BÄRenstark? ErBÄRmlich

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Hand auf´s Herz: ist Ihnen eine Dorothee, Nachname BÄR, in den letzten vier Jahren irgendwann mal irgendwie aufgefallen oder in den schnellen, flüchtigen Sinn gekommen? Die zu Würdigende dürfte wohl demnächst von der Politik in das Ressort ´freie Wirtschaft wechseln, eventuell aber auch noch weitere vier Jahre als ´Staatsministerin für Digitalisierung so unsichtbar wie überflüssig ihr täppisches Unwesen treiben. Haken wir sie also, bevor am Sonntag ein neuer Bundestag gewählt wird, kurz und bündig ab; denn mehr als ein winzig kleines bisschen Wenig gibt ihr ´Profil (inklusive Zuständigkeitsbereich) nicht her.

´Staatsministerin für Digitalisierung´? So viel steht fest: der Job ist cool. Und macht irre Spaß. It´s all a game to play. Frau Ministerin flaniert am liebsten über Spiele-Messen. Die Gamescom ist so eine super hippe Eventsause, gilt in Experten-Kreisen gar als ´europäische Leitmesse für Spielkultur. Hier darf die Bär vor Fans und Freaks über „ganz, ganz viel Neuland in vielen Bereichen“ schwadronieren, das klingt nach Zukunft und bestätigt so auf Anhieb die Goldgräberstimmung einer ganzen Zunft, deren Vertreter meist nach vorne schauen, zurück nur zwecks Gegenüberstellung jeweiliger Profitraten. Unermüdlich setzt sich die fröhliche Lobbyistin für eine staatliche Förderung der ´Gaming-Branche´ ein, ohne freilich über den entsprechenden Etat zu verfügen. Sony, Apple oder Microsoft sind auf derlei Zuwendungen der Allgemeinheit gar nicht angewiesen. Aufwändig inszenierte, reizflutende Großveranstaltungen wie die Gamescom liefern auch optisch den Beweis: der Rubel rollt. Das Gedrängel und Gewusel auf der Kölner Spiele-Messe erinnert an einen seltsam ausgebremsten, irgendwie schwerfälligen und doch durchweg emsigen Ameisenstaat. Die schier endlosen Besucherströme verdeutlichen gleichzeitig, wie anämisch analog das ´wirkliche´ Leben noch immer geblieben ist: in Zeitlupe wälzt sich der gestaltlose Haufen durch die geblähte Kulissenlandschaft, und jeder einzelne am jeweils anderen vorbei. Zahllose Multi-Mega-Flachbildschirme, allerorten auf dem riesigen Gelände postiert, flimmern und flirren in endloser Folge, doch scheint die Gemeinde der Spielsüchtigen vom XXL – Dauerbombardement nie genug kriegen zu können. Auch der Bär macht´s richtig Spaß. So posiert die quirlig frohnatürliche Bayerin, zusammen mit Verkehrsminister Scheuer, an der Seite futuristisch anmutender Fantasy Figuren, deren Vorderfronten stets auf eine einzige mimische Variante reduziert bleiben. Die Bär lächelt so unermüdlich wie erschöpfend – das ist ihre Maske. Gerne wechselt sie an eine der zahllosen Spielkonsolen, um ´krasse´ Games auszuprobieren. Natürlich fiele keinem auf, fehlte sie hier oder andernorts, aber irgendwie gehört sie doch zum ´Inventar´, wie die Ersatzbank an den Spielfeldrand oder der Fleckenreiniger in die Haushaltsnische. Keck und kieksig, bemüht sie im Gespräch mit Besuchern oder Journalisten hauptsächlich Anglizismen, die als austauschbare Modewörter den banalen Allgemeinplätzen entsprechen, deren ´Platt-Sprech´ das Digitalaffine Herz unentwegt begleitet und beglückt. Parteifreund Scheuer betont, dass seine Kollegin schon seit Jahren das Thema Games „ganz nach vorne gebracht“ habe –„ Sie liebt Games!“ Tun unsere Stubenhockenden Hartz IV Kids auch. Sowas von. Sie lieben auch die schräge, schrille Pose. Ein Kurzauftritt der Ministerin beim Computerspielpreis in Berlin sorgte weniger für Furore, mehr für verächtliches Kopfschütteln: dortselbst trat die Dorothee Renate Maria (so ihr altbiederes Vornamenregister) im schrägen Lack-Outfit auf, mal richtig Lady Gaga mäßig. Sie sei, so Bär ganz selbstbewusst, immer ganz vorne mit dabei. Wo genau das sein soll, wurde hier und andernorts sehr deutlich: beim total-digitalen Aus, – und Schlussverkauf. Da ramscht sie kräftig mit.

