa zur selben Zeit produzierte Sendung des dänischen Fernsehens bringt nach meinem Empfinden am deutlichsten zum Ausdruck, wie sehr Morrison in seiner Darbietung zwischen eiserner Verschlossenheit und heissblütiger Entladung oszillierte. Über weite Strecken wirkte Jim hier eher abwartend und reserviert, unentschlossen und in sich vernebelt. Zu Beginn des Sets saß er noch ganz bequem auf einem Stuhl. Einmal mehr aufgedunsen, übernächtigt und irgendwie fertig mit allem, entflammte er in weiterer Folge nur zögerlich, deutlich zaudernd, in sich ausgebremst und voller Hemmungen, und immer wieder zurücksackend in eine Trance, die ihn von neuem trächtigte. Er bedurfte gewisser Anläufe und Initiationen, günstiger Umstände oder passender Launen, um den seltenen Gefühlsausbrüchen, die nicht selten wie aufgestaute Epilepsien anmuteten, jäh Bahn zu brechen, doch mündete rasch in Teilnahmslosigkeit, was als Temperamentsausbruch jäh aufhorchen ließ.

My flaming sword tongue, spraying verbal fire flies

Oft drängten ihn Rays Orgel oder Johns Trommelwirbel, wie denn sein Markenzeichen blieb, die demonstrative Coolness auf ein Signal hin in überschäumende Aggression umzuwandeln, der meist eine bedrohlich anmutende Apathie folgte. Es scheint in seinem Fall kaum möglich, Kalkül und Spontaneität trennscharf auseinander zu halten, doch wirkte er in der Gespanntheit des Ausdrucks, die sich selten ganz löste oder verlor, authentisch auf eine nur ihm gemäße Art und Weise. Sein ganzes Wesen barg er hinter einer Art Kokon, dessen äußere Hülle zum Platzen gespannt blieb. Kontrastierend und ergänzend zugleich, legte Jim sich eine gewisse Schnoddrigkeit zu, die als aufreizende Müdigkeit die innere Unruhe nur umso intensiver  beschwor, als ein Heiliges, dessen Gewalt im magischen Moment entfesselt werden konnte. Kraftlos und entrückt, im eigenen Dämmer verhangen, teilnahmslos und doch auf schlafwandelnde Art präsent, mit schwelenden Reserven aufgeladen: beschwor er so ein Heimliches, Unsichtbares, hinter den verlässlichen Erscheinungen gefährlich Lauerndes. Das war, wenn man so will, seine ´Masche´, sein Spleen – sein Markenzeichen. Mit den entsprechenden Körpersprachen ´bekleidet´, schleppte und geisterte er sich durch die Songs, meist auf Sparflamme, vorsätzlich abwesend und in sich befangen; mitunter tanzend, grimassierend, oft ungelenk und ungeraten. Selten nur rührte er sich vom Fleck. Alle Energien und Erwartungen konzentrierten sich so auf´s magische Zentrum. Auf ihn selbst.

Das im Roundhouse aufgezeichnete Konzert wurde auch von der Band als eine Art Höhepunkt empfunden.“ Ein paar von den Songs,“ so  der Journalist Neil Spencer,“ schufen eine wahrhaft psychotische Atmosphäre.“ Jim bewegte sich auch hier recht wenig, und dann gewohnt torkelig, unbeholfen und schräg. Daneben wirkte er wie versiegelt, doch mit Rissen in der Naht, die wie brennende Wunden schwelten. Wesentlich um stimmlichen Ausdruck bemüht, so kontrolliert und schnörkellos, wie ihm dies möglich blieb, gab er sich dann wieder aufbrausend und enthemmt, selten nur heiter oder gelöst. Hier horchte jemand stur und unnachgiebig seine inneren Quälgeister ab. Allen neckisch eingestreuten Albereien zum Trotz, kam in den meisten Gebärden zum Ausdruck, wie stolz und unversöhnlich, streng und unnachgiebig dieser Mensch war. Die Maskerade schien den eigentlichen Ernst seiner Lage zu betonen, wie denn etwas in ihm schwerer wog, als alle finsteren Andeutungen zu verraten schienen.

