Der Zauber des Profanen – Freddie Mercury – Teil 1

freddy mercury freddy bug königin bug, Quelle: Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

„Eins und eins, das macht zwei,

drum küss und denk´ nicht dabei

denn denken schadet der Illusion.

Alles dreht sich, dreht sich im Kreis

und kommst du mal aus dem Gleis,

war´s eben Erfahrung anstatt Offenbarung,

was macht das schon.“

Hildegard Knef

„Des Lebens größte Krankheit ist die Langeweile.“

Alfred Comte de Vigny

„Ich habe vor, die erste Hälfte meines Lebens

richtig zu leben. Der Rest interessiert mich nicht.“

„Jeder, der in ein anderes menschliches Leben ein

paar Momente des Glücks bringen kann, der verschwendet

mit Sicherheit nicht seine Zeit in einer ansonsten von Angst

getriebenen und oft sehr eintönigen Welt.“

„Ich verstehe mich selbst als einen schillernden Farbtupfer in

einer ansonsten düsteren Welt.“

Errol Flynn 

Entree

Im Verborgenen fand er die letzte Zuflucht. Ausflüchte gab es jetzt keine mehr. Der große Mann wusste das längst. So gab er endlich alles hin, was ihm einst lieb und teuer gewesen. Saus und Braus, Pomp und Prunk, Glamour und Amouren: Schnee von gestern. Der ganze geblähte Luxus, mit welchem er zeitlebens auf so galante, immer auch gestelzte Art und Weise geprahlt und geprotzt hatte, einem kühnen Emporkömmling gleich, glänzte jetzt durch Abwesenheit, wie das einst einträchtig jubelnde Konzertpublikum. Die rauschenden Feste, für welche ihr Gastgeber berühmt, ja berüchtigt gewesen, gehörten einer fernen Vergangenheit an, wiewohl nur wenige Jahre seither verflossen waren. Einem Paradiesvogel gleich, hatte er auch dort geglänzt und sämtliche Blicke auf sich gezogen. Samt und Seide, Gold und Silber: der einst schillernde Faun bedurfte ihrer im letzten Exil nicht länger. Ihm blieb die Einsamkeit. Er kannte sie schon. Stets und ständig hatte die auf der Lauer gelegen, war sie ihm lästig zu Leibe gerückt; nun umfasste sie den dürren Körper ganz und gar.

Freilich: rang sich der Verfluchte kein Wort der Klage ab, denn tapfer war er ein Leben lang gewesen. Am Ende bestätigten sich, nunmehr endgültig, auch und gerade in seinem Fall die berühmten letzten Worte des Dichterfürsten d´Annunzio; ein Schwarmgeist von Rang, der das Leben mit Gewalt in eine Oper verwandeln wollte und damit eine Zeitlang für Furore gesorgt hatte. Der stolze Italiener, ein echter Hasardeur alt-adeliger Schule, verdämmerte seine letzten Tage in der nach Maß gezimmerten, opulent ausgestatteten Villa nahe Gardone Riviera, angeekelt von einer Zeit, die er nicht mehr verstand, und so hatte er jedes Recht, in der letzten Stunde müde zu bekennen:“ Ich langweile mich.“ Wahrlich: das hätte auch unser Held sagen mögen; als einer, der die Langeweile zeitlebens gefürchtet hatte wie nichts sonst auf dieser Welt. Sie war die große Rivalin gewesen, eine echte, ewig nervende Spielverderberin, deren aschfahle Züge der verhärmten Gestalt entsprachen, die nun auch ihn, den einst Tatendurstigen Assoluto, in einen Todesengel verwandelt hatte.

So kam er der Welt am Ende ganz abhanden. Der Fluch kühner Taten lastete nun wie ein Alp auf der Seele eines Menschen, der einst Millionen in Verzückung zu versetzen verstand. All jene, die sich in Zeiten des Erfolgs zuhauf um ihn scharten, scherte kaum, wie es jetzt in seinem Innern ausschauen mochte, doch verbat er sich ohnedies jede Nachfrage. Hatte er der Bewunderung bedurft, als sei sie die Luft zum atmen, ging ihm nun der letzte Atem langsam aus. So, wie es jetzt um ihn stand: sollte und durfte ihn keiner mehr sehen. Die Bestie ´Fan´, deren Halbgott, Hexenmeister er war: fehlte ganz. Seltsame Umkehrung der Verhältnisse: jede Öffentlichkeit war ihm am Ende nur mehr zuwider. Ein Schatten seiner selbst, floh er der Masse, die ihn von Erfolg zu Erfolg getragen hatte.

Natürlich ließ man den Mann nicht in Ruhe. Der Zugriff geriet aus dem Hinterhalt heraus. Die Medien-Meute witterte den Skandal; ahnte längst, dass etwas nicht stimmte. Und lag fortan auf der Lauer. Ihr Opfer schlich sich davon wie ein waidwund geschossenes Tier; langsam und qualvoll verendend. Von einem Versteck ins Nächste schleppte sich der Versehrte, die geifernde Meute schnöder Indiskretins im Nacken. Todkrank, erschöpft an Leib und Seele, mochte er vielleicht die letzten seiner Stunden vorsichtig nachwiegen; beklommen, ja entsetzt angesichts der Tatsache, dass nun wirklich alles vorbei sein würde. Ein Leben lang im Grunde ängstlich und unbeholfen im Umgang mit einer Öffentlichkeit jenseits der großen Bühne, wich der Siechende den Wilderern von der Sensationspresse nun immer öfter aus, denn ihr grelles Blitzlichtgewitter zerriss die letzten Schleier, mittels derer er den Schein zu wahren trachtete. Gnadenlos in die Enge, ins Abseits getrieben: fand er aus dieser Sackgasse nicht mehr heraus. Er, der stets im Focus brilliert hatte, war nur noch ein Lichtscheues, heimlich im Dunkel verharrendes, leidig vegetierendes Wesen. Im toten Winkel vollendete es seine wunderliche Existenz.

Ohne Glanz und Gloria konnte man sich die Erscheinung dieses Mannes gar nicht vorstellen. Er selbst konnte es auch nicht. Bis zur Neige hielt er am Nimbus fest. Die Gewissheit, früh gehen zu müssen, hatte von an Anfang an zur Stilisierung mit dazu gehört. Ein langsames Martyrium: eher nicht. Auf Raten sterbend, suchte die arme Kreatur ihre letzten, lausigen Winkel und Verliese auf, Orte einer Verbannung, die das nahe Ende mit jedem neuen Tag umso trennschärfer markierten. Ein pechschwarzer Vorhang verdeckte die schrumpfende, sterbende Gestalt. Einst ein prächtig parlierender Heroe, der in sämtlichen Facetten auftrumpfte, meist kämpferisch strahlend, umwitterte den Geschlagenen nun ein Gewölk aus Kummer und Gram, Verzweiflung und Verzagtheit. So enden gefallene Helden. Er, der über eine den ganzen Globus umspannende Anhängerschaft gebot, gern Kraftstrotzend und ungestüm, ´stronger than life´, zerfiel in den letzten Wochen immer schneller und glich, wurde man seiner gelegentlich noch ansichtig, dem verlorenen, todtraurigen Grafen aus Murnaus Nosferatu: ein schauriges Gespenst, langsam und qualvoll am eigenen, klammen Leibe zitternd, nur noch als flüchtiger Spuk vage erkenntlich, mit kaputtem Knie humpelnd, als ein wirklicher Schatten seiner selbst, der im Verstohlenen, im Verschwiegenen unmerklich dahinschwindet, weil sich die dunklen Konturen mit einer Schwärze vermählen, die das Häuflein Elend immer gebieterischer umfängt. Seine Not war groß, doch teilte er sie mit kaum einem Menschen.

Dieser Abgang schmerzte das Häuflein derer, die damals schon wussten oder nur ahnten, wie es wirklich um ihn stand. Wer auch nur einen blassen Schimmer davon hatte, dass hier ein Feuergeist in endlosen Schüben verglomm: begriff die Tragik, wusste um das Drama: um Schmerz und Schmach. Bleich und hohlwangig, gebrechlich und immer klappriger auf den müden Beinen, war Mister Bad Guy in den letzten Wochen und Monaten nur noch zu bemitleiden, aber genau das wollte er verhindern, um jeden Preis. Es misslang. Er wirkte schließlich wie ein Nacht schattendes Gespenst, schon nicht mehr von dieser Welt, aber keiner sollte sehen, wie es wirklich um ihn stand; niemand durfte etwas wissen. Die Fangemeinde musste bis zum Schluss getäuscht und gelinkt werden. So hatte er es gewollt, das war sein wirklich letzter Wille gewesen, und erst einen Tag vor dem tatsächlichen Ende weihte er die Welt in ein Geheimnis ein, das doch längst keines mehr war. Ihm, dem stolzen Stenz, hatten die Getäuschten wahrlich zu Füßen gelegen, denn er vermochte jeden einzelnen von ihnen machtvoll zu sich empor zu heben, hinauf ins grelle Scheinwerferlicht, das den Gebieter selbst zu immer neuem, unwiderstehlichem Leben erweckte. Aus und vorbei. Nun hauchte der Zauberkünstler den letzten Odem aus sich heraus, schon bis zum Halse versunken im Reich der Untoten, dem Fegefeuer der Verlorenen, Vereinsamten – immer auch Verfluchten. Keiner konnte dem gefallen Ikarus je wieder auf die wackeligen Stelzen zurück helfen. Ein schwindsüchtiger Cherub, Flügellahm und ohne wärmenden Flausch am Leibe, litt er entsetzlich und ganz für sich allein. Seltsame, allzu oft Realität gewordene Umkehrung der Extreme: auch Mercury hatte sich gesonnt in der gleißenden, sengend heißen Brunst einer breiten, vor Begeisterung brodelnden Masse, die ihm bedingungslos huldigte. Die lüsternen Blicke einer tumben, schamlos ausgreifenden Hydra verloren sich endlich im Dunst des Verfalls, wiewohl das Untier täglich seine Fühler ausstreckte.

