JIM MORRISON Mensch und Mythos – Teil 1 – 2

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I.

Each day is a drive thru history

The movie will begin in five moments…

Die Kamera läuft. Jetzt geht alles unglaublich schnell. Prometheus hebt ab. Beinahe elegant streckt und biegt sich sein schlanker Körper. Wie ein Bogen ohne Pfeil. Der kühne Schwung, von grellem Licht weißglühend umflutet, trifft himmelwärts ins Schwarze und einen Nerv, dessen Drähte gespannt sind bis zum zerreißen. Nunmehr aller Lasten ledig, vom reinen Überschwang getragen, der ihn so kühn empor gehoben hat, trotzt sein Leib sichtlich der Schwere, die im Profanen darbt und drückt. Das linke Bein fährt lässig federnd zurück, was der Befreiung zusätzlichen Esprit verleiht. Phönix hebt ab. Um für immer fortfliegen? Im Scheitelpunkt der Bewegung, die Aufstieg und Fall verbindet, scheint er wirklich zu schweben, mutet seine Erscheinung schwerelos an. Der Ansatz eines Aufschreis erstickt noch an sich selbst.

Kaum eine Sekunde ist vergangen. Die Zeit aber rast und spielt doch ab sofort gar keine Rolle mehr. In diesem Moment mag unser Held, wie Ikarus, die Sonne streifen: sein Hinterkopf schrammt haarscharf an der glühend heißen Außenkante des großen Flutscheinwerfers vorbei, der die Singer Bowl taghell erleuchtet. Eine optische Täuschung – täuschend echt.

Denen, die gebannt zur Bühne starren, mag in diesem Augenblick der Atem stocken. Dann löst sich die Spannung. Beinahe erleichtert stürzt der eben noch federleicht auftrumpfende Körper jetzt zurück auf den nackten, ordinären Bühnenboden. Hart und unerbittlich schlägt er auf. Um wie ein nasser Sack zur Seite wegzurutschen. Der stolze Flug, kurz und verwegen, vermochte die Gesetze der Schwerkraft doch nicht zu beseitigen. Nun setzt auch die Musik wieder ein, in wüste Kakophonie mündend, einem reinigenden Gewitter gleich, dessen rachitische Wucht das ganze Stadion in wütend wogenden Wellen bis an den Rand und darüber hinaus durchpeitscht. Das tobsüchtige Inferno reißt die Menschen auf den Rängen unwiderstehlich mit sich fort. Die kathartische Befreiung und Vernichtung des Einzelnen ergänzt und vollendet sich in den kollektiven Erregungen der breiten Masse. Publikum und ´Poser´ – sind eins geworden.

Kaum gelandet, ergeht sich das Bündel Mensch in seltsamen Spasmen, die akrobatischen Verrenkungen gleichen und jeder anatomischen Grundlage Hohn spotten. Noch rücklings liegend, verreckt der erste Versuch, den Leib zu wenden. Im zweiten Anlauf gelingt es dann, schnellt die von unsichtbaren Geistern geschüttelte Gestalt kurz und kernig empor, als zöge sie ein unsichtbarer Flaschenzug Hüftabwärts in die flache Höhe, doch sackt der Corpus schnell wieder zugrunde. Einem Fötus gleich, igelt er, dem so geschieht, sich nunmehr ein; doch schon im nächsten Moment kippt der verschwitzte Körper ein weiteres Mal zur Seite weg, in verzögerten, ruckhaften Bewegungen: Bein und Schulter voran, bevor der Rest mit einer einzigen ruppigen Wendung bäuchlings hinterher rutscht. Darob verharrt er kurz, von krampfigen Zuckungen stoßweise gepackt, als jagten Stromschläge durch einen bis in die letzte Nervenfaser empfänglich gewordenen, trächtig aufgeladenen Torso.  Ein weiteres Mal sackt der Schamane zur anderen Seite fort. Eine gewisse Ermattung wird jetzt, anstelle echter Erlösung, spürbar. Der mächtige Scheinwerfer umfiebert den Todeskampf des Besessenen wie ein Laufeuer. Der schreit und schreit, unsäglich. Um sein Leben?

Die kehligen, entsetzlichen Laute, die der Gestürzte von sich gibt, gleichen einer einzigen, trächtig fortdauernden Tortur. Spitz aufheulend, wie in schmerzhafter Todeserwartung, tönt seine Stimme fremd und fürchterlich, schrill und orgiastisch. Sie überschlägt sich, von Höllenqualen gepeitscht, bevor der seltsam triumphale Tremor räudig versackt. Seine Seele scheint auf dem heißen Rost der Hölle zu braten. Es ist, als sei nicht er der Auslöser dieser grauenhaften Litanei, die einer einzigen Folter gleicht. Etwas zeitlos Fremdes wütet wohl in Innern dieser Kreatur; und immerzu aus ihr heraus. Auch die Bewegungen wirken, als würfe eine unsichtbare, unheimliche Macht das Opferlamm hin und her. Wie von Stürmen gepeitscht, erliegt er der dunklen Macht, fern aller Realität, die aber in diesem Moment eine unerhörte Dichte erreicht. Und hält. Der lärmende, gefallene Engel ergeht sich in einer Art Taumel, dessen Gewalt ihn abwechselnd stößt und bremst. Wie es ihr gefällt. Dem völlig hingegeben, ergeht er sich, in Resten tobend und tosend, wie eine abgewürgte Naturgewalt, deren letzte Brunft zwischen Erleuchtung und Ermattung, Himmel und Hölle – Anfang und Ende kumuliert. Heillos. Hoffnungslos. Verloren. Hilflos an sich selbst verendend, gleicht er tatsächlich einem Medium; willenlos den Mächten ergeben, die er gerufen oder beschworen, erzwungen oder erwirkt hat. Die Kraft, die seinen Körper entfesselte, hat ihren Träger weniger beseelt, mehr befeuert: nun brennt er langsam aus.

The world on fire… Come, for all the world lies, hushed and fallen

Der affektive Lärm, den seine Mitstreiter an den Instrumenten auf bewährte Weise improvisieren, dient eigentlich der Befreiung. Tosend braust die Wut umher, mündend in diffuser Erleuchtung, die doch nur neuen Wahn gebiert. Er lässt sich davon treiben. Uferlos. In eine endlos scheinende Ferne, einfach so fort. Seltsam, wie er mit der künstlichen Sonne, die ihn und das Rondell umstrahlt, zu verschmelzen scheint. Sein durchschwitztes mexikanisches Peon-Hemd leuchtet, wiewohl blässlich, im samtpinken Farbton der mächtigen, grell aufglühenden Glutkugel, deren Strahlenfuror die Ränge unerbittlich in grelles, gleißendes Licht presst. Weiträumig umspannt von der Schwärze eines nächtlich fernen Himmels, glänzt das Stadion wie am Tage.

Die Show hat ihren Höhepunkt erreicht – die Show muss weiter gehen. Den wie wahnsinnig auf hartem Beton Kriechenden schirmt halbkreisförmig ein schwarz uniformiertes Polizeiaufgebot. Zwei von den Männern haben, wohl ob der Hitze, das dunkle Oberteil abgelegt. Sie tragen hellblaue, luftig anmutende Hemden. Einer von den Schwarzhemden, füllig bis annähernd fett, stürzt unmittelbar nach dem Aufprall des Ikarus beinahe stolpernd ins Bild, als wolle er dem tragischen Helden wieder aufhelfen, doch bremst er sogleich ab; sein Augenmerk galt wohl der außer Rand und Band geratenen Bestie am Bühnenrand. Von dort aus macht derselbe nun aufmerksam die weitere Runde. Das eigenartige Schauspiel vollzieht sich tatsächlich in einem Kreis, dessen Magie die bloße mechanische Reproduktion allenfalls anzudeuten vermag. Sie hat ihr tatsächlich nichts entgegen zu setzen, denn der mörderisch anmutende Zauber lebt fern aller bloßen Berechnungen und künstlichen Justierungen. Ein Bildschirm vermag allenfalls in Ansätzen einzufangen, was soeben jeden Rahmen gesprengt hat.

Event in space, a circle, magic rite, to call up the godhead, spirits, demons

Die Musik dräut unverdrossen in wilder, auf, – und abbrausender Gewalt. Drängt bis an die letzte Grenze. Und über alle Grenzen hinaus. Immer wieder schauen einige von den ´Cops´, die damals noch für den Schutz der Bands verantwortlich waren, zu dem in epileptischer Verzückung Verendenden herab, und wieder zurück Richtung Auditorium, wo sich enthemmte Jugendliche, angesteckt vom tropischen Irrsinn, zusammengerottet haben um an die Gruppe, mehr noch: um an Ihn heranzukommen. Immer wieder versuchen einige von denen, durchzukommen. Immer wieder werden sie von den Polizisten ruppig zurück gestoßen.

Break on through to the other side

Die Sicherheitskräfte wirken vordergründig cool, näher betrachtet eher ratlos, durchweg angespannt und im Ansatz natürlich nervös. Eine gewisse Irritation ist unverkennbar. Was geht hier gerade ab? Dabei nähert sich die Exhibitionsorgie nun ersichtlich ihrem Ende, das Stück ist wirklich der Ausklang, eben: The End. Die Meute aber, ganz im Hintergrund, nur als anonyme, Gesichtslose Masse erkenntlich: kocht. Brät wie im kollektiven Delir und schlägt eigene Funken. Etwas in ihnen allen ist heute Abend angerührt worden und fühlt sich nun stark genug, um für Momente ausbrechen zu können: wie die Bestie aus dem Käfig. Sie wussten schon vorher, wem sie an diesem Abend gehören würden, schon lange vor dem verspäteten Auftritt der Doors skandierte die Menge unaufhörlich seinen Namen: Morrison…Morrison…Morrison…

Weder Densmore noch Manzarek sind in dieser Aufnahme zu sehen. Nur der Gitarrist der Band, Roby Krieger, erscheint gleich nach dem Aufprall des Hexenmeisters kurz im Bild, als habe er sich ein wenig verlaufen, und in der gewohnt matten, teilnahmslosen Haltung, die ihm eigen ist, wirkt er gleichzeitig wie gelähmt, ja erschrocken im Anblick des Besessenen, der mit seinen tolldreisten Tiraden ständig für Aufsehen sorgt. Er kennt das schon, und ist doch stets von neuem erstaunt. Seiner Verlegenheit eignet in der Tat ein gewisses Entsetzen, dass er durch lässige Bewegungen mit der Gitarre konterkariert.

Vor dem Graben lauert weiterhin das Publikum. Immer wieder drängeln etliche von ihnen in den Sperrbezirk, ins Zentrum der Entfesselung, die schon den Keim der Ernüchterung in sich trägt. Der kollektiven Enthemmung dieser Fans entspricht, im Äquivalent, die Entgleisung ihres Idols. Das eint sie für Momente. Aber er, der wie ein langsam sterbender Fisch hin und her zappelt, lebt doch ganz in seiner eigenen, hermetisch abgeriegelten Welt. Jetzt, da er am Boden liegt und die Polizei den Ring immer fester schließt, kann ihn keiner im Publikum mehr wirklich sehen. Sie hören einander nur. Das reicht.

Die Singer Bowl ist zum Zentrum einer magischen Initiation geworden. Der Fokus richtet sich auf ihn, und ihn allein. Der langsam zu sich kommt, indem er stetig zu verenden scheint. Der Hexenmeister verreckt an einer Überdosis überschüssig aufgestauter Energien, die ihn weniger zu neuem Leben erweckten, mehr über dieses profane Leben hinauskatapultierten. Eben noch rasend, entrückt oder entzückt: ergeht er sich abschließend in letzten sinnlosen Erregungen, die wie leere Reflexe anmuten. Mag er ihnen allen, die von seinem Feuergeist entzündet wurden, nunmehr grenzenlos fernstehen: Der begleitenden Faszination vermag sich in diesen Sekunden keiner mehr zu entziehen, und auch das Ordnungsteam, im Focus des Ordnungslosen Geschehens, agiert wie ferngesteuert: unter einem unsichtbaren Bann stehend. Im Analogen, das spürt man, kann so ein Wunder noch geschehen.

A feast of friends – where are the feast we are promised?

Schon vor dem Set, als die Who das Stadion beschallten, hat es die ersten Tumulte gegeben. Aber der Krawall steigert sich erst mit Ankunft der Doors, die viel zu spät erscheinen. Im dichten Gedränge vor der Absperrung gehen ganze Stuhlreihen zu Bruch. Das zeitigt Verletzte. Derlei Krawall auf Konzerten sind seit den ersten größeren Auftritten der Stones keine Seltenheit mehr. In den Fünfzigern, als der Rock´n Roll aufkommt, nimmt der Furor bereits unerhört an Fahrt auf. In der geblähten Kulisse der Singer Bowl gewinnt das anarchische Treiben nunmehr epischen Charakter.

Cold electric music, damage me, rend my mind, we are the soldiers of Rock and Roll Wars

In diesem Moment scheint wirklich keine Steigerung mehr möglich. Der Lärm verebbt also. Langsam beruhigt sich alles. Aber die Menge wogt unverändert unruhig bis vor die scharf umrissene Kante des Parketts, aufgewühlt wie eine wilde See, deren Gischt Funken schlägt.

Im Film sind ganze sechsundzwanzig Sekunden vergangen. Die Aufnahme endet im ersten Abschäumen kollektiver, krachkollernder Hysterie. Cut.

Wir schreiben den zweiten August des Jahres 1968. Es ist spät geworden. Die New Yorker Singer Bowl, letzte Station der Doors vor ihrer Abreise nach Europa, randvoll besetzt bis auf die letzten Ränge, brodelt wie ein Hexenkessel. Die Doors stehen im Zenit ihres Erfolges, dessen baldigen Abfall der finale Absturz des Sängers irgendwie schon vorweg nimmt. Sie spielen gerade ihr ödipales Meisterwerk zu Ende: das unheilschwangere, in unruhigen Wechseln befangene, dunkel-esoterische, mit Freudschen Anleihen ominös beschwerte, herrlich versponnene, schwerblütig ausufernde und im Wust assoziativer Motive nebulös versinkende ´The End´. An dieser Stelle des Liedes, deren eruptive Erregung die bisher verklungenen Minuten in eine Ouvertüre umdeuten, wird der Weltuntergang exerziert, nein: exekutiert. Dem instrumentalen Crescendo folgt hier die lärmende Katastrophe, deren wüste, wirre Schübe ihrerseits erlösen und befreien. Sie peitschen ihn, dessen Erregung nur langsam erlahmt, in letzten Resten auf. Unerbittlich und ungeschlacht wie nie tönt die brachiale Orgie. Sie wiegelt die Masse auf und weist ihr den Weg zur Freiheit, die alle Grenzen verwischt und in Chaos und Anarchie mündet, bevor ein letzter, trauriger Melos, die tastenden Anfänge des Stücks erinnernd, das wüste Werk unter sich begräbt: zur Totenstille hin – zur endlosen Nacht.

Some tired future, let me sleep. Get on with the disease

Befreiung, Erlösung, Erleuchtung: Danach suchte dieser Getriebene zeitlebens so verzweifelt wie vergebens. Freiheit um jeden Preis, auf jede Gefahr hin, entlang aller Möglichkeiten bis hin zum Irrsinn: das war und blieb sein Thema. Bis zum Schluss. Auf sehr eigene, vielfach unverstandene Weise ließ er sich treiben und völlig gehen, irrte sein unruhiger Geist an den Peripherien der Realität hin und her, immerzu vom Schwindel und vom Fieber gepackt. Mit Berechnung tat er, was zu tun war. Und blieb dabei doch immer ganz unberechenbar. Die Rechnung ging auf: sie beglich der vielbeschworene, immerzu herausgeforderte, allzu frühe eigene Tod.

Jim schwang sich solcherart zum Hohepriester eines Ideals auf, dessen konsequente Umsetzung einen Menschen aus Fleisch und Blut unerbittlich richtet. Jene, die sich anschickten, den Göttern das Feuer zu stehlen, haben das früh zu spüren bekommen. In dieser Tradition wusste Morrison sich bestens aufgehoben. So zelebrierte er am Ende des Sets, im Innern der brodelnden Bowl, seinen ganz eigenen, privaten Weltuntergang.

Als Einzelner blieb auch er, obschon im tiefsten Solipsismus befangen, an Allgemeinheiten gebunden, deren zahlreiche Erscheinungen in eigentümlicher Verrechnung mit der eigenen Person aufgingen. Seine Visionen vermählten sich mit den Dämonen denen einer Zeit, die uns schon wieder ganz fremd geworden ist. Der einsame Held exekutierte in aller Öffentlichkeit und von dieser gleichwohl trennscharf geschieden, den hysterischen Heldentod; jenen ein Beispiel, die ohne Helden nicht leben können oder wollen. Und die Kamera lief mit. Was sie zeigt, bleibt obligatorisch und deckt sich mit den Worten dessen, der danach lebte:“ Unsere Obsession gehört den Helden, die an unserer Statt leben und die wir bestrafen können.“ Wer von denen, die sich dementsprechend schadlos halten, hätte ihm auch folgen mögen, der so tollkühn nach den Sternen griff und am Ende nichts als schalen Staub in Händen hielt? Früh kapselte sich dieser Mensch von allen ab, die ihn für kurz oder lang immerhin begleitet und bewundert, gemieden und gesucht, gehasst und geliebt haben, denn er umgab sich mit einer undurchdringlichen Mauer, selbst Mauern einreißend und so lebte er, auf eigene Gefahr hin, völlig solitär, aber konsequent den eigenen Traum um jeden Preis, unerschrocken und unerbittlich, und immer wieder ganz und gar bis zur Neige, weil seinen finsteren Manen hingegeben, die ihn zunehmend beherrschten und jeden Rückweg zur Normalität verbauten. So war es auch in diesem Moment. Am Boden zerstört, aber noch in den Einzelteilen ganz tanzender Stern, von dem einst Nietzsche sprach: vollzog sich das Wunder, auf eigene Art.