Morrison und seine Mitstreiter raubten dem bis dato recht unverbindlich und unbekümmert parlierenden Rock, – und Popzirkus endgültig die Unschuld. Die bereits erwähnten, obligatorischen Krawalle, bei denen ganze Stuhlreihen zu Bruch gingen und Fans die Bühne stürmten, glichen eher der auf Dorf, – und Stadtfesten seit je üblichen Randale, die als ungezogenes und ungebührliches Benehmen, oft unter Alkoholeinfluss, kaum mehr hinterließ als den Schaden, den sie anrichtete. Mit den Doors wurde aus dem Spaß urplötzlich ernst, und an diesen Ernst musste sich das junge Publikum überhaupt erst gewöhnen. Jim brachte den Notschrei existentieller Verzweiflung auf den Punkt und auf die Bühne. Sein Ideal von Freiheit nötigte denen, an die er sich wandte, sehr viel mehr ab, als jede bloße Sause, jedes handfeste ´über die Stränge schlagen´ auf Anhieb ermöglichte. So billig und einfach machte er es seinem Publikum nicht mehr. Er wollte die Menschen verstören und verwirren, verführen und verändern. Und stachelte sie auf eher subtile Art und Weise an, wie denn seine Provokationen mehr irritierten und anfangs eher Unverständnis stifteten; ein Unbehagen allenthalben. Im Grunde ging er dem Publikum dann doch auf den Leim, indem er seine Erwartungshaltungen bediente und lauter Verrücktheiten einstreute, um die es ihm wesentlich nie bestellt gewesen war. Der Auftritt im Roundhouse macht´s deutlich. Er hat wenig von einem Rockkonzert im gewöhnlichen, überkommenen Sinn; mehr denn je meint man, einer Art Dämonenkult beizuwohnen, der noch ohne jeden Firlefanz auskommt und aus einem Numinosen schöpft, das jenseits der Musik keinerlei zusätzlicher Verstärker bedarf, um ´angerufen´ zu werden. Der Schamane nimmt Kontakt auf, die Trommeln der ´Novizen´ halten ihn in Acht und Bann. Das sorgte für eine mitunter telepathisch anmutende Ubiquität, konnte aber die Kluft, die zwischen ihm und allen andern auch weiterhin bestand, nie zur Gänze überwinden. So kam Jim, wiewohl ihn die Band nahezu brüderlich durchs Set trug, auch hier sehr einsam, ja verlassen herüber; verloren im Kosmos eines sich langsam beruhigenden, uferlos auseinander treibenden Chaos, das er in wenigen Jahren in sich selbst angerichtet hatte. Es war, auch in der Performance, ein Spiel mit dem Feuer, das ihn verzehrte, und mit jedem weiteren Mal umso ergiebiger.

Morrisons Draufgängertum divergierte auffallend zu den Harlekinaden derer, die als Haudegen vom Dienst das Geschäft, oder sagen wir besser: den Zirkus auf recht eigene, nicht minder überzeugende Weise bedienten. Es gibt eine Linie, die vom Who-Drummer Keith Moon über die ´Front-Tiere´ Arthur Brown, Alice Cooper oder David Lee Roth bis hin zu den Chaoten des Glam Rock reicht, deren Eskapaden und Extravaganzen an das muntere, krachlederne Treiben tolldreister Piraten erinnert, die nach erfolgreichen Scharmützeln hemmungslos weiterraufen und plündern, fröhlich prahlen und kräftig protzen, lauthals lachen und johlen. Die sind eher mit Dean Martin oder Errol Flynn verwandt als mit Paul Mc Cartney oder Bono von U2. Dann wieder gab und gibt es solche, die man als Epigonen derer bezeichnen könnte, deren Zeremonienmeister den Exzess feierten wie schwarze Messen, mit düsterer Miene und ernster Gebärde, die Lou Reed oder Ian Curtis, Glen Danzig oder Scott Walker, obendrein Mix-Typen wie Iggy Pop, Peter Gabriel oder den Jungs von Venom, deren Manierismen wie manische Trugbilder zwischen den gespenstischen Stuhlreihen lauerten. Diese Abweichler brachen mit den Routinen reiner Unterhaltung, gleich welcher Couleur, und widmeten sich dem sinnfreien Spiel des Absurden oder Grotesken, dem Satanismus und dem Obskurantismus. Resultierende ´Konkursmassen´ konnten von den Epigonen schamlos ausgeplündert werden. Die Verwandtschaft reicht tief, denn sie berührt sich mit gewissen Archetypen, die als Abgründe den Phantasien Edgar Alan Poes oder H.P. Lovecrafts zur Ehre gereichen. Der pralle Kult des Diesseitigen, den besagte Lebenskünstler nicht ohne Risiko zelebrierten, ist so etwas wie ein Missing Link zu den im Ganzen Lebensfeindlichen, zwischen Tod und Wahnsinn pendelnden Lebenswelten wortmächtiger Poeten.

