JIM MORRISON – Mensch und Mythos – Teil 4

jim morrisons' grab grabstätte paris, Quelle: Rhiannon, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

In seeking truth you have to get

both sides of a story

Walter Cronkite

Betrachten wir uns jetzt besagten Zeitraum ein weiteres Mal: nunmehr deutlich entlang jener Auf, – und Abschwünge, die den weiteren Werdegang unseres Helden – seine ´Karriere´ – kennzeichnen. Hier können, nicht selten in Analogie zu den oben skizzierten gesellschaftlichen Besonderheiten, die bedeutsamen Brüche, Sprünge und Wandlungen scharf nachkonturiert werden. Denn auch das Leben dieses Menschen veränderte sich fortan dramatisch. Der Verlauf seines Weges wurde durch eine Kurve bestimmt, die zunächst zögerlich, dann immer steiler anstieg, bevor sie in heftigen Schüben abflachte. Sie zielte an ins Bodenlose, obschon der frühe Drall die andere Richtung erzwang. Jims Höhenflug kam von Anfang an ohne Reserveantrieb aus. Schon beim durchstarten hatte seine ´Rakete´ enorm viel Treibstoff verbrannt. Dem schnellen atmosphärischen Wechsel fehlte auch der entsprechende Druckausgleich. So kam eines zum andern. Die ´Maschine´ geriet ins trudeln, ihre Messgeräte spielten verrückt, der Motor stockte. Der anschließende Segelflug konnte unter solchen Voraussetzungen nur noch eine Bruchlandung ermöglichen.

Jims äußeres Schicksal rollte, wollte man den Verlauf irgendwie mathematisch verrechnen, in Zweier-Zyklen ab.

Während der entscheidenden ersten Jahre – 65 und 66 – schlug das Pendel, rein äußerlich, nicht merklich aus. Morrison bewegte sich, noch recht unsicher auf den Beinen, zaghaft zwischen Traum und Wirklichkeit. Nur selten gelöst oder enthemmt, blieb er scheu und in sich versunken. Eher langsam und zögerlich wuchs der abgerissene Student in die ihm zugefallene Rolle hinein. Auf der Bühne zunächst. Mit dem Rücken zum Publikum. Aus lauter Verlegenheit. Er mauserte sich bereits zum Adonis. Und zehrte von einer fast mythisch anmutenden Entrückung, von der unten noch näher die Rede sein wird.

Die Band zehrte ihrerseits von den recht unvermittelt empfangenen Offenbarungen ihres Sängers, deren anfangs eher banale Umsetzung zunehmend dem Spiel der Improvisation wich, solcherart also eindeutig Jims Manen entsprach. Seine Mitstreiter folgten hier einem Trend, der zeitgleich auch in London oder an der amerikanischen Ostküste praktiziert wurde. Im Jazz war das stets gängig gewesen, aber die moderne Popmusik wird dadurch auf eine noch gar nicht absehbare Art und Weise bereichert werden, bis hin zu den kühnen Progrock-Konstruktionen der frühen siebziger Jahre. Vordergründig betrachtet schienen die sich blähenden Songs den schüchternen, unbeholfen agierenden Sänger bloß zu stellen, andererseits half der sich mit viel chemischer Dröhnung darüber hinweg und fand so endgültig seinen Part, die ihm gemäße Rolle. Zwar blieben die meisten Nummern anfangs im Rahmen, doch uferten einige wenige bereits merklich aus.

Uferlos trieb auch Jim; so vor sich hin. Es haben sich wenige Aufnahmen und Fotos aus dieser Zeit erhalten. Morrison wirkt äußerst luzide: die Halluzinogene haben den Blick geweitet, während ihn der Alkohol später nur noch vernebeln wird. Nachdem er so unvermittelt wie unvorbereitet in Symbiose mit dem Geist der Musik trat, die sich gehäuft und ungefiltert in seinen Kopf verirrte und dort noch immer wie eine funkelnde Flut schäumte und gärte, suchte er sich jetzt, trotz aller Unbestimmtheit, zu positionieren, deutlicher darzustellen – als Person passend rüber zu bringen. Eben: mit viel Chemie im Hirn. Die entsprechenden Schwierigkeiten ließen nicht lange auf sich warten. Doch fing die Band ihn immer wieder auf. Manchmal kam Großartiges, mitunter nur Abfall dabei heraus. Aus beidem entwickelte sich das, was die Doors so unverwechselbar machte.

Am Anfang stand das Moment einer Erweckung, die so unvorhersehbar war wie der Erfolg der Gruppe. Keiner hatte das kommen sehen, am allerwenigsten der ´Erleuchtete´ selbst.

At night the moon became a women´s face. I met the spirit of music…

Erkennbare äußere Anlässe, die den kreativen Überschwang erklären könnten, der Jim so unvorbereitet ´überfiel´, gibt es nicht – und wieder doch. Seiner Einberufung zum Militär, die damals nicht selten eine Eintrittskarte Richtung Vietnam war, entging Jim mittels Re-Immatrikulation, aber auch dieser Verpflichtung floh er schließlich, indem er einfach abhaute. Das war der entscheidende Schritt. Einer, auf den alles ankam, wo doch, was viel wahrscheinlicher blieb, nur lauter vergebliche Anläufe anstanden. Erinnert: Morrison war und blieb einer, der keine Ausdauer hatte, der schludrig arbeite und nachlässig blieb, überhaupt schnell aufgab, nicht genügend Willen aufbrachte, den profanen Anforderungen einer freischaffenden Existenz zu genügen. Solche scheitern früh.

Es kam ganz anders. Jim kam in Venice an.

Und strandete dort im Nirgendwo. Noch um die Jahrhundertwende war die kleine Stadt am Meer ein teurer Ferienort gewesen, nun aber zerfielen die meisten der eleganten Häuser. Alles wirkte ziemlich verwahrlost und verlassen. Am Strand lungerten Künstler und Studenten herum. Die meisten von ihnen lebten tatenlos in den Tag hinein, gleich etlichen Alten und Verarmten, die dort ihrerseits die Zeit vertrödelten. Jeder tat es mehr oder weniger für sich. Man kannte sich kaum oder gar nicht, niemand scherte sich um irgendwen.

Es ist in den Staaten keine Seltenheit, dass Orte, die ihre Bestimmung verfehlen, schnell zu Geisterstädten ähnlicher Couleur mutieren. Es war wohl diese eigentümliche Ruinen-Atmosphäre, von der sich die gebrochenen Existenzen magisch angezogen fühlten. Die Nähe des Ozeans begünstigte den süssen Moder feuchter Fäulnis, wie denn der morbide, zerbrechliche Charme eines dem Verfall anheimgestellten Städtchens am Meer schon in den Fünfzigern die kreativen Köpfe des schreibenden Beat und spielenden Jazz anzog.

Morrison hat an dieser Stelle und nirgends sonst die Offenbarung seines Lebens erfahren. Hier fand er das passende, ihm genehme Milieu. Dem entsprachen die Typen, auf die er dort stieß. Gleich Scharen echter Spukgestalten irrten die gescheiterten Existenzen durch eine zerbrechliche, amorph anmutende Kulissenlandschaft, deren verwitternde Fassadenreste in ihrer nackten Reinheit ehrwürdig und vulgär zugleich wirkten. Das vordergründig sinnlose herum gammeln und in den Tag leben dieser Leute entsprach Jims Vorstellungen von einer ungebundenen, voraussetzungsfreien Künstlerexistenz. Venice half, auf Verdacht leben und ohne praktische Ambitionen vor sich hin vegetieren zu können.

Light another cigarette, learn to forget…

Alles passte nun also. Hier war er ohne feste Bleibe, ohne echten Plan – ohne erkennbares Ziel. Und führt ein völlig ungebundenes, spartanisch einfaches Leben. Wer seine Tage und Nächte so zubringt, wie Morrison es tat, wird vieles los und bekommt auch Abwegiges und schlicht Absurdes in den Blick, der einem Außenstehenden gering, ihm selbst zunehmend geweitet erscheint. Es scheint nichts zu passieren, dabei geschieht doch gleichzeitig alles und viel mehr. Frei von Verpflichtungen jeglicher Art, offenbart sich das Leben in seiner ursprünglichen, traumähnlichen Gestalt: unberührt und völlig makellos, unbeeindruckt von bloßen Äußerlichkeiten und Aktivitäten, die in ihrem kommen und gehen nur die unveränderliche Gegenwart selbst zu bestätigen scheinen. Jede Erleuchtung steht denn auch im Zeichen schöpferischer Leere: im Bann eines unerhörten Augenblicks, der die unbefleckte Empfängnis ohne fremdes Zutun heiligt. Was bis dahin war und wurde, hat sich damit erschöpft; bis auf sein Wesentliches, dessen Wirkungsmacht den Wandel bezeugt. Jim versicherte bald, dass sein ganzes Leben nur auf diesen einen Moment hinausgelaufen sei. Er musste das so empfinden.