Mercurys letzte öffentliche Triumphe, zuletzt an der Seite Montserrat Caballés, lagen keine zwei Jahre zurück. Wer hätte damals auch nur geahnt, dass die Tragik eines einsamen Todes so unmittelbar bevorstand. Vergänglichkeit der Macht, Vergeblichkeit aller Eroberungsgelüste. Doch noch in letzten Zügen hielt ´Uns Freddie´ an der Inszenierung fest, indem er den faden Augenschein beharrlich mit einem Schisma belegte. Und beharrlich, so lang es irgend ging, aus dem Vollen schöpfte. Gerade dieser letzte Ausflug in die glanzvolle, glitzernde Welt der Oper blieb symptomatisch. Noch einmal umgab er sich mit allem Überfluss, den das Genre bot. Krampfhaft suchte er so jenen Fluch zu bannen, vor dem er sich ein Leben lang bis in den Abgrund seiner zarten, noblen Seele gefürchtet hatte: den der Tristesse. Und er hielt Wort. Selbstherrlich und selbstbestimmt bis zum Schluss, kläglich die verbliebenen Atemzüge auskeuchend. Ganz er selbst. 

Es haben sich wenige Aufnahmen erhalten, die den Leidenden auf der kurzen Zielgeraden zeigen. Sie stimmen unendlich traurig. Während der Proben zu den letzten Videos sehen wir einen einsamen Mann im undefinierbaren Alter. Die blasse Fassade grell überschminkt, steckt der schmale Körper in viel zu weiten, schlotternden Kleidern, die den dürren Leib weniger bedecken, mehr umständlich umhüllen: wahrlich wie einen Leichnam. Der wirre, verlorene Blick dieser bleichen Erscheinung erfasst schon das Ende des schwarzen Tunnels. Die Schüchternheit Mercurys, ehedem in vielerlei Andeutungen ironisch umspielt, stand jetzt ganz nackt und rein, nahezu unerbittlich in ein Gesicht geschrieben, dem die Hoffnung und mit ihr jeder Funken Freude unweigerlich verloren gegangen waren. Seine schönen Lippen hielt er nicht länger kämpferisch, nur mehr bitterlich ineinander gepresst, als schüttelten ihn innere Weinkrämpfe, seelische Schmerzen, denen er darob umso sturer stand hielt. In den großzügigen Kulissen zum Dreh wirkte er zunehmend deplatziert, als gewöhne sich der tödlich verwundete Körper schon an den anderen, nicht mehr allzu fernen Ort einer Bestimmung, die jeden der Lebenden allzeit heimlich umhaust. Gedankenverloren, doch keineswegs Geistesabwesend, wirkte er jetzt erstmals bei der Arbeit unschlüssig; ungewohnt unsicher. Er reizte das Letzte an Kraft aus sich heraus; viel war es nicht mehr. Der vor Saft und Kraft strotzende Tausendsassa war längst in sich eingebrochen, ein Häuflein Elend noch, kläglich und kümmerlich zerfallend. Keiner derer, die ihn noch einmal in Szene zu setzen versuchten, konnte den Verfall übersehen. Übermalen ließ er sich leidig. Und mochten die großzügig geblähten Kulissen im Studio noch einmal den alten Glanz bemühen, den der Tausendsassa in besseren Zeiten so unwiderstehlich heraufbeschworen hatte: jene Gestalt, die Kraft ihrer Aura stets den schillernden Schein ohne jede Scham verkörperte, loderte selbst nur noch in letzten, mühselig matten Zügen, und das verzweifelte Aufflackern kaschierte den kläglichen Rest, der von ihm übrige geblieben war.

War das wirklich noch Freddie? Irrtum ausgeschlossen. Zaudernd und zweifelnd hatte man ihn eigentlich nur jenseits einer Bühne gekannt, die ihm nun endgültig zu groß geriet. Nervös und hektisch harrte Mercury seiner Einsätze, und er wusste, das ihnen keine weiteren mehr folgen würden. Dem ganzen herrlichen Himmelssturm von einst folgte die fast peinlich wirkende Windstille, deren schwacher Atem spürbar wurde und mit der wohl keiner so richtig umzugehen verstand, der sich noch lebhaft an den kühnen Tiger erinnern konnte. Jede kleinste Szene verlangte dem Showman noch einmal alles ab. Er hielt mit. Es musste jeden drücken, der mit ansah, wie jener sich mühte. In den Arbeitspausen umwehte ein melancholischer Hauch den armen Menschen. Wacker hielt er die heißen Tränen zurück. Jene, die den Tatmenschen von einst bewundert hatten, sahen jetzt ein zäh und verzweifelt sich aufbäumendes Wesen; eines, das vergeblich gegen ein schier übermächtiges Schicksal aufbegehrt. Ein menschliches Drama. Was mich persönlich am meisten trifft, sehe ich mir diese Aufnahmen heute auf YouTube an, ist dieser Blick; der unendlich traurige und verzweifelte. So schauen solche, die dem Moment der Wahrheit stündlich näher treten und noch der Ruhe letzter Stunden entbehren, die als solche zunehmend zur Gewissheit werden. Mochte der Künstler, Profi durch und durch, den Anforderungen des täglichen Geschäfts auch weiterhin anstandslos genügen und in den geforderten Einstellungen gewohnt professionell agieren, sein wirklich Letztes geben und sämtliche noch verfügbaren Reserven mobilisieren, also halbwegs funktionieren: umso schmerzlicher wird die Qual des unaufhaltsamen Erlöschens all jene berührt haben, die den Sterbenden so noch einmal aus der Nähe erlebten.

Bilder sagen immer mehr als Worte. Sie zeichnen auch schärfer, sieht man nur genau genug hin. Als habe sich auf dämonische, seltsam Gleichnishafte Art ein Kreis geschlossen, glich Mercury nun wieder der androgynen Doppelgestalt, mittels derer er in frühen Tagen für erste Furore gesorgt hatte. Doch der spindeldürre, feingliedrige Adonis war jetzt ein Kaiser ohne Kleider. Die nackte Schale vertrug sich mit keiner monströsen Maskerade mehr. Bar jener aggressiven Gefallsucht, die immer am Anfang einer kühnen Welteroberung steht, stellte er jetzt nur noch einen erloschenen, vor der Zeit gealterten Jüngling dar, den Seitenverkehrten Dorian Grey sozusagen: als lichter Greis mit kurz geschorener Mähne. Wollte ich es versöhnlicher formulieren: Ein müder Bettelmönch, der sich im falschen Kostüm versteckt hält.

Im Video zu These are the days of our lives wird der eigentümliche Gestaltwandel auf beunruhigende Weise transparent. DasStück, vom Schlagzeuger Roger Taylor geschrieben, ist ein wohltuender, glatt und bieder dahin schleichender Schwanengesang, der auf elegante Weise elegisch tönt und ein betörend lyrisches Aroma verströmt. Dieser müde, sehr nostalgische Abgesang wäre kaum der Erwähnung wert, stellte er nicht gleichzeitig die Leiden Mercurys in ein Zwielicht, das den verbliebenen Typus so grausam umschattet. Der hektische Trubel beim Dreh überspielt kaum die Tragödie dessen, der in der Zerstreuung letzter Aktivitäten dem eigenen Schicksal nicht mehr entkam. Während der Pausen wirkte Mercury wie ein schüchterner, verschämt dreinschauender Chorknabe. Traumverloren. Totgeboren. Und doch: mit jedem neuen Take war er wieder, letzte Reserven mobilisierend, ganz der Alte. Ungebrochen präsent und auf resolute Weise diszipliniert, wusste er noch einmal das Feuer zu entfachen; eines, das dem eigenen Erlöschen als kurze Stichflamme immer kurzlebiger voraus schießt. Davon kündet das fertige Video. Man merkt ihm den zähen, qualvollen Aufwand nicht mehr an, der getrieben wurde, um unseren Helden noch einmal ins rechte Licht zu setzen. Stundenlang, erinnern sich Beteiligte, musste der Künstler gepudert und geschminkt werden, denn die Fassade bröckelte bedenklich. Wie einbalsamiert wirkt er denn auch, seltsam entrückt und gegenwärtig zugleich, in unermüdlicher Anstrengung dem Geschäft genügend: so aber noch einmal die Mächte eines Lebens herauf beschwörend, das unweigerlich verging. Er wirkte ausgemergelt und abgemagert, doch die Konturen seines Gesichts traten jetzt umso makelloser hervor; prägnant wie bei einer echten, sorgsam stilisierten Maske. Zum schwarzen Dress trug der Sänger eine knallbunte Weste, als solle der traurige Schmus mit einem fröhlichen Überzug besänftigt werden. Noch einmal also stand er im Focus. Doch die Schemen verblassten gnadenlos. Das Video selbst endet Herzzerreißend, und man muss fast weinen, wenn das unwiderstehliche Lächeln eines kultivierten Charmeurs seine letzten überhaupt vor der Kamera gesprochene Worte mit einem unnachahmlichen Zauber umsalbt:“ …i still love you…“ Dann aber trat ein ernster, sehr männlicher Zug in seine Mine und er huscht einfach fort. Ja, wirklich: wie ein Spuk. Kurze Zeit später war er schon tot.

