#allesdichtmachen: Ziemlich dumm gelaufen

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Ziemlich dumm gelaufen

Alles dicht machen? Von wegen. Jetzt öffnen sich die Schleusentore. Und spülen gnadenlos fort, was als harmlose Provokation begann und eben darüber nicht mehr hinauskommen wird. Der Spaß, den sich rund fünfzig SchauspielerInnen im Netz leisteten, fliegt ihnen nunmehr krachend um die eigenen Ohren. Die ersten sind bereits eingeknickt, distanzieren sich von der eigenen Courage und lavieren so ohnmächtig wie verzweifelt um den heißen Brei herum, passend zur ´Volksgemeinschaft´, deren Obrigkeitsgehorsam nur zu genau einer Feigheit entspricht, die sie seit fünfzehn Monaten lähmt. Wehe denen, die jetzt ihre Muskeln spielen lassen! Ein Mix aus Entrüstung und Bezichtigung, Verleumdung und Veralberung heizt den ´Empörern´ stündlich ein. Der schrumpfende Rest des schrulligen Zweckbündnisses wird vom Mainstream gnadenlos vorgeführt und fertig gemacht. Das mutet, auf den ersten Blick, recht seltsam an. Comedy und Klamauk hypertrophieren doch schon seit Jahren in diesem Land. Auf sämtlichen Kanälen wird, rund um die Uhr, dreist und doof, platt und pupsig drauflos geblödelt. Den Tiefgang verblichener Kabarett Formate erreicht keiner von denen, die solcherart auf schnelle Lacher aus sind, wie denn der bissige Spott politisierender Weltverbesserer, deren ´Vorkämpfer´ einst mit Puddingattentaten für Furore sorgten, den immer unverbindlicheren Geschmacklosigkeiten wich, mittels derer man heute unter die Gürtellinie zielen kann, ohne eine bestimmte Haltung oder Gesinnung zum Ausdruck bringen zu müssen. In dieser ´Tradition´ standen auch besagte Kurzvideos.

Die Macher von #allesdichtmachen hatten das Überraschungsmoment klar auf ihrer Seite. Aber der Vorsprung, den man sich damit für kurz verschaffte, ist längst aufgebraucht. Passend zur Profession der Provokateure, könnte man auch sagen: er ist ´verspielt´ worden. Von den Verhältnissen eingeholt, kommen die Akteure einfach nicht mehr mit bzw. nach. Ihnen geht bereits die Luft aus. Auf einen zähen Marathon sind nur ihre Gegner, kaum sie selbst eingestellt. Schlimmer noch: fällt ihnen ab sofort auch gar nichts Neues mehr ein. Das mit den Mitteln der Satire arbeitende Kollektiv hat sein Pulver verschossen, die passenden Pointen vielmehr; und löst sich nunmehr kläglich auf. Die Gegenseite, deutlich besser aufgestellt, schließt ihre Reihen und hebt ständig neue aus. Deren Strategen behaupten eine Deutungshoheit, der sich das Gros bloßer Mitläufer ganz von selbst anschließt. Nur immer brav mit den Wölfen heulen! Gilt auch für die Empörer selbst. Statt das Heft in der Hand zu behalten, also: dem Gegner zuvorzukommen, laufen die übrig gebliebenen Hashtaggies ihren Anklägern entweder japsend hinterher oder eilends voraus. Statt einen draufzusatteln: bügeln sie nur mehr die üblichen ´Verdachtsmomente´ ab. Sie sind jetzt hauptsächlich damit beschäftigt, sich und ihres gleichen zu rechtfertigen, indem sie immer beschwichtigender die Hände heben und ihre Unschuld beteuern, wiewohl das Urteil über #allesdichtmachen längst gefällt worden ist. Seine Mitglieder agieren nicht mehr. Sie reagieren nur noch.