Einzig in der existentiellen, Leib und Seele opfernden Zuspitzung war Freiheit möglich, wie Morrison sich früh einzureden verstand. Das kommt gerade an Ende dieser ´Show´ recht ungefiltert zum Ausdruck. So ungebremst wie unverstellt, ungeschlacht und unerhört. Nackt und rein. Und doch nicht frei von selbstherrlicher, hochmütiger Pose, die ganz in der Entfesselung aufgeht. Keinerlei Berechnung schmälerte im Siedepunkt den Abgang des Verfluchten. Alles kippte aus dem Ruder und gebar die Reinheit eines Beginns, der keine weiteren Anfänge mehr kennt. So freilich sah es auch der eigene Plan vor. Nach dem richtete er sich. Dem ordnete er alles unter. Bis zuletzt. Konsequent und unerschrocken.

Auf der alten, noch nicht digital nachbearbeiteten Spur des Filmschnipsels, der damals ohne Original-Ton in dem von Morrison produzierten Doku-Film ´Feast of Friends´ Verwendung fand, sind kaum Einzelheiten zu erkennen; wirkte der ganze Vorgang noch, als hüllte eine zweite Leinwand jegliches Geschehen in dampfende Schemen. Das machte seine Stärke, sein Kolorit aus. Seltsam überbelichtet, gleißend grell in der etwas verranzten Kopie, erschienen uns die Bilder eigentümlich bleich und abgenutzt. Ein Dokument, auf dem sich der Staub wie ein diffuser Filter festgesetzt hatte. Jetzt, mit der original verzerrten Musik im Hintergrund, aber in klarer, farbiger Sequenz, entsteht ein wiederum anderer Eindruck, denn hier verdichtet sich so etwas wie der Grundton einer echten Melodie, die heute, in Zeiten allzu beliebiger, gehäuft vorgefertigter und folglich immer belangloserer Reize nicht mehr erklingen mag. Man bekommt auf Anhieb einen starken, aber unbestimmten Eindruck von der Einmaligkeit unwiederholbaren Geschehens: eigentümlich in seiner analogen Schärfe und abgeschlossen als gerundeter Vorgang, der sich so nicht einfach nachahmen oder reproduzieren lässt. Wie in einem Brennglas wird Ereignis, was den sichtbaren Erscheinungen der Dekade nicht einzig, aber doch spezifisch und divergierend den unvergleichlichen Tenor verlieh.

Banal zusammengefasst: Aufbruchsstimmung und gesellschaftliche Protest bestimmten die kurze, kecke Dekade. Von ständigen, immer gewalttätigeren Auseinandersetzungen begleitet, beschwor der Zeitgeist eigene Monstranzen. Heute weiß sie jeder beim jeweiligen Namen zu nennen, die passenden Schlag, – und Stichworte liegen vor, aber seinerzeit ahnten die wenigsten, wohin die Reise tatsächlich gehen mochte. Sie lief nicht ohne Reibung ab, denn die Fronten standen von Anfang an fest, als sehr klare, schwer verrückbare Gräben; wie mit dem Pflug gezogen. Das atmosphärische Otium einer Zeit, deren verwegene Protagonisten blindlings und wildentschlossen, also: um jeden Preis ihren eigenen Manen folgten, wird in der knappen halben Minute dieser beispiellosen Sequenz sehr spürbar.

Jim Morrison war einer von diesen Empörern, denen das gewöhnliche Leben nie genügen konnte. Ihn interessierten Netze, die Spinnen unter dem Einfluss von Meskalin und LSD gesponnen hatten, und er selbst knallte sich, das ist hinlänglich bekannt, dermaßen wahllos und konsequent mit allen möglichen Rauschmitteln zu, das dabei die Seele selbst zu Schaden kam. Roby Krieger meinte, Morrison hab dabei schließlich ´sein eigenes Selbst´ verloren.

Out here in the perimeter there are no stars…out here we is stoned…immaculate

Die ausgehenden Sechziger Jahre unterschieden sich deutlich von den Anfängen des Jahrzehnts. Es bleibt schwer, fast unmöglich, das Wesentliche dieser ´Ära´ auf einen halbwegs einheitlichen Nenner zu bringen. Sie kennzeichnet noch immer der Widerspruch, die Vielfalt – das Durcheinander. Das gilt auch und gerade für diesen meist scheuen, bald immer psychotischer und am Ende durchweg hilflos agierenden, jungen Mann. Und schuf den Mythos selbst, dem er erlag. Mythen sind Legenden, deren Geäst einem lebendigen Gerippe gleicht, das sich zu allen Zeiten um Menschen und Ereignisse rankt, die aus den vorgefundenen Verhältnissen für kurze Zeit mächtig herausragen. Wächst jemand über die vereinbarten Spielräume hinaus, fällt er von der Rolle – wird er auch umso leichter zugrunde gehen. Er gibt also ein Beispiel, mag es auch noch so fragwürdig anmuten. Von alten und neuen Mächten durchdrungen und gestoßen, gehemmt oder getrieben, weiß so ein Mensch nicht wirklich: wohin. Für ihn zählt der Versuch, das Experiment – der Verlauf. Er kennt seine Mittel und auch die Wege: alles Weitere fügt das Schicksal selbst.

Jim Morrison begehrte früh gegen alles Mögliche auf, als ein Empörer aus Leidenschaft und aus Instinkt. Im vorgefunden gesellschaftlichen Rahmen, den er immerzu herausforderte, verlor sich sein Wesen und fand doch den ihm gemäßen Platz: erst Folge der Ereignisse und endlich Ereignis selbst. In seiner Person verdichten sich, bezogen auf die jeweiligen Umstände und Verwicklungen der Epoche, Realität und Traum, Wunsch und Wirklichkeit, was wiederum ganz natürlich ist, geht man vom Prinzip gegenseitiger Befruchtung und Befeuerung aus. Derlei Divergenzen gehören zusammen und bilden einen wechselseitigen Zusammenhang, der seinerseits weitere Möglichkeiten eröffnet.  Im Zukünftigen so gut wie im Gewesenen selbst, das nie aufhört, ein recht selbstherrliches Eigenleben zu führen. Zeitlebens wuchs der Anspruch, der Wahn, der ihn ritt, und das reichte vollauf, besagten Mythos zu begründen, den erst der Tod des Helden begründet.

Die Doors und ihr Sänger sind längst zu Ikonen der Popkultur geworden. Damals konnte noch keiner wissen, wie langlebig dieselbe sich gebärden mag. Dass sie zum festen Bestandteil abendländischer Kultur werden würde, war keineswegs ausgemacht. Die frühen Erscheinungsformen einer anfänglich noch irgendwie echten, also: halbwegs authentischen Gegenrevolte sind seinerzeit viel intensiver erlebt und verinnerlicht worden als dies heute im Zeitalter Konsumvergessener Hörigkeit und digitaler Ubiquität, in künstlicher Zerstreuung und banaler Beliebigkeit, reiner Erwartungshaltung und fader Anspruchsmentalität noch der Fall sein kann. In der ehrlichen und unbefangenen Durchdringung gegenwärtiger und vergangener Realitäten, in der Einordnung und Würdigung dessen, was man als ihr jeweils Wesentliches ausmachen kann, bekommt man immer wieder eine Ahnung davon, wie richtig der Historiker Oswald Spengler mit seiner Konzeption des Organischen lag. Die stimmt im Prinzip, auch wenn sie nie in letzten Summen aufgehen kann.

Morrison und seine Zeit bilden, wiewohl mit dem Zukünftigen über zahllose unsichtbare Fäden verbunden, eine Einheit, ein Ganzes – ein echtes, in sich schlüssiges und ruhendes Gebilde. Unvergleichlich in der Gestalt, bleibt die resultierende Form doch durchlässig und flexibel, wie jedes echte Lebewesen, das schon zeitlebens Vergangenes und Zukünftiges in sich staut und schließlich verdaut. Die Erscheinung mag in sich gerundet, abgeschlossen und fertig scheinen: sie webt und west doch in eine Gegenwart hinein, die nur sich selber dulden mag. Vergangenes und Zukünftiges divergieren in der Ergänzung, von den Säften und Kräften unschuldig wütender Mächte immerzu gefestigt und auseinander getrieben, vor allem: angetrieben. Vieles deutete schon in den frühen Sechzigern auf Künftiges hin, bisweilen entsprach es schon annähernd deckungsgleich dem Späteren. So ähnelten etwa Morrisons Manierismen dem Selbstverständnis der frühen Punks, doch war und blieb er im Ergebnis stets ein anderer, ein Fremder.

Um diesen Fremdling und seine Zeit zu verstehen, die uns selbst schon so fremd geworden ist, weil wir ihr immer aufdringlicher und oberflächlicher begegnen, muss man beharrlich graben, sich durchwühlen bis zu den Wurzeln, die immer weiter reichen, je  tiefer man gräbt. Und dabei merklich feiner und zerbrechlicher werden. Daher empfiehlt sich, so behutsam wie vorsichtig auf Fühlung zu gehen, Strang um Strang freizulegen: das ganze zusammenhängende, auf Anhieb verworren anmutende Geäst. Wie in einem menschlichen Hirn hängen die Adern wechselseitig miteinander zusammen. Der entsprechende Körper bildet seinerseits einen eigenen, unfasslich komplexen Wirkungszusammenhang. Eben: eine Welt in und für sich. Atem und Nahrung bezieht er von außen, im Austausch. Beides: Äußeres wie inneres, bleibt bis in die tiefsten, vorgelagerten Schichten hinein durchlässig, flexibel – eben: lebendig.

Auch für Jim Morrison gilt, was im Grunde auf jeden von uns zutrifft: Er war und blieb Kind seiner Zeit, die ihrerseits aus alten Zeiten schöpfte; um gleichsam Neues schaffen zu können. Jener Epoche, der er selbst entstammte, hat er schließlich, kraft eigener Gestaltung, den ganz eigenen, sehr passenden Stempel aufgedrückt, sagen wir: auf typische, ihm gemäße Weise. Dennoch fiel er aus dem Rahmen: aus den engen Grenzen und Bezügen jener Zeit, die erst Geschichte nachträglich macht, indem sie diese künstlich herstellt. Es bleibt natürlich unmöglich, sämtliche zeitgebundenen Einflüsse, denen er sich widersetzte oder zur Verfügung stellte, die er aufsog oder von sich abstieß, erschöpfend zu behandeln, geschweige denn vollständig aufzuspüren, was ihn tiefinnerst antrieb und beseelte. Zum lebendigen Bild gehören, bei aller Liebe zum Detail oder entlang der großen Zusammenhängen, auch die Aussparung, der lockere Rundumschlag – das mündige Maß. Was das Bild enthält, hat lebendig, farbig – anschaulich zu bleiben. Der innere Zusammenhang leidet daran keinen Schaden. Dem entspricht auch der Umstand, dass sich der Biograf bisweilen wiederholt, indem er die wechselseitigen Zusammenhänge, denen jedes Leben unterworfen bleibt, aus immer neuer Perspektive betrachtet und entsprechend nachjustiert. Die verwirrend vielfältig miteinander vernetzten, wechselseitig potenten Bezüge, die als Bild einer Zwiebel gleichen, entbehren der bloße Reihenfolgen oder Kausalkatten und ergeben am Ende so etwas wie einen organischen Befund, der entsprechend vieldeutig und widersprüchlich bleibt. Alles hängt im Übermaß miteinander zusammen, bleibt solcherart ineinander verflochten oder verzahnt, verwachsen und verhärtet – einander noch in der Abstoßung verbunden.

Mensch und Mythos, Werk und Wirkung, Zeit und Vollzug, Vorlauf und Verwandtschaft: alles hängt so unsichtbar wie geheimnisreich miteinander zusammen. Zwischen Gipfeln und Tälern, im Dunkeln wie im Halbschatten, bei Tag und Nacht, im Zenit der Mittagssonne oder am Rande abendlichen Dämmers, im Wetterwechsel, der das Gemüt erfasst: fasst man ein wenig auch vom Menschen selbst, der insgesamt ein Rätsel ist.

Jim war und blieb allen ein Rätsel. Daran wird sich wenig ändern. Folgen wir diesem Menschen also ruhig bis zu den Anfängen, und noch über diese hinaus, um einer Annäherung zu genügen, die das Ganze meint und doch niemals erreichen kann; auch nicht im Einzelnen.

II.

I am a scot

or so i´m told

Really the heir of mystery Christians

Snake in the glen

The child of a military family

Die individuellen Besonderheiten eines Menschen entwickeln und entfalten sich nahezu ununterbrochenen in der Begegnung und Auseinandersetzung mit seiner Umwelt. Im wechselseitigen, schöpferischen Austausch kommt es, ununterbrochen, zur gegenseitigen, befruchtenden Durchdringung. Doch ganz gleich, welche Erfahrungen wir auch machen, sie bleiben in einem schwer messbaren Verhältnis gebunden an stammesgeschichtliche Grundlagen, die unser Denken und Handeln schon bestimmen, ehe eine Entscheidung fallen kann. Alles Organische wächst aus dem Genom, jede Gattung wurzelt in der eigenen Art. Erst auf dieser Grundlage wird individuelle Freiheit überhaupt möglich. Das Erbgut sämtlicher Einzelwesen gleicht dem lebendigen Nährboden, der als Fundus bereits alles enthält, was zur weiteren Entwicklung beiträgt und diese vorantreibt. In der tatsächlich einmaligen, ein für alle Mal feststehenden Kombination schlummern Potentiale, deren Nutzung mehr und mehr das Eigene entfalten und gleichzeitig Elemente des Fremden verinnerlichen und verarbeiten, bevor dieselben erneut veräußert, verausgabt – verwendet werden. Für jeden einzelnen von uns entstehen so – meistenteils unbemerkt – ständig neue, einander wechselseitig bedingende Zusammenhänge, die auf Grundlage verlässlich ablaufender Prozesse garantieren: das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Wir streifen an dieser Stelle, nicht ohne Grund, einen typischen Gelehrtenstreit, der ganz simpel um die Frage kreist, was mehr zählt: die genetisch festgeschriebenen Interna eines Menschen oder die ihn ständig beeinflussenden Externa: Umwelt oder Anlage. In welchem Spannungsverhältnis befinden und bewegen sich beide zueinander, wie wirken sie überhaupt aufeinander ein, welche Spuren hinterlässt der wechselseitige Austausch und wie nachhaltig sind diese? Der behavioristische Ansatz träumte noch von einem Menschen, der einzig mittels äußerlicher Reize ´gemacht´ werden kann. Zu Ende gedacht eine echte Horrorvorstellung. Dem entgegen steht ein Ansatz in der Verhaltensforschung, der die interne ´Programmierung´ des Menschen betont, seine genetische Gebundenheit, die den Input insofern hintertreibt, als das sie ununterbrochen wirkungsmächtig bleibt. Tatsächlich kann sich Freiheit wohl nur so entfalten: indem der einzelne, simpel gesprochen, ein Maximum an Eigenem aus sich herausholt, entfaltet, auslebt – im Austausch mit einer Außenwelt, die diesem selbstherrlichen Treiben eigene Schranken setzt. Wie man der wird, der man ist – so fasste Nietzsche das zusammen. Morrison las ihn begeistert.

Wozu dieser umständliche theoretische Exkurs? Er bestätigt, als Dualismus, einen Spannungsbogen, der gerade diesen Menschen bis zum zerreißen dehnte. Morrison machte sich den Ansatz des Behaviorismus insofern rigoros zu Eigen, als dass er nichts unversucht ließ, das lästige Erbteil der Ahnen, ja der ganzen Art abzuschütteln, loszuwerden – frei davon zu werden. Stieß er einerseits die ihm lästigen Werte und Normen von sich, steigerte er andererseits den genehm scheinenden Anteil klassisch-abendländischer Tradition bis auf´s Äußerste in Nachahmung und Hypertrophie. Um auch ihn am Ende loswerden zu können?

…the collective archive is bringing me down…if there are any desert islands available, please turn me on them…

Die Möglichkeiten geistiger Räson machte sich schon der Halbwüchsige zu Eigen, wovon eine beachtliche Lektüre beeindruckend Zeugnis ablegt. Dies geschah noch bei klarem Verstand, der ihm aber irgendwann nicht mehr ausreichte. Im Sinne Rimbauds, mittels ´Entregelung´ aller Sinne, suchte er diesen zu übertrumpfen. Man kann die begleitende Logik fast als Hauptmotiv eines ´Projekts´ ansehen, das nur im Scheitern, nie im Gelingen gerät. Wir werden Rimbaud im Laufe dieser Betrachtung noch häufiger erwähnen. Vermutlich ist der Dichter Jims größtes Idol gewesen. Hier fand er alles wieder: die unerklärliche Frühe, den unerbittlichen Anspruch an sich selbst – den Wagemut dessen, der alles bis zum Äußersten treibt. Auch dieser tolldreiste Traumtänzer wollte zum Schöpfer seiner selbst werden; sprach vom Ich, das ein Anderes sei. Doch schon die begleitende Besessenheit fällt denen, die von ihr erfasst werden, nicht voraussetzungslos zu. Und bleibt ihrerseits gebunden: an besagte Vorbilder, die sich im Laufe der Zeit eher beiläufig einstellen. Auch von ihnen zehrt der innere Dämon.