Man merkt dem krampfhaft berufsjugendlichen Insta-Bunny mit der albernen Stimme auf Anhieb an: Probleme gibt´s gar keine – nur irre viel Chancen. Über die dramatischen, in Ansätzen weder verdauten noch zum Schutze des Verbrauchers sinnstiftend eingehegten lebensweltlichen Veränderungen, die das Digitale in Rekordgeschwindigkeit mit sich brachte, muss nicht nachdenken, wer voll in der Social-Media-Spur läuft und auf Spiele-Videos steht, die den Herstellern Milliarden einbringen, während sie unseren Nachwuchs, pardon: nachhaltig verdummen. Vor allem in den letzten zehn Jahren hat ein nahezu filterlos flutender digitaler Innovationsfuror die sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnisse auf den Kopf gestellt und uns alle von Grund auf verändert, wenn man so viel: gnadenlos nachjustiert. Ich bin mir ziemlich sicher: die rasante Frau Staatsministerin wird mir schon bis hierhin nicht mehr folgen können. Aber für sie ist dieser Text auch gar nicht ´angedacht´.

Die Bär sitzt im Kanzleramt gleich unter der Merkel. Sie steht auf pinke Farbe und pinken Kitsch. Ein Deko-Einhorn ziert die Zimmerpflanze ihres Büros. Jedes unaufgeräumte, mit viel Plastik nachgemüllte Kinderschlafzimmer kommt nicht ohne derlei Nippes aus. Vorbei die Zeiten, als auf den Schreibtischen hehrer Staatsmänner (es waren halt nur Kerle, sorry) die Büsten angestaubter Dichter und Denker prunkten und Kraft ihrer Erscheinung des Amtes Würden zu behaupten schienen. Deren Wände zierten oft altmeisterliche Gemälde, die den angestammten (nunmehr abgelegten) Ahnenschatz gleichsam betonten. Frau Staatsminister hat bei sich ne Tafel hängen, wo drauf steht: “Wenn dein Leben dich nervt, streu Glitzer drauf.“ Also Puderzucker oder Blattgold, Sternenstaub und Karnevalskonfetti. Türmten sich ehedem analoge Aktenberge auf der Amtsablage, schaut dieselbe bei der Bär nackt und leer, also: ganz flach aus; passend zum intellektuellen Selbstverständnis dieser umtriebigen Digitalfee, die eh nur vor hauchdünnen Bildschirmen parliert. Smartphone und Tablet signalisieren: hier wird nicht geackert, hier wird gesurft. Frau Staatsminister ist ständig in den sogenannten ´sozialen Netzwerken´ unterwegs, am liebsten auf Instagram, dort postet sie täglich Videos und Fotos. Unter uns: nichts anderes ´erledigen´ meine Kids an der Brennpunktschule; vor, nach und während des Unterrichts. Und sie träumen, mehr oder weniger, von einem Leben, das ähnlich vordergründig und Folgenlos abläuft oder runterspult wie das der Frau vom Amte: ´Bärchens´ Tage gehen, nach eigener Auskunft, mit ganz vielen Interviews und Fototerminen rum. Geil – nur immer lächeln, lächeln, lächeln – labern, labern, labern!

So fahrig und flapsig die Bär im trendy Gespräch rüber kommt, so unbestimmt und vage, wirr und wustig mutet auch der ihr zugeordnete Geschäftsbereich an. Irgendwie passt das zum chaotischen Superdigital. Es gibt nämlich, sie werden lachen, gar kein eigenes Ministerium für Digitalisierung. Hier verteilt sich alles auf die Ressorts fremder Ministerien. Das Verkehrsministerium deckt den Bereich digitaler Infrastruktur ab, im Arbeitsministerium ist von einer entsprechenden ´Denkfabrik´ die Rede, im Innenministerium wird die Verwaltung digitalisiert. Das Bundesministerium leistet sich insgesamt 244 ´Teams´ a 76 ´Abteilungen´, die ´digitalen Fragen´ nachgehen. Daneben gibt es dann noch die ´digitale Abteilung´, den ´digitalen Rat´, ein ´digitales Kabinett´ und einen ´Innovation Council´. Die da mitmachen müssen natürlich allesamt bezahlt werden; PraktikantInnen sauber herunter gerechnet. Was dieser multiple Amts-Apparat den Steuerzahler insgesamt kostet, sollte vielleicht mal von einer entsprechenden ´Warn-App´ nachgerechnet werden. Die pinke Bär ist dafür zuständig, die kunterbunt aneinander vorbei dilettierenden ´Arbeitskreise´ irgendwie zu koordinieren. Tatsächlich ist das heillose Durcheinander an Zuständigkeiten und ´Kompetenzen´ eine Monstranz, die sich im Absprachelosen Nebeneinander immer wieder selbst bestätigt und verlässlich lähmt. Das Ganze erinnert nur zu genau an sattsam bekannte Ämterhäufungen autokrater Aristokratien, aber auch die an Posten und Pfründe gebundenen Selbstbedienungsläden Staats-sozialistischer Günstlingsklüngel kommen einem vergleichend in den Sinn. Banal gefragt: wer braucht das alles, wer hat was davon – und was machen die da eigentlich den ganzen lieben Tag?

