Die neue, globale Finanzarchitektur und die Marxsche Krisentheorie

Stuttgart, Kunstmuseum, Foto: Stefan Groß

Die neue, globale Finanzarchitektur und die Marxsche Krisentheorie

Karl Marx hat eine Rationalisierungskrise des Kapitalismus vorausgesagt. Indem Unternehmen die Produktion durch Einsatz von immer effizienteren Maschinen rationalisieren, wird einerseits der Profit durch die Senkung der Lohnstückkosten zunächst gesteigert (Extraprofit für die rationalisierenden Unternehmen). Aber andererseits, indem dann ganze Branchen immer dieselben Rationalisierungen durchführt, werden Millionen Menschen arbeitslos. Dies entzieht dem Wirtschaftskreislauf die Kaufkraft, so dass alle Unternehmen mehr Profite machen könnten. Der Kapitalismus zieht sich auf diese Weise also selbst den Teppich unter den Füßen weg. Salopp gesagt, wenn 1 Million Arbeiter all das produzieren, was 10 Millionen Arbeiter verbrauchen, wie kann ein solches System funktionieren? Daraus ergibt sich auch der aggressive Drang der Kapitalisten, ständig neue Märkte in anderen Ländern zu erobern.

Zur Rationalisierungskrise

Jedoch meine ich, dass die Zurückweisung der Rationalisierung von Arbeit am entscheidenden Punkt vorbei geht. Wenn nämlich die Produktivitätssteigerungen für die Arbeitnehmerschaft geeignet abgeschöpft werden könnten, dann könnten die Menschen weniger Arbeiten, statt arbeitslos zu werden. Ich bin wirklich nicht erfreut darüber, wenn Arbeiter wieder am Fließband mit Handspritzpistolen die langweilige und harte Arbeit zu tun haben, die Automobile zu lackieren. Nur damit wieder mehr Arbeit da ist. Ich denke, dass die Rationalisierung ein Vorteil ist, wenn sie auf die richtige Weise für die Arbeitnehmerschaft umgesetzt wird.

Wenn der Altbundeskanzler Helmut Schröder gesagt hat: „Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft!“, dann ist das schlichtweg falsch. Natürlich hat die Arbeitnehmerschaft das Recht Produktivitätssteigerungen entweder in mehr Konsum oder in mehr Freizeit umzusetzen. Das waren die zwei Verheißungen der industriellen Revolution. Mit dem heutigen System kontinuierlich hoher Arbeitslosigkeit wachsen vor allem die Konzerngewinne. Wenn es einen Spielraum für die Arbeitnehmerschaft gibt, dann bringt der jetzige Kapitalismus mehr Konsum hervor. Aber das kann durch den Kampf um kürzere Arbeitszeiten geändert werden, wenn dieser globalisiert wird.

Es verbleibt zunächst das Problem kürzere Arbeitszeiten, Arbeitsschutz und andere Sozialstandards innerhalb eines Systems schrankenloser internationaler Konkurrenz der Arbeitnehmer umzusetzen. Dabei verursachen Krise und Boom der Ökonomie für den Arbeitsmarkt unglücklicherweise stets ein antizyklisches Verhalten in Beziehung zu der Chance, den Kampf um kürzere Arbeitszeiten aufzunehmen. Während Phasen der Rezession, wenn die Teilung von Arbeitszeit am dringendsten ist, weil die Jobs knapp sind, hat die Arbeitnehmerschaft nicht die Kraft, um kürzere Arbeitszeiten durchzusetzen. Und während Phasen des Booms, wenn genügend Jobs vorhanden sind, dann wehren sich die Unternehmer gegen die Verkürzung der Arbeitszeit am meisten, weil sie Arbeitskräfte benötigen und die Löhne nicht steigen sollen. Deshalb sollte der Kampf um kürzere Arbeitszeiten trotzdem während einer Boomphase aufgenommen werden, die meine neue, globale Finanzarchitektur hervorbringen würde. Aus diesem Grund muss sich die globale Arbeiterbewegung noch stärker vernetzen. Es muss die klare Strategie der Politik der neuen, globalen Finanzarchitektur sein, Arbeitsschutz, Mindestlöhne, maximale Arbeitszeiten in der WTO umzusetzen. Der Globalisierung der Konzernprofite muss eine Globalisierung der sozialen und ökologischen Standards entgegengesetzt werden. Sozialabkommen statt Freihandelsabkommen!

Zur ökologischen Bilanz

Eine andere Frage, die Neomarxisten regelmäßig aufwerfen, um den Kapitalismus grundsätzlich zu diskreditieren, ist sein ökologische Bilanz. Ich hatte dazu schon vier Argumente vorgebracht, die zeigen, dass mein System jedenfalls zu einem ökologischeren Kapitalismus führen würde.