People need connectors, writers, heroes, stars, leaders…

Am meisten freilich wirkt und wächst in uns der familiäre Fundus. Nietzsche war davon überzeugt, dass im Zuge langer, zäher Vererbungsprozesse, von Generation zu Generation, irgendwann die Möglichkeit gegeben ist, ein „Ungeheuer von Kraft“ zu gebären: überlebensgroß in Konzeption bzw. Anlage, restlos verfügend über enormen inneren Reichtum, der sich beharrlich in steter Ahnenfolge angehäuft und angeglichen hat. So ´Ungeheuerlicher´ vereinigt den entsprechenden Überfluss in seiner ganzen Person, ist also beladen mit dem Bluterbe ganzer Geschlechterfolgen, das er irgendwie zu verwalten und zu vollstrecken habe. Ein solches Geschöpf erschiene, befreit aus den Fängen des Apoll, hinreißend und tragisch: im dionysischen Vollzug. Danach strebte Jim. Der Dichterphilosoph freilich wusste nur zu genau um die begleitenden Gefahren, die allzu leicht ein allzu schnelles Ende bereiteten.  Wie leicht ging solch ein kompliziertes, unendlich reich beschenktes, vor überschüssiger Vitalität schäumendes, in Divergenzen befangenes, heillos hin und hergerissenes, von Widerspruch und Widersinn sprühendes Wesen an sich selbst und einer allzu flachen, gnadenlos richtenden Gegenwart zugrunde! Unter günstigen Voraussetzungen gedeiht, was nur ein fester Wille zusammen hält, und dieser Wille mag dann wohl entscheiden, wann dem Überdruck zwecks Entladung endlich statt gegeben wird, wann die Zeit reif geworden ist – wie weit der Gärungsprozess reicht, bevor das Fass dann überläuft. Im Unterschied zu den ungleich spärlicher gesegneten Exemplaren der Gattung Mensch, die sich ohne große Auswahlschwierigkeiten ihren insgesamt viel ärmeren inneren Vorrausetzungen ergeben und das entsprechende So-Sein leichter in tradierte, vorgefasste Zusammenhänge fügen können, kann einen Ausnahmemenschen schon der kleinste Missgriff aus der Bahn werfen. Überreich beschenkt und an der eigenen Fülle fast erstickend, muss so ein Auserwählter erst den begleitenden Fluch bannen, das Vielerlei zur halbwegs schlüssigen, funktionierenden Einheit fügen, fassen – zwingen. Diese ergibt sich nicht, wie bei den arglos Empfänglichen, mehr oder weniger widerspruchsfrei bzw. entlang der üblichen Abwägungen, gleichsam instinktiv oder ´wie von selbst´. Morrison war bis zuletzt ein von Widersprüchen geplagter, hin und hergerissener Mensch. Daher die Sehnsucht bei solchen nach letztgültiger Klarheit, Einfachheit – Erlösung.

Wow, i´m sick of doubt, live in the light of certain south

Jim barg ein äußerst heterogenes, an Reichtum und Fülle schwer drückendes, wiewohl unerhörte Perspektiven transzendierendes Erbteil in sich. Vielerlei einander abstoßende und doch wieder ergänzende Wesensmerkmale plagten und pushten, drückten und drängten ihn. Es gab in seiner Umgebung keinen, der nicht früher oder später zu der Einsicht kam, das da so vieles an ihm war, was einfach nicht zu durchschauen oder zu begreifen blieb. So ähnlich äußerte sich einmal John Densmore in einem Interview Anfang der Achtziger über den Verfluchten. Allein dessen mühselig den eigenen Zweifeln abgerungene, therapeutisch angelegte Autobiografie legt eindrucksvoll Zeugnis darüber ab, wie undurchschaubar und im letzten unauffindbar ihm der Andere war – und blieb. Und was es hieß, einem solchen Menschen über Jahre nahe zu stehen, ja: ausgeliefert zu sein.

In Morrison rumorten früh die Geister einer Vergangenheit, in der das Große bereits angelegt war. Er spürte das und folgte seinen Manen. So konnte das Ideal eines „freien, sehr freien Geistes“, wie Nietzsche sich ausdrückte, in die Tat umgesetzt werden. Solche Menschen sind sich selbst und anderen gefährlich, und im Ergebnis: wie Dynamit. In ihrem Innern staut und drängt sich immerzu eine Sprengkraft zusammen, die früher oder später, die passende Lunte vorausgesetzt, hochgeht – hoch gehen muss. Insofern kein Wunder, das sie, denen früh der entsprechende ´Schwefelgeruch´ anhängt, ständig anecken, indem sie andern übel aufstoßen und ihrem Umfeld insgesamt verdächtig werden. Mitunter schüren sie mutwillig Missmut und Missgunst, provozieren ihre Mitmenschen und führen sie absichtlich in die Irre, aber sie geizen auch gern mit ihren Reizen, indem sie eifersüchtig zurück halten, was allzu leicht missverstanden werden kann. Die meisten Menschen empfinden die Ansprüche und Anmaßungen solcher Individuen als Zumutung, wie denn der Argwohn allzu berechtigt bleibt, denn die ihnen liebgewonnene Ordnung gerät, in der Begegnung mit solchen, wie Jim einer war, unter Verdacht und unter Beschuss.

Nun muss auch und gerade ein solcher Sonderling ersten Ranges stets vorsichtig bleiben. Vor allem sich selbst gegenüber. Noch in der ruhigen Betrachtung fühlt oder fasst er bereits das Crescendo, drückt ihn das Fieber angestauter Potenzen, bald bis an die Spitze des überhaupt Erträglichen, und das macht ihn nur noch reizbarer – und für andere zusätzlich unerträglich. Eine differenzierte, feinnervige, hochkomplizierte Persönlichkeit kann leicht zugrunde gehen. Morrison selbst hat es einmal freimütig bekannt, ganz simpel auf den Punkt gebracht, eben: ein sensibler Mensch zu sein. Simplere Naturen, versorgt mit dem üblichen Verhaltenstechnischen Grundwerkzeug, agieren immer berechenbarer. Sie bleiben so auch allen andern bekömmlicher, sie mögen arglistig sein oder ehrlich, das macht an und für sich keinen Unterschied. Jim, der ein im Grunde wortkarger, in sich verkapselter Eigenbrötler blieb, war den andern noch in dieser Rolle, als schweigender Dritter, nicht geheuer. Sie spürten, dass sich hinter der Fassade sehr viel mehr versteckte, und je länger man mit ihm zu tun hatte, umso sicherer durfte man davon ausgehen, neue Überraschungen zu erleben, sowie dieser seltsame Kopfmensch seine seltsamen Gedanken in die Tat umsetzte.

Jeder von uns steht zeitlebens unter einem stillen, aus mehreren Einzelbefehlen zusammengebläuten Kommando, als einer überschaubaren, stammesgeschichtlich gut nachvollziehbaren und im Grunde vorgefertigten Direktive, die man in zahlreiche einander unter, – und übergeordnete, nicht selten divergierende Motivreihen einteilen kann, die doch die einmal eingeschlagene Richtung nur mehr vorsätzlich modifizieren. Je älter man wird, umso eindeutiger, typischer und vorhersehbarer arbeiten diese Interna; sie gleichen keck ausufernden Strömen, deren Verläufe sich langsam beruhigen um gemächlich in die Breite zu gehen. Mag auch die Mehrzahl möglicher Motivationen, die wir in uns bergen, überwiegend brach liegen, in der stillen Reserve sozusagen: brechen andere doch mitunter unbändig aus derselben heraus; wieder andere zögern noch, scheinen sich bitten zu lassen. Jim wollte das Ganze freisetzen: sämtliche verfügbare Potenzen. Er wollte: unbedingte Freiheit. Ein Affekt, der in dieser Zuspitzung nie vom Himmel fällt. Er wollte es auch den anderen zeigen, und er hat es Ihnen gezeigt. Er ließ sich nicht beirren. An dieser Stelle reicht uns festzustellen, dass die Idee einer Freiheit, der keinerlei Grenzen mehr gesetzt sind, Jims Credo wurde; sein Leitfaden sozusagen. Die Konsequenzen nahm er in Kauf. Von Anfang an.

In seiner Ahnenreihe muss es folglich Menschen gegeben haben, die den Hang zu unbändiger Entfaltung, zur Entfesselung unerhörter Kräfte irgendwie schon in sich bargen – und beharrlich weitergetragen haben. So erst konnten dieselben Wurzeln schlagen. Derlei ´Haftung´ wirkt sich immer begünstigend oder beeinträchtigend, begründend oder ausschließend, abschließend oder vorbereitend aus. Das hängt sehr von den Umständen ab. Selten aber, sehr selten sogar, finden und treffen sich die in langen Zeiträumen ´herangezüchteten´ Triebkräfte gesammelt und gesteigert um eine einzige, herrschende Mitte herum, also: in einer einzigen Person wieder. Auch diese Mitte muss erst gefunden, sozusagen justiert werden. Und sie dann, wie billig, auch behauptet zu können. Umso gewaltiger gerät ihm dieser Akt höchster Eigenmacht: im Zenit stehend, reißt er dann umso schneller wieder ein, was der Überschwang zeitigte.

Bis dahin ist es immer ein undurchsichtig langer Weg. Keiner kennt ihn ganz. Die Genealogie gleicht einem sorgsam freigelegten Knäuel, mit Hauptlinien und Seitenwegen, die aus dem Dunkel der Vergangenheit in ein recht fragwürdiges Zwielicht hineinwachsen. Hier wird, sieht man nur genau genug hin, einiges immerhin etwas deutlicher. Die verborgenen Kraftlinien zeichnen gewisse Konturen; und ihre Herkunft bestätigt den Wuchs, der freilich auch ganz anders hätte ausfallen können. Da mischt sich Uraltes mit frisch Vererbtem; manches war schon fast verschwunden und behauptet jäh eine unerhörte Geltung zurück. Keiner kennt die Formel oder das begleitende Gesetz, wonach verschiedene Anlagen einander bedingen oder behindern, begegnen oder ausweichen, sich gegenseitig befruchten oder ausschalten, hemmen oder fördern; irgendwie.

Der mütterliche Zweig der Familie spaltet sich in die Stidgers und Clarkes auf, deren letztere wesentlich in Washington County (Pennsylvania) Wurzeln schlugen. Woher die Clarke Sippe kam und welchen Professionen ihre Angehörigen nachgingen, wird in den derzeit verfügbaren Quellen nicht weiter vermerkt. Betrachten wir uns die wenigen erhaltenen Portraits einzelner Männer und Frauen beider Linien: so fallen immerhin gewisse mimische Eigentümlichkeiten ins Auge. Gleichzeitig spiegeln sie die standesbedingten Charakteristika ihrer Zeit. Auf einer sehr detailliert und feinfühlig zu Papier gebrachten Zeichnung erscheint uns ein Altvorderer der mütterlichen Linie, Joseph Clarke (1787 – 1854), als ersichtlich der gehobenen Bildungsschicht angehörender Gentleman; die mittig hochfrisierte Haartolle verrät eine gewisse Extravaganz. Clarke blickt mürrisch und stolz, erscheint auf natürliche Weise erhaben und ganz in sich gefestigt. Ein Jahr nach seinem Tode kommt Enkel Frank Clarke zur Welt, von dem ebenfalls ein Bild erhalten ist; eine Daguerreotypie, die ihn gemeinsam mit der Gattin zeigt. Franks Gesichtszüge wirken insgesamt offener, auch wohlmeinender als die des Joseph. Eine gewisse Schüchternheit wird transparent, die als Verlegenheit auf Kosten der Präsenz geht. Hier weicht das Typische bereits einem gewissen Zwiespalt, die Spannkraft spürbarer Erschlaffung. Dem entspricht ein leiser, vornehm anmutenden Argwohn, den der Blick dieses Mannes mehr andeutet als anzeigt. Clarke jun. hat sich für diese Aufnahme ein klein wenig hinter seiner Frau positioniert, die den großbürgerlichen, sehr vornehm wirkenden Tranks entstammt.

Einiges mehr erfahren wir über einen Abkömmling der Stidger Sippe. William Leroy, named Bill, wird uns in einer stattlichen Biografie nähergebracht (Titel der amerikanischen Originalausgabe: Evangelism´s First Modern Media Star). Das Umschlagcover ziert eine Aufnahme, die den Mann ´bei der Arbeit´ zeigt: mit aufgeschlagenem Redemanuskript vor einem NBC Mikrofon. Unschwer zu erkennen, dass hier ein echter Tat, – und Willensmensch auftritt: hochkonzentriert, resolut und unbeugsam, zupackend und offenbar auch ziemlich gewitzt. Das verrät der kluge, unbestechliche Blick. Dieser Mann verkörpert eine innere Geschlossenheit, die in der Körpersprache so ´fertig´ wirkt, das wir uns kein Zögern, Grübeln, Zaudern vorstellen können: so einer prüft gründlich, fasst sich dann – und schlägt zu. Auf einer weiteren Fotografie, die ihn seitlich abbildet, sehen wir den Geistlichen in Ansätzen nachdenklich, aber sichtlich gesammelt und in sich gefestigt. Sein Blick wirkt konzentriert und ungemein luzide. Ziemlich direkt und ohne Umschweife, schaut er aus der Enge einer schmalen Nickelbrille nüchtern und kontrakt in eine Welt der Tatsachen und Tatbestände hinein – und immer tatkräftig voraus. Dieser Mann erinnert eher an einem tüchtigen Geschäftsmann oder Politiker, aber genau so einer war er auch in Ausübung seines heiligen Amtes. Eine Aufnahme von 1925, die in Missouri entstand, zeigt ihn im besten, tatkräftigen Alter: ein wenig einschüchternd und streng schaut er hier in die Kamera, kritisch und zupackend zugleich. Das ist einer, der sich Bestens aufgehoben weiß in dem, was er nach Pflicht und Vermögen, Anlage und Fügung tut und treibt. Er geht ganz auf in dem, was er tut – was er tun muss. Fixiert auf die handfesten Dinge Lebens, umweht ihn der Geist eines echten Pragmatikers, wie ihn die US-amerikanischen Hausphilosophen Dewey und James theoretisch vorexerzierten. Einen solchen Typus kann man sich auch im Nachkriegswirtschaftswunderland BRD vorstellen: Prinzipienfest und eisern, entschlossen und entschieden, ohne lästige Reste, die nur stören. Sicher: mag hier Manches Fassade, vorgestellt – vorgespielt sein. Doch spürt man, finde ich, die innere Berechtigung, den Umstand also, dass dieser Mann wirklich glaubt, was er sagt, und das er tut, was er denkt; das Gefühl begleitet diese Vorgänge und lebt sich in der Gewissheit aus.

Stidger diente der Kirche auf seinerzeit sehr moderne, bald umso geläufigere Art und Weise. Als einer der ersten nutzte der Reverend den Rundfunk zwecks Verbreitung seiner Predigten. Mitte der dreißiger Jahre hörten bereits eine halbe Million Menschen zu. Freilich beschränkte sich dieser Mann Gottes nicht auf das künstliche Medium, hielt Vorträge im Freien vor tausenden bis zehntausenden von Menschen. Er kann als Vorreiter des legendären Billy Graham gelten. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Evangelien hauptsächlich von der Kanzel aus verkündet worden, in den zahlenmäßig kaum ins Gewicht fallenden dörflichen oder stadteilbezogenen Gemeinden, vor einem recht homogenen, regional geprägten Publikum, doch jetzt erreichte die Wucht protestantische Strenge, befreit aus der Enge provinzieller Erbauung, auf Anhieb mehr Menschen denn je.  Ein wenig erinnerte das, was in die Sackgasse moderner Vermassung und Nivellierung führte, an die Tradition der Wanderprediger, deren Wirken und Walten den Ältesten der Gemeinden in lebhafter Erinnerung geblieben war. Stidger hatte in seiner Jugend den Eifer methodistischer Erbauung noch selbst miterlebt. Sein Biograf John Hyland beschrieb diese an sektiererische Umtriebe erinnernden Veranstaltungen recht anschaulich in seiner Biografie: die Leute kletterten über Stühle, um ihre Sünden zu bekennen. Der begleitende Tumult ähnelte bereits den ´Riots´ moderner Rock, – und Popkonzerte. Stidgers suggestive Praktiken lassen unschwer einen cleveren Geschäftsmann mit sicherem Gespür für Marketing erkennen. Hier mischen sich im Grunde zwei menschliche Lebensformen in glücklicher Ergänzung: die des modernen Marktschreiers mit der des alttestamentarisch richtenden Pater Familias.

Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang die Bekanntschaft des ´Star´ Predigers mit einem der ganz großen angloamerikanischen Autoren jener Zeit; mit Sinclair Lewis. Die beiden begegneten einander erstmals im August des Jahres 1922 in Terre Haute (Indiana), wo der Reverend auf der Chautauqua Rennstrecke seinem Publikum einheizte. Angeblich forderte der Geistliche den Autoren dazu auf, ein ´echtes Predigerbuch´ zu verfassen. Vier Jahre später weilte Lewis dann als Gast im Hause der Stidgers; nach eigener Aussage, um das Gefühl für die Welt eines Predigers zu erheischen. Prominente Persönlichkeiten gaben sich dort seinerzeit die Klinke in die Hand. Zu ihnen zählten Ethel Barrymore, eine gefeierte Broadway-Schauspielerin, der Dichter Edwin Markham, Journalist William Allen White, eng befreundet mit dem späteren US-Präsidenten Theodore Roosevelt, der jüdische Novellist Gilbert Frankau und Klamauk Urgestein Harpo Marx. Wie auch immer: kann mittlerweile als gesichert gelten, dass Stidger zumindest in Teilen Vorbild für Lewis´ Klassiker Elmer Gantry gewesen ist. Die Extravaganzen des Predigers, so der Autor selbst einmal, ähnelten denen seiner Figur. Ein Umstand, der nachträglich bestätigt wurde durch den erbitterten Streit, den die beiden Männer in aller Öffentlichkeit ausfochten. Interessant bleibt, in unserem Zusammenhang, die Begegnung zwischen einer die Massen begeisternden, ungemein zielstrebig agierenden Erweckungsgestalt und einem Dichter, den sie drüben so spöttisch wie liebevoll den ´Staubaufwickler´ nannten und der als erster US-Amerikaner überhaupt den Nobelpreis für Literatur erhielt. Beide, Stidger und Lewis, sprachen auf je eigene Weise zu den Ihren: der eine als Prediger im Namen des Herrn, der andere als Autor und ätzend-ironischer Gesellschaftskritiker.

