Alexandra Les émotions fortes

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für Jadwiga

Dévotion Appropriée

 

„Trägt Natur auf allen Wegen,

einen großen, ew´gen Schmerz,

den sie mir als Muttersegen

heimlich strömet in das Herz?“

NIKOLAUS LENAU

 

„Und Liebe, die sonst kommt und stirbt

in Schmerzen, nahm sie nicht teil an ew´ger

Seligkeit, als Götterherz verschmolz mit

Menschenherzen?“

LORD BYRON

 

„Es weht von Gestirnen ein schneeiger

Wind durch dein Haar…

…dunkle Lieder singt dein purpurner

Mund in mir…“

GEORG TRAKL

 

„Stolzer ward und edler das Verlangen,

als mein Geist der Liebe Kraft erschwang,

Myriaden wähnt ich zu umfangen,

wenn ich Liebe, trunken Liebe sang.“

FRIEDRICH HÖLDERLIN

 

„Oh meine Seele, ich verstehe das Lächeln deiner

Schwermuth: dein Über-Reichthum selber streckt

Nun sehnende Hände aus! Deine Fülle blickt über

Brausende Meere hin und sucht und wartet; die

Sehnsucht der Über-Fülle blickt aus deinem

Lächelnden Augen-Himmel!“

FRIEDRICH NIETZSCHE

 

ENTRÉE

Vorweg: auch Alexandra gehört zum Club 27. Doch findet ihr Name, in diesem Zusammenhang, keinerlei Erwähnung. Sie ist auch nicht die einzige, der man, trotz passender Zahl, den Zutritt zum Allerheiligsten verwehrt, weil offenbar das ´Anforderungsprofil´ nicht stimmt. Schon der legendäre Flavius Scorpus, von den Massen Roms umjubelter ´Superstar´ im Circus Maximus, starb den Heldentod mit siebenundzwanzig Jahren. Wer kennt ihn noch, wer weiß davon? Im nämlichen Alter trat auch der Maler August Macke als Held von der Weltbühne ab. Damals ´raste´ sie gerade wieder, diese Welt. Macke fiel im ersten Weltkrieg in der Champagne; ganz früh, da war die Front noch in Bewegung. Sicher: sein Werk hat sich bis heute behaupten können, doch bleibt auch dieser Künstler eine Randfigur; ein Fall für Kenner, Spezialisten und Liebhaber. Die ihrerseits, als Hoheiten eines krampfhaft aufrecht erhaltenen, im Grunde abgelebten ´Kulturbetriebs´ unbekümmert aussortieren, was nicht in ihren Klüngel passt.

Der Kult um die Siebenundzwanzig duldet gleichsam keine Außenseiter. Das uniforme Etikett haben die Ramschverwalter und Resteverwerter des schlechten Geschmacks längst ihren auf öde Allgemeinplätze und pseudo-heroische Verrenkungen zurecht geschwurbelten Lieblingen verpasst; zuletzt vor allem Kurt Cobain und Amy Winehouse, deren Erdenwallen in den handelsüblichen Formaten zeitgeistigen Zuschnitts Massenkompatibel ´erledigt´ wird. Solcherlei ´Würdigung´ ist den meisten der ´Mit-27er´ abzüglich gewisser Jubiläen, mittels derer man sie nicht minder gebrauchsfertig herunterhandelt, immerhin erspart geblieben.

Par exemple: Im magischen Alter starben auch der eingangs zitierte Georg Trakl und Alan Wilson, Mitglied von Canned Heat. Diese beiden mögen, abschließend, als Beispiele genügen, um eine Verwandtschaft aufzuzeigen, die einen bestimmten Menschenschlag nachträglich eint und adelt, ehrt und achtet.

Alan Wilson verschied am dritten September des Jahres 1970: gut einen Monat vor Janis Joplin, während Jimi Hendrix ihm bereits knapp zwei Wochen später folgte. Erinnert: nachdem Brian Jones, den die kulturexekutiven ´Deutungshoheiten´ zum ersten Clubmitglied machten, ein Jahr zuvor das Zeitliche segnete (im selben Monat wie Alexandra, übrigens), starben mit Jimi, Janis und Jim (Morrison) genau diejenigen Stars moderner Unterhaltungsmusik, denen schlussendlich die kuriose Hype zu danken ist, von der geraume Zeit später umfänglich Gebrauch gemacht wurde. In diesen Kontext gehört, recht eigentlich, auch Wilson hinein. Der huschte nämlich, wie die ´Bannerträger´, im passenden Zeitraum so jäh wie unvermittelt in öffentliche Erscheinung; nur eben nie als Blickfang oder ´Star´. Im Auftreten eher schüchtern und verstohlen, blieb der pummelige, wie ein verkrachter Oberschüler wirkende Einzelgänger stets abseits jeden Trubels, den der kommerzielle Durchbruch mit sich brachte. Gleich dem tragisch düsteren Trakl, dessen schwer verständliche, dunkel raunende Verse am Anfang der europäischen Urkatastrophe stehen, plagten auch ihn Zustände schwerster Depressionen. Wilson erlag schließlich einer Überdosis an Barbituraten, Trakl nahm in seiner Verzweiflung zu viel Kokain, doch hatte er schon zuvor mit zahlreichen anderen Rauschmitteln Bekanntschaft geschlossen. Joplin, Hendrix und Morrison lassen grüßen: auch und gerade hier deckt sich das ´Anforderungsprofil´. Die ´dämmrige´ Musikalität Traklscher Verse lässt sich ganz gut mit denen des Pop-Poeten Morrison vergleichen. Der Songschreiber der Canned Heat lebte, gleich Janis oder Jimi, recht eigentlich nur für die Musik. Das galt im Grunde auch für unsere Heldin.

Alan Wilson war im praktischen Leben ziemlich unbeholfen und im Ganzen konsequent weltfremd. Einer von der Sorte, die ständig irgendwelche Dinge verlegten und dann nicht wiederfanden. Er lebte ganz in seiner eigenen kleinen, großen Welt, dieser schrullige, versponnene Kauz; als jemand, der die Natur liebte und den Umgang mit Menschen möglichst mied. In Phasen manisch euphorischer Befreiung schuf er seltsam entrückte, sehr einfach gehaltene und doch alles andere als einfältige Songs, denen keinerlei Schwere oder Last mehr anzumerken war. Schwerblütig veranlagte Menschen empfinden die Leichtigkeit des Seins in den seltenen Momenten, da sie ihrer teilhaftig werden, wie eine Erlösung, die an Widergeburt grenzt und das Unsägliche spiegelt. Hier kommt auf sehr schlüssige Art und Weise der kosmogonische Eros zu seinem Recht. Er begünstigt echte Ausnahmezustände, die alle herkömmlichen Varianten unbeschwerten Empfindens weit in den Schatten stellen. Wilson dünne, glockenhelle Stimme jubilierte förmlich in seinen Liedern und drohte jeden Augenblick am kastratenhaften Falsetto zu zerbrechen, das ihm so Engelsgleich eignete. Alexandra aber sang, als verlöre sich ihre wohltönend tiefe Stimme in den Abgründen tiefer, von glutvollen Dämmerungen umwölbter Nächte. Das ´Prinzip´ Schwermut klang, als Sehnsucht, noch in den heiter und beschwingt klingenden Preziosen ihres Oeuvres kraft eines ungemein bezwingenden, sehr präsenten stimmlichen Ausdrucks an, mit dem sie für kurze Zeit die Welt verzauberte. Wilson erklomm, einer Putte gleich, die himmlischen Hochlagen; die Sängerin suchte, immer wieder, Schattenreich und Zwielicht, Abendrot und Tod auf. Daneben oder dazwischen: blieben oft nur Leere, Trübsal, Trauerflor.

Alexandra war sich stets darüber im Klaren, eine Ausnahme ersten Ranges darzustellen. Das hieß vor allem: tiefer zu fühlen als die meisten derer, mit denen sie sich irgendwie auseinander zu setzen hatte, um auf der Karriereleiter voran komme zu können. In den Adern dieser Temperamentvollen Frau pochte zeitlebens das slawo-hispanische Blut eines geborenen Gemütsmenschen, dessen unruhiges Herz sich nie auf Dauer beruhigen lässt. Ihr ganzes Wesen rührte daher. Immer wieder von Zweifeln und Ängsten geplagt, ahnte sie früh, dass es ein kurzer Weg sein werde, den ihr das Schicksal auferlegt. Immerzu Rast, – und Ruhelos: vollbrachte diese Frau alles in kaum mehr als zwei Jahren. Auf diese kurze, knappe Spanne zielte alles ab; und wie ein Wirbelsturm hindurch.

Alexandra starb, wiewohl am Ende von Medikamenten abhängig, nicht an Drogen oder von eigener Hand, sondern mit rasender Geschwindigkeit – sozusagen: auf der Überholspur – im eigenen Auto. Sie übersah, scheint heute fest zu stehen, ein Stoppschild. Hans R. Beierlein, Manager und zeitweiliger Lebensgefährte der Sängerin, äußerte der Presse gegenüber:“ Alexandra war eine schlechte Autofahrerin. Einen Tag vor dem Unfall saß ich noch bei ihr im Wagen. Ihr Fahrstil war so gefährlich, dass ich ausstieg, weil ich Angst bekam.“ Das passt fatal zum eigenen, ständig beschleunigten und endlich zu spät ausgebremsten Leben. Es entbehrte allenthalben der Vorsicht: einer Verkehrskonformen Umsicht, die Unfälle vermeidet, statt sie zu provozieren. Obacht und Geduld zählten nicht zu den Stärken einer Frau, die weder sich noch andere schonte, alles der künstlerischen Laufbahn opferte und dabei unablässig gegen eine viel zu kurz bemessene Zeit ankämpfte.

Rasend schnell im Vollzug dessen, was man Karriere nennt, blieb auch sie im Alltäglichen: Amateur. Gerade hier fehlte ihr das passende ´Händchen´, die Übersicht – der wache Blick. Und, wie billig: der Sinn für Realitäten, deren Diktaten sie sich auf Dauer nicht unterzuordnen verstand. Sie lebte, ganz ihren Manen verschrieben, recht eigentlich nur in der eigenen, durch nichts ins Unrecht zu setzenden Welt aus Wünschen und Träumen, Sehnsüchten und Melancholien. Solche Menschen meiden das bloß Triviale, so es sich nicht ´wenden´ lässt. Einzig im Außergewöhnlichen finden sie, für kurz, Erfüllung. Darauf will alles hinaus; dafür leben, dafür sterben diese Auserwählten, denen das Wissen um die eigene Sonderstellung nicht selten zum Fluch wird. In ihren Partnerschaften und Beziehungen suchen sie nach Ruhe und Geborgenheit, als Ausgleich zum überlebensgroßen Schicksal, das sich doch mit keiner heilen Welt versöhnen lässt. Auch Alexandra verzehrte sich nach dem stillen, einfachen Glück; und fand es einzig in den wenigen kostbaren Augenblicken, von denen ihre Kunst ein Lied zu singen pflegt. Immerzu getrieben, sehnte sie sich doch nach Ausgleich und Befriedung, die ihr auf lange Sicht versagt blieben. In den engen Grenzen behaglicher Zweisamkeit hielt sie es nie lange aus. Eine ständige innere Unruhe beherrschte ihr Wesen; bis zuletzt. Sie steht für einen Typus, der sich in seiner Flucht nach vorn rasch verrennt und endlich verliert; der stets zu viel auf einmal will und am Ende mehr empfängt als er verträgt. Schon weiland Hölderlin sah die Gefahr, und das Rettende auch:“ Zu viel begehrt das Herz; doch endlich, Jugend, verglühst du ja, du ruhelose, träumerische! Friedlich und heiter ist dann das Alter.“ Ein solches Alter ist weder ihm noch unserer Heldin beschieden gewesen. Der Dichter dämmerte als Greis nur noch in anämischer Abwesenheit dahin; die Sängerin verstarb im blühenden Alter; auf einer öden Landstraße im Norden der Republik.

Über Doris Nefedov, die als Alexandra in die Schlagergeschichte eingegangen ist, sind bisher nur Referate in Form handelsüblicher Verkürzungen und Verallgemeinerungen erschienen, die sich größtenteils am Zeitgeist und seinen Banalitäten orientieren, entlang allzu gängiger Erklärungsmuster, deren Holzschnittartige Serienprodukte den abgegriffenen Allerweltlichkeiten austauschbarer Anschauungen entsprechen. Die stets ehr, – und achtbare, möglichst lückenlose Auflistung sämtlicher Stationen des Lebens, in Form der sattsam bekannten, oft erschöpfend langatmigen biografischen Erfassung, kennzeichnet die meisten solcher Bemühungen. Sie liefern aber allenfalls eine Art Skelett, das nicht einmal die Außenhäute der Gestalt streift. Wie achtbar auch immer derlei Ansätze sind und bleiben: verrennen und verzetteln sich die Spezialisten in der peniblen Aufarbeitung einzelner Begebenheiten gern im Detail und verlieren dabei das lebendige Wesen aus dem Auge. Seine Erscheinung allein aber rückt, füglich eingefangen, die ermittelten Befunde erst ins rechte, ins bezeichnende Licht. Freilich: wird auch diese Betrachtung den Lauf des Lebens nicht außer Acht lassen können, der als Einstieg unentbehrlich bleibt und die Zusammenhänge zwischen Umwelt und Anlage, Mensch und Geschehen aufzeigt, ohne sie in alle ihren Verwicklungen erschöpfend nachverfolgen zu können.

Schon Goethe wusste:“ Alles geben die Götter, die Unendlichen, ihren Lieblingen ganz, alle Freuden, die unendlichen, alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.“ Plautus:“ Quem dei diligunt, adulescens moritur – wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben.“ Mag die früh Verschiedene auch nicht mit einem Club in Verbindung gebracht werden, der Einlass nur einer Handvoll für würdig erachteter Märtyrer des Pop und Rock Zirkus gewährt: ihren Ruhm mindert das mitnichten.

Jetzt, im Mai dieses Jahres, wäre die Magierin der leichten Muse achtzig Jahre alt geworden. Ist es da nicht endlich an der Zeit, einmal den Menschen selbst zu befragen, der hinter allzu griffigen Allgemeinplätzen verschwand, die sich passend zum Jubiläum wie schlechte Tiefkühlkost auftauen lassen? Alexandra klagte schon zu Lebzeiten: „Ihr alle kennt mich nicht wie ich wirklich bin. Ihr alle kennt nur einen kleinen Teil von mir. Ihr seht nur das, was ihr sehen wollt, ihr seid blind.“ Doch hat sie selbst schon darauf achtgegeben, dass man ihr nicht allzu nahe träte, zu sehr auf die Schliche käme. An ihr ´Allerheiligstes´ ließ sie doch niemanden heran. In der Liebe? Vielleicht. Dann war sie verletzlich wie ein kleines Kind und außer sich vor Glück. Bis das Glück wieder zerbrach. Ihr ganzes Leben: lebte davon. Alles Übrige war, jenseits dieser ´Erträge´, nur Mittel zum Zweck. Und von Umständen geprägt, die irgendwie mit dem Gesamtkonzept wenn schon nicht in Einklang, so doch in eine Art Einvernehmen gebracht werden mussten. Hier berühren wir die Tragik eines solchen Menschen. Denn dieser lebt recht eigentlich immer auf Verdacht.

Seine zahlreichen, einander ergänzenden oder beißenden, meist allzu extremen Gefühlslagen, zeugen vom Kampf; von den Zerreißproben, denen er am Ende fast immer erliegt. Mal empathisch und entgegenkommend, herzlich und vor Überschwang Purzelbäume schlagend, dann wieder kühl und abweisend, und oft genug abwesend, wie in Träume versunken, sodann gehetzt und nervlich am Rande eines Zusammenbruchs: fand Alexandra nie den inneren Ausgleich, der freilich immer auf Kosten einer Kunst geht, die das Füllhorn bis auf den letzten Rest verausgabt. Eine Ahnung davon, nie wirklich ankommen zu können: mag sie gehabt haben. Etliche ihrer Aussagen deuten es an.

Wie besessen arbeitete Alexandra denn auch an der eigenen Karriere, hinter der alles Übrige zurückstand. Mit Gaben überreich gesegnet, verzehrte sie sich im Überschwang einer Jugend, die alles will, und möglichst sofort. Damit überschätzte auch sie ihre Möglichkeiten und zahlte den entsprechenden Preis. Von den eigenen Emotionen hin und hergerissen, sank sie später immer öfter, müde all der Aufregung, in Zustände quälender Ungewissheit, die ihr Gemüt verdüsterten. Aus denen sie sich umso verzweifelter wieder heraus ackerte. Immer noch vom Ehrgeiz getrieben, wurde sie zunehmend launisch, unzuverlässig – fahrig. Andererseits konnte diese Frau im Umgang sehr charmant und gewinnend sein, schlagfertig und keck; ironisch auch und ´Mutterwitzig´ obendrein. Als Künstlerin verstand sie es, ihr Publikum zu begeistern, zu fesseln. In allem verriet sich besagter Gemütsmensch; die an Gefühlen leidende und Kraft eigener Herrlichkeit auch immer wieder bis zur Neige frohlockende Kreatur, deren Überschwang in nächster Nähe zur tieftraurigen Ernüchterung oszillierte.

Alexandra war in der Verfolgung und Durchsetzung ihrer Ziele so hartnäckig wie unerbittlich; nach Kräften konsequent und kompromisslos. Auch und gerade sich selbst gegenüber. Ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit: gab sie alles, bis zuletzt. Wie im Rausch große Gefühle weckend und verausgabend: verzehrte sie sich selbst dabei. Über alle Schatten hinweg: drängte ihre dunkel darbende Seele zum Licht. Und, wie billig: in Richtung Rampenschein und Glamour. Glanzvoll denn auch die eigene, sorgsam in Szene gesetzte Erscheinung. Das Geschäft gab die entsprechenden Posen vor, doch jenseits austauschbarer Attitüden, Manierismen und Mokanzen, die oft der Verlegenheit entspringen und immer auch dem Selbstschutz dienen, begegnet uns, sehen wir nur genau und geduldig genug hin, immer wieder eine sehr vieldeutige, unendlich komplizierte, und doch in Momenten glücklichen Ausgleichs sehr natürliche, stimmig vitale Gestalt, die als Person ihr Geheimnis nicht leicht preisgeben wird.

Je großzügiger die Befunde, umso rätselhafter der Zusammenhang selbst. An dem im Folgenden allenfalls gerührt werden wird, denn ganz erschließen lässt er sich nicht. Die in diesem Entree angerissenen Besonderheiten werden im Folgenden immer wieder, je nach Schwerpunkt und Bedarf, betont bzw. bekräftigt, mitunter beschworen werden. Im Letzten bleibt das Leben unserer Heldin vieldeutig und verworren, und wieder sehr einsichtig und konsequent: entlang gewisser Koordinaten, die den Verlauf kennzeichnen.

Stations d´une vie

Die Alexandra Story beginnt im Memelland, eine infolge politischer Irrungen und Wirrungen unselig zerrissene und bedrohte Kulturlandschaft Ostpreußens, deren in der kalten Jahreszeit melancholisch anmutende Senken und Lagunen, verödete Äcker und karg lieblichen Feldmatten schon entfernt die Weiten der asiatischen Steppen vorwegzunehmen scheinen. Im beschaulichen Heydekrug, unweit der kuhrischen Haff, kam Alexandra alias Doris Wally Treitz am 19. Mai 1942 zur Welt.

Sie stand schon lichterloh in Flammen, diese Welt. Das Höllenfeuer näherte sich bedrohlich der Heimat, die für diesen Menschen keine dauerhafte mehr werden sollte. Flucht und Vertreibung ließen nicht lange auf sich warten. Die kleine Doris war gerade einmal zwei Jahre alt, als ihre Familie im Oktober 1944 vor der anrückenden roten Armee ´ausrückte´; ohne den Vater, der zum Volkssturm abkommandiert wurde. Ein halbes Jahr lang irrten die Frauen der Sippe umher, allen Entbehrungen und Gefahren zum Trotz, bevor im schleswig-holsteinischen Kiel ein fester Anker ausgeworfen werden konnte. Vater Treitz, zwischenzeitlich in Gefangenschaft geraten, stieß nach Kriegsende wieder dazu.

Man pflegt Umstände wie diese als ´anomal´ zu bezeichnen. Uns Nachgeborenen hat sich das Bild der mit Sack und Pack beladenen Wagentrecks eingeprägt, deren öde Kolonnen in trägem Gleichmut westwärts zogen. Frage: was bekommt ein seiner selbst gerade erst bewusst gewordenes, ganz den erwachenden Instinkten gehorchendes Wesen Mensch von den Sorgen und Nöten der Älteren mit, deren Wohl und Wehe auch über das eigene Fortkommen entscheidet? Spürt ein solches Leben, wie hinfällig und zerbrechlich es ist? Kinder sind neugierig und träumerisch zugleich; sie schlafen viel und nehmen das, was um sie herum passiert, ungleich wacher, intensiver – stets ungläubig staunend auf. Traum und Wirklichkeit bilden in dieser Phase der Menschwerdung noch eine schwer auszulotende Einheit. Wie hat, so darf gefragt werden, die kleine, phantasiebegabte Alexandra erlebt, was den Erwachsenen leidig Mühsal und Entbehrung war? Ständige Todesgefahr, in ständig wechselnder Umgebung: blieben an der Tagesordnung.