Ginge es nur um´s funktionieren – hätten besagte Behörden ohnehin kläglich versagt. Denn nichts klappt – wirklich. Deutschland hinkt in den Bereichen Netzversorgung, Digitalisierung der Verwaltung und – Gott bewahre – Digitalisierung der Schulen: gnadenlos hinterher. Nicht nur im Blick auf China und die USA, Ostasien und seine Tigerstaaten; gleichsam im europäischen Direktvergleich. Kurioserweise gilt das auch für die entsprechenden, stets über den Klee gelobten Firmenkonzentrate. Außer SAP gibt es hierzulande nicht viel zu melden. Aber wen kratzt es? Die Digitalministerin hängt lieber auf besagten, innovativ aufgemotzten Digitalgipfeln ab, wie etwa dem, der jährlich mit viel Tamtam in der Messehalle Dortmund abgefeiert wird; da fand schon zur Eröffnung eine superknallige Lightshow mit weißstrahlenden Tänzer*Innen statt. Eine Art Totentanz, wenn man so will. Solche Leute werden von Avataren (aktuelles Beispiel: das ABBA-Comeback) längst locker übertrumpft und somit schleichend aus der Öffentlichkeit verdrängt. Wie denn etliche Büro, – und Handwerksberufe schon verschwunden sind, weil sie von Computern angeblich besser, in jedem Fall schneller ´erledigt´ werden können. Der Menschen wird, als echtes Unikat, immer austauschbarer; das künstliche Pendant, selbst zur Kopie verdammt, erbt sämtliche Eigenschaften und hat doch keine eigenen zu bieten. Cyborgs, als experimentelle Mischwesen, sind gleichsam in der Mache und zeichnen schon heute ein gruseliges Bild. Wollte die Bär ihr monotones Lächeln dauerhaft konservieren, bräuchte sie nur den Herrn Glöckler um Rat fragen, falls dessen Vorderfront bis dahin nicht endgültig in sich eingestürzt ist. Dann kann man, zwecks Verständigung, immer noch auf einen Sprachcomputer umsatteln, der gewöhnt uns auch noch das ´richtige´ Sprechen ab. Ämter und Behörden verwalten diesen den Schwund, der natürlich als Fortschritt gefeiert werden wird.

Die Ministerin interessiert sich, wie gesagt, nur für die positiven Aspekte digitaler ´Innovations´. Von Schülern befragt, die gleich ihr für eine digitale Rundumversiegelung des Lernortes Schule plädieren, moniert sie, dass einer von denen elfmal das Wort Problem genannt habe – „ vielleicht waren´s auch zwölf oder zehn.“ Hui – geht mal gar nicht, das. Alle lachen. Frau Bär duzt natürlich jeden. Und wird wacker gesiezt. Und bevor einer von denen nachhaken kann, weil sie selbst nur Kokolores dönert, entscheidet sie ganz entschieden und ohne Gnade, mitten in die Nachfrage hinein:“ So  – und jetzt ist jemand anderes dran!“ Auch darüber wird gelacht. Die Frage eines kleinen Mädchens, welche Medien sie denn persönlich nutze, muntert die forsche ´Fachfrau´ sichtlich auf. Das sind ihre Themen. Datenklau und Datenabgriff im Nanosekundenbereich? Nicht ihr Ding und auch nicht das der Generation ´Fridays for Future- Geht schon in Ordnung, gelt.