In dieser Zeit aß er wenig (und kaum Nahrhaftes), schluckte LSD und überließ alles Weitere dem Zufall. Sein Körper baute ab, vor allem Fett; sein Geist aber schien sich, aus wachschlafender Permanenz erwacht, wirklich zu öffnen: wie eine Pflanze, die zur Sonne blickt. Man stelle sich einfach vor: da verbummelt jemand tagsüber seine Zeit am Strand und schaut hinaus aufs offene Meer, das sich entlang dieser trotz allen Unrats immerzu leuchtenden Küste endlos dehnt und weit entfernt bis vor die Gestaden Asien reicht. Die Gischt schäumt und faucht, tage, – und nächtelang. Man kann die See riechen, immerzu. Wenn der Wind weht, auf dessen Schwingen der Odem lastet, dann immer von weit her. Durch das Gerippe einer verfallenden Ortschaft rauscht er wie eine Beschwörung. In dieser Welt lebte Jim eine Weile, die als Spanne Zeit den Ausschlag gab.

I was doing time in the universal mind, I was feeling fine

Das war jetzt tatsächlich der Augenblick, auf den er immer gewartet hatte. Nur einmal öffnet sich die Pforte, zum gegebenen Zeitpunkt, den keiner kennt und der so nie wieder kehren wird. Jim hatte das richtige Alter und die passende Einstellung; die Kompassnadel im Innern rührte sich. Alle Voraussetzungen stimmten. Nun wurde er empfänglich: reizbar für alles, was schon war oder bereits ist, oder noch werden würde und schon wieder vergehen mag. Das sich all dies aus lauter kleineren und größeren Zufällen zusammen reimte und für kurz eine echte ´Melodie´ ergab, darf rückblickend als bemerkenswert bezeichnet werden. Zufällig traf Morrison auch den passenden, den in dieser Situation einzig richtigen Menschen: einen, der sofort bedingungslos an ihn glaubte und half, den nutzlos aufgestauten Visionen eine Form zu geben, sie in halbwegs verwertbares ´Material´ umzusetzen, bevor sie sich auflösen und zerstreuen, um wie ein Spuk im Ungesonderten zu verschwinden. Was wäre denn aus den spielerischen, bis dato bloßen Hirngespinsten gleichenden musikalischen Einfällen geworden, wäre ihm nicht der Kommilitone Manzarek am Strand von Venice begegnet? Jim wollte, hatte er diesem zuvor anvertraut, eigentlich nach New York gehen. Er tat es nicht. Alles auf Anfang also, damals an der pazifischen Westküste? Wenigstens doch, und das bleibt bedeutsam: in Unschuld geboren. Ebenso unschuldig wird dann, mit den passenden Mitstreitern, in ´echte´ Musik umgesetzt, was das Hirn Morrisons damals her gab. Er fühlte ganz und gar, was er da im eigenen Kopf hörte; und sah alles, was ihm jetzt vorschwebte, in visionärer Immanenz. Der Moment war überfällig, die Frucht zum Platzen reif. Jedes Zögern hieß, reiche Ernte zu versäumen. Sie drohte bereits zu verderben. Hätte sich Jim später noch an alles erinnern können oder mögen, wäre überhaupt etwas von allem ´hängen´ geblieben? Es hing, in Wahrheit, von Anfang an am seidenen Faden. Das merkt man den frühen Songs auch an, finde ich; das macht ihren Reiz selbst in den seinerzeit noch sehr konventionellen Formen aus. Wesentlich am späteren Erfolg, der hauptsächlich auf diese frühen Eingebungen setzte, blieb Jims Ingenium. Am wichtigsten aber blieb die Bereitschaft der ´Handwerksmeister´, daraus konsequent und brauchbar zu schöpfen. Salopp: überhaupt etwas draus zu machen. Machten sich die Visionen des Meisters von selbst, obschon der Hexenmeister ihnen erst mit chemischer Keule nachhalf: kam die konkrete Bändigung nicht ohne Zutun, ohne ´Mache´ – ohne echtes Handwerk aus. Sie werden sich ´die Türen´ nennen, frei nach Huxley oder Blake; ganz konkret aber in Anlehnung an das, was Jim soeben an sich selbst erfahren hatte.

Im Grunde endet hier der Traum. Während die eigentliche Geschichte nun erst beginnt und erste Tribute fordert. Auch den Doors blieb das übliche Klinkenputzen nicht erspart. Am Anfang standen endlose Proben, die eigentlich eher eine Art nachträgliches Songwriting darstellten. Man feilte an Songs, die gerade erst gefügt, halbwegs in Form gebracht wurden. Und machte sie Aufnahme, – und Bühnentauglich. Kleinere und schon ein wenig größere Auftritte folgten. Die üblichen Hinhaltemanöver der Plattenfirma auch. Jim feilte dezent an seiner Außendarstellung, verlor auch einen Teil seiner Scheu, und immer mehr Gewicht. Nun überließ er sich, leicht geworden, endgültig dem Schwung innerer Dämonen, die seinen klammen Leib um fieberten. Er nahm auch weiterhin wenig Nahrung zu sich und warf umso unverdrossener jede Menge Trips ein, schwamm viel und verwandelte sich exakt in dieser Zeit, noch vor dem Durchbruch, zum gertenschlanken, makellos anmutenden Halbgott in Menschengestalt.

Die ersten bescheidenen Erfolge, noch immer auf lokaler Ebene, zeitigten berechtigte Hoffnung. Und dann, nachdem man die Band ´entdeckt´ hatte, folgte endlich auch die erste richtige Langspielplatte. Auf dem Sunset Strip prangten die Doors bereits überlebensgroß; eine clevere, wiewohl vergebliche Masche.

So weit war man nämlich noch gar nicht. Die erste Single floppte. Die nächste musste es bringen; unbedingt. Sonst hätte sie sich, meinte Densmore später, bald wieder getrennt. Morrison, der einem eigenen Biorhythmus unterworfen blieb, drohte schon wieder abzufallen; den gemeinsamen Traum, der jetzt ein Projekt geworden war, kurz vor der Erfüllung platzen zu lassen. Er driftete unentwegt fort und schien schon keine Zeit mehr zu haben. Ihm ging alles, erinnerte sich Krieger später, viel zu langsam. Ahnte er bereits, wie kurz die Reise ausfallen würde? Und zwar zunehmend auf der Überholspur. Die andern merkten das und stellten sich drauf ein. Morrison war und blieb der eigentliche Trumpf und gleichzeitig größter Unsicherheitsfaktor ihrer Band. Unberechenbar und undurchschaubar, zog er doch langsam alle Blicke auf sich. Er wurde also zum Fokus – zum Star. Die folgenden zwei Jahre werden beachtlich, ja beeindruckend davon künden.

Lösten sich in Venice die Fesseln der Wahrnehmung, stellte sich Anfang 1967 auch der ersehnte kommerzielle Durchbruch ein. Light my fire, gegen den Willen der Band Radiotauglich zurechtgestutzt, wurde zur Nummer Eins. Das Lied stammte von Roby Krieger; sein erster Song überhaupt. Er schrieb ihn dem Sänger auf dessen Leib und Seele. Jim mauserte sich endgültig zur Ikone, gewann an Strahlkraft, fand seine Rolle – seinen Stil. Es folgten Auftritte im Fernsehen, und immer öfter über die Westküste hinaus. Alles wurde nun größer, und noch immer größer. Im darauffolgenden Jahr war die Gruppe, zumindest in den Staaten, in Punkto Popularität sogar den Stones und Beatles davongelaufen. Weiter konnten sie gar nicht mehr kommen. Sie beschallten ab sofort große Hallen und ganze Stadien, zusammen mit den anderen Heroen der Zeit. Jim hielt unverdrossen an seinem hedonistischen Lebensstil fest. Es scheint, als habe er zu diesem Zeitpunkt bereits den letzten Gang eingeschaltet, und den hielt er bis zuletzt. Halluzinogene warf er nicht länger ein. Womöglich hatte sich ihr Wirkungsgrad abgenutzt. Jim tauschte sie gegen Bier und Whiskey ein, die schon in seiner Jugend eine gewisse ´lösende´ Rolle gespielt hatten. Auch den Konsum der ´klassischen´ Droge betrieb er exzessiv. Er musste es einfach auf die Spitze treiben. Um jeden Preis. Fortan betrog er seinen Geist, der zunehmend erlahmte; indem er ihn fortlaufend betäubte, meuchelte er den verbliebenen Rest. Das sah man ihm bald sehr genau an.