Das Chaos der Kriegs, – und frühen Nachkriegszeit prägte ganze Völkerschaften. Ob arm oder reich, alt oder jung: der totale Krieg verschonte kaum jemanden. Auch die gerade erst im Leben ´angekommenen´: gerieten in den tödlichen Wirbel hinein. Und alle auf je eigene Weise. Hier stoßen wir schon auf eine wesentliche Grenze reinen Erkennens: Alexandras Generation ist ´auf wackeligen Kindesbeinen´ durch den Furor, durch die Hölle Krieg hindurch gegangen; und bis in die Untiefen ihrer Existenz von einer Atmosphäre geprägt worden, die sich kein Nachgeborener begreiflich machen kann. Die näheren Umstände sind bekannt und häufig genug beschrieben worden, doch wird uns und ihnen, den seinerzeit ganz Jungen, stets ein Rätsel bleiben, wie sich besagte Anomalie auf ihr weiteres Leben auswirkte. Einmal mehr erscheint die Existenz jedes Einzelnen als dunkles Geheimnis, das nicht einmal flüstern mag, wovon es weiß…

In der nun folgenden Lebensphase blieb der Ernst des Lebens gegenwärtig; gleichzeitig entspannten sie die Verhältnisse deutich. Man war ´angekommen´. Die frühen Jahre des Kleinkindes gründeten im bescheidenen Rahmen, den die damaligen Ankömmlinge und Exilanten in der Fremde ohne murren zu akzeptieren hatten. Grundsätzliche Entscheidungen mussten getroffen werden, nebst derer alles Übrige als Luxus erschien und dementsprechend zurück stand; kaum je in den Blick geriet. Das blieb der Hoffnung aufgespart. Die Vertriebenen lernten, in der neuen Heimat Fuß zu fassen, den Anforderungen des täglichen Lebens genügen. Man fing ziemlich weit unten und überhaupt ganz von vorne an; den meisten gelang das dann auch. Fleiß und Bescheidenheit kennzeichneten den Anfang nach überstandener Katastrophe, die fortan füglich verdrängt wurde. In der Gewissheit, noch einmal davon gekommen zu sein, das Gröbste hinter sich gebracht zu haben, fanden die Entwurzelten langsam wieder zu sich selbst zurück. Eben noch der Wirrsal des Krieges ausgesetzt, strebten diese Menschen nun, mehr denn je, nach berechenbaren, verlässlichen Verhältnissen, nach Ruhe und Ordnung, kaum mehr. Es war das Alte, Hergebrachte, ehedem Verlässliche: dem ihre bescheidene kleine Sehnsucht galt. Zustände wie vor dem Krieg.

Was wiederum den Kleinsten zugutekam, die in dieser Obhut laufen lernten. Sie sollten es einmal, wie billig, besser haben, und zwar im herkömmlichen Rahmen. Einen anderen kannten die Alten nicht. Es waren denn auch diese engen Grenzen bürgerlicher Beschaulichkeit, die allzu überschaubar blieben und den Wunsch nach Ausbruch und Freiheit weckten. In der aus heutiger Sicht spießigen, sparflammenden Obhut wuchs die Sehnsucht der seinerzeit Jungen. Mit der alten Welt war auch eine alte Ordnung untergegangen, die sich bald nur noch über nostalgische Anleihen reaktivieren ließ. In allem lag schon ein leiser Abschied. Das Lebensgefühl einer ganzen Generation wandelte sich unmerklich und wich langsam einer Moderne, die weite Teile des Lebens völlig neu gestaltete. In dieser Atmosphäre des Übergangs, da sich das Überlebte noch einmal behauptete und leidig hielt, wuchs Alexandra auf.

Kleine Kinder entdecken, kaum flügge, die große weite Welt mit großen weiten Augen. Da ist alles neu und aufregend, und nichts gleicht dem andern. Je energischer dieses kleine Bündel Mensch veranlagt ist, umso intensiver vollzieht sich die spielerische Auseinandersetzung mit einem Leben, dessen Eigentümlichkeiten noch nicht zu bloßen Gewöhnlichkeiten verkommen sind. Ihr Temperament hatte die kleine Nefedov beträchtlich von der Mutter Wally und deren eigener vererbt bekommen; die Tante Hildegard hingegen wird uns als verständnisvoll und sensibel beschrieben. Dieser fühlte sich das Mädchen denn auch im Besonderen verbunden, ihr vertraute sie noch später allerlei Sorgen und Nöte an. Wally wiederum, künstlerisch begabt und vor allem am Klavier excellierend, hatte schon in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts das wilde Berliner Nachtleben genossen. In der Spree-Metropole absolvierte sie eine Kunstgewerbliche Ausbildung. Diese Frau soll großartig Geschichten erzählt haben können. Ihr ähnelte die Tochter auch äußerlich sehr, dem Vater eher weniger. Dieser, ein Jurist, war gleichsam künstlerisch nicht unbegabt, spielte vorzüglich Querflöte und liebte die Natur. Die älteste Schwester Alexandras, Melitta, galt als wortbegabt, still und verträumt; die Mittlere, Marianne, trat ungemein selbstbewusst und frech auf; ein Phantasiebegabter Wirbelwind. Sie malte leidenschaftlich gern. In Melitta und Marianne haben wir, im Grunde, die ganze Alexandra beieinander.

Früh kam das verwöhnte Nesthäkchen zur Musik und auch zur Schauspielerei, die ihre heimliche Leidenschaft wurde und bis zuletzt auch blieb. In einer Schulaufführung vom ´Schneewittchen´ war die Jüngste der Nefedov Schwestern auch der kleinste der Zwerge. Ihre Mutter bestärkte sie darin, Klavier zu spielen. Außerdem sang sie im evangelischen Kirchenchor schon damals die tiefe dritte Stimme. Ihre Zeichnungen wurden in den Vitrinen der Schule ausgestellt und in kyrillischer Schrift signiert. Früh entdeckte sie ihre Liebe zur russischen Sprache. Wie der Vater war auch Alexandra ganz versessen darauf, Tiere in freier Wildbahn zu beobachten. Sein eher um Ausgleich bemühtes Wesen divergierte indes deutlich zu dem der Tochter, das immer wieder der Auseinandersetzung bedurfte. Gleich der ältesten Schwester, ihrer Mutter und der Großmutter konnte sie forsch, aufmüpfig und anstrengend sein. Gern trieb sie andere mit ihren Fragen in die Enge. Ihr forderndes Wesen, nicht selten anmaßend in Anspruch und Gebärde, machte sich zeitig bemerkbar.

Aus dem Kind wurde ein Backfisch. Zunehmend galt Alexandras Interesse nun der seinerzeit von den Älteren mehrheitlich abgelehnten Unterhaltungsmusik US-amerikanischer Prägung. Die setzte sich schnell bei der Jugend durch und bot ein Pendant zur angestammten Klassik und den noch volksliedhaft-innig getönten Weisen eines Schlagers, auf den das neue Lebensgefühl dezent abzufärben begann. Die Lieder wurden kecker, lässiger – frecher. Im Grunde fing mit diesen harmlosen, ´Swing-infizierten´ und dementsprechend vom Rhythmus dominierten Eintagsfliegen alles an. Der Wandel vollzog sich schleichend. Auch unsere Heldin hörte nun Jazz und Rock´n Roll, Freddie Quinn und Co. Daneben verehrte die zur Verträumtheit neigende junge Frau aber auch weiterhin Chopin, Schubert und Mozart. Ihr Klavierspiel geriet im Laufe der Zeit immer besser. Sie zeichnete auch unablässig und spielte zusätzlich in einer Laiengruppe Theater. Man legte ihr nahe, aufs Konservatorium zu wechseln. Der Vater wollte indes, dass sie vorher noch Abitur macht. Doch damit hatte sie längst abgeschlossen.“ Vorbei – vorbei – vorbei,“ sagte sie später dazu.“ Du willst nur noch auf dein Ziel los, und das kann nur ein künstlerisches sein.“

Vielseitig begabte Menschen tun sich sehr schwer damit, auf eines der vielen Pferde zu setzen, die im eigenen Reitstall unruhig mit den Hufen scharren. Zeichnen, Ballett, Schauspiel, Gesang, Klavier, Grafik? Mit letzterem machte sie, auf Anraten des praktisch veranlagten Vaters, einen Anfang. Und schmiss nach zwei Semestern schon wieder hin. Ihre Grafiken verkaufte sie allerdings zu Dutzenden. Sie ließ sich nun, entsteht der Eindruck, eine Weile lang treiben, von einer spontanen Eingebung zur nächsten. So tun es freilich auch die Kinder in ihrem infantilen Übermut, auf den Entdeckungsreisen in die nähere Umgebung, deren Eindrücke wohl in Vergessenheit geraten, doch nie wirklich verloren gehen und als Phantasiewelten, im Abstand der Jahre, immer mehr verlorenen Paradiesen gleichen, was unsere Heldin früh erkannte und beklagte. In dieser Phase des Ausprobierens, des Anpackens und wieder Loslassens, kamen ihr die Erfahrungen einer Kindheit zupass, die als Erinnerung bald von Wehmut und Trauer geprägt sein sollte. Junge Menschen neigen, sind sie tief veranlagt, zur Melancholie, allen Tatendrang zum Trotz. Alexandra war immerzu mit beidem beschäftigt: der Zukunft – ihrer Karriere – und der Vergangenheit – als einer verlorenen gegangenen Welt, die der Gegenwart einiges zu sagen hatte: noch heimlich und im Flüsterton.

Als aus Amerika die Folk-Welle herüber schwappte, kaufte sich die junge Frau eine Gitarre. Und fand so zu sich selbst – zu ihrer eigenen Stimme nämlich, deren tiefe Tonlage auch weiterhin irritierte und dementsprechend beargwöhnt wurde. Sie trat nun in das renommierte Hamburger Johannes Brahms Konservatorium ein. Ein knappes Jahr später brach die Rast, – und Ruhelose auch hier wieder ab. Sie lebte jetzt mir ihrer Mutter und den beiden Schwestern in Hamburg. Wally hatte sich mittlerweile von ihrem Mann getrennt. Die kaum Fünfzigjährige sprühte noch vor Energie, und mit ihr die vielfach begabten Töchter. Zu viel für den ungleich ruhigeren, behäbigen Alten, der zuletzt immer öfter vor der Weiberwirtschaft zum Angeln floh. Er war den energischen, auch untereinander unduldsam agierenden Frauen einfach nicht mehr gewachsen.

Alexandra schlug sich nach dem Konservatorium mit einem Dutzend Jobs durch. Nachts sang sie in den Kneipen und Restaurants der Hansestadt Volkslieder und Balladen. Schon jetzt gönnte sie sich keine Ruhe, keine Atempause mehr. Ihr schien es egal zu sein, wo sie spielte und für wen: sie hatte ihre Gitarre und all die Lieder, die sie liebte; ein wechselndes Publikum und sicher auch den einen oder anderen Verehrer. Vielleicht hat sich einzig in dieser Phase ihres unruhigen, hektischen Lebens der Traum vom ungebundenen, freien Dasein ein wenig oder mehr erfüllt. Die Auftritte in den seinerzeit noch vom Qualm der Zigaretten verräucherten Spelunken entsprachen einem naiven Selbstverständnis, das um den Ernst des Lebens längst Bescheid weiß und doch nicht davon lassen kann, die Dinge leichter zu nehmen als erlaubt. Viel Geld wird sie in dieser Zeit nicht verdient haben; ein Zubrot allenthalben. Der jungen Künstlerin reichte, einfach nur sie selbst zu sein. Zwänge gab es keine. Sie stand nirgends unter Vertrag, war ihr eigener Herr. In den diversen Lokalitäten konnte Alexandra ihre stärkste Leidenschaft, die Liebe zur Musik, auf recht unbekümmerte Art und Weise ausleben. In der ungezwungenen Atmosphäre der Kaschemmen und Lokale wurde ihr womöglich erst bewusst, das letzthin alles auf die Musik hinauslief. Freiheit auf Probe? Eher auf Abschied. Unter Nachtschwärmern und Musikanten mag sie sich, dürfen wir annehmen, gut aufgehoben gefühlt haben. Von unbändiger Lebensfreude angetrieben, machte sie die Nacht zum Tage. Nicht wenige der Gäste mögen auch und vor allem ihretwillen eingekehrt sein.

Ohne feste private und berufliche Bindung, ungestüm und unsicher zugleich, selbstbewusst und doch voller Zweifel, was nun eigentlich werden soll, traf sie, die Slawophile, in einer russischen Kneipe den dreißig Jahre älteren Schmuckhändler Nikolai, in den sie sich rasch verliebte. In ihm suchte und fand sie wohl nicht zuletzt eine starke und zugleich warmherzige, überaus charmante Vaterfigur, als Ausgleich oder Ersatz für den aus der Familie ´desertierten´. Erstmals trat sie in dieser Zeit auch ins Rampenlicht, wiewohl recht kurz und ohne nennenswerte Folgen, bei der Wahl zur Miss Germany in Travemünde, worüber bereits Fernsehen und Printmedien berichteten. Anschließend jobbte die Umtriebige als Model. Der Erlös war als zusätzliches Taschengeld gedacht, für eine Reise nach Amerika, wo die Mutter Nikolais wohnte. Mit dem hatte sie sich inzwischen verlobt.

Der gemeinsame Aufenthalt in Amerika geriet ihr zum unvergesslichen Erlebnis. Dort, an der Ostküste, faszinierte sie, die selbst am Meer aufgewachsen war, die Weite des Atlantiks. Ihre Briefe aus jener Zeit sprechen Bände. Alexandra verspürte in diesen Tagen und Nächten ein Gefühl reinster Sinnenfreude, nach dem sie sich immer und immer verzehrte hatte und das in Form kleiner, recht eigentlich unbedeutender Ereignisse und Erlebnisse excellierte. Wie wenig bedurfte es, diesen Menschen, der immer im Begriff stand, sich zu verlieren, hellauf in Begeisterung zu versetzen! Empfänglich für alles, was zu sehen und zu hören, zu schmecken und zu riechen war, blühte sie, die Lebensdurstige, stets von Neuem auf. Sie erlebte den Aufenthalt denn auch als einen einzigen, nicht enden wollenden, romantisch umfächerten Rausch. Sämtliche Eindrücke zählten, manche wogen alle bisherigen auf, und alle atmeten ein Gefühl von Kraft und Herrlichkeit, an dem ihre Beziehung zu Nikolai bereits zu scheitern begann. Denn auch der konnte, wie Vater Treitz den Töchtern und der Gattin gegenüber, schnell nicht mehr mithalten.

Wieder zurück in Hamburg erfuhr Alexandra, dass sie schwanger war. Die Familie des Vaters hielt eine Abtreibung für geboten. Ihre Eltern bestanden, dem damaligen Sittenkodex entsprechend, auf einer Heirat. Die ´Betroffene´ fügte sich dem Diktum letzterer und ´verfügte´ zugleich, dass nach zwei Jahren mit dem Stand der Ehe endgültig Schluss sein solle. Sie spürte untrüglich, dass es ein ruhiges, beschauliches Leben, eines ´nach Maß´, für sie nicht mehr geben könne oder dürfe, denn sie ertrüge einfach nicht den – ihrem Empfinden nach – kläglichen Rest.

Das unbeschwerte Leben konnte nun, wieder daheim, endgültig keines mehr sein. Sie wusste es längst. Quälend hin und hergerissen zwischen den von ihr ganz selbstverständlich erwarteten bürgerlichen Pflichten und dem unausrottbaren Drang nach totaler Selbstverwirklichung, nach Exaltation und Hingabe: rieb sich die junge Mutter unselig auf. Alltag und Ausbruch standen einander im Wege. Privat und bald auch schon im öffentlichen Leben: lief nichts mehr, wie es laufen sollte. Ihr Mann, ehedem eingefleischter Junggeselle, konnte so wenig aus seiner Haut heraus wie sie aus der ihren, deren Kennung die dauernde Häutung blieb.

Hatte das frisch vermählte Paar anfangs noch ernsthaft erwogen, nach Amerika auszuwandern: war es damit nun endgültig aus und vorbei. Der Traum hatte sich überlebt. Wie die Ehe. Und wie so oft, scheint der Nachwuchs den Zwang zur Fassade mühselig aufrecht erhalten zu haben. Ihren über alles geliebten Sohn nannte sie Alexander, sich selbst bald – sie hieß ja noch Doris –  Alexandra. Auch dies ein Votum für die Kunst, die Karriere – den Ausstieg aus der schalen Zweisamkeit.

Einmal mehr stand sie nun vor dem Nichts, vor den Scherben ihrer Sehnsüchte und Träume. Freilich: schlagen Trauer und Wehmut, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, haben sie nur tief und innig genug ´gewütet´, früher oder später in ihr Gegenteil um. Das immer wieder heiß ersehnte, durch nichts ins Unrecht zu setzende Glück erwuchs einem dunkel drängenden, an den nackten Klippen des Lebens so unaufhörlich wie unruhig anbrandenden Meer der Schwermut. Die quirlig funkelnde Oberfläche der stets unruhig hin und her wogender Wellen schien bereits die Essenzen eines glamourösen Lebens zu spiegeln: leuchtend wie Diamantgestein, und doch getragen von einem Teppich, der unsägliche Tiefen birgt. So ähnlich mag sie es in Träumen und Sehnsüchten selbst empfunden oder geschaut haben. Alexandra war zu diesem Zeitpunkt ziemlich am Ende; und stand gleichzeitig vor dem eigentlichen, ihren Ruhm begründenden Entree. Nichts deutete auf einen ´Trendwechsel´ hin, doch kam ab sofort alles, wie es kommen musste. Ihr Schicksal stand auch weiterhin in den Sternen, nach denen sie noch immer, einem inneren Gesetzt gehorchend, griff. Carl Schurz wußte:“ Ideale sind wie Sterne. Wir erreichen sie niemals, aber wie die Seefahrer auf dem Meer richten wir unseren Kurs nach ihnen.“

Alexandra hielt Kurs. Passend dazu spielte ihr der Zufall, und nicht zum letzten Male, in passender Umgebung eher beiläufig in die Hände. Tief traurig und vom Leben enttäuscht, ihrer selbst unsicher und doch noch immer so verbissen wie verklärt der Muse ergeben, klimperte sie eines Abends gerade wieder auf der Gitarre herum. Nicht länger vor Publikum. Das war vorbei. Mutterseelenallein. Sie saß, will die Fama wissen, am Ufer der Alster, träumerisch in sich versunken, den Weisen ihrer traurigen Lieder anheim, deren Klang sich mit dem kraftvollen Rauschen des dunklen Flusses vermählte. Ob am Himmel besagte Sterne leuchteten? Ein älterer Herr sah sie dort sitzen, hörte ihr Spiel, ihre Stimme – und war so begeistert, dass er die Dame vom Fleck weg für seinen Club, das Kolibiri, engagierte.

Der ´Vorfall´, vordergründig harmlos, war doch so etwas wie ein letzter, entscheidender Ruck: fort von der unseligen Ehe und endgültig hinein ins Musikgeschäft. Und damit auch in die große weite Welt – hinauf zu den Sternen. Wie sehr hatte sie sich danach gesehnt, endlich wieder vor Menschen singen und spielen zu dürfen! Sie sagte also zu, doch musste das dem Gatten verheimlicht werden. Das Versteckspiel ging eine Weile gut, dann kam alles raus. Mit einem Riesenkrach endete endgültig die ohnehin zerrüttete Ehe. Sie war nun wirklich nicht mehr das Papier wert, auf dem sie geschrieben stand. Alexandra setzte ihren Willen durch, zog aus, gemeinsam mit dem Sohn, und quartierte sich bei ihrer Mutter ein. Aber sie wäre kaum sie selbst gewesen, wenn ihr nicht fortan, bis zu ihrem Tod, auch noch das allzu große, dumme Herz verblutet wäre, eben: für den geschassten Ex. Denn sie hörte doch nie auf, ihn zu lieben. Ein Umstand, der sie recht anschaulich charakterisiert: ihre Liebe ging stets über Grenzen, anders war es gar nicht vorstellbar. Eine glückliche Ehe hielt Alexandra noch immer für das höchste Glück und doch musste sie nachträglich bekennen, dass ihr Leben eigentlich erst nach der Scheidung richtig begonnen habe. Ein Widerspruch? Einer, der doch nur den Zwiespalt ihres Wesens bestätigt und damit, nehmen wir den Menschen ernst, die ´Logik´ einer ganzen Entwicklung bestätigt, die im Tragischen wurzelt.

