Aufstand der Anständigen oder: oller Ossi, mach kein´ Scheiß!

Trabis in Berlin, Foto: Stefan Groß

„Der Osten wählt – der Westen zittert.“ Zitat Ende. So leitete der Moderator des ARD Morgenmagazins jüngst eine sorgsam präparierte, also: tendenziös bordierte Inszenierung ein. Üblicherweise krampfhaft und ständig damit beschäftigt, gute Laune zu verbreiten, wird jetzt auch und gerade in den Gebühren-finanzierten Klamauk-Ecken des öffentlich-rechtlichen Fernsehens Alarm geschlagen. Pünktlich zur Wahl im wilden Osten. Die meist dauerhaft grinsenden, mit allerlei Dameleien beschäftigten Damen und Herren taten ab sofort unendlich besorgt und wechselten entsprechend die Mimik, deren Muster Maskenhaft blieben. Tieftraurig allenthalben. Aber auch sowas von kämpferisch, dann. Jetzt, am Vorabend der Urnengänge in Dunkeldeutschland, hat man einmal mehr Farbe zu bekennen. Bunt hat sie zu sein. Nicht grau und miefig. Da mussten die Witzbolde vom ´Früh-TV´ richtig aufpassen, dass sie nicht selbst als Spaßbremsen das eigene Format verdarben.

Der Osten wählt – der Westen zittert. Das heißt im Klartext: Da sind die. Und hier sind wir. Die Guten. Deren wohlmeinender Obhut sich die einst Wiedervereinigten ausdauernd verweigern. Mich persönlich erinnert das fatal an einen einstmals irre populären Bildungs-Comic, den die Älteren unter ihnen sicher noch kennen.

„Wir befinden uns im Jahre 50 v.Chr., “heißt es da gleich zu Beginn.“ Ganz Gallien ist von den Römern besetzt… Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die römischen Legionäre, die als Besatzung in den befestigten Lagern Babaorum, Aquarium, Laudanum und Kleinbonum liegen…“

Auf heute übertragen: Wir befinden uns im Jahre 2019 nach Chr. Ganz Deutschland gehorcht, wiewohl unter Wehen, dem Großberliner Bonzendiktat. Ganz Deutschland? Nein. Einige von unbeugsamen und unbelehrbaren Hinterwäldlern bevölkerten Provinznester in der Zone (Stichwort ´blühende Landschaften´) halten stur dagegen und hören einfach nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Die plumpen Finsterlinge wählen falsch, muffeln frech – frotzeln forsch. Deren befestigte Lager, autistisch vom Rest der zivilisierten Welt abgeschottet, liegen in Thüringen und Sachsen, aber auch die altehrwürdige Brandenburger Provinz, in deren Herzen des Empire zügig sein neues, altes Rom aufpolierte, weicht vom verordneten Kurs ab. Eine Rotte verbiesterter, wirklich unbelehrbarer, unverbesserlich renitenter Ex-Stalinisten und Post-Faschisten: meuchelt den guten Ruf des Landes.

Nun gut: Der Vergleich mit Uderzos wackeren Recken hinkt ein wenig. Unsere Gallier warfen sich dem ´neuen Rom´ einst eilfertig um den langen Hals. Das lockte mit viel Schotter und Tamtam. Sicher: Die alte ´Schutzmacht´, deren letzte ´Senatoren´ den eigenen Untergang nicht länger ausbremsten, vielmehr recht anständig abwickelten, hatte so richtig fertig. Doch verlieh den BügerInnen der Ex-DDR das neue Bürgerrecht nur Freiheit ohne Garantien: Lose, die aus lauter Nieten bestanden. Es kam eben, wie stets und ständig, ganz anders als gedacht oder gewünscht, als man geträumt oder halluziniert hatte. Ob das am falschen Zaubertrank lag? Statt der fetten Wildschweine lauert neuerdings nur noch der böse, Schafe reißende Wolf. Er kommt von ziemlich links und noch viel krasser: von ganz rechts. Und fletscht immer fieser mit den Zähnen. Den in ein anständiges Haustier um züchten? Geht gar nicht. Also ist die Hatz eröffnet. Wer mit diesen Rudeln heult, darf nicht mit Gnade rechnen.

