Ende einer Illusion Der Untergang Bosnien Herzegowinas und seine Folgen

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„Sollte es noch einmal zu einem

Krieg in Europa kommen, wird er

durch irgendeinen Unsinn auf dem

Balkan ausgelöst werden.“

Otto v. Bismarck

Einstimmung

Auch wenn es zynisch klingt: Russlands Angriff auf die Ukraine sorgte praktisch über Nacht dafür, dass vom Elend der Menschen in Afghanistan, deren Schicksal bis dato nahezu täglich beklagt wurde, kaum mehr die Rede war. So austauschbar bleiben menschliche Tragödien. Auch der unnachgiebig geführte Stellvertreterkrieg im Osten Europas könnte schon sehr bald dezent verblassen und dementsprechend in den Hintergrund rücken. Dann nämlich, wenn im südöstlichen Teil unseres Kontinents, auf dem Balkan, der nächste Krieg ausbricht – und seine Vorläufer an Grausamkeit und Härte eventuell noch deutlich übertrifft. Es wäre mit einem echten Flächenbrand zu rechnen, der die ganze Region beträfe und Europa vor schier unlösbare Probleme stellte.

Um noch beim Vergleich zu verweilen: Afghanistan war bis zuletzt ein vom Westen so umständlich wie unzureichend am Leben gehaltenes, pseudostaatliches, recht willkürlich befriedetes Protektorat. Die Vorstellung von einer afghanischen Nation darf man getrost als gedankliches Experiment weltfremder Politologen abtun. Schlicht: weil es sie nie gegeben hat. Jenseits divergierender Clans und Stämme fristete der kläglich vertretene ´mündige´ Bürger ein prekäres, stets gefährdetes Schattendasein. In einem Umfeld, das auch weiterhin von den tradierten Diktaten ethno-kultureller Zugehörigkeit geprägt bleibt, hat sich die ´res publica´ meist nur am Rande, in den Nischen urbaner Zentren behaupten können. Der neuerliche ´Regime-Change´ bereitete den noch verbliebenen ´Auswüchsen´ liberal-demokratischer Gesinnung endgültig ein Ende. Wer vor den neuen/alten Herren nicht kuscht, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Das zwingt zur Aufgabe demokratischer Prinzipien oder deren Leugnung in der Öffentlichkeit. Im Verborgenen praktiziert: verkümmern sie von ganz allein. Schließlich bleibt denen, die am westlichen Modell festhalten, nur der Weg über die Grenze. Die Meisten konnten mit den Verheißungen einer Brave New World ohnehin nie viel anfangen; ganz gleich, wie viele Brunnen und Dorfschulen man ihnen vermachte. Nun eint alle der Mangel: eine sehr real gewordene Bedürftigkeit, die schnell ins Elend führt. Erneut harten wirtschaftlichen Sanktionen ausgesetzt, verkommt ´Talibanistan´ zu einer kümmerlichen Provinz, die auch weiterhin von geostrategischem Interesse bleibt. Reich an Eisen, Kupfer, Lithium und Gold: verarmt die Bevölkerung dieses notorisch rückständigen Landes so verlässlich, wie ausländische Investoren und Großbanken, Waffenhändler und Spekulanten sich in zwei Jahrzehnten eine goldene Nase verdient haben. Für das Abenteuer am Hindukusch hat allein die EU 17,3 Milliarden Euro in den Sand gesetzt, aber die tatsächlichen Kosten dürften um ein vielfaches höher liegen. In der trostlosen Einöde Zentralasiens ist der Westen schlussendlich total gescheitert. Kein einziges Problem konnte auch nur ansatzweise gelöst werden. Die entsprechenden Projekte haben sich als untauglich erwiesen. Das Langzeitexperiment ist von den Taliban beendet worden, und die Bevölkerung hat dagegen keinen Einspruch mehr erhoben. Im Norden des Landes formiert sich bereits der Widerstand gegen die unduldsamen Fanatiker, das war auch vorher schon so gewesen, und am Ende lag Kabul in Trümmern. In Afghanistan schließt sich also nur ein weiterer Kreis; wiederholt sich einmal mehr, was bis zuletzt keiner wirklich wahrhaben wollte.

Bosnien Herzegowina droht jetzt ein ähnliches Schicksal. Im Grunde lässt sich nirgends besser beobachten als in diesem mythenträchtigen, Leidgeplagten Winkel Europas, wie sehr ethnisch-religiöse, gesellschaftlich-politische, banal-ökonomische und vor allem geostrategisch motivierte Gegensätze über zahllose Rivalitäten, Schachzüge und Verschwörungen ineinandergreifen und Miseren zeitigen, denen unweigerlich die Katastrophe folgen wird.

Gern versteift man sich nachträglich auf den einen oder anderen Aspekt des Scheiterns, der alle übrigen herunter spielt oder ganz ins Unrecht setzt. Tatsächlich rücken, im spannungsgeladenen Moment, zahlreiche Motive in den Hintergrund, während andere, beharrlich verleugnete, an Durchschlagskraft gewinnen. Sie mögen vorher verlässlich im Verborgenen geschlummert haben: nun spielen sie ihre ganze Kraft auf einmal aus. Ein Klüngel aus politisch korrekten Schönrednern versichert uns in öder Folge, die Schaffung zivil-rechtlicher Grundlagen reiche prinzipiell aus, um als Garant tiefverwurzelte Gegensätze mit viel gutem Willen ausgleichen und überwinden zu können. Aus Erfahrung wissen wir längst, dass in Krisenregionen nationale Gegensätze am Ende den entscheidenden Ausschlag geben. Ist der Karren erst einmal vollständig gegen die Wand gefahren worden, haben die Empörer leichtes Spiel. Vom Ausland befeuert, mutieren regionale Konflikte dann zu dreckigen, zäh ausgefochtenen Kriegen. Heute in der Ukraine, morgen in Moldawien und demnächst in nächster Nachbarschaft zum Urlaubsparadies Kroatien. Die von einer Handvoll korrupter Oligarchen und Rechtspopulisten beherrschte Ukraine zerfällt nun endgültig in einen prorussischen östlichen und den verbliebenen westlichen Teil, der vermutlich weiteren Fragmentierungen ausgesetzt sein dürfte. Klipp und klar: ist dieser artifizielle Pufferstaat am Ende an der Nationalitätenfrage gescheitert; ganz gleich, welche begleitenden oder befördernden Umstände maßgeblich eine Rolle spielten oder nicht.

Auch auf dem Balkan gewinnen die einander unversöhnlich gegenüber stehenden Volksgruppen stündlich an Bedeutung, während das vom Westen leidig aufrechterhaltene System einer multiethnischen Scheindemokratie nach mehr als 27 Jahren seinen letzten Atem auskeucht. Seit Dayton hängt dieser absurde Clusterstaat am Tropf und ist auf künstliche Beatmung angewiesen. Als ´Patient´ hat er die Intensivstation praktisch nie verlassen. Er bleibt ein Fall für Quacksalber und Apparatemediziner, für Chirurgen und Anstaltsleiter. Aus eigener Kraft wird sich BH erst erheben, kommt zu viel Adrenalin ins Spiel. Soll heißen: am Ende entscheiden auch hier die Schafmacher, die Trommler und Einpeitscher, wohin die Reise geht. Es entsteht dann eine Dynamik, deren Verlauf verlässlich in die Asymmetrie moderner Kriege mündet. Auch das hat man vorzüglich in der Ukraine beobachten können, ganze acht Jahre lang, aber berichtet wird erst seit Februar diesen Jahres über einen Konflikt, dessen einzelne Etappen den ganzen Schlamassel überhaupt erst ermöglichten, der heute so scheinheilig wie einseitig beklagt wird.

Wer Vergleiche dieser Art für unangebracht hält und den begleitenden Sarkasmus als empörend empfindet, darf die weitere Lektüre gern einstellen, um dann später umso bequemer die Schlagworte und Allgemeinplätze plumper Meinungsmache nachzuäffen, deren Ergüsse man uns derzeit in ermüdender Wiederkehr zumutet, um damit den bösen Russen zu brandmarken, der bis jetzt, entgegen anderslautender Propaganda, nicht einmal ansatzweise in die Knie gezwungen werden konnte. So gehen dann lauter Ausflüchte und Gespinste, kraft ständiger Wiederholung, als konkrete Wahrheiten in die Lügengeschichte ein. Die nun folgende Geschichte wird bald ganz ähnlich ´nacherzählt´ werden, insofern soll sie an dieser Stelle einmal nackt und rein, so illusionslos wie unparteiisch in den Fokus rücken, bevor die Lichter endgültig ausgehen.

Krisenkollektiv

Bosnien Herzegowina ist mit zahlreichen Geburtsfehlern zur Welt gekommen und somit von Anfang an bereits das gewesen, was man üblicherweise als Failed State zu bezeichnen pflegt. Tatsächlich handelt es sich um eine irrwitzige, völlig verquere, funktionsuntüchtige staatliche Fehlkonstruktion, deren Grundkonzeption der Quadratur des Kreises entspricht. Es gibt wohl niemanden der von sich selbst behaupten könnte, die verworrene Systematik, die dem Staatssystem zugrunde liegt, im Ganzen überblicken oder durchschauen zu können.

Das eigentümliche Gebilde setzt sich zusammen aus zwei strikt voneinander getrennten und doch bei Bedarf (siehe unten) miteinander verwobenen bundesstaatlichen Entitäten: der Föderation Bosnien und Herzegowina (mehrheitlich von muslimischen Bosniaken bevölkert, katholische Kroaten bilden eine beachtliche Minderheit) und der Republika Srpska (dort leben hauptsächlich orthodoxe Serben). Das politische System gilt als kompliziertestes Regierungskonstrukt der Welt. Bosnien Herzegowina ähnelt im Grunde einem siamesischen Drilling. De facto handelt es sich um einen Staat der aus zwei autonomen Teil-Staaten mit drei anerkannten Nationalitäten besteht. Ein diktatorisch bevollmächtigter Statthalter von außen rangiert noch über den drei gleichberechtigt agierenden Präsidenten von innen. Innerhalb besagter Entitäten existieren eigene, weitgehend unabhängige Regierungen; daneben oder darüber hinaus obwaltet eine Zentralregierung mit Sitz in Sarajewo. Die Föderation Bosnien Herzegowina setzt sich aus zehn selbstständigen, zum Teil absurd übergriffigen Kantonen zusammen. In der Republika Srpska ist von Regionen die Rede, mit insgesamt 142, im Ganzen eher unbedeutenden Gemeinden. Die Entitäten-Parlamente verfügen über eigene Exekutiven und Legislativen. Ihre ´gemeinsame´, den Zentralstaat repräsentierende Regierung besteht aus einem Abgeordnetenhaus mit 42 Sitzen und einer Kammer der Völker (15 Sitze). Die drei Volksgruppen stellen je einen Vertreter im dreiköpfigen Staatspräsidium. Der Vorsitz des Präsidiums wechselt alle acht Monate.