Das vorab veröffentlichte Video zu I´m going slightly mad wirkt verstörend. Auf markante Weise manieriert, gleich einem dadaistischen Theater-Experiment, wechseln sich die Szenen ab, eine Groteske häufend, die der späten Stummfilm-Kunst nachempfunden scheint. Tönte der Nachfolger auf matte Weise  mild und spätsommerlich herb, also erlösend und irgendwie den Abschied freundlicher gestaltend, kicherte hier der Wahnsinn, aber auf schaurig schleppende Art und Weise, was der Allegorie eine Beklemmung verleiht, an die kein Satanist von der Heavy-Metal-Front heran reicht, er mag noch so innig und verlogen gurgeln oder grölen. Auch dieser Film läuft in Schwarz-Weiß, spielt mit Retro-Elementen und steckt voller Metaphern und Anspielungen. Die Maskerade, hinter der sich der Meister ein letztes Mal versteckt, erinnert in der schrulligen Überzeichnung tatsächlich an die abgefahrenen Kostümierungen früher Tage, doch so schräg das gefrackte Outfit auch wirkt, mit dem der sichtlich Geschwächte durch die Einstellungen mehr torkelt statt tänzelt: Freude will hier einfach nicht mehr aufkommen. Die anderen Queens stehen bezeichnenderweise schon abseits, begleiten die Tiraden ihres Sängers eher beiläufig, mit lässigen, aufgesetzt wirkenden Gesten, nicht mehr von seiner Aura umtost, denn sie läuft an ihnen vorbei ins Leere und die entsprechenden Mätzchen wirken wie müde, ratlos geheuchelte Statements stocksteifer Statisten. Mercury wiederum, glänzend aufpoliert, geistert wie ein unruhiger Geck durch das wirre Szenario; eines, dem jeder Sinn abgeht. Wie ein zotiger, über Nacht abgemagerter Zwergnase tapst und tapert der Todkranke töricht umher. Und immer am Rande des Irrsinns irrlichternd. Die ganzen Albernheiten gleichen einer zynischen Apologie auf das Leben des Meisters: dieses bei aller Professionalität und willensstarker Spannkraft so leicht und locker hingeworfene, und noch viel leichter wieder weg geworfene Leben. Ein künstliches, lückenlos inszeniertes Leben: karnevalesk bis in die letzten Spitzen. Kam hier das späte Eingeständnis, gescheitert zu sein, mit viel Getue zum Vorschein? Er scheint es auf den feinen Lippen zu tragen: seht her, ich habe ohne Tiefgang aber mit Verve mein Leben gelebt, ich habe es in ein rauschendes Fest verwandelt und nun beende ich die Posse mit einem Riesenfurz. Der Wahnsinn fegt den kläglichen Rest einfach fort. Ratlosigkeit macht sich breit, nicht nur bei den Musikern, die den ganzen Rattenschwanz an Unsinn über sich ergehen lassen und deren stumme Körpersprachen mehr verraten als jedes eilfertig dahin geredete Wort. Ein achselzuckendes ´Zu spät´ zieht sich, gleichsam unausgesprochen, durch den konfusen Mummenschanz, und weder Pinguin noch Riesenaffe können das Drama des Menschseins verklären; nur verspotten. Im Grunde ist hier alles Parodie – eine, die weh tut und unter die Haut geht, weil man das Ende kennt. Der Totentanz grenzt an fiebernde Demenz, an Delirien im Wachkoma, eingebettet in narkotisierende Watte: die Erregung langsam abwürgend und einen kontrollierten Morphinrausch zeitigend. Der Patient zuckt noch einmal wild, bis er den Geist ganz aufgibt. Wie ein Glühwürmchen in tiefer Nacht flackert er umher, bevor sich der hektische, heillose Flimmer verzieht. Das Video hätte man gut im KIKA (Kinderkanal) parken können. Dort gehört es hin. Aber mit Freddie als tragischen Hauptdarsteller?

Mercury, wie anders, überließ nichts dem Zufall. Und blieb daher bis zur Neige dem kontrollierten Kalkül verpflichtet. Er inszenierte sein Ende mit Bedacht. Auch in diesem kuriosen, recht eigentlich missglückten Video. Jene so tragisch in sich zusammengeschrumpfte, entschwindende Erscheinung bündelte im Grunde noch einmal die Sehnsüchte, nach denen sich der ganze Kerl ein Leben lang verzehrt hatte. Jetzt, halb Kind halb Tod, zog er die letzten Register. So blieb er der geniale Showman, noch unter Leichenblässe prächtig und pompös parlierend, denn jede andere Attitüde hätte nicht gegriffen. Sie lag ihm auch nicht. Im Grunde versteckt sich sogar so etwas wie ein Botschaft in diesem Werk. Wenn die so überschwänglich gefeierte Diesseitigkeit verblasst, der rauschende Quell versiegt und nur mehr klägliche Kleckerpfützen zeitigt, deren letzte Reste eine gnadenlose Wüstensonne immer tiefer in die nackte, harte Scholle niedergepresst: dann mag sich das Antlitz des Narziss als Fratze in der trüben Soße wiederspiegeln: eine, die vor Verzweiflung, blankem Irrsinn ihrerseits ins Leere gafft…

Es hat nicht wenige gegeben, die es als Makel empfanden, dass der Künstler bis zum Schluss zur tödlichen Krankheit schwieg und nicht einfach reinen Tisch machte; in aller Öffentlichkeit ganz ehrlich bekannte, tödlich an AIDS erkrankt zu sein. Heute, im Selfiezeitalter, das die Selbstentblößungen allzu vieler in ständiger, ermüdender Echtzeit feiert, wird auch das Sterben, diese intimste Angelegenheit im Leben eines Menschen, auf schamlose Weise für alle und für jeden inszeniert – und damit exekutiert. Das hätte seinerzeit niemand von Mercury erwartet, aber sein stures Schweigen nahm man ihm dennoch übel. Sicher eine nachvollziehbare Reaktion, aber sie geht am Menschen, der sich hinter all den Masken verbarg, glatt vorbei. Denn der musste, seinen tiefsten Überzeugungen gemäß, die Krankheit und das begleitende Leid bis zum Schluss, bis ins bittere, dem Leben abgetrotzte Zwielicht, totschweigen. Es entsprach einem Selbstverständnis, dessen versteckte, heimliche Tragik umso tiefer nachempfinden lässt, wie kompromisslos jener an seinen Manen fest hielt. Jeden bloßen, blassen Ernst hatte dieser Mensch stets sorgsam gemieden, aus dem strengen Konzept gehegt. Sämtliche Regungen, mit denen er Eindruck schindete, mussten stark und männlich sein, aufbrausend und sprühend vor Energie; auch, wo sich der Schmerz wie ein scharfes Messer in eine ohnehin verletzte Seele bohrte oder schnitt. Das war er seiner künstlerischen Gesamterscheinung schuldig. Ihr unterwarf er im Grunde das ganze Leben.