When i woke up this morning, i got myself a beer

Nunmehr im Olymp moderner Unterhaltungsmusik angelangt, auf dem Gipfel des Ruhms, verlor sich Jims Interesse an der Band schon wieder. Woran sich fortan nichts mehr ändern sollte. Auch nicht daran, das ihm nun endgültig über den Kopf wuchs, was als hinreißende, dem eigen Hirn abgetrotzte, tagträumende, und doch verhängnisvoll Nachtschattende Spielerei begann. Er baute sichtlich ab. Die Energien gingen flöten. Die Band feierte Triumphe. Jims Leben wurde zur Tragödie. Ein Phänomen, das häufig im Showgeschäft zu beobachten ist. Der nach außen hin strahlende Held, scheinbar ´stronger than life´, am Ziel aller Wünsche, überlebensgroß prunkend und protzend, ist in Wahrheit längst ein ganz armes Schwein geworden. Getrieben und endlich überrannt vom Geschäft, das gnadenlos eigenen Gesetzen gehorcht, verzweifelt so einer am Erfolg, den er zunehmend als Betrug begreift. Das beschauliche Leben am Strand von Venice war jetzt nur noch eine ferne Erinnerung. Nicht länger Herr seiner selbst, stattdessen hin und her geschubst, war Morrison den Sachzwängen des Geschäfts nicht gewachsen. Er verlor in der begleitenden Hektik zunehmend die Orientierung.  Und wirkte nun immer öfter erschöpft und ausgelaugt, übernächtig und geschafft. Unbeschwertes und in die Pflicht genommenes Leben: fanden nur für kurz zusammen, ohne zusammen zu passen. Jim Sehnsüchte bissen sich mit den Interessen, die ihrer nur zwecks Verwertung bedürfen.

Zwar raffte sich der geschlagene Held noch einmal für kurz auf; doch konnte das den begleitenden Niedergang nicht wirklich aufhalten. Die kommenden zwei Jahre kletterten die Doors nach ganz oben, während ihr Sänger zunehmend abrutschte. Gerade dieser Zeitraum offenbarte den ganzen Verfall eines Menschen, der als Idol über alle bindenden Verhältnisse hinausgewachsen war: ihn packte der Schwindel. Morrison befand sich im freien Fall. 

1969 spitzte sich die Krise zu. Miami und die Folgen. Schwierigkeiten hatte es auch vorher immer wieder gegeben; schon der Vorfall in New Haven gab zu erkennen, was noch alles schief gehen könnte. Die Band stand oft auf der Kippe, nun aber wurde das zum Dauerzustand. Jim brach endgültig der Boden unter den Füßen weg. Miami zeigte unserem Helden sehr deutlich die eigenen Grenzen auf. Fühlte sich Morrison vom Living Theatre und deren Provokationen ehrlich angezogen, kam der Versuch, es diesen Leuten gleichzutun nicht über täppische Andeutungen und peinliches Getue hinaus.

Was für ein Abend das gewesen sein musste! Er ist oft beschrieben, aber nie wirklich zu Ende begriffen worden. Morrison kam total verspätet und sturztrunken an und brachte es anschließend nur zu einer tragikomischen Schmiere. Was Jim bei diesem verhunzten Auftritt, der über vier lediglich angespielte Songs nicht hinauskam, tatsächlich noch einmal voll ausspielte, war die Kunst der Provokation: in abgeschmackter, nur mehr armseliger Variante. Dennoch wirkte alles beklemmend dicht und bedrohlich echt. Das erhaltene Tonband spricht Bände. Jim grölte und grunzte sich um Kopf und Kragen. Er pöbelte das Publikum an, sehr direkt, mitunter wutschnaubend, im Sinne einer Anklage, die zwischen rachitischer Entgleisung und wehleidiger Entrüstung ziemlich unentschlossen hin und her schlingerte und ironischerweise immer wieder dem sattsam bekannten Vortrag eines Verkünders ähnelte, ohne ihm noch in Ansätzen würdevoll entsprechen zu können. Aber es passt schon, so wie´s insgesamt rüber kommt. Morrison klang hier im Grunde wie ein in die Jahre gekommener Säufer, der sich am Tresen fest hält und den lieben Gott nachäfft.

Die Atmosphäre im Dinner Key Auditorium war angespannt. Der Veranstalter hatte viel zu viele Leute rein gelassen. Die meisten waren breit. Es gab keine Sitzplätze, dafür war es sengend heiß. Jim betrat die bereits gefährlich schwankende Bühne und geriet schnell in Rage. Anfangs schien es, als wolle er das Publikum mitreißen, dann aber beschimpfte und beleidigte er die Menschen, nur um sie im nächsten Moment wieder lauthals auf seine Seite zu ziehen, was im überfüllten Hangar vor tausenden dicht aneinander gedrängelten Leuten seine Wirkung nicht verfehlte und seltsam deklamatorisch anmutete. Der Alte vom Berge, im Wahn befangen, die ihm lauschende Gemeinde bekehren zu müssen, indem er lallte und sich endlos wiederholte, forderte damit nur die Furie heraus, zu der die Meute im Graben schnell mutierte. Da zürnte und drohte einer, mit viel Zeter und Schaum vor dem Maul: und wirkte so gefährlich wie lächerlich zugleich. Jims Redneck Style geriet in Miami zur epischen Litanei, die zwischen altrichterlicher Strenge und lächerlicher Pose, Verkündigung und Verwirrung, Ohnmacht und Allmacht oszillierte. Mehr denn je konnte man sich diesen Typen auf dem Kasernenhof vorstellen, wo er mit gellender Stimme Rekruten schleift. Er duldete keine Wiederrede, keinen Einspruch, forderte Gehorsam und Gefolgschaft von dem Haufen – von den Idioten, für die er die Leute da unten zweifellos hielt.

Der Hintergrund war ganz banal: Jim hatte Streit mit seiner Geliebten gehabt, anschließend unerhört viel gebechert und außerdem fehlte ihm, einmal mehr, nötiger Schlaf. Er machte den resultierenden Groll nicht mit sich selbst sondern mit dem zahlenden Publikum aus. Was den Star nicht daran hinderte, noch während des Konzerts herunterzukommen und eine Polonaise mit den Leuten anzuleiern. Mit Miami, so Morrison später, habe er alles beenden wollen.  

Das Konzert war demnach eine Art Abgesang. Danach war der Lizard King nur noch ein Schatten seiner selbst. Das mühselig aufrecht erhaltene Image zerfiel endgültig, wie er selbst, rein äußerlich, gnadenlos vor die Hunde ging; und in die Breite obendrein. Es gab kaum noch Auftritte nach dem Vorfall, der anfangs kaum beachtet wurde und dann landesweit für Aufsehen sorgte. Er brachte noch einmal reichlich Publicity und ebnete alle weiteren Auftrittsmöglichkeiten ein. Die Doors wurden nun, beinahe über Nacht, zu einem finanziellen Risikofaktor. Keiner wollte sie jetzt noch buchen. Die geplante Europa Tournee fiel ins Wasser. Hätte der Sänger sie überhaupt durchgestanden? Sicher nicht. Jim und seine Band verschwanden jäh von der Bildfläche. Auch der anschließende Prozess wurde, nach anfänglichem Interesse, kaum noch zur Kenntnis genommen. Das Publikum wendete sich ab. Sie wollten jetzt nur noch den Irren sehen, den Spinner, der sich alles erlaubt. Aber der durfte das nicht länger und wollte es auch gar nicht mehr. Er wollte in Wahrheit ganz etwas anderes, und wusste doch nicht, was das jetzt noch sein sollte oder könnte…

Die Flaute hielt an. Sowohl für die Band als auch für Jim ergaben sich keine wirklichen Perspektiven mehr. Ratlosigkeit machte sich breit. Der Strafprozess erniedrigte den Angeklagten, der ohne Ausnahme brav und gesittet auftrat. Der weitere Verlauf dieser Gerichtsposse demütigte einen, der bis dahin gewohnt war, alles von eigener Hand auf die Spitze zu treiben. Nun wurde er von anderen in die Enge getrieben. Jims Hang zur Selbstzerstörung vollzog sich jetzt weniger heroisch und zunehmend in einem verhängnisvollen, unausweichlichen Vakuum. Dabei schloss sich mancher Kreis. Etwa in der musikalischen Produktion, die schon für das dritte Album zunehmend auf Restbestände zurückgreifen musste. Jim hatte sich selbst zu einem solchen ´Rest´ entwickelt. Auch entlang der stimmlichen Möglichkeiten, die jenseits reinen Ausdrucks immer begrenzt geblieben waren, konnte er nicht mehr viel geben. Tat sich diese Stimme vor allem anfangs schwer, weil sie zu dünn und brüchig war, jederzeit gefährdet, voll abzuschmieren (was öfter vorkam), wuchs dieselbe doch entlang der Konzerte und Proben, Aufnahmen und vor allem infolge exzessiven Alkoholkonsums, der sie noch einmal zusätzlich schliff und damit endgültig ruinierte, für kurz über sich hinaus. Aber der Sänger rauchte auch Kette, und das war endgültig zu viel für seine ohnehin sensiblen, arg angeschlagenen Halsdrähte. Irgendwer meinte denn auch, im Blick auf die letzte Platte, das sei Jims letzte als Sänger gewesen. Es stimmte.

