Gedanken in der Pandemie: Wir sind soziale Wesen

Kosten und Nutzen des Home-Office: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 62.

Digitales Arbeiten. Bild von StartupStockPhotos auf Pixabay.

Kosten und Nutzen des Home-Office: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 62.

„… ich aber will nun endlich das amtlich verordnete Schweigen in dieser Angelegenheit weichen. Die Maßnahmen, dessen bin ich sicher, waren seinerzeit so erfolgreich, dass der Öffentlichkeit kein anderer Schaden erwachsen kann, als ein durch Abscheu hervorgerufener Schock, wenn sie erfährt, was jene entsetzten Regierungsbeamten damals vorfanden.“
– H. P. Lovecraft, „Schatten über Innmouth“

Es ist ein hochinteressanter Satz, mit dem der Roman „Schatten über Innsmouth“ eröffnet wird. Das Buch von H. P. Lovecraft ist eine Horrorgeschichte. Es geht dann um merkwürdige Geschehnisse und eine geheime Untersuchung der Beamten der Bundesregierung über „gewisse Zustände im alten Seehafen Innsmouth“, und dann geht es weiter: „Die Öffentlichkeit erfuhr zum ersten Mal im Februar davon, als zunächst eine Serie von Razzien und Verhaftungen stattfand und bald darauf unter entsprechenden Vorkehrungen eine sehr große Zahl morscher, wurmstichiger und offenbar leerstehender Häuser in dem verlassenen Hafenbezirk niedergebrannt oder gesprengt wurde.“ Dann ist die Rede von „Beschwerden von Seiten zahlreicher liberaler Organisationen. Sie führten zu langen vertraulichen Besprechungen, ihre Vertreter durften bestimmte Lager und Gefängnisse besichtigen. Daraufhin verhielten sich diese Gesellschaften überraschen passiv und zurückhaltend. 

Mit den Zeitungsleuten hatte man es nicht so leicht, doch auch sie schienen sich schließlich weitgehend auf die Seite der Regierung zu schlagen. Nur ein einziges Blatt – eine Boulevardzeitung die wegen ihrer unseriösen Berichterstattung von niemandem ernst genommen wurde – machte einen Artikel über ein Unterseeboot, das angeblich Torpedos in den Tiefseegraben unmittelbar hinter dem Teufel trifft abgeschossen habe.“

Dies ist eine überraschend aktuelle Analogie auf die augenblicklichen Verhältnisse: Auf das Bündnis der Medien mit den Regierenden; auf das Bündnis jener, die eigentlich Öffentlichkeit herstellen sollten und über Dinge, auch wenn die unangenehm sind, berichten sollten, mit denen, die das Schweigen wünschen. Ohne Frage interessiert Lovecraft auch das Paranoide daran.

Dieser Roman war das einzige Buch des Verfassers, das zu seinen Lebzeiten erschien. Erst danach wurde Lovecraft als „Großmeister der Angst“ weltberühmt.

Meine Leseempfehlung zum Wochenende. 

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Die Herrschaft der Idioten ist in der Wirtschaft noch viel weiter gediehen als in der Politik.

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Ohne Büro kein funktionierender Betrieb – so lautet kurzgefasst die Quintessenz der Theorie der Moderne von Max Weber, dessen 100. Todestag vor kurzem begangen wurde. Und ohne Betrieb keine Rationalität. In seinem Hauptwerk „Wirtschaft und Gesellschaft“ findet sich ein Aufsatz über „Die drei Typen legitimer Herrschaft“. Diese drei Typen sind traditionelle Herrschaft, rationale und charismatische. Der Betrieb ist hier das Muster der gesamten rationalen Gesellschaft. Der Betrieb ist der moderne Staat.

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Bekommt ihr auch einen Schreck, wenn ihr das Wort „neu“ hört, oder „innovativ“/“Innovation“/“Reform“?Habt ihr auch Angst vor dem Neuen? 

Alles ist heute neu: Die neue Normalität, die eigentlich eine neue Abnormalität ist. „New Work“, die eigentlich eine Verschärfung des Arbeitsdrucks ist. 