Brevis et suavis: ein solcher Staat ist unregierbar. Das macht ihn, wie wir noch ernüchternd oft sehen werden, zur leichten Beute – zur beliebig auspressbaren, substanzlosen Konkursmasse. Dabei kann man den Machern von Dayton nicht einmal vorwerfen, die allzu komplexen, total verwickelten Verhältnisse aus Prinzip oder aus Unwissenheit auf die Spitze getrieben zu haben. Sie ergaben sich, am Ende des Krieges, nahezu von selbst. Ehedem ethnisch bunt durchmischte Regionen des Landes sind im Anschluss an die mehr als drei Jahre andauernden Kampfhandlungen strikt vereinheitlicht worden, das heißt: die jeweils eroberten oder gehaltenen Gebiete wurden den siegreichen Volksgruppen zugeschlagen. Wer dächte da nicht an das Massaker von Srebrenica, als vor den Augen der Welt, vor allem: unter Duldung einer voll einsatzfähigen niederländischen Schutztruppe tausende junger Männer in die Wälder getrieben und dortselbst kurzerhand exekutiert worden sind. Srebrenica ist heute fester Bestandteil der Republika Srpska. Noch Fragen?

Um überhaupt einen dauerhaften Frieden erzwingen zu können (einen Waffenstillstand zu erreichen war schon schwer genug) kam man auf die naheliegende, im Ganzen völlig verfehlte Idee, den Nationalitäten-Antagonismus verfassungsrechtlich fest zu schreiben und dementsprechend institutionell zu verankern. So ist im Laufe der Jahre eine unerträgliche Situation entstanden. Die Trennung der Bekenntnisse und Nationalitäten hat sich verfestigt, wie denn der strukturelle Rahmen nur im privaten Bereich Schlupflöcher übrig lässt, die eine zaghafte interkonfessionelle Begegnung nach Bedarf ermöglichen. Um dem Morden und Metzeln endlich Einhalt zu gebieten, indem man die wiederstreitenden Parteien solcherart befriedete, entstand Mitte der neunziger Jahre ein trügerischer Friede; und ein auf Sand gebautes pseudostaatliches Ungetüm.

Genau genommen ist in Bosnien Herzegowina der Bürger kein Souverän im eigentlichen, die gesamte Nation umfassenden Sinne. Nur innerhalb der Entitäten darf er sich als solcher vorkommen: als Angehöriger einer bestimmten Volksgruppe also. Keiner fühlt sich folglich als bosnischer Staatsbürger; nur als Bosniake, Serbe oder Kroate. Die zivilrechtlichen Strukturen geben gar nichts anderes her (Minderheiten werden ganz ausgeblendet). Der Segregation wurden Tür und Tor geöffnet. De jure und de facto: entscheidet die Herkunft über alle Belange des öffentlichen Lebens. Die drei Hauptethnien bleiben bis heute ganz strikt nach Orts, – und Stadtteilen, Schulen und Ämtern usw. voneinander getrennt. Einheit und territoriale Integrität, die jetzt wieder so merklich wie verdächtig vom Westen angemahnt werden, sind reine Fata Morganen geblieben.

Auch der endlos verschleppte Beitritt zur EU ist so ein Trugbild. Ist er überhaupt wünschenswert? Die Union wäre dann direkt mit den Schwierigkeiten konfrontiert, die einen in sich zerrissenen Staat lähmen und zu dauernder Handlungsunfähigkeit verdammen. Ein dualistisch angelegter Einheitsstaat, dessen ´Wesen´ auf nationaler Trinität basiert: absurd. Im Einzelnen, wie anders, haben sich die widerstreitenden Interessen längst verselbständigt. Alle Wege führen nach Sarajewo, und immer wieder auf lauter dunklen Pfaden zurück in den Filz der Amtsstuben. Die Völker Bosnien Herzegowinas begegnen einander argwöhnisch. Ihre politischen Vertreter haben den Vorbehalt zur Regel erklärt und verschanzen sich hinter ihren Privilegien.

Kein Wunder, das in einem auf Separation fußenden Durcheinander widerstreitender Kompetenzen Korruption und Vetternwirtschaft unsägliche Ausmaße angenommen haben. Eine funktionierende, binnenorientierte Ökonomie existiert jenseits schattenwirtschaftlicher Aktivitäten praktisch nicht, und von den dubiosen Aktivitäten der Global Player, auf die ich noch zu sprechen kommen werde, profitiert keiner derer, die es als einfache Leute noch irgendwie aushalten in der Heimat. Wer in Bosnien Herzegowina nicht irgendeiner Mafia angehört, sie mag auf staatliche Stellen zurückgreifen oder im nicht minder effizient organisierten Clanumfeld grassieren: kann gleich einpacken. Oder einchecken: in den nächsten Flieger Richtung Kerneuropa. Viele junge Leute verdingen sich während der Sommermonate im benachbarten Kroatien als Lohnsklaven in der Tourismusbranche. Die restliche Zeit über sind auch sie auf Unterstützung angewiesen. Zur resultierenden Massenarbeitslosigkeit, von der die Jugend mit über achtzig Prozent betroffen ist, kommt denn auch eine ausufernde, alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens umfassende Kriminalität. Die sogenannten Eliten ziehen, dank sorgsam eingefädelter Kontakte, die meisten dieser faulen Strippen. Ein unentwirrbares Knäul aus Abhängigkeiten und Abschöpfungen ist so zwangsweise entstanden. Very Balkan-like. Der Staat wird sukzessive ausgeplündert. Das Gros finanzieller Entwicklungshilfe wandert in fremde Taschen; landet auf den diskret verschleierten Konten einer sorgsam verzweigten Lobby. Zivilrechtliche Strukturen existieren nur in den Verordnungskatalogen höherer Stellen, deren Vertreter in einer Parallelwelt leben, die wiederum eigenen Gesetzen unterliegt. Daneben existieren solche, an die sich keiner mehr hält. Insofern passt es den Politikern und Beamten Bosnien Herzegowinas gut in den Kram, das eine Aufnahme in die EU allenfalls ´in Aussicht gestellt´ wird: am besten bis zum Nimmerleinstag. Die geblähten Apparate müssten nämlich, mistete man sie konsequent nach geltenden EU-Richtlinien aus, zwangsweise ´verschlankt´ oder gleich ganz abgeschafft werden, und damit versiegten automatisch auch die horrenden Einnahmequellen einer Kaste korrupter Staats´diener´. Es wäre ferner mit längst überfälligen strafrechtlichen Verfolgungen zu rechnen (der oberste Repräsentant tauscht nur aus, als Allmächtiger in Zweifelsfällen). Mit den Vorzügen einer lukrativen Beamtenexistenz hätte es also ein Ende. Das kann keiner von denen wollen, die Ämter anhäufen um fett abzukassieren. Der Elitenklüngel lebt vom Elend im Land. Kein Wunder, das die Infrastruktur jenseits der Ballungszentren zerfällt und das öffentliche Leben siecht. Abzüglich publikumsanbiedernder Inszenierungen findet das meiste hinter verschlossen Türen, in lauter geschlossenen Gesellschaften statt. Trennung statt Integration: zeichnet das trübe Bild.

Der Exodus vor allem junger Menschen, die in diesem Land einfach keine Perspektive mehr für sich sehen, hält unvermindert an. Damit fehlt aber auch die Grundlage zur Entstehung einer stabilen bürgerlichen Mittelschicht, die nun einmal das Rückgrat moderner Zivil-Gemeinschaften bildet. Ganz oben in der trostlosen Klassengesellschaft Bosnien Herzegowinas rangiert die überprivilegierte, den Staat und seine Institutionen auszehrende Schicht korrupter Kretins. Sie raffen und räubern so lange, bis die staatliche Ruine mangels weiterer ´Sanierung´ endgültig in sich zusammen kracht. Eine zunehmend abgehängte, kleinbürgerliche Kaste bildet den kläglichen Bodensatz der gesellschaftlichen Pyramide. Diese Menschen vegetieren in prekären Verhältnissen und würden ohne Unterstützung aus dem Ausland (von ihren Verwandten, alles Übrige verschwindet in dubiosen Kanälen) ein noch ärmlicheres Los fristen. Zwischen denen ganz oben und jenen ganz unten: klafft eine gewaltige Lücke, tut sich ein großes Vakuum auf. Wer wird es einmal ausfüllen? Und zu welchem Preis?

In summa: sterben die wenigen Alten langsam weg – die vielen Jungen hauen einfach ab. Trostlosigkeit und Resignation machen sich breit. In einer solch unheilvollen Atmosphäre gedeiht nicht jene vielbeschworene, bis zuletzt angemahnte zivilbürgerliche Haltung oder Gesinnung, die ja auch im Rest Europas stündlich schrumpft. Hier kocht, früher oder später, der Furor des Nationalismus hoch.

Fliehkräfte

Wer heute noch irgendeinen Zweifel daran hegt, das Bosnien Herzegowina als Gesamtstaat zerfällt, muss nur einen kurzen, flüchtigen Blick auf die Republika Srpska werfen. Armee und Polizei, Finanz, – und Justizämter unterliegen bereits weitreichenden Autonomien, für die der Präsident dieser Entität, der vielgescholtene Milorad Dodic, schon im letzten Jahr sorgte. Als Ziel seiner Bemühungen gibt er unumwunden an, aus der Teilrepublik einen eigenen Staat machen zu wollen, am Besten in Generalunion mit dem benachbarten Serbien. Tatsächlich läuft alles darauf hinaus, dass die Republika Srpska auf kurz oder lang integraler Bestandteil des ´Mutterlandes´ werden wird.  Zwecks dessen forciert Dodic unermüdlich den Rückzug ´seiner´ Serben aus den staatlichen Institutionen Bosnien Herzegowinas. Am Vorwurf, dass der Zentralstaat in zu viele Bereiche hineinregiert, die ihn eigentlich nichts angehen, ist kaum etwas auszusetzen. Gern erinnert der serbische Nationalist an das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Man habe ja schließlich auch den Kosovoalbanern die Möglichkeit gegeben, aus einem Staat auszuscheren um einen eigenen zu gründen. Dementsprechend ist in den Tiraden des Herrn Dodic oft von der Unterdrückung des eigenen Volkes die Rede. Aufgrund der jüngeren Vergangenheit empfände er es als Affront, wenn BH in die EU, gar in die Nato aufgenommen würde; beides Mächte, denen man zu Recht misstraut, wurde auf deren Betreiben doch dem serbischen Staat schon einmal der Krieg erklärt.

