Freddie Mercury – Der Zauber des Profanen – Teil 2

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II.

Menschlichen Gesamtkunstwerken eignet kraft ihres unwiderstehlichen Gestaltungswillens, Leben und Werk zu einer dauerhaften Einheit verschmelzen. Man kann beides gar nicht getrennt voneinander betrachten denn beides bedingt einander; in oft Achselzuckender, salopper Ergänzung. „Wenn die Leute aufhören, unsere Platten zu kaufen,“ meinte Mercury einmal,“ werde ich Strip-Künstler oder so etwas.“ Der Stadiongott als Animiermädchen im miefigen Kellerambiente? Was im ersten Moment noch komisch klingt kann auf den zweiten Blick nur bestätigen: so einer bleibt sich treu. Hauptsache, das Leben läuft in etwa weiter, wie er sich das vorstellt: posieren kann man vor einem Haufen alternder Schwuchteln so gut wie in der Arena von Wembley. Und wegwerfen lässt sich dieses Leben ferner auf vielerlei Art und Weise. Nur muss es stimmig, also: kitzlig bleiben. Wenn einer wie Byron vor lauter Überdruss in den Krieg zog oder der Dichter-Kollege Lermontow (auch er äußerlich ein ´Freddie-Typ´) mit gerade einmal 27 Jahren sein Leben einem ziemlich überflüssigen Duell zur Verfügung stellte (jetzt denke man nur noch an den Polit-Dandy Lassalle), dann passt auch dies zu dem, was Mercury ernstlich von sich selbst behauptete:“ Ich brauche wirklich Gefahr und Aufregung. Ich wurde oft gewarnt, ich soll von Clubs wegbleiben, weil es zu gefährlich wäre. Aber ich vergnüge mich damit – ich habe niemals Angst, dass ich mich etwas aussetze.“ Eros und Tod, Überdruss und Überschuss, Langweile und Vabanque: gehören zusammen, sie beißen sich nicht, trächtigen vielmehr das Leben, sollte es allzu störrisch, allzu fade werden. Je älter Mercury wurde, umso bleiläufiger geriet ihm das Eingeständnis, im Grunde einzig für den Exzess gelebt zu haben: „Ich bin nur eine alte Nutte, die jeden Morgen aufsteht, sich am Kopf kratzt und sich fragt, mit wem sie bumsen möchte.“ Er habe, versicherte der Star, nur für Sex gelebt; für Liebe. Beides war ihm eines. Und daran ist er schließlich auch zugrunde gegangen. Liebe als russisches Roulette, wie er das mal äußerte. So beiläufig wie konsequent.

Mercury wuchs im fernen Indien auf, verbrachte aber seine Jugend im London der Swinging Sixites, wo er den begleitenden Mythos rasch für sich entdeckte und gewann. Gewiss: Sex, Drugs and Rock´n Roll: klingt heute so Gottverdammt heruntergekommen und abgewichst, das es einen schaudert. Freddie aber verstand es vorzüglich, den gespreizte Dreiklang noch einmal, wie die späten Guns and Roses, auf eine eigene, einsame Spitze zu treiben. Die endlos langen, sündhaft teuren Parties zeugen davon. ´Klotzen statt Kleckern´. Er gab auch hier gern an, aber ein bloßer Emporkömmling ist er darob doch nie gewesen. Seine Eskapaden und Skandale zelebrierte er wie ein verschlagener Lümmel, der sich diebisch über die Reaktionen derer freut, die dafür schon zu alt sind; nicht an Jahren, sondern mangels eigener Entschlusskraft oder Courage. Peinlich, ja mit ziemlich Umsicht und Sorgfalt pflegte Freddie seine schaumschlagenden Marotten. So weigerte er sich einmal, ein Hotel zu verlassen, weil gerade keine Limousine zur Verfügung stand. Es eilte, aber der Star bestand auf einer Luxuskarosse. Die man ihm dann auch tatsächlich unter unsinnigem Aufwand bereit stellte.

Seine Begierden lebte er nahezu unbekümmert aus. Bei allem großtuerischen Gehabe neigte Mercury dennoch immer zur kultivierten, gelegentlich blasierten Gebärde. Er wickelte das Pfund sozusagen in teure Wolle und versäumte nie, damit zu wuchern. Und blieb zeitlebens ein eitler Pfau, der zur Maskerade neigte; zum schönen Schein. Aber auch eine reine, recht unverstellte Menschlichkeit, die gleichsam von ihm ausging, muss in diesem Zusammenhang erinnert werden, denn der Verschwender war andern gegenüber immer auf geradezu maßlose Art und Weise großzügig. Diese Menschlichkeit war auch sein größtes Manko. Jenseits der Arbeit, abseits des Scheinwerferlichts wirkte der im Grunde seines Wesens schüchterne, verletzliche Mercury immer etwas verloren; verzagt und in sich verfangen. Dann kämpfte er mit den Emotionen, die ihn schüttelten; den Gärungen eines wallenden, unendlich sensiblen Gemüts. Eine gewisse Tapferkeit bewahrte ihn andererseits vor jeder Morbidität und weinerlichen Verzweiflung. Er wusste seine ´Schwächen´ in Stärken zu verwandeln. Einen eisernen Willen vorausgesetzt, den er besaß, lassen sich die entgegen gesetzten Affekte umso trennschärfer mobilisieren und in Stellung bringen, noch vor jeder ausgleichenden Symbiose. Wenn er später bewusst eine etwas aufgesetzt wirkende Männlichkeit kultivierte, kam das nicht nur bei den von ihm begehrten (weniger bewunderten) ´Burt Reynolds Typen´ an: damit stählte er auch die leicht erregbaren, oft bis zum zerreißen gespannten Nerven, deren Enden allzu schnell brach lagen. Insider betonen, dass der Mann bei allem, was er tat, stets die Kontrolle behielt; als einer, der sein Leben ganz bewusst inszenierte, statt den Dingen ihren freien, anarchischen Lauf zu lassen. Exzess und Disziplin hielten sich so nicht nur die Waage; sie bedingten einander. Er feierte Feten Nächtelang, gern auf Mallorca, wo dann anschließend Fitness und Tennissport anstanden.

Bis an sein Ende blieb er, wie wir sahen, konsequent. Der Sänger Jim Morrison soll einmal seiner Geliebten gegenüber geäußert haben:“ Mein Leben wird mit einer Katastrophe enden und ich versuche meine Katastrophe so bewusst wie möglich zu planen.“ Er endete tot in der Wanne. Mercurys Katastrophe glich in den letzten zwei Jahren eher einem schleichenden Zerfall. Er akzeptierte, was unausweichlich war und hätte natürlich nie von einer Katastrophe gesprochen. Sein ´Hasardeurismus´ war kühn, keck und ungestüm, ohne den schmollenden Ernst eines Lizard King oder die Verbiesterung Kurt Cobains, denn das Leben wurde ihm nie ernstlich zum Problem; offenkundig verbat er sich solches. „Mit meinem Leben mache ich was ich.“ Er schmiss es weg, aber mit Frohsinn und Leichtigkeit, ohne zu murren, ohne zu meckern – das mosern oder ´lamentieren´ lag ihm nicht. Was selten genug vorkommt. Seine Stirn zierte folglich auch kein Kainsmal. Derlei nachträglich verfügter, wichtigtuerischer symbolischer Ballast diente ihm nie zur Rechtfertigung dafür, so leichtfertig und ´kindisch´ mit seinem Leben umgegangen zu sein. Das war eben nicht sein Ding. Das zeugt von hohem Adel, wie ich finde.