Die Kohorten weltumspannender Beglückung belagern die verlorenen Dörfer jenseits der alten Systemgrenze ohne nennenswerten Erfolg. Und treten bewaffneter denn je an: die Meute Mores zu lehren. Mit passenden Wurfgeschossen, Schwertern, Pfeil und Bogen, Brandfackeln und Brechrampen gerüstet rücken sie vor, den befestigten Anlagen unerbittlich zu Leibe. Soll heißen: auf sämtlichen Kanälen wird zum Sturm geblasen. Und mit lauter fiesen Tricks und Kniffen gearbeitet: mit Trojanern, die man clever in die morschen Zwingburgen streut.

Die Lage ist nicht ernst, auch nicht verzweifelt, eher beschämend und bezeichnend. Sie zeigt, überdeutlich und zunehmend ungefiltert, mit welchen Mitteln der Mainstream, die glanzlichternde Bourgeoisie, dieser Tage arbeitet, um jenen, die sich ihren weltanschaulichen Verordnungen einfach nicht fügen wollen, zuzusetzen, also: sie nach Möglichkeit zu erledigen oder auf Kurs zu trimmen. Da ist dann füglich jedes Mittel Recht. Auch das der Lüge, die sich gerne hinter gezinkten Zahlen versteckt. Damit punkten sie gern, die Faktenfinder der Republik, das soll auf Anhieb ziehen, doch jeder weiß a längst: glaube nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast.

Kurz vor dem Urnengang in Sachsen zieht dann auf einmal die CDU, laut Umfrage, doch noch an der AFD vorbei; deutlich, wie es heißt. Denn die Rechtspopulisten, oh Wunder, büßen schmerzlich Stimmen ein. Sie lagen lange vorn, und keiner weiß, warum das jetzt auf einmal anders sein soll. Eindeutiger steht´s um die alte Tante SPD bestellt – schlimmer geht´s nimmer. Arme Genoss*Innen. Und weil man sie jetzt, da die GRÜNEN wenigstens im Westen zur neuen, stärksten Kraft mutieren, langfristig nicht mehr nötig haben möchte, dürfen die sich auch, in Sachsen wenigstens, der Fünf Prozent Marke nähern, an der sie aber bitte nicht schon jetzt, nicht dieses eine Mal scheitern sollen. Ob´s dann nämlich für eine XXL-Groko der Anständigen reichen mag? Einer von den Hochanständigen, Sachsens noch amtierender Ministerpräsident Kretschmer, eine Spaßbremse vor dem Herrn, mausert sich dieser Tage, eifrig vor die Kamera gezerrt, zum wacker wider allen Rechtspopulismus kämpfenden Achill, dessen Ferse freilich schon bedrohlich leiert: wie der Herr selbst es tut, beim reden nämlich, das mehr einem öden Genuschel gleicht. Solch abgehalfterte Volkstribune haben den Abgehängten der Nation gerade noch gefehlt. Egal. Mangels Personal peppt man auch die blassen Paladine auf, mit Make-up von der Stange. Schon nach der ersten Schwitzattacke schmiert die Maske ab.

In punkto übler Nachrede, im Nachtreten und Nachbeten sattsam bekannter, umso brechreiziger nachgewürgter Phrasen und Verunglimpfungen: überbieten sich die Vertreter öffentlicher Meinung. Zwischen Selbstgerechtigkeit und Belehrung, Bezichtigung und Bedauern, gespielter Ratlosigkeit und geheuchelter Anteilnahme flexibel hin und her tapsend, bestätigen und bekräftigen, ja überreizen sie den eigenen Standpunkt, als handele es sich um die letzte Absolution.