Als gewiefter Taktiker und Realpolitiker lässt Milorad Dodic praktisch keine Gelegenheit aus, passend zu provozieren. So fand auf sein Geheiß eine ´Anti-Terror-Übung´ in den Bergen rund um Sarajewo statt. Erinnert: dort befanden sich auch die Stellungen der jugoslawischen Bundesarmee, deren Artillerie seinerzeit gnadenlos in die Metropole hinab feuerte. Serbische Kriegsverbrecher werden von Dodic sorgsam rehabilitiert. Nach Karadzic und Co. lässt er gern öffentliche Gebäude und Straßen benennen, wie denn das Massaker von Srebrenica seines Erachtens gar nicht stattgefunden habe. Am zwanzigsten Jahrestag forderte der Scharfmacher hingegen einen Gedenkort für den ´Völkermord an den Serben´. Anrüchigkeiten wie diese zielen in voller Absicht gegen die mehrheitlich von Muslimen bevölkerte Entität im Herzen des Landes, gleichzeitig wird damit auch eine EU vorgeführt, deren Vertreter so routiniert wie realitätsblind der Völkerverständigung das dauernde Wort reden. Den obersten Repräsentanten Bosnien Herzegowinas, der ja qua Dekret schalten und walten kann wie er will, hat der Berufspolitiker besonders auf dem Kieker. In einem Interview stellte er fest, das auch die mit praktisch unbegrenzter Verfügungsgewalt ausgestatteten Quasi-Diktatoren nur eigene Interessen verfolgen und knallhart durchsetzen:“ Noch jeder Hohe Repräsentant hat nach seinem Abgang eine Dominanz der Wirtschaft desjenigen Landes hinterlassen, aus dem er kam. Mit dem Österreicher Wolfgang Petritsch kamen die österreichischen Banken. Der Deutsche Christian Schwarz-Schilling ist sogar persönlich in geschäftliche Beziehungen mit dem Muslim Ejup Ganic getreten, den wir Serben für einen Kriegsverbrecher halten.“

Um es an dieser Stelle schon vorweg zu nehmen: Dodic verfügt, wie sein Amtskollege im benachbarten Serbien, über beste Kontakte zu Russland. Beide drängt der Westen zunehmend, diese Seilschaft zu kappen. Das wird nicht zu Unrecht als anmaßend und arrogant empfunden, allein schon aufgrund traditionell freundschaftlicher und stets auch ertragreicher Beziehungen der einander ethnisch und kulturell so nahe stehenden Völker. Serbien kann auf das russische Gas so wenig verzichten wie Ungarn. Aleksandar Vucic, amtierender Präsident des Landes, eigentlich eher um Ausgleich bemüht und anfangs durchaus EU-freundlich gesonnen, wendet sich immer entnervter ab von der Union. Im Ton gemäßigter als Dodic, scheint er dessen Tiraden, die man in Europa als anmaßend empfindet, zähneknirschend zu dulden.

Als Anmaßung wird auch die kroatische Republik Herceg Bosna angesehen, die es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Es handelt sich hier um einen Staat im Staate, der in den Wirren des Krieges entstand und offiziell als aufgelöst gilt – es aber mitnichten ist. Die Herceg Bosna ist der politisch geografischen Zusammenschluss sämtlicher von Kroaten besiedelter Gebiete in Bosnien Herzegowina. Während der Kampfhandlungen kam es zu einer kurzen Allianz mit den Bosniaken, bald bekämpften sich die einzelnen Truppenteile gegenseitig. Jetzt stellen sie eine gemeinsame Armee, aber mit getrennten Einheiten und unterschiedlichen Uniformen, was an sich schon grotesk ist. Klartext: trennte sich die Republika Srpska tatsächlich von ´Rest-Bosnien´, spaltete sich automatisch auch dieser Teil der Kern-Entität ab, um zu Kroatien aufzuschließen. Die auf bosnischem Terrain siedelnden Kroaten sähen sich automatisch einer überwältigenden Mehrheit muslimischer Staatsbürger gegenüber, schrumpften also zu einer noch größeren Minderheit in der resultierenden, hauptsächlich von Korangläubigen beherrschten Rumpf-Nation. Ihr Abgang verwirklichte dann endgültig den ersten islamischen Flächenstaat auf europäischem Boden seit Ende der Osmanenzeit. Das allein reichte schon aus, die Region in ein Pulverfass zu verwandeln. Erinnert: am Vorabend des ersten, von serbischen Ultranationalisten ausgelösten Weltkrieges ging der blutige Schacher um das Erbe dieses schwindenden Imperiums los, in zwei aufeinander folgenden, unerbittlich ausgefochtenen Kriegen. Heute gewinnt die Rivalität einander argwöhnisch beäugender Nationalitäten wieder auf beklemmende Art und Weise an Aktualität.

Womöglich liegt es nicht zuletzt daran, dass die benachbarten Montenegriner in letzter Zeit vermehrt den Anschluss an Kroatien suchen und entsprechende Abkommen unterzeichnen. Aus den Bergen dieses winzig kleinen Gebirgsstaates wurde 1991 die dalmatinische Küste unter Dauerfeuer genommen, auch die herrliche Altstadt von Dubrovnik geriet unter Beschuß. So schnell ändern sich die Verhältnisse auf dem Balkan. Montenegro liegt strategisch denkbar ungünstig. Von brodelnden Krisen-Staaten wie Albanien, Kosovo und Serbien umgeben, kann dieser winzig kleinen Nation nur daran gelegen sein, über die mit der Adria verbundene Landbrücke der Herceg Bosna eine Verbindung zu einem robusten Nato-Staat herzustellen. Ereigneten sich Kampfhandlungen in nächster Umgebung (dazu unten mehr), wären Verwicklungen möglich, denen das Ländchen isoliert kaum gewachsen wäre.

Machtspiele

Bosnien Herzegowina ist kein souveräner Staat. Ethnisch uneinheitlich gegliedert, zerfiel das Land im Laufe der Zeit folgerichtig in verschiedene Einflusszonen, deren Wohl und Wehe von den Interessen fremder Mächte bestimmt wird: den USA und der EU auf der einen, Russland und China auf der anderen Seite. Dazwischen oder darüber hinaus weiten die Golfrandstaaten und die Türkei ihren Einfluss immer weiter aus. Bestens bedient wird das Kartell der Mächte durch eine willfährige Clique diskret vernetzter Amts, – und Funktionsträger. Den ´Rest´: regelt die Korruption.

Die USA holen jetzt im Grunde nur mit viel Verve nach, was sie in den Wirren nach dem zweiten Weltkrieg versäumten. Damals war man bekanntlich noch eine Weile lang im Pazifik ´beschäftigt´. Heute geht es darum, den traditionell übermächtigen Einfluss des großen Antipoden im Osten (gestern die Sowjetunion, heute ein wiedererstarkendes Russland) einzudämmen und nach Möglichkeit ganz zu unterbinden. Ende der neunziger Jahre, nach dem Angriffskrieg der NATO gegen Restjugoslawien, errichtete die US Army mit Camp Bondsteel eine mächtige Militärbasis im verbündeten Kosovo. Damit zeigten die Amerikaner erstmals und dauerhaft Präsenz auf dem Balkan. Ein Anfang war gemacht. Der immense Komplex, für dessen Errichtung ein ganzer Berg abgetragen wurde, umfasst 386 Hektar Land und beherbergt bis zu 7000 Soldaten. Etwa 32 Kilometer östlich dieses Stützpunktes ist noch die Militärbasis Camp Monteith entstanden, eine reine UCK-Bastion. Diese beiden Lager fügen sich ins Grand Design, ins Kalkül einer unnachgiebig vorangetriebenen Nato-Osterweiterung. So ist, vom Baltikum bis vor die Tore der Türkei, eine potente ´Postenkette´ entstanden. Mittels militärischer Präsenz auf dem Balkan wird Russland dauerhaft vom südosteuropäischen Raum abgeschnürt und gleichzeitig immer umfänglicher ins Visier genommen. Die Schaffung der Basis Bondsteel entspricht also ziemlich genau der Einkreisungsstrategie des Pentagon. Sie fügt sich in ein Netz, das aus schätzungsweise bis zu tausend Stützpunkten weltweit geflochten ist.

Russlands Einfluss in der Region reicht bis in die Zeit des Kiewer Rus zurück und betont das slawo-orthodoxe Erbe byzantinischen Ursprungs. Natürlich stört es die Strategen jenseits des Atlantiks gewaltig, das Moskau wirtschaftlich weiterhin eng mit Serbien zusammenarbeitet und das ´Brudervolk´ auch militärisch immer stärker unterstützt. Noch viel ärgerlicher nimmt sich aus Sicht der Macher die enge wirtschaftliche Bindung Montenegros an die Volksrepublik China aus. Sie grenzt, in ihren jetzigen Ausmaßen, an echtes Vasallentum.

Auf Abhängigkeiten solcher und ähnlicher Art zielen im Grunde auch sämtliche Bemühungen der Türkei. Das hat ebenfalls viel mit der Geschichte zu tun. Bosnien Herzegowina stand Jahrhunderte lang unter der Herrschaft des Osmanenreiches, deren Nachfolge der Kalif vom Bosporus nun auf eigene Art und Weise exekutiert. Der Einfluss der Türkei in der bosnisch-kroatischen Föderation kann gar nicht hoch genug bemessen werden. Von den Medien bis zum Erziehungssystem: überall hat Erdogan mittlerweile seine Finger im Spiel. Das gilt auch für die ´hohe´ Politik. Geschmierte Abgeordnete sorgen bisweilen dafür, dass bestimmte Gesetze ganz im Sinne des Fremdherrschers ausfallen, dessen Emissäre im Hintergrund dezent die Fäden ziehen.