Wer mit dem Leben spielt, leidenschaftlich und voller Verve, der nimmt es doch gerade ernst; auf seine eigene Weise. Freddie fand, es solle eine ganze Menge auf einmal zu bieten haben, dieses Leben, und von den zur Verfügung stehenden (oder herbei zu schaffenden) Möglichkeiten verlangte er intensive, innige Beglückung, sofort, auf der Stelle, schnell und ohne Umschweife, immer  direkt und bis zur besagten Neige, auch ohne jedes Stocken. Frei von lästigen Verzögerung hatte dies zu geschehen, jede bloße Muße störte nur, verunsicherte ihn schnell, das machte überhaupt sein immer gehetzt und unsicher wirkendes Wesen aus, denn er ruhte nie in sich. Solche Leute sind dann auch in Gesellschaft immer ganz allein und auf das gestellt, was man als Charakter zu bezeichnen pflegt. Ein solcher Solipsismus reicht ideengeschichtlich gleichsam weit zurück. Max Stirner hat ihn in seinem ´Einzigen´ recht hochmütig umrissen. Bezeichnend wiederum, das der Begriff bis weit in das neunzehnte Jahrhundert hinein gleichbedeutend verwendet wurde mit dem der ´Selbstsucht´. Lebt man dieselbe konsequent und ohne Abstriche, wird schnell ein Fluch draus. Menschen, die sich dem Fatum ergeben, können auf Dauer gar nicht ohne Ausgleich, ohne Milderung leben. Mercurys Herz hing kurioserweise zeitlebens an einem einfachen, schlichten Mädchen namens Mary Austin, deren Erscheinung von ihm im Laufe seines Lebens nahezu marienhaft verklärt worden ist. Auch nur ein selbstverliebtes Spiel? Es haben sich etliche Aufnahmen erhalten, die dieses komische Pärchen abbilden: von den frühen Siebzigern bis fast ganz zum Schluss. Privat oder auf Partys, beim Einkaufen usw. Hier der stolze Beau mit den vollen Lippen, fast väterlich in seiner Haltung, dort die jungenhaft verhärmt wirkende, nicht übermäßig hübsche Blondine mit sicherem Blick und einem natürlichen Lächeln. Diese Bilder wirken auf beredete Weise bezeichnend. Hand aufs eigene Herz: nie wirkte der Star gelöster, entspannter, ja: zufriedener. Glücklich gar? Aber es blieb nur ein Märchen, und womöglich war es das, was er an dieser eigentümlichen Romanze so schätzte: das sie ein Traum blieb ohne Erlösung, ohne Happy End. Darin gipfelt die Tragik eines Menschen, den die Bewunderung der Masse (seid umschlungen, Millionen) nie reichte, nicht reichen konnte, und da ihm gleichsam nicht gegeben war, in trauter Zweisamkeit zu altern, hielt er den Traum bei Laune. Soweit ich weiß hielt Mercury es nie länger bei einem seiner Lover aus. Mit sinnlicher Zweisamkeit auf Zeit musste er sich begnügen. So loderte die Flamme immer nur kurz, um jäh wieder zu verblassen. Erstaunlicherweise hat er gerade dies den Fans auf überzeugende, unglaublich zwingende Art und Weise vermitteln können: ein die Einsamkeit bannendes, bändigendes und wieder entfesselndes Gefühl von kurzer, aber Überlebensgroßer Gemeinschaft; etwas, das dann als Illusion ´trägt´ und Geborgenheit schafft. Was ihm selbst, jenseits kurzer, knapper Glücksmomente, zeitlebens versagt geblieben ist. Weder in überlaufenen Stadien noch im muffigen Hotelzimmer hat er das stille, faule Glück finden können. Jeder Mensch sehnt sich heimlich danach; auch seine größten Verächter können kaum anders. Kannte Freddie Mercury überhaupt so etwas wie Heiterkeit, Ruhe, wohlige Wärme? Ohne andere Menschen geht es nicht, aber die Anderen, gleich, wie viele es waren, sind immer nur der Anlass, nie der Grund seiner Erregung gewesen; waren nur Auslöser – nie eine Lösung, die Vollendung gebracht hätte. Er benötigte sie als Stimulanzien, bis zum Äußersten – aber beruhigt, besänftigt hat das den Besessenen nie. Noch einmal der Lizard King, als Dichter:“ Not to touch the earth, not to see the sun, nothing left to do but run, run, run – let´s run.” Auch Freddie lief, bis ihm der Atem ausging; hielt Schritt, und bis zuletzt auch Hof.

Noch auf sehr viel kürzerer Wegstrecke hätte er vermocht, sein Leben in besagtes Gesamtkunstwerk zu verwandeln. Hinter welchem der Schöpfer selbst ganz entschieden verschwand. Beruf oder Freizeit, großer Auftritt oder kleiner Austritt, vom Studio bis zum Tennisplatz, zwischen Pressekonferenz oder Fotoshooting – jeder Anlass war ihm Ansporn genug, alles bis ins Kleinste zu inszenieren, in schillernde Spektakel oder aufreizende Miniaturen zu überführen; nicht selten garnierte er die Verrenkungen mit dem ihm eigenen Humor. An sich selbst ließ er keinen heran kommen. Witzigerweise ist er damit, wie mehrfach angedeutet, einer der Wegbereiter jener hektischen, pausenlos lärmenden, ewig gutgelaunten, immerzu ´funktionierenden´ Spaßgesellschaft geworden, die heute als liebloses Massenphänomen Eingang in sämtliche Lebensbereiche gefunden hat, aber man täusche sich nicht: ihre abgestandenen, wiewohl schrillen Erscheinungen kontrastieren zum exklusiven Anspruch dessen, der noch den wüsten Gelagen den Hauch des Legendären abgewann, als einer, der sozusagen den Luxusschleier lüftet – bevor sich diese Attitüde endlich auch in seinen Kreisen überlebte. Die kommerziell einträglichen Massenevents unserer Tage sind in ihrer Beliebigkeit eher blasse Ableger eines zunehmend schwindenden Ideals, dem er noch einmal gewinnend Ausdruck verschaffte; ein Abklatsch, vergleicht man sie mit den Feten Freddies, die oft Tage dauerten und noch aus dem Vollen schöpften. Heute, wie billig, verblasst die Aura, weil sie am Übermaß erstickt, das selbst kein Maß mehr kennt. Wie anders auch. Platt und zwecks Verdeutlichung ganz von oben herab: Promis wie er probierten aus, was der Pöbel nur mehr ´praktiziert´. Glücklich geworden ist damit übrigens keiner. Es macht aber schon einen Unterschied, ob einer wie der Fürst Pückler die Geliebte mit einem Hirschgespann abholen lässt oder irgendein Proll den Schlitten von der Stange vor seinem Club parkt.

Mercury war ein Traumtänzer, weltfremd war er nicht. Im Gegenteil. Er kam den Tücken des Geschäfts schnell auf die Schliche und konnte in Verhandlungen zäh und unnachgiebig sein. Die Kohle stimmte. Schotter kam immer ordentlich rein. Und zügig wieder raus. Anders formuliert: sämtliche privaten Einnahmen ordnete er der Lebensplanung unter, indem er sie meist in sofortige Ausgaben übertrug. Das viele, viel Geld gab er ganz schnell wieder aus. Damals konnte man mit Platten noch richtig reich werden, obschon die meisten unter Vertrag stehenden Künstler elend reingelegt wurden. Sie logierten in Villen, die der Bank oder dem Management gehörten, und ihre Luxuskarossen waren entweder geliehen oder schon abgeschrieben. Einer wie Freddie häufte seinen Besitz ohnehin nur infolge chronischer, ja fast zwanghafter Konsumlaune, auch hier ein Pionier. Wer nicht auf die Zukunft setzt kann unbekümmert prassen. Mercurys frühester Biograf, der Journalist Rick Sky, versicherte, dass der Star binnen weniger Minuten in einem einzigen Kaufrausch mehr Geld ausgeben konnte, als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben verdienen. Während eines Blitzbesuchs in Japan erwarb er Antiquitäten und Kunstgegenstände im Wert von damals umgerechnet einer Million Mark. Auch ließ er sich im Laufe der Jahre mehrere, zum Teil prächtige Residenzen herrichten. Heute könnte man solche Anwesen gar nicht mehr ohne entsprechende Auflagen in die Landschaft rammen; damals ging das noch. Das kostete Unsummen. Freunde und Bekannte beschenkte er, stach ihn der Hafer, nicht minder reich. Um es nochmals zu erinnern: Einer wie er musste kein Geld anlegen. Auf die bequeme Rente hatte er es nie abgesehen. Nur weg damit. Das Heute zählt. Queen gehörten, ob ihrer soliden Umsätze, die in der Branche Neidentbrannt registriert wurden, zu den tatsächlichen Großverdienern; jenen wenigen also, die auch wirklich über Eigenkapital verfügten, während das Gros der Konkurrenz eigentlich nur auf Pump lebte.

Vor allem Mercurys Zeit in München verdient in diesem Zusammenhang besondere Erwähnung. Damals verdiente er auch das meiste Geld. Für Schwule, die ihre Sexualität hemmungslos ausleben wollten, war die Stadt ein echtes Dorado. Freddie, schon auf die Vierzig zugehend, tigerte noch einmal wie ein frisierter Geck durch die Szene. Und gab auch weiterhin darauf acht, die entsprechenden Cuts zu bestimmen, das Timing – den Tenor. Als Regisseur der Enthemmung, die bei ihm einer kontrollierten Erregung glich, inszenierte er jede Sekunde, jeden Augenblick – wie den letzten. Der Münchner Produzent der Gruppe, Reinhold Mack, brachte es lapidar auf den Punkt:“ An einem Tag konnte er sich mit Koks die Birne voll knallen, am nächsten rührte er das Zeug nicht an.“ Freddie der Kontroll-Freak; einer, der ständig über die Stränge schlug und alle zusammen hielt.