Das neue Büro. 

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Es soll ja noch ein paar versprengte Einzelne geben, die die allgemeine Begeisterung fürs Home Office nicht teilen und das auch sagen.

Die meisten aber sagen, oder behaupten zumindest, dass sie „Home Office“ toll finden. Oberflächlich betrachtet. 

De facto ist Corona zu einem nie dagewesenen Feldversuch geworden. Ein Feldversuch mit realen Menschen.

Die Verluste sind groß: Denn wir sind soziale Wesen. Wir können nicht den ganzen Tag vor einem Screen sitzen und dort ein Meeting nach dem anderen abhalten. Wir brauchen Nahrung, geistige Nahrung, soziale Nahrung.

Home Office steigere die Effizienz, sagt man gerne. Die Menschen haben während der Covid-19-Zeit im Schnitt 28 Stunden mehr pro Monat gearbeitet. 

Studien zeigen, dass die Flexibilisierung der Urlaubstage vor allem dazu führt, dass die Menschen weniger Urlaub nehmen.

Das ist der Grund, warum 30 Prozent der Führungskräfte Homeoffice positiver sehen als vor der Corona-Krise.

Die Folge: Eine große Autofirma hat gesagt: alle Arbeitsbereiche, die nicht direkt mit der Produktion verbandelt sind oder davon betroffen sind, sollen langfristig ins Home Office. Auch andere deutsche Konzerne sprechen davon, dass Home Office signifikant erhöht werden soll. Arbeitsplatzforscher schätzen die Erhöhung auf 30 bis 50 Prozent für diejenigen, für die Home Office überhaupt theoretisch in Frage kommt.

Aber warum wird die Effizienz gesteigert? Bei den Besprechungen sind wir auch deswegen effizient, weil soziale Signale wegfallen. Weil wir abgestumpfter werden. Wir sehen nicht, wie der Kollege die Augen verdreht, wir sehen vieles nicht – wir werden blinder on screen.

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Digitales Arbeiten erfordert andere Regeln. Die Zeit der Besprechungen muss drastisch reduziert werden. Wir müssen lernen „Stopp“ zu sagen: ich brauche meine Pause. Das Vorwärtskommen und Hecheln im Hamsterrad muss aufhören. 

Auch die Arbeitszeit muss drastisch reduziert werden. Es hat nicht nur etwas mit der Kinderbetreuung zu tun, sondern auch damit, dass man im Büro auch viel Lebenszeit durch Nicht-Arbeit verbringt. Indem man mit den Kollegen Kaffee trinkt, oder Pausen einlegt, die man zu Hause nicht einlegen würde. Man muss deutlich sagen, dass acht Stunden im Home Office nicht realistisch sind, weil dies zu viel und zu intensive Arbeit wäre. 

Auch im Home Office muss es Arbeitsschutz geben. Der 14-Zoll-Laptop in einer schlechten Arbeitshaltung am Küchentisch wäre im Büro unmöglich. Nicht alle besitzen auch eine große Wohnung, wo genug Zimmer da sind und die erforderliche Hardware.

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Viele sagen: Ich will gar nicht im Home Office arbeiten. Sie wollen die Trennung von Zuhause und Arbeit. Denn das Büro ist nicht nur ein Ort, in dem Arbeit erledigt wird, und nicht nur ein Ort des Zusammenkommens, sondern auch ein Ort, der Identität stiftet.

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Es geht um Organisationssoziologie. Kann eine Organisation es leisten, es schaffen, dass alles flexibilisiert wird?

Am wichtigsten ist dabei vielleicht diese Sprache. Ist Euch auch aufgefallen, wie die Sprache der Arbeit sich verändert: Manager vermeiden das Wort „Problem“. Sie vermeiden auch das Wort „Aufgabe“. Sie sprechen vom „Thema“. „Das Thema Pünktlichkeit“, „das Thema Flexibilität“ „dies und das wird ein Riesen-Thema werden.“ 

Fällt Euch das auf?