Die Aktivitäten der Golfrandpotentaten tragen nicht minder neokoloniale Züge. Tatsächlich hat sich der saudische Geldadel längst in ganze Stadtviertel Sarajewos und anderer Metropolen eingekauft, was deutlich an den arabischen Schriftzügen erkenntlich wird, die an jeder Ecke auftauchen. Es mutet kurios an, aber in der maroden Umgebung einer nur unzureichend wiederhergestellten Trümmerlandschaft, die Sarajewo noch vor Jahren prägte, sind Großinvestitionen mittlerweile an der Tagesordnung. Mit dem Bau zahlreicher Prachtbauten (vor allem Moscheen) melden die Araber immer unverhohlener eigene Ansprüche an. Unter reichen Scheichs gilt es als chic, in BH Urlaub zu machen. Seither hat sich vor allem die Hauptstadt sehr gewandelt. Vor dem Krieg waren die hier ansässigen Muslime eher säkular gestimmt und hatten mit Religion nicht mehr allzu viel am Hut. Sakrale Sitten und Gebräuche: fanden im alltäglichen Leben kaum noch Verwendung oder Beachtung. Eine gegenläufige Entwicklung ist seither in Gang gekommen. Heute betonen immer mehr Bosniaken ihren Bezug zum Glauben, wie denn die Anzahl verschleierter Frauen deutlich zugenommen hat. Der Einfluss des Islam ist unübersehbar geworden. Die auffallend prächtig, ja pompös errichteten Moscheen stehen denen der arabischen Halbinsel kaum nach und werden bestens besucht. Es entsteht der Eindruck, dass sich die slawisch-stämmigen Muslime des Balkan immer deutlicher vom Westen abwenden, der dieses leidgeplagte Volk ja schon in den Neunzigern schmählich im Stich ließ und seinen Feinden ans Messer lieferte. So kommt in der verstärkten Hinwendung zur Religion sicher auch die Enttäuschung einfacher, ständig hintergangener Menschen zum Ausdruck: wo sich die Hoffnungslosigkeit verewigt bieten die Gewissheiten der Erweckung wohl noch immer den stärksten Trost.

Im ländlichen Raum gewinnen vor allem salafistische Gemeinden immer mehr an Einfluss und Geltung. In den Wäldern und Gebirgsregionen tummeln sich, nach letzten Schätzungen, ultraislamistische Gruppen und Verbände zu zehntausenden. Darunter viele Ausländer, vor allem Veteranen des Syrien Krieges. Die Infiltration immer neuer gewaltbereiter und Kampferprobter Militanter wird vom Westen peinlich totgeschwiegen. In den entlegenen Winkeln einer für Partisanenkämpfe bestens geeigneten Region wächst schon seit Jahren eine Gefahr für ganz Europa heran. Diese Menschen vertreten andere Werte als wir und verachten im Grunde alles, woran man im Westen ´glaubt´. Sie warten nur noch auf ein passendes Signal zum Einsatz. Seit Jahren hallt der Geschützdonner durch Täler und Senken der Region. In den Bergen sind Truppenübungsplätze entstanden, Ausbildungszentren der sogenannten ´grünen Legion´.

Besorgniserregende Befunde wie diese tauchen nicht in den ´Expertisen´ einer EU auf, die auf dem Balkan mit dem Anspruch einer Ordnungsmacht auftritt, über bloßes Lamentieren aber selten hinausgelangt. Doch selbst dann sprechen die Beamten nie mit einer Sprache. Während besagte Global Player vor allem eines eint: der Wunsch und Wille, Europa nachhaltig zu schwächen. IFOR und SFOR Truppen sind auf dem Balkan kaum noch vertreten. Ähnlich der Türkei, die im Zweifel irakisches oder syrisches Territorium verletzt, um eigene Sicherheitsinteressen zu stärken, tauchen gelegentlich kroatische Truppen in sensiblen Grenzgebieten auf, um kurzfristig für Ordnung zu sorgen (auch darüber wird bei uns nie berichtet). Ansonsten fehlt der Schutzmacht EU, die mit dem obersten Repräsentanten eine Art Zar oder Kaiser kürt, der in sämtliche Belange des Staates eingreifen kann, jede militärische Potenz. Sie ist schon jetzt ein zahnloser Tiger. Angesichts dessen, was sich in diesem ´Dschungel´ zusammen braut, eigentlich ein Skandal. Wer wollte andererseits den braven, im Sinne der Völkerverständigung ´erzogenen´ Bundeswehrsoldaten zumuten, gemeinsam mit ihren europäischen Kameraden in die Wirren eines grausamen Partisanenkrieges verwickelt zu werden?

Wie auch immer: ließe sich mittels robuster Truppenmassierungen der flaue Friede vielleicht noch in Resten halten oder verlängern. Stattdessen schwadronieren die in Armeestärke akkreditierten Zivilfunktionäre und ihre Bediensteten in den entsprechenden Foren und Meinungspodien immerzu an den heißen Themen vorbei, wie denn ein Vierteljahrhundert nach Dayton der Eindruck entsteht, das jenseits sattsam bekannter Lippenbekenntnisse nur der Status Quo gilt, den man, als dauerhaft verlorenen Posten, bis in alle Ewigkeit zu halten gedenkt – weil einem sonst nichts Gescheites mehr einfällt. Hinter viel Wortgeklingel und Phrasendrescherei verbirgt sich die Ratlosigkeit derer, denen wir die Mär vom ´Nation Building´ verdanken. In BH beaufsichtigen sie allerdings nur eine gigantische Bruchbude, die nach Bedarf kläglich nachgebessert, leidig saniert wird. In Legion angetretene MenschenrechtsaktivistInnen, deren NGO´s überall herum pfuschen, bemängeln fehlende Rechte diverser Minderheiten (Juden, Sinti und Roma etc.) und schweigen sich bei dieser Gelegenheit beharrlich über zahlreiche Diskriminierungen der drei Mehrheiten durch die drei Mehrheiten aus. Sie mahnen den Ausbau des zivilrechtlichen Sektors an und verweisen auf einzelne, in Ansätzen hoffnungsfrohe Projekte, die als Städtepartnerschaften über das gemeinsame Singen und Klatschen doch nicht hinaus kommen. Wo es darauf ankäme: bleibt alles beim Alten. Diese Leute haben keinen blassen Schimmer, wie man die grassierenden kriminellen Strukturen bekämpfen soll, um überhaupt einen Anfang machen zu können. Interkonfessionelle Gegensätze halten sie für überwerbewertet, obschon die sich in den letzten Jahren immer weiter verfestigten. Das europäische Dauerprotektorat flöge wohl umgehend auseinander, stellte die EU ihre Tätigkeit ganz ein, dann gäbe es kein Halten mehr und dann versiegte auch das letzte Minimum an direkter Unterstützung  der abgehängten Bevölkerung.

Bosnien Herzegowina wird also auch weiterhin so diskret wie scheinheilig aus der Union herausgehalten. Die ihrerseits zunehmend handlungsunfähige, aus allen Nähten platzenden Gemeinschaft der 27 denkt sich in sukzessiver Folge immer neue, so berechtigte wie undurchführbare Reformvorhaben aus, die sie den Republiken dann ganz forsch zur Auflage macht. Zahlreiche Road Maps und endlose Gespräche pflastern den ´gemeinsamen ´ Weg, der doch nur eine endlose Durststrecke darstellt. Da wird, in bester angelsächsischer Manier, immer wieder ´strategic patience´ (strategische Geduld) angemahnt, werden Bedingungen und Beschwichtigungen publiziert, Versprechungen gemacht und Hinhaltemanöver ausbaldowert, wie denn die begleitenden, tagelangen Panels und Plauderveranstaltungen akkreditierter ´Würdenträger´ ohne Substanz oder Einfluss bleiben, weil sie keine wirklichen Perspektiven oder brauchbare Alternativen mehr aufzeigen. Alles dient im Grunde nur besagter Verschleppung und Vertagung, wie denn die heißen Eisen (s.o) gar nicht erst angepackt werden. Man weiß es ja längst, und gesteht das sich und andern einfach nicht ein: die eigentlichen Probleme sind schier unlösbar. Also muss der eingefrorene Konflikt so lange wie möglich kühl gehalten werden. Echtes Tauwetter erhöht in BH automatisch die Waldbrandgefahr. Der (fern)gelenkte Staat funktioniert wie eine echte Mafia. Die Profiteure werden immer mal wieder abgerüffelt und bei schlimmsten Verstößen abgestraft; deren Posten übernimmt dann ein anderer Gauner. Das Volk geht leer aus. Krumme Eliten bestimmen das Bild und fügen sich so in einen Rahmen, den die ganz Großen dauerhaft für sich selbst abgesteckt haben.

Bosnien Herzegowina erscheint vor diesem Hintergrund als hohle Kulissenlandschaft: die ´Gewerbeflächen´ werden von den Meistbietenden besetzt. Den begleitenden Schacher kennt man aus der dritten Welt, er ist nichts Neues, aber die Heuchelei macht doch sprachlos. All dies spielt sich ja bei uns in Europa, also: unter Aufsicht und Duldung einer der ganzen Welt als Vorbild angepriesenen Wertegemeinschaft ab. Um Macht und Einfluss ringen die einander misstrauisch beäugenden Großmächte, denen das Schicksal angestammter Völker völlig gleichgültig ist. Die ihrerseits ihre eigene, tragische Vergangenheit nicht einmal ansatzweise verdaut oder aufgearbeitet haben. Nach Jahrzehnten der Ernüchterung und Enttäuschung holt sie nun diese Vergangenheit immer zwingender ein.