So vorhersehbar das im Nachhinein auch anmuten mag: seltsam bleibt es trotzdem. Eigentlich müssten Makatsch, Müller oder Becker bestimmen, worüber ab sofort geredet werden muss, oder? Jan Josef Liefers beruft sich recht unverschlüsselt auf die Arbeit des Corona Ausschusses, ohne freilich Fakten und Inhalte zu forcieren, nicht einmal Andeutungen mag er machen, was dann ganz klar gegen ihn spricht, weil eben nur Klartext für klare Verhältnisse sorgt. Sicher: bezichtigte man ihn, täte er es, sogleich der Verschwörungstheorie. Na und? Einer muss doch mal den Anfang machen, sprich: dem seit mehr als einem Jahr geltenden Narrativ widersprechen, und es konnte als Glücksfall gelten, das ein Publikumsliebling wie Liefers sich hervortat. Mit ihm hätte die Gegenbewegung den Mainstream durchaus knacken können. Seine Paraderolle als Rechtsmediziner (Professor Boerne, Tatort Münster), prädestinierte ihn geradezu, gängige Praktiken und Befunde mit den Mitteln der Humoreske zu widerlegen. Diese Chance hat er verpasst.

Beschämend und bezeichnend zugleich, wie jetzt der ganze Verein mittels Anklageschrift unter Zugzwang gesetzt wird. Es ist tatsächlich so etwas wie eine Kriminalakte aus der ganzen Affäre geworden. Den Ritualen vorläufiger Festnahmen, mit ihren Kreuzverhören, Gegenüberstellungen und Schuldeingeständnissen zwecks Strafmilderung, entspricht die Praxis jener Gesinnungskapos, die nun über ´Staatsfeine´ richten, deren Scherze als ´Indizien´ gewertet werden. Unsere Witzbolde – doof, blöd und vom Lande –  stehen nur noch Rede und Antwort, und zwar zur Sache, wie das auch vor Gericht heißt. Von der Motivation, die sie antrieb, ist nicht mehr die Rede. Aus Anklägern sind also selbst Angeklagte geworden. Sie reiten sich, im Sinne sämtlicher Anklagen, immer tiefer rein und übernehmen dabei sogar die Floskeln der ´Staatsanwälte´. Mit jeder Beteuerung, die man ihnen abnötigt, geben sie indirekt zu, ´etwas´ (oder mehr) zwar nicht gerade falsch, auf jeden Fall aber nicht ganz richtig gemacht zu haben. Ihre Verteidiger murksen nicht minder kleinlaut herum. Sie alle werfen sich also denen, die den erhobenen Zeigefinger bemühen, nur mehr demütig um den langen Hals. Da hatten die Mitglieder der ´Horrorkommune´, die Herren Teufel oder Langhans, noch mehr Arsch in der Hose. Die ließen auch vor Gericht nicht davon ab, zu agitieren und zu provozieren. Sie blieben frech. Und unbelehrbar.

Liefers und Co. hatten sich zweifellos das richtige Format ausgesucht, für den Anfang ließ sich kaum ein besseres finden. Der Tugendterror derer, die mittels Cancle Culture einen neuen Absolutismus vorbereiten, konnte kaum treffender aus der Lauer gelockt und für Sekunden bloß gestellt werden. Ihnen freilich, die auf so witzige Art und Weise den Stinkefinger bemühten, will nicht aufgehen, dass man einem billigen Shitstorm, der nun über sie ausgebreitet wird, nicht mittels täppischer Abwehrgefechte begegnet, denn das ist würdelos. Er sollte sie eher zusätzlich anspornen, frei nach dem Motto: jetzt erst recht!

Doch haben die meisten von ihnen die Waffen schon gestreckt. Dem medialen Trommelfeuer kaum gewachsen, fliegen den Agent Provokateurs die üblichen Worthülsen nun mit der Wucht notorisch wütender Maschinengewehrsalven um die Ohren. Sie geben sich erstaunt, überrascht, überrumpelt; beteuern ihre Unschuld und sprechen immer häufiger von Missverständnissen und fehlerhafter Kommunikation. Falsch! Ganz falsch, liebe Leute! Ihr hättet denen, die euch jetzt so derbe drangsalieren direkt ins Gesicht sagen müssen, das ihr es genau so und überhaupt nicht anders gemeint habt. Und das ihr selbst am besten wisst, was davon zu halten sei. Jeder Vorwurf, den man euch nun macht, sollte in Form zahlreicher Gegenvorwürfe kühn konterkariert werden. Warum tut ihr das nicht? Was nährt eure Skrupel? Habt ihr denn noch immer nicht begriffen, gegen wen ihr euch da abstrampelt? Die Gegenseite kommt mit den wie immer abgedroschenen, anämisch gleichlautenden Floskeln aus, und da glaubt ihr allen Ernstes, auf diese auch noch eingehen zu müssen? Shit happens. Eure Videos waren klasse – die nachgereichten Bekenntnisse sind elend schwach. Jetzt macht ihr euch kleiner als ihr anfangs noch gewesen seid, und das reicht in aller Regel: euch den letzten Rest zu geben. Wer jetzt noch wacker die Verteidigungsstellung hält, kann folglich gleich einpacken. Der Gegner ist besser bewaffnet, hat mehr Verbündete – hält länger durch.