Nach der Trennung floh Alexandra der deutschen Heimat und hielt sich eine Zeitlang bei Zigeunern in Andalusien auf. Zuvor hatte sie ein lukratives Angebot als Stoffdesignerin ausgeschlagen. Es sollte fortan ein hartes und unnachgiebiges, zäh durchfochtenes, durch nichts mehr zu besänftigendes Leben werden, dem sie sich stellte ohne noch aus irgendwelchen Rücksichten heraus zurück stecken zu müssen. Nun forderte sie ihr Talent konsequent heraus und unterzog sich einer professionellen, erstklassigen Lehre. Leumund hervorragend: Die auch für Gesang und Tanzen zuständige Schauspielschule der als erzstreng und unnachgiebig geltenden Margot Höpfner genoss höchste Weihen; die Ausbildung dieser resoluten Dame trug Züge unnachgiebigen Drills. Und sie war nicht billig. Alexandra musste nebenher jobben, um die Kohle zusammen zu kratzen, hatte ferner ihren Sohn zu betreuen und kam, wie anders, recht bald an ihre Grenzen. Von starken Depressionen geplagt, brach sie schließlich völlig zusammen, raffte sich dann aber schnell wieder auf. Und hielt am Leben, für das sie sich entschieden hatte, umso sturer fest. Auf den abendlichen Tingeltangel in den Kneipen mochte sie, wie anders, auch nicht verzichten. Sie musste fühlen worum es wirklich ging; mit jeder Faser des Gemüts. Ihre Mutter, anfangs skeptisch und ablehnend, hielt zu ihr. Und baute die Tochter in den Phasen seelischer Verstimmung immer wieder auf. Talent und eiserner Wille Alexandras taten das ihre.

Anfang 65 kam deutlich Fahrt in die Karriere. Jürgen Haese von der Deutschen Wochenschau suchte, passend zur frischen Folk-Welle, unverbrauchte, neue Talente. In Alexandra erkannte er auf Anhieb eines, das die anderen deutlich überragte. Hat er sie entdeckt? Auf jeden Fall erstmals größer rausgebracht. Zwar gab es längst die Glotze, und immer mehr guckten rein, aber Wochenschauen waren damals noch immer, dem Kino sei Dank, an ein Millionenpublikum adressiert. Dem erschien nun, im Anschluss an Berichte über die seinerzeit weltbewegenden Ereignisse, eine schüchterne, noch langhaarige junge Frau, die das russische Volkslied von den schwarzen Augen zum Besten gab. Bei der Produktion war auch John O´Brian, Leader der angesagten City Preachers, dabei. Er engagierte sie als Gastsängerin, wurde ihr Liebhaber und wollte sie am liebsten ganz in der Band haben, doch waren die andern dagegen. Sie merkten wohl, dass die Präsenz der eigenwilligen, recht eigentlich für ein Kollektiv ungeeigneten ´Neuen´ das feine Gefüge ihrer Gruppe aus, – oder durcheinander geworfen hätte.

Auch in Alexandras Kopf ging jetzt vieles kreuz und quer. Sie saugte alle damals verfügbaren Folkeinflüsse in sich auf; aus aller Herren Länder. Ihr erstes Demo lehnte der NDR als zu schwermütig und melancholisch ab. Das sei nichts, was die Leute hören wollen. Was damals wohl noch stimmte. Und auch wieder nicht. Die Agenten der Konzerne merken meist mit gehöriger Verspätung, was die Stunde schlägt. Ginge es einzig nach denen, bliebe alles wie gehabt. Mit dem Kassenschlager ´Doktor Schiwago´ bekam, obschon das anfangs keiner so recht merkte, die slawische Schwermut so etwas wie ihre Massenkompatible Konsekration verpasst. Unmerklich, und dann umso unwiderstehlicher bahnte sich der Wandel anschließend Bahn. Es folgte die bekannte ´Russland-Welle´: und mir ihr, wie anders, begann auch der Stern unseres slawischen Gemütsmenschen taghell aufzuleuchten.

Noch aber war es nicht so weit. Unterkühlt blieb weiterhin das Verhältnis zum Ausnahmetalent Alexandra, deren Bänder auch weiterhin von den ´Experten´ der Unterhaltungsbranche abgelehnt wurden, während man sie in den Bars lieber als Tänzerin denn als ernsthafte Sängerin ´angeboten´ hätte. Keiner wollte begreifen, dass ausgerechnet der von ihr bevorzugten Muse die nähere Zukunft gehören würde.

Dann freilich trat, schon wieder durch des Zufalls allerletzte Hintertür, der seinerzeit so ziemlich angesagteste Schallplattenproduzent der deutschen Unterhaltungsmusik, ein gewisser Fred Weyrich, in ihr Leben. Dieser betreute bereits die ganz Großen der Schlagerbranche und erfuhr am Rande von einem Kumpel, dem Zeitungsverleger Semrau, das dieser einer ziemlich wiederborstigen Mitarbeiterin gekündigt habe, die aber, dies vermerkte er am Rande, auch gut singen könne, sie habe das auf einer Betriebsfeier unter Beweis gestellt. O-Ton:“ Sie hat nur Musik und traurige Lieder im Kopf.“

Besser hätte der Ahnungslose sie gar nicht beschreiben könne. Weyrich beeindruckte das zunächst wenig. Wie anders auch. Er bekam nahezu täglich die tollsten Geschichten über sagenhafte Gesangstalente oder solche, die es sicher werden würden, zu hören. Und doch: reizte ihn die Geschichte. Er ließ sich schließlich Alexandras Nummer geben und rief sie noch am selben Nachmittag an. Am Ende des Gesprächs wurde ein Treffen vereinbart.

So schnell ging das also alles. Man begreift: das Leben besteht aus lauter Zufällen, wie es selbst vor Unzeiten aus Zufällen entstand. Das eben bereitet ihm die zahllosen Bahnen, denen wir, meist nachträglich, Sinn oder Unsinn des Geschehens abzulesen meinen. So wohl auch in diesem Fall. Dann wird ein echtes Schicksal draus. Und so wird es nachträglich wohl auch der clevere Weyrich empfunden haben. Er ahnte kaum, mit was für einem Menschen er es hier zu tun bekäme. Alexandra, die ihre Gefühle kannte und dementsprechend eifersüchtig hegte und pflegte, war bei diesem Zusammentreffen zunächst so enthusiastisch, das sie dem 44jährigen gleich vor Ort, in einer kleinen Kneipe, vorspielen wollte. Als dieser ablehnte und vorschlug, dies doch besser in seiner Wohnung nachzuholen, geriet sie in Wallung. Tief verletzt, weil sie ´nur das eine´ vermutete, verabschiedete sich das überstolze Persönchen und machte Anstalten, umgehend zu verduften. Weyrich versicherte ihr aber sofort, das seine Frau beim kleinen Stelldichein mit anwesend sei. Haarscharf gerettet…

Das anschließende Vorspielen, nachmittags von fünf bis in den Abend hinein, kann man nur als magisches Ereignis werten. Der abgebrühte, hochprofessionelle Weyrich hat es recht anschaulich geschildert. Man glaubt ihm, auch nachträglich, jedes Wort. Er erkannte in der stundenlang singenden und spielenden ´Anwärterin´ das Besondere, im Grunde auf keinen Nenner zu Bringende; ein ´Novum´, wie er selbst sich ausdrückte. Da war etwas an dieser scheuen, dann wieder aufbrausenden, ungemein bezwingenden jungen Dame, dass sich nicht restlos fest machen, gar nicht erschöpfend erklären ließ. “Hier,“ befand Weyrich,“ erlebte ich eine Sternstunde.“ Im Wohnzimmer, wohlgemerkt; ohne Verstärker und Anlage. Ohne allen Schnickschnuck, auf den doch angeblich immer alles ankommt. Top-Profi Weyrich, überwältigt und übertölpelt, setzte noch während des Vorspielens einen Vertrag auf, und was für einen. Der sah unter anderem vor, mit einer Langspielplatte statt der obligatorischen Single einzusteigen; damals ein ganz unerhörtes Vorgehen beim Karrierestart. Alexandra war ja eine völlig Unbekannte, die über keinerlei Erfahrung im Geschäft verfügte, eine echte Anfängerin – ein echtes Risiko. Dieser ´Stuben-Vertrag´ lief dann übrigens exakt am 31. Juli aus: dem Tag des Todes der Heißbegehrten.

Alexandra hatte den Abgebrühten mit ihrer Stimme, der ganzen Aura – mit ihrem dunkel geheimnisvollen Wesen verhext, das immer wieder hinter einem freundlichen Lächeln verschwand. Fast scheint es, als habe sich der Crack vom Küken einwickeln lassen. Weyrich pokerte unerhört hoch – und behielt letzthin, wie wir wissen, unbedingt recht. Ganze drei Langspielplatten erschienen zeitlebens von ihr, die ihn, den eiskalten Profi, spontan verzaubert hatte. Sie stand jetzt bereits kurz vor dem Durchbruch – vor dem ganz großen Erfolg, der schon der letzte sein sollte.

Das konnte an dem Abend keiner von beiden wissen. Stunden vorher wußte sie auch nicht, was dieser Abend wirklich brächte. Weyrich wusste nun freilich ganz gewiss, das er alles tun würde, um dieser außergewöhnlichen Musikerin den Weg zum Erfolg zu bahnen. Er wurde, über Nacht, ein ´Gläubiger´; aber keiner, der ´nur´ Geld eintreibt. Er glaubte wirklich, und anfangs durchaus als einziger, fest und unverbrüchlich an die Neue. Auch hielt er verbissen am Start mit ´großer´ LP fest. Aber das musste er in seinen Reihen überhaupt erst durchdrücken. Auf einer Käufertagung der Phonogramm in Husum reichte dann allerdings ein Auftritt der Sängerin, um wahre Begeisterungsstürme auszulösen. Weyrich durfte mit einem Longplayer starten.

Beim Kölner Texter und Komponisten Hans Blum, der später mit dümmlichen Songs in eigener Sache so richtig Reibach machte, entdeckte Alexandra dann, nächster Zufall, in einem Pappkarton, der aussortierte Lieder barg, den Zigeunerjungen, von dessen Bearbeitung der Routinier Blum sofort abriet. Alexandra, bockig und unbelehrbar, bestand darauf:“ Das ist mein Lied!“ Es sollte ihrem Durchbruch, als Erstling, glänzend Bahn bereiten. Immer wieder sang sie das Lied im Fernsehen. Zahlreiche bis heute erhaltene Aufzeichnungen zeugen vom Zauber einer burschikos-versponnenen, fröhlich und feierlich tönenden, unruhig vorangetriebenen Weise, die so sehr dem Wesen der Interpretin entsprach. Im Zigeunerjungen wechseln Wehmut und Leidenschaft, Ungestüm und Understatement einander vom ersten Fanfarenstoß an rast, – und ruhelos ab. Und so etwas wurde ein Hit!

Nachträglich nimmt auch das kaum Wunder. Im Musikgeschäft brach nun eine neue Ära an. Die Unterhaltungsmusik befreite sich in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre aus ihren oft dümmlich-fröhlichen oder vor Sentimentalität triefenden Konventionen, und man darf durchaus behaupten, das Weyrich und die junge Alexandra einen nicht unbeträchtlichen Anteil dran hatten. Die Zeit war reif geworden für anspruchsvolle, nicht auf Anhieb einschmeichelnde, mehr subtil fordernde Lieder. Dieselben gerieten nun immer vielschichtiger und facettenreicher, so komplex wie tiefsinnig, und sie trafen sich mit dem Chanson. Wiewohl auch und gerade der sich wandelnde Schlager die ihm eigene Gefühlsseligkeit nie verleugnete, geriet sie nun weniger vordergründig, weil ihre Aussagen zunehmend in menschliche Tiefen vorstießen, denen man bis dato die gefälligen Oberflächen vorzog. In dieser Zeit eroberte das opulente Begleit-Orchester auch die damaligen Nischen des Rock und Pop, die dadurch gewannen, obschon immer die Gefahr bestand, dass sie dadurch zu süßlich und gefällig würden. Jetzt geriet überhaupt manches in Bewegung und außer Kontrolle. Der Kreativität schienen keine Grenzen gesetzt.

Vorausgesehen hatte das übrigens keiner. Eine verwirrende Vielfalt an Stilen, einander wechselseitig befruchtend oder aus eigener Gärung in wiederum Neues, Artverwandtes ausufernd, kann als anhaltendes Resultat dieser Dekade angesehen werden. Rock und Pop blieben keine Eintagsfliegen oder Auslaufmodelle, wie man damals allgemein annahm, sie begründeten vielmehr einen Kosmos an Möglichkeiten, der noch immer neue Sterne gebiert. Im bunten Siebzigerjahrzehnt glitt aber der Schlager selbst wieder in alte, gefällige Fahrwaser ab. In den darauf folgenden 40 Jahren bis heute ist er dann immer ärmer, platter – banaler geworden; Weichspüler auswerfend, die mit Gute-Laune-Garantie auf Nummer Extrasicher gehen, garantiert glatt gebügelt und steril herunter produziert. Beispiele ersparen wir uns an dieser Stelle. Wie anders tönten da noch, in den sechziger und frühen siebziger Jahren, die Alben der Bossa Nova Bardin Astrud Gilberto, die vom Adamo und Udo Jürgens, der Aznavour und Becaud!

In diese Helden-Galerie gehört auch Alexandra, die übrigens bis zuletzt an ihrer Schauspielausbildung festhielt und beim NDR prompt eine Fernsehrolle zugesprochen bekam. Dann, kurz vor Veröffentlichung des Erstlings, spielte unserer Heldin ein weiterer Zufall in die Hände. Show-Urgestein Hazy Osterwald, als Bandleader schon in den Fünfzigern eine Legende und maßgeblich daran beteiligt, traditionelle Hörgewohnheiten dezent aufzulockern, suchte zu Beginn des Jahres 1967 noch immer Händeringend nach einer Sängerin für seine Tour durch die Sowjetunion – eine, die russisch singen konnte. Er fand keine. Kollege Weyrich aber kannte eine, und die überzeugte Osterwald sofort. Auch dieser alte Hase ließ sich umgehend vom Talent der ´No-Name´ Künstlerin überzeugen. Seltsam genug, das alles; schon bis hierhin. Eine LP statt der obligatorischen, den Marktwert testenden Einstiegs-Single, eine große Tournee mit Starensemble statt des Klinkenputzens auf den Bühnen der Provinz – bei Alexandra lief alles ein wenig, nein: recht deutlich anders als bis dato üblich. LP und Single waren zu diesem Zeitpunkt nämlich noch gar nicht raus; es fehlte also auch der Hit als Empfehlung.

Während der aufreibenden Reise, die durch Russland und etliche weitere Republiken der Union führte, blieb Alexandra ein Arbeitstier, wie versessen übend und komponierend. Vorher, dies am Rande, verpasste man ihr auch den vornehmen Kurzhaarschnitt, der zum Markenzeichen wurde. Eigentlich sah sie immer ein wenig wie die freundliche, schick uniformierte Stewardess aus; die liest dem Passagier jeden Wunsch von den Lippen ab und bleibt dabei, trotz aller Zutraulichkeit, höflich distanziert: eine nonchalante Grande Dame vom schnellen Dienst.

Alexandra war noch ´on the road´, da verlangte Regisseur Truck Branss, Freund Weyrichs und in der Aufnahme oder Bewertung von Newcomern meist ablehnend bis ungehalten, sofort danach, das man ihm diese Frau für ein Fernseh-Special mit Gilbert Becaud zur Verfügung stelle. Er hatte, zunächst unwillig, in die soeben erschienene Debütplatte reingehört, die ihm der trickreiche Weyrich ganz beiläufig in die Bude schmuggelte, und nach dem dritten Lied seine Entscheidung getroffen. Branns war, gleich Weyrich oder Osterwald, einer der ganz Großen seines Fachs. Auch er ging kein geringes Risiko ein. Ohne den Erfolg der Platte abzuwarten war der massige, ein wenig bräsig wirkende Mann sofort bereit, den ´großen Auftritt´ riskieren. Auch er hatte Feuer gefangen. Alexandra, die Ende Juni aus Russland heimkehrte, fand wieder einmal keine Zeit, zur Ruhe zu kommen. Als sie, kaum im Lande, davon erfuhr, mit Mister 100 000 Volt auf einer Bühne stehen zu dürfen, begann sie zu weinen. Dessen Song Nathalie war nämlich ihr Lieblingslied.

Bei den Start-Ups zur Show verblüffte die Sängerin, deren letzter Auftritt mit Osterwald keine 48 Stunden zurück lag, den abgebrühten Branss, der mit so viel kaltschnäuziger Professionalität nicht gerechnet hatte. Nach dem Zigeunerjungen, den die Sängerin gegen Ende der Darbietung mit einer hinreißend innbrünstigen Steigerung in punkto Betonung und Phrasierung versah, bevor die Litanei in slawische Schwermut versank, dröhnte der ´Preuße´ Branss lauthals durch die Regieloge:“ Ein Weltstar ist geboren, ein Weltstar! Wir brauchen keine weiteren Aufnahmen, es war absolut perfekt – sie wird ein Weltstar…“ Der alte Hase war so hingerissen, das er dem Küken anschließend keck auf´s Knie fasste, was die Sängerin umgehend mit einer schallenden Ohrfeige quittierte. Branss tat fortan alles, um seinem Liebling sämtliche Wege ins Fernsehen zu ebnen, dessen Siegeszug eigentlich erst damals so richtig an Fahrt aufnahm.

Ihr Auftritt in der Becaud Show ist uns als Mitschnitt komplett erhalten geblieben. Hier lauschte man ihr in einer Mischung aus Verwunderung und Faszination, überrumpelt von der sehr speziellen, seinerzeit unerhört intensiven Art der Interpretation. Wenn mich nicht alles täuscht, dann saß in der ersten Reihe auch ein noch ziemlich junger Dieter Thomas Heck; sichtlich beeindruckt, ja überwältigt von der herrschaftlichen Würde einer Darbietung, die noch, wie damals üblich, von einem Live-Orchester begleitet wurde. Ein wenig irritiert ob der urwüchsigen Kraft, die das Feuer des Vortrags mühelos entfachte, folgte Heck schon dem Aufhänger, einer sehr ruhig und bedacht vorgetragenen russischen Volksweise (orig. Podmoskovnye Vechera; dt. Moskauer Nächte), die zwischen Sinnlichkeit und Beschwörung, Vehemenz und Hingabe wohlbrünstig flimmerte und vibrierte, mit einem Staunen im Blick, der so gar nicht zum abgebrühten Präsentationsprofi passte. Im Weiteren blühte die Sängerin förmlich auf; ihre zunächst noch sehr sparsam gehaltenen, sorgsam ausbalancierten Bewegungen und mimischen Beschwörungen gerieten immer gebieterischer, fordernder – fesselnder. Diese Frau sprühte vor seelischer Erregung, sie brannte, loderte lichterloh: und alle spürten es. Das Publikum schien baff vor so viel vitaler slawischer Gefühlsinnigkeit; und Heck lächelte nach jedem Lied, als erwehre er sich einer direkten Liebeserklärung.

Alexandra ging anschließend gemeinsam mit Chris Howland und Renate Kern auf Tournee, während der emsige Weyrich eine Vielzahl weiterer Fernseh, – und Rundfunkauftritten ´klar machte´. Auch auf der legendären 25. Internationalen Funkausstellung in Berlin, die das Farbfernsehen einläutete, war sie mit von der Partie. Wir Angehörige des Digitalzeitalters, mit seiner Überfülle einander gegenseitig befeuernder und nivellierender Formate, müssen uns immer wieder klar machen, welche Bedeutung solchen Events seinerzeit zukam. Die junge Sängerin schoss, wahrlich senkrecht startend, in die Medienumlaufbahn und drehte sofort mehr Runden als etliche der etablierten Stars und Dauer-Sternchen zu Beginn ihrer Karrieren.

Weyrich musste seinen Liebling jetzt auch gar nicht mehr umständlich anbieten oder promoten. Fast alle rissen sich um Alexandra. Der Zigeunerjunge stieg in die Charts ein. Das Album war nach wenigen Wochen vergriffen. Nun wurde auch Konzertikone Klaus Berenbrock, der später mit Klaus Kinski als ´Jesus Christus Erlöser´ im Berliner Sportpalast einen fulminanten Eklat hinlegte, auf die Ausnahesängerin aufmerksam. Er suchte für seine Tournee mit dem Schlagersänger Adamo (Es geht eine Träne auf Reisen) noch nach geeigneten Zugpferden. Zusammen mit Lisbeth List und Minouche Barelli, die schon seit einigen Jahren Erfolge im Ausland zu verbuchen hatten, nahm er Alexandra ins Vorprogramm. Doch schon der erste Konzertabend in der Berliner Philharmonie drohte zu einem Reinfall zu werden. Adamo konnte nicht mehr pünktlich erscheinen, weil er infolge Nebel am Brüsseler Flughafen festsaß. Das Publikum, ungehalten und auf Krawall gestimmt, schrie List und Barelli nieder, die binnen kurzem aufgaben und hinter die Bühne flüchteten. Alexandra nahm den Kampf auf. Auch als sie erschien, pfiff, trampelte und johlte die Menge ohne Gnade, klatschte dann im falschen Takt und schrie immer wieder nach dem Hauptact, nach Adamo. Die junge Sängerin blieb cool und strahlte eine merkwürdige, die Bestie besänftigende Ruhe aus. Das falsche Klatschen wandelte sich beim Zigeunerjungen zum richtigen. Als der zweite Song erklang, rief kein Mensch mehr nach Adamo. Der Sängerin wurde zum Abschied tosender Beifall gezollt.