Schließlich wendet man sich auf dem Balkan resigniert vom Westen ab. Mit verhaltenem Zorn haben sie hier zur Kenntnis genommen, dass neuerdings der Ukraine und auch Moldawien, laut Index zwei der korruptesten Länder in ganz Europa, die schmierige Aufwartung gemacht wird. Wie denn die Willkür US-amerikanischer Interventionsfreude zu denken gibt. Den Halunken in der Region wird der Oberschurke aus Übersee immer verdächtiger, zwielichtiger. Da nimmt man eher Vorlieb mit seinen Verbündeten in Nahost. Die Geschäftemacher orientieren sich aber nicht einzig Richtung Vorderer Orient. Ganz Asien lockt. China und Russland vor allem. Deren Emissäre sind auch verlässlicher und berechenbarer als jene, die nach der Pfeife des US-Imperialismus tanzen. Völlig zu recht verwahrte sich der serbische Präsident Vucic jüngst dagegen, von einem ´Kriegskanzler´ Scholz dazu genötigt zu werden, den Kosovo anzuerkennen. In Serbien hat man nicht vergessen, wer damals das Land an den Verhandlungstisch bombte: die Deutschen waren auch beteiligt. Käme Vucic jetzt einer Aufforderung von dieser Seite nach, könnte er als Politiker gleich abdanken und ins Exil gehen. Dem Rat Scholzens, sich doch endlich auch den Sanktionen gegen Russland anzuschließen, kann er unmöglich nachkommen, denn das stürzte sein Land, wirtschaftlich ohnehin schwer angeschlagen (nicht zuletzt dank der zurück liegenden Sanktionen seitens der EU) in eine noch tiefere Rezession. Vucic ist kein Idiot. Er weiß: Washington macht Druck. Scholz ist nur der dumme August der Allianz. Überhaupt mehren sich mittlerweile die Indizien, das man an Serbien ein Exempel zu statuieren gedenkt, also: über diesen kleinen, störrischen Flächenstaat die Russen in eine weitere Falle locken möchte.

Sezessionen

 Der Fall Bosnien Herzegowina offenbart, 27 Jahre nach Dayton, die ganze Tragik interkonfessioneller Divergenz. Ganz gleich, welche Lösungsszenarien man bemüht: sie alle führen verlässlich in den Abgrund. Wer das per se für Schwarzmalerei hält, rufe sich nur einmal kurz in Erinnerung, das schon vor etwas mehr als dreißig Jahren niemand ernsthaft mit dem bluttriefenden Chaos rechnen mochte, das sich dann jahrelang vor aller Ohnmacht Augen auf dem Balkan austobte. Ich werde im Folgenden drei mögliche Verläufe skizzieren, die zwangsweise einseitig und dementsprechend Holzschnittartig ausfallen, dafür aber recht anschaulich verdeutlichen, welche Zusammenhänge einmal ineinander greifen, kommt es zur Entscheidung – zum Schwur.

Fakt ist: so wie bisher kann es nicht weitergehen. Die Völker Bosnien Herzegowinas haben sich gründlich auseinander gelebt und finden, von mitunter beachtlichen, meist jedoch krampfhaft und bemüht wirkenden Ausnahmen abgesehen, nicht wirklich zueinander. Die logische Konsequenz wäre also ein geordneter Übergang zwecks Abgang, sozusagen: eine Trennung mit Ansage. Also: im gegenseitigen, von den Weltmächten abgesegneten Einvernehmen. Unter Aufsicht der UNO vollzöge sich dann ein friedliches, längst überfälliges, endgütiges Auseinandergehen. Einzelheiten müsste man gemeinsam am runden Tischen vereinbaren. Mit einer solcherart realisierten Auflösung des Vielvölkergebildes trügen die Verantwortlichen konsequent der ethnischen Absonderung Rechnung, die schon qua Verfassung vorgeschrieben wurde. Die Republika Srpska käme folgerichtig zu Serbien, Herceg-Bosna schlösse sich Kroatien an. Die Kosovaren erhielten noch all jene Gebiete im nördlichen Mazedonien zugeschlagen, wo sie ohnehin die klare Mehrheit bilden. Stimmt Nord-Mazedonien dem zu (die Politiker dieses Landes haben ja bislang nahezu alles abgenickt, was man ihnen in den letzten Jahren ´aufgetragen´ hatte), beschleunigte dies die Aufnahme des Landes in die europäische Staatenunion. Jetzt dürfte sich der Kosovo auch mit Albanien zu einer Art Großalbanien vereinen, wäre damit automatisch komplett anerkannt. Serbien müsste dieser Lösung schweren Herzens zustimmen. Der ´Rest´ von BH käme vollständig an die Bosniaken. Sämtliche Nationen des Balkan verpflichten sich in einer gemeinsamen Charta zur Anerkennung neu entstandener Grenzen (vgl. Warschauer Ost-Verträge) und, wichtiger noch: zur Achtung und zum Schutz der in ihren Staaten lebenden Minderheiten. Ein entsprechendes ´Wohlverhalten´ käme allen Beteiligten zugute. Es winken finanzielle Aufbauhilfen in Milliardenhöhe. Und wirklich alle kommen, früher oder später, in die EU und ins atlantische Bündnis; also: wieder miteinander zusammen.

Man erkennt sofort: Planspiele wie diese bleiben bloße Phantasie. Einige wenige Beispiele mögen das in aller gebotenen Kürze veranschaulichen. So entstünde, wie bereits erwähnt, der erste authentische muslimische Staat auf dem Boden Europas nach Ende des 1. Weltkrieges. Er wäre, EU-Betritt hin oder her, automatisch dem verstärkten Einfluss der Türkei und der Emirate ´ausgeliefert´. Und würde sich, im Herzen Europas gelegen, immer mehr von Europa entfernen. Schon jetzt ein Rückzugsgebiet für Extremisten rechtgläubiger Gesinnung, entwickelte sich dieses Land, allein schon aus Gründen nationaler Selbstbehauptung, zu einer Theokratie mit parlamentarischem Anstrich. Seine Sponsoren aus Nahost stellen nichts anderes dar. Auch die Türkei entwickelt sich schon seit Jahrzehnten in diese Richtung. Der Kontinent wäre über einen solchen Staat, der aus eigener Kraft kaum überlebensfähig wäre, stets mit den Unwägbarkeiten besagter Regionen verbunden. Rumpf-Bosnien bildete fortan eine Art Drehscheibe, wie schon seit Jahrzehnten Jordanien und der Libanon in der Levante. Aus Sicht der Emirate trifft es sich ganz gut, das ihre größten Feinde – das sind nicht die Ungläubigen des Westens, mehr die eigenen, unnachgiebig richtenden Ultra-Orthodoxen – in den bosnischen Bergen hausen und den Druck so nach außen verlagern. Wie denn die Demografie schon heute wie eine tickende Zeitbombe wirkt. Irgendwann, darüber muss man sich in Europa im Klaren sein, werden sich mächtige Flüchtlingsströme aus diesem Teil des Kontinents Richtung Mitteleuropa, also: hauptsächlich nach Deutschland ergießen.

Ein Großalbanien mit einer unsäglich aufgewerteten UCK an der Spitze wäre auf Dauer für Serbien kaum auszuhalten. Hingegen: ein Großserbien, mit weiterhin besten, nunmehr noch intensiveren Verbindungen zu Russland (wer wollte ihnen die verbieten?): ist und bleibt für Nato-Amerika unerträglich. Machen wir uns nichts vor: eine islamische Nation und eine Art aufgebockter Mafiastaat a la UCK: muss für alle übrigen Völker in der Region eine Provokation darstellen. Die Aufnahme eines wesentlich fremdbestimmten muslimischen Rumpfstaates in die EU oder die NATO wäre ein Affront sondergleichen, allen voran Serbien und Russland würden dies nicht unbeantwortet lassen. Russland könnte so das transatlantische Verteidigungsbündnis seinerseits herausfordern und in einen zähen Abnutzungskrieg verwickeln; damit also empfindlich schwächen. Am Ende freilich: auch sich selbst.

Eine Integration einzelner ´Entitäten´ in bereits bestehende staatliche Systeme ist und bleibt aufgrund divergierender Sicherheitsinteressen höchst prekär. Sie schürte automatisch neue/alte Feindschaften. Potente Ordnungsmächte würden hier ganz ordentlich mitmischen. Auf den Punkt gebracht: wäre eine auf dem Reißbrett konzipierte Neuordnung des Balkan nur um den Preis dauernder Kriege zu haben. Es sind und bleiben eben vitale Interessen, die im Vordergrund stehen; keine Sachzwänge. So aber ist weder ein erträgliches Zusammenleben noch irgendeine gute Nachbarschaft möglich, die noch zu Zeiten Willy Brandts in größerem Maßstab realisiert werden konnte. Heute stehen alle Zeichen auf Sturm.

Der bläst dann auch all jenen ins Gesicht, die einer Stärkung der Zivilgesellschaft das ständige Wort reden. Dafür fehlten auch weiterhin sämtliche Grundlagen. Anhaltende Perspektivlosigkeit wird die Jugend des Balkan auch weiterhin in Bewegung halten, also: zur Migration zwingen. Die verbliebenen Anteile verharren in gegenseitigem Misstrauen. Das bleibt die Regel. Der Westen mahnt unermüdlich zur Aussöhnung – und hält sich selbst nicht an die Phrase. Wir erleben es gerade im Umgang mit Russland und der Ukraine. Überhaupt: hatten die Völker des Kontinents nach Ende des 2. Weltkrieg noch Glück im Unglück. Seinerzeit befand sich ein umfassend zerstörtes Europa in totaler Agonie. Erst Jahrzehnte später kam es zu vorsichtigen Annäherungen einander nicht länger feindselig, doch noch immer misstrauisch begegnender Völker. Man denke nur an das Verhältnis zwischen Polen und Deutschland. Ohne den Marshall-Plan, der zumindest im Westen für Prosperität sorgte, wäre all dies schon im Ansatz undenkbar gewesen.

Kommen wir nun zum zweiten, sehr viel wahrscheinlicheren Szenario. Demnach ginge die Initiative zur Abspaltung nicht direkt von den Mächtigen aus. Folgendes Beispiel mag das recht eindringlich veranschaulichen. Die Republika Srpska macht also ihre Drohung wahr und trennt sich endgültig vom maroden Staatenverbund. Freilich: auch und gerade das dürfte bereits auf ein Signal von außen zurück zu führen sein. Im Grunde reichen ab sofort Kleinigkeiten aus, um einen solchen, immer wieder vollmundig beschworenen Schritt mit Nachdruck bekräftigen oder rechtfertigen zu können. Kostproben gefällig? Der ´Putin-freundliche´ Dodic verlangt seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, dass Bosnien-Herzegowina eine neutrale Haltung einnehmen müsse, andernfalls die Republika sofort ausscheren würde. Die USA könnten nun aber darauf beharren, dass gerade BH sich in dieser Sache einseitig festlegt. Sie haben die Macht, sie haben die Mittel: solches zu erzwingen. Dann müsste Dodic seinerseits liefern, wollte er sich nicht bei den eigenen Leuten lächerlich machen. Die Srpska würde also tatsächlich die eigene Unabhängigkeit proklamieren und Serbien um Anerkennung bitten. Auch und gerade Russland und China stünden diesbezüglich auf der ´Wunschliste´. Dodic machte es also wie die Sezessionisten im Donbass.