Das Pummelchen von einst war längst wieder dick, richtig fett geworden. Vor den großen Drogenexzessen war der Alkohol die Einstiegsdroge gewesen, mit der er nun gleichsam den Vorhang fallen ließ. In allem fehlte den Abgängen freilich der bis dato allzu große, herrschaftliche Peitschenknall. Es fehlte nämlich: die Kraft. Er brachte sie nicht mehr auf. Das letzte halbe Jahr endete dann fernab der Heimat im Pariser Exil. Saft, – und kraftlos dämmerte er dort vor sich hin. Ähnlich wie in Venice, doch ohne jede Inspiration. Hier zog das Schicksal selbst den Schlussstrich. Paris wurde Jims Totengruft. Dort, in der Isolation einer hochkultivierten Künstlermetropole, erklang, reichlich ungehört, der eigentümliche Schwanengesang seines Lebens. Er hatte nichts mehr zu geben.

65/66, 67/68, 69/70: in diesen ´Jahres-Pärchen´ ballte und entlud, erschöpfte und ergab sich, was im undurchsichtigen Ineinander äußerer und innerer Vollzüge Fluch und Segen, Verderbnis und Vollendung brachte. Den Jim der letzten Monate bringt man am besten auf einen Nenner, wenn man ihn entlang dieser Brüche kürzt und rundet.

Es lohnt, den weiteren Verlauf dieser Betrachtung, der die bereits abgehandelten Episoden erneut aufrollt um sie zusätzlich zu erhellen, auch weiterhin auf Jims äußere Erscheinung zu fixieren: hier sieht man auf Anhieb mehr und zugleich tiefer. Manches erklärt sich fast von selbst, achten wir nur genau genug auf Kleinigkeiten und ihre Bedeutung, die zum Ganzen ins passende Verhältnis gebracht werden müssen.

Wir sahen: der bald atemberaubend gut aussehende Star war anfangs schon ganz hübsch anzusehen. Mehr aber auch nicht. Brav und bieder, mitunter ernst und mürrisch, im Ganzen eher widerwillig denn selbstverliebt, ein wenig verklemmt und unentschieden: blickte er in die Kamera. Das waren ´Spurenelemente´ einer sehr bürgerlichen, nicht leicht zu überwindenden Blasiertheit, die es zu überwinden galt. In Venice gelang ihm das, doch blieben letzte ´Rückstände´, die der erworbenen Montur entsprachen.

Auch das Outfit zählte dazu. Jim kleidete sich zunächst noch ziemlich gewöhnlich. Die Verwandlung in den lärmenden Engel, der auf den berühmten Aufnahmen von Brodsky in enger Lederhose und mit entblößtem Oberkörper wie ein fleischgewordenes Fabelwesen wirkt, entrückte Morrison ein Jahr später endgültig und auf fast schon groteske Weise der profanen Wirklichkeit, aber das blieb ein Kunstprodukt. Damit war es kurze Zeit später auch wieder vorbei.

Erinnert: anfangs aß er kaum, schluckte LSD und trainiert seinen Körper im Wasser. Die unkonventionelle Abmagerungskur machte, dass er unwirklich schön aussah. Brodsky Bilder formten daraus eine Ikone. Gloria Stavers fing den Beauty King noch einmal für die Teens und Twens ein. Sein Blick auf diesen vergleichsweise nachlässig inszenierten Bildern: messerscharf und schlafzimmertauglich zugleich. Die Frise: frei nach Alex dem Großen. Der Körper: androgyn mit Rippenmuster. So perfekt Poster-tauglich sollte er danach nie wieder in Erscheinung treten. Alles an dieser Gestalt wirkte wie in Marmor gemeißelt: makellos geformt. Ein Jüngling der Antike nahm hier Gestalt an. Kaum hatte sich das Erscheinungsbild etabliert und im Bewusstsein seiner Fans gefestigt, war es dem Schöpfer auch schon zuwider. Und kam ihm wie von selbst abhanden. Etwas in Morrison rebellierte dagegen an. Er ertrug die selbstgeschaffene Idealgestalt nicht mehr. Im Jahr des Durchbruchs, anno 67, gab es wohl niemanden im Geschäft, der auch nur annähernd so brillant aussah wie Jim. Angeblich sollte er das Cover ihres Debuts gehasst haben.

Schon zu Beginn des Jahres 1968 hatte sich das Bild vollkommen gewandelt. Je länger die Mähne wuchs, umso weniger ähnelte sie noch dem locker toupierten, mit den eigenen Pranken wirr ausgefingerten Löwenwusel des Vorjahres. Die nunmehr fettig und verfilzt herabhängenden, Schulterlangen Haare betonten nur den ziemlich versoffenen Ausdruck im bereits deutlich aufgeschwemmten Gesicht. Solcherart schien er sich bereits überlebt und überdauert, weil an allem überfressen und übergeben zu haben. Zwischen Unsicherheit und Überdruss, Zweifel und Zaudern, büßte Morrison merklich die einstige Spannkraft ein. Sein Antlitz verlor sich denn auch zunehmend in flüchtigen Schemen, die den Standortlosen kennzeichnen. Er wirkte nicht minder gefährlich, doch vor allem reichlich angewidert; mit mehr Nähe zur Gosse als zum Olymp. Abwesend und in sich versponnen, unzufrieden mit der eigenen Situation und sichtlich übermüdet, war der ´Young Lion´ schon im Begriff, sich in eine aufgeplusterte, hässliche Ente zu verwandeln. Die triumphale Erscheinung verblasste. Bei den Photo Sessions zu Waiting fort he sun war eine Art Tiefpunkt erreicht. Hier mutete seine äußere Erscheinung, trotz aufrechter Haltung und stilsicherer Garderobe, ziemlich verwahrlost an. Verwegen zwar, doch auch verloren; von allen guten Geistern verlassen. Wahrlich ein Desperado, der einsam durch die Wüste reitet; die Buddel mit Rum oder Gift gefüllt. Der vermeintliche Sonnaufgang ähnelt vor diesem Hintergrund eher dem Zwielicht eines langen, überreichen Tages, der seine morschen Glieder streckt um vor den Toren der Finsternis selig zu verenden. Muteten die künstlichen, sorgsam aufgesetzten Züge Morrisons noch vor Monaten fest und konturiert an, wie geschmiedet oder gemeißelt, lösten sie sich nun so langsam auf. Jim verpasste sich bald darauf einen neuen, kürzeren Haarschnitt, sah damit aber nur wie ein in die Jahre gekommenes, trotziges, nicht minder trauriges Kind aus. Dem widersprach die Müdigkeit, die er zu diesem Zeitpunkt bereits ausstrahlte. Sie spiegelte den Überdruss bis zur Verzweiflung, die er mit vornehmer Distanz zu kaschieren verstand. Als die Band im Mai 68 auf einem Open Air Konzert in San Jose erschien, trat ein sehr nachdenklich wirkender Held in Erscheinung. Scheu lächelnd, in sich gekehrt und seltsam deplatziert, konnte er mit dem Trubel rundherum nicht allzu viel anfangen, wiewohl er während des Auftritts die üblichen Stürze und Verrenkungen, Hopser und Harlekinaden zum Besten gab. Hilflos, mutlos – verloren: wirkte er schon vor dem Set wie einer, der sich rein zufällig in diese Gegend verlaufen hatte. Von den Menschen um sich herum neugierig beobachtet, kam er selbst ziemlich teilnahmslos und unnahbar rüber, blieb aber freundlich gegen jedermann, während er pausenlos den Blicken derer auswich, die sich irgendetwas von ihm erwarteten. Jim wusste wohl selbst immer weniger, was das sein könnte. Wo gehöre ich eigentlich hin? Und was habe ich hier verloren. Auf den wenigen bewegten und erstarrten Aufnahmen, die sich von dem Tag erhalten haben sehen wir den verlorenen Sohn: eine unüberwindliche Kluft trennte ihn von allen dort, auch während des Auftritts. Etwas hatte sich verbraucht und erledigt. Hier trug er den Rest zu Markte. Und nahm so hin, was sich nicht ändern ließ, so jedenfalls sah es aus. Das teigige, aufgedunsene Gesicht, noch vor kurzem durch eine kompakte Mähne gnädig eingerahmt, offenbarte den gefallenen Helden.