„Aus Langeweile die AFD wählen?“ fragte und titelte vor zwei Tagen die WELT. Gleich unten drunter heißt es dann:“ Wer am 1. September die AfD wählt, ändert nichts. Aber jede Stimme für die AfD schadet Deutschland. Denn heute genießen wir zwar weltweit hohes Ansehen, doch das kann sich durch einen fortschreitenden Rechtsruck schnell ändern.“

Erinnert: Wer anno 33 noch SPD wählte, änderte auch nichts mehr. Und jede Stimme für die Genossen, tönte seinerzeit die gleichsam gleichgeschaltete Presse, schade Deutschland: dem Reich und seinem Volk. Dass man weltweit hohes Ansehen genieße, so ehrlich waren sie immerhin, behauptete damals keiner mehr. Heute aber, man möchte es kaum glauben, tun sie es erst recht. Ganz Süd, – und Südosteuropa zittert unter der Knute Germaniens. Lässt sich daraus Ansehen ableiten? Keiner derer, die sich den deutschen Turbo-Diktaten zu fügen haben, kann darüber auch nur lachen. Die andern tun es auch nicht. Ob böser Trump oder noch übler Putin: beide husten der Mutti was. Und äußern sich, achten sie drauf, eher nicht zur AFD.

Im Artikel wird zwar bestätigt, das diese Partei in allen drei Ländern zweitstärkste Kraft zu werden droht,“ dennoch dürfte sie in keinem dieser Länder an die Macht kommen, da keine Partei mit ihr koalieren will.“ Das beruhigt natürlich ungemein, aber wenn das schon ein Argument gegen die AFD sein soll, so nach dem Motto: die zu wählen bringt euch dummen Lappen ja doch nichts – wozu dann überhaupt noch wählen? Soll heißen: mit den Wölfen heulen geht schon in Ordnung, aber es muss das größte Rudel sein.

Weiter heißt es im Artikel:“ Der abzusehende Wahlerfolg der AfD wird weltweit negative Beachtung finden. Alle großen Medien werden darüber berichten. Und die Manager internationaler Konzerne, die Politiker und Wissenschaftler in aller Welt werden es lesen. Welcher internationale Konzern will in einer Region investieren, in der ein Viertel der Wählerschaft rassistischen und nationalistischen Tönen folgt? Welcher internationale Wissenschaftler fühlt sich in so einer Umgebung wohl?“

Deutlicher kann man den doof dreisten Ossis nicht mehr die Leviten lesen. Abgesehen davon, das sich in den Jahren seit der Wiedervereinigung besagte Eliten, um die sich der Artikelschreiber sorgt, auch nicht in besagter Region blicken ließen, hängt ab sofort deren Goodwill davon ab, ob der randständige Dorfdepp im Osten richtig wählt oder nicht. Ihr dummes Pack, soll das heißen: verderbt mit eurem Recht auf freie Stimmabgabe all jenen, die den faulen Sonntagsbraten riechen, die gute Laune: das Recht auf Investition. Der Rest der Tirade zielt dann, sie ahnen es schon, auf der Deutschen liebstes Thema: wehret aller Anfänge! Im Klartext:“ Welche jüdische Gemeinde fühlt sich nicht zutiefst betroffen von rechtsextremen Auswüchsen, denen völkische AfD-Parolen den Boden bereiten? Deutschlands Ruf wird durch solche Wahlergebnisse beschädigt, und diejenigen, die AfD wählen, tragen dafür die Verantwortung. Es hat nach dem Zweiten Weltkrieg Jahrzehnte gedauert, bis das berechtigte Misstrauen gegen den Nazi-Nachfolgestaat in Vertrauen und sogar Freundschaft umschlug. Heute ist Deutschland in Europa und die Nato eingebunden und genießt weltweit hohes Ansehen. Das kann sich durch einen fortschreitenden Rechtsruck in Deutschland schnell und fatal ändern.“