Im Mittelpunkt seines zwischen Karriere-Schub und Luxus-Lotter kulminierenden Lebens, zwischen der Arbeit (Aufnahmen und Auftritte) und den Ausschweifungen (Partys, Einkauf), stand der Sex, und die Liebe war, wie wir feststellten, nur ein Bestandteil desselben, aber ein gewichtiger. Zwar unterhielt er auch weiterhin die innige, wiewohl platonische Beziehungen zu Mary Austin (später kam noch die barocke Barbara Valentin hinzu, als zeitweilig ständige Begleiterin seiner Eskapaden), aber das Animalische packte ihn nahezu notorisch: Stromstößen gleich, die jede Faser der Haut und des Gemüts erfassten. Wehe, man dreht diesen Menschen einmal dauerhaft den Saft ab. Damit berühren wir im Grunde einmal mehr die tragische Begleitmelodie solcher Existenzen, denn ihre Einsamkeit hinter all den hektisch vollzogenen Vergnügungen bleibt bestehen. Mehr noch: die besinnungslose Zerstreuung trächtigt das Alleinsein ungemein. Mercury war viel zu intelligent, um das nicht zu begreifen, und dennoch zeitlebens zu stolz, sich und andere damit zu belästigen. Noch einmal Byron:“ Nur Oberflächliche kennen sich selbst.“ Gilt sicher nicht für alle. Auf kultivierte Menschen trifft es häufiger zu.

Die totale, absolut gesetzte Diesseitigkeit, mittels derer er das Leben verzaubern, nicht verändern wollte, divergierte nur geringfügig zum oft umständlichen Gehabe etlicher seiner Kollegen, das so gewollt wirkte wie Mercurys Schwelgen im verschwenderischen Luxus: der half, immerhin, das über weite Strecken schnöde Dasein stilgerecht zu vergeuden. In seinem Leben werden, jenseits der ständig praktizierten Stilwechsel, keine Brüche, Krisen oder Umschwünge transparent, keine echten inneren Wandlungen. Neben den rein äußerlichen, modisch oder ästhetisch justierten Varianten blieb dieser Mensch auf seltsame Weise arretiert, im Dogma der Sinnenfreude nahezu erstarrt. Persönliche Probleme wurden, in den Texten, allenfalls angedeutet (auch dazu später mehr), irgendwelche tiefschürfenden Botschaften blieben ihm zeitlebens fremd, und mit Esoterik oder ´Philosofaselei´ hatte er schon gar nichts am bunten Hut. Mercury wurde nie bei irgendwelchen Gurus mit einer Sinnkrise vorstellig und er engagierte sich auch bis zum Ausbruch seiner Krankheit nicht in den Chefetagen diverser Wohltätigkeitsorganisationen. Keine Midlife-Crisis, die ihm riet, nunmehr die Welt oder, wie billig, erwachsen werden zu müssen. Innere Schwankungen, persönliche Unsicherheiten, Ängste und Zweifel haben ihn ganz gewiss immer wieder heimgesucht und bestimmt hat er die begleitenden Gemütszustände intensiver, inniger erlebt als etlicher seiner zur öffentlichen Selbstentblößung neigenden Kollegen. Aber das waren eher Phasen als Prozesse, weniger Zyklen, mehr periodisch wiederkehrende Stimmungsschwankungen, wie bei einer bipolaren Störung. Ein Umlenken oder gar Umdenken bewirkten sie bis zur Hiobsbotschaft, sich den tödlichen Virus gefangen zu haben, nie.

Es waren vermutlich weniger Abschnitte, mehr bestimmte Situationen, die seine Sensibilität auf die Probe stellten. Mitunter nur Momente. Nur? Er lebte für den Moment, für jeden einzelnen, der´s wert war. Nicht die Strecke zählte. Einzig der Augenblick. „Ich bin ein Mann der Extreme,“ beteuerte Mercury ohne rot zu werden, „ich habe eine weiche und eine harte Seite mit nicht viel dazwischen. Wenn die richtige Person mich findet, kann ich sehr verletzlich sein, ein richtiges Baby.“ Die entsprechenden Anlässe bewirkten nie eine Kehrtwende, konnten als Auslöser keinen ´Trendwechsel´ einleiten, aber für besagten Augenblick mobilisierten sie alles – und mehr. Seltsam hermetisch wirkt so ein Leben, das nur auf Freiheit und Entfesselung setzt und jenseits dessen nichts mehr gelten lässt. Da fehlt der Ausgleich langer Strecken, der Gewöhnung und der Mäßigung. Das sparte er sich. Mercury hatte sich von Anfang an klare Ziele gesetzt und ließ alles Übrige betont außer Acht und Bann. Der Weg das Ziel? Nur Mittel zum Zweck. Oder, wie es der Meister selbst formulierte:“ Meine Karriere ist es, die mich antreibt. Was sollte ich sonst tun? Unkraut jäten, fett werden und schön verliebt sein? Nein, ich möchte so erfolgreich bleiben wie ich bin, wunderbare Songs schreiben und verliebt sein – nicht das es bisher funktioniert hat, aber ich werde es weiter versuchen. Ich habe Bäche geweint.“ Er widerspricht sich hier nur scheinbar: im Grunde war dies eine schüchterne Offerte, der Versuch, das Dilemma wenigstens anzudeuten. Alles giert nach Liebe, und alle Liebe ist zu groß für diese Welt. Lieber noch am Überschwang krepieren als an der Illusion selbst, die das Allerheiligste nicht anzutasten vermag.

Die Masse der bedenkenlos Bewundernden muss das auf Anhieb gespürt haben. Keiner hat sie so sehr verzückt, wie dieser. Geschickt und virtuos spielte Mercury auf der Klaviatur ihrer sengenden, kollektiv gespannten Gemüter, die er damit gleichsam unumwunden, fast vulgär umwarb, aber keiner blieb auch nach jeder Inszenierung so einsam zurück wie der Champion himself. Er wollte sich mit der Masse mittels monströser, hehr angestimmter Chöre vereinen, daher dann auch das zunehmend Eingängige, Gassenhauerische, das Melodiöse und Bezwingende, dass auf sinnliche Überrumpelung setzende, immerzu Verführerische in seinen Liedern, die auf derlei sympathischen Größenwahn früh angelegt waren. All dies blieb ein mächtiger, verzweifelter Aufschrei nach Liebe, die ihm in Echtzeit versagt blieb und umso mächtiger verpuffen musste, je gewaltiger er sie öffentlich inszenierte. Ob es etwas in seinem Leben gäbe, wurde er einmal gefragt, dass er noch nicht erreicht habe.“ Glück,“ erwiderte er, eher kleinlaut.“ Das habe ich noch nicht gefunden.“ Galt seine innige, indes platonische Zuneigung durchweg der netten Mary: daraus konnte im Ergebnis nie etwas Richtiges, Endgültiges, Festes werden. Die Koordinaten hatte er eben anders gesetzt, und verschieben wollte er sie nicht. Der Kurs stand; bis zum finalen Schiffbruch. Um beim Vergleich zu bleiben: Freddie fing sich sein Leck eher beiläufig an einer der scharfkantigen Klippen ein, die er so unbeschwert umsegelte; mächtige Wellenschläge hieben die ganze Luxusjacht am Ende nieder. Die zeitlebens verhöhnte Schwerkraft zog auch ihn endgültig hinab.

Abends, am Ende eines langen Tages, litt dieser Mensch heilige Notstände, blieb das Hotelbett leer. Saß bis dahin kein Lover auf der Bettkante, konnte er trübsinnig werden. Er hatte einen Horror davor, die Nacht allein verbringen zu müssen. Abends, so schien es, überkam ihn die geballte Einsamkeit wie ein stummes, graues Gewitter; ja, überhaupt: wie ein Grauen. Er verzehrte sich eben nach Liebe zu anderen Menschen und blieb doch zeitlebens isoliert. In dem Bemühen, im Anderen aufzugehen, glücklich und ohne Rest, stand er sich selbst im Wege. Mit dem Ruhm wuchs auch der Schatten. Zu gewaltig die Erscheinung, die sich blähte. Die großen Fährten, denen Mercury folgte, um ´Gloire´ zu ernten, verkamen am Ende des Tages zu traurigen, sehr engen Trampelpfaden. Da strauchelte, stolperte der Abgott dann. Jeder wahren Größe, im vieldeutigen Sinne des Begriffs, eignet eine eigentümlich stille, stumme Tragik, die ihren Namen nicht zu nennen zu wagt. Der große Auftritt vor immer größerem Publikum, in riesigen Stadien und auf Freiluftplätzen wie in Rio oder Buenos Aires, kann sicher auch als eine bis auf die Spitze getriebene Abwehr gegen Verzagtheit, Schüchternheit und Einsamkeit begriffen werden. Als ein unentwegter Schrei nach Nähe, den jubelnden Massen entgegen, deren Erwiderungen mächtig zurückbranden und doch am Ende nur geblähter Schall und kläglich Rauch waren. Nichts blieb; nichts hatte Bestand. Nichts fasst man so; man möge fühlen was man will. Was da an wildem Sturm heran tost, das verreckt in Wahrheit schon wie schale Gischt an der Bühnenkante, eine Reling der Einsamkeit; wiewohl der Vorgang selbst noch ungemein berauscht. Tatsächlich betäubt er nur. Und zeitigt Leere. 