Fred Weyrich konnte, so wie die Dinge liefen, mehr als zufrieden sein. Doch dämmerte ihm bereits,  dass die Betreuung dieser Künstlerin auf Dauer über seine Kraft ginge. Um ihretwillen vernachlässigte er bereits die übrigen Rennpferde im Stall; allesamt gestandene Unterhaltungsprofis. Unmut machte sich breit. In dem Verleger und Manager Hans R. Beierlein, der u.a Petula Clark, Esther und Abi Ofarim, Francoise Hardy und den jungen Udo Jürgens ganz groß raus gebracht hatte, fand Weyrich schließlich einen würdigen Ersatz. Leicht wird ihm dieser Schritt nicht gefallen sein. Andererseits wusste er seine Entdeckung beim Kollegen bestens aufgehoben. Auch Beierlein hatte ein Faible für den französischen Chanson, der dank seiner Bemühungen in Deutschland stetig Fuß fasste und an Boden gewann. Erst sehr viel später verlegte sich der agile Bayer auf das Promoten banaler, stromlinienförmig dudelnder Volksmusik der Marke Kitsch und Kack; immer voll auf Kommerz getrimmt.

„Bevor ich Alexandra in der Philharmonie live erlebte,“ so Beierlein später,“ wollte ich eigentlich nichts von ihr wissen. Aber als ich sie hörte, war ich plötzlich hin und weg.“ Beierlein verliebte sich in die Sängerin. Allerdings schwärmte die um so viel Jüngere zunächst noch für den sensiblen Sizilianer mit der rauchigen Stimme. Der ärgerte sich wiederum über die deutschen Textfassungen seiner französischen Originale. Ihm kamen sie täppisch vor. Alexandra bot Adamo daraufhin an, selbst Texte für ihn zu schreiben. Als überzeugendstes Ergebnis dieser ´Arbeitsteilung´  darf der Walzer des Sommers (La Valse d´été) gelten. Hier herrscht eine durchweg entspannte, heiter-elegische Gefühlslage, die irgendwie sofort einschmeichelnd wirkt. Das wilde Herz beruhigt sich, und eine freundliche Abendsonne kündet zur Nacht. Noch liegt das Leben im lichten, sacht nachleuchtenden Zwielicht. Von einer verhalten anmutenden Melancholie weniger getragen, mehr sanft gewogen, scheint alles bereits von einem Abschied erfüllt, der einer sanften Mahnung gleicht und das Dauernde im ewigen Wechsel betont. Im Glück seltener, kostbarer Augenblicke, deren Hinfälligkeit meist Trauer und Wehmut aufscheinen lassen, leuchten weiche, zartseidene Farben auf; als welke ein nunmehr erlöstes, vom wonnig müßigen Walzer erlöstes Dasein dankbar dahin. Ein altersmildes Lächeln scheint, ganz aus der Ferne, die ruhig und erhaben dahin flutende Weise zu begleiten, deren stets Gleichmaß nur einmal, für kurz, von echter Dramatik in Unruhe versetzt wird („…dreht euch…dreht euch…“). So träumt und schwelgt sich das Lied, alles andere als einfältig, durch die Tag, – und Nachtträume jugendlicher Schwärmerei, die in sehnsüchtiger Erwartung des Todes das Leben selbst auf ganz hinreißende Art und Weise ehrt und adelt.

Adamo und Alexandra band, wie sich bald heraus stellte, eine tiefe platonische Freundschaft. Kontakte dieser Art zählen zu den ehrlichsten und auch verlässlichsten zwischenmenschlichen Beziehungen. Da begegnen sich zwei Menschen auf Augenhöhe und ergänzen einander im gegenseitigen Einvernehmen. Im harten Showgeschäft ist solcherlei Umgang eher selten. Die im Walzer des Sommers beschworene, unerhörte Leichtigkeit des Seins behauptet sich einzig im Traum des Lebens von sich selbst. Sie täuscht immer nur für kurz über die zähen, unerbittlich ausgefochtenen Ringkämpfe hinweg, die jeder ernsthafte Künstler zu bestehen hat, will er nicht von Produzenten und Managern, Konzertveranstaltern und Fernsehprofis, der ganzen professionellen Meute auf zweckdienliche und vermeintlich verlässliche Art und Weise kontrolliert und gegängelt, abgerichtet und ihrer Handhabe ´hörig´ gemacht werden.

Das wurde schnell deutlich, als ein Nachfolger für den Zigeunerjungen gesucht wurde. Fred Weyrich, der sich trotz Beierlein noch immer bei Gelegenheit um seinen Schützling kümmerte, ging passend zur ´Russland-Welle´ auf Nummer sicher und staubte acht Takte aus der der heimeligen Moldavia-Suite des Komponisten Igor Fedov ab. Der Komponist Rudi Bauer verwob das gefällige Motiv in ein ungemein eingängiges, ein wenig einfältig wirkendes Liedchen, dem er den Titel Sehnsucht gab. Alexandra sträubte sich mit Haut und Haaren dagegen, dieses ´Kinderlied´ auch nur einzustudieren. Es dauerte eine Weile, bis Weyrich die Widerspenstige so weit hatte, einer Aufnahme doch noch, wiewohl zähneknirschend, zuzustimmen. Alexandra nötigte ihn wiederum zu dem Versprechen, dass sie künftig bei der Auswahl der Lieder gehörig mitzureden habe.

Während der Aufnahmen kam es zum Eklat. Die Sängerin erschien bereits in gereizter Stimmung und war ersichtlich darum bemüht, keine bessere mehr aufkommen zu lassen. Aufgrund einer Lappalie (O-Ton Alexandra:“ Hier zieht´s!“) stürmte sie umgehend aus dem Studio und blieb verschollen. Doch war sie ohne Mantel fortgebraust. Draußen herrschte tiefstes, bitterkaltes Winterwetter, zusätzlich verstärkt durch fiese Graupelschauer. Weyrich, fassungslos und gleichzeitig unentschlossen, ob er Musiker und Mitarbeiter wieder nach Hause schicken solle, war natürlich in Sorge um seinen Schützling, für dessen Wohlergehen er sich unverändert verantwortlich fühlte. Stunden später erschien die Sängerin wieder in der vorsorglich offen gehaltenen Türe, klatschnass und durchgefroren, um herrisch zu verkünden:“ Ich möchte jetzt singen!“ Sie tat es, ein einziges Mal; der erste Take war gleichzeitig der letzte: so hören wir sie noch heute, wenn das ´Kinderlied´ mal wieder in Radio und Fernsehen erklingt. Es wurde ihr erfolgreichstes obendrein. Noch im Studio, direkt im Anschluss an die Aufnahme, hatte sie Weyrich versichert, sie werde den ´Schinken´, mit dem er jetzt machen solle was er wolle, nie wieder singen. Sie sollte ihn dann noch andauernd, ihr zum Verdruss, singen; und jedes Mal vor verzaubertem Publikum. Ein echtes Künstlerpech bei so viel Künstlerehrgeiz.

Der bereits zum Klischee erstarrten Russland Welle zunehmend überdrüssig, zog es Alexandra jetzt mit Macht in die Welt anspruchsvoller französischer Unterhaltungsmusik. Sie trat nun auch häufiger drüben auf, wo man sie, recht unüblich, sofort stürmisch empfing und vorbehaltlos in die eigenen Reihen aufnahm. Zu dieser Zeit bot man ihr dort mehr Fernsehauftritte an als in Deutschland, blieben doch die Show-Macher vom Schlage eines Peter Frankenfeld ihrer Kunst gegenüber reserviert. Von Alexandra schien eine Gefahr auszugehen; etwas, das den ganzen braven Schlagerzirkus aus dem Gleichgewicht zu bringen drohte; eine Art Beben, auf das die Branche noch immer nicht vorbereitet war. Leidenschaft, bis zur Inbrunst, Hingabe bis zur Selbstaufgabe, berauscht bis in die letzten Abgründe einer maßlos empfänglichen Seele: das mochte auf Anhieb zu viel sein für ein Publikum, das an leichtere Kost gewöhnt war. Die flotten Hopser Ivan Rebrovs versprühten eine Leichtigkeit, die zum mitklatschen und mitsingen aufforderte, wenn es das ewige Kalinka Malinka nicht schon von ganz allein getan hätte. Alexandras russophile Schwermut forderte nicht auf, sondern heraus. Insofern war Frankreich für sie die richtige Wahl. In den französischen Chansons dominierte eine melancholische Heiterkeit, die den Hörgewohnheiten der Hiesigen noch wiedersprach, weil man sich eben nicht hinreichend auf sie einzulassen verstand. Das würde dauern. Den Deutschen mittleren wie gesetzteren Alters steckte noch immer der Krieg in den Knochen; sie wollten es fröhlich, gemütlich – unkompliziert. Sicher hat die Sängerin das gespürt, und doch war sie so kühn, in einem Interview resolut und unmissverständlich zu verkünden, zur Elite des deutschen Schlagers gehören zu wollen:“ Und das nicht erst in 10 Jahren!“

Damals kam Alexandra mit Karel Gott und Adriano Celentano zusammen, der ihr eine Filmrolle anbot, was aber am eigenen Management scheiterte. Ganze zwei Mal erhielt sie dann noch die Gelegenheit, als Schauspielerin zu glänzen: in einer winzig kleinen Rolle in dem vom NDR produzierten Dokumentarspielfilm ´Friedrich Ebert – Geburt einer Republik´: als feurige Spartakistin, innbrünstig die Internationale anstimmend. Und via Hörfunk in Anton Tschechows Drei Schwestern, an der Seite von Ivan Rebroff. Schon wieder die Russen! Das Stück war in eine Persiflage umgebogen worden, die der bayrische Rundfunk produzierte. Aus den drei Schwestern wurden vier. Posse hin oder her: die begleitende Arbeitsatmosphäre war zum zerreißen gespannt, denn Alexandra hatte sich während der Proben in Frank Duval, der später als ´Derrick-Hofkomponist´ für Aufmerksamkeit sorgte, verliebt und eine kurze heftige Affäre mit ihm gehabt, was dessen Gattin, den um einiges älteren Musicalstar Karin Hübner, zeternd auf den Plan rief.

Um Haaresbreite scheint die Sängerin, kaum dass man ihr in Frankreich zu huldigen begann, an einer echten Weltkarriere, für die der amerikanische Markt unentbehrlich bleibt, vorbeigeschrammt zu sein. Die Partnerfirma der Phonogramm, Mercury Records, hatte bereits ein Auge auf sie geworfen. Vizepräsident Irving H. Steinberg versprach:“ Diese junge Frau wird in Amerika ganz groß werden!“ Auch er war bereit, sofort eine Langspielplatte zu produzieren, inklusive großer Tournee, doch scheiterte das Vorhaben schlicht: an der Zeit. Alexandra hatte keine mehr vorrätig. Ihr Terminkalender war bereits vollgepackt mit Shows und Fernsehauftritten, auch und gerade im europäischen Ausland; in Polen, Bulgarien, Brasilien und der Tschechoslowakei. Das vertraglich vereinbarte Programm bot kaum Lücken, die ohnehin zu wenig gewesen wären, um in den Staaten ein Pensum zu absolvieren, das alle bisherigen Bemühungen noch einmal überboten hätte.

Unerbittlich machten sich jetzt die Schattenseiten eines Ruhms bemerkbar, der als Droge fortlaufend zündet und den Süchtigen zunehmend beherrscht. Vor einem Auftritt in Karlsbad, bei dem vielbeachteten Internationalen Festival ´Goldener Notenschlüssel 68´, drehte die junge Sängerin infolge Lampenfieber fast durch und konnte nur noch mit einer dezent per Tablett auf´s Zimmer ´servierten´ Valium Tablette beruhigt werden. In dieser Zeit hielt sie sich instinktiv an Beierlein fest, dem so viel älteren, souveränen Vollprofi, der endgültig das Management an sich riss. Sie zog nun aus Hamburg fort und in die Nähe des Alten, nach München; fern der Plattenfirma im hohen Norden also, und fern auch von Weyrich, der gerade mit seinem Nachfolger um vertragliche Details stritt. Hier ging es nicht zuletzt um sehr viel Geld. Weyrich gab sich auch weiterhin mit der Rolle des Produzenten zufrieden, der ´Rest´ fiel in Beierleins Zuständigkeitsbereich. Mit ihm teilte sich die junge Sängerin übrigens auch das Bett, wenn es die Umstände zuließen.

Die Hälfte der Stücke zur zweiten Langspielplatte, deren Aufnahmen nun anstanden, stammten aus Alexandras Feder. Es ist nicht überliefert, das dies von irgendwem beanstandet worden sei. Ein weiterer, für damalige Verhältnisse ungewöhnlich anmutender Umstand. Zwar hatten sich im Anschluss an Bob Dylan und die Beatles auch in den Sphären populärer Unterhaltungsmusik die schöpferischen Eigenanteile junger Künstler zunehmend behaupten können; die hatten bis dato hauptsächlich Blues und Rock´n Roll Stücke ihrer Vorgänger nachgespielt. Das Komponieren von Schlagern, gleich welcher Art, war indes noch immer etwas, womit sich fast ausschließlich Profis vom Fach beschäftigten. Alexandra setzte konsequent dagegen. Nach eigener Auskunft hatte sie ihre Lieder meist nachts, nach den Auftritten, auf dem Hotelzimmer verfasst:“ Dann träume ich so vor mich hin.“

Hellwach wurde sie dann allerdings, als es um die adäquate Umsetzung ihrer klanglichen Traumgespinste ging. Soll heißen: es kam, einmal mehr, zu scharf ausgetragenen Meinungsverschiedenheiten. Die Künstlerin blieb, jetzt erst recht, stur und unnachgiebig. Dem für das Set zur LP zuständigen Orchesterleiter Boris Jojic gab sie unmissverständlich zu verstehen, das sämtliche der Arrangements vorher en Detail mit ihr durchzusprechen seien. Der Kroate, ein alter Hase im Geschäft, sträubte sich gegen so viel ´Eigenmächtigkeit´; ging dann aber, nach einem klärenden Gespräch in seinem Haus nahe Planegg, nahezu zehn Tage lang sämtliche Einzelheiten mit ihr durch. Ein ziemliches Entgegenkommen. Man darf eben nicht vergessen, dass sich die junge Sängerin in einer seinerzeit fast ausschließlich von Männern beherrschten Welt zu behaupten hatte, die ihr zwar immer wieder rote Teppiche ausrollten, andererseits als echte Platzhirsche ungern goldenen Boden preis gaben.

Zu aller Überraschung war die Platte anfangs, mit weniger als 12000 verkauften Exemplaren, ein echter Ladenhüter. Ihre Lieder, so die Kritik, gingen ins Herz, doch nicht ins Ohr. Vermissten die ´Experten´ das angestammte Nullachtfünfzehn-Schema? Die auf der Langspielplatte versammelten Stücke, deren jedes einzelne als meisterhaft zu bezeichnen ist, überforderten ein meistenteils noch immer befangenes, auf leichte Kost abonniertes Publikum. Fatalerweise wurde für die Platte auch kaum Werbung gemacht, derer es aber umso notwendiger bedurft hätte, denn Alexandra war, allen bisherigen Triumphen zum Trotz, noch kein Selbstläufer; dazu blieb ihre Kunst zu anspruchsvoll und fordernd; eben: nicht einfältig und einschmeichelnd genug. Die Macher von der Plattenfirma waren vorsorglich in Deckung gegangen und zeigten wenig Lust, der Platte mittels ausreichender Publicity nachzuhelfen. Und weigerten sich obendrein, auch nur ein Stück als Single auszukoppeln! Jetzt stand die Karriere der Überfliegerin tatsächlich für Momente vor dem Aus. Wäre mit Sehnsucht nicht der erneute Durchbruch gelungen, hätte man sie wohl, wie so viele, gleich wieder aus dem laufenden Programm gekickt. Immerhin: die Single kickte. Es konnte weiter gehen.

In dieser Phase brachte Beierlein die Gedrückte mit Udo Jürgens zusammen. Er war, wie schon Adamo zuvor, genau der Richtige im passenden Moment. Die von beiden gemeinsam bestrittenen Lieder kennzeichnen vortrefflich Alexandras damalige Situation. Verhaltener in ihrer Verletzlichkeit, die nun auch reifer wirkte, beklagte sie hier mal reif und herb, dann wieder feierlich pathetisch ihr Unglück; den Umstand vor allem, sich in allem etwas vorgemacht zu haben. Paradebeispiel Illusionen. Das Stück wird in der Version von Sammy Davis Junior und Shirley Bassey sogar zum Welterfolg werden, Nur einen Sommer lang brachte dann der Wagner-Tenor Rene Kollo in den Siebzigern groß raus. Der ganze Text ist schon so etwas wie ein Abgesang auf die eigene Karriere, ist voll von Abschied, Gram und Trauergewölk; ein Lebewohl auf das Leben selbst, dessen Vergänglichkeit so unermüdlich wie herzzerreißend beklagt wird.

Unsere Heldin befand sich nun bereits auf der Zielgeraden. Das Management von Beierlein hetzte sie gnadenlos von einer Verpflichtung zur nächsten; nahezu nonstop. Sie fand kaum noch Zeit, ihren Sohn zu sehen. Seinen fünften Geburtstag musste der Junge ohne die Mutter feiern.“ Ich bin schon ganz geschafft,“ gestand sich die Gejagte zu dieser Zeit ein.“ Ich glaube, ich halte das nicht durch.“ Vor einem Auftritt in Baden Baden bekam sie hohes Fieber, ließ sich mit Tabletten vollpumpen und war nach überstandener Darbietung völlig ausgelaugt. Danach ging nichts mehr. Alle weiteren Termine mussten abgesagt werden. Heute würde man von einem Burn Out sprechen. Doch ließ man die Sängerin auch weiterhin nicht zur Ruhe kommen. Sie hatte sich bei ihrer Mutter einquartiert, wo auch der Sohn lebte, doch kam die Pressemeute recht bald dahinter und stellte ihr entsprechend nach. Scharen von Fotografen und Journalisten schlichen, tags und nachts, ums Haus. Hatten sie Blut gewittert? Auch Beierlein und Weyrich begann zu nerven; es musste weiter gehen.

Alexandra floh erneut. Während eines kurzen Aufenthaltes im Harz schöpfte sie ein letztes Mal neue Kraft und komponierte dort einige ihrer stärksten Lieder. Kaum wieder zurück, drängte man sie, nach Rio de Janeiro zu fliegen; dort fand das seinerzeit größte Muskifestival der Welt (Cancao Popular) statt. Der unausrottbare Ehrgeiz hinderte die solcherart ´Umsorgte´ am Nein-sagen, das ihr in anderen Zusammenhängen nie sonderlich schwer fiel. Sie trat also vor großem Publikum im berühmten Maracanazinho Stadion auf und stellte sich ferner für ein halbstündiges TV-Special des Saarländischen Rundfunks zur Verfügung, das von Truck Branns produziert wurde. Der Auftritt vor großer Kulisse missriet. Mit Illusionen fiel sie beim Publikum, das auf Tanz und Fröhlichkeit aus war, komplett durch. Noch am selben Abend lernte die Geschasste dann Antonio Carlos Jobim kennen, in den sie sich bei der Gelegenheit sofort verliebte. Jobim war einer der Mitbegründer des elegant legeren Bossa Nova. Mit Chega de Sausade lieferte er den ersten Hit zum lateinamerikanischen Tanzstil, dessen heiter beschwingte, wiewohl melancholisch gefärbte Art auch jenseits des Atlantiks bestens ankam. Alexandra liebte beide: den Komponisten und seine Musik.

So eben lief es in ihrem schnellen, allzu kurzen Leben: Glück und Unglück lagen ganz dicht beieinander, auf Haaresbreite sozusagen. Das eine bedingte das andere im ständigen hin und her. Den zahlreichen Verpflichtungen zum Trotz stürzte sich Alexandra, von frischer Euphorie gepackt,  in das Nachtleben Rio de Janeiros, wie denn der Rausch der Massen – hier wimmelte es überall vor Menschen – die leicht Erregbare, immerzu Empfängliche in jähe Begeisterung versetzte. Die Leidensgeschichte eines kleinen Straßenjungens löste starke Emotionen bei ihr aus. Im Gedränge einer der zahlreichen Karnevalsproben geriet sie in eine wilde Schießerei – Adrenalin pur.“ Zehn Tage und zehn Nächte lang,“ so die Sängerin anschließend,“ habe ich vor lauter Begeisterung über meine Traumstadt kaum etwas essen und trinken können. Außerdem war ich unheimlich verknallt, ein wunder Punkt. Ach Gott, nun ja – aus den Augen, aus dem Sinn…“ Im selben ´Bekenntnis´ freilich äußerte sie auch folgendes:“ Ich glaube, man darf niemals auf einer bestimmten Welle schwimmen. Dann besteht die Gefahr, dass man in dieser Welle ertrinkt.“

Mit der Nummer Illusionen hatte sie nun endlich wieder einen heimischen Plattenhit zu verbuchen. Für das von Branns produzierte Fernsehspecial drehte Alexandra in Nizza weiter, wo sie mit dem Pflichtpreussen Branns, gleich ihr ein echter Dickschädel, häufig aneinander geriet. Teile eines vierstündigen Interviews, in dem Alexandra viel von ihren Gedanken und Gefühlen preis gab, flossen als Tonspuren in die laufenden Bildsequenzen ein und bilden heute ein einzigartiges, ungemein aufschlussreiches Dokument, das viel vom Wesen einer Sängerin offenbart, die ihre Ansichten noch nicht, wie heute üblich, auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten feil bot.

