Corona und kein Ende – Im globalen Krisenmodus

Wer redet derzeit noch vom Klima oder von gestrandeten Flüchtlingen? Von mehr Transgender oder noch mehr Multikulti? Mehr Klopapier!

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Corona und kein Ende. Die öffentlichen Plätze unserer Ortschaften und Städte ähneln mittlerweile den gespenstischen Ansichten, die der Italiener Giorgio de Chiricio auf zahlreichen seiner neo-realistischen Gemälde festgehalten hat. Alles scheint dort still zu stehen, während das Zwielicht lange Schatten in die urbane Ödnis wirft. Nichts deutet auf eine Katastrophe hin, doch wirkt die Beklemmung ob der Schärfe dieser Bilder seltsam dicht und zwingend. Gelegentlich tauchen Menschen in der farbgesättigten Leere auf. Stets zwei; kein einziger mehr. Anonym und gesichtslos, nehmen diese beiden offenbar gerade Abschied voneinander. Die winzig kleinen Figürchen muten ihrerseits wie flüchtige, hinfällige Schatten an. Ein böser Spuk liegt über der erstarrten Szenerie, die jedes echte Leben erstickt.

Dieser Tage fällt es wohl jedem von uns schwer, einen halbwegs klaren Kopf zu behalten. Das Dauerfeuer medialer Informations-Artillerien schränkt die geistige Bewegungsfreiheit eher ein als das es ihr den nötigen Spielraum verschafft. Um beim Vergleich zu bleiben: Vom Trommelfeuer aufgescheucht, hasten die Menschen in ihre Schützengräben zurück, deren Enge bereits Beklemmung verursacht und den angespannten Nerven weiter zusetzt. Vor allem die Gewissheit, dass keiner so genau Bescheid weiß, mit welchem Gegner man es überhaupt zu tun hat, drückt auf die kollektive Stimmung. Es fehlt ein umfassender Schlachtenplan. Darum improvisieren die Strategen. Die Truppe merkt es und murrt.

Wie es vernünftig weiter gehen soll, weiß im Grunde keiner so genau zu sagen. Denn keiner rechnete mit einer solchen Situation. Eben das löst uralte Ängste in uns aus. Mathematisch gesprochen, scheinen sich die üblichen Parameter verschoben zu haben, verlässliche Konstanten brechen weg und selbst einfachste Gleichungen gehen nicht mehr auf.

Das Verhalten mancher Menschen mutete bis gestern ziemlich sorglos an, wieder andere reagierten hysterisch. Jetzt heucheln alle eine Gelassenheit vor, die sie in Wahrheit gar nicht besitzen, denn im Innern sieht es ganz anders aus. Einseitige Gefühlsanwandlungen weichen unter normalen Umständen auch wieder anderen Gemütszuständen. Insofern ist diese Situation tatsächlich neu. Denn wir erleben derzeit so etwas wie eine Massenpsychose, deren Kennzeichen weltweit die Latenz bleibt: Da hat sich etwas in den Köpfen eingenistet, und dort spukt es jetzt permanent herum. Die Unterbrechung bzw. Beschneidung analoger sozialer Kontakte, ohne die auf Dauer kein menschliches Lebewesen existieren kann, ohne verrückt zu werden, verändert bereits jeden von uns. Schon in den kommenden Tagen wird sich zeigen, ob wir den einseitig verordneten Lebensweisen auf Dauer gewachsen sind oder nicht.

Nun offenbaren sich auch zahlreiche Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit. Scheinwelten brechen zusammen und Instinkte, die wir für entwertet hielten, halten umso herrischer Hof. Der Giftgeruch des Dschungels schleicht sich in die Nase. Wie geht man mit der Krise um, was kommt da noch auf alle von uns zu? Wer jetzt über Menschen lacht, die sich um Rollen Klopapier kloppen, lacht in Wahrheit nur sich selber aus. Denn die Verunsicherung trifft auf jeden von uns zu und sie wird sich hartnäckig halten. Mangelt es vielleicht an echter Einsicht? Sind wir insgesamt zu träge geworden, um aus Krisen wie dieser lernen zu können, damit es ´beim nächsten Mal´ besser klappt?

Mit solchen Fragen kommt man einem Problem entgegen, das insgesamt viel tiefer reicht. Die Wurzel des Übels kann nicht vollständig gekappt werden, denn dann stirbt der ganze Baum. Laboriert man an den tausendfältigen Strängen herum, sucht sich der Erreger einfach neue, frische Seitenarme. Tatsächlich ist das Gewächs insgesamt zu groß geraten und hat damit alle übrigen Triebe in den Schatten gestellt, wo sie langsam, aber sicher verkümmern.