Die Einsamkeit kulminierte, da Freddie unfehlbar zerfiel und der Welt endlich ganz abhandenkam. Der schöne Schein, für den dieser Mensch gelebt hatte musste jedoch gewahrt bleiben. Das Alleinsein wuchs unaufhörlich. Mercury blieb sich gleich bis in den Tod, den einer wie er natürlich schon zu Lebzeiten klug in das Gesamtkonzept einband und füglich ´verkünstelte´. In einem Interview ließ er sich entsprechend vernehmen. Wie weiland Fürst Pückler, vollendeter Dandy, Tunichtgut und Lebemann, wollte er die letzte Stätte inszeniert wissen. “ Ich würde gerne,“ meinte er,“ mit all meinen Reichtümern begraben werden, genau wie die alten Pharaos. Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich eine Pyramide in Kensington bauen lassen.“ Daraus wurde nichts. Die Seepyramide des weltmännischen Aristokraten aber kann man noch heute im Branitzer Park bewundern. Still und erhaben, von ruhigem Gewässer getragen, liegt die Grabstätte, und freundliche Mischwälder umfangen den makellos waltenden Schrein. Von diesem Ort geht noch heute eine himmlische, nahezu erhabene, fast arkadische Ruhe aus; eine, nach der sich unser Künstler zu Lebzeiten heimlich verzehrte, ohne ihrer je habhaft, auch nur gewahr werden zu können. Auch Pückler lebte, wie man heute sagt, auf der Überholspur. Er sei nun einmal, meinte dieser Luxusmensch in einem Brief, der Melancholiker. Den hat er ein Leben lang, so gut es ging, zu verscheuchen verstanden.

III.

Der Philosoph Friedrich Nietzsche kam in seinen Schriften immer wieder auf einen insgesamt recht vagen, wiewohl im Einzelnen sehr konkret gefassten Typus der Gattung Homo Sapiens zu sprechen, den er sich als eine Art Missing Link zum Über-Menschen vorstellte und als solchen überschwänglich feierte. Natürlich ist mit dieser ohnehin problematischen, vor suggestiver Strahlkraft blendenden Konzeption viel Schindluder getrieben worden. Sie eignet sich aber kraft ihre Fülle und Farbigkeit vorzüglich zwecks Verdeutlichung. Der Denker begriff seinen ´Überflieger´ wesentlich als tief leidende, heroisch gestimmte, daher stolz und hochmütig auftretende Kreatur; eine, die „alle Formen von Verkleidung nötig hat, um sich vor der Berührung mit zudringlichen und mitleidigen Händen und überhaupt vor allem, was nicht ihres gleichen im Schmerz ist, zu schützen.“ Wesen solcher Art hätten, so folgerte er, „die unterschiedlichsten Maskeraden nötig, um das tiefe Leiden zu verbergen, das sie von der Masse trennt. Eine der feinsten Verkleidungsformen ist der Epikureismus und eine gewisse fürderhin zur Schau getragene Tapferkeit des Geschmacks, welche das Leiden leichtfertig nimmt und sich gegen alles Traurige und Tiefe zur Wehr setzt.“  Korrespondierender Gedanke: war die geblähte Fassade bei Freddie wirklich nur das Zerrbild eines notorischen Narzissmus, wie er heute en Masse, in Tivialitas die Szene weniger belebt oder bereichert, mehr bis zur Atemnot erstickt? Was verbarg der Künstler hinter tausend Masken und Garnituren, hinter all dem Bühnen-Mumpitz, der seine überbordenden, ausufernden Ambitionen auf fast parodistische Weise krönte? Ich denke, er schützte so auch jenen kostbaren, leicht zerbrechlichen Kern, den wir im Grunde alle in uns tragen, und handelt es sich im Idealfall um ein stilles, zartes Gewächs, das im Innern zaghaft keimt und allzu schnell verdirbt, so hat sein ´Hüter´ wahrlich nötig, allen Aufwand zu treiben, den edlen Setzling schützend zu schirmen. Nietzsche begriff seinen Herrenmenschen als ein unfassbar vieldeutiges, unerhört widersprüchliches Geschöpf, in welchem die Gegensätze allen Menschseins pausenlos kulminieren. Eine solche Steigerung darf man sich vorstellen als Gärungsprozess, infolgedessen auch wieder viel ausgeschieden, abgeworfen – abgetan wird. Wie sehr einer überhaupt an innerer Spannung aushält: kennzeichnet nach Nietzsche den eigentlichen Rang. So einer reibt sich entsetzlich an der ´runzligen Wirklichkeit´ (Rimbaud), die ihn umso leichter zugrunde richtet. Was Mercury als Langeweile empfand, dass fasste der Philosoph als Ekel auf, der seinen Träger aber stößt und drängt, auf mitunter entsetzlich entbehrungsreichen Pfaden, doch nur so gelangt er in die ihm eigene, immer schwindelnde Höhe, deren Erreichen Nietzsche gleichnishaft als goldenen Mittag des Lebens begriff. Fast immer aber, so der Denker, degeneriert das Außergewöhnliche, verderben die Glücksfälle. Als solche, die allem Unbill irgendwie widerstehen, sind und bleiben sie natürlich selten, doch rechtfertigen sie andererseits jeden Aufwand. Es handelt sich vor allem um sehr reizbare, unendlich feinnervige Wesen. Sie wissen instinktiv um ihre zahllosen Abgründe, und wollen sie empor, über alles Niedere hinweg, benötigen sie ferner eine verlässliche Umpanzerung, weil der Dschungel gewöhnlichen Lebens beisst und pikst, bohrt und brennt. Auf den Sänger gemünzt: noch der kleinste Nadelstich konnte dem Dünnhäutigen schrecklich zusetzen. Die dauernden Versteckspiele Mercurys, der jenseits der großen Bühne so verletzlich wie ein kleiner hilfloser Junge wirkte, scheinen darauf hinzudeuten, dass er sein Innerstes, sein ´Allerheiligstes´ abseits der inszenierten Spektakel vor Zudringlichkeiten nahezu verzweifelt schütze – schützen musste. Er war, er blieb eben ein Peter Pan: über den die Menge gerne lacht, wiewohl sie von seinen Streifzügen auf recht billige Weise ein Leben lang zehrt. So verhält sich überhaupt das Publikum: im Banalen träge und zäh, dient ihr das Außergewöhnliche als Projektionsfläche, die doch wahllos beschmiert und verunreinigt wird, sowie das herrliche Abbild selbst zu straucheln beginnt. Meute Mensch! 

Wer wüsste nicht um jene Wehmut, die tiefer reicht als jeder bloße Gedanke; die begleitende Trauer umhüllt ihren Träger wie ein Leichentuch. Noch einmal Nietzsche:“ Es gibt freche freie Geister, welche verbergen und verleugnen möchten, das sie zerbrochene, stolze, unheilbare Herzen sind. Bisweilen ist die Narrheit selbst die Maske für ein unseliges, allzu gewisses Wissen.“ Gerade Mercury hatte die Maske, die Verkleidung – das Wechselspiel bitter nötig; sein Wesentliches zu wahren und zu schützen. Ähnlich verloren, unbeholfen und schüchtern wirkte auch der King of Pop, je höher ihn die eigene Geltungssucht schließlich trieb. Auf der Bühne ein Hexenmeister, kam er in Interviews meist wie ein scheues Reh rüber. Verlegen. Und verzagt. Keiner stellte sich linkischer an als er, suchte man ihm lauter unverbindliche Statements zu entlocken. Aber im Banalen, im Alltäglichen finden sich solche Traumtänzer eben nie wirklich zurecht, kleinste Kleinigkeiten bringen sie schnell aus der Fasson – aus dem Konzept. Die Verkleidung ist ihnen eine zweite Haut, eine Art Winterfell – Schutz und Schild in einem. Jim Morrison erklärte:“ Wir lieben die Helden, die an unserer Statt leben.“ Das macht sie in den Augen ihrer Bewunderer erst zu Halbgöttern, und umso schneller noch zu Hanswürsten. Versengt sich der kühne Ikarus nämlich die Flügel, stürzt er kläglich ab: dann weidet sich ein hundsgemeines Publikum daran, und zwar mit richtig Schand vor dem Maul. Erinnert: in den Jahren des seelischen Verfalls, der sichtlich auch ein optischer war, fiel der süsse Mob über den King of Pop in einer Art und Weise her, die hämischer und gemeiner gar nicht sein konnte und nachträglich umso betroffener macht. Jedes noch so periphere Moderatoren-Sternchen lästerte über sein Näschen, das knickrige, sie duzten und sie dissten ihn, alle taten das, jahrelang, richtig um die Wette, aber als der an Leib und Seele Erschöpfte dann endlich starb, hatte es damit jäh ein Ende. Offenbar müssen Halbgötter erst das Zeitliche segnen, bevor der eifersüchtige Mob imstande ist, den Rang als solchen anzuerkennen. Dann versöhnt sich die Bestie mit den Himmelsstürmern. Im Grunde ist so ein Opfer unausweichlich. Die Öffentlichkeit fordert es, immerzu; und auch der fallende Engel fordert es heraus. Je mehr er dies tut, umso dringlicher hat er die Maskerade nötig. Fällt er, steigt sein Stern; und die Gestalt wird zum Mythos. 