Jim empfand das, was er bei den Doors machte, nie als Job, auch nicht als Spaß, kaum als Beschäftigung oder Betätigung, eher als Berufung; eine Möglichkeit mehr, vollkommen frei werden zu können. Egal ob er Songs schrieb (erinnert: im Innern hörte) oder dieselben dann live performte (sich und anderen sozusagen offenbarte): all das war und blieb ganz von der Inspiration des Augenblicks beseelt, befangen in der Erwartung, und dabei einem Ingenium vertrauend, das im passenden Moment in expressis verbis ging. Das reichte dann. Für Momente befeuert, sackte der Überschwang schnell wieder in sich zusammen, um bei passender Gelegenheit erneut entfacht zu werden. Hier ist dann wenig gemacht oder getan, mehr erlitten und erduldet, wie denn die Ergebenheit selbst, die sich den Launen des Augenblicks hingibt, ein gutes Beispiel gibt.

Die Doors waren für Jim eine Art Vehikel, um Grenzen verschieben, Freiheit erproben zu können. Seine Einstellung zum Geschäft, zu den Auftritten (und anfangs noch kurzgehaltenen Tourneen) war dementsprechend unprofessionell, denn er verzichtete bezeichnenderweise nicht auf die begleitenden, das Geschehen zunehmend überlagernden und endlich beherrschenden Exzesse, und als ihm dann die Luft ausging, hatte sich das letzte Interesse an einer Sache, die nicht länger zündete, längst erledigt. Zum Schluss hing er meist nur noch wie ein nasser Sack am Mikro. Was in Miami für Furore sorgte, zeitigte im Anschluss zunehmend uninspirierte, langweilige Auftritte. Da hatte Manzarek vollkommen recht: Er war kein Showman, er war Schamane. Besessen. Anfangs total in sich gekehrt, dem Publikum eher abgeneigt, öffnete er sich nur langsam, explodierte dann aber – und fiel am Ende wieder in die alte Starre zurück. Es lohnt, ihn mit den ungleich umsichtiger und vorsichtiger, nicht minder ernsthaft agierenden ´Strebern´ der Zunft zu vergleichen: den Planern und Machern, die das Spiel besser mitspielten, weil sie Realisten blieben oder wurden; je nach dem. Wer dächte da nicht an den Antipoden Jagger, der im Laufe der Zeit immer berechenbarer und langweiliger wurde. Jim plante weniger, er probierte mehr. Sein Masterplan hielt sich nicht mit lästigen Kleinigkeiten auf. Dass man als Profi sowohl vor als auch nach einem Auftritt Energien spart, im guten, alten Sinne also mit den Kräften haushält: interessierte ihn gar nicht. Die bekannte Szene am Klavier (Saratoga Springs anno 68) macht es deutlich: alle anderen wirkten irgendwie ruhig und gefasst, abwartend und sinnig weilend, ´haushaltend´ eben, er aber improvisierte unbekümmert, frech wütend an den Tasten; wie ein irres Kind. Ähnlich ´fickrig´ benahm sich übrigens auch Freddie Mercury vor und nach den Konzerten; gleichsam einer von denen, die ganz bewusst auf Verschleiß lebten, obschon er später, um die Qualität der Auftritte zu sichern, viel Sport trieb. Tat Jim anfangs ja auch, wie wir sahen. Bezeichnend, dass die erste ´richtige´ Tournee der Doors, geplant im Anschluss an das Konzert in Miami, gar nicht mehr zustande kam. Es kann nicht ausgeschlossen werden, das auch dies eine Rolle spielte, als er vor Ort ausrastete: vielleicht ahnte Jim, das er den gehäuften Verpflichtungen gar nicht mehr gewachsen sein würde und so zog er dann, auf eine für ihn typische Weise, die Notbremse.