Das Leben raste weiter. Alexandra war bereits dabei, sich selbst zu überholen – nur noch neben der eigenen Spur zu laufen. So kommt es immer, hält jemand, getrieben vom Ehrgeiz, mit der inneren Entwicklung nicht mehr Schritt. Immer häufiger übermüdet, wurde sie zunehmend nervös und fahrig, vergesslich und auch unzuverlässig. Branss konnte letzteres überhaupt nicht vertragen. Er bot ihr, zwecks Stressbewältigung, Bier, Schnaps oder Wein an. Sie selbst rauchte jetzt eine Zigarette nach der anderen, was der wohltönenden Stimme bereits die ersten Schrammen verpasste. Chronischer Schlafmangel richtete einen sichtlich ermattenden, todunglücklichen Menschen. Der hetzte weiterhin von Aufnahme zu Aufnahme, von einer Preisverleihung zur nächsten – von Show zu Show. Dem Publikum bleibt meist verborgen, dass die Glanzstunden eines Unterhaltungskünstler schon bald in keinem Verhältnis mehr stehen zu den begleitenden Schattenseiten, die sein überfordertes Gemüt verfinstern und ihn so verlässlich zur Strecke bringen und den Paparazzi ausliefern, die schon wie die Geier auf der Lauer liegen. Hell wie nie leuchtete Alexandras Stern, um den es doch, je mehr sich das Publikum um sie riss, immer einsamer werden sollte. Auf einmal stellten ihr auch die bis dato so zurückhaltend gebliebenen TV-Ikonen im Inland nach. Sie war nun, könnte man sagen, endlich angekommen. Mit allerletzter Kraft stellte sie sich den Verpflichtungen. Promotion-Touren für die dritte und letzte LP kamen hinzu. Ihr Terminkalender für das folgende Jahr war auf Monate dicht. Nicht einmal über Weihnachten ließ man sie jetzt noch in Ruhe. Als sich das Jahr 1968 seinem Ende zuneigte, war auch sie so ziemlich am Ende: müde und ausgezehrt, verwirrt und unglücklich wie nie zuvor. Eine verschleppte, mit Pillen aussichtslos ´begleitbehandelte´ Erkältung hatte ihren Körper stark geschwächt. Sie sehnte sich zurück nach ihrem ersten Mann, und an die Seite des Sohnes, den sie zunehmend abgöttisch verehrte.

Der unerwartete Tod des Vaters versetzte Alexandra aufgrund widrigster Begleitumstände in einen Schockzustand. Sie fand ihn, zusammen mit der Mutter, in dessen bescheidener kleiner Wohnung, während der Sohn ihrer Schwester Melitta, die den Kleinen für einige Zeit in die Obhut seines Großvaters gegeben hatte, weinend und frierend neben dem Bett des Toten stand. Niemand hatte ihn vermisst, keiner hatte ihn gehört. Völlig von der Rolle und gesundheitlich noch immer ziemlich angeschlagen, musste Alexandra sofort wieder nach Frankreich fliegen, um in Paris die französische Version von Sehnsucht zu produzieren. Doch war dies vermutlich noch der beste Ort, um gute Miene zum bösen Spiel machen zu können. Sie fühlte sich der französischen Lebensart und ihren Menschen auch weiterhin aufs tiefste verbunden, und verstieg sich sogar zu der Behauptung, dass „das französische Volk ein intellektuell betonteres Volk als das deutsche“ sei.

Sehnte sich die Sängerin, in den wenigen Momenten des Atemholens, nach den stillen Abenden am Ufer der Alster zurück? Den ungezwungenen, noch ganz spielerischen Anfängen in der Gastronomie? Hatte sie, die Träumerisch veranlagte, noch Zeit zu träumen? Das Kind in ihr verstummte. Und weinte so leis, dass es keiner mehr hören konnte…

Frei konnte sie sich längst nicht mehr fühlen. Im Januar wurde für jeden ersichtlich, wie es um die sensible Künstlerin stand. Sie hatte dramatisch an Gewicht verloren und schien nur noch ein Schatten ihrer selbst zu sein. Aus der Erkältung wurde eine chronische Bronchitis. Gleichzeitig mehrten sich noch einmal die Anzeichen für eine bevorstehende, sorgsam zeitverzögerte, sozusagen: in die nähere Zukunft verlegte Weltkarriere. Beierlein und Weyrich hatten wertvolle Kontakte in und außerhalb Europas geknüpft, auch in Japan und erneut in den Staaten; die entsprechenden Kontrakte standen bereits zur Unterzeichnung bereit. Auch war man sich einig, die Sängerin nach Madrid zum Grand Prix de la Chansons zu schicken (damals wurden die Interpreten noch ´von oben´ nominiert), doch dazu kam es nicht mehr. Jeder sah jetzt, was mit ihr los war. Sie wurde, in dieser Verfassung, zu einem Geschäftsrisiko, weshalb man sie kurzerhand durch die Kollegin Malmquist ersetzte.

Die noch anstehenden Auftritte absolvierte sie mit allerletzter Kraft. Anfälle von Schüttelfrost, bei unverändert hohem Fieber, peinigten sie, die sich und anderen nicht eingestehen konnte, jenseits der eigenen Leistungsgrenze angelangt zu sein. Doch probte sie unablässig weiter. Weyrich erschrak bei einer dieser Gelegenheiten, bemerkte ihr aschfahles, spitzes Gesicht und erkannte, das von diesem keinerlei Strahlen mehr ausging.“ Ihr Zustand war so bedenklich,“ erklärte der Produzent später,“ das Freunde schon damit rechneten, sie könnte sich etwas antun. Sie war seelisch völlig am Ende. Da man nie genau wusste, woran man bei ihr war, stellte sich schon so mancher die Frage: wann begeht sie Selbstmord? In einer Stunde oder erst in drei Wochen?“ Sie litt mehr und mehr unter Verfolgungswahn, der sie, die Ruhelose, vor allem nachts umtrieb. Anlässlich des Deutschen Filmballs, wo sie neben Rex Gildo, Vicky Leandros und Roy Black die Goldene Europa entgegen nahm, schaffte Alexandra es nicht mehr, ihr Lied Schwarze Balaleika zu singen. Kaum vor das Mikro getreten, rang sie nach Luft und brach zusammen. Ein eilig herbeigerufener Arzt verbat ihr für die nächsten Wochen jeden weiteren Auftritt. Auch das als Sprungbrett für den internationalen Durchbruch gedachte Schlagerfestival in Cannes war davon betroffen. Im schweizerischen Kurort von Davos behandelten sie nun Fachärzte von Rang und Namen. Die Versehrte war indes überglücklich, weil sie jetzt wieder, wiewohl allzu kurz, ihren Sohn um sich hatte.

Kaum ´reaktiviert´, jagte erneut ein Termin den anderen. Sie hatte es selbst kaum erwarten können, doch immer gebieterischer drängten nun auch Gedanken an das Ende, an den Tod in ihr Bewusstsein. Im Gespräch mit Vertrauten sprach sie ganz offen vom ´schwarzen Loch der Zukunft´, vor dem sie sich fürchte. Laut Weyrich habe sie schon immer mehr über den Tod als über das Leben sinniert. Die Befürchtung, früh sterben zu müssen, verdichtete sich zur Gewissheit.

Vorher freilich verliebte sie sich noch ein letztes Mal, und zwar in den deutlich älteren Franko-Amerikaner Pierre Lafaire, der ihr in den Niederlanden über den Weg gelaufen war. Die Affäre mit dem ehemaligen Luftwaffenoffizier und Korea Veteranen verschaffte Alexandra zum letzten Male ungeahnten Auftrieb. Sie trug sich mit neuen Liedern und bekam plötzlich wieder Lust, zu schauspielern, wiewohl sie bis dato Theaterangebote stets abgelehnt hatte. Der ´Lebensgefährte´ Beierlein war nun, da Pierre in ihr Leben trat, mehr oder weniger ´abgehakt´. Sie fühlte sich von ihm zudem geschäftlich hinter´s Licht geführt. Und bat Weyrich, in dieser Sache neu zu übernehmen. Doch der wich mangels Zeit zunächst aus. Fatalerweise verfiel sie nun auf den Gedanken ihren Geliebten, der vorgab, Kaufmann werden zu wollen, zum Manager zu machen. Lafaire wiederum bestand auf einer Eheschließung. Nach der Verlobung wurde sie von Schwester Melitta ausgebremst. Sie riet ihr, eine Detektei zu beauftragen, denn:“ Ich hab das Gefühl, da ist was oberfaul, der will an dein Geld.“

Zahlreiche terminliche Verpflichtungen füllten den Wonnemonat Mai. Alexandra war praktisch nur noch unterwegs; und so zunehmend wieder in aller Munde. Ihre Singles verkauften sich hervorragend. Beierlein plante nun auch, sehr in ihrem Sinne, das von der Russlandwelle geprägte Image zu erneuern, damit sie nicht wie Ivan Rebroff ende, der Pelzmantel und Kosakenmütze nicht mehr los wurde. Wie auch immer: gelingt ein konsequenter, glaubwürdiger Stilwechsel nur den Allerwenigsten. So schafften es die Bee Gees, vom Schmachtbeat zum Discogroove zu wechseln. Aber das dauerte seine Zeit. Die gönnte man der angeschlagenen Sängerin offenbar nicht. Ganz gleich, welches Etikett man ihr verpasst hätte: der Schwindel wäre wohl schnell aufgeflogen. Eben: weil alles viel zu schnell ging; zu hastig – zu übereilt. Kollege Rebroff versuchte erst gar nicht, die lukrative Corporate Identity gegen eine ungewisse einzutauschen. Bewährte Maschen durch neue, am Zeitgeist orientierte zu ersetzen bleibt nun mal ein Risiko, das die Verantwortlichen damals wie heute scheuten. Die Geschäftsleitung der Phonogramm war denn auch gegen die von Beierlein forcierte Neuorientierung im Ausland eingestellt, schließlich verkaufte sich ihr Star mit den bewährten Kniffen im Inland mittlerweile immer verlässlicher. Damit begann einmal mehr das Gezerre um ihre Person.

Doch zerrten noch ganz andere Vorkommnisse an ihrem ohnehin zum zerreißen angespannten Nervenkostüm. Sie erfuhr nun, abermals schwanger geworden zu sein. Die beginnende ´ganz große´ Karriere wäre damit erst einmal vorbei gewesen, bevor sie überhaupt begonnen hätte. Mutterzeit – Auszeit: weg vom Fenster. Im schnelllebigen Showgeschäft gerät man selbst ganz schnell in Vergessenheit. Alexandra konnte sich ausmalen, wie schwer es anschließend sein würde, wieder nach ganz oben zu gelangen. Wollen einen die Leute dann überhaupt noch sehen? Es rücken neue, frische Talente nach, gegen die man sich zusätzlich zu behaupten hat. Die Sängerin entschied sich, obschon von Skrupeln geplagt, für den seinerzeit noch unter Strafe stehenden Schwangerschaftsabbruch. Der ihr selbst nicht bekam. Einen Auftritt beim Schlagerfestival in Montreux absolvierte sie daraufhin nur mit Ach und Krach, unter unerträglichen Unterleibsschmerzen, die wohl neben der Hormonumstellung auch Folgen dauerhafter seelischer Anspannung waren. Noch in derselben Nacht rettete ihr vermutlich eine Notoperation das Leben. Starke Blutungen und eine drohende Infektion hatten ihr den Rest gegeben. Um keine unnötigen Verdachtsmomente zu schüren, verließ Alexandra die Klinik schnell wieder und eilte zu einem wichtigen Auftritt in die Bochumer Ruhrlandhalle, wo sie an der Seite von Gerhard Wendland, Vicky Leandros und Chris Roberts glänzte. Dann kam der Abschlussbericht der Münchner Detektei ins Haus geflattert, ihren Verlobten betreffend: dieser stellte sich nunmehr als vorbestrafter Heiratsschwindler und Bigamist heraus. Aufgrund zahlreicher Delikte bereits aus Dänemark ausgewiesen, verkehrte er auch weiterhin ganz dezent in Kreisen des Rotlichtmilieus. Irgendwo in Deutschland, so vermutete man, lebe auch seine eigene Frau.

Die so Getäuschte und Gedemütigte war nun völlig am Boden zerstört. Schon bald zeigten sich die Folgen eines Paukenschlags, der offenbar tiefer traf als alle vorangegangenen Enttäuschungen und Blamagen. Sie litt nun mehr denn je unter Verfolgungsangst, wich nicht mehr von der Seite ihres Sohnes und begleitete ihn aus Sorge vor Entführungen täglich zum Kindergarten. Die guten Bekannten und ´wirklichen´ Freunde waren, so wähnte sie, weit fort; in Hamburg oder Kiel. Sie aber saß vorerst in München fest. Und mied fortan weitere Kontakte. Den Sohn auch weiterhin rund um die Uhr um sich zu haben, stand allerdings die eigene Karriere im Weg, von der sie nicht lassen konnte oder wollte. Die besorgte Mutter entschied sich schließlich dazu, ihn auf ein teures Internat nach Starnberg zu schicken. So war er von München aus schnell zu erreichen. Ihr sehnlichster Wunsch: vorher noch einmal gemeinsam mit ihm einen Urlaub auf der Insel Sylt zu verbringen.

Alexandra ´widmete´ sich bis dahin wieder der Karriere. Doch hingen Körper, Geist und Seele dieses Ausnahmemenschen nur noch am künstlichen Tropf. Morgens, nach dem Aufstehen, kippte sie, die ewig Unausgeschlafene, Unmengen Kaffe in sich hinein, und wenn das nicht langte, um halbwegs auf Touren zu kommen, kamen die unvermeidlichen Aufputschpillen dazu. Abends, nach vollem Programm, fühlte sie sich leer und ausgebrannt. Nachts, nach den Auftritten, war sie so aufgekratzt, dass ohne Schlaf, – und Beruhigungsmittel kein ´runterkommen´ mehr möglich schien.

Inzwischen hatte man ihr die Möglichkeit verschafft, als erste deutschsprachige Sängerin exklusiv im Pariser Olympia auftreten zu können. Die Sets waren für das Ende des Jahres terminiert. Alexandras Verpflichtungen umfassten nun immer größere Zeiträume, bis weit in die Zukunft hinein. Eine eigene Fernseh-Show stand auf dem Programm, zusätzliche Konzerte in Kanada und Australien, eine Tournee durch Deutschland. Am 21. Juli 1969, dem Tag der Mondlandung, entstanden die letzten Promo-Aufnahmen der Künstlerin. Die verzehrte sich zunehmend nach Einsamkeit und Ruhe. Und tat gleichzeitig alles, um ihren Bekanntheitsgrad weiter zu steigern. In Gesprächen versicherte sie weiterhin, auf der Showtreppe bis ganz nach oben vorstoßen zu wollen, auch und gerade in Amerika; von einer großen Filmkarriere nicht zu schweigen. Alexandra war jetzt, laut Umfragen, populärer als Hildegard Knef, Wencke Myhre und Siw Malmquist. In den Probepausen machte sie einen immer nervöseren, mitunter völlig geistesabwesenden Eindruck. Ihrer Tante Hildegard vertraute sie an, jeden Tag zwischen Leben und Tod zu leben, ihre Freude an allem verloren zu haben und von allen nur noch gehetzt zu werden. Sie tat es aber selbst. Und schloss eine zweite, sehr hohe Lebensversicherung ab. Vor der geplanten Urlaubsreise mit Alexander bestand sie darauf, ihr Testament aufzusetzen. Die fast panische Eile, die Alexandra dabei an den Tag legte, ist bestens dokumentiert.

Völlig entkräftet und übermüdet klopfte sie am Tag der Abreise, es war der heißeste des Jahres, noch einmal beim Chef der Phonogramm, Dr. Werner Vogelsang, an. Dem fiel sofort auf, wie schlecht sie aussah; erneut stark abgemagert, blass und zerbrechlich. Ein Schatten ihrer selbst. Die Sängerin brach unvermittelt in Tränen aus und vertraute ihm an, dass bei ihr beruflich und privat die Welt zusammengebrochen sei. Sie wolle sich fortan wieder mehr an Hamburg orientieren. Der Rest des Vormittags verlief gewohnt hektisch. Sie traf sich mit Fritz Köhler, dem Promotion Chef der Phonogramm, probierte bei einer Schneiderin neue Bühnenkostüme aus und stattete der Hamburger Morgenpost einen Besuch ab. Dann, um 13 Uhr, startete Alexandra zusammen mit Mutter und Sohn Richtung Sylt.

Die Fahrt lief offenbar nicht ohne Komplikationen ab. An einer Tankstelle ließ die Fahrerin den Reifendruck messen und sämtliche Radmuttern nachziehen. Nahe Itzehoe wurde der Mercedes noch einmal in einer KFZ Werkstatt durchgecheckt und mit neuer Zündspule versehen; vorsorglich prüfte der Mechatroniker auch den Vergaser. Nach dem Tanken, auf der Landstraße Richtung Friedrichstadt, raste der cremefarbene Coupé dann unter Nichtbeachtung zweier Stoppschilder mit voller Wucht in einen 32Tonner. Der mit Steinen und Betonplatten vollbeladene LKW schob das Wrack 35 Meter weit auf eine Wiese. Alexandra war bereits tot, als man sie barg; ihre Mutter verstarb später im städtischen Krankenhaus Heide. Sohn Alexander kam mit leichten Verletzungen davon.

Es lässt sich nachträglich nicht mehr zweifelsfrei ermitteln, ob die Probleme beim Fahren auf menschliches Unvermögen oder technische Mängel am Fahrzeug selbst zurück zu führen waren. Letzteres erscheint eher unwahrscheinlich, wiewohl der von der Polizei beschlagnahmte Mercedes anschließend noch mehr als 24 Stunden am Unglücksort verblieb und von ´Katastrophentouristen´ förmlich ausgeschlachtet wurde. Dennoch wäre es vermessen, den Polizeibericht anzuzweifeln, der ganz klar auf menschliches Versagen hindeutet, was ja auch zum Zustand passt, in dem sich die Fahrerin befand. Bereifung, Lenkung und Bremsausstattung des gerade erst zugelassenen Gefährts wurden sichergestellt und nachträglich auf mögliche Defekte hin untersucht. Es konnten keine festgestellt werden. Aus dem Bericht geht allerdings nicht hervor, welche Einzelteile des Wagens als ´Souvenirs´ verschwanden und welche nicht.

Der Tod der Sängerin ist, über das Unfallgeschehen hinaus, Gegenstand wildester Gerüchte geworden – und geblieben. Vielerlei Verschwörungstheorie wurde und wird denn auch bis heute diesbezüglich gesponnen: ein Garn, der vorzüglich zum Stoff passt, aus dem man Helden strickt. Je mysteriöser, umso besser. Auch um Alexandras Ende ranken sich zahlreiche Räuberpistolen, die aber typischerweise, wie so oft, im Trüben fischen und kaum Klarheit generieren. Sie sollen und können nicht Gegenstand einer Betrachtung sein, die allenfalls etwas Licht in ein Leben bringen mag, dessen Schattenseiten bezeugen, dass hier ein Stern strahlte oder schimmerte, und im Zweifel unruhig flackerte. Wie ein Komet, so scheint es, trat Alexandra ins gleißend grelle Rampenlicht; und blitzartig verglühte dann das herrliche Irrlicht wieder. An der Seite von Mutter und Sohn fand unsere Heldin jäh den Tod; erlöst von einem Leben, dass sie bereits bis zur Neige ausgekostet hatte.

Toute la personne

Schon ein flüchtiger Blick in das Gesicht dieser Frau belehrt darüber, wie sehr sie von Gegensätzen beherrscht blieb, die zu meistern ihr zeitlebens nicht gegeben war. Ein Chaos an Gefühlen, das sich im Innern gleich einem dunkel drängenden Gewitter aufstaute, verdunkelte ihr Gemüt. Entlud sich aber die Last, lichteten sich auch, für Momente, die Nebel der Schwermut. Und mit ihnen alle Zweifel. Dann glich der sonnenhelle Zauber alle Mühsal, jede Trübsal, jedes Zwielicht auf.

Das Geschäft zwang ihr, die im Grunde ihres Wesens träumerisch veranlagt war, ein  Äußerstes an Konzentration und ´Wachheit´ ab; dies aber einzig, um für Momente glänzen, leuchten – strahlen zu können. Allein dafür, mag man meinen, hat sie wirklich und von Herzen gelebt. Ihr nicht selten verhangener, immer etwas verloren wirkender Blick klarte sich dann umgehend auf, alle Sorgen und Ängste schienen gebannt. In ihrem Leben zielte eben alles auf die seltenen, kostbaren Augenblicke sterblichen Glücks, die zu erreichen sie bis zuletzt nicht müde wurde. Von Ehrgeiz und Gefallsucht getrieben, überbot sie immer wieder ihre Energien, deren Resten zuletzt nicht mehr ausreichten, den gefallen Engel aufzurichten.

Doch selbst in Phasen totaler Erschöpfung, da sie wie ein Schatten ihrer selbst wirkte, verströmte diese Frau noch eine schwer zu beschreibende, seltsam luzide Strahlkraft. Wahre Leidenschaft beruhigt sich zur Gänze eben nie. Im auf und ab echter Gemütsmenschen lodert die Flamme der Erregung unaufhörlich. Große, starke Gefühle blieben denn auch ihr eigentlicher Antrieb. Alles Übrige war nur Mittel zu Zweck. Was auch an austauschbaren Posen und gebrauchsfertigen Gefälligkeiten hinzu kam, um einem breiten Publikum zu genügen: spürbar blieb die Verletzlichkeit eines in Tagträumen befangenen, und darum immerzu gefährdeten Gemüts.

