CORONA Filmbrancheninfos #3

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Reihenweise schalten Produktionen auf Pause oder werden abgesagt, an anderen Orten wird noch gedreht. Die Lage ist unübersichtlich, Produzent*innen können und müssen noch selbst entscheiden. An vielen Filmschaffenden gehen die versprochenen Hilfsmaßnahmen vorbei. Bei der Suche nach Lösungen kommt auch ein umstrittenes Konzept wieder in die Diskussion. Wir danken Euch für Eure Ergänzungen und Korrekturen, Fragen und Kommentare an cinearte@crew-united.com

Zur Einstimmung ein kurzes Video:

Gestern tagte in Wiesbaden der Krisenstab der Hessischen Landesregierung. Der wurde 2005 geschaffen, um „für die Bewältigung einer landesweiten Lage von politischer Bedeutung“ die Maßnahmen quer durch alle Ressorts zentral zu steuern. Es ist das erste Mal, dass der Krisenstab zusammengerufen wurde, sagte uns ein leitender Mitarbeiter der Landesverwaltung. „Das gab es bisher in Hessen noch nie und zeigt nochmals den Ernst der Lage.

„Wir haben vollstes Verständnis für die Entscheidung der Produzenten, die Dreharbeiten vorerst um einige Wochen zu verschieben (…) Wir sind es in unserem Projektgeschäft gewohnt, flexibel auf solche Situationen wie Verzögerungen, Verschiebungen oder Abbrüche zu reagieren. Das Personal auf den Projekten wird zum Teil weiterbeschäftigt. Bei einem Teil der Crew handelt es sich um Freelancer, zum Beispiel Handwerker, die auch nicht filmbezogene Aufträge annehmen, bei denen wir nur hoffen können, dass sie uns bei der Wiederaufnahme der Produktion noch zur Verfügung stehen.“ So zitierte die Süddeutsche Zeitung gestern Studio Babelsberg und versuchte einen Überblick der gegenwärtigen Produktionslandschaft. Der Titel ist Programm: „Wir machen weiter, solang es geht“.

Bei vielen Produktionen laufen die Dreharbeiten noch weiter. Inzwischen regt sich Widerstand. Die Schauspielerin Nikola Kastner („Nightlife“) fordert aufInstagram: „Please. Stop. Filming. Now.“ Darin heißt es: „Es ist unmöglich, die Sicherheitsvorgaben an einem Filmset zu gewährleisten. Weder im Maskenmobil, noch im Kostüm. Nicht als Schauspieler vor der Kamera. Als Teammitglied in geschlossenen Räumen mit unzähligen Kollegen. Nicht am Caterina. Nicht als Fahrer. Ich fordere die sofortige Pausierung aller Produktionen. Um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Aus Recht auf Selbstschutz. Aus Solidarität denen gegenüber, die zur Risikogruppe gehören.“ Ihr Kollege Jonas Nay („Deutschland 83“) teilte den Post.

Drehverbote wie in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Berlin betreffen zur Zeit nur den öffentlichen Raum, jedoch keine Dreharbeiten in geschlossenen Sets, an denen kein Publikum mitwirkt, hatte Mathias Schwarz, Justiziar der Produzentenallianz, am Montag erklärt: „Wenn nur Mitwirkende dabei sind, handelt es sich um normale Arbeit, die ja gerade nicht untersagt ist und – bis auf Weiteres – weitergehen soll.“

Die Produzentenallianz hatte schon am Montag einen Schulterschluss der Branche gefordert. Auch sie stellt das Dilemma der Produzenten dar: Die Gesundheit der Beschäftigten und die Eindämmung des Virus stünden im Vordergrund, mit den Risiken und Zusatzkosten durch abgebrochene oder nicht begonnene Produktionen dürfe man aber nicht alleine gelassen werden.
Der nationale Schutzschild reiche nicht aus, auch Förderer und Sender sollten gemeinsam für die Kosten aufkommen, die durch Produktionsverschiebungen und -unterbrechungen entstehen.

Die öffentlich-rechtlichen Sender haben darauf schon reagiert, schreib gestern der „Tagesspiegel“: Das ZDF wird „die Hälfte der Mehrkosten tragen, die uns Produzentinnen und Produzenten nachweisen“, sagte Programmdirektor Norbert Himmler, für die ARD kündigte Programmchef Volker Herres das Gleiche an.

Auch die Streamingdienste haben Dreharbeiten eingestellt, auch für Auftragsproduktionen. Bei Netflix sollen davon an die 70 Film- und Serienproduktionen betroffen sein – allerdings nur in Nordamerika. Auch Apple+ und Amazon Prime lassen Dreharbeiten pausieren. Hier gibt es zurzeit nur Einzelangaben, keine Größenordnung. Auch hier scheinen sich die Drehstopps aber ebenfalls auf Nordamerika und Krisenregionen zu beziehen. 