Im Grunde war alles, was Jim auf der Bühne tat, experimentelles Theater, schöpfend aus einem reichen Fundus. Mal spielerisch und unberechenbar, dann wieder kühl kalkuliert und mit Raffinesse inszeniert, verließ er sich dabei auf einen ihm eigenen, sehr spezifischen Biorhythmus. Über weite Strecken eher sparsam agierend, von der Musik in immer neuen Schüben gepusht, gab Morrison im jähen Focus theatralischer Vollendung, den die Musik vorgab, jegliche Kontrolle preis; und seinen Gefühlen freien Lauf. Aufbrausend und aufbegehrend, unbändig platzend aus dem Mantel der Umhüllung, versteinert er rasch wieder. Jim hintertrieb so ganz trefflich alle möglichen Festlegungen, die er selbst in zahllosen Projektionen beschwor und der eigenen Gestalt zur Verfügung stellte. Bei den Doors gab es keinen zweiten Blickfang, Jim blieb der einzige. Alles konzentrierte sich zwangsweise nur auf ihn. Er wusste das genau.

Und doch wirkte der Mime bis zuletzt eher vorsichtig, kaum draufgängerisch; enthemmt nur in besagten, überfallartigen Augenblicken. Unwirsch meist, irgendwie angeödet und angeekelt, dann wieder seltsam geöffnet und erwartungsgeil, ständig auf der Lauer und auf dem Sprung, tastete er über weite Strecken die passenden Augenblick ab, fieberte er der kurzen Katharsis wie ein Verdurstender entgegen, dem selbst schon jede Kraft außer der allerletzten fehlt. In sich versponnen und verloren, gefasst aber im Ganzen und den verlorenen Posten stur haltend, hielt er heroisch Stand und Ausschau, wie denn sein Blick, oft glasig und übernächtigt, in der Ferne zu versanden schien. Während sich in seinem Innern mächtige Energien aufstauten, sah er, sieht man selbst nur etwas genauer hin, gerade in der grenzenlosen Weite, nach der ihn dürstete, den eigenen, entsetzlich geweiteten Abgrund, das Äon fürchterlichen Verlorenseins; von nacktkalte Schwärze umspannt. Noch der späte, nunmehr verhaltene Blick dessen, der sich überlebt hatte, verlor sich irgendwie darin. Er wirkte eben nur sehr selten gelöst oder entspannt, viel häufiger mürrisch und verhärtet, und zunehmend bedrohlich auch; geladen und gespannt wie die vielzitierte Bogensehne. Der ständige, oft gezwungen und dann wieder diabolisch wirkende Ernst, live so gut wie im ganzen Auftreten, von der Körpersprache bis in die sparsame, mürrische Mimik hinein: wurde von den andern in der Band zunehmend als Belastung empfunden. Als sie nach seinem Ableben für kurz zu dritt weitermachten, lösten sie sich erleichtert von eben dieser Last, die das gemeinsame Pfund gewesen war. Hierzu Manzarek, einmal sehr ehrlich und ohne umständliche Stilisierungs, – oder Rechtfertigungsversuche:“ Wir haben uns die letzten paar Jahre in dieser Düsternis bewegt, und nun kommen wir endlich ans Licht.“ Aber nach Jims Tod gingen die Lichter schnell aus, denn da war auch die Luft raus. Sowohl die Alben als auch ihre Auftritte floppten. Die anschließende Tour musste mangels Erfolg abgebrochen werden. Vor halbleeren Hallen auftretend, schrie ständig irgendjemand nach Jim. Etwas war eben, endgültig, zerbrochen. Mit den Scherben konnte keiner mehr etwas anfangen. Sie ließen sich zwar wieder aneinander fügen und verkleben, blieben aber Stückwerk ohne echte Rundung, Behälter ohne Seele – Wegwerfartikel ohne bleibendes Etikett.