Rückblickend gewinnt man tatsächlich den Eindruck, der Bursche habe einen ganzen Kostümverleih geplündert. Anfangs beschränkte sich Freddie noch auf das klassische Schnittmuster des Glamrock. Zu den hautengen Seidenshirts trug er hauptsächlich Hosen aus Satin, die seine mageren Beine in aalglatte Stelzen verwandelten. Das Haar, leicht toupiert und noch mit jedem Nackenwirbel üppig wogend, fiel schulterlang herab. Um den Hals baumelten kitschige Kettchen, deren Enden mitunter schicke, bald sündhaft teure Anhänger zierten. An den Fingern prahlten protzige Ringe. Puschelpelz und Flusenschal, Glitzergurt, Nagellack und betörende Bordüre: gehörten damals noch dazu. Und natürlich gehörten in den bunten Siebzigern auch die obligatorischen Plateauboots zur Mauke männlicher Rockheroen, später nur mehr Standardrepertoire in Transenkreisen. Solche Klopper trugen auch die übrigen Bandmitglieder. Mit wachsendem Ruhm übertrieb Mercury dann ein wenig, setzte zunehmend auf´s krasse, wirklich schräge Outfit, als einer bunten, schillernden Körper-Staffage. So hopste er eine Weile im eng anliegenden, Sakkoverzierten Strampelhöschen über die Bühne, der Brustharnisch dermaßen aufgeplatzt, das man die dichte Behaarung ohne Abstriche bestaunen konnte. Das Teil gab´s auch in der Glitzervariante, Ganzkörperversiegelt. Ausgerechnet im Video zu Proll-Hymne We are the champions präsentiert er die enge, schier aus den Nähten platzende Luxuswurstpelle, und das bestellte Publikum, hauptsächlich bestehend aus männlichen Heteros, reckte dennoch begeistert die Arme. Irrtum ausgeschlossen: sein am Klavier vorgetragenes, recht kunstsinnig verziertes Meisterwerk präsentierte Mercury tatsächlich im Schwulendress. Um es noch einmal zu erinnern: Derlei optische Extravaganzen wirkten noch in Resten provozierend, denn das Establishment, deren Vertreter vielfach der prüden Vorkriegsgeneration angehörten, hatte sich mit der Gegenkultur noch nicht auf Anhieb arrangieren können, und wenn auch das Gros der Ergüsse bereits auf kompatiblen Kommerz getrimmt war, der schnell alle Gegensätze band: in dieser Phase popkultureller Entfaltung hatten derlei optische Mätzchen noch was; das vielzitierte ´gewisse Etwas´. So fröhlich und unbeschwert ging es bald nicht mehr zu im Popzirkus, und mit etwas Wehmut verfolgt man heute die frühen Fernsehauftritte von Abba oder den Les Humphries Singers, das beschwingte, irgendwie unschuldig wirkende Selbstverständnis in den frühen siebziger Jahren, als Entspannungspolitik und Vollbeschäftigung noch einen recht behaglichen Rahmen boten. Diese sehr grelle Buntheit fand später, in der ersten Hälfte der achtziger Jahre, eine kurze Wiederkehr, derer sich die Protagonisten einmal mehr schämten – anschließend, wie billig. Man darf betonen, dass all dies nicht ohne jene kreative Explosion möglich sein konnte, die das späte Sechzigerjahrzehnt in eine sehr denkwürdige, bis heute nicht ansatzweise ausgedeutete Dekade verwandelte.

Auf der Bühne mutierte Jung-Mercury zur aufgeplusterten, frech und verspielt auftrumpfenden Rokoko-Fee: ein etwas zu dürr geratener, wiewohl vor Potenz strotzender Renaissancemensch, tatsächlich ein Spätling, der den Herbst verblichener Epochen im grellen Scheinwerferlicht, von Ohrenbetäubendem Lärm flankiert, zu neuem, unbändigem Leben erweckte. Seine damals noch sehr Operettenhafte, androgyn-unbestimmte Erscheinung, die heute vor allem in Schwulenbars oder auf dem Christopher-Street-Day ins Schwarze träfe (neuerdings auch wieder beim Grand Prix), glänzte im Rahmen einer einzigen tolldreisten Buffa, aber es war ein Heldentenor, mit hehr geschwollener Brust, der den für heutige Geschmäcker grellen Augenschmerz verursachte. Verwirrend vielseitig wie die Musik waren eben auch die Klamotten, die er trug; wahrlich: zur Schau. Derlei Affektiertheit, so verwegen wie verfehlt, reizt sich umso schneller wieder aus. Freddie begriff bald, dass die parfümierten Anleihen mit zunehmendem Alter lächerlich wirken würden: solcherart aufgetakelt und aufgedonnert drohte er bereits jetzt zur Karikatur seiner selbst zu werden. Seine Matte schrumpfte als erstes. Binnen eines Jahres waren die Haare auf´s Gewöhnliche, auf ein fast militärisch anmutendes Normalmaß getrimmt. Konventioneller, jedoch nicht minder blickfängerisch geriet fortan auch die Kostümierung. In seiner kurzen Lederphase tauschte er das sensible, nervös hüpfende Schwuchtelchen gegen den aggressiven, Muskelstrammen und nach Achselschweiß müffelnden Schwulen-Macker ein, passend dazu kam eine tumbe Rotzbremse dazu, die in den Achtzigern dann so obligatorisch wurde wie heute Undercut und Vollbart. Jetzt warf er endgültig allen unnützen Ballast ab und bemühte den jeweiligen Putz nur noch als Ergänzung, als unauffällige, kleine Akzente setzende Arriviertheit sozusagen. Zur Jeans passte das hautenge weiße Hemd besser als jeder plusternde Fummel. Mit den Haaren fielen auch die Rüschen. Im Grunde ritt er, der auch weiterhin Platten verkaufen wollte, auf jeder passenden Welle mit. In den Achtzigern schwappte bekanntlich die ´Fit for Fun´ Woge aus Amerika rüber, was unsern Helden dazu verführte, den obligatorischen Trainingsanzug anzuziehen: sowohl in den Videos als auch auf der Bühne stolzierte er damit umher. Tat der olle Dieter Bohlen auch. Eine Weile lang war das tatsächlich ´chic´- en vogue.  Obschon auch weiterhin schräge Frisuren und grell schreiende Anzüge das Bild komplettierten, nunmehr im Umfeld des New Wave und der New Romantics: ging das Mercury immer weniger an. Freddie begriff, dass ihm sein Alter günstigere Optionen nahelegte. Sportlich, dynamisch, im Ganzen schlichter, bekömmlicher, optisch also insgesamt weniger schräg und daher konventionell männlich: trat er eigentlich erst jetzt Massentauglich in Erscheinung: ein galanter Proll, zu dem wirklich jeder im zunehmend größeren Stadion aus vollem Herzen Ja! sagen konnte. Nicht länger tuntig, trächtigte er jetzt ein Ideal, das noch größeren Umsatz versprach, denn es band die mit ihm älter Gewordenen als auch jene spät dazu Gestoßenen an das königliche ´Unternehmen´. Im Grunde war aus ihm eine Art Vaterfigur geworden: so einen wünschte sich jeder, der mit dem eigenen nicht klar kam.

