Die neue, globale Finanzarchitektur und der Neoliberalismus

BMW, München, Foto: Stefan Groß

Noch einmal zur Politik des billigen Geldes

Die Politik des billigen Geldes besteht darin, dass in großem Umfang von den Zentralbanken Geld gedruckt und zu niedrigsten Zinsen an die Geschäftsbanken verliehen wurde. Die Kreditklemme der Geschäftsbanken durch das Platzen der Immobilienblase wurde bei weitem überkompensiert. Das lässt sich an den niedrigen Zinsen in den wichtigsten europäischen Industrieländern ablesen. Im Grunde wurde damit ein Klima geschaffen, das es Großkonzernen erlaubt ihre Investitionen billiger zu tätigen (aufgrund der niedrigeren Kreditzinsen), so dass die Produktion profitabler wird. Mit der Option dadurch die Exportpreise zu senken. Diese Politik reiht sich also in die angebotsorientierte Politik des Neoliberalismus ein, zu der auch Steuersenkungen für Wohlhabende, Privatisierungen, Lohnkürzungen und Sozialabbau gehören. Es geht darum die eigenen Volkswirtschaften konkurrenzfähiger zu machen, auf Kosten der Schwellenländer sowie Chinas und des Wohlstands der eigenen arbeitenden Bevölkerung.

Die viel beschworenen „Innovationen“ sind global gesehen auch nicht die Lösung des Problems, denn dadurch wird nur Produktion von einem Wirtschaftssektor oder Produkt auf einen anderen oder ein anderes (neues) Produkt umgeschichtet. Statt Festnetztelefonen kaufen die Menschen dann Handys, statt Desktopcomputern Tablets. Für eine Produktion die boomt, muss eine andere schließen. Das Geld im globalen Wirtschaftskreislauf kann nur einmal ausgegeben werden (pro Umlauf).

Das eigentliche Problem ist, dass im Kapitalismus der Wirtschaftskreislauf ständig durch Gewinne ausgedünnt wird, bis schließlich so wenig Kaufkraft verbleibt, dass sich die Gewinne nicht mehr rentabel reinvestieren lassen. Finanzkapital wird „arbeitslos“ und beginnt zu spekulieren. Und Staaten haben sich daran gewöhnt, den Wirtschaftskreislauf immer wieder durch Verschuldung zu puffern, d.h. Geld aus der Blase der Gewinne durch Staatsverschuldung in den Wirtschaftskreislauf zurück zu bringen. Dieses System ist jetzt an seine Grenzen gestoßen. Und es wird dadurch weiter aufrecht erhalten, dass die Zentralbanken die Notenpresse betätigt haben und die Zinsen damit auf Niedrigstniveau gesenkt haben. Das billige Geld hat also zwei Seiteneffekte – also die Effekte, außer den Banken aus der Kreditklemme zu helfen – erstens hat es die Produktion verbilligt und trägt damit zu Exportüberschüssen bei und zweitens erlaubt es weiter Staatsschulden zu machen.

Aber die Kredite, die in den Wirtschaftskreislauf hineingepumpt wurden, müssen ihm ja auch wieder entzogen werden und das Geld endet ja in verschiedenen Positionen, nicht nur bei den Kreditgebern. Salopp gesagt funktioniert diese neoliberale Politik so, dass man sich denkt, was man an billigen Krediten in die eigene Volkswirtschaft hineinpumpt, das holt man bei den anderen wieder heraus. Doch damit die Bilanz stimmt (Gewinne übrig bleiben), müssen andere Länder dafür Geld drucken und damit ihre Währungen abwerten. Das wollen die betroffenen Länder verhindern. Und so wirkt dieses System wie ein riesiger Staubsauger für Rohstoffe, Prostitution, für alles, was beweglich ist, um es an die Industrieländer für den von den Eliten begehrten Luxus und Waffen zu verhökern. Gleichzeitig versuchen Unternehmer das letzte an Lohnsenkungen aus der Arbeitnehmerschaft heraus zu pressen, um die Kredite zurück zahlen zu können und setzten dazu durch Freihandelsabkommen wie dem TTIP die Arbeitnehmerschaft der Welt unmittelbarer Konkurrenz um die niedrigsten Löhne und Standards aus. Und wenn die Rechnung nicht aufgeht, dann fällt dieses System über seine eigenen Füße, indem die Kreditkosten nicht mehr bedient werden können. Eine Krise auf dem Arbeitsmarkt und Kredite müssen durch immer neue Kredite refinanziert werden. Dann muss die Kreditblase immer weiter vergrößert werden, damit sie nicht platzt. Dieses System globaler, wirtschaftlicher Disbalancen würde durch meine neue, globale Finanzarchitektur erheblich abgemildert oder beendet.