Als aus dem schüchternen Farrokh Bulsara der schillernde Freddie Mercury wurde, wurden die Weichen dauerhaft gelegt. Er hat nicht mehr dran rumgeschraubt. Zum Schluss, langsam und unerbittlich zerfallend, wurde so zum Fluch, was die zierliche, nun wieder kindlich wirkende Erscheinung endgültig in die Knie zwang. Damit vollzog Freddie aber nur, was er Farrokh einst versprochen hatte. So schloss sich der Kreis. Das war sein Schicksal, und er trug es stolz und ohne zu jammern. Auch wenn ihm in den letzten Jahren der Zwiespalt seiner Existenz immer deutlicher bewusst geworden sein mag, hielt er an den verordneten Gewohnheiten und Überzeugungen fest. Stur und eisern. Ungemein diszipliniert. Wir sahen zuletzt keinen von Furchen zersiebten, in Würden ergrauten und stetig alternden Mann, sondern den dünnbrüstigen, dämonisch verjüngten und dem Tode geweihten Ritter von der traurigen Gestalt, der das Alter zeitlebens schmähte und sich einfach weigerte, selbst alt zu werden. Er wurde es nicht. Den frühen, fast sehnsüchtig herbei gesehnten und doch eiskalt verachteten Tod wusste Mercury in den wenigen Interviews, die er überhaupt gab, immer wieder auf eher beiläufige, sehr bezeichnende Weise zu erwähnen: nahezu besessen von dieser Vision. Mit einem Achselzucken, das betroffen macht, rückte er die Weissagung in´s rechte Licht. Je gewisser wurde, wovon er sprach, umso lockerer gerieten die entsprechenden Gebärden. „Ich glaube nicht, dass ich sehr alt werde,“ meinte er schon auf dem ersten Gipfel seiner Karriere,“ und es kümmert mich auch nicht. Ich habe ein erfülltes Leben gelebt. Ich habe wirklich alles gemacht und wenn ich morgen tot bin, ist es mir verdammt egal.“ Anno 87, als endgültig fest stand, dass er sich den damals noch Todbringenden Virus eingefangen hatte, äußerte Mercury gut gelaunt:“ Ich strebe sicher nicht danach, bis 70 zu leben. Es wäre langweilig.“ Zwei Jahre vorher: “Was ich in zehn Jahren machen werde? Da werde ich wahrscheinlich tot sein. Ich denke wirklich nicht über meinen Tod nach oder wie man mich in Erinnerungen behalten wird. Wenn ich tot bin, wen kümmert’s? Mich nicht.“ Endlich:„ Es ist mir schnuppe, ob ich morgen nicht mehr lebe, denn ich habe alles erreicht, was ich wollte.“

Ganz so war es natürlich nicht. Er hatte schon sehr gründlich über alles nachgedacht. Auch und gerade über das Ende. Derlei Äußerungen fallen nicht als Beiläufigkeiten oder spontane, wohlgefällige Inspirationen vom Baum der Erkenntnis. Der wächst auch nicht an jeder Straßenecke. Keiner entrinnt den großen, grundsätzlichen Fragen des Lebens. Schnell und früh genug begreift man immerhin, was zu akzeptieren unendlich schwer fällt. Wie jeder Mensch dachte auch Freddie über die große Bruderschaft des Todes nach und sicher intensiver und folgerichtiger als die meisten, denen auf eigene Weise davor graut. In seinen Worten kommt schließlich die ganze Anmaßung eines tolldreist geführten Lebens zum Ausdruck, gleichzeitig aber auch eine tief empfundene Dankbarkeit darüber, das Erzwungene in eine so kurze Spanne Zeit gepresst haben zu können. Und erst, als er dann tatsächlich von uns ging, wurde aus dem Menschen die Legende, an der wir bis heute sehnsüchtig weiterstricken: das Garn lieferte der Hexenmeister selbst. Eigentlich gleicht der Tod eines solchen Menschen mehr einer Metamorphose. Die kommt in der Natur in leibhaftiger Vollendung zustande. So wird zum Beispiel das Geschöpf Raupe in einen Schmetterling verwandelt. Die lebendige Gestalt, wiewohl Flügellos und kriechend, deutet Zukünftiges schon an. Elegant und Formschön, wogt die Raupe mehr über dem Grund, als das sie ihn bloß entlang liefe. Irgendwann wickelt sich das Geschöpf in sein eigenes Leichentuch, um anschließend prächtiger, herrschaftlicher auf zu erstehen. Es kann dann sogar fliegen. Auf Freddie gemünzt: nachdem er für immer von uns gegangen war, traten jene bunt schimmernden Züge, die seine grelle Gestalt im Überfluss umspannten, immer deutlicher und trennschärfer hervor; und platzten schließlich aus dem allzu engen Korsett. Kaum hatte unser Star das Zeitliche gesegnet, trat der Mythos nahezu gebieterisch in ein Licht. Der ungewöhnliche Mensch, ein Star: geriet nun außergewöhnlich – überlebensgroß eben. Geheimnisvoller denn je umrankten fortan Märchen und Anekdoten den Helden, und auch die Band, der er den prächtigen Namen Queen nebst passendem Logo verlieh, stand jetzt unter einem sehr  viel helleren Stern, der trotz zunehmender Entfernung immer stärker strahlt und die gesungenen Worte des Magiers, in zeitlose Klänge gehüllt, begründen weitere Mythen, die plötzlich wie von selbst ins Bild passen, sich der Legende fügen, die jener ganz aus sich selbst schuf. Wie bei einer Raupe eben. Dem Flügellosen, aber zum Fliegen geborenen, sich darin recht eigentlich erst erfüllenden, ja vollendenden Wesen. Die geheimnisvolle Verwandlung gleicht immer einem Märchen, wie alle Wunder dieser Welt, und es mutet seltsam an, das erst die Erinnerung vermag, der Gegenwart den Zauber des Unvergänglichen zu öffnen.

Um ein solches Märchen, kaum ausgeträumt, soll es auch im Folgenden gehen.

I.

Träume fallen nicht vom Himmel. Sie werden im Herzen geboren und winden sich, gleich kühnen Ranken, an steilen Mauern keck und kühn, wendig und verwegen empor: zur Sonne, zum Licht; doch stet in Wurzelschwerer Erde gründend. Mit jedem weiteren Schwung greift die kecke Kletterpflanze um sich, dergestalt schon recht bald einen transparenten Teppich bildend, der prächtig in der Fläche prunkt und immer neue schöne Blüten treibt. Das alles spielt sich auf nackten Stein, an der reinen Oberfläche ab. Mit einem kurzen, flüchtigen Blick erfasst man den dekorativen Reigen, im vorüber eilen – im Nu. Damit sei, in allegorischer Kürze, eine Kunst des schönen Scheins angedeutet, um die es unserem Helden bestellt blieb, von Anfang an. Freddies ´Girlanden´ schossen allerdings nicht über Nacht in kühne Höhen. Im Gegenteil. Queen waren keine Senkrechtstarter. 1970 aus einer eher mittelprächtigen Combo namens Smile hervorgegangen, verharrte das zukünftige Flaggschiff kommerziellen Rocks, nunmehr namentlich zur Queen gekrönt, anfangs in ziemlicher, zäher Reserve. Sehr im Unterschied zu fast allen Thronanwärtern des Genres hielt man sich vor allem mit Auftritten merklich zurück. 1972 nahm die Band endlich ihr erstes Album auf, verzichtete aber auf eine obligatorische Tournee und trat insgesamt nur fünf Mal vor Publikum auf (einmal vor lausigen sechs Personen). Umso intensiver widmeten sie sich die Musiker dem Songwriting und der Studioarbeit. Hier war das Glück auf ihrer Seite. DeLane Lea hatte ihnen, zwecks Testung neuen Equipments, den gesamten Aufnahmepool überlassen, was der Band die Möglichkeit verschaffte, praktisch rund um die Uhr zu proben und Demo-Aufnahmen einzuspielen. Ein Luxus, der einem Newcomer üblicherweise verwehrt bleibt. Schon mit den Takes zum zweiten Album beschäftigt, blieben Auftritte immer noch rar, doch fanden 1973 bereits etliche im Fernsehen statt. Im Vorprogramm von Mott the Hoople gingen die Queens dann, gegen Ende des Jahres, endlich auf eine kleine Tournee. Darüber ist wenig bekannt. Die Debütsingle verschwand mangels Promotion sang, – und klanglos in der Versenkung. Auch das erste Album floppte. Kaum veröffentlicht, stemmten die Queens dann bereits das nächste. Es erschien im März 1974. Und erreichte Platz Fünf in den UK-Charts. 

Die erste Platte zeugte noch von mangelnder Einheitlichkeit, wiewohl sie alles andere als beliebig klang. Was sie enthielt, pendelte stilistisch recht unentschieden zwischen Glam, – und Artrock hin und her, den damals tonangebenden Trends auf dem Plattenmarkt. Gewisse Anleihen bei Led Zeppelin und Uriah Heep blieben notorisch und hielten sich in Resten bis zum vierten Album. Freddie kam anfangs, als Sänger, eher zartbesaitet herüber. Trotz allen Temperaments schien er mehr zu schwelgen, als das er schon röhrte, doch bereits mit jenem verführerischen Schmelz in der Stimme, der wie Zucker abträufelt. Mitunter bat ein feiner Dandy zu Tisch, meist aber dürstete sich eine hinreißend schmetternde oder herzhaft hauchende Diva durch´s eklektische Repertoire; mitunter huschte ein seidener Faun durch die Kulissen: eine schwüle, nicht selten schwülstige Stimmung verbreitend. Die Musik, seltsam zwiespältig, glich noch einer fiebernden, tropisch anmutenden Litanei; wirkte insgesamt fast wie ein Narkotikum. Solcherlei morbiden, irgendwie schemenhaften Zauber erreichten die vier danach nie wieder, er hätte sich auch kaum mit ihren kommerziellen Ambitionen gedeckt. Vor allem Freddie protzte damals bereits, dass sich die Balken bogen, und er meinte es ernst damit. Ob das in seiner Zeit vor Queen, bei den ersten beiden Bands, auch schon so war?