Freilich: fing der sich wieder. Im Sommer des Jahres konnte Morrison, auch äußerlich, noch einmal punkten. So am 5. Juli des Jahres, als die Band in der Hollywood Bowl auftrat. Jim sah gepflegt und auch gesünder aus als noch zwei Monate zuvor. Vor oder nach dem Konzert entstanden weitere Aufnahmen, die einen wiederum anderen Eindruck erwecken. Hier sehen wir den Lizard King abermals auf der Bühne des Freilichttheaters, in theatralischen Bewegungen befangenen, unrasiert, mit fettigen Haaren und dazu nachlässig gekleidet. Offenbar hing in seinem Fall viel von der Tagesform ab; vor allem davon, ob er es vorher mit dem Saufen übertrieb oder nicht. Wie dem auch sei: vor den großen Konzerten des Sommers, denen anschließend eine Europa-Tournee folgte, wird er sich noch einmal halbwegs zusammen gerissen haben, wiewohl das resultierende Bild verwirrende Wechsel und Sprünge zeitigte. Zu diesem Zeitpunkt hing er hoffnungslos an der Flasche. Von den andern immer wieder vorsichtig, fast verschämt dazu angehalten, weniger zu kippen, gab er den ´Anliegen´ nach oder auch nicht; je nach Lust oder Laune. Der immense Alkoholkonsum hielt an und verstärkte seinen Hang zur Fettleibigkeit, die ihm nun immer öfter ins Gesicht geschrieben stand. Womöglich fiel ihm immer schwerer, das Gleichgewicht zu halten. Im dänischen Fernsehen saß er anfangs auf einem Stuhl. Und glich ein wenig dem in sich verkapselten Jüngling des Frühlings, der im fernen San Jose nicht minder rätselhaft in Erscheinung getreten war. Die aus mehreren Perspektiven eingefangenen TV-Aufnahmen beeindrucken noch heute ob der Präsenz, die Jim hier, ohne allzu große Verrenkungen, kraft seiner stillen Größe gewann. Das Set kam ganz ohne Publikum aus. Einsam und in sich gekehrt, geriet Jims Vortrag zu einer eindringlichen Beschwörung, die mehr über mimische Ausdrucksformen besticht, deren ungebrochene Suggestivkraft den künstlerischen Rang ein letztes Mal bestätigten. Anfangs der alles andere als wilden, phasenweise eher verzweifelt wirkenden, spartanisch einfach gehalten Performance behielt er – eine Marotte von ihm – die Lederkutte am Leib, als könne er sich dadurch nach außen hin schützen, schirmen – schadlos halten. Vergebens. Jim glich, mehr denn je, einem menschlichen Wrack. Alkohol und Drogen hatten ihn, ersichtlich, in eine menschliche Ruine verwandelt. Doch ging auch eine eigentümliche Weihe von diesem Menschen aus, der in den hellsichtigsten Momenten seines Vortrages in Fernen zu blicken schien, die den trüben Dämmer, der seine Gestalt umhüllte, seltsam lichteten. Die aggressiven Passagen der Songs brachte er ungemein intensiv und beklemmend herüber, als ginge es um sein eigenes Leben; beschwörend bis an den Rand der Hypnose begleitete er die ruhigen Momente. In allem schien er ganz Medium, ein Gefäß zu sein: schon nicht mehr von dieser Welt, die er mit Haut und Haaren in sich aufgebraucht hatte.    

But i deserve this, greatest cannibal of all

Morriosn hatte, wie Elvis, längst die Kontrolle über sich und seinen Körper verloren. Und erregte eher Mitleid als Bewunderung, von einem tiefen Unbehagen umwölkt. 

Im Unterschied dazu erschien er bei der nachfolgenden Smothers Brothers Show noch einmal wie ein spät erblühter Schönling. Weniger präsent als im Kopenhagener Studio, doch deutlich konzentrierter und beinahe routiniert in der gewohnt bewegungsarmen Darstellung: blieb seine Performance sparsam, spärlich – reduziert. Für das Konzert in Miami legte er ein letztes Mal die bewährte Lederkluft an, den entsprechenden Hut zierte ein finsteres Totenkopfemblem. Freilich: sein Gesicht, das schon wieder verräterisch aus dem Leim lief, versteckte er nun erstmals hinter einem zügig wuchernden Bart. Die üppige Gesichtsbehaarung verwandelte ihn ein letztes Mal in den antiken Übermenschen, den er sich und anderen vorspielte: eine Art Göttervater, der am Rande des Olymp kauerte und mit glasigen Augen auf das nichtige Treiben derer herabsah, die in den Niederungen des Seins beschäftigt blieben. Was, freilich, blieb dem Helden selbst noch aufgespart?

Der Nimbus erlosch. Ein Jahr später sah Jim so übel aus wie nie. Der ehedem ranke Körper hatte sich in ein breitwanstiges Fass verwandelt. Er wirkte jetzt um etliche Jahre gealtert. Der Lack war ab. Auch lagen die Nerven einmal mehr blank. Der Lizard King sah sich dazu genötigt, regelmäßig vor Gericht zu erscheinen. Sein Verhalten während des Konzerts in Miami hatte den Ausschlag gegeben. Zahlreiche Anzeigen zwangen ihn dazu, die Sache ernst zu nehmen; das mögliche Strafmaß nicht minder. Man hatte ihm während der Verhandlungen dazu geraten, den mittlerweile rauschenden Vollbart wieder zu entfernen, weil der in etwa zeitgleich in die Öffentlichkeit katapultierte Charly Manson ihm solcherart fatal glich. Das hatte sich nach der Rasur erledigt. Jims Mondgesicht ähnelte nun eher einem der Völlerei überführten Vielfraß. Jetzt war er tatsächlich der Barockmensch, den die Plattenfirma gegen seinen Willen aus ihm machen wollte, um so zu retten, was vom Wrack zu retten war. Aber da war nicht mehr viel zu retten. Total heruntergekommen und aufgeschwemmt, völlig fertig mit sich und der Welt, gedemütigt und geschasst, ohne verbliebene Strahlkraft, erschreckend gewöhnlich in seiner jämmerlichen Erscheinung: war dieser junge Mann in Rekordgeschwindigkeit alt geworden. Wahrlich das Bild des Dorian Gray bestätigend. Morrison schleppte, in seltsamer Umkehrung der literarischen Vorlage, an Leib und Leben jenes dort heimlich gehaltene Portrait ganz öffentlich mit sich herum: seht her – so ergeht es allen, die nicht an sich halten können und den Allmächtigen selbst herausfordern. Er blickte jetzt aus kleinen, von Wülsten überquollenen Augenschlitzen in eine Welt, die ihn nichts mehr anging, wiewohl ihre Dämonen nicht von ihm abließen. In diesem Jahr entstanden weitere Aufnahmen am Strand von Venice, wo alles vor noch gar nicht langer Zeit begonnen hatte. Nie vorher und auch nachher nicht: hat er so elend ausgesehen wie auf diesen Fotos und Filmstreifen. Er war jetzt wirklich reif für ein abschließendes Frührentnerdasein in Paris. Jim gab denn auch, im Gespräch mit Bekannten, die um ihre eigene Jugend feilschten, ganz offen zu, dass er sich wie Mitte Vierzig fühle.

Die Schattenseiten des Ruhms zollten ihren Tribut. Jim erlag dem Überschuss geistiger und visionärer Potenzen, die er sich in so kurzer Zeit zugemutet hatte; gleichzeitig hing ihm der elende Prozess im Nacken, der immer mehr an seinem Selbstverständnis nagte. An den Grundfesten seiner Existenz, genau genommen. So stürzte die ganze schillernde Fassade endlich in sich ein. Übrig blieb eine menschliche Ruine. Der Alkohol, wie billig, gab Jim den Rest. Hopkins und Sugarman vertraten diesbezüglich die Ansicht, dass er einfach saufen musste, um das schnöde Dasein ertragen und den begleitenden Schmerz betäuben zu können. Steve Harris von Electra Records, der ein paar Mal abends mit Jim aus war, sah das anders. Jim habe in guten wie in schlechten Zeiten gesoffen. Am Ende sei eben eine Sucht daraus geworden. Alkohol befeuert, aber er betäubt auch. Dazu passt, dass dem Kamikaze die eigenen Kräfte abhandenkamen: er hatte zu ausdauernd und zu intensiv gekippt.

Zu Beginn der Karriere, noch unverbraucht und gewissermaßen in anderen Umständen, zehrte Jim von der schier unerschöpflichen, sich ständig selbst erneuernden und entäußernden Kraft des magischen Anfangs. In jenem Jahr, so erinnerte er sich später, gab es einen enormen Schub an Energie. Über die er flüchtig auch später noch verfügte. Aber die Reserven brauchten sich gnadenlos auf. Der unstete, aufreibende Lebenswandel forcierte den Verschleiß, mit dem auch ein Verlust an Persönlichkeit und Charakter einherging. Als die Maschinerie in Gang kam, nahm er den Schwung einfach mit, ließ sich davon eine Weile tragen, wer weiß wohin. In den Jahren 67 und 68 hatte Jim ersichtlich profitiert und schon wieder abgebaut, gewonnen – und längst verloren. Einige der wesentlichen Bestimmungen, die in gewissen Lebensphasen obligatorisch bleiben, scheinen mittels Rausch und unerhörter Beschleunigung seinerzeit nicht mehr zu ihrem Recht gekommen zu sein.