When the music´s over, turn out the lights… 

Morrisons Bewegungen auf der Bühne blieben exzentrisch in einem äußerst eigenwilligen, schwer nachzuahmenden Sinne. Sie wirkten meist verschroben und exzentrisch, verrückt, befreiend und befremdend zugleich, oft ruckartig und überraschend im Vollzug, wie bei einer Maschine, die den Standby-Modus verlässt und mit unerhörter Kraftentfaltung aus der starren Verankerung schlägt, bevor sie in den statischen Urzustand zurückfällt, dem schon die nächste Entladung droht. Der Wechsel aus Fieberstarre und Erregung, Benommenheit und Unruhe, Zögerlichkeit und sprunghafter Entschlossenheit, Ballung und Explosion, vorwärtsdrängender Aktion und tief konzentrierter oder umnebelter Unentschiedenheit kennzeichnet den Zwiespalt also solchen, den er nie loswurde. Er wurde auch die Schüchternheit nie ganz los, die ihn wie eine sanfte Aura umhüllte, und im Anschluss an irgendeinen augenblicklichen Bewegungskollaps wirkte er oft peinlich berührt; wie einer, der sich am liebsten ganz schnell und unauffällig in Luft auflösen wollte. Meist in seltsamer Verkrampfung verhangen, schien er ewig und immer: abzuwarten. Gedankenvergessen und auf sein Ingenium vertrauend, bereitete er sich innerlich auf irgendeinen Höhepunkt vor, und die Kapriolen heftiger Entfesselung bestätigten den gesamten, klammheimlichen Vorlauf. Auf diese Art und Weise beschwor er so verzweifelt wie besessen eigene, innere Dämonen, bevor er wieder in den alten Dämmer, in fast komatöse Erstarrung verfiel. Geschüttelt am ganzen Körper, verausgabte er sich hier so abrupt und kurzatmig, als stürbe er tausend Tode in einem einzigen Augenblick, der ihn doch nicht erlöste. Standen sich in solchen Momenten nicht dauernd der sture, stocksteif verharrende Soldat und ein zum befreienden Tanz bereiter Dionysos gegenseitig im Wege? Jim mochte den Bühnenrand entlang stolzierend oder auf dessen Kantenvorsatz wie ein beschwipster Artist entlang balancieren, sich unter der Plattform verstecken um dumme Mädels herbei zu necken, seinen überspannten Körper wüst zu Boden werfen, plump absacken oder elegant zur Seite wegbrechen: allem haftete etwas zutiefst Unentschlossenes, ein Hauch Unbehagen und peinliches Berührtsein an. Manchmal wirkte er tatsächlich wie eine willenlose Marionette, von unsichtbaren und unverstandenen Mächten hin und her geworfen, und die Musik, mächtig aufbrandend, stellte den Kontakt her und besorgte ihm, durch dessen Leib die Stromstöße jagten, den letzten Rest. Vor allem Manzareks Orgelklänge, die noch in den ausufernden Passagen kompakt und kultiviert, raffinös und tänzerisch tönten, waren die ideale Begleitung: in ihrer an flirrend-fiebernde Kirmesnächte erinnernden, sehr diesseitigen Quirligkeit stellten sie den Kontakt zum Leben her.

Jims Tanzversuche. Langsam an Fahrt aufnehmend, locker lässig oder tattrig bis verquer, dann wie entfesselt auftrumpfend, rabiat und ruhelos, doch selbst dann noch in Resten verknebelt, ja verquält in den je verworrenen Bewegungen: hopste er so besoffenen wie bedeppert auf den oft viel zu kleinen Bühne herum. Trunken und entrückt also, rasend und doch einer inneren Stimme bis zuletzt gehorchend: so wollte er wohl – aus allen sichtbaren Bezügen und Zusammenhängen fallend – besagten Tanz des Dionysos aktualisieren, ohne ihm doch Form und Gestalt geben zu können. Ein Sufi ist aus diesem Derwisch nie geworden. Er blieb ein hilflos torkelnder Beatnik, der vor staunendem Publikum improvisierte statt zu brillieren, sich heillos auslebte und noch vor Ende der Show irgendwie auch überlebte, was als überlebensgroße Erscheinung in den Erwartungen der Menschen spukte. Zum Vorbild taugte er nie. Umso mehr stellte Morrison ein einladendes und zugleich abschreckendes Beispiel dar: bewundert und leidig nachgeahmt, begafft und bestaunt – nicht mehr und nicht weniger. 