Die kapitalistische Produktion mittels elektrischer Maschinen, die Arbeit rationalisiert, ist zudem nicht so unökologisch im Vergleich zu manueller Arbeit, wie man meinen könnte. Tatsächlich ist die solare Effizienz von elektrischer Arbeit (31% maximal) mehr als einen Faktor von zehn höher, als die von manueller Arbeit (1,8% maximal). Nur Biotreibstoff ist noch schlechter (mit 0,14%). Ich habe hierbei die solare Flächeneffizienz berechnet, mit der Sonnenlicht in mechanische Energie umgewandelt wird, über den Zwischenschritt der Umwandlung in Nahrung durch Photosynthese oder den Zwischenschritt der Umwandlung in elektrische Energie durch Solarzellen. Und bei der elektrischen Energie habe ich den sogenannten Erntefaktor und die Speicherung berücksichtigt. Um ein Wort über die Loyalität von Robotern zu sagen, sie wird praktisch die hierarchischen Strukturen und Konflikte unter den Menschen reflektieren, die die Roboter nutzen und betreiben. Übrigens meinen kompetente Autoren, wie Ralf Krämer („Die Roboter kommen“), dass die Rationalisierungswelle durch die Digitalisierung lange nicht so gravierend ausfallen wird, wie oft in den Medien kolportiert.

Grundsätzlich besteht hier ein Zielkonflikt: Einerseits kann nur das kapitalistische System die technologischen Ressourcen bereitstellen, um eine ökologische Massenproduktion von erschwinglichen Produkten sowohl fortgeschrittener Technologie (Computer und so weiter), als auch auch für die Grundbedürfnisse zu ermöglichen. Und nur dieses System scheint es durch seine hohe Produktivität zu ermöglichen, die wachsende Bevölkerung auf dem Planeten zu ernähren (wiederum Nahrungsmittel zu erschwinglichen Preisen in großen Mengen für die wachsenden Stadtbevölkerungen zu produzieren). Auf der anderen Seite etabliert dieses System einen Hyperzyklus der Realwirtschaft an Konsum von unökologischem und überflüssigem Luxus (große Karossen und so weiter). Vielleicht sollte da ein Kompromiss gefunden werden: Nicht zu viel Konsum, um ökologisch genug zu bleiben und nicht zu wenig Konsum, um die notwendigen Anreize für einen funktionierenden Kapitalismus aufrecht zu erhalten. Das Unternehmen „Tesla“ mit seinen elektrischen Sportwagen scheint hier einen gangbaren Weg aufzuzeigen (aber Flüge in den Weltraum mit Feststoffraketen für Super-reiche sind ökologisch nicht tragbar). Und an diesem Punkt setzt zusätzlich mein System des realen Wirtschaftswachstums auf der Seite der Armen und Hungernden an (um Ungleichheit durch reales Wirtschaftswachstum „von unten“ zu minimieren). Aber dieses System sollte auch nicht überhitzt werden, um natürliche Ressourcen zu sparen. Nachhaltige Landwirtschaft (insbesondere als Subsistenzwirtschaft, wie die der Adivasi in Indien, die jetzt in der internationalen Linken so gefeiert wird) und wachsende Bevölkerung sind jedenfalls ein Widerspruch. Deshalb sollte die Langzeitstrategie sein das Bevölkerungswachstum zu stoppen und die Bedürfnisse der Arbeiterklasse durch meine Politik zu erfüllen. Dabei bin ich auf jeden Fall an einem Überschuss über das Existenzminimum hinaus interessiert. Eine sozialistische Mangelwirtschaft, die zudem auch noch unökologisch wäre, akzeptiere ich nicht. Meine ökonomische Theorie ist weit mehr eine Philosophie der Errungenschaften für die Menschheit, als eine nur der Vermeidung von Krisen. Sie ist weit mehr eine Philosophie des vernünftigen Überschusses, als eine von Vernachlässigung und bloßem Überleben.

Zur monetären Stabilität

Dabei stellt sich natürlich die Frage nach der Langzeitstabilität meines Systems. Es gäbe eine Maximalgröße, bis zu der der Realwert des Geldvolumens in der Finanzblase der Gewinne wachsen könnte. Wenn das Abschmelzen von Realwert durch die Inflation den Zufluss von Gewinnen aus dem Kreislauf der Realwirtschaft überschreitet, dann wächst die Blase nicht mehr. Auch der Zyklus der Realwirtschaft hat ein Maximum, wenn nämlich der Zufluss an gedrucktem Geld gleich ist dem Abschmelzen des Geldvolumens im Wirtschaftskreislauf durch die Inflation plus dem Abfluss in die Blase der Gewinne. Das System ist also langzeitstabil. Nur wegen der Inflation wird ab und zu eine Geldreform nötig sein, indem eine Null auf den Geldscheinen gestrichen wird (mit 5% Inflation in etwa alle 50 Jahre).

Das System ähnelt einem physikalischen Nichtgleichgewichtssystem, das sich im Fließgleichgewicht befindet. Wie alle Ökosysteme hat es einen starken Kreislaufaspekt. Der Zufluss von gedrucktem Geld ähnelt dabei dem Zustrom von Sonnenlicht und die Inflation ähnelt der irdischen Dissipation von Wärmeenergie in der Biosphäre und aus der Biosphäre hinaus in das Weltall.

 

Den Autor erreichen Sie unter bluewinds44@gmail.com

 

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