Interview mit Reimund Gotzel: Der Klimaschutz bleibt eine Primäraufgabe

Reimund Gotzel, Foto: Bayernwerk

Was einst die industrielle Revolution war, ist heute durch den Klimawandel veranlasst. Der Umstieg auf erneuerbare Energien. Wie stellt sich die Bayernwerk AG auf die Energiewende ein, was sind die großen Herausforderungen?

Sie haben das Stichwort genannt: Klimawandel. Das ist das große Thema. Und es ist wohl bereits fünf vor zwölf. Insgesamt kann man festhalten, dass die Menschen das erkannt haben und dass die drohenden Klimaveränderungen definitiv Angst machen. Wir sind alle gefordert, etwas zu ändern. Was das Bayernwerk angeht, lässt sich sagen: Wir können das. Gerade jetzt können wir mittels der Digitalisierung und durch die neuen Technologien Zukunft klimageschützt gestalten.

Die Energieversorgung aus klimaverträglichen Stromquellen und der daraus resultierende Ausbau der erneuerbaren Energien ist ein wesentlicher Bestandteil der Energiewende. Zudem plädieren Sie für eine dezentrale Energieversorgung z.B. durch Photovoltaikanlagen auf Hausdächern oder Strom durch Biogaserzeugung. Geht es also in erster Linie um eine Stromwende?

Erneuerbare Energien sind natürlich ein wesentlicher Bestandteil, aber eben auch nur ein Teil der gesamten Entwicklung. Bislang lag der Fokus der Energiewende auf dem wachsenden Anteil der Erneuerbaren Energien. Damit haben wir leider nur eine Stromwende. Wir brauchen aber eine Strom-, Wärme- und eine Mobilitätswende und das vor allem möglichst nah bei unseren Kunden. Die Energiezukunft bauen die Menschen. Und die bauen sie dort, wo sie ihr Engagement selbst am stärksten spüren können. Dazu, da sind wir überzeugt, braucht es Gemeinschaft und gegenseitigen Ansporn. Deshalb sehen wir die Energiezukunft vor allem in den ländlichen Regionen in lokalen Energiekreisläufen, sogenannten lokalen Märkten. Energie wird vor Ort erzeugt, gespeichert und verbraucht, alles so nah wie möglich.

Die Vorgaben aus Brüssel zur Verringerung der CO2 Emissionen sind ja hochgesteckt. Man will ja gerade in der Automobilindustrie den CO2 Ausstoß um 37 % bis 2030 reduzieren. Wie bringen sie diese hohen Vorgaben auf die Straße?

Unsere ganze Arbeit zielt auf Klimaschutz: Moderne Netze, mit denen wir die Einspeisung aus Erneuerbarer Energie ermöglichen, unser Entwicklungsziel lokaler Energiekreisläufe, unsere Produkte zur Energieeffizienz, unser Energie Monitor als Kompass für den kommunalen Weg in die Energiezukunft, unser Fokus auf E-Mobilität oder unsere LED-Technologie in der Straßenbeleuchtung. All das spart letztlich CO2. Die Umrüstung auf LED bringt bei uns, im Vergleich zum Jahr 2010, 30.000 Tonnen CO2 Emissionseinsparung jährlich.

 „Wir machen Bayern mobil“, heißt ein Slogan der Bayernwerk AG. Die Zahl der zugelassenen E-Autos steigt, wenngleich nicht so rasant wie gewünscht, aber die Infrastruktur für diese Energierevolution ist noch nicht vorhanden. Was tut die Bayern AG hier?

Deutschland schlägt derzeit einen klaren Kurs Richtung E-Mobilität ein. Die Autoindustrie konzentriert sich auf diese Antriebstechnologie. Und auch wir sagen „Ja“ zur E-Mobilität. Das ist aus heutiger Sicht der schnellste Weg, um Alternativen zum Verbrennungsmotor zu schaffen. Was den Ausbau der Infrastruktur betrifft, planen wir bei der Erneuerung unserer Netze die zusätzliche Leistung für die E-Mobilität mit ein. Für das Bayernwerk-Netz zeigt uns eine Studie, dass wir mit kontinuierlichem Ausbau in 2045 soweit sind, unser gesamtes Netzgebiet für 100 Prozent E-Mobilität bereit zu machen. So könnten die rund drei Millionen konventionellen Pkw, die heute im Bayernwerk-Netzgebiet gemeldet sind, dann allesamt rein elektrisch fahren. Diese Studie setzt natürlich voraus, dass sich E-Mobilität wie wir sie heute kennen gänzlich durchsetzt. Ob das so kommt, wissen wir nicht. Auf jeden Fall macht uns der weitere Ausbau im Bereich der Netze hinsichtlich der grundsätzlichen Versorgungsfähigkeit der gesamten Lade-Infrastruktur im Bayernwerk-Netz keine Sorgen.

Diese Infrastrukturveränderung von der wir gerade gesprochen haben, betreffen ja nicht nur Ladestationen, die installiert werden müssen, sondern auch Hausanschlüsse. Man hört oft, dass strukturschwache Regionen nicht über die Kapazitäten verfügen, um ein Elektroauto zuhause zu laden, weil dann das Stromnetz des Hauses zusammenbricht. Welche Konzepte liegen hier vor, wie kann man den Stromfluss stabil halten?