Es gab also, so viel ist gewiss, schon vor Morrison einen die Öffentlichkeit bewusst suchenden und herausfordernden Exponenten in der Familie. Einen, der auch wirklich Erfolg damit hatte. Wie anders tritt uns die Erscheinung des nur dreizehn Jahre älteren Nathan Hale Stidger entgegen. Er war unternehmerisch tätig, ganz wesentlich aber Jurist. Sein Weg führte über den Beruf des Richters bis zum Bezirksstaatsanwalt. Das waren damals noch Männer, die so einen Bezirk überhaupt erst auf die Beine stellten und diesen ehedem rechtsfreien Zonen ihren sehr eigenen Stempel aufdrückten, im Sinne eines strikten ´Law and Order´, den man als echte Pionierleistung zu würdigen hat. Durchsetzungskraft und Härte, Beharrlichkeit und Organisationstalent zeichneten solche Männer aus. Sie schreckten im gegebenen Moment auch nicht vor rücksichtsloser Anwendung von Gewalt zurück, Auf der einzig erhaltenen, stark befleckten und angegilbten Fotografie sehen wir denn auch eine echte Respektsperson, stolz in Haltung und Gebärde, recht würdevoll und insgesamt von einer Bescheidenheit, die an Askese grenzt und sich gerade daraus nichts weiter macht. Ein echter, von Auftrag und Berufung durchdrungener Pflichtmensch, ganz der täglichen Ausübung des Amtes verschrieben, in dessen Dienste er sich verzehrt ohne zu verzagen, weil es ihm heilig ist. Im Vergleich zu ihm wirkt der Prediger seltsam glatt und gereinigt, ohne echte Ecken, Kanten und Konturen; hier sind noch Härten und Schicksale des ´alten´ Westen spürbar, der als ´wilder´ mit harter Knute gefügig gemacht werden musste. Nathan Stidger trägt dieselbe Glatze wie der Reverend, im Unterschied zu diesem aber den damals üblichen, buschigen Schnurrbart. Er hat seinen Oberkörper ein wenig nach hinten abgeneigt; eine seinerzeit beliebte Pose: die stolz geschwollene Brust. Aber man merkt auf Anhieb, das dieser Mann allein mit seinem Blick zu disziplinieren verstand. Etwas unnachgiebig und unerbittlich Richtendes geht denn auch von ihm aus, eine Art stoischer Sturheit, die um strikte Exekution, gleichwelcher Art, bemüht bleibt. Sehen wir noch etwas genauer hin, so werden wir finden: die richterliche Strenge trübt ein gewisser Unwille, eine Art stummer Empörung, die um Anfechtungen weiß, die es aber herrisch abzuschmettern gilt. Ein wenig täppisch hängt die Steglose Brille am Anzug.

Mit Doctor Samuel Stidger ist schließlich auch in dieser Ahnschaft ein Soldat verbürgt, der während des Sezessionskrieges im Virginia Infanterie Regiment als Arzt tätig war. Auch sein Bruder Thornton Frederick wurde Arzt. Ärzten eignet, sind es vortreffliche Vertreter ihrer Zunft, der strenge, unnachgiebige Blick; einer, der streng seziert und peinlich genau diagnostiziert. Womöglich rührt auch daher die Vorliebe unseres Helden, tiefer in den Menschen, auch in sich selbst hineinzuschauen.

Schon bei Sugarman und Hopkins wurde darauf verwiesen, dass Morrisons Großvater mütterlicherseits, gebürtig aus Wisconsin, als eigenbrötlerischer Rechtsanwalt galt. Er bewarb sich unter kommunistischer Flagge um ein öffentliches Amt. Das mutet, berücksichtigt man die damals herrschenden Verhältnisse, kühn, beinahe rebellisch an. Die näheren Umstände dieser Kandidatur sind uns leider nicht bekannt. Es bleibt indes an dieser Stelle eine bemerkenswerte biografische Notiz.

Vom väterlichen Clan sind weitere Bruchstücke erhalten geblieben, die eine zaghafte, gleichsam unsichere Annäherung ermöglichen. Die Hoover Sippe brachte den Admiral John Howard Hoover hervor, der auf einem offiziellen Foto der Militärkartei Jims Vater in punkto Haltung und Gebärde ziemlich ähnelt, insgesamt aber forscher und strenger, auch sturer wirkt. ´Genial John´ galt als ´sauer´ diente seinem Land in höchsten Rängen und schied schließlich hochdekoriert aus dem Dienst. Auf den übrigen Aufnahmen sieht man einzig den Soldaten, und je älter der wird, umso deutlicher wird eine gewisse Gutmütigkeit, ja Weichheit, die wohl auch der entsprechenden Altersmilde entspricht; womöglich als später Ausgleich zu einem langen, disziplinierten Leben beim Militär: eine Art Aufatmen und zur Ruhe kommen. Bilder, die ihn zusammen mit seinen Kameraden zeigen, zeigen uns einen seltsam in sich gekehrt Menschen, der auf den zweiten Blick fast deplatziert wirkt. Hier bleibt einer der Sache unbedingt ergeben, doch scheint sich etwas in ihm abzuwenden, auf Unabhängigkeit zu bestehen; wer weiß. Am meisten fasziniert der Blick, der so vollkommen ruhig und entschlossen wirkt, wie bei einem Mönch. Jims Großonkel spielte als Admiral der US-Marine im zweiten Weltkrieg eine bedeutsame Rolle, hauptsächlich im Zentralpazifik, wo der Kampf gegen das imperiale Japan erbittert um jede Insel ausgefochten wurde. Hier hatte er mehrere Kommandos inne. In den berühmten Schlachten um Saipan, Guam und Iwo Jima tat er sich glänzend hervor. Hoover war auch schon als Kommandeur des Zerstörers USS Cushing am ersten Weltkrieg beteiligt gewesen. Meist operierte seine Einheit vor der Küste Frankreichs, als Eskorte, um den Schutz von Truppenteilen und lebenswichtigen Vorräten zu gewährleisten. Er wurde daraufhin mit dem Navy Cross, der zweithöchsten Tapferkeitsauszeichnung überhaupt, ausgezeichnet. Ein wenig verworren mutet seine Rolle in einem Kriegsgerichtsprozess an. Man ernannte ihn zum Präsidenten eines Untersuchungsausschusses, doch wurden seine Empfehlungen schließlich vom Präsidenten höchstpersönlich wieder ´kassiert´. Hoover starb fast auf den Tag genau sieben Monate vor Jim im Alter von 83 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt brach dieser nach Paris auf, ohne seine Heimat je wieder zu sehen.

 Sowohl die Hoovers wie auch die Morrisons hielten sich hauptsächlich in Pennsylvania auf. Jims Vater war der Sohn eines Wäschereibesitzers, Paul Raymund Morrison. Aufgewachsen in Georgia, lebten er und seine Gattin streng asketisch. Alkohol und Tabakgenuss mied man in ihren Kreisen. Morrison sen. starb im stattlichen Alter von 85 Jahren, anno 1971, also im selben Jahr wie der Enkel, und zwar am letzten Tag desselben, zu Silvester. Es kursiert eine sehr schöne Fotografie im Netz, die den Alten zusammen mit Jim und seinen Geschwistern zeigt. Jim steht auf einer Schaukel, im Halbschatten, und lächelt in die Kamera. Auch der Großvater ist bester Laune,  hält den kleinen Andy in den Armen, während die Schwester auf einer Leiter posiert. Vom Urgroßvater, Robert Bruce Morrison, kursiert ein weiteres Foto im Netz. Nach meinem Empfinden geht eine sehr noble, vornehm-distanzierte Haltung von diesem Mann aus. Auf eine fast schon behäbige Art und Weise scheint er in sich zu ruhen. Der Blick wirkt gefasst und abgeklärt, aber auch auf abwartende Art neugierig und in Ansätzen fordernd. Der Rauschebart verdeckt vollständig seine Lippen, die man sich irgendwie gar nicht anders als fein geschwungen vorstellen möchte. Dieser Mann wirkt abwartend und kritisch; es scheint, als könne ihn nichts aus der Ruhe, aus dem wachen Phlegma bringen. Dennoch wird auch in seiner Gestalt etwas von jener Bürde, die als Last jedes Amt wog, spürbar. Das gilt im Grunde für alle, die unserem Helden vorangingen, indem sie vor allem auch etwas ´heim´ brachten; nur so entsteht ja das, was dann im geronnenen Charakter fest und unumstößlich geworden ist.

Jim kam, als er 1960 sein Studium am St. Petersburg Junior College aufnahm, für eine Weile bei den Großeltern unter und eckte dort ziemlich schnell an. Sein ganzes Verhalten zielte schon damals demonstrativ auf Opposition zu den im Hause vorgelebten Tugenden, deren typische Merkmale Sauberkeit und Ordnung, Maßhalten und Disziplin, Kirchgang und Glaube blieben. In Clearwater fing er auch an, schwer zu saufen. Die Großmutter hat es später trefflich auf den Punkt gebracht:“ Er wollte uns mit Absicht schockieren. Wir haben ihn einfach nicht verstanden, keiner von uns. Jimmy hatte so viele Seiten. Man sah die eine und spürte die andere. Was in ihm vorging wusste man nie.“ Der Weg zur Freiheit, früh aus reichem Fundus schöpfend, rieb sich hier am Stickdunst des Gewöhnlichen, an der starren, in Generationen abgelebten und für selbstverständlich erachteten Konvention.

Fest steht: mindestens einer aus der Morrison Sippe war seinerzeit bereit gewesen, aus, – und aufzubrechen; als einer derer, die es von der alten in die neue Welt zog. Alexander Morrison of Lewis, geboren 1750 im Norden Schottlands, erreichte das gelobte Land am ersten April des Jahres 1781. Sein Sohn, William Morrison, Vater des etwas weiter unten erwähnten Superintendenten Stephen Morrison, kam nur wenige Wochen später zur Welt. Auf einer Altersfotografie, die ihn an der Seite seiner Frau zeigt, sehen wir ihn in fromm demütiger Haltung; als einen gewiss strenggläubigen, Bibelfesten Patriarchen. Ob das noch, und sei´s in Resten, ein Schotte aus dem Hochland war? Wie fühlte und empfand man damals eigentlich als Amerikaner? Der Staat selbst lag noch in frischen Windeln. Eine Nation im überkommenen Sinne gab es nicht. Als sie geboren bzw. erstmals verkündet wurde, war dieser Mann noch ein Kind. Nennenswerte Traditionen, mit denen wir heutigen etwas anfangen könnten, bildeten sich erst viel später heraus, sie mussten aus dem Schatten Hergebrachter überhaupt erst wachsen, werden. In Hagerston Maryland fand die soeben eingewanderte Familie ihre erste feste Bleibe.

Wenn es schon schwierig ist und bleibt, die damaligen Bewohner der Ostküste in den Grenzen ihrer Herkunft zu charakterisieren, dann gilt das erst Recht vom Schotten selbst, dessen keltische Einschläge schon im Tiefland verblassten. Der Historiker Egon Friedell hat in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit recht treffend bemerkt, dass man ´den´ Schotten gar nicht auf einen Punkt oder Nenner bringen kann. Da ist nämlich „der widerspruchsvolle, schwer zu entziffernde schottische Nationalcharakter“; in summa:“ Jene merkwürdige Verbindung von Verträumtheit und Lebensklugheit, launischer Reizbarkeit und robuster Widerstandskraft, Melancholie und Humor, Eigensinn und Anpassungsfähigkeit, Unzugänglichkeit und Geselligkeit.“ Hier begegnen wir schon den miteinander ringenden, immerzu in Reibung befindlichen inneren Dämonen unseres Helden, die freilich selten in voller Kraft und Größe in einer einzigen Person um Ausdruck und Gestalt miteinander ringen. Es fällt auch schwer zu entscheiden, in welchem Maße sie einander bedingen und ausschließen, bekämpfen und umwerben. Gern werden Eigensinn einerseits, und Herzenswärme andererseits bemüht, geht es um ´den´ Schotten. Beides wurde, obschon in unterschiedlicher Gewichtung, auch von Jim behauptet.

Wenn stimmt, was man im speziellen über die Bewohner der Highlands meint, dann war auch der Begründer des amerikanischen Morrison Clans stolz und unbändig; unabhängig vor allem. Ihn und seinen Stamm mag die karge Weite der alten Heimat stark geprägt haben. Heidelandschaften und Hügelformationen dieser Region wirken in ihrer rauen, abweisenden Strenge annähernd kristallin; rein und erhaben. Eine tiefe, wiewohl beschauliche Einsamkeit geht von ihnen aus. Die baumlosen Berge und Hochebenen stehen, fällt der hartnäckig an Fels und Flucht klebende Nebel einmal ab, nüchtern und erhaben unter einem klaren, unverstellten Himmel. Herb romantisch, fast heiter tönen die Baumlosen Hochmoore, zerfurcht von alpinen Geröllhalden und Kämmen, erst in der späten, warmen Periode. Bis in den Herbst hinein leuchtet dann das weite Land, bevor der Winter dem lieblichen Reigen ein Ende bereitet. Hier oben schweifen die Blicke insgesamt freier und weitläufiger, hier weht aber auch der Atem einer schroffen, kaum lieblichen Welt. Was mögen die Gründe dafür gewesen sein, dass der Patriarch Morrison dieser ´Seelenlandschaft´ endlich entwich? Doch trug er sie auch mit sich fort, in eine neue hinein, die noch heute, trotz lokaler Eigenheiten, insgesamt als grenzenlos empfunden wird.

Vielleicht hatte der ´Abgang´ der Sippe etwas mit dem legendären Waffengang bei Culloden (anno 1746) zu tun, der gleichzeitig das Ende der mächtigen Sippen in den Highlands einläutete. Alteingesessene Machtgefüge brachen auseinander und zeitigten zum Teil heftige, blutig ausgetragene Interessen, – und Verteilungskämpfe. Die Hintergründe dieser für damalige Verhältnisse nicht unüblichen Fehden sind insgesamt zu kompliziert, um hier auch nur in Ansätzen nachgezeichnet zu werden. Fest steht, dass die als ´Highland Clearances´ bezeichnete Entvölkerung ganzer Landstriche in engem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Umbrüchen einer Zeit steht, die wieder einmal aus den Fugen geriet. Im späten 18 Jahrhundert und das ganze 19. Jahrhundert hindurch wanderten Scharen von Alteingesessenen aus dieser Gegend ab. Die Mehrzahl der Bevölkerung wich nach und nach in die Küstenregionen aus und verarmte schnell. Damit aber zerfiel auch in Schüben die gälische Kultur der Highlands. Wir wissen nicht, ob der alte Morrison zu denen zählte, die von der Zeitenwende direkt betroffen waren. Welcher Kaste gehörte er an?  Oft waren es ehemalige Tacksman, die in den Küstenrefugien noch einmal ihre alten Führungsqualitäten unter Beweis stellten und den Auszug ganzer Familienzweige organisierten. In dem ungemein ausgeklügelten Clansystem dieser Welt fungierten die Tacks hauptsächlich als Verwalter. In Friedenszeiten regelten sie die Landverteilung; kam es aber zum Krieg, bestand ihre Aufgabe darin, auf dem Land Truppen auszuheben und diese als Offiziere in die Schlacht zu führen. Die Soldaten hatten dann dem Oberbefehl ihres Clanchefs strikten Gehorsam zu leisten. War Alexander Morrison of Lewis ein solcher Befehlshaber? Seinem späten Nachfahren, unserem Helden, wäre die Rolle eines Aois-Dana sicher genehmer gewesen. In diese Clan-Kaste fanden sich die Barden und Gelehrten ihrer Zeit wieder. Freilich: Morrisons leiblicher Vater war eher ein Tack. Als ranghoher Militär mit weitreichendem Aufgabenbereich ging er schließlich ganz in dieser Rolle auf. 

Der Morrison Clan bringt denn auch Revolutionsoffiziere hervor, aber ein Erzieher von Rang ist unter ihnen gewesen. Es hat sich eine Aufnahme des School Superintendent Stephen Morrison erhalten, die nahezu verblüfft. Hier ähnelt der ferne Ahne dem späten Nachfahren annähernd deckungsgleich. Es ist der bereits gedemütigte, raubärtige Jim, abgeklärt und in sich gekehrt, den wir da, in der optischen Begegnung, sofort, wie auf Anhieb wieder erkennen. Doch wirkt der Vorfahr insgesamt resoluter, mit energisch gepressten Lippen und lauerndem Blick. Es sind diese Augen, die der Superintendent eins zu eins mit seinem Nachfahren teilt. Eigentümlich genug: vor allem der ´späte´ Jim ähnelt in den Interviews, die er gewährte, einem fast feinfühlig und um passenden Ausdruck bemühten Pädagogen, ehrlich antwortend und durchweg geneigt, dem andern seine Ansichten und Auffassungen in aller gebotenen Ruhe auseinanderzusetzen. Und ja: irgendwie gelehrig, verdächtig Bildungsaffin kommt er dann rüber. 

Bis hierhin könnte man zusammenfassend festhalten: Glaube und Recht, Gelehrsamkeit und Soldatentum gründen und gären im familiären Archetypus. Jims Wollen und Wirken, sein ganzes Wesen bleibt in diesen genealogischen Zusammenhang eingebettet, und führt am Ende schließlich über ihn hinaus. Schöpften die Alten vorwiegend aus vorpersönlichen Quellen, deren Kräfte und Säfte noch den Typus, weniger das Individuum begünstigen, verdichtet sich in seiner Person die Besonderheit einer hochkomplexen, zahllose Unterströmungen in sich aufsaugenden und jäh haltenden Wesenheit, die gefährdet ist und bleibt, weil ihr die alte Bodenhaftung fehlt. Den Vorvätern ähnelt er immerhin im Speziellen, im Einzelnen – in den Details, die sich vielleicht erst in seiner Person zu einer Gesamtheit aufsummieren, deren Gestalt sich in dem kurzen, intensiven Leben erfüllte, indem es dasselbe maßlos erschöpfte.

Dem leiblichen Vater gleicht Jim, gemessen am eigenen Mythos, auf Anhieb wenig. Aber womöglich spielt uns gerade hier der verlässliche Augenschein die üblichen, allzu vordergründigen Streiche. Sehen wir also etwas genauer, vor allem: geduldiger hin. Nehmen wir auch und gerade die jeweiligen Divergenzen ernst; man begreift sie meist erst im Spannungsverhältnis selbst, dessen Ursachen den gemeinsamen Ursprung freilegen.

George Stephen Morrison machte als Marineoffizier steil Karriere. Aufgewachsen in der Tradition strenggläubiger Methodisten, half er, nach Aussagen seines Vetters, den Prinzipien dieser in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in England gegründeten religiösen Vereinigung schon als Heranwachsender tatkräftig nach; man möchte meinen: mit jugendlichem Übereifer und Ungestüm. Die ´United Methodist Church´ ist noch heute mitgliedsstärkste evangelisch-methodistische Glaubensgemeinschaft im Land. Ihre Anhänger schöpfen unverdrossen aus einem Gedankengut, das der vielzitierte Puritanismus schuf, der bekanntlich zu den Gründungsmythen der Nation zählt und einzig das Wort Gottes, verewigt in den Worten der Bibel, gelten lässt.