In dem Moment, da Russland und Serbien besagte Autonomie anerkennen, ergäbe sich die ´klassische´ Situation; eine, die den kalten/heissen Kriegern jenseits des Atlantik einmal mehr sehr gelegen, füglich entgegen kommt. Moskaus Einfluss auf dem Balkan nähme automatisch zu, blieben die abtrünnigen Serben stur. Es wäre nun ein Leichtes, hier bewaffnete Aufstände zu schüren und Russland in einen weiteren Stellvertreterkrieg zu verwickeln.

Erster Schritt: Vorfälle inszenieren. In der Republika Srpska lebt noch immer eine beachtliche muslimische Minderheit. Es reichte schon, diese Leute heimtückisch ins Visier zu nehmen. Als Täter kämen automatisch serbische Nationalisten in Frage. Womöglich langt, dieselben dezent zu ´ermuntern´. Wenn dann ab sofort wieder feige und aus dem Hinterhalt auf Bosniaken geschossen würde, geschähe dies am Besten in Srebrenica. Daraus ließe sich ein grandioser, weltweit beachteter Skandal machen. Das würde gleichzeitig die Muslime in ´Restbosnien´ und in aller Welt aufbringen. Erdogan drohte umgehend damit, Millionen Flüchtlinge auf Europa los zu lassen, käme man diesbezüglich seinen Forderungen nicht nach. Die zum Äußersten bereiten unter den Rechtgläubigen, deren Kampferprobte Haudegen gleich um die Ecke hausen, mischten sich nun ´von ganz allein´ in diesen Konflikt ein. Sie kann man bequem gegen die ´Völkermörder´ im Norden in Stellung bringen. Dann schnappt die Falle zu. Serbien wäre Kriegspartei.

Wird schon keiner merken, dass dies alles von langer Hand ´angebahnt´, diskret eingefädelt wurde. Die Amerikaner verstanden und verstehen es vorzüglich, im Ausland blutige Vorfälle inszenieren. Mit ´freundlicher´ Unterstützung eigener NGO´s werden vorab oder bereits parallel zu den ersten Scharmützeln friedliche Proteste aufgebauscht und zusätzlich eskaliert: das sichert die reine Weste. Dann kommt es nur noch darauf an zu liefern, wie in der Ukraine. Nichts leichter als das. Die USA hatten nie Probleme damit, Ultraislamisten diverser Fraktion (Taliban, El Qaida, IS usw.) hochzurüsten, um bestimmte Regionen nachhaltig zu verheeren. Dass lag immer im eigenen Interesse. Den Machern gelang es in diesem Winkel der Welt ja schon einmal, eine kleine Räuberbande (UCK) zu einer schlagkräftigen Armee ´hochzupeppeln´. Im Kosovo hat, um einen namhaften Publizisten zu zitieren, die Mafia einen eigenen Staat geschenkt bekommen. Camp Bondsteel würde ab sofort zum US-Hauptquartier auf dem Balkan, die Nato-Mitglieder Kroatien und Nord-Mazedonien, Montenegro und Albanien gerieten automatisch zu echten Frontstaaten. Auch Bulgarien, Rumänien und Ungarn würden in die Pflicht genommen; deren gemeinsame Grenze mit Serbien mag weniger brenzlig verlaufen, aber das tut irgendwann nicht mehr viel zur Sache. Es bliebe nunmehr äußerst schwierig für Moskau, den Verbündeten ´legal´ mit Waffen zu versorgen. Doch finden sich, treibt die Region ins Chaos, immer Mittel und Wege, das haben die Stellvertreterkriege der Vergangenheit bewiesen.

Schon heute wird deutlich, dass man im Westen wieder alles daran setzt, mittels verstärkter Präsenz ein Zeichen zu setzen um Druck auszuüben. So wurden jüngst Teile der massiv aufgestockten schnellen Eingreiftruppe nach Rumänien verlegt, in eine strategische Schlüsselposition also. Das müffelt verdächtig nach enorm viel Stunk im benachbarten Moldawien, wo man die russischen Kräfte in zusätzliche Manöver verwickeln wird, während die lange Binnengrenze mit Serbien Schritt für Schritt in eine Waffenstarrende Schützenkette verwandelt würde. Von insgesamt 5 Nato-Mitgliedstaaten eingekeilt, wäre Serbien nunmehr total isoliert. Den Rest erledigt dann das Bauernopfer Bosnien Herzegowina. ´Natostan´ wird die ihm nützlichen Paramilitärs, zu denen auch und gerade die Kampferprobten Formationen der UCK zählen, gegen Belgrad hochrüsten und in den nicht enden wollenden Kleinkrieg schicken. Der erste Schuss, na klar: fällt immer drüben. Serbien und Russland würden in Punkto ´Schuldfrage´ rechtzeitig an den Pranger gestellt. Mit jedem zivilen Opfer ließe sich die Hysterie, der Propaganda sei Dank, ins Unermessliche steigern. Das entsprechende Mediengewitter kann sich jeder selbst ausmalen: Putins langer Arm – Massaker unter wehrloser Bevölkerung! Oder so ähnlich. Goliath (NATO) marschiert also völlig zu Recht gegen den bitterbösen David (Serbien) auf. Tatsächlich nimmt sich Serbien in den beschriebenen Konstellationen ziemlich mickrig aus. Man muss es also größer, böser – schlimmer machen: in einen Erzrivalen verwandeln.

Solcherart ´legitimiert´, würde also ein weiterer, unglaublich grausamer, elender Abnutzungskrieg traurige Realität. Unter Kosovaren und Bosniaken bleibt unvergessen, welche Rolle Serbien in den Neunzigern in Punkto Zerstörung und Vertreibung spielte. Da sind noch immer etliche Rechnungen offen. Das alles lässt sich vortrefflich hochkochen und moralisch aufsülzen – sorry.

Eine neuerliche Verheerung des Balkan deckte sich vorzüglich mit den ´Langzeit-Zielen´ Washingtons. Die total überforderte ´Schutzmacht´ Europa geriete in zusätzliche militärische Abhängigkeit vom ´großen Bruder´ und müsste, schon um glaubwürdig zu bleiben, weiter hochrüsten. Gleichzeitig entfernt man sich immer weiter von einem Russland, dessen wirtschaftlicher und militärischer Einfluss auf dem Balkan nachhaltig gestört würde. Darauf eben zielen sämtliche Bemühungen der Strategen am Potomac und im Pentagon. Serbien und Bosnien Herzegowina sind diesbezüglich die letzten noch verbliebenen Dominosteine. Alle übrigen Staaten in der Region stehen im Grunde schon unter dem Diktat des ´freien Westens´. Der Ring um Serbien, dessen Renitenz unerträglich bleibt, schließt sich ab sofort immer enger, während BH infolge Selbstauflösung zur leichten Beute würde. Gestern noch ein strategischer Brückenkopf, trüge es nunmehr die Hauptlast des ganzen Krieges.

Der zunächst noch halbwegs überschaubare Regionalkonflikt würde im Laufe der Zeit verlässlich ausufern. Albanische Nationalisten zündeln, wie gesagt, schon seit Jahren in Mazedonien (wie dies auch Bulgaren und Griechen taten, die freilich auf ´diplomatischer´ Ebene). Diese Staaten funktionieren ohnehin auf ´Sparflamme´. Das macht sie zu florierenden Schwarzmärkten in Punkto Waffenhandel. So könnte der neuerliche Waffengang den Balkan in eine echte ´Schießbude´ verwandeln. Von der nordgriechischen Grenze bis hin zur bosnisch-kroatischen hätten wir dann ein wahres Durcheinander von einem Krieg; ein bluttriefendes Chaos sozusagen. Und wehe, hier ereigneten sich Zwischenfällen, die den Bündnisfall überreizen! Zu einer Verwicklung der Nato könnte es etwa kommen, wenn paramilitärische Verbände der UCK von Nordmazedonien aus Serbien gezielt unter Beschuss nähmen, um entsprechende Gegenschläge zu provozieren. Fänden dann echte Kampfhandlungen an der Grenze statt, auch und gerade auf mazedonischem Territorium, im schmalen Streifen zwischen Ohrid und Skopje, wo die Landsleute der Agent Provocateurs die deutliche Mehrheit bilden, träte tatsächlich der Bündnisfall ein. Massaker unter der Zivilbevölkerung heizten die Stimmung zusätzlich an. Ein leichtes, dort immer neue Aufstände anzuzetteln.

Wie würde wohl das direkt an die Republika Srpska angrenzende Kroatien seine innere Balance halten? Eine Islamisierung des Konflikts berührte früher oder später eigene, sehr vitale Sicherheitsinteressen. Dazu zählt auch der Friede mit dem einstmals verfeindeten Serbien. Gleichzeitig hat dieser Pufferstaat seinen ´Partnern´ zu genügen, den USA voran, ohne deren Waffenlieferungen seinerzeit die zügige Rückeroberung besetzter Gebiete nicht gelungen wäre. Das macht Kroatien erpressbar. Nach Möglichkeit wird Zagreb sich aus dem Schlamassel so weit wie möglich heraus halten. Es würde so zum Frontstaat mit ´besonderem Auftrag´: als Etappe für den Nachschub. Was einen echten Dreckskrieg ausmacht, mit Folter und Vergewaltigung, Vertreibung und sinnloser Zerstörung: die Kroaten haben es vor etwas mehr als dreißig Jahren erlebt und begnügten sich fortan lieber mit der Rolle des aufmerksamen Beobachters, brandet das Unheil erneut heran. Nationalisten und religiöse Fundamentalisten werden das Gebiet des ehemaligen Jugoslawien verheeren wie einst jene Horden von Landsknechten Mitteleuropa während des dreißigjährigen Krieges. Doch ist der Balkan schon im zweiten Weltkrieg ähnlich ausgebrannt bzw. ausgeblutet; und dann gut fünfzig Jahre später erneut.