Stichwort Weltbevölkerung. Die Menschheit ist in den letzten Jahrzehnten nahezu exponentiell angewachsen auf irrwitzige sieben Milliarden. In den circa dreihunderttausend Jahren seiner Existenz hat sich der moderne Homo Sapiens zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd so schnell und zügig über den gesamten Globus ausgebreitet, auch wenn er im Zuge der Besiedelung kaum eine Gegend ausließ und mit dem Neandertaler schließlich den letzten verwandtschaftlichen Zweig verlor. Wollte man Menschen als Wirte und den Erdball als Wirtskörper betrachten, so haben wir uns in der Tat wie tödliche Typhusviren vermehrt, deren Wachstum ohne medizinischen Eingriff beide, Wirt und Träger, zugrunde richten wird. Dieses Beispiel verdeutlicht die Situation, ohne freilich ganz zu stimmen. Tatsächlich wird die Welt, an Massensterben in Äonen gewöhnt, jeden ´Gau´ überleben, und es werden auch immer genügend Menschen übrig bleiben, um auf tieferer Zivilisationsstufe neu beginnen zu können.

Dies mag zu Genüge verdeutlichen, wie sehr wir als Spezies die natürliche Ökumene bereits strapazieren, allein durch unsere bloße Zahl, deren lebensweltliche Verrechnung schon versagt, schreckt uns ein winzig kleiner Virus auf. Sieben Milliarden Menschen, weltweit dauerhaft miteinander vernetzt und dementsprechend umtriebig in allen Winkeln dieser Welt aktiv: ein Paradies für clevere Viren. In diesem Zusammenhang muss man auch das Phänomen einer weltweit rasant voranschreitenden Urbanisierung betrachten, deren Auswüchse gleichsam jeder Beschreibung spotten. Bezeichnend bleibt, dass wir den begleitenden Aberwitz bis heute nicht erkannt haben.

Die Bildung von Städten ist so alt wie die Kulturgeschichte. Immer wieder sind Scharen von Menschen sukzessive in Ballungszentren abgewandert. Aber auch hier handelt es sich neuerdings um einen überstürzt und unkontrolliert von statten gehenden Prozess, der mit dem explosionsartigen Ansteigen der Weltbevölkerung korrespondiert: ein weiterer Schatten, den die erdrückende Demographie wirft. In keiner der bislang abgelaufenen Epochen sind in so kurzer Zeit so unglaublich viele Menschen in immer größere Städte abgewandert. Auch dies kommt der Verbreitung lästiger Viren ungemein entgegen. In den Metropolen hocken Menschen dicht auf dicht, dort zeigt sich, in aller Deutlichkeit, der zwielichtige Doppelcharakter gegenwärtiger Lebensweisen am deutlichsten. Alternativ dazu ermöglichten kleinere, lokale Einheiten im ländlichen Raum, auf Basis angestammter Selbstversorgung, eine sehr viel verlässlichere Einhegung von Ansteckungsketten und Versorgungsengpässen.

Hier stehen einander nur vordergründig alternativlose Moderne und entbehrungsreiche Vergangenheit gegenüber. Es soll auch nicht das eine gegen das andere ausgetauscht oder ausgespielt werden. Beide Modelle haben, unvollständig ausgestattet, ihre Schwachstellen. Beide freilich könnten, geht man die Sache vernünftig an, in symbiotischer Ergänzung ganz eigene Dynamiken freisetzen und dem unseligen Verlauf Auswege bahnen, ganz im Sinne echten Fortschritts. Bislang kennzeichnete jede vergleichbare Krise, dass Aktionismus vor gesundem Menschenverstand kam. Man läuft dann hinter den Ereignissen her und wird von ihren Folgen vorgeführt. Es soll und muss schnell etwas geschehen, ist lange Zeit nichts geschehen. Dann aber geschieht es immer überstürzt und einseitig.