Die Band selbst bot, als Global Player, den größtmöglichen gemeinsamen Nenner, auf den sich populäre Unterhaltungsmusik bis dato überhaupt einen bzw. eichen ließ. Sie taten gut daran und ließen sich nicht auf Wettkämpfe ein, die sie nur verlieren konnten. Zeitgemäß im durchaus banalen Sinne, wetteiferte unser Held nicht mit Sigue Sigue Sputnik oder Kajagoogoo, eher mit Elton John und Mick Jagger. Die schrille Schiene zog nicht länger, und er begriff es. Hier mal ein Bolero-Jäckchen, zum Schluss der Show die herrschaftliche Robe – musste fortan reichen. So wandelte er sich in den Achtzigern zum lässigen, allseits bewunderten Turbo-Crack, dessen unbändigen Energien sich auf´s Publikum übertrugen. Mercury sorgte in den temporeichen, sehr professionell durchgetakteten Konzerten auch weiterhin für heiße Momente, nebst wärmender, heimelnder Augenblicke, in berauschender, rasch abgewickelter Folge. Die ganze Bühnenshow geriet nun athletischer, kompakter – betont kraftvoll. Das Äußere blieb auch weiterhin dezenten Wandlungen unterworfen. Im Vordergrund stand es nicht mehr. Der wurde zunehmend vom Kalkül bestimmt. Alles übrige hielt sich in den engen Grenzen eigener Launen, auf die King Freddie nicht verzichten mochte. Die ganze Entwicklung von der aufgedonnerten Bühnenprimadonna hin zum straighten Stadionrocker spiegelt, abzüglich der Anbiederung an das Geschäft, auch den widersprüchlichen Charakter eines Mannes, der mittels facettenreicher Varianten seine innere Zerrissenheit verdeckte und gleichzeitig voyeuristisch zelebrierte. Er blieb eine Mimose. Und verdeckte das mit lauter groß gespuckten Tönen: ein Kumpel von nebenan, der es geschafft hatte und als Salonlöwe den Jet Set knackt. Die pure, sehr aufgesetzt wirkende Männlichkeit entbehrte dennoch nie der zerbrechlichen, zart tönenden, immer noch femininen Züge; beides war im Grunde von Anfang an da gewesen. Beides frommte eben der Erscheinung die er bot; eine, die ihn fein, fast vornehm entlarvte, ohne doch das Wesentliche zu entblößen, denn der Enthemmte enthüllte nie zur Gänze das gefährdete, unendlich sensible Selbst. Freddie war ein Meister der artifiziellen Spielerei, passend zur High Society, der er spätestens in den Achtzigern angehörte; deren kultivierte Manierismen verflachten bereits. Sie assoziieren aber auch, gekonnt in Szene gesetzt, sinnliche Paradiese; Illusionen voll greller Phantastik, nach denen sich das ´Fußvolk´ verzehrt. Ob´s zieht oder nicht: kam im Falle Mercury ganz auf den Zeremonienmeister selbst an. Es verbarg sich hinter seinen Allüren und Tiraden auch immer mehr als bloße, unverbindliche Tändelei, die nur den Vollzug kennzeichnet, kaum die wahren inneren Antriebe, die immer problematisch bleiben. In den Sätzen zum Gebrauch der Jugend formulierte Lord Byron dies so: „Die erste Pflicht im Leben besteht darin, so künstlich zu sein wie möglich. Was die zweite Pflicht ist, hat bis jetzt noch niemand herausgefunden.“ Mercurys bis zum Exzess gelebte Künstlichkeit speiste sich aus unterschiedlichen, zum Teil sehr tief liegenden Quellen, die jedoch jenseits der nur selten aufplatzenden Kruste – damit ist das sich selbst offenbarende Gemüt gemeint – frisch und schäumend sprudelten. Er strotzte dabei vor Selbstvertrauen; zäh erzwungen. Und vergaß nie den Humor dabei. Entsprechenden Einlagen garnierte er Live mit zusätzlichen Effekten, die den maximalen Eindruck sicherten. Ob das immer Geschmackssicher war, sei dahin gestellt. Mögliche Bewertungen sagen mehr über die ästhetischen Maximen dessen aus, der sich das anmaßt als über den Vorgang selbst, der vornehmlich die Gewohnheiten der Zeit spiegelt. Mit denen spielt dieser Künstler, unschuldig und aus Kalkül – beides gehört dazu.

Freddie blieb kleinlich, wo es um die schillernde Fassade ging. Die musste stimmen, soll heißen: im Zweifel ging Perfektion über alles. Viele seiner Songs klingen denn auch arg überproduziert, die Shows glichen oft choreografisch ferngesteuerten Routineveranstaltungen und in den Videos spielten die Queens früh mit den Mitteln technischer Finesse. Die Band befände sich damit gerade heute in großer, nicht gerade bester Gesellschaft. Jenseits digitaler Justierungen, die den Performer zunehmend zum Statisten degradieren, gilt dieser Grad der Perfektion auch und gerade ihm selbst: in seiner reinen Körperlichkeit. Der Wunsch und Wille, möglichst jedes störende Fältchen glatt zu bügeln, überhaupt mittels chirurgischer Eingriffe zu eliminieren, was dem Fetisch Jugend widersteht, kennzeichnet eine Gegenwart, die beim filtern und pixeln längst jeden Menschen in ein artifizielles Phantasieprodukt verwandelt. Das Schichtenübergreifende Geschäft mit der Schönheit, die nicht länger von innen glänzt, gleicht heute einer kollektiven Zwangsneurose. Vor diesem Hintergrund klingen die Aussagen Mercurys sehr zeitgemäß. „Ich mag meine vorstehenden Zähne nicht,“ meinte er schon zu Beginn seiner Karriere.“ Ich werde sie richten lassen.“ Jedoch:“ Abgesehen davon bin ich perfekt.“ Aus Angst vor Auswirkungen auf seine Stimme wurde der Eingriff allerdings nie vorgenommen. Noch früher, im Jahre 1973, fasste er sein Credo wie folgt zusammen: „Wir wollten immer schon Pop-Stars sein. Wir sind überzeugt, dass uns die Menschen annehmen werden, denn obwohl das affektierte Image von Leuten wie Bowie und Bolan bereits eingeführt wurde, werden wir es auf eine andere Ebene führen. Das Konzept von Queen ist es, königlich und majestätisch zu sein. Glamour ist ein Teil von uns, wir wollen Dandys sein. Wir wollen nicht, dass die Menschen darüber nachdenken, ob sie uns mögen oder nicht, sondern sich erst in dem Moment ein Urteil bilden, wenn sie uns sehen.“ Eben darauf – auf das Gesehen werden – kam es an. Das Wörtchen ´wir´ war nicht wirklich ernst gemeint. Im Ergebnis meinte er nur einen. Sich selbst. „Der Grund, warum wir so erfolgreich sind, Darling? Mein allumfassendes Charisma natürlich!“ Lord Byron riet:“ Man sollte entweder ein Kunstwerk sein oder eines tragen.“ Mercury trug es anfangs nahezu besessen vor sich her. Es tat nichts zur Sache, machte er sich dabei lächerlich. Das passte schon. „Ich würde gerne von sechs Sklaven auf die Bühne getragen werden,“ erklärte er zu einem Zeitpunkt, als man noch in Kaschemmen auftrat,“ mit Palmen und allem.“ Später dann: „Es ist vortäuschen, es ist wie schauspielern, weißt du. Wir gehen auf die Bühne und ich täusche vor, ein Macho zu sein. Und in meinen Videos, weißt du, nimmst du all diese verschiedenen Charaktere an. Ich meine, du täuscht nur vor.“ Die Tatsache, dass er dies mit so entwaffnender Offenheit zugab, zeigt, dass er sich über seine Rolle ganz im Klaren war. Er kalkulierte ernsthaft alle möglichen Knaller mit ein. Die mussten nur zünden, das zählte. Solches schloss übrigens auch und gerade die Parodie, den krachledernen Kalauer mit ein. Wer dächte da nicht auf Anhieb an´s Video zu I want to break free. „Ich mag es, mich selbst lächerlich zu machen. Ich nehme mich nicht zu ernst. Ich würde nicht diese Klamotten tragen, wenn ich ernst wäre. Die einzige Sache, die mich weitermachen lässt ist, dass ich über mich selbst lache.“ Das zeugt von überlegener Ironie und feiner, keck kichernder Noblesse, die hinter dem schreienden Augenschein umso vornehmer verschwindet: immer mit einem Zwinkern in den wachen Augen. In Äußerungen wie diesen offenbart sich auch die Gespaltenheit des einsamen Zauberkünstlers, der magische Momente unter Einbeziehung der Massen immer müheloser, am Ende wie ein Dompteur heraufbeschwor und den ganzen Überschwang wie eine einzige, magnetische Stimulanz auf sich, den Zeremonienmeister, fixierte oder polte, bevor er sie mit einer souveränen Geste schnell wieder zerstreute. In solchen Momenten stimmte sie, die Chemie. Und auch die begleitende Poesie: Vergänglichkeit, du bist so schön, verweile doch…

Oben, auf der Bühne, da regierte er. Wahrlich und wahrhaftig. Unten, im Graben, wogten die Masse, vom Sturm des Wizard im Nu entfacht. Und er vereinte sich auch immer mit dem Elementaren, mit den Kräften, die er Abend für Abend entfesselte. Und blieb am Ende doch allein. Der große Auftritt des Meisters und die hehren, von ihm selbst angestimmten und forsch durch dirigierten Fan-Chöre blieben großes Theater, geblähte Illusionen. Auf den Alben war es bezeichnenderweise fast immer nur seine Stimme, die den monströsen Massensingsang türmte. Derlei Hintergrundstimmen bestanden hauptsächlich aus unterschiedlichen Tonlagen des Meisters selbst, und im Grunde sind die typischen Queen-Choräle nur eine weitere, sehr bezeichnende Metapher einer Einsamkeit, die ihn von an Anfang an umfing und wie ein Verhängnis unaufhörlich mitwuchs, von Erfolg zu Erfolg. Im Stadion grölten alle mit, was er auf Platte im Alleingang abschmetterte.