Zusammengefasst: wäre Serbien schnell in einen echten Zweifrontenkrieg verwickelt – und mit ihm der böse Russe. An der Südflanke sorgt die UCK für Bewegung; in der Mitte und im Norden eine wilde Soldateska rechtgläubiger Fanatiker zwecks Erledigungen zahlreicher Drecksarbeiten. So ähnlich lief es ja schon im Krieg Anfang der Neunziger. Die jugoslawische Bundesarmee bombte Städte und Dörfer Kroatiens sturmreif, Tschetnikbanden erledigten den gräulichen Rest. Und wiederholten das dann im benachbarten Bosnien. Ab sofort hagelte es nun also aus dieser Richtung in die serbischen Enklaven hinein. Eine dezent hochgerüstete bosnische Bundesarmee würde an beiden Frontabschnitten mit viel Artillerie strategische Kollateralschäden herbei führen, islamistischen Extremisten und UCK-Kämpfer sorgten für entsprechenden Terror. Ob darüber dann auch so freimütig berichtet werden würde wie zuzeiten der alten Sezessionskriege? Schauen sie in die Ukraine: vom Wüten rechtsnationaler, offen nazistisch auftretender Verbände: war schon in den vergangenen acht Jahren keine Rede gewesen.

Im Kleinen wird sich bestätigen, was im Großen alle Maße sprengen dürfte. Um den autonomen Distrikt Brcko, einzige Landverbindung zwischen den zwei großen Landflächen der Republika Srpska, würde besonders unnachgiebig gerungen. Zeitgleich verwandelte sich das winzig kleine Kosovo, auf dessen Grund und Boden sich übrigens noch immer Truppen der KFOR, UNMIK und EULEX Verbände befinden, in ein großes Minenfeld. Serbien setzte, jetzt erst recht, alles daran, das mystische Hinterland um jeden Preis der eigenen Nation einzuverleiben: heim ins Reich. Im Kosovo leben Albaner (Mehrheit) und Serben (Minderheit) mehr denn je in echten Parallelgesellschaften; und bleiben einander spinnenfeind. Aber auch hier wären erstere am Ende die Guten, letztere die Unruhestifter. Als wenn das nicht, betrachten wir die Entwicklung im Ganzen, stets auf beide gleichzeitig zugetroffen hätte. Um auch im Kosovo ein Eingreifen zu rechtfertigen, bedarf es abermals bewährter Propagandasalven, mittels derer schon Ende der Neunziger ein völkerrechtlich illegitimer Angriffskrieg gegen Serbien eingeleitet wurde. Wie denn alle möglichen Kampfhandlungen in der Region unter diskreter Aufsicht und Duldung der NATO stattfänden, deren Komplizenschaft wie immer der guten, der gerechten Sache dient. Besagte ´Friedenstruppen´ des Westens (s.o) erleichterten den von Washington herbeigesehnten Bündnisfall im hauptsächlich von Serben bewohnten nördlichen Teil des Kosovo (die sie zu schützen vorgeben). Hier ist er im Grunde am ´billigsten´ zu haben…

Vor dem Hintergrund einer bis zum Exzess verklärten Geschichte dürfte der zu erwartende Waffengang so unerbittlich wie unnachgiebig ausgefochten werden, was man im säkularen Mitteleuropa mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen wird. Im Kosovo stellten die Albaner übrigens schon zuzeiten der osmanischen Fremdherrschaft die Mehrheit. Den Serben ist der kleine Gebietszipfel ob der legendären Schlacht auf dem Amselfeld unverändert heilig; bis heute hat sich diese stolze Nation nicht von der Schmach einer Niederlage erholt, die weite Teile des Landes unter das Joch der hohen Pforte zwang. Der ewige Zankapfel Kosovo: gleicht er nicht jenem, der im Heiligen Land den Konflikt zwischen Juden und Palästinensern stets von neuem legitimiert?

Gleich BH war der Kosovo zunächst Protektorat. Dann sorgte ein brutaler Aufstand der Kosovaren, die bis dahin per se als Opfer serbischer Aggression galten, für die eigene Unabhängigkeit. Wer weiß denn schon, das im Zuge dieser Gräuel landesweit 30 serbische Kirchen abgefackelt, 700 Häuser dem Erdboden gleich gemacht und insgesamt 4500 Nicht-Albaner, hauptsächlich Serben, vertrieben wurden? Zur Belohnung gab es einen eigenen Staat. Man darf davon ausgehen, dass auch hier Amerika im Hintergrund die Fäden zog. Böser Serbe – armer Kosovare: genau so wird man es uns demnächst wieder verticken. Tatsächlich funktioniert hier im Kleinen so wenig, was drüben, in Bosnien Herzegowina, im etwas größeren Maßstab endgültig scheitert. Aber auch dort wird der Schuldspruch am Ende eindeutig ausfallen.

Die für dumm verkaufte Öffentlichkeit tappt ohnehin in jede Falle, die man ihr stellt und wird den gängigen, grenzenlos verlogenen Narrativen auch weiterhin Glauben schenken. Ich höre sie schon blöken und zetern, all die ungedienten Zivilisten im Parlament, ganz besonders bei den Olivgrünen: Europas Freiheit wird auf dem Balkan verteidigt! Die Allianz der Guten lässt dann ihre Melnyks und Selenskys auf uns los. Rettet Bosnien, bevor es zu spät ist! Sogar die Farben der Flaggen passten; beide blau-gelb. Wie arm. Wie billig. Hinzu kommt: BH ist bitterarm, hier kann man also noch viel unbedarfter reinhauen und jeden Zipfel blutgetränkter Erde ´bis zum letzten Bosniaken´ verteidigen. Tatsächlich mehren sich in letzter Zeit gewisse Indizien, die einen Stellvertreterkrieg nahelegen. Die Vorwürfe an Serbien nehmen neuerdings an Schärfe zu. Dem Herrn Lawrow verwehrte man per Flugverbot die Einreise. Sogar die Bundeswehr ist nun zurück gepfiffen worden, mit gerade einmal fünfzig SoldatInnen, die wohl als eine Art Horchposten den amerikanischen Geheimdienst bedienen sollen. Den Herrn Biden wird´s freuen. Er spielte schon in der Vergangenheit eine dubiose Rolle auf dem Balkan, aber darauf einzugehen ginge an dieser Stelle endgültig zu weit.

Das dritte und letzte Szenario lässt sich nunmehr kurz und bündig abhandeln. Demnach bliebe einfach alles beim Alten. Die ´Leiche´ BH wird auch weiter zum Schein am Leben gehalten, dieweil unsere Weltwirtschaft in immer größere Miseren schlittert und diesen kleinen Flächenstaat so ganz automatisch mit in den Abgrund reißt. Dann schlägt endgültig die Stunde der Aasgeier. Besagte Oligarchen vor Ort sahnen noch einmal mächtig ab. Geht es ans ´fressen und saufen´ (Brecht), sind Volksaufstände beinahe zwangsweise die Folge, und das die verlässlich in Bürgerkriegen enden haben wie spätestens seit dem ´arabischen Frühling´ in ernüchternder Folge erleben dürfen. In Nordafrika waren es immer wieder steigende Brotpreise, die Revolten nach sich zogen. Die Selbstverbrennung eines 26jährigen Gemüsehändlers eröffnete den Reigen; wir wissen, was draus wurde. Um an dieser Stelle den eingangs zitierten Bismarck zu bemühen: welcher konkrete ´Unsinn´ wird am Anfang einer Auseinandersetzung stehen, mit der am Ende wieder keiner gerechnet haben will?

Nichts Neues also unter Sonne. Ganz gleich, was von den recht willkürlich gezeichneten Schreckensszenarien am Ende durch die Wirklichkeit bestätigt oder noch übertroffen würde: die Mär vom friedlichen Miteinander der Völker in einem Staat, von Multikulti der Marke BH: wäre endgültig wiederlegt, auch wenn ihre Sprechblasen überlebten.

Zu den Folgen einer neuerlichen, weit ausufernden bewaffneten Auseinandersetzung in der Region zählen vor allem immense Flüchtlingsbewegungen im Binnenraum. Hinzu käme ein erheblicher Außendruck, das heißt die sogenannte Balkan Route würde, so merkwürdig das auf Anhieb klingen mag, erneut an Aktualität gewinnen. Mit dem Kampferprobten Nachschub aus allen Teilen der rechtgläubigen Welt kämen eben auch wieder vermehrt Flüchtlinge aus Nahost und Nordafrika: Dreckskriege sind goldene Zeiten für Schlepper und Schleuser, Warlords und Menschenhändler, Drogen, – und Waffenhändler, für kriminelle Abstauber jeglicher Couleur. Die einzelnen Kriegsparteien schlügen ordentlich Profit aus diesem Geschäft. Über ausgewählte Routen kann das Gros anmarschierender Menschen Richtung Nordeuropa ´umgeleitet´ werden. Die meisten Fäden laufen übrigens, dies ist ein offenes Geheimnis, in der Türkei zusammen. Das Chaos eines grenzübergreifenden Krieges begünstigte eine ´Völkerwanderung´, deren Ausmaße uns schon einmal, im Herbst des Jahres 2015, überraschten. Binnenflüchtlinge und ´Orient-Migranten´ brandeten gemeinsam an die Außengrenzen der Union heran; entsprechende Tumulte zwischen Recht, – und Ungläubigen dürften auf Dauer kaum zu vermeiden sein.

In der Region selbst entstünde eine Art Superlibanon. Dieser setzte sich aus lauter kleineren und größeren Gebietsfetzen zusammen, die von unterschiedlichen Kriegsherren kontrolliert würden. Eine unberechenbare Soldateska schreckte sicher nicht davor zurück, ausländische ´Friedenstruppen´ in Geiselhaft zu nehmen um bei Bedarf menschliche Schutzschilde ´einzurichten´. Auf dem Balkan weitete sich insgesamt, wie im Kosovo, das kriminelle Netzwerk aus (passend zum korrupten). Wie wollte der Wertewesten all dies verhindern, was hätte er dem dann noch entgegen zu setzen? Heillos verstrickt in die Wirren eines multiethnischen Abnutzungskrieges, diskreditierte sich die Union am Ende ganz von allein.

Balkanblues

Die bisherigen Ausführungen sind spekulativ; reine Fiktion. Sie werden sich auf die eine oder andere Art und Weise bewahrheiten bzw. verwirklichen. In Bosnien Herzegowina wiederholt sich derzeit, was schon den Verfall Jugoslawiens Anfang der 90er auslöste oder begünstigte. Wie das alles dann im Einzelnen aussehen wird: wir werden es erleben. Und nichts mehr an den Folgen ändern können.