Meist bestach sie mit einem Lächeln, das aus Zärtlichkeit und Zuneigung schöpfte, doch blickte sie, andererseits, auch oft tiefernst, todtraurig; ganz in eine überwältigende Tristesse gehüllt, die dem Tenor ihres schwerblütigen Repertoires entsprach. Hier entfernte sich ein Mensch für Momente von dem Trubel, der ihn umgab; vom schönen, falschen Schein, von allen Illusionen, die man sich zeitlebens macht und deren Verlust sie in einem ihrer stärksten Lieder beklagte. Frei von allzu aufdringlicher, wiewohl stets neu herausgeforderter Behelligung, war Alexandra dann mit sich und ihrer Ratlosigkeit ganz allein; ersichtlich ein nachdenklich veranlagter Mensch, der um die Vergeblichkeit allen Tuns nur zu gut Bescheid wusste und, von Trauer und Resignation überwältigt, bereits Bilanz zu ziehen schien. Viel ahndungsvolle Dunkelheit wird fühlbar, als Laster einer Schwermut, die sich, aller Gegenwehr zum Trotz, nicht beruhigen lässt.

Doch wird dieselbe, immer wieder, in ihr Gegenteil umschlagen. Konnte Alexandra der Freude, ganz unvoreingenommen und ohne gedanklichen Ballast, freien Lauf lassen, wurde sie wieder zum Kind, das einfach nur unbeschwert herum tollt und sich nicht schert um das was war oder noch werden würde. In Ausdruck und Gebärde kam sie dann schlicht und innig, auf eine sehr vornehme Art und Weise natürlich herüber; etwas schüchtern und verstohlen auch, und dankbar die große weite Welt bestaunend. Doch kam das Kindliche nicht einzig in der Unschuld unbändigen Überschwanges zum Ausdruck, es färbte später auch auf Trauer und Wehmut ab. Kinder leiden in der Regel viel intensiver und unversöhnlicher als die vom Leben zu vielerlei Kompromissen gezwungenen Alten, wie denn diese frühe Phase im Leben eines Menschen nur aus dem Blickwinkel abgeklärter und vom Existenzkampf bereits gezeichneter Erwachsener naiv und ´unwissend´ erscheint. Alexandra sehnte sich einerseits nach dieser Naivität, andererseits wusste sie, dass dieselbe zahlreichen Gefährdungen ausgesetzt bleibt. In einem ihrer Lieder ist nicht umsonst von ´all den Kindersorgen´ die Rede. Wenn sie mit ihren großen, vollen Lippen schmollte, wirkte sie wirklich wie ein trauriges kleines Mädchen. Jauchzte sie aber vor Glück, dann frohlockte der ´Racker´ in ihr. Diesem Menschen war das versunkene Paradies der Kindheit eben immer gegenwärtig; emotional abrufbar sozusagen. Und seine Schattenseiten auch.

Das Kind wollte, in seiner Reinheit, bestätigt werden und wurde später doch allzu oft enttäuscht. Dann wirkte sie, die sich und andere nicht schonte, schwach und zerbrechlich, trübsinnig und von verhaltener Angst umwölkt. Im stärksten Kontrast hierzu die hinreißend ansteckende, überpräsente, Raumverdrängende Erscheinung: andere berauschend und auch sich selbst; dabei von einer Lebensfreude empor gehoben, die überwältigend wirkte. So zog sie den Betrachter nahezu gebieterisch in ihren Bann: ganz auf maximalen Ausdruck, auf Erfassung und Überwältigung gepolt. Feierlich in der ihr eigenen, stolzen Gebärde, trumpfte sie gern auf, als stünde eine Prozession an. Alexandra vermochte auf eine Art und Weise fröhlich und ausgelassen zu sein, als erlöse sie damit umgehend die ganze Welt. Doch blieb sie, bei aller Begeisterung, ungemein konzentriert und auf´s Äußerste angespannt: als gelte es gleichzeitig, eine Horde Löwen zu bändigen. Dem konnte sich keiner so einfach, so schnöde entziehen. Selbst abgebrühte Profis nicht, wie wir sahen. Dieser Mensch verstand es vorzüglich, andere mit Vorsatz anzustecken: die Aura sprang dann abrupt über und verbreitete sich wie ein Lauffeuer.

In diesem Zusammenhang spielt eine nicht unwesentliche Rolle, dass sie, im herkömmlichen Sinne, gar nicht auf Anhieb hübsch oder schön wirkte. Ihre Reize entfalteten sich erst in der Dynamik, die dem Wesen frommte. In den düsteren Augenpaaren spiegelten sich die Abgründe einer unruhigen, leicht erregbaren Seele. Das breite Kinn, die vollen Lippen und eine etwas zu groß geratene Nase: modellierten ein ansonsten eher sanft und andächtig anmutendes Antlitz, das zur vor Übermut strotzenden Erscheinung kontrastierte und so eine nur schwer beschreibbare Sinnlichkeit heraufbeschwor. Übrigens fällt auf, dass ihr in jungen Jahren Scheu und Schwermut, Unsicherheit und Zaghaftigkeit weit mehr anzusehen waren als später, wo dann ein Auftritt den nächsten jagte und sie immer öfter einfach nur zu funktionieren hatte.

In Punkto Körpersprache bediente sie sich durchaus gewisser Tricks und Kniffe. Im Übrigen blieben Vorsicht und Umsicht unentbehrlich im Geschäft, die man auch ihr mitunter deutlich ansah. Auf einer Aufnahme, die sie an der Seite des Show Urgesteins Lou van Burg im holländischen Fernsehen zeigt, kam das, eher am Rande, vorzüglich zur Geltung. Beide betrachteten gerade irgendein Blatt Papier; konzentriert, vertieft und – was sie betrifft – fast ein wenig penibel: wie eine Steuerprüferin im Rüschenkleid.

Modisch ging Alexandra ziemlich mit der Zeit. Der Pagenkopf war ihr Markenzeichen und machte sie zur Ikone. Er betonte auch das markante Profil, das hinter den langen Haaren noch nicht voll zur Geltung kam. Ihre Pharaonenhaft vornehme Erscheinung könnte man sich im heutigen Umfeld kaum vorstellen.

Halten wir, wo es um die reine äußere Erscheinung geht, zusammenfassend fest, das nicht einzig Talent oder Begabung, Können oder Fleiß, natürliche Schönheit oder ein dem Zeitgeschmack schmeichelndes Äußeres den Ausschlag geben: im entscheidenden Moment ist es besagte Aura, die Ausstrahlung, das unbestimmbare Etwas, ein Fluidum, so unsichtbar wie bestimmend, so vage wie wirkungsmächtig. In alledem verdichtet sich das Wesentliche eines Menschen.

Alexandras Art, sich zu erklären, irgendwie verständig zu machen, in Gesprächen und Interviews, eignete der Charme eines noblen Understatements. Hier mag, in Resten, die Erziehung, das damals übliche, von Frauen erwartete oder verlangte Benehmen eine Rolle gespielt haben. Hinter allem aber, spürte man sehr schnell, stand ein hoher Anspruch, der auf Erfüllung pochte. Oft wirkte sie auf elegante, sehr sinnliche Art verlegen, scheu wie ein Reh, aber einladend in ihrem ehrlichen Bemühen, dem Gegenüber irgendwie zu entsprechen, ihm überhaupt entgegen kommen und verstehen zu können. Sie lachte gern und sprühte vor Energie, doch umfing sie auch, verhalten wie ein heimliches Verhängnis, der sanfte Hauch jener Schwermut, die jede ihrer Gesten und Worte wie ein unsichtbarer Schatten begleitete. Voller Tatendrang, dem Leben verfallen und doch sehnsüchtig entrückt, weil jenseits des ´Betriebs´ in Träumen lebend: schien sie immer ein wenig ´wie aus der Zeit gefallen´. Die Verträumtheit war im Grunde eine Art Nische, ein Versteckplatz, den sie aufsuchen konnte, wann immer sich Gelegenheit bot. Vielleicht hat sie nur in diesem Dickicht tagträumender Versponnenheit wirklich gelebt: ohne Einbußen – ohne lästigen Kredit.

In der beiläufigen, völlig unaufdringlichen Plauderei wirkte sie am überzeugendsten. In solche Momenten war nichts mehr vom unablässigen ´sich beweisen müssen´ zu spüren, vom krampfhaft guter Laune oder umständlich herbei geredeter Ernsthaftigkeit. Sie wirkte dann durchaus heiter, also: gelöst und mit sich Reinen. Auf eine ganz natürliche, immer rund und schlüssig anmutende Art sang sie bisweilen beim sprechen. Dem haftete nichts Künstliches, nichts irgendwie Erzwungenes mehr an. Ende 68, im Gespräch mit Robert Lemke beim Quotenrenner WAS BIN ICH, kam dies alles, nach meinem Empfinden, am schlüssigsten und ´vollständigsten´ zum Ausdruck. Man merkte ihr den Stress, den nahen Zusammenbruch gar nicht an, ganz im Gegenteil schien sie hier, passend zum Jahresende, deutlich aufzuatmen; endlich einmal Luft zu holen. „Gibt es irgendetwas,“ fragte der Quizmaster,“ was sie sich erträumen?“ „Ach,“ haucht sie da, so verlegen wie verhalten, erhaben und ergriffen zugleich:“ Träume…tausend Träume…“. Lemke, im Umgang mit Damen noch ganz Meister der alten Schule, verstand sich auf Anhieb mit der Künstlerin und fand im Gespräch den rechten Ton. So entstand eine Atmosphäre, die der sensiblen Künstlerin sehr entgegen kam, weshalb man ihr hier auch nichts von den Qualen anmerkte, die sie längst plagten. Lemke schmeichelte Alexandra auf dezente, altväterliche Art und Weise und kam dann unter anderem auch auf die Schauspielerei zu sprechen. Seinen Vorschlag, es doch damit unbedingt einmal zu versuchen, griff die Sängerin dankbar auf. Ihr Blick verklärte sich für einen Augenblick, bevor sie in freudiger, wiewohl nicht übertriebener Erregung erklärte:“ Dann soll das mein Weihnachtstraum sein…“ Traum und Wirklichkeit: sie wusste beides auseinander zu halten und scheint doch nie aufgehört zu haben, letzteres mit ersterem überbieten zu wollen. In Einklang bringen lässt es sich auf Dauer doch nicht.

In dem schon erwähnten, mehrstündigen Gespräch, das Truck Branss mit ihr führte, um Auszüge davon für das Brasilien Special zu verwenden, ist wiederum viel zu spüren von ihrer Nachdenklichkeit; der skrupulösen, auf Nuancen und Feinheiten sorgsam achtgebenden Art, die nur vordergründig zum überschäumenden Temperament divergierte. Das Tonband fing einen vielschichtig veranlagten, ernsthaft um Werte und Anschauungen ringenden Menschen ein, der es bei dieser Gelegenheit nicht für nötig befand, in platter Showmanier zu blenden oder zu brillieren. So beeindruckend wie überzeugend wirkte daher das natürliche Understatement, mittels dessen sie sich hier verständlich zu machen suchte. Ihre Stimme vermied den üblichen Überschwang, der allenfalls gelegentlich, in sorgsamer Dosierung, aufzublitzen schien. Ziemlich abgeklärt klang sie und kritisch auch; um Klarheit bemüht. Dazu strikt und beharrlich in der Sache. Dieser Tonfall, bis dahin einmalig, wo es um Shows und Sternchen ging, verfing kraft seiner lauteren Beredsamkeit. Hier äußerte sich jemanden, der um die eigenen Unzulänglichkeiten nur zu gut Bescheid wusste und gleichzeitig eine klare Vorstellung davon hatte, was jenseits menschlicher Schwächen und Fehler für ihn wichtig blieb. Alexandras Auskünfte atmen den Geist einer Beichte, die ohne Not erfolgt: wohl nicht zuletzt aus dem Verlangen heraus, manches von dem kenntlicher zu machen, was hinter der Kunstfigur verschwindet, der alle Aufmerksamkeit galt und gilt.

An dieser Stelle wird sehr deutlich, wie wichtig die Begleitumstände bleiben, innerhalb derer solche Gespräche stattfinden. Um einen Menschen besser verstehen und halbwegs kennen lernen zu können, muss man ihm Raum zum atmen geben. Besagte Atmosphäre, als analoge Mitgift, bot hier offenbar einen Rahmen, der passte; der auch nicht allzu viel verlangte oder vorgab, wie das heute in den entsprechenden Formaten der Fall ist und so alles dem Nivellement einer Künstlichkeit gefügig macht, die immer rücksichtsloser grassiert. Man hat, aus gegenwärtiger Perspektive, das Gefühl, einem eigentlich gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmten, sehr vertrauten Bekenntnisreigen zu lauschen; ohne die üblichen, jeden Austausch korrumpierenden Erwartungshaltungen, ohne allzu viel Druck und Zeitnot vor allem, die der künstliche Apparat heute auf nahezu ermüdende Art und Weise erzwingt. Hier ist nichts davon zu spüren. Hier wurde, könnte man sagen, der Künstler noch ernst genommen.

Doch blieben das, aufs Ganze gesehen, eher Ausnahmen. Ein Showstar hatte auch damals dem schönen Schein zu genügen, der ihm umgab und den er selbst provozierte. Das blieb der Alexandra nicht erspart. Sie spielte mit, so gut es ging. Und äußerte sich dann, kurz in die Pflicht genommen, in einer Mischung aus Verlegenheit und Routine, naiver Ergriffenheit und kontrollierter Ansage, etwas verloren und schon im nächsten Moment wieder außer Rand und Band. Letzteres: zählte. Ob auf der Bühne oder im ´Zeugenstand´, bei der Arbeit oder in der spärlich bemessenen freien Zeit: schöpfte sie aus Untiefen. Überflüssig zu bemerken: pochten deren etliche Seelen, ach in ihrer Brust.

Daher die Unbeholfenheit im Einfachsten; das Unvermögen, gerade dort zu bestehen, wo andere ohne Schwierigkeiten funktionieren. Diese Frau ahnte, schaute – wusste mehr: als sie sich selbst je eingestand. Und blickte, ihr Verstand mochte sich dagegen sträuben oder nicht, aus Instinkt immer viel tiefer als erlaubt. So jemand bleibt, im letzten, immer unsicher auf den Beinen. Alexandra  verführte sich und andere zur Leichtigkeit, und doch drängte alles in diese Tiefe, die als Abgrund in jedem von uns steckt und lauert. Hierzu passt vielleicht auch, was sie von sich selbst sagte:“ Ich bin zwar eine moderne Frau, aber kein moderner Mensch!“

Im Grunde gesellig und auf Nähe angewiesen, blieb sie doch ganz in sich befangen; in den entscheidenden Momenten auf Abstand bedacht. Und schützte so zeitlebens den inneren Kern, ihr Allerheiligstes. Einsamkeit blieb das bestimmende Lebensgefühl.“ In einer Kommune, wie sie der Fritz Teufel propagiert,“ erklärte sie,“ könnt´ ich nie leben. Da würde ich wahnsinnig werden. Dazu bin ich zu sehr Einzelgänger.“ Sie war und blieb es ihr kurzes Leben lang; ob in der Masse, an deren Beifallsstürmen sie sich berauschte, oder am Alsterufer, mit der Gitarre in der Hand, nur den Wind in den Haaren und Wolken, Mond und Sternen über sich. So jemand wird nie sein Letztes preis geben können; und bleibt sich und allen anderen ein Rätsel. Ihr ganz und gar unergründliches Wesen kommt recht trefflich in den Worten des Truck Branns zum Ausdruck. Es lohnt, den entsprechenden Passus vollständig wiederzugeben.

„Sie war unberechenbar. Sie war melancholisch, konnte aber im nächsten Moment in eine Heiterkeit ausbrechen die jeden von uns mitriss. Wenn sie keinen Erfolg hatte, traf sie das ganz tief. Sie weinte bitterlich und war wahnsinnig bedrückt. Wenn sie jedoch Erfolg hatte, war sie von einer Euphorie, die uns alle umhaute. Sie klatschte dann jedem auf die Schulter. Sie lachte so spontan, das alle mit lachen mussten. Sie riss in allem, was sie tat, jeden mit; sei es in Traurigkeit oder Fröhlichkeit. Sie konnte in einem Moment herzhaft lachen und im nächsten weinend zusammenbrechen.“

Man könnte das, über den Daumen gepeilt, als manisch-depressives Irresein zu den Akten legen, aber damit wäre wenig gesagt. Der Befund mildert nicht den Bestand, auf den es einzig ankommt. Was als Krankheit angesehen wird, ist in Wahrheit nur ein Überschuss, der sich verzweifelt an den engen Grenzen menschlicher Existenz stößt. Spricht das bereits gegen ihn? Was auch immer in einem solchen Menschen hochkocht um anschließend heillos in sich zusammen zusammenzustürzen: nützt auch und gerade dem Werk, der Kunst – dem Leben selbst. So jemand leidet aus Veranlagung, das eben verbirgt sich hinter jeder echten Leidenschaft. Alexandra selbst kam einmal zu der Einsicht,“ zärtlichkeitsbedürftig, aber auch launisch, mitunter jähzornig, komplexbeladen, verantwortungsbewusst, mutig und ehrlich“ zu sein. Das macht in summa einen schwierigen Menschen aus. Die resultierenden Unzulänglichkeiten werden von den ´Normalen´ allzu leicht beklagt und bekrittelt. Doch gäbe es solche Menschen nicht, wäre das Leben insgesamt eine Narretei; ein tristes Einerlei. Trübe Aussichten für alle jene, die als ´Dutzendmenschen´ eher vegetieren und meist ohne Ausfallschritt auf der Stelle tapsen.

Alexandra blieb, zeitlebens, in Bewegung. Sie, die sich nach Ruhe und Geborgenheit sehnte, schoss gerade über diese Ziele immer wieder hinaus. Sie konnte gar nicht anders. Eine vor allem in Krisen kaum zu bändigende Überspanntheit, bis zur Selbstaufgabe, machte und macht den gehetzten Menschen aus. Es ist einer, der immer zu viel auf einmal zu geben hat und schnell wieder verliert. So jemand wirkt maßlos und kann sich und seine Gefühle nur schwer kontrollieren.

Die Musik reichte, als Funken, völlig aus. Schon bei den Aufnahmen zur ersten LP musste Alexandra, als ein sentimentales Lied dran kam, heulen. Ein anderes hätte sie vielleicht zu Freudensprüngen animiert. In der Liebe verhielt es sich genauso. Auf Anhieb verknallt, entglitt ihr sogleich die Kontrolle. Freundschaft, so äußerte sie, sei daher die eigentlich erstrebenswerte Beziehung:“ Mir ist eine tiefe Freundschaft wertvoller als eine unüberschaubare Liebe.“ Also Adamo. Doch siegte am Ende immer der Dämon – ein unbändiges Verlangen, das alle Bemühungen, zur Ruhe kommen zu können, ins Unrecht setzte. Die starken Gefühle: waren und blieben ihre Schwäche. Ganz dem Diesseitigen zugewandt, überhaupt von den kleinen und großen Wundern des Lebens erfüllt, ja berauscht, verfiel sie im Laufe der Zeit immer öfter in eine Trübsal, die schon von Todessehnsucht gezeichnet war. Wer allzu sehr aus dem Vollen schöpft, leert den Krug des Lebens – vor seiner Zeit.

Was die Karriere betraf, setzte Alexandra bis zuletzt alles auf eine Karte. Ehrgeiz, Zielstrebigkeit und Fleiß blieben, bei aller Launenhaftigkeit im Einzelnen, unverrückbare Koordinaten. Wiewohl ihr die Verlogenheit des Geschäfts zusetzte, hielt sie doch anstandslos dem vorgegebenen Tempo stand, ja recht eigentlich war sie es, die dauernd beschleunigte. In unglaublich kurzer Zeit vermochte sie Berge zu versetzen. Dem entsprach ein enormes Arbeitspensum. Wie bereits angedeutet, schien unsere Heldin zu ahnen, dass ihr nicht viel Zeit beschieden war. Umso energischer setzte sie durch, worauf es ihr unbedingt ankam. Eine echte Power Frau, impulsiv und aufbrausend, wirkte sie noch in den Momenten scheinbarer Beruhigung seltsam lodernd, Funken schlagend – Feuer fangend. Ein besessener Mensch; und also immer in Gefahr, völlig aus der Bahn zu geraten. Von den Extremen angezogen, ließ sie sich, impulsiv und Gefühlsgläubig, wie sie nun einmal war, betören, erregen, entflammen. In den Momenten der Ernüchterung und Ermüdung schlug all die Aufregung in ihr Gegenteil um. Tiefe Melancholie und höchste Verzückung bedingten und befeuerten einander gegenseitig, in ständigem Wechsel, wie schnell wachsende siamesische Zwillinge, deren Wesen qua Geburt untrennbar ineinander verwurzelt bleibt. In allen diesen Zuständen waltet das Extrem.