Er blieb auf der Lauer und sein Publikum nicht minder. Was tät der irre Typ da oben wohl als nächstes? Was stellte er noch alles an? Darauf zielte Jims ganze Verzögerungstaktik. Die meiste Zeit hielt er sich am Mikro fest. Und wich sämtlichen Blicken aus, die ihn ohnedies nur streiften. Selten hat jemand auf der Bühne so ausdauernd muffig aus der Wäsche geschaut wie er. Meilenweit entfernt wirkte der Lizard King dann. Mitunter zog er ein paar Runden, auch und gerade privat übrigens. Solcherart über die Bühne schlendernd, demonstrativ unbeteiligt und dabei doch um maximale Präsenz bemüht, blieb er ein Solitär, der sich von den anderen bewusst abgrenzte, worin dann wieder dieser ganze elitäre Anspruch zum Ausdruck kommt, um den er sich so umständlich wie ausdauernd bemühte. Der ersichtlich hochmütige, die Welt verachtende Dandy glich in Wahrheit schon wieder dem verzweifelten Bürgersohn, der als Rebell doch nur die eigene Herkunft bestätigte. Wenn er während der Auftritte leicht gebeugt umher schlich, ähnelte er ein wenig dem müßigen Spaziergänger, der im langsamen Gang Leib und Seele schweifen ließ. Jim liebte lange Spaziergänge. Schon zu Beginn des legendären Auftritts in der Hollywood Bowl, im Juli 68, drehte er da oben seine Runden: übellaunig und wie ein Pistolenschütze. Mordlustig nach außen. Missmutig im Innern. Aber auch neckisch und zu Streichen aufgelegt. Mehrdeutig also; in der gewollten Wirkung. Im Grunde berührt sich diese Haltung mit dem im dritten Kapitel angedeuteten Erbteil: als einer Ernsthaftigkeit, die auf Entfesselung zielt. Jim war in der Performance der Regisseur eines Schauspiels, das dem Veitstanz zuneigte, oft aber in den vorbereitenden Ritualen stecken blieb. Beharrlich versuchte er es jedes Mal von neuem. Er war und blieb darauf bedacht, dem Chaos als Zeremonienmeister vorzustehen, die Zügel der Entfesselung also in der Hand zu behalten, und wenn er den Auftritt als solchen heiligsprach, dann tat er das, allem Dusel zum Trotz, bis zuletzt wachen Sinnes, aufmerksam und konzentriert, bei allem Kontrollverlust. Sozusagen: Rittmeister und toller Gaul in einem. Von seinem entlegenen bzw. ´entrückten´ Befehlsstand aus schickte er ein eigenes Heer Dämonen in eine Schlacht, von der jeder weiß, dass sie nie geordnet verläuft, fast immer in einem heillosen, grandiosen Durcheinander endet. Jim wusste, dass auch die Feier der Enthemmung einer ´unsichtbaren Hand´ bedurfte, eines Strippenziehers – des Regisseurs. Er selbst hielt diese unruhigen, feinen Fäden in der Hand, und entfesselte, dem Zauberlehrling gleich, Kräfte, die am Ende nicht mehr zu beherrschen waren.

My hands…how they move…balanced like lithe demons

So limitiert Morrison hinsichtlich seiner stimmlichen Möglichkeiten auch blieb: holte er im Ergebnis erstaunlich viel dabei heraus. Es haben sich Aufnahmen erhalten, auf denen Jims zerbrechlicher Gesang noch ohne jede Begleitung erklingt (vgl. Bird of prey u.a). Hier schien sich das Ereignis von Venice wiederholen zu wollen; als Zauber, den der Sänger sanft und selig beschwor. Seine Weise tönte solcherart ganz innig, schlicht und rein, jungfräulich fast und sehnsüchtig ohne Schmacht; wie ein rituelles ´Ständchen´. Tatsächlich folgte er, in Trance, einer nur ihm zugänglichen, eigenartig vergeistigten Melodie. Sinnlich ausufernd, mit transzendenter Duftnote, die ihren Überfluss so dankbar wie leichtfertig verströmt: fanden hier Melos und empfängliche Seele zueinander, wie denn der Eindruck entsteht, das Jim sich von der Muse an die Hand nehmen und führen ließ. Kann man sich ein schöneres Märchen träumen?