Was Produzent*innen tun können, wenn Dreharbeiten zwangsweise unterbrochen werden und finanzielle Nachteile drohen, lässt die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein erklären.

Den Länderförderungen haben heute in einer dreistündigen Telefonkonferenz Pläne für einheitliche Hilfsmaßnahmen entwickelt. Sie müssen allerdings noch mit den entsprechenden Aufsichtsgremien abgestimmt werden müssen. Dann sollen sie „zeitnah und so unbürokratisch wie möglich auf den Weg gebracht werden.“ Die Meldung erhielten wir kurz nach Redaktionsschluss, was geplant wurde, ist noch nicht bekannt.

Selbstständige und Freiberufler sind den Einschränkungen durch die Coronakrise nahezu schutzlos ausgesetzt. Ihnen bricht die Existenzgrundlage weg. Ihre besondere Lage ist seit gestern auch Thema in Medienberichten und Pressemitteilungen.

Bayern hat gestern eine „Soforthilfe Corona“ angekündigt, die ersten Überweisungen soll es noch in dieser Woche geben, verspricht Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger. Solo-Selbstständige im Bundesland sollen so schnell und unbürokratisch Geld bekommen können: Unternehmen mit bis zu fünf Mitarbeiter*innen sollen bis zu 5.000 Euro beantragen können.
Für den Bund hat Arbeits- und Sozialminister Hubertus Heil im Morgenmagazin von ARD und ZDF heute ebenfalls einen Nothilfefonds angekündigt. Details wurden noch nicht genannt.

Der Deutschlankfunk spricht im Podcast mit dem Fachanwalt Peter Raue über die geplante Hilfe vom Staat und warnt vor einem „Leerpusten der Kulturhäuser“. „Die Zeit“ fragt zurzeit Selbstständige und Freiberufler nach ihren Erfahrungen: „Bedroht Corona Ihre Existenz?“.
Tipps für Selbstständige und Freiberufler hat das Netzwerk Projektwerk zusammengestellt. Darunter auch ein Überblick der individuellen Hilfen der einzelnen Bundesländer mit Links.

Was Selbstständige und Freiberufler jetzt tun können, erklärt der RBB mit weiterführenden Links. 

Aktuelle Informationen bieten auch der Berufsverband Kinematografie (BVK) und der Bundesverband der Fernsehkameraleute (BVFK). Letzterer gibt neben einem umfangreichen „Corona-ABC“ auch erste Tipps, wie Filmschaffende sich verhalten sollten – nicht nur im Falle von Drehabsagen

Ein grundlegendes Problem der kreativen Arbeitswelt riss die Produzentenallianz mit ihrer Forderung nach einem Schulterschluss der Branche an: Der Großteil der bisherigen und angekündigten Maßnahmen ist auf die Strukturen der klassischen Industrie- und Bürowirtschaft zugeschnitten. Nicht aber auf die Filmbranche, in der gut die Hälfte der Beschäftigten nur auf Projektdauer angestellt oder selbständig sind. Insofern ist die Reaktion von ARD und ZDF ein erster Schritt, denkt aber noch nicht über die bisherigen Grenzen hinaus. 

Weiter gehen Verbände wie der Deutsche Musikrat. Die Interessenvertretung von mehr als 100 Dachverbänden des Musiklebens schlug schon am Freitag „ein auf sechs Monate befristetes Grundeinkommen in Höhe von 1.000 Euro für alle freiberuflichen Kreativschaffenden.“ Das Bruttojahreseinkommen freiberuflicher Musiker*innen liege laut Künstlersozialkasse im Durchschnitt bei 13.000 Euro – da sei kein Spielraum für Rücklagen. Durch den bundesweiten Corona-Shutdown brechen diese Einnahmen sofort weg, während die Kosten weiterlaufen.

Auch der Tenor David Erler, der die Petition „Hilfen für Freiberufler und Künstler während des „#Corona-Shutdowns“ gestartet hat (siehe die Brancheninfo 2 von gestern), plädiert im Deutschlandfunk für das Bedingungslose Grundeinkommen: „Wann, wenn nicht jetzt, wären unkonventionelle Lösungen das Mittel der Wahl? Es sind völlig verrückte Zeiten – und dann können es auch mal verrückte Lösungsansätze sein.“

Eine Petition an Finanz- und Wirtschaftsminister hat auch die selbstständige Modedesignerin Tonia Merz gestartet. Sie schlägt das gleiche Bedingungslose Grundeinkommen vor – das sei schnell, unbürokratisch, zeitlich begrenzt und „würde den sozialen Absturz Tausender verhindern und gleichzeitig die Kaufkraft im Land erhalten.“ Merz: „Eine bessere Möglichkeit, das Konzept Grundeinkommen zu testen, gibt es nicht.“