Daran gewöhnt, auf Kredit zu leben, scheint uns jede Zahlungsmoral abhanden gekommen zu sein. Darum geht die Rechnung am Ende auch nicht auf. Das derzeitige Weltwirtschaftssystem neigt stark zur Blähung, zu hypertropher Entartung. Schon die Bankenkrise verdeutlichte das. Ausufernd in seiner Form, zerplatzt der globalkapitalistische Entwurf immer wieder an der eigenen, imponierenden Monstranz. Ein Umstand, der bislang keine nennenswerten Korrekturen nach sich zog. Es fällt uns allen nach wie vor sehr schwer, in wechselseitigen Bezügen zu denken und eigene Interessen abstrakten Schemata einer Vernunft zu opfern, die sich offenbar nur zögerlich unserer Hirne bemächtigt. Den verwickelten Verhältnissen hochkomplexer Vorgänge begegnen wir noch immer mit den Instinkten der Frühzeit, deren Verlust freilich nicht minder fatal wäre. Wer in diesem Zusammenhang behauptet, das es gar keine Sachzwänge gäbe, nur Interessen eben, der verkürzt das Problem auf seine Reizpunkte. Denn besagte Interessen verursachen Sachzwänge ohne Ende. Und mit denen müssen wir jetzt irgendwie klar kommen.

Es mutet merkwürdig an, dass sich dieser Tage – heute nämlich – auch der Geburtstag eines allzu deutschen Dichterfürsten zum nunmehr zweihundert-fünfundzwanzigsten Male jährt. Friedrich Hölderlin, der fast die Hälfte seines Lebens in geistiger Umnachtung zubrachte, war ein Meister der Worte und blieb im tätigen Leben ein echter Amateur. Im Turm des Tischlermeisters Zimmer verborgen, dämmerte dieser Mann in autistischer Vereinzelung jahrzehntelang völlig unbeachtet vor sich hin. Noch heute wirkt seine eigenartige, merkwürdig versponnene Erscheinung wie ein Verhängnis. Der jedem Menschen ganz allgemein anhaftende, ja recht eigentlich unser Wesen kennzeichnende Zwiespalt setzte Hölderlin früh zu: Weltflucht und Welteroberung, Überschwang und Erschlaffung, Irrsinn und Erlösung kennzeichnen das dichterische, im Grunde Fragment gebliebene Werk. Hölderlins Worten haftet viel Verhängnis, und allzu viel Unheil an. Er besang den Tod fürs Vaterland, den er als himmlisches Opfer von Helden und Halbgöttern begriff, deren keines je vergebens sei. Die sterblichen Pfade verachtend, den ´ganzen´ Göttern gleich zu werden, trieb diese ´Logik´ den Kult der Selbstaufgabe bis zum Äußersten: “Opfer will der Himmlischen jedes, wenn aber eines versäumt ward, nie hat es Gutes gebracht.“ Andersherum freilich auch nicht, wie die deutsche Geschichte der letzten hundertundfünfzig Jahre leider lehrt.

Ein Freund Hölderlins aus gemeinsamen Tübinger Tagen, der Meisterdenker Hegel, wurde in Berlin durch die dortselbst grassierende Cholera hinweggerafft. Sein Erzrivale, weiland Arthur Schopenhauer, entzog sich dieser Seuche rechtzeitig und erreichte ein ziemlich hohes Alter. Der erfolgsverwöhnte Zukunftsoptimist Hegel unterlag, so gesehen, im Zeitlichen dem notorischen, damals kaum beachteten Konkurrenz-Pessimisten. Freilich: entwich dieser bloß dem tückischen Furor. Besiegen mussten ihn schließlich andere. Entdeckt wurde Vibrio Cholerae übrigens von dem Italiener Filipo Pacini, der damit auch gleichzeitig die Grundlagen dafür schuf, dem tückischen Bakterium präventiv beizukommen. Das dauerte. Heute redet keiner mehr von der Cholera und ihren schlimmen Folgen.

Wer redet derzeit noch vom Klima oder von gestrandeten Flüchtlingen? Von mehr Transgender oder noch mehr Multikulti? Mehr Klopapier; vielleicht. Me too. So austauschbar bleibt, was die Gemüter jeweils erregt. Das haben wir schon in der ´Flüchtlingskrise´ vor fünf Jahren erlebt, als von heute auf morgen das Thema ´Schuldenkrise´, bequem auf Griechenland fixiert, erledigt war und erledigt blieb. Ist uns vielleicht im Ganzen nur das rechte Maß verloren gegangen? Ob aus der Corona-Krise eine Lerngeschichte werden kann, wie der Sozialpsychologe Harald Welzer lässig bemerkt, bleibt vorerst fraglich. Fest steht: sie wird nicht die letzte Gelegenheit dazu gewesen sein.

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Über Trdic Shanto 68 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.