Jims Vortrag pendelte, über den Daumen gepeilt, wesentlich zwischen gediegener Ballade und grantigem Gegröle, welch letzteres recht eigentlich seine vokalen Grenzen überspielte; ein drittes Element bildete eine Art Sprechgesang, der seinen Launen und Eingebungen noch am ehesten entsprach oder entgegen kam. Seine Art zu singen war im Grunde, ich deutete es bereits an, reine Deklamation. Der ganze Vortrag, bis in kleinste Besonderheiten der Betonung hinein: blieb echtes Schauspiel – mehr Ausdruck denn reiner Gesang. Er spielte mit den Worten, in Tonfall und Gebärde, rang um Nuancen, Details und maximale Strahlkraft. Er verkündete so mehr als das er vortrug, und sein Gesang glich oft einer Beschwörung, ja einem Gebet. Die Anrufung finsterer Mächte war zugleich eine Einladung an alle, ihm zu folgen. Der spielerische, um spontane Einfälle nie verlegene, auf dramatische oder auch komische Effekte zielende Umgang mit Worten erfuhr, in Gesang übertragen, eine Art Salbung. Selten hat jemand, der so ´schlecht´ als Sänger ist, so überragende Wirkung erzielt. Etwa in Gloria, wo er solcherart fast schon parodistisch verfährt und dennoch bedrohlich wirkt. Er setzte sich auch so über das Gewohnte, eben: über das, was man eigentlich erwartete, trefflich hinweg. Und doch hat er, als ´Crooner´, auch auf der konventionellen Saite gespielt. Die Balladen und Liebeslieder der Doors hätten Dean Martin oder Frank Sinatra kaum schwülstiger vorgetragen. Der hauchdünne, zerbrechliche Bariton, über den er nur verfügte, tönte in den leichten, luftigen Passagen erstaunlich wohlklingend, breit und getragen, während er entlang der brachialen Brunftorgien vulgärer und verfemter kaum rüber kommen konnte. Hier verlor sich die Stimme auf angenehme, fast erlösende Weise; dort schien sie, schrill und schrecklodernd, so grantig wie grunzend, ums eigene Überleben zu kämpfen. Sie gab auch vor, töten und trächtigen, hexen und herrschen zu können. Sie spielte einmal mehr mit den Gegensätzen, wie denn im Wechselspiel aus Konvention und absurdem Theater der Ausdruck, über den er verfügte, stets an die eigenen Grenzen kam. Damit überraschte und irritierte er das Publikum.

Auch live tat er einiges, um die Leute zu verstören. Die Mischung aus Kalkül und Entfesselung verfing stets aufs Neue. Daher auch die oft langen, inszenierten Pausen, denen zwangsweise der entfesselte Überhang folgte, als gewünschte, sozusagen von langer Hand vorbereitete Überzeichnung. Das Publikum fieberte mit, und er riss sie dann auch mit. In der Singer Bowl geriet ihm eben dies aus dem Ruder, wie er später selbst hat zugeben müssen. Aber auch dort spielte Jim, bewusst oder nicht, den Kommandeur – den Rattenfänger. Er kommunizierte auf ganz andere Art mit den Leuten, als das vorher noch der Fall war oder heute wieder ist. Eher diskret, selten direkt. Dann aber richtig. Verdeckt operierend, schlug er im passenden Moment einfach zu. Meist hatte es den Anschein, als sei die Kluft zwischen ihm und dem Publikum unüberwindlich. Und doch war die Verständigung dann, trotz des Eispanzers, der den Lizard King umgab, in den passenden, sorgsam inszenierten oder spontan erzwungenen Momenten viel direkter und unerbittlicher als üblich. Als einer der ersten sprang er, in den Augenblicken äußerster Erregung, ins Publikum, um die Bestie zusätzlich zu reizen. Auch hier ging es darum heraus zu finden, wie weit man überhaupt gehen konnte. Die Live Konzerte lebten vom Improvisationstalent dessen, der keine Rücksichten mehr nahm und folglich weder sich noch das Publikum schonte. Ergänzend kam ihm hier ein Handwerk helfend ins Spiel, das er selbst so wenig beherrschte: das des Filmemachens. Jim veranstaltete auf der Bühne ein Theater, dessen glücklichste Momente wohl für immer verlorene gegangen sind, in Resten immerhin auf Zelluloid gebannt werden konnten und so erst recht und endgültig den späteren Ruhm begründete. Die filmischen Mitschnitte kulminierten anno 68. Zum passenden Zeitpunkt also. Weder vorher noch nachher hat er eine solche Präsenz entwickelt wie hier. In ihren stärksten Augenblicken gebar sie eine Überzeugungskraft, der sich kaum jemand ernstlich zu entziehen vermochte.