Dangerous initiations, to mark passage to new levels

Jim bezog den ´Palast der Weisheit´ als halbfertiges Wrack. Er übersprang die Stadien oder Stufen der Jugend und die des frühen Mannesalters in einem; nicht ohne dabei Schaden an Leib und Seele zu nehmen. So wurde er, eben noch ein Jüngling, fast über Nacht der sichtlich vom Leben gezeichnete Mann mittleren Alters, als welchen er sich mehr und mehr selbst zu fühlen begann. Das, was dazwischen eigentlich hätte stattfinden sollen, konnte nicht mehr erneuert werden.

Back, going back in all directions, sleeping these insane hours…

Schauen wir unserem Helden ruhig noch etwas genauer in die eigenen Karten, soll heißen: ins Gesicht und auf den Körper. Die sorgsam und mit Bedacht gewählten Manierismen, deren Umsetzung ihm anfangs so schwer fiel, dienten auch und vor allem der Abgrenzung; bei aller Anbetung oder Bewunderung, die er damit provozierte. Jim distanzierte sich früh von anderen, wie wir sahen. Nun aber blieb nicht auszuschließen, dass er sich vor aller Welt mit seinen Posen lächerlich machen könne. Die für ihn so typische, eigene Unsicherheiten kaschierende Schnoddrigkeit wurzelte gleichzeitig in dem Verlangen, allem bequem ausweichen zu können; nichts als die strahlende Erscheinung selbst zu sein, hinter der er sich verbarg.

Sowohl mimisch als auch Körpersprachlich entschied er sich für eine (clever einstudierte) Publikumswirksame Anbiederung, die seine Aura schmückte, bevor sie verblasste. Entsprechende Haltungen legte er sich passend zurecht; und spielte mit ihnen nach Bedarf. Sein meist legeres Auftreten, mondän-abfällig und aufreizend verschnöselt bis versnobt, hochmütig bis an den Rand der Lächerlichkeit, konnte sich schnell verhärten. Jim muffelte meist. Und sah hinreißend aus. Die entsprechende Gespanntheit kam vor allem auf der Bühne zu echter Geltung, denn dort überreizte er diese Taktik,  passend zur Musik, die ihrerseits abrupt umschlug und zu den energetischen Entfesselungen beitrug, die man ihm als besoffene oder bedröhnte Aussetzer auslegte. Wenn Jim entsprechend schrie oder zu Boden fiel, ruckartig zappelte oder abrupt den Kopf zurückwarf, war er für Augenblicke außer sich und ganz den eigenen Dämonen hörig. Meist blieb er unterkühlt, in eine auf Adel und Laissez-Faire gründende Arroganz gehüllt, die wie ein schwerer Mantel wog. Solcherart Hof haltend scheint er sich gleichsam offenbart und verschlossen, befreit und verkapselt zu haben, worauf ich unten näher eingehen werde.

Halten wir an dieser Stelle fest, dass er in der ranken, schlanken Erscheinung, die an antike Helden des Altertums erinnert, meist auch auf Selbstschutz aus war. Jims Verfall brachte die artifiziellen Anstrengungen in immer peinlichere Verlegenheit. So konsequent und eigen, stur und unnachgiebig er an seinem Denkmal gebastelt hatte: fragmentierte das Monument doch in Windeseile, vor lauter Wind und Wetter, Beben und kosmischer Strahlung. Die herrisch anmutende, hochmütig abwehrende Geste, die von dieser Gestalt ausging, hielt nicht lange vor. Sie begann früh zu bröckeln. Jim hatte mit Gips gehandelt; nicht Bronze oder Marmor. Auch war das Idol auf Sand gebaut. Die Mogelpackung musste Schaden nehmen.

Manches mehr verlor sich nun im Nu. Gleichzeitig kam zum Vorschein, was der Halbgott umständlich unter Verschluss gehalten hatte. Jim zeigte erste Anzeichen von Verletzlichkeit. Er konnte und wollte sich nicht mehr verstellen und in ein Image fügen, das er satt hatte. Seine zahlreichen Extravaganzen und Aussetzer freilich kamen nun ganz ungefiltert, peinlich nackt und plump herüber. Das kann man tragisch nennen. Die Hüllen fielen. Mochte sich der ´Young Lion´ noch wild und wütend im Staub gewälzt haben, fiel er vom eigenen Sockel: sah selbiges bei einem plumpen Bär nur mehr komisch aus.

Anfangs, ganz unter dem Einfluss bewusstseinserweiternder Drogen, ging eine ziemliche Brillanz von Morrison aus, funkelnd in ihren Gegensätzen, die aus traumverlorener Schönheit und messerscharfer Transparenz gestrickt schienen, um dann, nach dem Wechsel zum Alkohol, in einen unbeweglichen,  Trance ähnlichen Zustand zu verfallen, dessen aufreizende Müdigkeit noch dem jungen Wilden die erotische Ausstrahlung sicherte. Als das blendende Äußere zum Teufel ging, da verging dem Grande Provocateur auch die Lust an der Selbstinszenierung, was seiner Erscheinung dann, jenseits der Faszination, die auch vom Verfall ausgeht, etwas beinahe Täppisches verlieh. Man könnte sagen: zwischen den Zeilen miesmuffelnden Missmuts und der sich weitenden Hilflosigkeit, die Bände sprachen, drohten letzte Halbsätze und Schlagworte, die er mit der unsicheren Gichtkralle exekutierte.

Jim scherte sich bis zuletzt kaum um´s Geschäft, dessen Anforderungen den Besessenen zunehmend aufdringlicher tangierten, bevor er unter der geballten Last, die kommerzielle Ausverkäufe verlässlich stapeln, zusammen brach. Banal formuliert: mit einer solchen, reinen Künstlereinstellung, die er hegte und pflegte, kann man kaum alt werden in der Branche. Ohne den Zusammenhang ein weiteres Mal auszureizen, lässt sich an dieser Stelle betonen, dass er sich bereits vor der im Jahre 1968 erteilten Auskunft, austeigen zu wollen, immer wieder mit dem Gedanken trug, hin zu schmeißen, also: alles weg zu werfen. Er kalkulierte weniger klug, mehr auf offene Rechnung. Ihm kam es eben auf Kumulationen – auf Steigerung um jeden Preis an. Er nahm alles auf einmal, frei nach dem Motto: besser jetzt als nie, morgen kann es endgültig zu spät sein. Morrison fuhr damit solange gut, bis der Karren vor der Wand landete. Ihn reizte das Maximum. Er wollte nach Möglichkeit alles mitnehmen, ausprobieren – überhaupt ein Gros an Eindrücken bewältigen, bevor es damit aus war. Wie alle wirklich Großen und tragisch Erwählten war er ein zeitlebens Getriebener, als ein vor der Zeit reifender und der Zeit gnadenlos ausgelieferter, gehetzter Mensch. Ein Verfluchter, der die begleitende Tragik begriff und bejahte.

The future is uncertain, the end is always near

Als die Doors in der Hollywood Bowl auftraten, vor ausverkauften Rängen, mit einem eigens bestellten Filmteam, warf er trotzdem LSD ein, was Densmore bis heute erbost. Nach dem Auftritt feierte Morrison munter weiter, bis zum Morgengrauen, während die andern sich tunlichst erholten, weil weitere, wichtige Auftritte anstanden. Der Sänger nahm diese nicht weniger ernst als seine Freunde. Erfolg und Exaltation liefen noch eine Weile Hand in Hand. Doch hielt unser Held so unbekümmert an den Exzessen fest, dass es zur Katastrophe, die er selbst voraussah, kommen musste.

Rasend schnell, dann quälend langsam, ging Jim die Puste aus. So konsequent er die Überholspur gewählt hatte, so kompromisslos hielt er jene, die von dieser abzweigte und über lauter wirre Pfade in ein undurchdringliches Dickicht mündete, dass für den Fahrer zur Sackgasse wurde. So freilich, und nicht anders, musste es kommen. Um beim Vergleich zu verweilen: hatte Jim, trotz zunehmend wendiger Strecke, sein Tempo noch beschleunigt und war in den Kurven ins Schlingern und endlich aus der Spur geraten. Einmal vom Weg abgekommen, verfuhr sich der Typ; geriet er immer tiefer hinein in den Schlamassel. Um am Ende festzustecken. Jeder Versuch, den Wust irgendwie zu lichten, sich die Bahn halbwegs frei zu schaufeln: blieb halbherzig. Es fehlte die Kraft, auch der Wille. Statt der ersehnten Freiheit stellte sich nun eine sehr reale Hilflosigkeit ein. Ein bloßes ´weiter so´ hatte sich damit erledigt.