Auch, wo es seltsam ´kaschiert´ in Erscheinung tritt. Durchaus den Konventionen ihrer Zeit verhaftet, doch schon erstaunlich ´feminin´ und selbstbestimmt, wirkte Alexandra auf familiären Privataufnahmen häufig wie ein zufriedenes Heimchen, und das war sie dann vielleicht auch wirklich: für den erlösenden Moment. Sie hatte sich, wie schon gesagt, zeitlebens mit Männern zu arrangieren, und gegen diese zu behaupten, ihnen also auch Paroli zu bieten, aber es waren nun einmal diese ´weißen alten Männer´, die ihr den Weg bahnten. Und sich erstaunlich oft fügten. Der Kampf der Geschlechter, den diese Altvorderen mit ihr, dem ´Früchtchen´, auszukämpfen hatten, blieb richtungsweisend und hat, als Beispiel, nachgewirkt.

Sie hat sich weder von der Russland Welle vereinnahmen noch auf irgendeine andere Richtung dauerhaft festlegen lassen; das galt auch für den französischen Chanson, zu dem sie sich qua Neigung und Sympathie hingezogen fühlte. Doch ganz gleich, welcher Richtung sie sich widmete: klang immer die Leidenschaft des geborenen Gemütsmenschen an, eben: das Erbe des Ostens – ihr slawisches Naturell. Schon früh vertraute sei ihrem ersten Mann an:“ Ich habe russische Platten gehört, das hat mich völlig um meine Fassung und Beherrschung gebracht.“ Später:“ Wenn die Politik nicht wäre würde ich nach Russland auswandern.“ In Russland, auf Tournee, erschloss sich der jungen Frau endgültig das ihr anverwandte Wesen, hier fand sie, als Seelenverwandte, ihre große Familie; begegnete sie dem Schlag Mensch, in dessen Vorstellungswelten sie sich selbst wiederfand und immer wieder neu entdeckte. Der slawische Volksgeist, den sie als sehnsüchtig und leidvoll erkannte und begriff, war ihr sofort zugänglich:“ Die Menschen dort haben mir ganz besonders gut gefallen. Sie sind einfach und natürlich geblieben, haben Gemüt. Dinge, die man heute belächelt… man meint, man muss rot werden, wenn man Herz sagt oder Gemüt.“ Hazy Osterwald bemerkte schnell, was Russland mit ihr ´machte´, wie es die junge Frau ganz zu sich selbst ´verführte´. Mit altersmildem Understatement stellte er fest:“ Sie lebte ein bisschen im Wolkenkuckucksheim. Sie träumte oft und war eigentlich nicht auf dieser Welt.“ Was man ihr bei den Aufnahmen für neue Lieder oder während der Auftritte gar nicht mehr anmerkte. Traum und Wirklichkeit, Wunsch und Wille – standen einander im Weg und feuerten gleichzeitig, im steten, sich nie beruhigenden Wechselspiel, den ganzen Menschen an. Wehe denen, die hier nicht rechtzeitig für passenden Ausgleich sorgen.

Nachträglich ist man geneigt, den frühen Tod außergewöhnlicher Menschen in ein Schicksal allerhöchsten Ranges umzudeuten. Auch Alexandras Fall verführt zu dieser Betrachtungsweise. Die Beweisaufnahme fällt dann, entlang gewisser Indizien, entsprechend eindeutig aus. Etliche meist traurige, elegisch gestimmten Lieder, verdächtige Andeutungen und finstere Vorahnungen, eine fast verzweifelt anmutende Betriebsamkeit, daneben oder darüber hinaus Phasen der Niedergeschlagenheit, bis hin zur Verzweiflung, und endlich das Testament, aufgesetzt kurz vor dem tatsächlichen Ende, als habe sie es wirklich voraus gesehen… Doch entsteht andererseits, betrachtet man sich Alexandras Auftritte und Interviews ohne jede Voreingenommenheit, auch nicht zwingend der Eindruck, einem Wesen auf Abruf zu begegnen. Zu viel ansteckende Lebensfreude ging ja von ihm aus; eine Begeisterung, die nicht selten übermütig geriet. Sie wusste, trotz aller Zweifel, um ihre Talente, deren Potential alles andere als ausgeschöpft war; und hatte, simpel gesprochen, noch eine ganze Menge vor. Ihr Ehrgeiz ging über das je erreichte Ziel stets von neuem hinaus. Kaum gefangen, schon vergangen. So neigte sie in ihren Schlagern bereits zum Musical (Im sechsten Stock – Der große Clown) und liebäugelte nicht ohne Grund ständig mit der Schauspielerei. Und hätte sicher, umtriebig wie sie nun einmal war, das eine oder andere Betätigungsfeld zusätzlich für sich entdeckt. Da stand, möchte man meinen, noch eine ganze Menge mehr an als der seichte Schlager, dessen enges Korsett sie lüften half, zu bieten hatte.

Ein langes Leben statt des kurzen: hätte den Mythos Alexandra in der uns bekannten Form erledigt und durch einen anderen ersetzt. Der wäre dann weniger geheimnisvoll ausgefallen, umso bodenständiger und, sagen wir es ruhig: banaler. So ergeht es fast allen, die man im Alter, passend zu den runden Geburtstagen, für ihr ´Lebenswerk´ auszeichnet. Die Gefahr, zur Karikatur ihrer selbst zu werden, begleitet sie alle. Oft wiederholen sie sich oder tanzen auf Hochzeiten anderer Leute, im entweder kleineren Rahmen oder, hält sich die Mär vom Überflieger, im viel zu großen, der ihre Bemühungen konterkariert. Sie spielen dann sich und den anderen die immer gleiche, und jedes Mal umständlicher bemühte Rolle vor. Meist werden sie ruhiger, gelassener – milder im Vollzug. Obwohl sie, auch das wird deutlich, noch immer allen zeigen müssen, dass sie es noch irgendwie bringen. All dies ist unserer Heldin erspart geblieben. Gerade sie hätte, um länger durchhalten zu können, ihr Leben deutlich umstellen und diesbezüglich vor allem sorgsamer haushalten müssen, als sie dies bis zuletzt tat. Ob ihr das im Laufe der Zeit vielleicht doch noch gelungen wäre? Was hätte, begünstigend, von außen hinzukommen können? Hätte sie sich mit der Zeit selbst beruhigt, befriedet – beschieden? Wäre sie, wie der tragische Juhnke, immer wieder tief gefallen, nur um sich stets aufs Neue aufzuraffen, als ´Stehaufweibchen´ sozusagen? Manchmal sind es reine Zufälle, die ein Leben völlig neu ordnen; mitunter vollzieht sich der Wandel unmerklich, unterirdisch, zäh und langwierig. Zum Guten oder zum Schlechten. Je nachdem. Mancher leidet unaufhörlich, um kurzer Augenblicke der Entlastung oder Beglückung willen, ein anderer versteht es, dauerhaft zufrieden, im Ausgleich mit sich selbst zu sein; Ausraster und Ausfälle bleiben dann eher Ausnahmen, von denen die Regel bestätigt wird.

Alexandra folgte in allem nur ihrem Herzen. Es mochte vor Schmerz verschmachten und verbluten oder vor Glück auseinander springen: einzig auf das Extrem kam es an, darauf lief alles, schließlich und endlich, hinaus. Im groß angelegten, von Prunk und Pomp bestimmten Augenblick, auf dem immer wieder neu erzwungenen Höhepunkt: schien sie förmlich außer sich zu geraten – förmlich aufzublühen. Aber schon kurz darauf, glücklich erschöpft, kam dieser Mensch sehr bescheiden, zaghaft und fast unbeholfen herüber. Alexandra verlor sich fast in den eher ´einfach´ zu bewältigenden, unverfänglichen Situationen, und blühte auf der großen, alle Blicke bannenden Bühne sofort auf. Sie war energisch und doch hilflos wie ein Kind, und immer beides ganz nah beieinander; bot so das Bild einer außerhalb gängiger Konventionen im Besonderen beheimateten Person. Der Ausnahme-Mensch ist es ja streng genommen immer: weil ganz sich selbst hingegeben, alles gebend, schenkend – ausschüttend; das eigene Herz gleich mit und tausend Tränen noch dazu. Darum hat so jemand, paradoxerweise, auch immer die Maske nötig. Sie schützt ihren Träger und täuscht den Betrachter, führt in die Irre und doch auf Umwegen zur Person zurück, dessen vieldeutiges Wesen den ganzen Menschen umspannt. Unter tausend Weh vollzieht sich ein glücklicher, alle Widersprüche einender Ausgleich, der aber bei reinen Gefühlsmenschen immer nur kurz gelingt. Auch so jemand möchte endlich einmal ankommen, im Paradies der Kindheit vielleicht, wo er die sagenhafte Anfängen und Ursprünge aufgehoben weiß, und treibt es ihn fort in die Welt, dann vor lauter Euphorie auch wieder weg von sich selbst, in die Leere nach dem Rausch, die endlos scheinende Wüste. Dann kennt auch das Leid keine Grenzen. Menschen dieser Art leben nie ganz für sich: so eifersüchtig und knickrig, klein und biestig tun das nur jene, denen es am Überfluss mangelt, den erstere immerzu verschenken und verströmen.

So jemand muss dann auch, abschließender Gedanke, den ganzen Weg gehen: auf jede Gefahr hin. Alexandra ging ihn bis zum frühen Ende, dem immer ein Geheimnis anhaften wird.

Le patrimoine vivant

Ihre Art zu singen war einmalig und unwiederholbar. Es schien sich Goethes ´Stirb und werde!´ darin verewigen zu wollen. Alle Abgründe des Lebens, und seine Höhenflüge auch, einte der Vortrag. Ergriffen bis zur Ergebenheit: spielte sie mit den Emotionen, die wie selbstverständlich in ihr aufblühten, sowie die Musik zu tönen begann. Alexandra hat die Skala stimmlicher Ausdrucksmöglichkeiten kraft ihrer sinnlichen Gewalt ungemein bereichert und gleichzeitig vor allem bloßen Singsang bewahrt; ihre Musik will nicht einzig ´unterhalten´, sie fordert mehr. Allzu leicht verführt ja der Schlager zur Zerstreuung, zum nebenbei hören – zur Berieselung. Dem entwand sich eine Kunst, die aus Untiefen schöpfte. Denn das Wissen um die Vergeblichkeit sämtlicher menschlicher Bemühungen bildete, auch in den scheinbar heiteren Stücken, eine Art Hintergrundrauschen, dem man sich bis heute nur sehr schwer entziehen kann.

Passend dazu der im Elementaren wurzelnde stimmliche Ausdruck. Ihn zu würdigen bieten sich, nach meinem Empfinden, durchaus Vergleiche an, die gar nicht hochgestochen, sagen wir: poetisch genug ausfallen können. Etwa der mit einem alten, von Wind und Wetter gegerbten Brunnen, aus dessen dunkler Tiefe das Quellwasser des Lebens in wilder Gischt empor sprudelt. Doch neigte die Sängerin im Ganzen, trotz aller Erdschwere, auch in die alles befreiende Höhenlage; in Fernen, Weiten. Gern schwelgte sie im Uferlosen. Man stelle sich, weiterer Vergleich, die Wolken am Himmel vor, deren Pracht und Würde, je nach Großwetterlage, ganz unterschiedlich ausfällt. Sie erscheinen dann in pulsierender, hell leuchtender Leichtigkeit, die Heiterkeit auslöst; oder schwer lastend, prunkend wie düstere Bergmassive, deren gewaltige Majestät fast erdrückt und weite Schatten wirkft. Oft sieht man sie gestochen scharf, dann wieder mischt sich ihr feines Linnen mit dem des Äthers, der sie umfängt. Sie können zierlich und zottig wirken, wie Schafe; dann wieder bedrohlich und Unheilkündend, tumben Riesen gleich.  Mal eilen sie, von Winden gepeitscht, in raschem Tempo vorüber; dann wieder scheint keine Regung von ihnen auszugehen, als ruhten sie vollkommen in sich selbst. All dies und so viel mehr schien ihre wunderbare Stimme zu beschwören, in immer neuen, verzweifelten oder beglückenden Anläufen. Im Höchsten und in den Abgründen: verlor sich ihr Anspruch.

Sonor und Ahndungsvoll tönte ihre Stimme vor allem in den abendlichen, an Abschied und Tod gemahnenden Anklängen; Wehmut und Wehklage kündend. Oft umfing sie ein grauer Nebelschleier, der sich nur zögerlich lichtete und eine herrschaftlich strahlende Seelenlandschaft gebar, die an ihren Rändern bereits verblasste und sehnsüchtig zur Dämmerung drängte: glutrot vor sinnlicher Erregung oder im sanften Rosé zart verblassend.

Von einem Meer der Gefühle ließ sie sich ruhig und sanft tragen oder wild und ungestüm fortreißen.  In kleinen, kecken Wellen anbrandend, dann wieder leidenschaftlich stürmend: horchte diese Stimme auf, wann immer sie erklang. Unbändig im Schmerz, verführerisch fordernd im Frohsinn: zwischen diesen Extremen bewegte sich der wohltönend tiefe Laut, unruhig wechselnd, und oft wie von einem unsichtbaren Schleier sanft umfangen. Dies alles setzt eine mächtige Einfühlungsgabe voraus; den Willen zu absoluter Hingabe einerseits, zur Schattierung bis in feinste Nuancen andererseits.

Wohl wissend, das im Letzten jeder allein, nur auf sich selbst gestellt bleibe: beschwor Alexandra immerzu den Furor der Leidenschaft um seiner selbst willen. Die Texte variierten im Grunde ein einziges Thema. Sie mochten schlicht und innig ausfallen, komplex und vielsagend anmuten oder widersprüchlich und rätselhaft scheinen: es ging doch nur, im letzten, um die Sorgen und Nöte einer Seele, die nicht zur Ruhe kam – und im Gefühl doch immer zu sich selbst zurück fand.

Alexandras recht zierliche, in Resten Mädchenhafte Erscheinung kontrastierte zur Reife ihrer herben, herbstlich umnachteten, immer ein wenig pathetisch wirkenden, tragisch umwitterten Stimme. Die von ihr bevorzugte Körpersprache, in diesem Zusammenhang nicht minder bedeutsam und vielsagend, blieb reduziert; der Musik zu Diensten. Auch das verrät die sorgsam antrainierte Schauspielkunst, der es nicht um schnellen Eindruck, mehr um den echten, passenden Ausdruck im rechten Moment bestellt blieb. Ihre spärlichen, wiewohl sorgsam akzentuierten Bewegungen, passend zu den Emotionen, die sie entfesselte, verharrten immer im lichten Halbschatten des Gesangs, der alles überstrahlte und den sie dezent untermalten, ohne die Farbigkeit des Melos überbieten zu wollen. Ihre Bühnenpräsenz bildete, trotz aller Überwältigung, einen eher mildernden, sanft um Ausgleich bemühten Kontrast zur Allgewalt der Vokalität, als sei sie ein Medium, das sich der Musik bedient, um höhere Mächte anzurufen. In den für heutige Verhältnisse verblüffend einfachen und doch genau abgestimmten Bewegungsmustern, die den Zustand der Versunkenheit – in Gefühlen – dezent begleiten und gleichzeitig betonten, kam sie ohne falsche Tricks aus, die längst wieder zu einem Geschäft gehören, das auf billige, rasch ausgereizte Effekte setzt.

Ihrer ´Performance´ reduzierte sich also auf einige wenige, solide Kunstgriffe in Ausdruck und Gebärde: sparsam dosiert und recht eigentlich nur andeutend, was so unablässig aus der sehnsüchtigen Tiefe ans Tageslicht drang. Und wenn sie einmal, im vom Gesang freien Mittelteil von Sehnsucht, ganz verzückt und innig die Arme gleich Flügeln wehen ließ, verklärt von einer Musik, die ihr recht eigentlich zu flach erschien, dann wird deutlich, wie sehr sie imstande war, den Zauber der Klänge, gleichwelcher Intensität oder Tiefe, ganz in ihr Eigentum zu verwandeln – zu verkörpern und mit Seele zu sättigen. Die Texte der Lieder waren Geschichten, die sie dem Publikum wie eine Märchenerzählerin darbot, mal überschwänglich vor Glück, dann wieder traurig wie ein Kind, nachdenklich oder gefasst, mitunter herrisch, und vor Schmerz und Seelenmarter schier brennend: so bot sie alles auf, was an Ausdruck in ihr steckte. Glück und Unglück lagen eben immer ganz eng beieinander. Man sieht´s in einem ganz frühen Video zum Titel Aus, wo sie, noch ungewohnt langhaarig, trotz unbeholfener, sehr bemühter Dramaturgie Zorn, Aufbäumen und jähes Verzagen wie ein Fest aufbot. Kathartisch fast, und doch mit einem Rest unbewältigter Seelenpein. Auch hier wirkte sie eigenartig entrückt und präsent zugleich, ganz in sich verloren und dabei über sich selbst herrisch hinauswachsend.

Gekrönt hat sie ihre Darstellungskunst zweifellos in dem mehrfach erwähnten Special von Truck Branss. Meistenteils in eine Art Feen, – oder Engelsgewand gehüllt, vor durchweg einsamer, wie aus der Zeit geworfener Kulisse, in urbaner Leere oder urwüchsiger Natur, seltsam verhangen und doch omnipräsent, sehen wir sie hier ganz auf sich selbst, auf den solitären Kern ihrer Existenz zurückgeworfen; und sie geht auch, spürt man, ganz darin auf. Unverkennbar der herbstlich dräuende Unterton, von dem all diese Aufnahmen begleitet werden. Der vielleicht genialste, das eigene Schicksal auf recht eigenwillige Art und Weise vorwegnehmende Einfall kommt in den Aufnahmen zu Illusionen zur Geltung: hier eilt sie, eingehüllt in das vom Wind entfachte, unruhig flatternde hellweiße Gewand, in Zeitlupe eine Straße herab, immer wieder auf hüpfend und dabei schwerelos durchs Bild schwebend. Langsam und unablässig, leuchtend wie das Leben selbst, scheint sie, talwärts tanzend, fortlaufend zur Erde herab zu sinken, deren Schoß sie schon bald in sich aufnehmen würde. Auch in einer weiteren Einstellung weht unablässig der Wind, dem ewigen Sturm gleich, den nach den Worten Jean Pauls keiner regiert; der also ganz aus sich selbst, selbstherrlich und in alle Ewigkeit, waltet oder wütet. Und gleicht die Sängerin nicht in den Aufnahmen zu Am großen Strom den vor großer Landschaft so fürchterlich verloren wirkenden Gestalten, die der Meister romantischer Malkunst, Caspar David Friedrich, in fast manischer Besessenheit wieder und wieder auf die Leinwand bannte? Ganz einsam steht auch sie da, doch nicht ohne Grazie und Haltung, so etwa auf nacktem Stein vor einem alle Weiten spannenden Meer, das kraft der untergehenden Sonne an dem Klippenrändern grell glitzernd aufblitzt. Auch Alexandras Antlitz wird hier vom Gold des verblassenden Gestirns nahezu majestätisch erfasst. Solcherart umworben, stimmt sie wieder und wieder die sehnsüchtige Litanei der Vergeblichkeit an. Ja lublu tebja: hier kauert sie einsam vor einer kläglichen kleinen Pfütze, irgendwo im Nirgendwo, von dürren Ästen geschirmt, die weder Trost noch Wärme spenden. Und schlägt mit dem Stock auf das Spiegelbild ein, nicht verzweifelt, nein: manisch ergeben, im Taumel der Sinne – vor Wut und Verzweiflung. Mein Freund der Baum: hier umfängt sie das Blattlose Gehölz eines in winterliche Zeitlosigkeit erstarrten Waldes. Die Kamera ahmt, rasch kreisend, den Zyklus eines Lebens nach, das in eisiger Regungslosigkeit verharrt. Der nacktkalte, dunkelblaue Himmel schirmt wie ein weit entferntes, unerreichbares Versprechen die Ödnis. Viel Gram und Trauer vermählen sich hier mit den Iden der Ewigkeit. Die Klage wird zur Vision – das Gleichnis aber zu einem Märchen, still und innig vorgetragen. Was all diese Szenen und Bildfolgen so unvergleichlich macht ist einfach der Sinn für Proportionen, der Mangel an großer Gebärde und technischer Überwältigung, die doch nur erschlägt. Alles ist sehr schlicht und sparsam gehalten, ohne die heute notorisch wütenden Effekte samt ihrer nutzlosen Spielereien. Hier atmen die Bilder noch, gefallen sich in Poesie und überlassen es dem Zuschauer, Assoziationen herzustellen. Er kann sich behaglich zurücklehnen und ausruhen, wachen Sinnes. Wie denn die Sinne mehr behutsam ´gekitzelt´ werden, wo das digitale Überfallkommando sie mittlerweile nur mehr heillos überreizt, mit dem Ergebnis, das man darob schnell ermüdet. Von alledem bleibt nämlich nichts hängen, alles verpufft an der unruhigen Oberfläche. Zu wenig für die atmende, immer empfängliche Seele, zu viel für das ewig überstrapazierte Nervenkostüm.

Alexandra beschränkte sich, wie wir sahen, nicht aufs nachsingen passender Lieder. Sie schrieb zu einem Zeitpunkt ihre eigenen, als dies meistenteils den Produzenten, angestellten Komponisten und Autoren vorbehalten blieb. Mag sie damit auch die Herrenwelt herausgefordert, Argwohn und Verwunderung ausgelöst haben: schnell ließ man sich von ihrem Talent überzeugen. In den Texten, gleich welchen Inhaltes, kam stets zum Ausdruck, wer sie war, und immer war da mehr, als bloße Worte sagen und begleitende Harmonien anzurühren imstande sind, eben: in der Tiefe rauscht der Quell.