Inflation

Das Thema Inflation ist sehr wichtig. Ich habe einmal versuchsweise die beiden völlig unterschiedlichen Wirtschaftsperioden für Deutschland zwischen 1969 und 1978 und zwischen 2004 und 2013 untersucht. Der Mittelwert der realen Wachstumsrate während der ersten Periode, der Boomperiode, ist 3,6% und der der Inflation 4,66%. Die entsprechenden Werte für die zweite Dekade, die mageren Jahre, sind 1,26% und 1,61%. Bildet man nun die Quotienten zwischen realem Wachstum und Inflation, so erhält man 78,3% für die erste Periode und 77,1% für die zweite Periode. Was sich hier andeutet ist, dass wenn man die Perioden lang genug wählt, so dass sich die konjunkturellen Schwankungen wegmitteln und kurz genug, um genügend Perioden vergleichen zu können, dann scheint sich ein sehr konstanter Quotient zwischen realem Wachstum und Inflation zu ergeben. Ich habe die Untersuchung jetzt vervollständigt, indem ich für die Periode von 1979 bis 1988 einen Quotienten von 78,0% gefunden habe und für die Periode von 1989 bis 1998 beträgt der Quotient 89,9%. Die Periode nach der Wiedervereinigung fällt also deutlich heraus, aber für die drei anderen Perioden ist der Quotient sehr konstant.

Das bedeutet, dass Inflation ein geradezu natürlicher Begleitumstand von Wachstum ist. Das ist auch systematisch einsichtig, denn wenn das Geldvolumen vergrößert wird, so dass mehr gekauft werden kann, dann steigen auch die Preise etwas, bis die Produktion „nachgelaufen“ ist. Das ist die einzige Möglichkeit die Wirtschaft global wachsen zu lassen. Und dafür scheint es einen sehr konstanten Quotienten (für Deutschland) zu geben, den ich im Folgenden meinen Überlegungen zu Grunde legen möchte.

Inflation ist ja kein Naturgesetz, sondern kommt durch menschliche Kaufentscheidungen und Angebotsentscheidungen zustande. Insbesondere, wenn das Geld den Armen gegeben wird, werden diese eher mehr verschiedene Güter billig einkaufen, statt für denselben Bedarf mehr aus zu geben. Deshalb ist wohl die „Ausbeute“ an realem Wirtschaftswachstum im Verhältnis zur Inflation während der Periode nach der Wiedervereinigung höher ausgefallen, weil die meisten Menschen in Ostdeutschland eher arm waren.

Zurück zu meiner neuen, globalen Finanzarchitektur

Werden nun 2% des BIP an frischem Geld jedes Jahr gedruckt und an die Armen und Hungernden verteilt, wie ich geschrieben habe, dann passiert folgendes: Ein Teil davon wird in reales Wirtschaftswachstum umgesetzt und ein Teil in Inflation (Entwertung des Geldes). Nun zirkulieren diese 2% mehrmals während eines Jahres im Wirtschaftskreislauf, bis sie in der Blase der Gewinne verschwunden sind. Und jedes mal trägt ein Teil von ihnen zum BIP bei. Ich könnte mir also denken, dass diese 2% zum Beispiel eine Inflation von 5% auslösen und demnach mit dem empirischen Faktor des letzten Abschnitts ein reales Wachstum von 5% * 78% = 3,9%. Das wären also die zu erwartenden oder angestrebten Zahlen für die Weltwirtschaft (zum Vergleich: das globale Wirtschaftswachstum für das Jahr 2015 betrug 2,5%, Quelle: Weltbank). Gibt man zusätzlich die übliche Entwicklungshilfe für Bildung und Gesundheit aus, wären Hunger und Arbeitslosigkeit mit solch einer Rate bald vertrieben. Die Weltwirtschaft würde florieren. Das Problem der kapitalistischen Ökonomie, dass sie heutzutage weltweit Massenarbeitslosigkeit und Elend immer zusammen mit Wohlstand für wenige hervorbringt, wäre überwunden.

In diesem Zusammenhang bringt die neue Architektur zwei Faktoren hervor, die Finanzkapital in Investitionen in die Realwirtschaft treiben. Erstens erzeugen die Druckfazilitäten Kaufkraft, so dass sich Investitionen lohnen. Zweitens schmilzt alles brach liegende Finanzkapital mit 5% pro Jahr ab.

Das treibt das Finanzkapital ebenfalls dahin investiert zu werden (Ich spreche englisch für letzteres vom „Push“-Faktor und und für ersteres vom „Pull“-Faktor). Der positive Seiteneffekt des neuen Systems wäre also auch, dass Schulden mit der maximalen Inflation von 5% abschmelzen würden. Löhne, Gehälter, Sozialhilfe und Renten müssten natürlich regelmäßig an die Inflation angepasst werden. Aber das war ja während der oben untersuchten Boomperiode in Deutschland (mit 4,66% Inflation) auch möglich.

Natürlich gibt es noch andere Produktivfaktoren, als nur das verfügbare Geldvolumen im Wirtschaftskreislauf der Realwirtschaft. Bildung, Technologie, natürliche Ressourcen sind solche Faktoren. Damit das neue System nicht zu einer hohen Inflation führt, muss es behutsam angefahren werden, damit die anderen Faktoren mitwachsen können. Deshalb schlage ich vor auch für die Entwicklungsländer mit 2% des dortigen BIP zu beginnen und dann die Wirkung abzuwarten und gegebenenfalls die Druckfazilitäten später auf 5% des BIP zu erhöhen. Auf jeden Fall muss eine galoppierende Inflation, die aufgrund unterentwickelter Produktivfaktoren eintreten würde, vermieden werden.

 

Den Autor erreichen Sie unter bluewinds44@gmail.com

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