Dennoch wirkt Jims Vater auf den erhaltenen Aufnahmen eher locker und unbedarft; meist gutmütig blickend, irgendwie wohlmeinend und scheu entgegen kommend. Ich möchte meinen: auch irgendwie groß, – und warmherzig. Vergleicht man ihn mit den bis hierhin nachverfolgten Familienmitgliedern, fällt sogleich der Zuwachs an individuellen Merkmalen auf, die im Blick auf den Sohn recht bescheiden ausfallen mögen, im Grunde aber schon den Wandel anzeigen, der in seiner Person vollzogen ist, wiewohl Morrison sen. zeitlebens der Tradition verhaftet blieb. Nach Auskunft seines Vetters sei er bei den Mädchen beliebt gewesen. Scheu und liebenswürdig, im Ganzen eher verhalten und in sich gekehrt, trifft sich der Vater hier doch sehr deutlich mit seinem älteren Sohn. Gleich diesem fuhr auch er gute Noten ein und galt als ´Gentlemen´, den Jim nicht minder gern in passenden Situationen gab oder herauskehrte, was häufig übersehen wird, weil man sich bequem auf die tolldreiste Tiraden versteift, die seinem Nachruhm üppig nachhalfen und ihn zugleich schnell trivialisieren. Jims Noten ließen erst nach, als er selbst sich gehen ließ und andere ganz bewusst vor den Kopf stieß.

Ein Mitschüler des Vaters, Fran Warfield, betonte rückblickend, das dieser von der Pike auf korrekt gewesen sei und stets tat, ´was sich gehörte´. Das galt anfangs auch für den Sohn. Ferner sei der alte Morrison ein Anführer gewesen. Freilich: aufgrund welcher Vorzüge? Eine Aufnahme, die den Admiral zusammen mit seinem Sohn zeigt, auf der Brücke der Bon Homme Richard, deutet noch am ehesten an, dass hier jemand ganz in seinem Element ist. Die linke Hand fest im Knauf verkrallt, den weit gespannten Oberkörper seitlings abgerichtet, verfolgt der Admiral gemeinsam mit seinem Sohn das Geschehen: wachen Blickes, gesammelt und ohne eine Spur von Verlegenheit oder Verkrampfung. Die Körpersprache passt – das ist ein Befehlshaber, durch und durch. Sie kontrastiert umso nachhaltiger zur gelösten, ein wenig unbeholfenen Haltung, die der Mann bei heiteren oder repräsentativen Anlässen, vor allem im Kreise der Familie annahm. Er wirkte dann recht verloren, gleich Jim, dem die Rolle des Leitwolfs insgesamt abging, eher blieb er ein einsamer welcher. Aber irgendwie wurde Morrison jun. es dann auch: ein echter Führer – ein Idol eben. in den Phantasien seiner Gefolgschaft, der Fans – der Öffentlichkeit.

People need connectors, writers, heroes, stars, leaders, to give life form… I am a guide to the Labyrinth, Monarch of the protean towers

Vater und Sohn zeigten zeitlebens eine deutliche Abneigung gegen zu viele Nähe, die sie wohl als lästig und aufdringlich empfanden. Sicher hing das auch mit dem Ernst zusammen, der ihre unterschiedlichen Unternehmungen begleitete. Einzelgänger war Jim noch, als ihn die Nassauer des Ruhms wie Schmeißfliegen umschwirrten, stets blieb eine Barriere zwischen ihm und dem aufdringlichen Hofstaat. Vater Morrison mied seinerseits den Partytrubel, von seiner Gattin standesgemäß ´angerichtet´. Er wich dann einfach in einen der unbesetzten Nebenräume aus. Ähnlich verhielt sich sein Sohn. So blieb er während der Europatournee der Doors gern allein im Hotelzimmer zurück und ´schwänzte´ Presse,- und Foto Termine.  Was ihm als Übellaunigkeit ausgelegt wurde, aber es entsprach doch wesentlich dem eigenbrötlerischen Naturell. Jim zehrte davon, eigenen Gedanken ungestört nachhängen zu können. Er las dann viel, schrieb ein wenig, sah aus dem Fenster. Morrison sen. beschäftigte sich mit mathematischen Knobeleien. Ein Stratege, dem operative Planung als Denksport offenbar zu einer Art Hobby wurde.

Jims Wunsch und Wille, Freiheit zu erproben, rieb sich womöglich weniger am Haushohen Rang des Vaters, mehr an den Erziehungsmethoden beider Elternteile, die jede Art von Handgreiflichkeit infolge Fehlverhalten strikt ablehnten, stattdessen über alles mit ihren Kindern vernünftig und geduldig redeten. Jerry Hopkins freilich sprach vom ´herunterputzen´, als einer beim Militär üblichen Art, den oder dem anderen das Maul zu stopfen, was dann, vornehm formuliert, auf das Muster beharrlicher Belehrung hinausliefe, eine Art Psycho-Terror: um den so Vorgeführten verlässlich zu brechen? In ermüdender, nie nachlassender Intensität mochte das schließlich, folgt man den Aussagen von Jims Bruder Andy, eine Art Resignation bei dem hervorrufen, der das in notorischer Folge über sich ergehen lassen musste. Man schrie irgendwann – oder schwieg. Jim schrie nie. Er schwieg. Eisern. Doch möge man bei allem passenden Pathos nicht vergessen, dass eine solche Erziehungsmethode damals eher eine Ausnahme bildete: im Vergleich zum üblichen Mix aus Verbot und Belohnung, Prügel und Schimpfkanonade funktionierte sich mittels Artikulation, entlang sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten, die sich Jim früh zu eigen machte.

Der bis hierhin angedeuteten Sozialisation entspricht die Würze des angestammten Bodensatzes. Es ist bekannt, das Angehörige von Offiziersfamilien aufgrund ständiger Standortwechsel vermehrt unter Beziehungsstörungen leiden, emotional auffälliger sind und zu deviantem Verhalten neigen. Ferner verstärkt sich der Hang zum Alkoholismus. Es handelt sich Allesamt ´Symptome´, die auch den weiteren Lebensweg unseres Helden kennzeichnen. Fehlte Jim der Vater? War der vielbeschäftigte Berufsoffizier einmal anwesend, zog er sich meist zurück, hielt auf Abstand – und überließ der Mutter auch weiterhin das häusliche Feld. Angeblich kommandierte sie ihn, dessen Befehl Tausende unterstanden, daheim hin und her. Ob Mrs. Morrison wirklich so dominant, nörglerisch und rabiat war, wie das in der ersten Morrison Biografie von Sugerman und Hopkins behauptet wird sei dahingestellt. Als sie beabsichtigte, einen Detektiv zu beauftragen um den wieder einmal verschollenen Sohn ausfindig zu machen, verbat es ihr der Admiral. Beider Einfluss mag sich wohl insgesamt die Waage gehalten haben. Man darf den Einfluss erzieherischer Bemühungen ohnehin nicht überbewerten. Jeder von uns könnte anhand entsprechender Befunde nach Rechtfertigungen seines späteren Verhaltens suchen und würde sie auch immer finden. Entscheidend bleibt, wie man selbst zu alledem steht – was der Einzelne ganz konkret daraus macht oder nicht. Freilich: bleibt die Vater-Rolle für den Sohn zentral. Am ´Alten´ arbeitet sich jeder ´Junge´ im Laufe seiner Entwicklung ab.

Gedanke: Hatte Jim nicht früh gelernt, selbst wie ein echter Soldat zu leben? Was heißen könnte: immer auf dem vorderen, dem wirklich äußersten Posten. Er klagte selten, so beteuert sein Freund Alain Ronay später. Freilich: auch ein Indianer kennt keinen Schmerz. Jim wähnte den Geist der Ureinwohner in seinem Innern (dazu unten mehr), insofern mag hier, mystisch gesprochen, auch der Odem eines fremden Volkes in ihn lebendig geworden sein. Jedenfalls ähnelte Jims Verhalten oft verdächtig dem von ihm vordergründig abgelehnten Ideal militärischer Strenge und entsprechender Unterordnung, für die der Vater mit seiner ganzen Person stand. Begehrte der Offizierssohn auch zeitlebens gegen Autoritäten auf, beugte er sich doch mitunter, jäh und unerwartet, dem Diktum fragwürdiger Obrigkeiten. Während eines Fluges, erinnerte sich John Densmore, pöbelte Jim sturztrunken herum, sodass eine der Stewardessen endlich, der Tiraden überdrüssig, den Kapitän orderte, bei dessen Erscheinen Morrison urplötzlich stramm stand, mit einem braven ´Yes Sir´ salutierte und sich blitzschnell wieder hinsetzte, um tatsächlich für den Rest der Reise keinen Ärger mehr zu veranstalten. Auch soll er zu Beginn der Karriere den Vorschlag gemacht haben, in den damals noch üblichen Uniformen aufzutreten. Sicher: das blieben, auf´s Ganze besehen, Ausnahmen. Sie bestätigen aber nicht einzig die Regel, oft auch den Hintergrund selbst, der unterbelichtet erscheint, weil ihn, im Falle Morrison, eben immerzu die grellen Filmstreifen überlagern. Diesen danken wir umgekehrt auch die schärfsten Eindrücke. Man denke an dieser Stelle schon an den Performer, das ´Front-Tier´. Aufrecht und gespannt, reglos wie zum Apell, ja gefasst wie ein Infanterist, der gleich ins Feuer geht: so kam Jim häufig rüber, wie wir noch hinreichend sehen werden. Mag dies zunächst der Unsicherheit, seiner übergroßen Schüchternheit geschuldet gewesen sein, so verstärkte sich später doch umso deutlicher der Eindruck stoischer Strenge, kühlen Abwartens, ja: kaltblütiger, in sich ruhender Entschlossenheit.

Jims Vortrag bestätigte diesen Eindruck noch. Man hört, finde ich, oft und deutlich genug heraus, wo der Junge herkam, welchem Umfeld er entstammte. Jenseits ziviler, gutbürgerlicher Manieren, die er zeitlebens beherrschte und entsprechend feinfühlig praktizierte, gefiel sich sein Gebaren allzu gern in militärischer Strenge; mit viel Schmiss. Als die Doors 1967 in einem Studio in Toronto ihr ödipales Meisterwerk ´The End´ erst, – und letztmalig einem breiten Fernsehpublikum vorspielten, begann Jim mit dem Weckruf ´Wake up´, der erst später im Celebration of the lizard king unterkam und bereits hier auf Anhieb wie ein zackiger Morgenapell, ein strammes: Still gestanden! klingt. Allzu gern variierte Morrison diesen anmaßenden, ruppigen Befehlston, besoffen noch häufiger als in nüchternem Zustand, und im Unknown soldier scheint es ihm eine rechte Freude bereitet zu haben, mit den entsprechenden Möglichkeiten zu spielen. Er spielte überhaupt gern den Kommandeur, und das Publikum, die Masse, blieb eine Art kollektiver Befehlsempfänger, was sehr deutlich wird in seinen Anmerkungen zu besagtem Konzert in der Singer Bowl. Erst beim Schneiden des Films (Feast of Friends) sei ihm aufgegangen, das er die Meute im Stadion gar nicht unter Kontrolle hatte, das die Bestie sich vielmehr verselbständigte und er selbst keinen Einfluss mehr auf das weitere Geschehen geltend machen konnte. Ob der alte Stidger ihn verstanden hätte? Danny Fields, den man damals als Aufpasser für Jim engagierte, warnte den Sänger vor dem Konzert eindringlich: er möge auf sich aufpassen, da draußen lauere eine üble Meute. Vergebens. “Und dann ging er da raus,“ so Fields,“ auf die Bühne; und spielte sein Spiel mit denen. An diesem Abend gab es den zweiten Krawall.“

Allzu oft raunzte Morrison das Publikum an, in einer Mischung aus Verachtung und Überheblichkeit; wie ein Drill Sergeant, dessen ruppiger Ton die Anwärter umgehend erniedrigt. Wiewohl die Berührungen mit dem Militär, der Welt des Vaters, für den Heranwachsenden auf wenige Termine und rein äußere Eindrücke beschränkt blieben, haben diese eben doch deutliche Spuren im Werk des Jüngeren hinterlassen, meist sporadisch, wie die wenigen Beispiele zeigen, aber auch deutlich und anschaulich genug für den, der im Ganzen etwas genauer hinzuhören bereit ist. Jim, der beim Singen immer wieder auf dramaturgische Effekte zielte, äffte gewiss mit Vorsatz – zwecks ironischer Überspitzung oder um die situative Spannung bis zum Platzen zu dehnen – besagten Kasernenhof-Ton nach; einer, der beim Militär ganz obligatorisch bleibt. Man höre sich diesbezüglich etwa Auszüge des Mittelteils von When the music´s over an, die so forsch und biestig, bratzig bis grantig klingen, das man in der Tat glauben mag, hier erteile jemand gerade frische Marschbefehle, verpackt freilich in eine feierliche Verkündigung (Cancel my subscription to he Resurrection, send my credentials tot he House of detention…the face in the mirror won´t stop, the girl in the window won´t drop). In The WASP mutiert der nicht minder entrückte Text zu einer Art Durchhalteparole im Stile alter Hollywoodschinken. Anfangs eher spärlich, gab Jim später, als ihn der Alkohol ritt, immer öfter den fiesen, scharfgrantigen Südstaaten Redneck. Das wäre einer, der andere derb anschnauzt, was auch in den diversen Improvisationen bei Live-Konzerten stets deutlich und markig zum Ausdruck kam (Dead Cats, Dead Rats). Freilich: privatim war dies weder Jim´s noch Steve´s Stil.

Militärisch strikt und streng wirkte Jim, trotz Beat-Verschnitt, sogar im Äußeren; in der nicht selten sturen, muffigen Gebärde, die ihm im Verbund mit einer betont kontrastierenden, deutlich gewollt wirkenden Lässigkeit diese unvergleichliche Coolness verlieh, passend zu seiner ganzen, herrischen Erscheinung. In dem eher verächtlich zur Schau gestellten Stolz wirkte er kühl und abweisend, überheblich und distanziert, vor allem auf der Bühne; dazu später mehr.

 Am eigenen Vater hat sich der Sohn auf vordergründig lakonische Art im langsamen Mittelteil von The end abreagiert. Vielmehr: er fühlte und fasst ihn da ganz deutlich: in sich selbst. Noch der alt und müde gewordene, hörbar herunter gekommene Bluesbarde schlug sich unselig mit dem Altvorderen herum. In Freudschen Fahrwassern, deren Wirbel den Entrückten langsam in die Tiefe zogen. Auf einer weiteren Aufnahme des Klassikers (1970, Madison Square Garden) fordert er gleich zu Beginn immer wieder, manisch und bis an den Rand der Verzweiflung: Bring out your dad…bring out your dad…

Im chaotischen Gewimmel der verlorenen Schriften Morrisons tauchen die Bezüge zur Welt des  Vaters nahezu gehäuft auf. Mal vage und assoziativ, dann wieder deutlich und direkt. In exemplarischer, zugleich deutungsoffener Manier heißt es etwa in dem Gedicht Dry water am Ende des dritten Absatzes: People assemble to establish armies, and find their foe and fight. Jim neigte dazu, in Worten das Allgemeine mit dem Typischen zu vermengen, überhaupt Transzendenzen und Konkret-sachliche Bezüge allegorisch in Deckung zu bringen. Search on man, calm savior, veteran of wars incalculable greed: Versatzstücke wie diese dienen weniger der Kritik als vielmehr einer Vergegenwärtigung des Militärischen in seinen vieldeutigen, assoziativen Zusammenhängen.

Admiral George Stephen Morrison fand auf recht eigene, ihm gemäße Weise den Weg in die Geschichte. Er hatte den Oberbefehl der vor Vietnam aufgelaufenen Flotte inne, als es zum vielzitierten Tonkin-Zwischenfall kam, der dann, wie wir heute wissen, den klassisch gewordenen US-amerikanischen Vietnamkrieg eröffnete. Der Alptraum einer ganzen Nation nahm eigentlich schon von diesem Tage an seinen unseligen Verlauf. Das war 1964. Jim stand damals seinerseits am Scheideweg. In diesem Jahr trennten sich endgültig und unwiderruflich die Lebenswege der beiden, wiewohl der Marineoffizier den Sohn bald im Fernsehen sah und auch auf Platte hörte. Steve Morrison wurde 1967 zum bis dato jüngsten Admiral in der Geschichte der Vereinigten Staaten beförderte. Im selben Jahr hatten auch die Doors ihren ganz großen Durchbruch. Beide, Vater und Sohn, ahnten zunächst gar nicht, wie es um den jeweils anderen stand. Keiner von beiden wusste um den entscheidenden Karriereschub. Jims Bruder Andy hatte, als es soweit war, wochenlang ´Light my fire´ gehört ohne zu bemerken, dass es sein Bruder war, der den Nummer Eins Hit sang. Der Vater schloss erst in dem Augenblick Bekanntschaft mit dieser Stimme, als Andy sich die Platte von einem Freund lieh und mit nach Hause brachte. Vater und Sohn hatten es auf je eigenen Wegen weit gebracht. Konsequent und mitunter kompromisslos folgten sie ihren Manen, von denen der Ältere eher als ´Pflichten´ gesprochen hätte.