Fürs Bedingungslose Grundeinkommen plädiert auch die „Frankfurter Rundschau“ in einem Kommentar – schließlich habe Finanzminister Olaf Scholz selbst verkündet: „Nicht kleckern, sondern klotzen!“ Und unbegrenzte Kredite versprochen. „Teilweise war von Summen in Billionenhöhe die Rede. Völlig offen ist jedoch, wann und an wen das Geld tatsächlich fließen soll. Und eine Berufsgruppe hat der Finanzminister gar nicht angesprochen oder offensichtlich vergessen. Unzählige Selbstständige, Freelancer, Kreative, Musiker und Künstler benötigen nämlich wegen der Wirtschaftskrise ebenfalls finanzielle Unterstützung vom Staat. Für sie ist es trotz ihrer vielen Arbeit sehr schwer, Rücklagen zu bilden, die sie durch die Krise bringen. Diese Menschen benötigen sofortige Hilfen. Und nicht als Kredit, den sie an den Staat zurückzahlen müssten, sondern als Zuschuss.“ 
Der Staat solle „die Krise als Möglichkeit nutzen, auf Bundesebene ein Bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Zum Beispiel in Höhe von 1.000 Euro pro Person für die Dauer von sechs Monaten.“ Zumal die Arbeitswelt sich ohnehin wandele und das Bedingungslose Grundeinkommens bald „alternativlos“ sei, meint der Kommentar. Zusätzlicher Effekt in Zeiten der Wirtschaftskrise: „Mit der Auszahlung des Zuschusses würde der Staat die Kaufkraft der Konsumenten am Leben halten.“

Das Problem am Vorschlag: Scholz’ Kabinettskollege und Parteigenosse Hubertus Heil hat da als Bundesarbeitsminister auch mitzureden. Und der ist ein erklärter Gegner des Bedingungslosen Grundeinkommens. Nach seinem Amtsantritt hatte Heil im Herbst 2018 einen Dialogprozess „Neue Arbeit – Neue Sicherheit“ zur Zukunft des Sozialstaats gestartet und in öffentlichen Bürgerdiskussionen nach Anregungen und Bedarfen gefragt. Der Zwischenbericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS)> setzt für die neue Arbeit lieber auf alte Unsicherheit (und zeichnet ein fragwürdiges Bild von dem, was den Wert eines Menschen ausmacht):

„Im Dialog wurde die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) als eine neue Antwort sowohl auf die Unwägbarkeiten der Arbeitswelt als auch den gesellschaftlichen Wertewandel intensiv diskutiert. Aus Sicht des BMAS ist das BGE keine Antwort auf den Wandel, weil es die zahlreichen wichtigen sozialen Funktionen eines Arbeitszusammenhangs voreilig preisgibt. Unsere Gesellschaft würde in der Konsequenz aufhören, eine Arbeitsgesellschaft zu sein, in der Arbeit auch ein Schlüssel zur Teilhabe an der und Integration in die Gesellschaft ist. Es entbindet vor allem Unternehmen und auch den Staat voreilig von der gemeinsamen Aufgabe, die Arbeit in der Gesellschaft effizient, aber auch gerecht und für den Einzelnen auskömmlich zu verteilen und die erwerbsfähigen Menschen in Arbeit zu halten, in Arbeit zu bringen oder für die Arbeit fit zu machen. Das BMAS lehnt das BGE ab. Es hält an einer – weiterzuentwickelnden – Grundsicherung für Arbeitsuchende fest, die an zwei Grundbedingungen geknüpft ist: Bedürftigkeit und Mitwirkung bei deren Überwindung.“

Weitermachen in der Krise: Weil die meisten Theater nicht mehr spielen können, stellt die Website nachtkritik.de einen digitalen Spielplan aus Livestreams und Aufzeichnungen von Inszenierungen zusammen. Am Montag und Dienstag lief ein Mitschnitt am Staatstheater Kassel.

Drehbuchschreiben kann man auch alleine im Home Office, den Writer’s Room ersetzt die Videokonferenz. Klingt einfach. Wie es wirklich ist, schildert ein Artikel (auf Englisch).

Gestern hatten wir die Initiative „Quarantinos“ vorgestellt: Eine Gemeinschaft aus Freelancern will im Netzwerk weiterhin TV-Spots für Kunden produzieren können – jede*r von zu Hause aus. Die Quarantinos sind nun auch auf Facebook und Instagram und suchen gerade speziell nach Schauspieler/DoP-Teams, die zusammen wohnen und zuhause Szenen aufnehmen können, wenn der Lockdown kommt.

Mit dem Virus kamen auch die Fake News. Die „Süddeutsche Zeitung“ gibt „Zehn Tipps gegen die Lügen“.

Brancheninfo von crew-united und cinearte, erschienen auf out-takes

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