Auf dem Debut jedenfalls suchte und fand sich schon, was in Ansätzen aufeinander hin deutete. Die Stories hinter den Nummern kamen zum Teil noch im versponnenen Fantasy-Style daher, unsicher tastend, aber schon voller Manierismen nebst blasierter, sehr britischer Attitüden. Die buntscheckige Melange beeindruckte bereits, weil sie mit Einfällen und Überraschungen nicht geizte. So waren die frühen Queen noch ein echter Wechselbalg und ihr Sänger trieb das Spielchen rasch auf die Spitze, indem er der Verwirrung auch im Äußeren entsprach, mit dem zu spielen der eitle Geck nie müde wurde.

Das war im Übrigen sehr zeitgemäß. Bunt und glitzernd, androgyn und artifiziell gaben sich die neuen Thronanwärter, die David Bowie oder Elton John, Peter Gabriel und zahllose weitere, deren schräge Kostümierungen in der Nachfolge Mick Jaggers dessen eitle Marotten noch auf die Spitze trieben, und eine Band namens Kiss, noch nicht rundumvertäfelt, stand auch schon unruhig in der Warteschleife: in halbleeren Clubs und Kaschemmen kumulierte bereits das Kalkül einer vorweggenommenen Make-Up-Orgie. Kommerz und Selbstbefreiung reichten einander auch hier die Hand. Über derlei halbgare, spielerische Anfänge mag heute, wo Ansätze solcherlei Art längst den öden Mainstream bedienen, lachen wer will. Er übersieht, dass jedem Anfang ein ganz eigener Zauber inne wohnt. Der auch schnell in sein Gegenteil umschlagen kann. Das Spiel mit dem Geschlecht und den jeweils wechselnden, meist ziemlich abgefahrenen, vor allem aufgedonnerten Verkörperungen erregte damals bei den Älteren ziemlichen Unmut und eine Art Schwindel bei denen, die sich, narzisstisch bis in die letzte Pore, an Leib und Seele von der vermeintlichen Freiheit, die auf Freizügigkeit gründete, berauschen ließen. Dies berührte empfindlich auch die eigene, immer schwankende Identität. Mancher verlor sich im Rausch der Drogen. Die natürlich alles nur noch schlimmer machten. Bowie reagierte zunehmend psychotisch, und auch Peter Gabriel brauchte anschließend ein ganzes Jahrzehnt, um dem verwirrenden Teufelskreis mittels dauernder Therapie irgendwie entwischen zu können. Das man nicht ungestraft mit Identitäten spielt ging denen, die nur auf mühseligen Umwegen zu sich selbst zurückfanden, spät und schmerzlich auf; heute wird wieder, unbekümmerter denn je, die Lust am Laster solcherlei Art auf die Spitze getrieben.

Freddie tat dies aus Leidenschaft – und aus Kalkül. So hielt er es ein Leben lang. Das Publikum war anfangs eher zweigeteilt. Äußerlichkeiten spielten dann entweder kaum eine Rolle oder jede, die sich nur bot. Fransen-Jeans und T-Shirt oder die Bordürenbestickte XXL-Schlaghose passend zum glitzernden Rüschenhemd, dazu Megaboots, wie sie heute nur Transen und Schwuchteln zu passenden Anlässen tragen: beides war in der ersten Hälfte der Siebziger en vogue. Zum betont affektierten Gehabe des Glamrock kontrastierte die dauerhaft lässige Attitüde der Progressiven, deren Protagonisten jeden Auftritt wie eine beiläufige Bandprobe abspulten und sich um´s Publikum gar nicht scherten Hier blieb äußerlich alles recht überschaubar, während die Paradiesvögel vom Schlage Mercurys ihr Outfit mit jeder neuen Darbietung auswechselten: als wahllos sich wandelnde, unruhig zwischen den Gestalten hin und her wechselnde Poser, die ihre leibliche Hülle zunehmend bausch aufplusterten und damit, wie im Zeitalter des Barock, prunkten und prahlten. Die Gewänder variierten. Unentwegt. Der Augenschmerz verfing. Jeder noch so peinliche Fummel wurde, nahezu lüstern, einem gärenden Publikum vorgeführt. Fein säuberlich aufgeputzt, meist umso blähbrünstiger aufgemotzt: kein Glamrocker kam ohne aus. Wer das heute als lächerlich empfindet, wird mit den Exaltismen des Christopher Street Spektakels auch wenig anfangen können.

Die egomane Selbstbespiegelung wurde, wie bereits angedeutet, von den Alten als Provokation empfunden, als dekadent und anmaßend, vulgär und abstoßend, doch war sie insgesamt sehr zeitgemäß. Und schöpfte aus alten, recht abgestandenen Krügen. Bezeichnend bleibt, dass jenseits historischer Anleihen frisch und unverbraucht wirkte, was leicht als ´Renaissance´ erkannt werden konnte, obschon die ältere Generation zwecks ´Selbstverteidigung´ gerade dazu weder fähig noch willens war. Auf ein verschrecktes, noch immer an leitender Stelle tätiges Personal wirkte das ´Recycling´ gefährlich neu. Aber so dachten und empfanden die Altvorderen stets und ständig, wiewohl in früheren Zeiten Innovationen auf urbane Zentren beschränkt blieben und nie global und im Sekundentakt ausuferten. Man brauchte im Grunde nur bis in die goldenen Zwanziger zurück gehen, um einem ähnlichen Übermut optischer Blasiertheit zu begegnen, denken wir nur an Josephine Baker, die im spärlichen Bananenkostüm über die Bühne hopste oder schlängelte und damit schon Skandale auslöste. Freilich: die Geschlechter konnte man vor neunzig Jahren noch immer, trotz Bubikopf und halbierter Rocklänge, ganz mühelos auseinander halten. Ausladende Perücken und Kniebundhöschen, wie sie noch der alte Fritz trug, verschwanden Anfang des 19. Jahrhunderts nahezu über Nacht, wie denn Bärte und lange Haare bei jungen Männern spätestens im Anschluss an den ersten Weltkrieg vollständig ausgedient hatten. Schnell geriet so in Vergessenheit, dass in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die heranwachsenden Söhne des gehobenen Bildungsbürgertums trotz Frack und Mörderkragen wie selbstverständlich Matte trugen. Betrachten sie sich etwa die Jugendbildnisse Friedrich Nietzsches oder Rudolf Steiners. Als Kinder zog man sie noch wie Mädchen an. Rilke lässt, sehr stellvertretend, grüßen. 

Womöglich geriete die optische Ausgelassenheit unserer Schwulen, – und Lesben Events ohne die Starthilfe des schrägen Glamrock, dem sich auch die Queens eine Weile zur Verfügung stellten, heute sehr viel weniger exzessiv. Noch in den frühen deutschen Hitparaden-Folgen überrascht das grellbunte Outfit seiner Protagonisten. Anno 75 kam dann auch die Rocky Horror Picture Show groß raus. Dies alles war aber, trotz äußerlicher Entsprechungen, kein Retro, wiewohl der auffallend ungestüme Überschwang dekadenter Dekaden verblichener Epochen, die weit zurück reichen, sogar im Ideellen den uns sehr viel näher stehenden Ausgeburten ähnelte. Ob sich die Helden dessen bewusst waren, bleibe dahingestellt. Dazu darf später noch einiges mehr erzählt werden. Jedenfalls zahlte sich die Masche rasch aus und Mercury schwamm auf der absatzträchtigen Welle übereifrig mit. Er tat anfangs überhaupt alles, um irgendwie aufzufallen. Von der angestrengt stolzierenden, umständlich bis spärlich kostümierten Glimmer-Tunte zum schweißtreibenden, straight und tough agierenden Frontman-Athleten der 80er war es ein ziemlicher, wiewohl folgerichtiger Weg. Es gab ja so viel auszuprobieren. Mühelos mutierte Mercury in den Siebzigern von einer Bienenkönigin  zur jeweils nächsten, und jede blähte sich bis zum Platzen: überzogener und kackdreister als all die anderen. Zahlreiche ziemlich verschwuchtelte Kostüme verschafften Freddie, jenseits der Hymnen und Schlachtengesänge, die bald schon ganze Stadien beschallten, eine Aufmerksamkeit, nach der er sich verzehrte, und weil es eben sehr, sehr ´in´ war, wie eine aufgetakelte Monstranz zu posieren, bemühte er dieselbe in zig Varianten. Der hautenge Strampelanzug, Karovertäfelt, ist heute längst Kult. Freiwillig schlüpft ein Hetero da ohnehin nicht rein. Ich glaube, damit täten sich auch unsere Transgender-Apologeten ein klein wenig schwer.