Bezeichnend genug: beide zogen zeitlebens rast, – und ruhelos hin und her. Der Alte von einem Kommando zu nächsten, während sein Spross früh anfing, durch das weite Land zu trampen. Später dann, in seinem ´Beruf´, verschlug es ihn von einem Konzert zum nächsten. Die eigenen vier Wände blieben Etappe. In Jims Fall war das später, als er bekannt geworden war, ein kleine, äußerst günstige Bleibe am Sunset Boulevard. Steves Einsätze waren in Kriegszeiten gelegentlich waghalsig. Aber auch sein Sohn riskierte Kopf und Kragen, nicht einzig mittels Drogenmissbrauch, wie wir noch sehen werden. Angeblich hatte Jim, der ein vorzüglicher Schwimmer war, zeitlebens Angst vor dem Wasser. Ob das auch für seinen Vater galt, der als Marine Offizier brillierte? Vater Morrison kannte sich als Kommandant eines Flugzeugträgers auch mit dem Fliegen aus. Während des Pazifikkrieges flog er Kampfeinsätze. Von Jim wurde bisweilen behauptet, er habe eine gewisse Flugangst gehabt. Aber auch das passt, betrachtet man es im richtigen Verhältnis. In einem Interview erklärte Morrison jun. einmal, man müsse sich der größtmöglichen Angst überhaupt aussetzen, damit dieselbe am Ende keine Macht mehr über einen besitze. Wenn das nicht für jeden Soldaten im Kriegseinsatz gilt…

I am troubled, immeasurably

ImVerhältnis des Vaters zum Sohn wird ein Zusammenhang transparent, den der Lieblingsphilosoph unseres Helden in ein schlichtes Gleichnis überführte:“ Was der Vater schwieg, das kommt im Sohne zum Reden; und oft fand ich den Sohn als des Vaters entblößtes Geheimnis.“ Jims Leben kann durchaus als heimlicher Kommentar zu dem des Vaters begriffen werden. Er lebte bis zur Neige, was sich der Vater zeitlebens, nicht minder strikt, verbat. Um noch einmal das Schlagwort vom Anführer zu bemühen: beide waren im Ergebnis welche. Jim wurde zur Projektionsfläche einer eher diffusen Gegenkultur, ohne für irgendwen Vorbild sein zu wollen (er hat den begleitenden Zusammenhang in einem Interview einmal als absurd bezeichnet), der Vater tat dies als Stütze oder Pfeiler einer in den USA bis auf den heutigen Tag enorm einflussreichen Kaste. So ruhig und gesittet letzterer zeitlebens im Zivilen auftrat: er tat es auch und gerade dem Sohn zum Beispiel, der nicht minder still und in sich gekehrt, ruhig und verschlossen blieb. Das steckte in ihm, das blieb Teil seines Wesens, allen Exzessen und Entgleisungen zum Trotz. Gedanke: wollte er den damals stets abwesenden Vater, an dem er sich nie richtig abreagieren konnte (wie das zwischen Vater und Sohn eben obligatorisch bleibt) mit der eigenen Revolte übertreffen, in den Schatten stellen, diesen sozusagen solcherart vollenden und überwinden? So wie der Pfarrerssohn Nietzsche in seiner Revolte gegen Christentum und Moral eine Art Hyper-Moral anstrebte?

Libre Apres Nietzsche: Jims Vater schwieg sich tatsächlich lange über den Sohn aus. Was er über dessen Laufbahn dachte oder fühlte, vertraute dieser Pflichtmensch erst sehr spät, gegen Ende seines langen Lebens, einem Filmteam an. Wie mag das eiserne Schweigen zu deuten sein? Sicher hatte es etwas mit der Zeit selbst und den begleitenden Umständen zu tun. Admiral Steve Morrison lehnte es wohl grundsätzlich ab, der in den Augen des Establishments als verdächtig, ja gefährlich erscheinenden Gegenkultur entgegenzukommen, indem er über einen ihrer schillerndsten Exponenten – ausgerechnet den eigenen Sohn – öffentlich Rede und Antwort steht. Es hätte dem eigenen Amt, doch auch dem vom Pfad unhinterfragter Tugenden abgefallenen Spross geschadet. Der Sohn eine Art Staatsfeind, der Vater eine der verlässlichsten Stützen dieses Staates: das biss sich, das tat beiden weh. Im Privaten freilich äußerte er sich der Senior, solange sein Sohn noch irgendwie in Reichweite blieb, recht unmissverständlich zu dessen Umtrieben. Schalt er den Heranwachsenden noch in einem der letzten Briefe ob dessen Entscheidung, in einer Band zu singen, verstummte er ganz in dem Moment, als die Doors in aller Ohren und Munde waren. Der Eindruck entsteht, als existierte der Sohn, das schwarze Schaf, für ihn jetzt nicht mehr, was insofern dazu passte, das Jim seinerseits Vater und Mutter für tot erklärte. Das freilich passte auch zum eigenen Mythos, dem Anspruch also, frei zu werden – frei zu sein. Jim bekannte allerdings etwas später, dass er die Eltern einfach aus allem raushalten, sie also schützen – schadlos halten wollte. Auf eigene Faust suchte er sich neu zu erfinden, da passten sie eben nicht mehr herein. Ob es gegen Ende seines Lebens wirklich, wie seit einiger Zeit behauptet, zur Aussöhnung mit dem Vater kam? Vermutlich riss der Kontakt nie ganz ab. Dazu hat sich der Alte indes nicht mehr geäußert. Dass er schließlich doch noch sein langes Schweigen brach und über Jim sprach: spricht irgendwie für sich, wie ich finde. Sicher hat er gegen Ende seines Lebens den Drang verspürt, mit dem Sohn ins Reine zu kommen, nicht länger die so zäh und unnachgiebig, so lang hintan gestellten wahren Gefühle zu verbergen, die er für den ältesten empfand. Deutlich wird in diesem späten Interview die zeitlebens unter Verschluss gehaltene Zuneigung, die er Jim gegenüber empfand. Nun fiel es dem Alten leichter, Sympathie und Verständnis zu bekunden; ja, man spürt fast so etwas wie eine späte Genugtuung, die auch ein wenig beruhigend und nachgerade erlösend wirkt.

Inzwischen hatten sich auch die Zeiten geändert. Band und Sänger sind längst zu einem amerikanischen Kulturgut geworden, sie haben sich fest etabliert, gelten als eigentümlicher Ausdruck dessen, was als amerikanischer Traum lebendige Tradition geblieben ist. Jetzt endlich konnte also auch der alte Soldat ´loslassen´. Das fiel seinem Sohn zeitlebens nicht minder schwer. Unter dem Einfluss von Rauschmitteln löste er seinerseits den Zugriff, auch alte Bande, doch allen Extravaganzen zum Trotz ist er die hergebrachte Montur nie ganz losgeworden. Eigentlich, so versicherte Morrison sen., war Jim ein im Grunde sehr guter, solider Bürger; mit hohen moralischen und ethischen Standards. Fast bewundernd stellte er fest, selbst ein schlechter Interpret des Werkes zu sein, dass sein Sohn hinterließ. Kann man einem Menschen mit mehr Respekt, mit mehr Hochachtung und Understatement begegnen?

Alt und gebrechlich, insgesamt recht milde gestimmt, mitunter kindlich strahlend, aber stets korrekt in Ton und Gebärde: fand hier jemand seinen Frieden mit einem, der zeitlebens selbst keinen mehr finden konnte. Deutlich ist die Achtung zu spüren, die der Vater dem Sohn zollt. Denn er wusste nun um die Bedeutung seines Erdenwallens. Nicht ohne Stolz erzählte Morrison sen., begeistert gewesen zu sein, als er Jim zum ersten Mal im Fernsehen sah. Rührend fast, wie er auf den Entschluss zu sprechen kam, der späteren Bronzetafel am Grab des Sohnes einen Satz des großen Sokrates anheimzustellen: das war ihm immerhin ein Gespräch mit einem alten Griechisch Lehrer wert. ´Kata Ton Daimona Eaytoy´ – seinem eigenen Dämon entsprechend. Das hatte der Alte nun also begriffen.

Insgesamt entgegenkommend in seinen Bemerkungen, blieb Morrison sen. dennoch distanziert, vornehm zurückhaltend, freilich auf freundliche Weise. Das war auch Jims Stil, äußerte der sich seinerseits im Gespräch. Seine Schwester Anne, wohl vom selben Team befragt, wirkte da sehr viel gelöster, durchweg ausgelassen und heiter; hier wohl eher der Mutter als dem Vater ähnelnd.

Clara Morrison hatte nicht minder unter Jims Spleens und Launen zu leiden. Beschrieben wird sie uns als lebensfrohe, agile Person, ausgleichend zum Vater, der sich, jenseits der alles beherrschenden dienstlichen Verpflichtungen, lieber einigelte. Als Kind wuchs sie zeitweilig in einer Kommune auf. Die in Offizierskreisen üblichen und obligatorischen gesellschaftliche Verpflichtungen habe Miss Morrison, so heißt es gleichlautend, stets mit Bravour gemeistert. Jims Bekannte betonen ihre unbedingte Dominanz in familiären Belangen, die Überkorrektheit beim Putzen, den repräsentativen Glanz ihrer Person, die auf den sorgsam durchexerzierten Bridgeparties zum Ausdruck kam. Nach heutiger Auffassung hätte man sie für einen Kontrollfreak halten können. Eine Art Übermutter also, die rasch laut und bestimmend wurde, versagte man den Gehorsam. Auch an ihr rieb sich also der Sohn. Das ständige Nörgeln ging ihm wider den Strich, und mehr noch der für Mütter typische, hier extrem übertriebene Beschützerinstinkt. Wie denn die Onkel dieser Linie als überspannt galten. Im Sohn machte sich gerade  dieser Ansatz früh bemerkbar. Rein äußerlich erweckt Clara Morrison den Eindruck einer treusorgenden, zupackenden Dame: belastbar, energisch und gar nicht unsympathisch. Ihr Blick wirkt auf den uns zugänglichen Abbildungen insgesamt wacher und aufmerksamer als der ihres Gatten, dessen fast hündische Haltung sie souverän und zupackend konterkariert. Oder solcherart ergänzt? Von ihr geht eine erfrischende Weltläufigkeit aus, die den Gatten ein wenig hinterwäldlerisch erscheinen lässt. Die Publizistin Diane Gardner meinte herausgefunden zu haben, das Jim Frauen ablehnte, die nicht im hergebrachten Sinne feminin waren, zu forsch und eigensinnig also, heute würde man wohl sagen: zu emanzipativ. Vielleicht rührte das von solchen Erfahrungen her. Jedenfalls überwiegen in ihrem Falle, rein körpersprachlich, die burschikosen, fast ein wenig hemdsärmeligen Aspekte, kontrastierend zur nicht minder ausdrucksstarken Eleganz und Weltläufigkeit, die ein ersichtlich sprühendes Temperament zusätzlich hebt und trägt.

Endlich Jims Geschwister. Einige der sattsam bekannten Anekdoten, die sich um das Leben des Heranwachsenden ranken, danken wir Morrisons Schwester und seinem Bruder. Über diese ist bislang kaum etwas publiziert worden, die üblichen Verallgemeinerungen geben wenig her. Ein  Vergleich der charakterlichen Unterschiede oder Korrespondenzen erhellte in der Regel auch den weiteren Entwicklungsgang aller. Doch haben sich die bisherigen Biografen mit der allzu üblichen Gegenüberstellung begnügt, die am Klischee festhält: hier das leidende Genie, dort die tapfer in der Konvention verharrenden Familienmitglieder. Wo freilich deckten oder berührten sich die beiden mit dem im Ganzen eher unverstandenen Bruder, den sie am Ende doch viel besser kannten als jene, die später einem umso undurchsichtiger agierenden jungen Mann begegneten, den sie doch nur mit den üblichen Allgemeinplätzen erledigten? Darüber kann bis jetzt nur spekuliert werden. Die Schwester wirkt, nach außen, wie eine einzige, in Jahren gereifte Frohnatur. Der Bruder? Ähnelt sehr dem Alten. Ganze zwei Minuten lang äußerte sich dieser einmal um 2014 zu Geburtstagen und Weihnachtfeiern im familiären Kreis. Hier begegnet uns ein sehr bescheidener Mann, schüchtern auch er, und offenbar immer um Ausgleich bemüht, mit Sinn für feindosierten, etwas gehemmt hervortretenden Humor. Bedauerlicherweise stehen uns bis heute hauptsächlich die Männer der Sippe anschaulich zur Verfügung, den Damen hätte man sicherlich mancherlei zusätzliches Geheimnis abtrotzen können, um so dem Mysterium unseres Helden noch näher kommen zu können. Frauen spielten eine untergeordnete, meistenteils im Privaten wurzelnde Rolle.

Insgesamt endet hier eine Ahnentafel, von der wir vielleicht sagen können, dass sie trotz etlicher Lücken und Brüche, allen blinder Flecken zum Trotz, wesentlich auf zwei konstanten Merkmalen fußt. In Jim haben sich die zäh beharrenden, konservativen bzw. festhaltenden, sagen wir: in sich geschlossenen Kräfte mit solchen der Exaltation und Expansion, der schieren Kraftentäußerung, des Auswerfens und Ausströmens verbunden oder verbissen, irgendwie vereint oder leidig zusammengefügt: bis zum zerreißen, bis zur Überdehnung – bis zum Exzess. Das Moment der Entfesselung hat Jim selbst betont, in seinem Vergleich mit der gespannten Bogensehne.

Abschließend noch zwei Beispiele dafür, wie weit die in Frage kommenden Grade von Verwandtschaft im Zweifel reichen mögen. Einen habe ich schon erwähnt. Jim betrachtete auch die Ureinwohner Amerikas als ´unsere Vorfahren´ und übersprang in diesem Zusammenhang eine Grenze mehr, indem er ganz bewusst auf ein Erlebnis zurückgriff, das er als das prägendste seines Lebens beschrieb. Kaum vier Jahre alt, wurde er Zeuge einer menschlichen Tragödie. Der Vorfall fehlt in keiner Biografie, und Morrison hat sich auch selbst auf Tonband dazu geäußert, in der für ihn so bezeichnenden Mixtur aus Verzagtheit und Entrückung, flüsternd fast: wie in Trance seltsame Geister beschwörend. Anämisch berauscht von den eigenen Visionen, die sich in dieser nur zögerlich und geheimnisreich in Gang kommenden Erzählung mit realen, analogen Tatbeständen vermengen, verliert er sich in einer Vergangenheit, die fragwürdig ist und bleibt. Zusammen mit Eltern und Großeltern fuhr er auf der Straße von Santa Fe, als der Wagen einen umgestürzten LKW passierte. Der Unfall hatte ´eine Wagenladung Indianer´ (O-Ton Jim) aus dem Gefährt geschleudert. Es handelte sich um Pueblos, die wohl als billige Vertragsarbeiter unterwegs gewesen waren. Sie lagen verstreut auf dem Asphalt: schwer verletzt, bereits sterbend oder schon tot. Jim sah das und schrie. Der Vater bemühte sich, Hilfe herbei zu holen. Als sie weiterfuhren und der Sohn immer noch außer sich war vor Erregung, indem er immer lauter klagte, hielt die Mutter den Jungen im Arm und der Vater tröstete ihn mit den Worten, das alles nur ein Traum gewesen sei. So ähnlich mag es Jim im Abstand der Jahre selbst empfunden haben. Nach seiner Auskunft geisterten die Seelen der Indianer dort umher, unerlöst, und mindestens eine dieser Seelen fuhr schließlich in seinen Körper – und blieb drin. Damals, versicherte er, habe er zum ersten Mal Angst verspürt. Sie blieb, obschon verschlüsselt, wesentlicher Bestandteil seines Wirkens und Werdens, wie oben bereits angedeutet wurde. Die größtmögliche Angst zu überwinden hieß, so hatten wir erfahren, sich von ihr endgültig zu befreien: war auch ein Weg, durchzustoßen bis ans Ende von allem. Über das Grauen eines Augenblicks, der sich entsetzlich dehnte, blieb Jim mit den unruhigen Geistern und der Furcht, die sie bewirkten, bis zu seinem Tode verbunden. Es spielt eine eher untergeordnete Rolle, ob er sich das alles nur kraft kindlicher Ergriffenheit einbildete. Im Ergebnis erwirkte das Ereignis einen deutlichen Wachsabdruck auf den Innenhäuten seiner empfänglichen Seele. Schon hier wurde er zum Schöpfer seiner selbst. Im Affekt, in der Verzweiflung – in der Überwältigung.

Seelenwanderschaft und Seelenverwandtschaft – es bleibt schwer, hier jeweils klare Grenzen zu ziehen. Im Whiskey a gogo trat anno 66 auch die Band Them auf. Deren Sänger, den Ire Van Morrison, empfand Jim als eine Art spirituellen Bruder. Dem andern erging es angeblich ähnlich. Sie sangen und sie soffen zusammen. Irisch-schottische Rituale. Gewisse äußerliche Korrespondenzen, so im Auftreten, in der Körpersprache und selbst entlang gewisser mimischer Besonderheiten, deren Tatsächlichkeit im Blick auf korrespondierende Gesichtszüge frappieren, deuten einen Grad der Verwandtschaft an, dem vielleicht sogar ein gemeinsamer, entfernter Stammbaum entspricht. Vielleicht. Wir wissen es nicht. Ich persönlich finde, dass sie einander optisch vor allem um die Mundwinkel herum, dann aber wesentlich im Blick, überhaupt in der ganzen sturen, ernsten Haltung ähnelten. Schroff und verschroben, muffig und in sich verkapselt, mit gehöriger Verachtung für alles Beiläufige und Gewöhnliche: Einander abgeschaut, auf Manierismen beruhend, reine Mimikry? Auch das bleibt schwer zu entscheiden. Bei Jim geriet die Attitüde herrisch-aristokratisch; Van Morrison wirkte zeitlebens eher wie ein zorniger, wütender Spund aus der Arbeiterklasse.

III.

My country, ‚tis of thee,
Sweet land of liberty,
Of thee I sing;
Land where my fathers died,
Land of the pilgrims‘ pride,
From every mountainside
Let freedom ring!

Samuel Francis Smith

Schotte von Geblüt, war und blieb Jim zeitlebens doch vor allem eins: Amerikaner. Auch hier trat er in die Fußstapfen des Vaters, freilich ohne den Gleichschritt zu übernehmen, der dem Alten Pflicht und Schuldigkeit blieb, um der Heimat dienen zu dürfen.