Spätestens jetzt ist jeder Einspruch zwecklos, die Deutungshoheit auf Anhieb gewonnen – und jeder mögliche Einwand sowas von hinfällig geworden. Der Historiker Joachim Fest wusste früh um die begleitenden Mechanismen. Sie behaupten sich, so der Experte, nicht nur in „fallweise wiederkehrenden Exorzismen,“ sondern auch“ in der Tabuisierung von Themen und Fragen“, soll heißen: in der bequemen Art, alles Unbequeme mit dem Beelzebub auszutreiben. Zusammengefasst:“ Je fremder und rätselhafter die geschichtliche Figur (Hitlers) wird, desto sichtbarer tritt ihre sozialpsychologische Funktion hervor.“

Jeder kann, jeder darf – jeder wird sich entsprechend bedienen. Und das gute Gewissen augenblicklich auf der eigenen Seite haben; sie möge sich dazu nun eignen oder auch nicht. Das spielt dann gar keine Rolle mehr.

Den Abschluss des Artikels bildet, passend zur Urlaubszeit, der Tourismus; eine Stippvisite des Herrn ´Journalisten´ im Krisengebiet. In der Zone eben. Sein Eindruck: alles richtig toll hier und im Grunde sogar besser als im Westen, vom WELAN bis zu den lausigen Mieten und so weiter. Frage, einmal mehr: warum hat denn dann von denen, die so gerne wirtschaften, noch keiner in die vorgefundene Goldgrube investiert? Eben: weil da lauter Schlangen lauern. Man könnte auch sagen: eine Art Ungeziefer, das den fetten Kohl verdirbt. Die haben vor allem, so der Inspekteur aus Westdeutschland: Langeweile. Und darum, fasst der Mann wortwörtlich zusammen, wählen sie die AFD. Überhaupt: abgehängte Gegenden gäbe es auch im Westen. Merke:“ Jeder ist seines Glückes Schmied, das gilt letztlich für jedes Dorf und seine Bürger. Gegen Langeweile lässt sich etwas tun, ohne dass man AfD wählen muss. Die Pechvögel in der Gesellschaft, die es natürlich auch gibt, werden durch ein großzügiges Sozialsystem im Großen und Ganzen gut aufgefangen. Also aufhören, zu leiden und zu jammern, und anpacken, um was zu ändern.“

Am Ende des Artikels erfahren wir, das der Autor früher Chefredakteur von „Capital“ gewesen ist und heute als BILANZ-Kolumnist brilliert. Ja, nun.

Im Grunde gibt es, macht dieses kleine Beispiel deutlich, keine Schamgrenzen mehr, geht´s um den letzten Wurstzipfel im Osten. Die ´guten Argumente´ geraten zu echten Drohgebärden. Und seid ihr nicht willig, so brauch ich Gewalt! Die der ätzenden, nicht sehr zimperlichen Worte. Sie schrecken auch nicht vor unsportlichen Seitenhieben und gezielten Volltreffern zurück; jene, die verlässlich unter die Gürtellinie zielen. Passend dazu ist den progressiven Kräften dann jedes Mittel, soll heißen: jedes Thema recht. So wächst mit ´links´ zusammen, was zusammen gehört, die Mauern stürzen ein, steht´s ehrliche Gewissen endlich auf. Etwa gegen das Urteil zu Chemnitz. Viel zu hart. Balsam für das Nazi Pack. Von dem dann auch sofort und andauernd die Rede ist. Die Tat selbst, wird deutlich, war nur der Aufhänger; und das Strafmaß der Tropfen auf den heißen Stein.

Schließen wir mit den Worten Bertolt Brechts, den ich eigentlich überhaupt nicht leiden kann. Doch hat er, in zahlreichen Zuspitzungen, ironisch auf den Punkt gebracht, was unter den Nägeln wie Zunder brennt.

“Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“

Die bundesdeutsche Regierung täte dies am liebsten von Ungarn bis Italien, im Artverwandten Österreich oder auf dem rückständigen Balkan, und weiter bis ans Ende der Welt: Völker, hört die Signale! Aus Berlin bis in den letzten Winkel des störrischen Ostens hinein.

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Über Trdic Shanto 47 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.