Was freilich ist das eigentlich: Präsenz? Man spricht in diesem Zusammenhang von Raumverdrängung oder der Anziehungskraft einer starken Persönlichkeit, aber das sind eigentlich nur Effekte, diverse Wirkungsgrade; kaum mehr. Was sich tatsächlich dahinter verbirgt, eben: indem es präsent ist, einen inneren Kreis bildet und aus Untiefen schöpft, vermag niemand wirklich zu sagen. Der Begriff bleibt vieldeutig, vage – schillernd. Dazu passt, dass  Anspruch und Wirklichkeit auch im Genialen oft weit auseinander gehen. Der Produzent Walter Saxer hat, im Blick auf den zur Raserei neigenden Schauspieler Klaus Kinski, ganz gut beschrieben, was dessen Präsenz ausmachte. Wenn Kinski am Set erschien, so Saxer, habe augenblicklich eine echte Hochspannung geherrscht, der Zwang zur unbedingten Konzentration, deren auch nur geringfügigste Beeinträchtigung oder Störung den Meister auf der Stelle fuchsteufelswild gemacht habe. Jener erzeugte also, kraft seiner Anwesenheit, eine bis zum zerreißen gespannte Atmosphäre: so gebieterisch und absolut im Anspruch, das jedem der Atem stockte, nicht erst, wenn der Entladung die Gewittereinschläge folgten. In seinen stärksten Momenten vermochte das auch Morrison, alles schien überhaupt nur auf diese ekstatischen, letzthin erlösenden Momente hinaus zu laufen, wenn er etwa krachend zu Boden stürzte oder wie ein Berserker brüllte. Im Blick auf solcherlei fest eingeplante, rar gesäte Höhepunkte wirkte alles Übrigen nur wie ein einziger, sich unheilvoll verschärfender Übergangsmoment, der doch immer den größten Teil der Show ausmachte. Gnadenlos und unerbittlich wirkte Jim, wie wir feststellten: fast immer. Eben: ungemein präsent. Er nahm es, wie wir sahen, ungemein ernst, doch sehr im Unterschied zu Kinski bedurfte er, um schöpfen zu können, eher einem Stimmungsgewölk, das im Diffusen, im Unbestimmten zur Entladung dräute.

Bei der Arbeit benötigte Morrison im Mindesten den Anschein absoluter Freiheit. Die wenigen erhaltenen Aufnahmesessions beweisen das so gut wie alle verfügbaren Konzertschnipsel, wo er stets unwillig beginnt, oder gleich mit einem Paukenschlag, von dem er sich dann erst wieder langsam erholen muss. Ins Bodenlose stürzend verlor sich der Mann, musste er sich sammeln und sortieren, um erneut an Fahrt aufnehmen zu können, indem er sich von der Musik entweder mitreißen oder einlullen ließ. Wie eingeschläfert wirkte er dann, während sich im Innern der nächste Aufruhr ankündigte. Man vergleiche solche ´Rituale´ mit den schon damals auf maximalen Eindruck getrimmten Darbietungen James Browns, der gar nichts mehr dem Zufall überließ und so von Anfang bis Ende besagte Präsenz weniger beschwor, mehr unnachgiebig behauptete. Die heutigen Exzesse digital aufgemotzter Live-Spektakel haben mit diesem Ansatz einiges gemein und zwingen den Akteur, der Perfektion begleitender Technik irgendwie zu entsprechen, halbwegs mitzuhalten, also: im Wettlauf um künstliche Hypertrophien mitzuhalten – einholen kann er sie doch nicht. Wie denn Jims eher freie, den Assoziationen des Augenblicks verpflichtete Performance insofern altmodisch und überkommen anmutet und zuletzt wohl noch am ehesten den Entgleisungen Kurt Cobains ähnelte, der sich in seinen besten Momenten auf der Bühne förmlich selbst hinrichtete. Alles oder nichts. Jim hielt die in seinem Innern rumorenden Poltergeister lange zurück, sie ließen sich sozusagen umständlich oder auf Anhieb bitten, und sie rissen ihn dann mit sich fort, für den Moment, der alles zu besiegeln schien. Die eingangs beschriebene Szene aus der New Yorker Singer Bowl beweist es.

Kaum drei Jahre später entstehen in Paris letzte Aufnahmen eines sehr müde gewordenen Vorruheständlers, der wie ein harmloser Tourist durch die Metropole schleicht und dessen fast gutmütiger Gesichtsausdruck so etwas wie altersweise Milde zu spiegeln scheint. Die Jahre des Ruhms waren nur noch eine ferne, gebrochene Erinnerung.

Time has claimed you, coming for you…

Über Shanto Trdic 127 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.