Jim konnte im Ganzen nicht länger mithalten. Er baute ab. Das Geschäft forderte mehr. Bis Miami. Danach ließ man ihn im Stich. Zu Anfang noch vom Überschwang getragen, hatte der enorme Druck alle weiteren Möglichkeiten erstickt. Jim hielt dennoch am einmal kultivierten Lebensstil fest. Was sonst blieb ihm? Dem zunehmenden Chaos im Kopf entsprach das Chaos da draußen. Das hier die Drogen eine zentrale Rolle spielten, wird noch umso deutlich zur Sprache kommen.

I wanna have my kicks, before the whole shithouse goes up in flames

Hatten die psychedelischen Substanzen sein Bewusstsein erweitert, betäubte nun der Alkohol dasselbe. Ganz zum Schluss, in den letzten Monaten, befand er sich wohl im vorrausetzungsfreien Dusel oder Dämmer, der keine weiteren Fluchten oder Nischen zu erreichen erlaubte. Das war nicht die ersehnte Klarheit, die Weite grenzenloser Exaltation. In naiver Selbstverblendung hatte Jim bis zuletzt versucht, den kollektiven Archetypus zu ertöten. Umso abschließender verhalf ihm der Alkohol dazu, auch noch den lästigen Rest davon loszuwerden. Nun ließ er die bis zur Neige strapazierten Posen und Manierismen zur Hölle fahren, und mit ihnen jede weitere Hoffnung. Ironie der Geschichte: ähnelte der schal und müde gewordene Morrison in den verbliebenen Selbstauskünften sehr viel deutlicher dem Abkömmling Bildungsbürgerlicher Gesinnung und Gesittung, der er entstammte. In der Kluft des ´alten vom Berge´ erschien er zugleich wie ein Wildwest-Pionier des frühen 19 Jahrhunderts, der sich den Weg zur Freiheit in Ungebundenheit bereits frei geschossen hatte. Das Magazin war leer. Die Fremde barg nichts als Einsamkeit. Und Wildnis. Diese urbar zu machen, fehlte Morrison die Lust.

So gab sich schließlich ein Mann geschlagen, der zu tief in vielerlei Abgründe hineingesehen hatte: verwirrt von den unruhigen, unverstandenen Geistern, die er damit heraufbeschwor, verlor er sich im Suff. Zu viel hatte er geschaut und gefühlt, aber all das verlor sich nun, und damit auch die eigene, in sich verwilderte und doch abgelebte Person. Ein greiser Walt Whitman, zottelbärtig in den eigenen Marotten dahin dämmernd: dankte Jim ab.

Die übrig gebliebene Kicks kickten immer weniger. Sie erwiesen sich als flau im Vollzug und unergiebig in Ergebnis. In den Jahre 69 und 70 versuchte Morrison fast schon verzweifelt, irgendwie weiter zu machen. Übrig blieben, gemäß seiner Veranlagung, lauter vergebliche Anläufe. Sie alle liefen nämlich verlässlich ins Leere. Es handelte sich vor allem um besagte halbgare Film Projekte, denen, gleich unserem Helden, die rechte Form, das Maß – die straffe Führung fehlte. Er hatte sich selbst dieser Voraussetzungen beraubt, doch tat er sich ohnehin immer schwer, solcherart Disziplin zu wahren.

Not an actor, writer- filmmaker – i pissed it all away

Auch die Singles der Doors floppten jetzt, wiewohl ihre Fans den Alben stur die Treue hielten. Live enttäuschte die Band. Nach dem Miami-Debakel verliefen die wenigen verbliebenen Auftritte Saft,- und kraftlos, austauschbar in ihrer beiläufigen, sehr gefälligen Art. Ohne den Furor Morrisons, der mit seinen Tiraden auch das Publikum mitgerissen hatte, waren diese ´Shows´ nur mehr auf die Bühne verlegte Generalproben, strikt nach Vorlage.

Wie anders? Hinter der Bühne standen nun uniformierte Aufpasser Knarre bei Fuß um im Falle unzüchtigen Benehmens sofort die längst ausgefüllten Haftbefehle zu exekutieren. Die Band spielte unter Hochspannung, während Jims Akku langsam leer lief. Das Publikum blieb scharf auf eine Freak-Show, aber der Freak selbst mochte und durfte nun nicht mehr. Das selbst erschaffene Image nervte, es störte nur noch und stand ihm dauernd im Weg. Er wollte ja ein Dichter sein, und als solcher wirklich ernst genommen werden. Doch die auf eigene Kosten gedruckten Gedichtbände interessierten (und interessieren) niemanden, sie stapelten sich schon seinerzeit im Büro und fanden kaum Abnehmer. Es handelte sich um Zusammenstellungen spontaner Ergüsse. Dieselben, wahllos aneinander gereiht, ließen keinerlei formalen Zusammenhang erkennen (s.o). Gleich den Filmprojekten mangelte es seinen spontan entstandenen oder umständlich erklügelten ´Eingebungen´ an ´konsumierbarer´ Gestalt. Viel altes Zeug steckte in den schmalen Büchern, wie denn dem Trinker ohnehin nicht mehr viel einfiel. Über bloßes Stückwerk gelangte er auch im Weiteren nie hinaus. Das in eigener Mache fabrizierte Road Movie HWY kann als echter, peinlicher Tiefpunkt gelten.

Gleichzeitig nahm die Sauferei kein Ende. Und tötete den verbliebenen Rest an Inspiration. Jim drehte sich in der letzten Hälfte seines öffentlichen Lebens nur noch im Kreis, der auch kein magisches Zentrum mehr bildete. Egal, wie sehr er sich darum bemühte, gleich Phönix aus der Asche empor zu steigen: kam er nicht mehr vom Fleck weg. Das zog ihn nur weiter runter. Sicher plagten ihn in dieser Zeit Ängste und Zweifel. Er hatte alles in sich aufgebraucht. Woran ließ sich anknüpfen, was konnte noch gemacht machen? So begegnete Morrison der Wirklichkeit wie ein echter Autist: sie blieb hinter einer matten Milchscheibe verborgen.

In Miami fiel eigentlich nur noch vom Sockel, was längst einer bindenden Mitte entbehrte. Das Denkmal vom Lizard King lockte fortan die ersten Tauben an, deren respektloses Treiben (gemeint ist hier die begleitende Publizistik) zunehmend schmierige Flecken zeitigte. Miami war der unerhört hilflose, einmal mehr besoffene Versuch gewesen, Freiheit auf bewährte Weise zu praktizieren. Er testete, zum irgendwie letzten Mal, sein Publikum: indem er pöbelte, um so zu provozieren. Das hatte sich überlebt. Eine ziemliche Sause kam, zum letzten Male, immerhin dabei heraus. Hier wollte Jim, wie ehedem, noch einmal eine Reaktion um jeden Preis erzwingen. Mittels überkandidelter Ersatzhandlung, die den Aufruhr verursachte, der keine Befreiung, nur tumben Tumult ermöglichte. Miami wies ihn, wie schon zuvor der reine Betrieb des Showgeschäfts, endgültig in die eigenen Schranken. Je ungebundener er sich einst wähnte, umso engstickiger musste ihm nun die übrige gebliebene Realität erscheinen. Jetzt war es das Gesetz, die Übermacht einer Justiz, deren Exekuteure ernst machten; an ihm, dem Verfemten, ein Exempel statuierten. Die dauernden Termine konnte er nicht schwänzen, und während ein sachkundiger Anwalt ihn vertrat, verkam der Angeklagte selbst zum hilflosen Statisten. Eine bitterböse Farce? Der Vorfall half, die Doors in Schüben  begraben.

Viel war von ihnen ohnehin nicht mehr übrig geblieben. Auf den letzten beiden Platten zehrten sie am verlässlichsten vom alten Material und von der Liebe zum Blues, der sich nicht leicht verlernen lässt. Jim hatte vorzeitig jene abgewrackte Reife erreicht, die ihn umso authentischer vertrat.

I´ve been down so very damn long, That it looks like up to me

Übrigens machte Morrison gar keine Anstalten, den zeitgleich in zähen Runden ab, – oder herunter laufenden Prozess als Bühne zu nutzen, um sich wehrhaft in Stellung zu bringen und dementsprechend gewinnbringend in Szene zu setzen. Bald interessierte sich auch keiner mehr für die öden Verhandlungen vor Gericht, die der mutmaßliche Straftäter kurioserweise in Interviews noch einmal recht umständlich rekapitulierte. Im Gespräch mit Salli Stevenson, Winter 1970, tat Jim den Auftritt in Miami als eine Art Notbremse ab. Der Versuch, hin zu schmeißen, glich aber eher einem Hilfeschrei.