Der Performer war im Ganzen weniger Showman, mehr eine Art Bühnentiger, der jeden Käfig sprengt.

Zu Beginn der Karriere merkte man ihm die eigene, tief verwurzelte Schüchternheit noch deutlich an. Eine quälende, weil drückende, sicher auch körperlich sehr spürbare Gehemmtheit, wie sie der Entwicklungsphase unserer Pubertät eigen ist, wird dem Mitte Zwanzigjährigen arg zugesetzt haben. Dahinter lauerte aber schon die Explosion. In der Retrospektive übersieht man gern, wie zögerlich und steif der spätere Profi damals noch rüber kam. Die Posen wirkten hölzern und verkrampft, so umständlich wie unsicher einstudiert. Man sehe nur genau genug hin. Seltsam umpanzert und angespannt, hektisch die jeweiligen Körpersprachen wechselnd, die er recht mühselig gegeneinander austauschte: ähnelte er einem verlaufenen, traumatisierten Füllen. Der unschuldige Faun hatte den parfümierten Samtpelz wahrlich nötig, um das Lampenfieber und die ganze Unruhe zu kaschieren, die ihn zuinnerst ritt. In den noch sehr gestelzt wirkenden, irgendwie sperrigen Bewegungen wird etwas von der unglaublichen Nervosität des so leicht Erregbaren transparent, eine Reizbarkeit, die ihn zeitlebens trieb und gleichzeitig bremste. Auch letzteres wird in der Bewegung selbst transparent und täuscht so über den eigentlichen Gegensatz hinweg. Man schaue nur genau genug zu: Auch später wirkte er immer wieder, in den unterschiedlichsten Situationen, auf ergreifende, fast peinliche Weise berührt: sich genierend wie ein kleines Kind, entsprechend unbeholfen in Ton und Gebärde, wovon seine Körpersprache ein beredtes Beispiel gab. Womöglich hielt er auch deswegen den privaten Bereich zeitlebens unter Verschluss. War der in einem solchen Leben, das auf Saus und Braus, permanente Öffentlichkeit und ständiges Scheinwerferlicht zielte, überhaupt möglich? Dieser Mensch ängstigte sich vor der Plattheit beschaulicher, bürgerlicher Lebensformen, hier fehlte ihm jedes Geschick; hier blieb er Amateur.

Vor allem in Interviews stellte er sich mitunter ziemlich an. Er hasste sie. Das war eine Bühne, die ihm nicht lag. Hier wurde er unsicher, hier kannte er sich nicht aus und fast immer kippte der Star bei der Gelegenheit ein kühles Blondes in sich rein. Es mutet schon merkwürdig an: das Geschäft ist erledigt, der Tag neigt sich dem Ende, Feierabend lockt: jetzt darf man eigentlich mal locker werden. Was ist so ein Interview denn schon. Da kommt irgendwer mit ein paar Fragen an, sind eh immer dieselben abgedroschenen welchen; er aber wirkte dann immer gehetzt, nervös, unsicher, fahrig und verloren. Ratlos vor allem. Hatte der Superstar ohnehin einen Horror davor, zu viel von sich preisgeben zu müssen, wusste er umso genauer, dass Anlässe wie diese zur Verkleinerung, mehr noch: Gefährdung der von ihm geschaffenen, überlebensgroßen Gestalt beitrugen, die er daneben so umständlich bemühte. Wer ihn in den wenigen überhaupt gefilmten Sitzungen genau beobachtet, wird bemerken, wie viel Unwille und Trotz da mitschwingen, mittels derer sich der Mann recht unzureichend gegen die Aufdringlichkeiten plumper Fragesteller zu behaupten versuchte. Rick Sky berichtete von einem ´Auftritt´ Freddies während eines Kindergeburtstages. Es ging nur darum, den Kleinen ein schillerndes Kostüm vorzuführen. Mehr nicht. Bevor er den Raum betrat, starb Mercury fast vor Aufregung. ´Ich schaffe es, ich schaffe es´, redete er sich wieder und wieder ein. Der gefeierte Rockstar, üblicherweise in Stadien vor Zehntausenden promenierend, machte sich in die Hose, weil er ein paar Momente lang vor kleinen Kindern ein Kostüm zeigen sollte. Der Zwang zu brillieren, glamourös zu sein, stronger than life: machte die private Sondereinlage zur Hölle.

Von der Kommunikation mit den Fans mittels groß angelegter, breit ausufernder Chöre war schon die Rede gewesen. Dem unvergleichlichen, ekstatischen Bad in der Menge, das er wie einen amouresken Massen-Ritus inszenierte, wohnte ein eigentümlicher Zauber inne. Freddie ließ hier dem Spieltrieb, der ihn packte, freien Lauf. Er baute, als nette, stimmige Kalauer, kurze Silben in die Mitgrölorgien ein, und die Menge griff sie begierig auf. So entstand der Eindruck, als turtelten zwei Verliebte, indem sie sich ständig die putzigen Bälle zuwarfen. Im Verlaufe dieser vokalen Liebelei vollzog Freddie nichts Geringeres als die totale Vereinigung mit seiner Gefolgschaft. Unvergessen, wie er seinerzeit in Rio de Janeiro mit über dreihunderttausend (!) Zuschauern das zarte Love of my life anstimmte und bei der Gelegenheit den wohl größten Freiluft-Chor der Geschichte ´dirigierte´. Solcherlei Massenkult trieb er durch simple, synchrone Bewegungsvorgaben noch auf die Spitze (etwa die rhythmischen Entsprechungen bei We will rock you oder Radio Gaga; letzteres schon als Work-Out im ´Lehr-Video´ vorzelebriert). Ekstatische Initiationsriten solcher Art hat der geniale Hexenmeister nicht erfunden. Die existierten, steif und biestig, schon vor seiner Zeit. Sie wurden im Zeitalter der Massen erstmals vom aufkommenden Faschismus angeregt und bei entsprechenden Anlässen bis zur Perfektion gesteigert. Da sang zwar keiner mit (dafür schwadronierte einer für Zehntausende), da wurde auch nicht im coolen Takt mit geklatscht (man reckte eher die Rechte); im Zuge von Vereidigungen und Befehlsausgaben schrie man einander eher kurz und knapp zu, was dem Kanonendonner entsprach, der auf den Schlachtfeldern herrschte, denen die meisten der Novizen nicht entkamen. Die Aufmärsche der Nazis fußten auf einer sehr hörigen Gefolgschaft. Der Rahmen wirkte, in beiden Fällen, immer etwas zu groß oder bemüht. Die sehr unterschiedlichen Kollektivkracher – im Stadion oder auf dem Reichsparteitagsgelände – trächtigten eine für die Dauer des Aktes ungemein verschworene Gemeinde: so wurde reiner Schall zum Schauer, zum Gewittersturm. Der Rahmen war stets: etliche Nummern zu groß. Eine peinliche Verwandtschaft, gewiss. Gröfaz grölte gellend, doch das Gegrunze verfing bei seinen ´Fans´. Zu Beginn seiner Rede plump und unbeholfen, stockend in der Gebärde und nur langsam jenen Rhythmus findend, der verfing: verwandelte er die Hörenden in besagte Hörige: da setzte endlich der Verstand aus, und die Gefühle kochten über. Im Grunde sehnt sich jedes menschliche Wesen danach. Ein uraltes Bedürfnis nach völliger Auflösung in schützender Gemeinschaft, bei gleichzeitig totaler emotionaler Enthemmung, die das seelisch bindende Kollektiv qua Entfesselung mit der Freiheit versöhnt: der deutschen größter Führer bediente das Bedürfnis bis zum Exzess. Es sind mächtige Archetypen, auf die der sinnliche Nervenkitzel zielt. Kollektiver Taumel erzwingt im Nu blinden Gehorsam, innere Gefolgschaft – total Selbstaufgabe. Die mächtigen, alle Skrupel auslöschenden Affekte kennen, was ihre Steigerung betrifft, kein Maß, und sie lassen sich auch nie bis zur Neige stillen. Im Ergebnis, und das heißt: nach jeder Einpeitsche, verharren sie in ständiger, nahezu mörderischer Bereitschaft. Hiermit sei nur angedeutet, dass der kollektive Koller nahezu alles vermag: die Verzückung kann versüßen oder verhetzen, das Leben heiligen – oder vernichten. Sie bleibt problematisch, zwiespältig; wie das ganze Leben. Auch Freddie wollte die Menschen in einen Rausch versetzen, jedem Einzelnen im Publikum etwas Einmaliges in kollektiver Verrechnung bescheren, etwas also, dass ihn über seine bloße Existenz ins Absolute erhob; der großen Gefühle, die alles vergessen machen, was im Profanen Geltung hat. Der Einzelne, als Niemand, sollte sich in der Masse als jemand, und über allem: glücklich fühlen – nahezu Sonnenhaft darin aufgeht. Über die ganz große, alle Gegensätze einende Gebärde erzwang King Freddie das Wunder, wie denn besagter Einzelner dahin schmolz und das lästige Denken aufgab. Freddies Zeremonien ähnelten so auch Gottesdiensten; freilich ohne einen Heiligenschein. Die Masche gehört heute zum Standardrepertoire geklonter Vorzeige-Statisten, die ihrerseits aus Kalkül abgerichtet werden. Jeder Casting-Kandidat wird entsprechend konditioniert, das sorgt auch bei ihm für den entsprechenden Kick. Ich bin mir sicher, dass derlei lukrative Albereien Freddies Zustimmung gefunden hätten. Er hätte über die entsprechenden ´Inszenierungen´ herzlich gelacht. Und sich jede Annäherung, wie billig, verboten. Sein Ding, das war und blieb eben: einzig das eigene. Er kam, soweit ich weiß, bis zuletzt ohne Tanzlehrer oder Fitnesstrainer aus, die ihm mäßigend oder aufmotzend in die ehrfürchtige Parade gefahren wären. Er war hier einer der Letzten, allzu Späten. Selfmademan bis zur bitteren Neige.