Schon zu Beginn seiner Karriere ließ Morrison über Stellenwert und Bedeutung seiner Herkunft keinerlei Zweifel aufkommen. Lapidar und unmissverständlich versicherte er in einer frühen Pressemitteilung, erstens Amerikaner, zweitens Kalifornier und drittens Einwohner von Los Angeles zu sein. Sicher: das widersprach auf Anhieb dem Anspruch, radikal allem Herkömmlichen abzuschwören; tollkühn ins Leere zu starten, um so ins Unbekannte vorstoßen zu können. Auch dazu hat sich unser Held an besagter Stelle recht lakonisch geäußert: “Ich mag Ideen über den Zusammenbruch oder den Umsturz der etablierten Ordnung.“ Ihn interessiere „alles, was mit Revolte, Unordnung, Chaos zu tun hat – ganz besonders Handlungen, die scheinbar keinen Sinn haben. Das scheint mir, ist die Straße zur Freiheit – äußere Freiheit ist ein Weg, innere Freiheit zu erreichen.“ Freilich: In derselben Erklärung, die als Teil der Öffentlichkeitsarbeit schnell im ganzen Land kursierte, markierte Jim auch den zugrunde liegende Mythos selbst, als einen nicht weiter zu dekonstruierenden Ur-Grund oder festen Boden, der das unerhörte Unterfangen trägt und immer wieder auffängt, eben: den heroischen Anspruch begründet und zur möglichen Vollendung führt. “Die Welt die wir vorschlagen,“ erklärte er,“ ist der neue Wilde Westen. Eine sinnliche, böse Welt. Seltsam und qualvoll.“ An anderer Stelle erinnerte Morrison daran, dass dieses Land – sein Land – auf Gewalt gebaut sei. Auch das wird in der Retrospektive gern unterschlagen: das Jim von Gewalt fasziniert war – und blieb. Immer wieder provozierte er Gewalt, in Konzerten und privat, am Tresen und von der Bühne herunter. Wiederholt geriet er in Konflikt mit dem Gesetz. Mehrfach wurde er wegen Landfriedensbruch und Widerstand gegen die Staatsgewalt festgenommen. Gewalt als Mittel zum Zweck? Vom Frieden handelt, jenseits gewisser Anwandlungen, die in spontanen Erlebnis, – und Erkenntnisreihen zum Ausdruck kommen, weder Jims Dichtung noch die Musik der Doors, sieht man einmal vom Unknown Soldier ab, der zwar das Ende des Krieges feiert, dieses aber mit einer standrechtlichen Erschießung begleicht: mit Gewalt eben. Im Song Peace Frog deutet eigentlich nur der Titel den nämlichen Bezug an. Der Text selbst ist wahrlich Bluttriefend, Zeile um Zeile, wie denn im nämlichen Zusammenhang der Bezug zur Nation so gut wie der zur eigenen Person erkannt wird: Blood will be born in the birth oft he nation – blood on the rise, it´s following me.

Das Erbe der Gründer gärte mächtig auch in der Seele eines Mannes, der auf der Bühne zwar das Nationalheiligtum, die Stars and Stripes, zerfetzte und sich mit dem Lappen sogar den versiegelten Arsch rieb (nicht daheim, sondern in Frankfurt, vor einem Haufen GI´s),  aber damit betonte dieser Mensch eigentlich nur auf recht derbe, drastische Art und Weise den Bezug, der solcherart am Objekt festgestellt werden konnte. Morrison lehnte das hehre Ideal gar nicht ab, denn im Grunde suchte er nur zu übertreffen, ja zu überzüchten, was den Nährboden seiner Wünsche und Gefühle, der vielen Sehnsüchte und treffsicheren Visionen bildete.  Allen elegischen Anwandlungen zum Trotz, die er in sinnlich-sanfte oder fiebernd-flackernde Wendungen fasste und die ihn als tiefen Gemütsmenschen ausweisen, gingen doch die stärksten, eindringlichsten Momente von jener Gewalt aus, die als Qual oder Befreiung, als Fluch oder Erlösung ungleich mächtiger auf den Hörer oder Leser einwirkten.

Viel von dem, was wir mit amerikanischer Lebensart per se verbinden, gründet im kollektiven Archetypus. Wenn die romantische Vorstellung von der Volksseele, die Herder als Ausdruck eines gleichsam übergeordneten Nationalgeistes in den akademischen Diskurs eingeführt hat Wirklichkeit für sich beanspruchen darf, dann galt dieselbe auch und gerade in den Weiten des Westens, wo ihre divergierenden, meistenteils der alten Welt ´entlaufenden´ Anteile im Laufe der Zeit ganz eigene Symbiosen herstellten. Sie schöpfte auch dort aus uralten Mythen: heiligen Mutterböden, der nie nur langsam im Zuge einer konsequenten Entzauberung der Welt zu bloßen Brachen verkamen. Ganz organisch wuchs, was wir als typisch amerikanisch empfinden, vom Atlantik zum Pazifik, von den großen Seen im Nordosten bis an den Golf von Mexiko. Die Saat selbst entstammte der durchfurchten Heimaterde Alteuropas. Hier ging sie in divergierender und korrespondierender Blüte neu auf.

Wir berühren an dieser Stelle einen tiefen Zwiespalt, der den meisten Einwanderern gar nicht mehr hinreichend bewusst wird. Amerika ist eine junge und ungestüme, das heißt: unfertige Nation geblieben. Sie zehrt auch weiterhin, trotz innerer Geschlossenheit, vom hehren Erbe, dem sich freilich im Laufe der Zeit mehr und mehr neue Blutlinien eintränkten. Mag das nationalpatriotische Pathos auch noch so sehr auf ´God´s own Country´ pochen, der Glaube selbst ist älter. Die meisten Menschen in diesem Land entstammten anfangs noch der alten Kulturwiege, dem östlich des Atlantiks gelegenen Europa. Jim starb dort schließlich, in einer Art Exil. Ein Großteil  jener Bildung, die er sich als Jüngling so eifrig und fleißig angelesen hatte kam daher, dort eben lagen die Wurzeln, denen die wilden, ungestüm auswuchernden Preziosen entwuchsen, die seiner Kunst eignen und in Analogie zur neuen Heimat umso überzeugender, mitunter aber auch verstörend wirkten. Man darf vielleicht sagen: in der neuen Welt wuchs sich das mitgeschleppte Erbe zu einem neuen Anfang aus, der mittlerweile an keiner Grenze halt zu machen scheint. Ähnlich muss man sich die Selbstfindung der ganzen Nation vorstellen, von ihren wilden Anfängen bis in die leidlich gebändigte, tatsächlich weltweit auf Expansion pochende Gegenwart hinein. Den frühen Pionieren wird gar nicht bewusst geworden sein, das sie mehr mitbrachten als nur ihre Sitten und Gebräuche, vielmehr: auch den heimlichen Wunsch und Willen, diesen weltweit Geltung zu verschaffen. Nur so konnte der neue Kontinent so rasch und unverdrossen besiedelt werden, brutal auf Kosten einer bereits ansässigen Ethnie, von der dann nicht mehr viel übrig blieb. Im Westen einer neuen Heimat, spross der Kulturbildende Keim, den die Ankömmlinge mitbrachten, endlich in die Breite, mehr noch: in die Weite selbst. Denn in den Weiten Amerikas, die Jim schon per Anhalter erkundete, wandelte auch sein unruhiger, unsteter Geist auf den Pfaden der frühen Pioniere, die das Land wider alle Gefahr erkundeten und zähen Willens urbar machten. Jenseits isolationistischer Tendenzen, die nur vorübergehend den eigentlichen Lebensstrom unterbanden, pocht im Herzen dieser Menschen der unruhige, faustische Geist einer uralten Kulturwiege. Das muss man, bei aller Oberflächlichkeit, die wir den US-Amerikanern gern unterstellen, immer im Auge behalten.

Jim war beides: Amerikaner und Alteuropäer. Auf seiner letzten Reise, die ihn schließlich nach Paris verschlug, als der eigentlichen Bildungshauptstadt Europas, kehrte der Wurzellos gewordene so noch einmal zu den prä-nationalen Ursprüngen zurück, denen er seine frühen Eingebungen verdankte, die den ganzen weiteren Weg bestimmten, der erst hier zu einem Abschluss fand. In der Metropole an der Seine endete dieser Weg. Auch dort misslang Morrison, Wurzeln zu schlagen, auch nur festen Boden unter den Füssen zu bekommen. Nicht anders drüben, im Westen. Und doch blieb er, bei aller Verlorenheit und kosmopolitischen Weite, trotz hemmungsloser Selbstvergessenheit und narzisstischer Selbstverliebtheit, ja noch als ein von multiplen und schizoiden Anwandlungen geschüttelter, der eigenen Person abhanden gekommener Sonderling, schlicht: Amerikaner. Das mutet tröstlich an und stimmt beinahe versöhnlich. Auch über die Band meinte Jim gegen Ende seiner Laufbahn, er hege die Hoffnung, dass sie ´Teil unseres nationalen (!) Gedankenguts würde´. Das sagt eine Menge aus, finde ich.

Der amerikanische Traum, verkürzt auf die üblichen Allgemeinplätze und Schlagworte, basiert ganz wesentlich auf jener vieldeutigen, vielzitierten und immer wieder griffig abgeflachten, schematisch durchprobierten Freiheit, die auch Morrison für sich beanspruchte und in ihren Möglichkeiten dreist überreizte. Mag der Begriff per definitionem variieren oder nicht: jeder echte US-Amerikaner kommt in seinem Leben gar nicht ohne diese schillernde Metapher aus, die unterschwellig oder oberflächlich das ganzen Fühlen und Denken bestimmt, bis ganz zuletzt, wie dies auch Jim in besagter Pressenotiz tat, als er abschließend den Pfad zur Sonne beschwor:“ Auf´s Ende zu.“

This ist he end…beatiful friend…

Danny Sugerman hat in seinen Jugenderinnerungen, deren halbfiktionaler Charakter die Authentizität des Erlebten umso nachdrücklicher und eindrucksvoller unterstreicht, eine Begegnung mit Morrison beschrieben, die vorzüglich den Zwiespalt des ´Western Way of Life´ spiegelt. Der Halbwüchsige, verstrickt in einen üblen, von unheimlichen Visionen begleiteten Säuretrip, wird vom väterlichen Freund behutsam beiseite genommen und über die wahren Werte des amerikanischen Traums belehrt, deren allegorische Kraft den selbsterlittenen Alptraum sinnbildlich überwinden hilft. Mag diese Episode frei erfunden oder nur großzügig ausgeschmückt worden sein: sie kennzeichnet doch trefflich die Verbundenheit beider mit dem Gründermythos ihrer Nation, der als dauerndes Versprechen fortlebt und das Stadium der Reife noch nicht erreicht hat.

Es führte zu weit, die Bestandteile des anglo-amerikanischen Traums, den man drüben so selbstverständlich wie selbstvergessen, banal oder blähbrünstig, immer aber mit Haut und Faser, Herz und Hirn lebt und leidet, im einzelnen zu beleuchten. Die wesentlichen Merkmale dieser Obsession lassen sich kulturhistorisch leicht aufzuspüren, ihre Ursprünge sind bekannt und lassen sich regional bestens einordnen. In den geronnenen Traditionen, deren Gebräuchen und Gewohnheiten jeder Amerikaner auf eigene Weise verpflichtet bleibt, erscheinen die Gewissheiten nationaler Obsession mustergültig und leicht verständlich. In Wort und Tat gibt jeder Amerikaner zu erkennen, worauf es allen ankommt, was also wirklich zählt und den Bestand behauptet; bei aller quirligen Geschäftigkeit und Geschäftsmäßigkeit, die ihrerseits typisch sind und bleiben, denn sie kennzeichnen besagte Unruhe, die Generationen von Einwanderern aus ihrer alten Heimat trieb, um in der neuen zäh und unnachgiebig am eigenen Traum zu arbeiten. Auch Jim hat, auf eigene Weise, den Traum gelebt. Und geheiligt. In Wort und Tat. Er bannte in Runen, was ihn zeitlebens bewegte; was die inneren Dämonen unablässig von ihm einforderten. Er tat es als Dichter, allenthalben.

I´ll always be a word man, better than a bird man

Das klingt simpel, muss aber in seiner ganzen Tiefe begriffen werden. Vor diesem Hintergrund sei exemplarisch an die Worte Yves Bonnefoys erinnert, die dieser seiner mustergültigen Biografie Arthur Rimbauds einleitend voranstellte. Dem Seher-Dichter nachzueifern begann sein Epigone früh, auch und vor allem in der Tat, die das geschriebene oder gesprochene Wort bestätigt und besiegelt.“Wer Rimbaud verstehen will,“ heißt es bei Bonnefoy,“ lese doch Rimbaud, lausche seiner Stimme und vergesse die Stimmen, die sich mit ihr vermischt haben. Wozu in der Ferne, wozu andernorts (sic!) suchen…“ Denn:“ Zu ernst nahm er diesen Weg, als das wir einen anderen suchen müssten, um die Stimme von Arthur Rimbaud wiederzufinden, ihr Streben zu entziffern, ihren Ton wieder zu beleben, ihre ausbrechende Gewalt und ihren unnachahmlichen Klang zu hören; zu erleben, wie sie triumphiert und wie sie zerbricht.“ Das gilt auch für Jims im Ganzen recht unausgegorene, problematische Lyrik, die ein einziges kühnes, mitunter absurdes Experiment geblieben ist. Unfertig im eigentlichen Sinne, wollte sie vielleicht auch nie zur Form, zur Grenze verleiten. Sie bestätigt gerade solcherart den amerikanischen Traum, der trotz aller Diesseitigkeit in luzider, nahezu ´wachschlafender´ Transzendenz fortleuchtet und das Schicksal dieser Nation beschließt. In seinen Songs und Gedichten, deren fragmentarischer, halluzinogener Charakter doch zur Geschlossenheit in den je wiederkehrenden Motiven tendiert, hat Jim mehr als deutlich, wieder und wieder, in notorischer Besessenheit betont, dass sein Weg dem Erbe der Väter verpflichtet ist und bleibt. Es wurzelt in der neuen Heimat, als dem gelobten Land. Dort ist dem Humus nachzuspüren: in seinen kargen so gut wie in den fruchtbaren Weiten.

Vor allem Jims nachgelassenes Schrifttum strotzt nur so vor Hinweisen und Zitaten, die Kraft und Größe seiner Heimat feiern. Gleich denen, die bis heute Politik und Wirtschaft in den Staaten zu verantworten haben, schießt auch er über die herkömmlichen geografischen Grenzen derselben hinaus. In ironischer Entsprechung zur sattsam bekannten Monroe-Doktrin, die den mittleren und südlichen Part des ganzen amerikanischen Kontinents zum Hinterhof der eigenen Nation erklärte, erging sich Morrison wiederkehrend in Huldigungen einer Hemisphäre, die den Norden vom Süden weniger trennt, mehr wie einen vergleichsweise schmalen Unterleib klamm zusammenhält. Dort, wo dieser ´Flaschenhals´ merklich in die Breite schwillt, liegt Mexiko. Dem Filmemacher Michelangelo Antonioni verriet Morrison, das L´Amerika in ebendiese Himmelsrichtung zielte. Im überwiegend spärlich besiedelten Grenzgebiet zu den USA, jener Einöde, die sich zwischen San Diego, El Paso und Monterrey in karger Formation ausbreitet, streunte Jim in jungen Jahren wiederholt herum. Ihn mag die Nähe zu den alten, längst versunkener indianischer Hochkulturen magisch angezogen haben, wie denn diese Gegend eine mystische genannt werden darf, obschon von den magischen Lebensweisen der Ureinwohner, denen der Autor Carlos Castaneda in seinen Büchern so umständlich nachgegrübelt hat, nicht mehr viel übrig geblieben ist. Der Peyote Kaktus freilich wächst bis heute in diesen Breiten, wie denn die tiefe spirituelle Bedeutung der magischen Pflanze im Glauben gründet, kraft ihrer Wirkung mit den Göttern kommunizieren zu können. Man fand in Ruinen Schalenreste, deren Alter auf sechstausend Jahre geschätzt wurde.

In seiner Tradition aus Gesetzlosigkeit und brutaler Gewalt, die das Land bis heute prägen und gleichzeitig in der zivilrechtlich überfälligen Entwicklung hemmen, übte Mexiko sicher eine echte Faszination auf den jungen Morrison aus. Drogenkriege zwischen rivalisierenden Banden und dem Staat verheeren das öffentliche Leben bis heute und verunmöglichen auch weiterhin jede Normalität, verursachen also ein echtes Chaos, womit tatsächlich eine ganze Bandbreite an Themen bedient wäre, die Jim zeitlebens beschäftigten. Je weiter man vom unruhigen Norden in den tropischen Süden vorstößt, umso beiläufiger erstickt dieser Irrsinn dann in der lebensfeindlichen Umwelt einer gefräßigen Dschungelwelt, deren allegorische Kraft Jim nicht minder ansprach, wie noch gezeigt werden wird.