 90 Prozent aller in Deutschland angeschlossenen Erneuerbaren Energien sind am regionalen Verteilernetz angeschlossen – also in den ländlichen Strukturen und nicht in den städtischen. Der dadurch notwendige Ausbau und die Verstärkung der Netze haben natürlich geholfen, so dass die grundsätzliche Versorgungslage mit Ladekapazitäten im ländlichen Raum besser geworden ist. Darüber hinaus haben sie natürlich Recht, wenn man an ein Einkaufszentrum oder eine Ladestation an einer Autobahn denkt, dass das planerisch einfacher zu gestalten ist, als vielzählige Anschlüsse in der Fläche. Das ist sicher ein höherer Planungsaufwand. Andererseits muss man sehen, dass wir jedes Jahr 50.000 bis 60.000 Hausanschlüsse fertigstellen, also in Summe eine Kleinstadt ans Netz bringen. Die Planung von Ressourcen ist somit auch unser Tagesgeschäft. Bei Ladestationen muss man die Frage stellen, ob jeder immer eine Ladestation braucht, oder ob es nicht besser ist, in einem entsprechenden halböffentlichen Raum Ladestationen intelligent durch mehrere Nutzer nutzen zu lassen. Das entspannt die Kapazitätssituation deutlich. Wir sind aktuell mit der Automobilindustrie in zwei Projekten unterwegs, in denen es darum geht, dem Kunden die Freiheit über sein Ladeverhalten zu lassen, ihm aber ein Angebot zu machen, das die optimale Ausnutzung der Ladestruktur und damit auch der Netzstruktur gewährleistet.

Kommt tatsächlich die Mobilitätswende, müssen vor allem in den Städten wahnsinnig viele Ladestationen gebaut werden. Gibt es da ein architektonisches Konzept, wird das der Stadt überlassen oder spielen da die Bayernwerke bei diesem Ausbau eine wesentliche Rolle mit?

Wir versuchen auf jeden Fall, mit einem guten Beispiel voranzugehen. Die Tiefgarage unserer Unternehmensleitung haben wir so umgerüstet, dass eine Vielzahl von intelligent vernetzten Lademöglichkeiten für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorhanden ist und die Netzkapazität des Gebäudeanschlusses immer optimal genutzt werden kann. Wenn ein Mitarbeiter acht Stunden Zeit hat, dass die Batterie aufladen kann, dann können wir hier die Lastverschiebung vornehmen und tun das auch. Dieses Konzept kann man übertragen. Wir gehen davon aus, dass zum Beispiel Parkhäuser durchaus diejenigen sein können, die Ladeinfrastruktur beherbergen. Aus Kundenperspektive lautet die Frage: Wo sind die Kunden, wie mache ich es ihnen leicht, welche einfache Lösung kann ich anbieten. Eine effiziente Infrastruktur würde sich gerade in Parkhaussituationen anbieten.

Nun gibt es ja viele Kritiker der E-Mobilität, welche sich andere Alternativen wünschen würden, Wasserstoff zum Beispiel. China und andere Länder gehen weg von der E-Mobilität, da die CO2 Bilanz der Batterien sehr schlecht ist. Also von Elektroautos mit schmutzigem Strom, aus Atomkraft und Kohle aufgeladen – was macht die Bayernwerk AG anders?

Wenn wir eine Ladeinfrastruktur errichten, dann wird sie von uns zu 100 Prozent aus Ökostrom beliefert. Zugegebenermaßen ist das eine bilanzielle Situation. Andererseits bieten wir heute im Bayernwerk-Netz auch real im Durchschnitt über 60 Prozent Erneuerbare Energie.  Die in unserem Netz transportierten Energien sind schon grün. Sie stammen aus Wasserkraft, aus Photovoltaik, aus Windkraft, aus Biogasanlagen und werden durch unsere Kunden in das Netz eingespeist. Bei sehr guten Wetterlagen, guter Sonneneinstrahlung, haben wir regelmäßig Überschüsse, die wir im Moment weitergeben. Hätten wir mehr Speicher vor Ort, könnten wir das noch besser in unserem Netz und unserer Region verwenden. Auch physikalisch gesehen werden wir daher in Zukunft immer mehr grüne Energie in unserem Netz haben. Und so macht Elektromobilität Sinn. Gleichwohl bin ich niemand, der sagt, es gibt nur eine Technologie. Das ist im Moment die Technologie, die wir sehen können und die wir auch in bestimmten Einsatzbereichen in der Zukunft definitiv sehen werden.  Kurzstreckenverkehr, insbesondere auch Personenverkehr, ist für mein Empfinden an eine unveränderte batterieausgerichtete Mobilitätssituation gekoppelt. Beim Schwerlastverkehr ist das definitiv schwieriger. Hier glaube ich, ist es richtig, nicht nur eine Technologie einseitig auszubauen, sondern offen zu sein. Wasserstoff ist mit Sicherheit auch eine Entwicklungsrichtung, die wir im Mobilitätsbereich sehen werden, die wir aktuell noch nicht so intensiv begleiten, da auch die Hersteller sich auf Batteriefahrzeuge ausrichten. In unserem Fuhrpark gibt es schon seit Jahrzehnten Erdgasfahrzeuge. Aber um die CO2-Emmissionen weiter zu senken, stellen wir immer weiter auf batteriebetriebene Elektrofahrzeuge um. Im Jahr 2025 wollen wir unseren Fuhrpark mit 1.300 PkW gänzlich auf reine E-Fahrzeuge umgestellt haben.

Fragen. Dr. Dr. Stefan Groß

Quelle: The European

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