BH hat keine Zukunft als Staat oder Gemeinwesen. Ähnlich der Tschechoslowakei oder der Ukraine, zerfällt dieses artifizielle Konstrukt von ganz allein und endlich dann von langer Hand. Das gilt wohl grundsätzlich für derlei unausgegorene, fremden Mächten ausgelieferte Vielvölkernationen kleineren Maßstabs. Tragischerweise funktionieren sie, andererseits, nur unter der Fuchtel besagter Imperien, wie dem Osmanischen Reich oder der Sowjetunion, der KuK Monarchie oder dem Jugoslawien des Josip Broz Tito. Wenigstens eine Weile lang. Was auf Dauer keinen Bestand behaupten kann, verkümmert dann in rascher Folge und fliegt endlich krachend auseinander. Schon das nach dem ersten Weltkrieg geschmiedete Jugoslawien hatte keinen inneren Halt und war als ´Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen´ bereits so einseitig dreigeteilt wie BH heute. Letzteres ist also eine Art ´Klein-Jugoslawien´ – und wird als solches auch wieder vergehen. Einzig der Partisanen-Mythos inklusive Ersatzreligion (Kommunismus) unter Führung des ´Allerheiligen´ Tito hielt zuletzt noch einmal zusammen, was nun erneut, entlang uralter Mythen, zerbricht. Was bleibt auch, wenn die banale Wirklichkeit nur Tristesse zu bieten hat? It´s the economy, stupid – den Rest erledigt der Aberglaube. Da nimmt es sich recht ärgerlich aus, wenn der Wertewesten einen auf Oberlehrer macht. Die EU funktioniert ja selbst nur mangelhaft – wie soll da ´Absurdistan´ gedeihen? Die Schaffung zusammenhängender Gebiete als Entitäten bestätigte, wie wir sahen, die Eroberungen des Krieges und hat das Minderheitenproblem nicht aus der Welt geschafft, ganz im Gegenteil. Entlang der großen drei Mehrheiten flammen alte Konflikte immer wieder auf. So vollzieht sich ein Schicksal, dem leider von außen ganz entschieden nachgeholfen wird. Das ständige Gerede von der Völkerverständigung rechnet mit Verständigung, nicht mit Völkern. In diesem Teil Europas sind die Divergenzen und Antagonismen einfach zu tief verwurzelt.

Man kann den Menschen auf dem Balkan daraus kaum einen Vorwurf machen. Die Geschichte hat gerade hier schon sehr früh scharfe Trennlinien gezogen. Wir müssen schon bis in die römische Spätantike zurück blicken, um das im Ganzen begreifen zu können. Mit der Teilung Roms in einen östlichen und einen westlichen Teil begann das Drama.

Kommt es nun erneut zu einem Krieg, ist er näher als der im Donbass. Mit Kroatien befindet sich ein Land an vorderster Front, das EU und Nato-Mitglied zugleich ist. Die Kroaten sind ein sehr eigenwilliger Partner. Ihnen hatte man einst, in der Stunde der Not, da die ganze, bis ins Hochmittelalter zurückreichende Nation auf dem Spiel stand, Waffenunterstützung zwecks Selbstverteidigung konsequent verweigert. Gleich den Bosniaken. Die Ukraine wird jetzt mit Kriegsgerät vollgestopft. Wie denn das internationale Engagement seinerzeit im Unterschied zu heute mehr als bescheiden ausfiel.

Das hing wohl auch mit der besonderen Rolle zusammen, die Jugoslawien in der Nachkriegszeit gespielt hatte. Josip Broz Tito, der ganz wesentlich zur Entstehung der Gemeinschaft blockfreier Staaten beitrug, betrieb zeitlebens eine recht clevere Pendelstrategie. Finanziellen Zuwendungen aus Ost und West nicht abgeneigt, die er im steten, je nach politischer Großwetterlage vorgenommenen Wechsel einstrich, hielt er zugleich auf Abstand und Nähe, Annäherung und Distanz. Und ´pufferte´ den eigenen Standort mittels besagter Staatenunion, die ihm zusätzlich den Rücken frei hielt. Der alte Fuchs verstand es vorzüglich, im Spiel der Großmächte die heimliche Hauptrolle zu spielen – um solcherart die eigene Nation dauerhaft schadlos zu halten, deren recht unterschiedlich entwickelte Republiken nur mittels harter Hand befriedet werden konnten. Es war, in der Tat: Titos Staat. Als dann später, zehn Jahre nach seinem Ableben, die aus den Wirren des Weltkrieges hervorgegangene Volksrepublik Jugoslawien endgültig zerfiel, erfasste den Westen eine Art Lähmung. Angesichts der völlig unerwarteten Implosion Sowjetrusslands spielte dieses Land nur eine untergeordnete, der in etwa zeitgleich heran drohende Golfkrieg des Herrn Bush sen. hingegen eine überragende Rolle, denn hier rückten sehr vitale ökonomische Interesse in den Vordergrund – und den Balkan, der ´nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert´ sei (Bismarck) in den Hintergrund. Wie denn die Öffentlichkeit von den Sezessionskriegen auf dem Balkan seinerzeit irgendwie überrumpelt wurde und nicht gleich mitkam. Die Geostrategie folgte ihrerseits verspätet; und ziemlich kopflos obendrein. Alte Ordnungssysteme zerfielen rasend schnell, neue bildeten sich nur recht vage heraus, der Verfall einzelner Gebilde nahm stetig zu. Nicht wenige hängen bis heute in der Luft.

Europa stehen harte Zeiten bevor. Vom Baltikum bis hinunter in den Balkan brennt es; an allen Ecken und Enden. Über das Nato-Mitglied Türkei sind wir bis in die unmittelbar an den Kontinent angrenzende islamische Staatenwelt involviert; Sahel inklusive. Wir stehen aber unter striktem Kommando. Der Hegemon verfolgt eigene Interessen. Und immer häufiger, immer unerbittlicher: auf Kosten seiner ´Partner´. Ob das endlich einmal bemerkt werden wird? Dann könnte es auch schon zu spät sein.

Mit einem Krieg sei in Bosnien Herzegowina nicht mehr zu rechnen – rechnen uns die vor Ort akkreditierten Experten auch weiterhin so stur wie unbelehrbar vor. Denn allen Miseren zum Trotz seien die leidvollen Erfahrungen des zurückliegenden Waffenganges noch immer allgegenwärtig, in bester Erinnerung also. So einleuchtend das auf Anhieb auch klingen mag: die Geschichte wiederlegt es. 1. und 2. Weltkrieg lagen gerade einmal 21 Jahre auseinander. Mit dem entsetzlichen Massensterben in den Schützengräben war eine Qualität des Grauens erreicht, die unübertroffen schien. Der anschließende Waffengang lehrte den Zeitgenossen eines Besseren, also: viel, viel Schlimmeren. Friedlich ist es in den zurückliegenden, bald achtzig Jahren, nirgends an der Peripherie geblieben. Nun rücken die Einschläge deutlich näher. Eine völlig ahnungslose Spaßgesellschaft nimmt dies so verwundert wie überfordert zur Kenntnis.

Abschließend zwei kleine Anekdoten. Es ist bald 20 Jahre her, da unterhielt ich mich in einer Konoba mit einem Bosniaken, der im Kessel von Sarajewo gekämpft hatte. Es war sehr heiß an dem Tag, weshalb es für den Mann keiner Schwierigkeit war, mir einmal sämtliche seiner leidig verheilten Fleischwunden zu ´präsentieren´. Was aus ihm wurde, der mir durch seine sehr ruhige, nachdenkliche Art auffiel, weiß ich nicht. Es wurde viel und laut gelacht in unserer kleinen Runde; und ordentlich gezecht. Er selbst lächelte verhalten: von einer latenten Melancholie berührt, die jede seiner Gesten unnachahmlich zeichnete. Ein anderer Veteran, den sie im Fischerdorf, in dem mein Vater aufwuchs, nur Mucha nannten (Fliege), kämpfte Anfang der 90er Jahre auf kroatischer Seite im Sezessionskrieg. Mit ihm war anschließend nicht mehr viel anzufangen. Er fand sich nirgends zurecht und verfiel rasch dem Alkohol. Als ich ihn das letzte Mal sah, zur Mittagszeit, lag er vor der Kneipe auf einer Holzbank und schlief seinen Rausch aus. Bald darauf verschwand Mucha ganz von der Bildfläche. Der stolze Recke zog sich in die Berge zurück, ins hügelige Hinterland des Kvarner, von wo er stammte. Jahre später entdeckten wir sein Grab: ein ärmlich aufgehäufter Erdhügel, mit Holzkreuz und Medaillon, das ein bereits verblichenes Portrait von ihm barg. Auch diese letzte Ruhestätte ist mittlerweile verschwunden, weil keiner mehr da war, um die ´Laufzeit´ mittels ´Nachzahlung´ zu verlängern. Trauriges Ende eines Helden.

Es sind vor allem Menschen, die der Krieg zerstört. Menschen, die an Körper, Geist und Seele Schaden nehmen. Die schlicht auf der Strecke bleiben und ganz schnell vergessen werden, hat sich der Furor endlich ausgetobt. Mit oder ohne Waffe: gehen die meisten von ihnen gnadenlos zugrunde. Das sollten all jene bedenken, die als ehemalige Kriegsdienstverweigerer und erklärte Pazifisten in bellizistischer Verblendung, ja Verzückung neue Dreckskriege anheizen und mittels  moralischer Belehrung rechtfertigen. Bei allem Respekt: sind deren Phrasen einen Scheißdreck wert. Es wird geschätzt, dass während der ´Kongogräuel´, in einem Zeitraum von gut zwanzig Jahren, annähernd zehn Millionen Afrikaner eines gewaltsamen Todes starben. In diesem riesigen Flächenstaat Zentralafrikas kam damals alles zusammen, was an Abscheulichkeiten im Zuge kriegerischer Auseinandersetzung gerade auf dem schwarzen Kontinent zur traurigen Routine zählt: Sklaverei und Zwangsarbeit, Geiselnahmen und Hinrichtungen, Verstümmelung und Folter. Ein Entrüstungssturm blieb aus. Bis heute. Bis zum nächsten, der dann wieder all denen in den Kram passt, die ihn so einseitig bemühen.

Über Shanto Trdic 127 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.