L´Amerika: Jims Traumland im gelobten. So heißt denn auch ein Lied, das auf dem letzten Album der Doors zu hören ist. So tönt ferner, in schneller, assoziativer Folge, eine Art Liebeserklärung in den bei Schirmer erschienen verlorenen Schriften. Mehrfach mutet Jim dem Leser unter dieser Überschrift einen ganzen Wust an Assoziationen zu, in gewohnt wirrer, allzu beiläufiger Folge. Das längste dieser Gedichte erscheint passend gleich zu Beginn des Bandes. Jeder zweite Absatz dieses ´Reigens´ beginnt mit besagter Formel, einer rituellen Beschwörung gleich, die auch der nördlich gelegenen Ahnschaft inhaltlich Rechnung trägt  (lamerica, soldiers doom, lamerica, clouds and struggles). Sie endet, bezeichnend, mit einer Aufforderung an sich selbst: Go. The wilderness between. Go round the march. Sowohl in dem gleichnamigen Song, der nach zögerlich-orakelndem Beginn seltsam monoton vor sich hin stampft, behäbig und beharrlich zugleich, von trommelnder Marschmusik fast ironisch begleitet, als auch im reimlosen Gedicht häufen sich in gedrängter Folge ausdrucksstarke Bilder und Visionen, wobei Erlebtes oder Aufgegriffenes in der Verdichtung symbolisch erhöht wirkt. Erhärtet in kurzen, knappen Sentenzen, erinnert die schlichte Weise an Exerzierlieder, deren Zeilen vom Anführer vorgesungen werden, bevor sie der Trupp bestätigend nachäfft. Je länger man sich das Pendant auf Platte anhört, umso schrulliger wirkt es; fast wie eine Parodie, die dem Zuhörer gleichzeitig verbietet, zu lachen. Das zweite, Lamerica überschriebene Gedicht beginnt mit der Auflistung typischer Allgemeinplätze (Trade-routes, Guide lines, The Vikings and Explorers) und mündet schließlich, mehr und mehr, in einen Wust filmisch anmutender Szenen und Visionen (madness in a whisper, neon crackle, the hiss of tires, a city growls, rich vast & sullen). Lamerica Nummer Drei beschwört einmal mehr das Überkommene (clothed in great warring monuments, of glory) und betont gleichzeitig den Wandel (changed shapes of an empire), umhegt von Verheißungs, – und verhängnisvollen Traumbildern (clothed in sunlight, restless in wanting, dying of fever).  Endlich Nummer Vier. Eine Aneinanderreihung aufgelesener, zum Teil sattsam bekannter ´Typizismen´ (Wandering preachers, & Delta Tramps, Box-cars of heaven, New Orleans Nile Sunser). Im Grunde nähert sich Jim immer wieder den Gestalt gewordenen Archetypen Amerikas an, die er so ernst und liebevoll in Worten umkreist und einander scheint´s wahllos gegenüber gestellt; Erscheinungen einer Welt, die für ihn eben nie an den Grenzen der Realität selbst endet, sondern diese bewusst überschreitet, geografisch etwa bis an den Rand des Pazifik, und über diesen noch hinaus. Dass unglaublich vital gebliebene amerikanische Sendungsbewusstsein, dessen Sturmwehen im 20. Jahrhundert endgültig die ganze Welt erfassten und veränderten, mag irgendwie auch in Morrison, als etwas gleichsam Maßloses, gespukt haben; in freilich anderer Verdünnung, mehr bezogen auf innerweltliche Zusammenhänge, die Jim als Erschütterungen und Eroberungen zugleich erlebte und so in den Stand der Magie versetzte. Ein Kniff oder Trick, den er anwendet, um das Unsägliche mit dem Namhaften zu kontrastieren, besteht in der gegenüberstellenden Begegnung beider. So wird  eine Verbindung hergestellt, deren Ergänzung nicht immer überzeugend wirkt. Lässt man die Verse Vorurteilsfrei auf sich wirken, wird dennoch etwas von einer Aura spürbar, der irgendwie vor allem eines fehlt, um wirklich anzuschlagen: Musik. Seltsam kraftlos wirkt, was da lediglich geschrieben steht, denn es stammte von einem, der seine Eingebungen auf dem Höhepunkt eigener Schaffenskraft in enger Berührung mit Tönen und Klängen empfing. Dazu unten weiter mehr.

In den spät aufgefundenen Notizen wird häufig das scheinbar Gewöhnliche, je Typische oder bloß Bezeichnende vordergründig beziehungslos aneinander gereiht. Banales steht neben Vieldeutigem, Rätselhaftes reibt sich am Realen, Traum und Wirklichkeit gehen oft nahtlos ineinander über. Ein simpler Trick, der aber nur dann verfängt, wählt der Autor die passenden Worte und Wendungen. Er muss hier einen inneren, kausal nicht näher bestimmbaren Bezug herstellen, denn die Magie der Worte wiegt mehr als alle Worte sagen können, sie wollen miteinander auf einer höheren Ebene miteinander versöhnt und einander so in eigener Stimmigkeit vollendet werden. Wie in gläserner Trance las Jim später einiges davon auf Band, ganz ohne Publikum, schüchtern und fordernd zugleich, monoton und zwingend, und immer besoffener dann. Zu allen Zeiten haben die Dichter den Gefühlsausbruch, den darstellerischen Überschwang vermieden, also: dem bloßen Schauspiel entsagt. Dichtung verträgt keine Künstlichkeit, keinen frisierten Überschwang – keine Show. Die hob sich unser Held für die späteren Auftritte auf, hier ließ er sich gehen.

Der Logos verträgt sich nicht mit reiner Theatralik. Das Wortwörtliche will sinnbildlich erhöht, und noch im Verworrenen hellsichtig geschaut werden. Jedes Wort kann, wird es nur recht gewogen und passend oder stimmig gesetzt, Grenzen sprengen und neue setzen. Jim war ernsthaft darum bemüht, Alltägliches so gut wie je Aufgelesenes aus dem üblichen Zusammenhang zu reißen, um endlich, mittels sprachlicher Kunstgriffe, jenen trunkenen, Standortlosen Schwebezustand zu erreichen, der seinen Erfahrungen entsprach, die er im Umgang mit Rauschmitteln aller Art erprobte. Ein Jahrhundert zuvor hatte sein Idol Rimbaud auf überzeugende Art und Weise vermocht, chaotische Wortfetzen in eigene Welten, eigene Seinsvorstellungen zu überführen, am überzeugendsten im Trunken Schiff, dem nicht mehr allzu viel folgen konnte. Gern schraubt auch Morrison die ihm genehm klingenden oder nur verwandt scheinenden Schlagworte ins Universelle (The grand highway is crowded with lovers & searchers & leavers), und seine absichtsvollen Huldigungen geraten, in eine Art Anbetung, zur Vergegenwärtigung des Geheimnisvollen, dem er nachspürt oder jäh begegnet, je nach Art der Einfühlung oder Erwartung. Die Grenzüberschreitungen derer, die damit einen imperialen Anspruch verbinden, als Bannerträger des Empire, kamen und kommen ihrerseits nicht ohne Barden des Überschwanges aus. Vielleicht stellte sich Jim das südliche Mexiko als eine Art halluzinogen Grenzposten vor, den zu erreichen immer wieder das Wagnis lohnte (I received an Aztec wall of vision).

Aber auch die fast provinziell anmutende Beschränkung auf einen Standort, der die eigene Biografie berührt, blieb Morrison heilig. So in dem Gedicht Miami, dessen Inhalt den tradierten Bezug hervorhebt (The indian wars, full of criss-cavalry, blood & gore). Auch und gerade die Nacht spielt in der Auseinandersetzung mit dem angestammten, als heilig empfunden oder begriffenen Umfeld eine immer wiederkehrende Rolle (so in dem Poem The american night), wobei  er die entsprechenden Bezüge nicht aus ihren zwiespältigen Bezügen löst (fear the good deep dark american night – love the deep green gloom of american night). Der Blick aus höchster Höhe (I have a vision of america, seen from the air) und immer wieder die Perspektive einer endlos langen Fernstraße(The great highway of dawn, stretching to slumper) sind ihm Annäherungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln oder Positionen an die von seinen Landsleuten nicht minder gefeierte, nie ernstlich in Frage zu stellende Größe ihres Landes. Annähernd epische Breite erfährt, wiewohl auf ganze drei Seiten reduziert, diese Anbetung in einem Gedicht das mit den Worten beginnt: All hail the american night. Da tauchen dann wiederum, so beiläufig wie bewusst, Soldaten auf, mit Andeutungen zum seinerzeit hochaktuellen Vietnamkrieg, den die meisten Amerikaner bereits über ihre Fernsehgeräte miterlebten (When i watch the TV & i see helicopters swirling their brutal & bountiful sensation). Überhaupt schreckte Jim nie, geht es um sein Amerika, vor besagten trivialen Anleihen zurück, die er scheinbar beliebig miteinander verwob, entlang wortspielerischer Ungetüme, die mehr auf den Klang ihrer Worte achten als auf vermeintliche Inhalte, die bei ihm meistenteils hinter der Symbolik zurück stehen. Und immer wieder kommt er auf die nicht immer glorreich verlaufene Vergangenheit zurück (the negro slaves and the english, killed the indians and mixed with the spanish, who were soon forced out. Yes, big battles, boom boom).

Rauschzustände und Bilder wie aus Filmen, eigene Erinnerungen und an-erfahrene oder angedachte Ansichten wechseln einander in unruhiger oder anämischer Folge scheinbar zusammenhanglos ab. Man muss sich drauf einlassen, den ambitiösen Unterbau kennen, dann versteht man etwas vom Anspruch, der darin zur Geltung kommt. Am stärksten wirken derlei wirr anmutende sprachliche Sequenzen immer dann, wenn sie möglichst nahtlos ineinander übergehen und so die Raum-zeitliche Trennung, die stammesgeschichtlich bedingte Vereinzelung für Momente hintertreiben und in einen schwülen Traum aus Erlösung und Vollendung überführen (America, i´m hook´d to your cold white neon bosom, & suck snake-like thru the dawn, i am drawn back home, your son of exile, in the land oft he awakening). Die Welt der Erscheinungen, in all ihren Facetten und Bezügen, vom Wachstum bis zur Neige, wird hier aufgeboten, doch nur, um sie ihrer sachlichen, kausalen Grundlagen zu entfremden. Im Grunde zielte Jim in allem, was er tat, auf diesen einen glücklichen Moment reiner Gegenwart, in der kein Werden oder Vergehen mehr ist, als Ausdruck äußerster innerer Läuterung, den zu erreichen auch und gerade der Exzess versprach, den Jim so bedingungslos, bis an den Rand des Erträglichen erprobte.

Bloß gesprochene oder geschriebene Worte sagen eine Menge, und drücken doch nicht alles aus, fehlt ihnen die bindende und ergänzende Kraft des lebendigen, Gefühle und Empfindungen freisetzenden und unerhört steigernden Melos. Wirkten Jims metaphorische Rätselrunen auf dem Papier oft wirr und beiläufig, erwuchs ihnen in den glücklichsten Momenten musikalischer ´Begattung´ eine Bedeutung, die den Hörer kraft der Beschwörung, die von ihnen ausging, in Acht und Bann zog.

Jim liebte, wie wir sahen, die Gefahr. Sein nahezu zwanghaftes Bemühen, Risiken und Wagnisse immer wieder mutwillig herauszufordern,  entsprach den Anarchismen der Gründerzeit; eben: dem wilden Westen. Sparsam und reduziert klingt dies in The End an (Ride the highway westthe west is the best… get here, and we´ll do the rest). Heimat hieß aber auch: Heimkehren. Im Indian Summer ist alles von erlösender Rast und wohltätiger Ruhe getragen. Nahezu schwerelos tönt diese Stimme, überirdisch sanft, als sei er, der ewig Umherirrende, nun endlich angekommen, doch nicht mehr auf der Erde selbst, die ihn bis gestern trug. Jims Vortrag gleicht so einem milden, spätsommerlich-herben Lächeln.  Die begleitende Sehnsucht tränkt alles in leuchtende Farben. Umso unheilvoller, jedoch nicht minder befreiend gerät die Vision in Celebration oft he lizard king, das in seiner deklamatorischen Theatralik den dionysischen Delirien der Antike nachempfunden scheint. Freilich wollte Jim nachträglich als ironisch verstanden wissen, was beim ersten hören schlicht unheimlich und verstörend wirkt. Wenn man in einem Western (sic!) den Schurken spielt, erklärte er, dann heiße das nicht, dass man tatsächlich einer ist. O-Ton Morrison:“ Auf einem viel einfacheren Level habe ich Reptilien schon immer gern gemocht. Ich bin im Südwesten aufgewachsen und habe Hornkröten und Eidechsen gefangen.“ Lokalkolorit also. Wie im Roadhouse Blues oder auf LA Woman, der Ode an seine Heimatstadt.  Mit diesem über weite Strecken kraftvollen, temporeichen Stück hat es eine besondere Bewandtnis, denn Jim empfand die Stadt, der er sich auch privat zugehörig fühlte, als einen Mikrokosmos ganz Amerikas. Hier bekam er nach eigenen Angaben die Möglichkeit, einen persönlichen Mythos zu modellieren, von dem ich persönlich annehme, das dieser noch dem Überschwang spätpubertärer, sich aufbrauchender Phantasien entsprach, die er dann mittels einer spürbar alt und schrammig gewordenen Stimme so unnachahmlich feist und räudig rüber brachte. Hier schlossen sich gleich mehrere Kreise. Er hat die Stadt schon bald darauf verlassen und bekanntlich nie wiedergesehen. Im Peace Frog finden sich ähnliche Anleihen, einschließlich des traumatischen Kindheitserlebnisses, das Jim so erhaben und rein vorträgt, wie ihm dies gerade noch möglich schien.

Auf den beiden letzten Platten meldet sich denn auch die Liebe zum Blues zurück, der natürlich untrennbar mit Amerikas Süden verbunden bleibt und sich seinerseits zu einer Art nationalem Heiligtum mauserte, das schließlich die ganze Welt erobert hat. Im Unknown soldier kommt Jims ambivalente Haltung zum Militär rüber, ähnlich bei Five to one, und bei letzterem ist es vor allem der aggressive, unversöhnlich und zur Besessenheit neigende Ton, der den schmerzlichen Zwiespalt betont. Abkürzend gesprochen: Jim wurde die Geister der eigenen Vergangenheit so wenig los wie all jene, die im Überpersönlichen walten, er kam in dauernder Besessenheit immer wieder darauf zurück: Wort für Wort, Satz um Satz. 

Mit L´America und LA Woman einerseits, dem düsteren Riders on the storm andererseits hat uns Morrison auf der letzten Doors-LP eine Art vaterländische Trilogie hinterlassen. Letzteres Stück verdient besondere Aufmerksamkeit. Der unheilschwangere, zwischen Schwermut und Ergebenheit traumwandelnde Schwanengesang, von den Doors als letzte gemeinsame Single herausgegeben, eint auf überragende Art und Weise die großen Themen seines Lebens, und steigert diese, als Divergenzen, ins Überindividuelle. Flucht und Verbundenheit, Weite und Verhängnis, Weitläufiges und Vorgefundenes, wird über vage Andeutungen, wie in einem Traum, einander entrückt (so paradox dies klingt). Mag das Stück in den frühen Fassungen wie daher geklimpert geklungen haben, gebar es in der Endfassung, die von dem begleitenden Gewitter und Jims sphärischem Vortrag zehrt, eine allegorische Kraft, die in der Unterhaltungsmusik selten so unaufgeregt und eindringlich zugleich tönt. There´s a killer on the road: noch einmal die Wüste, die Heimat – Amerika. Take a long holiday: Paris und das Ende. Ob er sich dieser Zusammenhänge schon bewusst gewesen ist?

Auf dem umstrittenen, posthum erschienenen Album An american prayer finden sich weitere Bezüge zur Heimat; in loser, launiger Folge. Hier haben die verbliebenen Doors die gesprochenen Worte Jims nachträglich mit einer eigenen, jazzig anmutenden und mitunter etwas täppisch tönenden musikalischen Melange verquickt oder vermurkst, je nachdem. Paul Rothchild, der die Veröffentlichung heftig ablehnte, sprach vom ersten Ausverkauf in Sachen Morrison, aber nicht zuletzt wird es wohl besagte und von ihm verachtete Cocktailmusic gewesen sein, an die er sich erinnert fühlte, und die ihn schon anno 1970 dazu bewegte, der Gruppe den Rücken zu kehren. Ich finde, dass der müde Abklatsch gar nicht so kommerziell rüber kommt. Wie auch immer: Jims Worte strotzen vor Verbundenheit, ob heimlich oder in Andeutungen, ob klar und direkt oder eher dämmrig bis diffus, wie es seinem Auftreten entsprach. Zögerlich und zaghaft hören wir ihn auch erstmals über besagtes Indianererlebnis sprechen statt singen. Der Passus, wohl einem Interview entnommen, verzichtet ganz auf musikalische Untermalung, wird lediglich von einem leicht aufhorchenden Wind ´untermalt´, weshalb auch äußerst gespenstisch wirkt, was umso ernster gemeint bleibt.

Was Jim seinerzeit in der Einsamkeit eines Tonstudios ins Mikro sprach ohne zu wissen, dass später noch einmal Musik dazu käme: lebt von Reminiszenzen. Und lokalen Anleihen. So erinnert er sich, nur ein Beispiel, an eine Military station in the desert (erinnert: auf einem dieser Atom-Stützpunkte in der Wüste lebte die Familie eine Zeit lang). In American night, erst recht aber im großartigen, herrlich vieldeutigen und irgendwie abschließenden An american prayer kommt seine ganze, im Grunde überschwängliche Liebe, auch Hoffnung zum Ausdruck, die er für das Land und dessen Archetypen zeitlebens hegte. Hier werden Erlebniszusammenhänge, Erwartungshaltungen, Wünsche und Verlockungen tatsächlich zum stillen, tief in das eigene Seelenleben hinein horchenden, sehr innigen und ernsten Gebet. Ein wenig stört die Musik, ein wenig betört sie aber auch. Insgesamt wirkt der instrumentale Beiklang eher kläglich; müde, fad und abgekämpft. Freilich passt das wieder zum Helden selbst, der am Ende des eigenen Lebens noch einmal klar stellte, Dichter zu sein.

Er tat es als gläubiger Amerikaner. In einem der letzten Interviews, die er gab, bevor es ihn nach Paris zog, kommt dies, ganz zum Schluss des Gesprächs, sehr deutlich zum Ausdruck.“ Ich glaube,“ versichert er da,“ was immer heute geschieht, Amerika wird heute die Arena dafür abgeben. Es ist das Zentrum der Aktivität, und es werden starke, bewegliche Leute nötig sein, um in einem Klima wie dem unseren zu überleben. Ich bin sicher, es wird Leute geben, die es schaffen…“

Der Abschied fiel ihm leicht – und schwer zugleich. Das passt schon, ordnet man diesen entlaufenen Bildungsbürger richtig ein; als jemanden, der zum Schluss nach Europa desertierte und doch nie von seiner Heimat lassen konnte. Im Kapitel über Paris wird dazu noch einiges zu bemerken sein. Aber schon an dieser Stelle sagen einige der Worte, die er kurz vor der Abreise zu Papier brachte, deutlich genug, was es heißt, ein ´Amerikaner in Paris´ zu sein: Good bye America, i loved you, money from home, good luck, stay out of trouble. – –

Über Shanto Trdic 127 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.