Schwulsein war in den Siebzigern ein echtes, zäh und verbissen ausgetragenes Politikum. Es ist die Zeit, als Bowie sein ruinöses Spiel mit der eigenen geschlechtlichen Verzerrung als Ziggy Stardust beginnt um fast daran zu zerbrechen. Homosexualität, noch wenige Jahre zuvor eine  strafbare Handlung im Königreich, konnte überhaupt erst jetzt halbwegs offen ausgelebt werden. Da pladderte also etwas aus dem sehr eng geschnürten Korsett, und wie immer in Zeiten, die einer sittlichen Befreiung bei gleichzeitiger sinnlicher Enthemmung Tür und Tor öffnen, geriet die Emanzipation zur durch geknallten Exhibitions-Orgie. Mercury lernte, damit umzugehen. Sein nüchterner Realitätssinn bewahrte ihn vor jeder allzu ausufernden Morbidität. Im Grunde war der 70er Glamrock das passende Vehikel für einen wie ihn, die Ursuppe sozusagen, in der die Keimzelle Queen vorzüglich gedieh. Und es spricht für diese Band, dass sie kaum eine der kleinlich gezogenen Grenzen akzeptierte, die sich auf dem wachsenden Markt bereits abzeichneten. Das hätte Mercurys Ruhmessucht, der Anbetung, auf die er aus war, nur im Wege gestanden. Er spielte fortan ganz unbekümmert mit fast allen Modetrends und Stilrichtungen, die in der Dekade das Geschäft belebten. Vereinsmeierei und Nischen-Klüngel, Puristerei und Genre-Enge ließen sich nicht mit seinem Traum von kosmopolitischer Eroberung immer neuer Konsumentenkreise vereinen. Er war gerade hier nicht kleinlich und erkannte, dass die Kompassnadel seines königlichen Flagschiffs in alle Himmelsrichtungen ausschlug. Queen funktionierten rasch Massenkompatibel, Genre,- und Generationen übergreifend. Nahezu alles an willfährigen Einfällen, an Modekicks und Zeitgeistschnurren vereinnahmten die Rock-Monarchen, vor keiner Neuerung schreckten sie zurück, und am Ende klang alles doch nach Queen pur. Wohltuende Kontraste und erfrischende Wechsel wogen im Laufe der Jahre immer mehr. Ob Funk oder Disco, Folk oder Rockabilly: sämtliche Ableger des Rock kamen in Frage und einzig harscher Metal oder fieser Punk fielen durch´s grob geflochtene Sieb. Der Zugriff geriet auch symbiotisch. Das Ergebnis wirkte selten anbiedernd. Effekte zählten zwar zur Visitenkarte dieser Band, aber die war nicht der einzige Trumpf, den sie im Ärmel hielten. Jenseits der geblähten Kulissen stellten die Queens ein sehr sorgfältig und solide arbeitendes Team dar: verlässlich und einander im gegenseitigen Einvernehmen verbunden. Zwar stritt man oft, aber man zerstritt sich nie. Sie blieben bis zum Schluss zusammen; allen Eskapaden und Extravaganzen ihres charismatischen Vorturners zum Trotz. Vertrauen bildete die Grundlage, auf der man bauen konnte. Ein mit den Jahren aus dem Leim platzender Showrummel brachte das Fundament nicht zum wanken, geschweige denn einstürzen. Mit zunehmendem Erfolg wuchsen die vier immer enger zusammen, und wie bei einer echten Ehe flogen dann umso häufiger die Fetzen, was die Streithähne nur zusätzlich zusammenschweißte. Bei Queen wurde bis zum bitteren Ende niemand ausgewechselt. Keiner trennte sich freiwillig von der ´Familie´. Dazu Freddie, gewohnt ironisch:“ Diesen Job zu machen ist wie Hausfrau sein. Ich stehe jeden Tag auf und habe Unmengen von Hausarbeiten zu tun. Es ist wirklich nicht sehr spektakulär.“ Die Banalität war ihm aber nur Mittel zum Zweck; eine Gewohnheit, der er sich aus Kalkül unterwarf. Die anderen halfen mit. So konnte er hinterher, bei den Auftritten, freudig und kontrolliert, gespannt und unendlich gelöst aus sich heraus gehen. Je kompakter die Songs gerieten, umso ausufernder vollzog sich der Bühnenrummel. Mit den einprägsamen Hymnen harmonierte die Gefallsucht, und seine Fans, nicht minder eitel, ließen sich mitreißen. Es war die Zeit, als Bands wie Yes oder ELP, Genesis und Pink Floyd, Led Zeppelin oder Deep Purple ihre Tourneen immer aufwändiger gestalteten und zu den ersten Super-Shows werden ließen, die heute zusätzlich digital ausgemotzt werden; bis zum ersticken.

Doch zurück zu Freddie und seinen Freunden. Es gehört zu den seltenen Glücksfällen in der Geschichte moderner Unterhaltungsmusik, wenn zwei Typen sich wirklich finden und gemeinsam an einem Garn spinnen, dessen farbenfrohe und filigrane Muster ständig variieren. Oft ist einer von beiden der Sänger. Wer dächte da nicht sofort an das Duo Jagger/Richards, oder an Jon Anderson und Steve Howe von Yes, welch letzterer der Esoterik des ersteren oft gewisse Zügel anlegen musste, was nie ohne Verstimmung blieb. Bei den Doors konnte sich der genialisch zerrissene Jim Morrison immer auf den älteren, ruhigeren Ray Manzarek verlassen. Dessen burlesker, quirlig bis quälend plärrender Orgelklang hielt die assoziativen Eskapaden des ´lärmenden Engels´ in Acht und Bann, spornte ihn aber auch an, trieb ihn immer höher, ständig weiter – endlich mit sich fort. Auf ähnliche Weise ergänzten sich Brian May und Freddie Mercury. Die Gitarre bewahrte einerseits durch direkte, schnörkellos und schmissig, ja schneidig reitende Attacken (Riffs) Mercurys Phantasien davor, in pure Tändelei, in allzu künstlich-sterile, seicht und schaumig spülende, ölig dahinplätschernde Fahrwasser abzugleiten, andererseits betonte Mays Klampfe, wenn nötig, mittels melodiöser, oft verspielter, fast tänzerischer und Spinett-artiger Akzente die gewinnenden Launen des Meisters; als grazile, zartsinnige, elegant und formvollendet tönende Ergänzung. Der harte, kompromisslose Rock, den der Virtuose vor allem kultivierte, spornte den sensiblen, feinnervigen Sänger umso direkter an und befreite den typischen Queen-Sound von der verspielten Unbestimmtheit ihrer Anfänge, mit der Freddie sowohl optisch als auch akustisch weiter spielte, auch dann noch, als die Band bereits zur Höchstleistung auflief. Beides gehörte dazu, und beides ergänzte sich mit den Jahren immer vorzüglicher; stimmiger. May streckte den exzessiven Farbenrausch, wo dieser aus dem Rahmen zu pladdern drohte; er kitzelte aber auch ganz fein geschwungene Pinselstriche auf die überlebensgroße Leinwand. Das rhythmische Fundament – Deacons solider Bass und Taylors konzentrierte Schießbude – schuf einen kompakten, grundsoliden Boden. Der Erfolg gab allen Recht und bot Mercury Gelegenheit zu verwirklichen, was seiner Geltungssucht entsprach. Der unauffällige May war es zufrieden. Beide schöpften stilistisch aus dem Vollen und einer sehr reichen, überbordenden Vergangenheit. Sowohl künstlerisch als auch in puncto Selbstverständnis bot diese die passenden Vorbilder.

Freddie Mercury begriff sich und sein Leben als Gesamtkunstwerk. Das muss man verstanden haben, will man diesen Menschen besser verstehen. Allen flapsigen Bemerkungen zum Trotz, mittels derer der Interviewmuffel bewusst falsche Fährten legte, indem er etliches durch den Kakao zog, nahm er diesen einen Auftrag wirklich ernst: er wollte, auf ganz eigene Weise, der Größte werden. So banal das im ersten Moment auch klingen mag: es mindert Mercurys natürlichen Adel nur in Ansätzen. Er bewahrte sich stets eine gewisse Ironie, die den Getriebenen wiederum vor jener Morbidität bewahrte, der allzu viele Mitstreiter allzu rasch erlagen. Den Aufstieg plante unser Held eiskalt und mit Bedacht. Und blieb dabei ungebrochen ungeduldig, unruhig – unbefriedigt. Am Monument seiner selbst hat er folglich bis zum Schluss unermüdlich gearbeitet, mit viel Liebe zum Detail und zur verführerischen Facette, und die Besessenheit, mit der er insgesamt zu Werke ging war das einzige Fatum, dem er sich ohne Abstriche unterwarf. Die Gegenwart in dauernder Verbindlichkeit genießen können, diesseitig bis zur Verklärung: darum ging es ihm im Ergebnis, danach richtete er sich zeitlebens aus. Mitunter manisch; bis zum Exzess. Und da die Bemühungen der Queens stets von Erfolg gekrönt blieben, gab dieser Erfolg am Ende allen recht.

Freddies Lebensführung blieb wesentlich vom Lebensstil geprägt. Wie in der Arbeit als Sänger, Performer und Komponist, so hatte er auch hier Vorläufer, die ihm als Vorbilder zum Teil auch optisch überzeugend ähnelten. Deren ästhetische Maximen korrespondierten mit den seinen auf recht stimmige Weise; zum Teil, wie wir noch sehen werden, bis in feinste Nuancen hinein. Dabei ist es müßig zu fragen, ob er sich dessen im Einzelnen bewusst war oder nicht, ob er diese Menschen überhaupt kannte, sogar studiert oder bloß in Resten sich und seinem Werk dienstbar gemacht hat. Mehr reizt der Gedanke, dass einer wie Freddie schon vom Typus her den ´Altvorderen´ entsprach, als lebendige Gestalt, die so ein sehr vornehmes und überreiches Erbe antrat und verspielte. Instinktsicher und unerschrocken wie diese, wähnte er sich auf einer kurzen, schnellen Reise, die der lästigen Durststrecken und öden Ansichten nach Möglichkeit entbehrte, indem sie sich über derlei lästige Hindernisse nach Möglichkeit selbstherrlich hinwegsetzte, sozusagen: darüber fort brauste.