Fallen Euch diese neuen Wörter auf? „Interaktions-Ecken“, „Stille-Ecken“, „Remote arbeiten“, „Fläche für Interaktion“

Irgendwie alles ein bisschen perverse Wörter. 

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Neulich schrieb ich, das Home Office würde vor allem den Arbeitgebern nutzen. Daraufhin erreichte mich folgende Mail einer Arbeitgeberin, deren relativ kleine Agentur ich zwar nicht gemeint hatte – aber es zeigt, dass längst nicht Arbeitgeber gleich sind: „Lieber Rüdiger, unsere Home Offices sind technisch ziemlich gut ausgestattet, jedenfalls für die zwangsläufig wenige Arbeit. Keine Kinos, keine Filme, keine Aufträge, kein Geld. Das gleiche gilt für Produktionen und für Festivals natürlich auch. Und übrigens gilt das auch für bereits geleistete Aufträge zum Teil! Verleiher, die keine Einnahmen haben und so weiter.

Also folglich: Home Office ist leider nicht arbeitgeberkostensparend, wie Du schreibst: Miete, Strom, Versicherungen, andere Grundkosten ticken weiter. Wenn man nicht mit Minijobbern arbeitet, sondern fest angestellte Kolleginnen hat, dann gibt es 60 Prozent Kurzarbeitsgeld, das muss erstmal aufgestockt werden – finde ich jedenfalls! Wie es wann weitergeht, weiß niemand.

Hinzu kommt, dass die Kinos und die Verbände nicht besonders klug mit der Situation umgehen. Gutscheine allein können es nicht sein. Marketingmaßnahmen reichen auch nicht aus. The winner is: NETFLIX.

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Noch einmal: wir sprechen hier von einer klaren Minderheit. Es geht um einen kleinen Teil der Bevölkerung aber es geht um die Zukunft, die uns allen droht oder bevorsteht oder verheißen ist – je nach Betrachtungsweise. 

Ungleichzeitigkeit: 40 Prozent aller Arbeitnehmer haben ganz feste Arbeitszeiten, sie müssen also auf die Minute pünktlich da sein und dürfen erst auf die Minute pünktlich den Arbeitsplatz verlassen. Aber der Trend geht zu flexiblen Arbeitszeiten.

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Der Unternehmer Lasse Rheingans hat ein Buch über den „5-Stunden-Tag“ geschrieben. Ihm geht es darum, weniger Zeit „zu verschwenden“, und wirklich „effektiver zum Ergebnis zu kommen“.

New Work, erklärt der Arbeitspsychologe Markus Väth, sei die Verwirklichung von fünf Prinzipien:

Die Verwirklichung von Freiheit.

Die Verwirklichung von Selbstverantwortung.

Die Verwirklichung von Sinn.

Die Verwirklichung von Entwicklung.

Die Verwirklichung von sozialer Verantwortung.

Das ist New Work auf einer abstrakten Ebene – und jetzt übersetzen das mal in Prinzipien.

Klingt wie ein Mangel, wenn Rheingans sagt, viele Kollegen seien noch gar nicht soweit in Ihrem persönlichen Prozess, dass sie mit so viel Freiheit und Selbstorganisation umgehen könnten.

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Am Badischen Staatstheater in Karlruhe gibt es einen einen Aufstand gegen den Generalintendanten Peter Spuhler und andere. Mitarbeiter setzen sich zur Wehr mit Flyern wie: „Staatstheater ist: wenn Otto A. Thoß mir ungefragt Dickpics und Nudes zusendet“ 

Berichtet wird von Flaschenwürfen gegen Schauspieler, sexuellen Übergriffen und willkürlichen Bedrohungen. 

Instagram: @bustedupstaatstheater

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Auf Amazon läuft „The Great“. Das ist die Geschichte der Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst, besser bekannt als Jekaterina Welikaja oder auch Katharina die Große. Die einzige Frau, die je den Beinamen „die Große“ bekam, war ein politischer Star des 18. Jahrhunderts.

Die Serie stammt von dem Autor des britischen Films „The Favourite“. Ganz überzeugt bin ich nach drei Folgen noch nicht. 

Erschienen auf out-takes

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