Ihre Worte und Wendungen waren lyrisch getönt. Die Sehnsucht nach dem Einfachen vermählte sich auf recht spielerische Art und Weise mit dem Pathos starker Empfindungen. „Ich schreibe Texte über Blätter und alles mögliche Versponnene,“ gestand sie,“ vielleicht bin ich doch eine versteckte Romantikerin.“ Das klingt sehr deutsch, und rührte an ihrem Wesen, dessen Eigenart der banalen Wirklichkeit tapfer widerstand. So blieben auch ihre Bemühungen um das geschriebene Wort zeitlebens die einer romantisch verstrickten Seele. Die sucht und findet, und verliert auch wieder; je nachdem. “ Ich habe eine Schwäche dafür Texte zu machen und auch wieder wegzuwerfen, aber ein paar bleiben immer übrig.“ Sie dichtete denn auch mehr als das sie umständlich erzählte, und erzählte doch immer, wo andere nur passend texten. In vielem war sie eine echte Geschichtenerzählerin, und oft kam sie so auch auf der Bühne herüber, als wolle sie sagen: hört her, ihr Leute: lauscht meinen Worten und wundert euch dabei! Die Themen kreisten meist um Liebeskummer, Abschied und Enttäuschung, Kindheitsträume und überhaupt vergebliche Träume, um das kurze, allzu vergängliche Glück, und immer auch um Alltägliches, als ein dem Arglos Empfänglichen oder vor Überreizung Abgestumpften gering scheinendes, das doch darum nicht an Bedeutung verliert. Das Einfache wird einzigartig im Einmaligen; auch wo es beiläufig scheint, offenbaren sich die Wunder der Welt.

Und mit ihnen all die Narren, Glücksritter und kleine Leute. Zigeuner und Fischer, Kinder und Clowns treten auf den Plan; und lassen große Herzen aufhorchen. Kinderherzen, genau genommen. Womit wir schon wieder den Seelenschmerz streifen. Erinnert: Schon als blutjunger Mensch besang Alexandra den Verlust der Kindheit mit all ihren Geheimnissen und Gefährdungen, dem Zauber und der Gefahr, immer wieder taucht vor allem dieses Thema bei ihr auf. In der Natur wiederum fand sie das große, in sich ruhende Versprechen; eine Welt in der Welt, alle andern überwölbend, überwältigend. Ganz im Sinne der Romantik. Ganz, wie es ihrem Empfinden entsprach. Dank einer Stimme, die nie samtig oder weich, kitschig oder anbiedernd klang, geriet ihr jedes Thema zu einem hinreißenden, vor Lust und Leid, Hochgefühl oder Niedergeschlagenheit pulsierenden Bekenntnis.

Ihre Seelenlandschaft spiegelte sich nicht einzig in den Liedern, sie durchströmte diese wie Blut. Die oft schlicht und innig gehaltenen Texte regten weniger zum nachdenken, mehr zum mitfühlen, mit träumen auf. So grüblerisch manche ihrer Lieder auch anmuten, das letzte Wort hatte immer das Gefühl. Es stimmt übrigens nicht, dass bei ihr stets der Moll-Ton dominierte, doch blieben noch die beschwingtesten Lieder stets in entsprechender ´Tuchfühlung´. Das eben machte ihren Reiz aus.

Der auch bei den auf biedere Kost abonnierten ´Handwerkern´ verfing. Sie warfen sich mächtig ins Zeug für die Künstlerin und schufen Klangperlen von erhabener Preciosité. Oft waren das schon keine ´simplen´ Schlager mehr, denn in den aufwändig arrangierten, seinerzeit noch vom großen Orchester begleiteten Miniaturen ballten sich die unterschiedlichsten Stile, als eigenständige Anleihen, bar einer heute florierenden eklektischen Beliebigkeit. Sie zählten zum Besten, was diese Profis je produziert oder komponiert, arrangiert und tontechnisch veredelt haben. Alexandra haute das sozusagen aus ihnen heraus.

Freilich: hing dies auch am Zeitgeist selbst. Der hohe Anspruch von damals kann heute als verloren gelten, denn die Grundlagen sind fortgefallen. Es gibt auch keine Alexandras mehr; wie billig. Unsere Heldin war aber im passenden Moment da, gerade rechtzeitig sozusagen, als der übliche Schnulz, auch aufgrund anderer Kräfteverschiebungen, anspruchsvoll wurde; also: ernst und tiefgründig, facettenreich und komplex. Mit ihrer Kunst hing Alexandra zwischen leichter Kost, die ihr Trittbrett wurde, und einer sehr viel anspruchsvolleren Musik, die bald immer hermetischer geriet, während der Dreiminuten-Schlager rasch wieder trivialisierte. Abschließend mögen einige Beispiele genügen, den Anspruch der Sängerin wie auch den ihrer ´Zulieferer´ zu dokumentieren. Teamwork at his best.

Wie sehr Alexandra andere mit ihrer Art ansteckte, ja infizierte zeigt sich z.b in dem Lied Was ist das Ziel?, zu dem Weyrich den Text beisteuerte. Kann man einer Künstlerin eindringlicher und ehrlicher, vor allem: unter die Haut gehender entgegen kommen als in diesem großartigen Stück? Hier war ja die Verzweiflung des ewig suchenden und doch nie findenden Menschen trefflich zum Ausdruck gebracht: einer eben, der sich vor Verlangen verzehrt und verliert, wieder und wieder.

In den Kompositionen der Profis verband und ergänzte sich im Grunde das Können alten Männer mit dem Genius einer jungen Elfe. Sie schufen ihr Lieder nach Maß; solche also, die zu ihrem Wesen passten und mittels Melos und Erzählung in ein Gleichnis verwandelten, was gerade diesen einen Menschen zutiefst beseelte, beschäftigte, umtrieb und mitunter fast um den Verstand brachte. Früh etwa im schon erwähnten Aus, wo die dumme, weil immer blinde Liebe von einem peinlich berührten Verstand seziert wird und dementsprechend zur Marter gerät; das Gemüt schläft nicht. Die Zärtlichkeit weiß von Einsamkeit und Sehnsucht, die miteinander verschmelzen und so das begleitende Gefühl bannen und unerhört steigern. Ein leeres Haus: hier wird in heiter melancholischer Weise eine Einsamkeit beschworen, mit der sich das Gemüt, still leidend, abzufinden hat. Im Ersten Morgenrot klingen die Erinnerungen an Heimat und Kindheit an, ganz von einer späten, unendlich lastenden Trauer umwölkt, die den Verlust auf fast männliche Art und Weise beklagt. In Die anderen waren schuld geht es um Trennungsschmerz. Davon konnte sie wahrlich ein Liedchen singen. Die andern konnten es auch: von ihr stammte nämlich ´nur´ die Musik zum Stück. Wenn die lila Astern blühn: entsprach so ganz ihrer Art, die Dinge zu betrachten und entlang poetischer Anleihen zu umkreisen, nach zu empfinden – ´abzuleiden´. Die Musik und das begleitende Arrangement: slawisch durch und durch – wallend vor Wonne und Weh.

In den vollumfänglich eigenen Kompositionen war Alexandra immer dann am stärksten, wenn sie sich nicht allzu weit von ihrem Temperament entfernte. Die oft gedankenschweren, mit Gott und der Welt ringenden Themen blieben ohnehin vom Gefühl beherrscht, dass immer wieder die bloße Reflexion durchbrach. Am innigsten und reinsten gelang ihr das in Mein Freund der Baum. Der Text wirkt noch heute unglaublich einfach in seiner nur vordergründig kindlichen Versponnenheit, doch wuchs das Lied, clever arrangiert und mittels passender Spannungsbögen dramatisch aufgeladen, über sich selbst hinaus. Kein Wunder, das es ausgerechnet in Deutschland nachträglich voll einschlug. Das Geschöpf Baum ist mehr als nur ein Freund, und wird so, für immer verloren, ´Gegenstand´ heissester Tränen. Man denkt sofort an das Gespräch mit Branns, wo sie daran erinnerte, das man doch beim Gang durch den Wald darauf achte, nach Möglichkeit keine kleine Tiere zu zertreten. Das Kleinste, das Heiligste – wie alles nur Lebendige: blieb ihrem wachen Auge vorbehalten. Alexandra verarbeitete im Lied vom Baum wohl auch die eigenen, so unerbittlich und intensiv nachempfunden zwischenmenschlichen Erfahrungen. Im Traum vom Fliegen, dem Lied vom Baum in manchem ähnlich, dasselbe in Punkto Melodramatik aber noch um einiges übertreffend, vermählen sich selige Naturvergessenheit und die Sehnsucht nach Weite zu unnachahmlicher Gleichnishaftigkeit. Und dies, einmal mehr, am Beispiel des Unscheinbaren: eines kleinen, von Winden gewogenen Blattes. Hier bilden Überschwang, Trauer und Nachdenklichkeit einen dichten, innig verwobenen Zusammenhang, ohne dass sich einwandfrei klären ließe, was am Ende schwerer wiegt. In Weisst du noch gleicht die von Bildern durchtränkte Erinnerung einer nostalgischen Schwelgerei, mündend in Einsamkeit, die den ´kurzen Weg zu zweit´ nachträglich auf recht eigensinnige Art und Weise adelt.

Heute werden die einzig von Klang ihrer Gitarre begleiteten Lieder kaum noch gespielt. Sie wirken fast wie eine Art Vermächtnis, ähnlich den letzten Aufnahmen Nick Drakes, der bald darauf freiwillig aus dem Leben schied. Ich glaube, dass sie diese Art Musik bei den Zigeunern in Andalusien ´aufgeschnappt´ hat. Gehen wir auch auf diese Lieder, die vorzüglich ohne den sonst üblichen, großen Begleitapparat auskommen, kurz ein. In Es war einmal ein Fischer erzählt sie die traurige Geschichte mit feierlichem Unterton, und zugleich so unschuldig und rein, als spräche sie einem Nahverwandten die letzten Worte  an dessen Grab. Hier wird sie sehr spürbar, die Todessehnsucht, als Erlösung von einem Leben, das nur betrügt und nicht hält, was man sich von ihm verspricht:„Ach Vater, lieber Vater, ich bitt dich weine nicht, auf Erden war´s so dunkel, nun ist mir ewig Licht.“ Aus demselben Stoff ist Mein Kind schlaf ein gewoben. Hier ist es nicht der Tod, der erlöst, sondern wohltätiger Schlaf. Tiefer, kaum auszuhaltender Leidenschaft mächtig, ergab sich Alexandra doch nie der Wehleidigkeit, wuchs vielmehr immer wieder tapfer über sich selbst hinaus und fand in einer heroischen Grundhaltung den nötigen Aufschub. Wild ist das Land: stattlich-heldenhaft klingt da der Vortrag, herrisch und verwegen, der rauen, unerbittlichen Natur nachempfunden, die der erzählten Geschichte den passenden Hintergrund verschafft. Das Lied hätte, in Punkto Pathos und Gebärde, ganz gut zu einem der seinerzeit schwer angesagten Italo-Western gepasst. Man begreift: Alexandra funktionierte auch ohne großen Apparat, ganz getragen von der Stimme und einer einfachen Gitarre, das reichte auch hier, wo ihr Vortrag von verhaltenem Stolz getragen wird. Alles ist Schicksal und Vollzug. Tod und Trauer vervollständigen das Bild. Wind, Wind: in dieser Phantasie eint sie hauchzarte Gefühlsseligkeit mit kämpferischer, fast angriffslustiger Gebärde. Sie war im Grunde, wie an dieser Stelle zu bemerken ansteht, aller Stile mächtig, die sie so trefflich miteinander zu verweben verstand: entscheidend blieb, ob damit die Saiten ihrer Seele berührt und zum Schwingen gebracht werden konnten. Dann erzitterte alles vor ihrer Gewalt.

Die Tournee durch Russland brachte Alexandra ihrem eigenen, leicht entzündbaren Wesen empfindlich nahe. Am großen Strom: das konnte nur unter dem Eindruck dieser Reise entstehen. Oder das ungleich simpler gestrickte, sich förmlich im Kreis drehende Ja lublu tebja: manisch verzückt, verliert und verzehrt sich hier der unglücklich liebende Mensch: lebt auf und stirbt tausend Tode. Bei so viel Seelenbrand und Gemütsfeuer darf nicht außer Acht gelassen werden, das sie selbst, solcher Gefühlsausbrüche fähig und willens, eben auch als Willensmensch unnachgiebig blieb; zu stolz, um nachzugeben und zu selbstbewusst, um auch nur eine einzige ihrer Schwächen zu leugnen. Derlei ´Defizite´ konnten, nahm man sie ernst, als Elemente tragischer Verstrickung in das Werk einfließen. Endlich darf bei alledem nicht vergessen werden, dass diese Kunst, so sehr sie sich hingibt und seelisch entblößt, als Bekenntnis doch auch vieles verschweigt und oft in vielsagenden Andeutungen verharrt. Ein Umstand, der sich auch und gerade in den heiteren, verhaltenen Momenten ihrer Lieder andeutet; bunten Blättern gleich, die der forsche Herbstwind aufscheucht und ohne viel Lärm wieder zerstreut. Es ist derselbe, mächtige Hauch, der in Stürmen ganze Äste und Zweige mit sich fortreißt, in sanfter Beruhigung aber kost und herzt; wie es ihm gefällt.

 

Souviens-toi en silence

Sie müsse immer bis zum Äußersten gehen, selbst wenn es nicht gut ist, bekannte einmal die früh verstorbene Romy Schneider; als Schauspielerin vielleicht eine der Größten, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf der Leinwand in Erscheinung traten. In diesem Zusammenhang bekannte die sensible Mimin:“ Ich liebe es, bis an die Grenzen des Möglichen zu gehen, im Beruf wie im Gefühlsleben. Ich bedaure nichts! Man muss viele Leidenschaften haben in seinem Leben; es ist zu kurz, als das man so was nur einmal erleben sollte.“ Vorahnung also auch in ihrem Falle, die freimütig bekannte:“ Ich bin wohl recht unlebbar für mich selbst, und schon gar für andere.“ Auch sie existierte im Grunde nur für die großen Gefühle, deren Anspruch alle Maße sprengt und am Ende eines überspannten Lebens den verlorenen, in sich verbrauchten und vernutzten Menschen zurücklässt: ein Häuflein Elend eben. Sie selbst hat es wie folgt formuliert:“ Man kann ja plötzlich aufwachen und total leer sein – kein Gespräch mehr, kein Zusammensein, kein Mut, keine Möglichkeit mehr, etwas geben zu können, weil man schon alles gegeben hat, was möglich war.“ Romy wusste:“ Wenn der Erfolg einmal aufhört, werde ich eine unermessliche Einsamkeit kennen lernen.“ Das sagte sie ganz am Ende ihres letzten Interviews. Als sie kurz darauf mit gerade einmal dreiundvierzig Jahren starb, war zunächst von Suizid, dann von Herzversagen die Rede; sie sei „an gebrochenem Herzen“ gestorben. Bekannt war, das auch Romy, wie Alexandra, in den letzten Jahren abendliche Schlaf, – und morgendliche Aufputschmittel konsumierte und zudem immer häufiger und exzessiver zur Flasche griff. So kam eines zum andern. So kommt sich auch ein Mensch abhanden, der bis zuletzt krampfhaft versucht, alle Fäden seines übergroßen Lebens in den zunehmend zittrigen, fahrigen Händen festzuhalten.

´Jeder hat sein Leben ganz zu leben´ lautet der Titel eines Buches, das die Tagebucheinträge Rudi Dutschkes aus den Jahren 63 bis 79 beinhaltet. Was auch immer die Beweggründe sein mögen, die sich hinter dem auf Anhieb anmaßend anmutenden Ausspruch verbergen: der Anspruch selbst zeugt von Konsequenz und Tatkraft, Verve und Risikobereitschaft. Auch Alexandra hat versucht, danach zu leben. Auf ihre Art. Und durchaus mit derselben Intensität und Unnachgiebigkeit wie der manisch veranlagte, rastlos tätige und seine Heilslehren im Brustton des Propheten verkündende Studentenführer, dessen revolutionär gestimmter Übereifer erst durch ein Revolverattentat dauerhaft ausgebremst wurde. Zur vielbeachteten öffentlichen Person wurde Dutschke in den Jahren 67 und 68. In dieser kurzen, ungemein bewegten Zeit entstand der Mythos; die Legende von einem der auszog, den Spruch Che Guevaras in die Tat umzusetzen:“ Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“ Dass Dutschke damit ernst machte und nur verlieren konnte, spricht gar nicht gegen den Versuch. Im Scheitern gründet sich der Ruhm. Groß angelegte Menschen, die alles auf eine Karte setzen und dabei verlieren, werden zur Legende. Wer hingegen, wie billig, durchkommt und ein stattliches Alter erreicht, büßt so auch den Nimbus ein, der jede bloße Achtung, jeden späten Respekt übertrifft.

Jener schmal bemessene Zeitraum, der das Phänomen Dutschke möglich machte: war, Pi mal Daumen, auch Alexandras große Zeit. Ihre Karriere maß kaum mehr als eine Spanne von rund anderthalb Jahren. Ende 67 der glänzende Einstand, und dann, bis zur Jahresmitte 69, ein dauernder Schaulauf: die eigenen Ansprüche immer wieder übertrumpfend oder hastig einholend und endlich, vom Leben selbst überholt, das Ende desselben. Sie, die ihren frühen Tod ganz bewusst ins Auge fasste: wusste um den Preis, den einer zahlt, zielt er in allem auf das Maximum.

In ihrem Falle: ein Maximum an Begabung und Ausdauer, Willenskraft und Sturheit, an Besessenheit und Anmaßung. Alexandra war und blieb so unruhig wie umtriebig, neugierig und lebensdurstig, widersprüchlich und unergründlich: wie es ihrem Wesen frommte. Gewissen Wechseln und Sprüngen wäre sie, die ewig Umtriebige, gewiss gewachsen gewesen: hin zum Film oder zum Theater, in die Regie und immer wieder in die Hauptrollen hinein. Sie hätte sicher auch eine engagierte Aktivistin abgegeben, als Botschafterin wer weiß wovon. Andere Zeiten, andere Sitten. Das macht was mit den Menschen. Vom Zeitgeist und seinen Ansprüchen wird jeder von uns auf recht unterschiedliche Art und Weise erfasst; keiner steht abseits, keiner kann sich dem Fatum entziehen. Dutschke blieb, dem Tod um Haaresbreite entronnen, ein Getriebener, der bald nur noch von Land zu Land emigrierte, nirgends mehr wirklich ankam und bis zu seinem Tod an Heiligabend (1979) längst in Vergessenheit geraten war. Unverdrossen politisch engagiert: war die Zeit stillschweigend, ja schnöde über ihn hinweggegangen. Die Epigonen verfolgten eigene Agenden. Der Empörer hatte sich, im Praktischen, überlebt. Das galt auch für etliche der Schlagerhelden, die bald nur noch auf Kaffefahrten und Dorffesten, in Schunkelbuden und Möbelhäusern vom aufgebrauchten Bestand zehrten und ein Comeback herbei sehnten, das in den meisten Fällen ganz ausblieb oder schon zur Posse verkam. Vom strahlenden Helden zur Karikatur, von der ganz großen Bühne in die Hinterzimmer Nostalgieversiegelter Oldie-Events: all dies ist Alexandra erspart geblieben, die man sich im Übrigen nicht einmal im Traum in der Rolle einer abgetakelten Tingeltaube vorstellen kann oder möchte, die von einem Dorf ins nächste flattert und vor alkoholisierter Meute ihre alten Kamellen herunter gurrt. Wer mag sich die große Romy Schneider als tratsch-trendige Altersglucke in billigen Vorabendserien von ARD und ZDF, RTL oder SAT1 ausmalen? Gar als hysterische Ziege im Dschungelcamp unter lauter Böcken und Implantat-Hyänen? Grauenhaft.

Dazu, aus Respekt, kein weiteres Wort mehr. Der frühe Tod hat auch Alexandra ins Pantheon der Unsterblichkeit überführt, passend zu besagtem Mythos, mit dem heute so viel Schindluder getrieben wird. Auch der bleibt zahlreichen Wandlungen unterworfen. Und gefällt sich gern in Beliebigkeit. Erinnern sie sich an den Anfang dieser lockeren Betrachtung. Club 27. Lebe heftig, liebe heftig – stirb jung. Das traf auf unsere Heldin ganz gewiss zu. Und ist am Ende doch nur eine austauschbare Phrase mehr im vorgezeichneten Narrativ. Was daneben oder darüber hinaus die Legende trägt und am Leben hält: zählt mehr als alle Moden und Marotten. Wer zählte, andererseits, die Stunden, die Momente und Augenblicke, in denen wir verzaubert und seltsam berührt, der dunklen Stimme lauschten und vielleicht auch staunten: was das – was sie – mit uns machte? Am Ende: zählt nur dieser Zauber selbst. Er nutzt sich nicht ab und führt, allen Konjunkturen zum Trotz, ein Eigenleben, das anderen Gesetzen gehorcht und darum nie vergehen wird.

Über Trdic Shanto 120 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.