Wiewohl Perser von Geblüt und dem altehrwürdigen Zoroastrismus als einer winzigen, aber bedeutenden Glaubensgemeinschaft qua Geburt verbunden, gehörte Mercury doch im Grunde in die Kunst, – und Geistesgeschichte des modernen Europa. Es sind wohl die eher kurzatmigen, späten Blüten, etwa eines Rokoko und Jugendstil, des vielgeschmähten Verismo der italienischen Oper oder der noch viel geringer geachteten, im Grunde bis heute abschätzig bedachten Welt der Operette, denen er mehr als nur äußere, knisternde Effekte dankt. Doch auch die ´großen´ Epochen kommen irgendwie zum Zuge. Etwa der vor allem in Deutschland stark zur Geltung gelangte Klassizismus mit seinem Hang zur großen Gebärde, zum Monumentalismus, zur blähbrünstigen Stilisierung: trifft sich trefflich mit dem Bombast, den die Stadionrocker gar nicht weit genug auf die Spitze treiben konnten. Wie denn die problematische Gründerzeit, mit ihren gewaltsamen Mammutprojekten und Fassendhaften Übertrumpfungen, deren Glanz mehr schriller Schein blieb, schon auf die Masse Mensch zielte, der zu schmeicheln und zu gefallen unserm Helden selbst gefiel. Freddie liebte den großspurigen Überwältigungseffekt so sehr wie die zerbrechlichen Kostbarkeiten im Kleinen, und beides fand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fraglos zueinander und verdarb jeden ganzheitlich gründenden, auf Form und Haltung achtenden Geschmack. Dennoch imponieren, schaut man nach Großberlin, bis heute die eklektischen Ungeheuer, die dabei auf architektonischen Felde herauskamen.

In Freddies persönlichsten Liedern tönen freilich, unüberhörbar, eher die Dekaden des Verfalls, der hemmungslosen Dekadenz an. Die Essenzen dieser Kunst sickerten ohnedies entlang quirliger Seitenarme wie schäumende Bäche ins 20. Jahrhundert hinein, wo sie auf fruchtbare Nährböden oder bereits reißende Ströme stießen. Es war vor allem die Welt des Musical, der Charme zwielichtiger, schwüler Varietees und das zu Beginn des Jahrhunderts häufig Skandalumwitterte Ballett, von denen sich unser Star, ein Bewunderer Liza Minellis, unwiderstehlich angezogen fühlte, und deren schlüpfrige, erotisierende Exotik er in seinen eigenen Verkleidungen und Zurschaustellungen immer wieder so galant wie lüstern heraufbeschwor. Dazu später mehr.

Weltanschaulich wurzelt sein vieldeutiges, widersprüchliches Wesen tief im Weltschmerz Byronscher Prägung, dessen Abgründe er, wie dieser selbst, durch exzessive Sinnenfreude und ungebrochene, alle Transzendenz negierende Diesseitigkeit milderte, ohne den Zwiespalt als solchen je überwinden zu können. Mit der Person des großen englischen Dichters verbinden ihn, abzüglich frappierender äußerlicher Ähnlichkeiten, mehr als nur dessen sattsam bekannte sexuelle Eskapaden einschließlich der damals noch unter strenger Zuchthausstrafe stehenden Homosexualität. „Der wesentliche Sinn des Lebens,“ erklärte Byron,“ ist Gefühl. Zu fühlen, dass wir sind, und sei es durch den Schmerz.“ Denn:“ Es ist die sehnsuchtsvolle Leere, die uns dazu treibt zu spielen, zu kämpfen, zu reisen, zum leidenschaftlichen Tun.“ Der Lord misstraute der peniblen gedanklichen Schürfarbeit gelehrter Zünfte und zog besagten, durch ihn begründeten Weltschmerz einer Versessenheit vor, die nichts Wirkliches greift und also nur Staub und Stickluft zeitigt. Byron nahm einen anderen Weg. Die Bildungserlebnisse seiner Reisen kommen ohne gedanklichen Ballast aus und verlieren sich in hemmungsloser Hingabe an diesseitige, kurz und intensiv durchlebte Momente. Er wusste sie hinreißend wortgewaltig abzubilden, doch ohne jeden Bildungsbürgerlichen Reflex, der nur verdarb, was leidig ohne auskam. Auch solche Menschen haben eine ´Philosophie´. Dieselbe gründet ausschließlich in reiner, ruchlos bis zur Neige durchexerzierter Lebensbejahung. Ein solches Leben aber, bis auf´s Äußerste gereizt, funkelt in der Vielfalt seiner Erscheinungen umso verführerischer. Byron sog in einem kurzen Leben gierig in sich auf, was seinem verwöhnten Geschmack entsprach. Er hielt sich nicht mit den üblichen Wegzehrungen auf. Sein Tisch war stets reich gedeckt.

Solchen Geistern kann Kunst nichts Ewiges, die Zeiten Überdauerndes sein oder werden. Sie ist ein Abfallprodukt, aber ein herrliches. So betört selbst der nach Kranzlegung schon bröckelnde Putz, von der herrschaftlichen, Überlebensgroßen Fassade herab rieselnd wie Glitzer: um darob nur noch mit Füßen getreten zu werden. Darin kommt keine Undankbarkeit, nicht einmal Ignoranz zum Ausdruck. Kraft einer heftigen, rasch auf die Spitze getriebenen sinnlichen Erregung, die über jeden bloßen, blassen Gedanken triumphiert, ganz Ausdruck des allmächtigen, oft auch hinreißend ohnmächtigen Gefühls, bedarf ein solcher Mensch keiner Denkmäler oder Repräsentanzen mehr. Er kann den Atem ihres Verfalls, ihr Ruinenhaftes, Erstarrtes auf einen lässigen Blick hin ermessen, ohne auch nur den bloßen Grundriss nachmessen zu müssen. Ihm wird alles Lebendige, einmal und gründlich erfasst, schnell zum Abfallprodukt. Byron wusste seine Gefühle, die ganze innere Erregung, die ihn trieb, bis zu einer sehr reinen, sehr sinnlichen Anschauung auszureizen, aufzubäumen, eben: auf die schnelle Spitze zu treiben. Solches zeitigte die sehnlichst erwünschten Erschütterungen, deren Intensität natürlich mit den Jahren zwangsweise abnimmt – abnutzt. Innig durchlebten Erfahrungen eignet nun einmal, dass sie an der Substanz zehren. Wie Mercury schätzte auch Byron das Alter überhaupt nicht. Der stolze Adelige machte keinen Hehl daraus, den Unbilden der Reife beizeiten, also: rechtzeitig zu widerstehen. Auch er war schließlich bereit, sein Leben im passenden Moment einfach hinzugeben, wegzuwerfen, und als es so weit war, weinte er ihm keine Träne hinterher.“ Exzess ist Teil meiner Natur. Langeweile ist eine Krankheit.“ Meinte der Sänger. Byron:“ Vergnügen ist das einzige, wofür man leben sollte. Nichts macht so alt wie das Glück.“ Was aber unter dieser schillernden Metapher namens Glück wirklich zu verstehen sei, befreit man sie konsequent von trügerischer Transzendenz und wehleidigem Wunschdenken, hat wiederum Mercury ganz klar gemacht; ironisch, wie es seine Art war:“ Wenn ich glücklich bin, zeigt sich das in meiner Arbeit. Ich will glücklich sein, viel Geld verdienen und viel einkaufen, vor allem in Wien.“ Noch eine Nummer größer:“ Darling, ich schwimme einfach in Geld. Es mag sich vulgär anhören, aber es ist wunderbar! Alles was ich vom Leben will, ist viel Geld zu machen und es auszugeben.“ Nimm mit, was du überhaupt kriegen kannst, schon morgen kann es zu spät sein. Ein so empfundenes Glück, das nur berauscht und nicht bewahrt, will uns vielleicht zu dürftig, zu billig scheinen. Es wäre auch, für sich genommen, nichts als plumpe Oberflächlichkeit, die so den sattsam bekannten, Massenkompatiblen Konsumismus unserer Tage spiegelt. Da schmeckt schnell schal, was im routinierten Vollzug nur Banalität, schale Alltäglichkeit zeitigt. Freddie nahm derlei Tendenzen fraglos forsch und frech vorweg, er bereitete ihnen, zehnmal höher stehend, den Weg: und blieb doch, in der kultivierten, überkandidelten Umsetzung den Epigonen, dem ´Volk´,  haushoch überlegen. Das hing auch mit den Stilisierungsenergien zusammen, die er mühelos mobilisierte und deren Wucht ihn von der breiten Masse entfernte, deren Anbetung ihm schmeichelte.