Wählerisch ist die Ministerin vor allem, wo es um passende Fotos für ihre Internetpräsenzen geht. Da post sie dann mit Branchen-Größen wie Mark Zuckerberg um die Wette. Auf einem Video schaukelt Frau Bär im Google-Headquarter. Hammer, Leute – die hats geschafft! Was kratzt es die kecke Karrieristin, das ihre Freunde von Google und Amazon, Facebook oder Netflix Milliarden Gewinne kassieren und keine Steuern dafür zahlen. Darauf angesprochen reagiert die Bär ein wenig unwirsch und mahnt an – fest halten! – das man deswegen doch bitte „keinen Handelskrieg machen“ solle. Nicht als ´Vertreterin des Volkees, wie es ihrem Amt nun einmal gebührt, nein: als Cheflobbyistin besagter Klientel gibt sie uns wortwörtlich zu verstehen: „Es ist immer sehr populistisch zu schreien, es muss immer noch mehr gezahlt werden“ – die Fragestellerin hatte aber gar nicht geschrien und auch nichts von Krieg und Populismus, Revolution oder Umverteilung gesagt. Auffallend, am Rande: Bär´s Teenie-tratschiges Stimmchen biegt, kommt man ihr dicke, in ein heiseres, kratziges Grunzen um. Viel hat sie dann nicht mehr zu melden. Lästige Themen scheinen an der Teflonhülle ihres Gemüts förmlich abzuschmieren. Digitale Demenz, Digitale Totalkontrolle – Digitale Ausbeutung und Entmündigung: ist ja alles reinster Populismus. Das P-Reizwort reicht, dann ist der lästige Kram auch schon vom Tisch gewischt – bloß nicht nachtippen!  Das die Digitalkonzerne der altbackenen ´res publika´ längst das Wasser abgegraben haben wird einer Games-begeisterten Oberschülerin, die auf pupige Spielchen und platte Sprüche steht, nie zum Problem werden. Das Demokratie Regeln braucht, das sie Entwicklungen kontrollieren und steuern, überwachen und zur Not auch sanktionieren muss: steht ja weder auf Twitter oder Facebook geschrieben oder getippt. So nimmt es auch kaum Wunder, das sich diese Ministerin ohne konkreten Zuständigkeitsbereich gar nicht erst mit Kritikern wie dem Hirnforscher Spitzer auseinander setzt, was ihre Pflicht wäre, da sie eben qua Amtseid dazu angehalten bleibt, den Gesamtbereich ihres Aufgabenfeldes abwägend im Blick zu behalten um Forschungsergebnisse würdigen bzw. berücksichtigen zu können, die vielleicht nicht ins Geschäftskonzept, dafür aber ins Bild gehören, das nicht nur in ihrer Lieblingsfarbe glitz-lichtert. Sie jettet halt lieber von einem Werbe-Event zum nächsten, um witzige Selfies für die Follower in den sozialen Medien raus zu hauen. Dort ist ihr Zuhause, da pinkt und blinkt sie herum, so umtriebig und tratsch-klatschig wie ihre Kolleg*Innen von der Influencer-Front. Auch die wollen ja davon leben, damit Karriere machen: solcherart aufsteigen und feste absahnen. Der Posten in der Politik kann für die Frau Bär nur ein Anfang sein, die Digitalkonzerne haben unsäglich mehr zu bieten. 

Bis dahin schummelt sich die Super-Ministerin recht ungeniert durch ihre Amtszeit, gerne auch im eigenen Wahlkreis (248 – Bad Kissingen), wo sie schon mal in einem Pflegeheim alte Menschen für Computerspiele begeistert – Bär versucht das wenigstens, indem sie denen das Hirnerweichende ´Briefträgerspiel´ nahe bringt. Für die Heimbewohner ist das wie Weihnachten und Neujahr in einem. Wird schon keinem auffallen, das selbst in besagtem Wahlkreis noch nicht einmal das Online-Zugangsgesetz (OZG) umgesetzt werden konnte, was konkret zu ihren Hausaufgaben zählt. Hat sie wohl vor dem Bildschirm geschwänzt oder verpennt. Darauf angesprochen kriegt sie, die von ihren Freunden nur ´Doro´ gerufen wird, umgehend ihre drollige Heiser-Fiepse. So ähnlich klingen auch unsere Mädels in der Sekundarstufe, wenn sie untereinander rum zicken oder von den Jungs provoziert werden.

Bär´s Selbsteinschätzung sagt alles: „Ich schreite jeden Tag voran, mit ganz großen Schritten, mit großen Visionen, auf hohen Absätzen, in die Zukunft, auf ne positive digitale Zukunft.“

Na denn.

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Über Trdic Shanto 108 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.