Was den meisten von #allesdichtmachen offenbar gar nicht klar gewesen ist: die Offensive selbst kam umgehend einer Kündigung, der Protest einer Straftat – der Mut einem Harsard gleich. Denn mit diesem Hashtag haben sie ihre Karrieren ein für allemal beschädigt oder beendet, verhunzt oder verspielt. Das hätten sie eigentlich von Anfang wissen, das hätte sie folglich beflügeln müssen. Nun kriechen sie geschlagen vor ihren Peinigern zu Kreuze. Nahmen sie sich mehr als ein Jahr Zeit, die zum Teil beachtlichen satirischen Schelten zu publizieren, ermöglichen sie es der Gegenseite nunmehr in notorischer Folge, ihnen die Leviten zu lesen: mit jedem weiteren, kläglichen Rechtfertigungsversuch, den sie so kleinscheissig absondern. Wie naiv muss man eigentlich sein, nach 15 Monaten Dauer-Hype zu glauben, ab sofort böten sich (endlich, endlich!) Chancen für einen ´Herrschaftsfreien Diskurs´? Wie kurz ist euer Gedächtnis gewesen, in welcher Welt habt ihr gelebt? Wer rote Linien überschreitet, der kann einpacken. Erinnert euch an Eva Herrmann und deren etliche Opfer mehr. Nach denen kräht kein Hahn mehr. Wozu sollte er auch? Um den Hühnermist der Geschichte schert sich in Zeiten inflationärer Publizistik keine Sau; pardon.  

Darum haben sich die wackeren Damen und Herren auch über nichts mehr zu beschweren. Nicht darüber, dass ihre ´Kolleg*Innen´ nun über sie herfallen, auch nicht über Nazivergleiche und dergleichen taktische Ermächtigung mehr. Auf die sie prompt hereinfallen. Bloß kein Beifall von der falschen Seite? Ja, um Himmels willen: was kommt denn von der vermeintlich ´richtigen´ rüber? Passt mal auf, dass die euch nicht noch verklagen, und zwar vor einem ´ordentlichen´ Gericht, wegen staatsfeindlicher Umtriebe oder ähnlichem, bevor sie eure Formate ganz von der Festplatte löschen.

Angriff wäre die beste Verteidigung gewesen. Das hätte auch die Zweifler und Zauderer aus der Reserve gelockt, und endlich die große Mehrheit der notorisch Feigen. Die werden jetzt, wie üblich, in ihren Blogs herum krakeelen, schön hinter Pseudonym versteckt. Bloß nicht auffallen – bloß keine Konsequenzen tragen müssen. Liefers und Co. sind in Vorleiste gegangen. Jetzt rudern sie zurück. Das funktioniert wie bei einer richtigen Boots-Regatta. Von vorne wird geblökt – bis nach ganz hinten geschwitzt und geknechtet. Auch solches zählt zur Zermürbungstaktik, mittels derer man den Gegner weniger besiegt, mehr elend zur Strecke bringt. Der Gegenseite mag dies als Anschauungsunterricht dienen. Seht her, und merkt es euch: so ergeht es denen, die sich ´entpflichten´ und ´nicht an die Regeln halten´ (D. R. Precht).

Bleiben wir, alles in allem, gerecht. Das Künstlerkonsortium mag in die Falle getappt, es mag gewogen und für zu leicht befunden worden sein: feige waren diese Leute anfangs nicht. Ihr nachträgliches ducken und drucksen ist und bleibt: menschlich. Man darf nicht vergessen: es sind immer Einzelne gewesen, die sich auflehnten. Ihr anschließendes Versagen diskreditiert nicht den Ansatz als solchen. Kollektive hingegen: versagen in schöner Regelmäßigkeit. Heute mehr denn je. Insofern bleibt aller Achtung wert, was diese Leute auf die Beine stellten, bevor man Ihnen den Teppich unter den Füßen fortzog.  

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Über Trdic Shanto 81 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.