Wie kaum ein anderer hat er die Mittel und Möglichkeiten theatralischer Exaltation durch dekliniert. Im Grunde war auch dies nur ein Spiel. Jeder Ernst tötet. Die übertriebenen Verrenkungen und wahllos zerstreuenden Effekthaschereien unserer Tage animieren nicht minder zu ständiger Aufgeregtheit, ausdauernd die gute Laune reizend, bis an den Rand der Hysterie. Immer schneller verbraucht sich so die angestrengte Gebärde selbst. Sie muss ja ständig übertroffen oder hintertrieben werden, bis zur Groteske. Lady Gaga oder Conchita Wurst hätten Freddie gefallen, und an den Möglichkeiten moderner, digital geblähter Konzert-Illusionistik wäre einer wie er nicht vorbeigegangen, das wäre die rechte Spielwiese für ihn gewesen. Ganz großes Kino sozusagen, zu dem er niemals nein sagte. Er wäre diesem Illusionstheater aber auch zum Opfer gefallen, weil es den Einzelnen unfehlbar zum Statisten degradiert. Schon seinerzeit lief der ´Betrieb´ auf Hochtouren, aber es blieben eben, in letzter Selbstbehauptung,  ganz konkrete, aus analogen Verhältnissen stammende Menschen, die über die begleitende Dramaturgie entschieden, die dem Zauber des Moments verpflichtet bleibt, ihn immerzu herauf beschwört; nicht umgekehrt. Der geniale Showman war immer mehr als das begleitende Spektakel technischer Perfektion hergab, auch wenn einen hier die Nostalgie ein wenig narren mag. Bei all den heuer heftig angestachelten Gefühlen, ´Glücksgefühlen´, die das Geschäft am Fließband produziert und in der passenden Verpackung ausspuckt: die anschließende Leere kann längst kaum größer mehr sein. Mit Freddie und Konsorten kündigte sich der Ausverkauf zwar schon an, insofern muss man auch dieser ´Verwandtschaft´ Rechnung tragen. Nicht minder nahm die Schätzung des Äußerlichen, von ihm oft auf die Spitze getrieben, bereits recht unerhörte Züge an. Doch seltsam uniform und Einfallslos nehmen sich gegenwärtig, ein Beispiel, die meisten Herren der Schöpfung aus: den Bart sorgsam getrimmt, tragen sie die Haare schon wieder brav abgestutzt und mit viel Gel verwurschtelt, und der Rest ihrer Erscheinung verschwindet in einer seltsam öden, muffigmatten Einheitskluft. Damit ähneln sie mehr dem späten, schon gesundheitlich angeschlagenen Mercury als seinem Alter Ego. Freilich: wird gleichsam erkenntlich, wie sehr sich der perfekt durchgestylte Dutzendmensch von heute bereits den Idealen der Digitalwelt anbiedert, deren Geschöpfe ihm nahezu karikaturenhaft ähneln.

Doch zurück zur kunstgeschichtlichen Genealogie. Die im Grunde trostlose, traurige Attitüde artifizieller Eigensucht Byronscher Manier verbindet sich mit einem Selbstverständnis, das noch im Übergang von der Romantik hin zum Realismus die etwas Kühneren unter den Traumtänzern beflügelte; eine kulturelle Entfaltung begünstigend, deren Glanz früh verblasste. Gewiss war auch diese Auffassung vom Leben, wollte sie Stilbildend wirken, abhängig von Konjunkturen; den jeweils begünstigenden Begleitumständen. Die entsprechenden Eingebungen sind oft Regungen geschuldet, deren Konvulsionen in der überlieferten Kulturgeschichte der Menschheit jäh, nahezu unvermittelt hervorbrechen; wie ein bloßer Gedankenblitz, der aus dem Nichts zu kommen scheint und folgerichtig wieder dort verzischt. Vielleicht sind es auch geheime, verborgen gehaltene Quellen, die so noch einmal sprudeln, bevor die Grundfläche endlich versiegelt wird. Da jubiliert etwas Unerhörtes im Gewöhnlichen, und erliegt letzterem so plötzlich, wie es ihm noch einen Augenblick zuvor widersprach. Ein solcher Vorgang brüskiert alles Dagewesene, dessen Ausprägungen nahezu zeitgleich nicht minder geltungsmächtig in Erscheinung treten.

Es kann fast als kulturgeschichtliches Gesetz gelten, dass potente Novitäten auf unnachahmliche Weise bestehende Moden modellieren, und oft hängen deren etliche auf sehr bedeutende Weise direkt miteinander zusammen. Das Grüblerische konkurriert und kohabitiert dann mit der verzückten, fast träumerischen Gedankenlosigkeit, die darum nicht geistlos sein muss. Sie kann auch sehr luzide wirken. Der tragisch zerrissene Nikolaus Lenau, ´deutscher Byron´ und meistvertonter Dichter seiner Zeit, war so eine Modeerscheinung. Er wurde nur wenig älter als unser Held, dem er in jungen Jahren optisch äußerst ähnlich war, und starb gleichsam einen qualvollen Tod. Seine Art zu leben, immer ruhelos und ständig auf der Flucht, auf großem Fuß und im Stil eines verwöhnten Günstlings: war ein literarisches, seinerzeit sehr gegenwärtiges Ereignis und doch bereits von gestern, wiewohl man ihn bis zuletzt bewunderte und vergötterte. Überaus aufschlussreich ist, was in diesem Zusammenhang der österreichische Universalhistoriker Egon Friedell (1878-1938) über das kurze Zeitalter des Rokoko in seiner zweibändigen Kulturgeschichte der Menschheit schrieb, deren Essenzen hier immerhin in Auszügen wieder gegeben werden sollen.

„Man wollte sich vor allem um keinen Preis langweilen,“ bemerkt auch dieser Autor ganz salopp. Diese Maxime aber blieb nicht ohne Folgen für das weltanschauliche Gefüge, welches sich der Mensch des Rokoko recht unbekümmert schuf. Konkret: „Man denkt nicht mehr in mühsam getürmten und gegliederten Systemen und schwer schleppenden Schlußketten, sondern in gedrängter, pikanter Polemik, in facettierten Bonmonts… selbst Montesquieu zieht durch seine Lettres Persanes das buntfarbige Band einer lüsternen Haremsgeschichte.“ Sogar Wissenschaft und Philosophie, so belehrt uns Friedell, wollten die neuen Lehrmeister „zu einem erlesenen Reizmittel machen, das man einschlürft wie ein Gaumenkitzelndes Aperitiv.“ Offenbar hatte das vorangegangene Zeitalter des Spätbarock, selbst eine Epoche sinnlicher, allzu derber Befreiung, die passenden Schneisen geschlagen. Die liefen nun immer feingliedriger und komplexer aus. Nicht jedermann schien berufen, hier zu Lustwandeln, wie das damals noch hieß. Jetzt war eine gewisse Oberschicht überhaupt verwöhnt genug, den Kitzel auf die Spitze zu treiben. Diese Günstlinge des Glücks wollten in dauernde Verzückung geraten. Ironischerweise reagierte der dem Rokkoko nachfolgende Klassizismus schon wieder mit mehr Strenge und Formalismus auf so viel kultiviert gelebte Unzucht, die in der künstlerischen Bewältigung verwirrend vielschichtige Ergebnisse zeitigte. Wie dem auch sei: die Einschätzungen Friedells passen, überträgt man sie in unser Zeitalter, nahezu deckungsgleich auf König Freddie und sein Tun und Treiben.“ Man hat nur den einen Wunsch: das Leben zu einem ununterbrochenen Genuss zu machen.“ „Man ist immer amourös, aber nie ernstlich verliebt.“ Noch etwas genauer:“ Man will die Liebe ohne viele Umstände genießen wie ein pikantes Bonbon, das rasch auf der Zunge zergeht, nur dazu bestimmt, durch ein zweites vom anderen Geschmack ersetzt zu werden.“ Man bleibt auch lieber ´solo´ und erspart sich den Alltagsterror komplizierter zwischenmenschlicher Beziehungen oder gar den Muffel einer echten, schnell nervtötenden Familie: „Alles was an Familienleben erinnert rangiert als Mauvais Genre.“ Endlich:“ Im Rokoko galt der Mann, wenn er das 40igste Jahr überschritten hatte, für ausgelebt.“ Erinnert sehr an Mercury. Die Nachricht, sich mit HIV infiziert zu haben, erreichte ihn nach Vollendung des nämlichen Alterspunktes und stellte eine Zäsur insofern dar, als das er nicht länger wild durch sämtliche verfügbaren Betten tobte und mittels begleitender Partys die hektischen Nächte streckte. Bis dahin lebte er wie ein Hasardeur und scherte sich vor allem nicht um eine Zukunft, die ihn dann, als sein eigenes Todesurteil, umso verlässlicher eingeholt hatte und bis zum bitteren Ende schmerzlich begleitete. Das letzte gemeinsame Konzert mit Queen absolvierte der Sänger nur wenige Wochen nach Vollendung des neuen Lebensjahrzehnts. Keiner außer ihm selbst wusste damals, dass es kein Zurück mehr gab.

Über Trdic Shanto 103 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.