Seinerzeit hielten sich Größenwahn und Geschäftsinteresse noch die letzte Waage. Die 86er Magic-Tournee markiert bereits den Schlussstrich. Er selbst zog an jedem dieser Abende einen ganz eigenen, für seine Verhältnisse äußerst angemessenen. Da trug Freddie eine schwere, Hermelinbesetzte, Rubinrote Robe einschließlich Juwelenverzierter Krone mit stolzer Gebärde zu Markte und trat breit grinsend an den Bühnenrand, um noch einmal die Huldigungen seiner Fans in Empfang zu nehmen. Er konnte sich das auch wirklich leisten, denn der Nimbus, von dem dieser Magier zehrte, zog bis zuletzt. Seine schiere Präsenz bedingte, bis in die letzte Geste hinein, den kostbaren, wie immer hochherrschaftlichen Moment, wiewohl er in dieser Verkleidung die Parodie beschwor.

Ob Mercury nun im flatternden Flusenfummel oder dem hautengen Schweißhemd über die Bühne tigerte: das Gros begleitender Posen mutete meist lasziv an. Der eitle Geck ähnelte auch noch als betagter Muskelboy einer Stripperin von bzw. an der Stange, deren Verrenkungen direkte sexuelle Anspielungen sind. Schon in den Siebzigern schenkte sich Freddie den ganzen Mikroständer um fortan recht geschickt mit einer Mini-Steel herum zu fuchteln (damit konnte er auch bequemer über die seinen Laufsteg wirbeln), als einem verlängerten Phalluskolben, eine Art Dildo-Ständer (Sic!), dessen Länge der eines vibrierenden Zitteraales entsprach. In summa könnte man seine Bühnenpräsenz auf die simple Formel ´sex sells´ reduzieren, wobei die korrespondierende Körpersprache zwischen der von ihm vergötterten Liza Minelli und dem athletischen Robert Plant nervös hin und her pendelte. Und er blieb, noch im Trainingsanzug, eine aufreizend auftrumpfende, arschgeil abhottende Animierdame; eine, die ihren Marktwert kennt und frech auf die Spitze treibt, hochmütig und heißblütig, zotig zeternd und doch zuckersüss. Wer diese Ästhetik für abgeschmackt oder vulgär hält hat im Ergebnis die zugrunde liegende Motivreihe nicht verstanden: für Freddie war das ganze Leben ein sinnlich durchtränktes, immer kurzweiliges Abenteuer, ein dauernder Nervenkitzel, mit ständigen Vor, – und Nachspielen, in deren geheiligter Mitte die erstrebten Höhepunkte kulminierten: ein Kommen und Gehen inspirierender Momente, die das Ekstatische feiern, in dessen Bannkreis sie einander ablösen und verwirken.

In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre etablierte sich endgültig eine neue Kunstform im Genre, deren Marktwert die Queens früh erkannten und kommerziell für sich ausschlachteten: das Musikvideo. Die Anfänge blieben noch recht holprig. Ihr ´Filmchen´ zur Bohemian Rhapsody, das bis heute wider besseren Wissens als Pionierleistung auf diesem Gebiet gilt, ist nichts als ein frisierter, mit etwas Schnickschnack aufgepeppter Playbackauftritt, und die szenischen Beliebigkeit einer insgesamt recht einfallslosen Vorstellung war noch um Längen vom großen Kino entfernt, dass die vier später in vier bis fünf Minuten Filmmaterial präsentierten. Anhand dieser kleinen Meisterwerke lässt sich einmal mehr ermessen, dass ästhetische Maximen gewissen Wandlungen unterworfen bleiben, deren Beurteilung Geschmackssache ist. Heutige Musikvideos sind auf maximalen Effekt getrimmt: von irrsinnig schnellen Schnittfolgen durchsiebt, reduzieren sich diese Machwerke inhaltlich auf sattsam bekannte, im Grunde völlig ausgereizte Allgemeinplätze. Es werden keine Geschichten mehr erzählt, statt ihrer gilt alle Aufmerksamkeit dem schnellen, schmissigen Effekt. Ein Gros ungeahnter technischer Möglichkeiten verführt zu noch mehr Oberflächlichkeit. Damit schwand aber auch die Bereitschaft, das analoge Leben in seinen vielfältigen Bezügen abzubilden oder episch auszugestalten, was in den Achtzigern noch ausprobiert wurde. Heute zählt die Action. Mehr als alles andere. Ansätze hierzu lieferte schon die hektische Stummfilmzeit, mit ihren an Tempo und Tamtam geschulten Einlagen. Den Materialschlachten Hollywoods eigneten, spätestens mit Beginn der siebziger Jahre, ähnliche, nunmehr kolossal gesteigerte Auswüchse, wie denn das betont Reißerische, Schrille, schamlos Übertriebene mittlerweile Mainstream geworden ist. Digitale Technik macht´s möglich – fast alles, sozusagen. Queen bilden hier eine Nahtstelle, weil in ihren Videos bereits beides unterkam: der Hang zum Erzählen ebenso wie die große, oft abgeschmackte Gebärde. Mercury verschaffte seinen Marotten gerade in der multimedialen Verpackung eine fast hypertrophe Geltung, und der begleitende Bombast gipfelte nicht selten in berauschenden, alle Maße sprengenden Bildfolgen. Paradebeispiel Radio Gaga: geschrieben vom Drummer, machte Freddie das Stück im Video zu seinem ´Baby´: auf fast groteske Weise gerät die Nummer hier zur Projektionsfläche echten Größenwahns, als Abklatsch hochherrschaftlicher Ambitionen, was zur simplen Aussage des Liedes auf Anhieb gar nicht passt. Musikvideos waren für Freddie ein vorzügliches, sicher nicht vorrangiges, eher ergänzendes Vehikel; es half, die erwünschten Effekte weiter zu blähen, Stil und Etikette zu betonen – Sehnsüchte zu wecken. Eben: in die Vollen zu gehen. Es war eine Kunstform mehr, über die der Sänger in seinem Sinne verfügte, um damit dem eigenen Ideal auch weiterhin so nahe wie möglich zu kommen. Dann packte es ihn erneut, dann arbeitete er wie ein Berserker, rang  um jeden Cut – noch das kleinste Bild hatte die trunkenen Blicke derer zu bannen, die er sich so einmal mehr gefügig machte.

Über Trdic Shanto 95 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.