Tatsächlich lag zwischen Miami und dem Pariser Exil noch der letzte überhaupt auf Zelluloid gebannte Auftritt, den die Doors auf einer karg und unwirtlich anmutenden, recht unscheinbaren Insel nahe Portsmouth absolvierten. Es war auch gleichzeitig ihr letzter, den sie in klassischer Besetzung drüben, in der alten Welt, absolvierten. Das nur spärlich besiedelte Areal der Isle of Wight wurde binnen weniger Tage von annähernd 700.000 Besuchern nahezu überschwemmt. Hier fand das bis heute größte Freiluft Festival der Geschichte statt. Kurze Zeit später verließ Jim die Band. Seine Spur verlor sich in der vielbesungenen Stadt an der Seine. Nichts blieb, als der schlichte Grabstein auf dem Pere Lachaise.

Morrisons Erscheinung verflüchtigte sich aber schon deutlich genug während des Auftritts auf besagter Insel, wie denn die Mammutveranstaltung insgesamt einen viel größeren, umfassenderen Abgang markierte. Auf dem knapp 381 Quadratkilometern kleinen Eiland versammelte sich noch einmal die Creme der Pop, – und Rockmusik. Auch das Wetter stimmte. Dennoch gestalteten sich die insgesamt fünf Festivaltage desaströs. Den Anwesenden und Beteiligten mochte, als allzu Befangenen, kaum bewusst werden, das sich eine Art Tragikomödie abspielte, in der jedem von ihnen eine eigene Rolle zufiel, meist die des Statisten. Es lohnt, die näheren Umstände etwas eingehender zu beleuchten.

Mehr noch als der Reinfall von Altamont markierte das bestens dokumentierte Großereignis den Niedergang einer Gegenkultur, die über spielerische Anfänge nie hinauskam und sehr bald dem kalkulierten, wohlorganisierten Massenkommerz zum Opfer fiel. Wovon bei diesem Ereignis wahrlich nicht die Rede sein konnte. Hier tobten sich die letzten hilflosen Gegenversuche aus. In der Retrospektive wird noch einmal die ganze Unschuld alternativer Haltungen und Gegenentwürfe deutlich, deren zunehmend krampfhafte, bisweilen biestige Selbstbehauptungen Verwirrung stifteten und in Verstörung mündeten.

Die bis dahin reichlich verschlafene Isle of Wight entpuppte sich im Verlaufe dieser einmal mehr schlampig vorbereiteten Massenorgie als echte Sackgasse, in die das Treibgut alternativ orientierter Bürgerkinder so ahnungslos wie unvorbereitet hineintrieb. Hier ballte sich noch einmal die letzte Kraft eines bereits schwindenden Aufbruchs und hier versandete sie auch; nicht ohne letzte, lausig hilflose Gegenwehr. Im Unterschied zum beschaulichen Bethel, dessen liebliche, großzügig bewaldete, im Ganzen ungemein idyllisch anmutende Landschaft sogleich einladend wirkte, erschien dieser Austragungsort wie eine verwahrloste, Steppenähnliche Brache, bevölkert von Menschen, die in zwei getrennten Lagern vor sich hin vegetierten. Außerhalb der ´Bezahlzone´ zerstreute sich die Masse der ´Eintritts-´Verweigerer´ auf einem sanft abfallenden Hügel. Auf dem in der Senke abgesteckten, quadratisch eingezäunten Festivalgelände drängelten sich alle jene, die vorher den aus heutiger Sicht lausigen Eintritt gezahlt hatten. Sie waren deutlich in der Mehrheit. Ihr ´Biotop´ glich einer Art Freiluftgehege, das an Massentierhaltung erinnert. Auf engstem Raum zusammengepfercht, ähnelte der Anblick all dieser Menschen einem flach gelegten, völlig übervölkerten Bienenstock.

Alan Spenner, der in Woodstock gemeinsam mit Joe Cocker auf der Bühne gestanden hatte, erinnerte sich rückblickend:“ Wir standen da auf der Bühne und schauten in die Menge und es war, als würde man am Pier in Southend stehen. Nur war das nicht das Meer, sondern das waren alles Menschen, so weit man sehen konnte…“ In Bethel war das Publikum noch ein sanft und friedlich anbrandender Ozean gewesen, freundlich umrahmt von satten Grünanlagen, doch mutierte die Masse Mensch auf der von atlantischen Stürmen kahl geschorenen Insel zur bloßen Staumasse, die wie ein stehendes Gewässer im vorgezeichneten Planquadrat stecken geblieben schien. Die Landschaft atmete nicht; sie lag öde und nichtssagend. Den Anwesenden fehlte spirituelle Wärme, gleich denen, die den ´Winter von Altamont´ erlebten. Adam Hart, der seinerzeit in Northumberland in einer buddhistischen Landkommune hauste und auf dem Gelände ein aufblasbares Riesenzelt für Jamsessions und Mantrachöre zur Verfügung stellte, war nachträglich der Meinung, das hier bereits das Ende der Sechzigerjahre markiert worden sei:“ Der utopische Traum einer Welt ohne Geld war ausgeträumt. Unser unwirklicher anarchistischer Traum lief auf Grund. Die Party war vorbei.“

Recht eigentlich tobte sie sich dort aber noch einmal schlecht und billig aus. Anarchistische Gruppen sorgten für Krawall und demolierten einen eher kläglich anmutenden Wellblechzaun, der den lauthals geforderten freien Eintritt unterband, wie denn an den Rändern des eigentlichen Festivalgeländes tage, – und nächtelang protestiert wurde, während all jene, die einfach nur dabei sein wollten ohne zu zahlen auf besagtem Hügel verweilten.

Noch einmal Alan Spenner zu Woodstock:“ Ich fühlte mich wie auf einem Trip…einem ganz natürlichen Trip…und das nur von den starken Vibes, die von den Leuten rüber kamen. Jeder war so glücklich und gutmütig…alle waren so unglaublich gut gelaunt…und alle in der gleichen Stimmung…“

“ Die knallen uns ab,“ meinte, sichtlich verängstigt, der coole Kris Kristoffersen am Ende seines Auftritts – auf der Isle of Wight. Noch bevor das letzte Lied verklang verließ er das Set, einmal mehr alarmiert durch den Radau vor´m bedrohlich absinkenden Blechzaun. Weil so unglaublich viele Menschen anwesend waren, fiel den meisten von ihnen wohl gar nicht auf, was an der morschen Peripherie abging, wie denn die Jungs von den Stones erst Tage nach Altamont davon erfuhren, das während ihres Auftritts ein Mensch getötet wurde. Die schiere Masse betäubt und behütet, und wo sie nicht überkocht, da bleiben ihre ´Bestandteile´ entsprechend träge.

„This is a psychedelic concentration camp!“ brüllte ein Woodstock Veteran von der Bühne der Isle of Wight in Richtung Publikum. Andere, die ihren Unmut äußerten, waren stark politisiert. Agit-Prop hatte auch der Aktivist Abbie Hofman in Bethel praktizieren wollen, doch schubste Pete Townshend ihn kurzerhand ins Publikum zurück. Die Bühne wollte damals keiner stürmen, später auf der Insel versuchten sie es nahezu verbissen. Dort wurde eigentlich nur der Traum grenzenloser Freiheit gemeuchelt: ein Phantasma, das in den Köpfen derer spukte, die ihn mit viel Schaum vor dem Maul exekutieren.

Im Film tauchten einige dieser ´Grenzgänger´ auf. Ein verwirrter, wiewohl sanfter Hippie störte den Auftritt von Joni Mitchell, um einen ´Apell´ zu verkünden; vielleicht war es auch nur irgendeine Trip-affine Spinnerei. Die Mitchell wollte ihn nicht reden lassen, weshalb ein paar Ordner zupackten und den armen Jeck von der Bühne zerrten, der nachher vor laufender Kamera wirr weiterbrabbelte. Die Dame selbst brach in Tränen aus, als das Publikum sie am weitermachen hindert und fies ausbuhte. Die Nerven? Auch der Veranstalter dieser aus den Fugen geratenen Freiluftsause war, nach Aussagen John Densmores, einem Nervenzusammenbruch nahe. Man sah´s ihm deutlich an.

Ausgerechnet dem eher unscheinbaren Leonard Cohen, zeitlebens depressiv und unsicher, ratlos und voller Zweifel, gelang es, „das Ungeheuer zu zähmen“, wie Kristoffersen sich ausdrückte.“ Eine einsame und traurige Stimme schaffte das, was einige der besten Rockmusiker der Welt drei Tage lang versucht und nie geschafft haben.“ Angeblich sei das Publikum vor seinem Gig erschöpft und gereizt zugleich gewesen. Soeben waren Kioske und Stände in Brand gesetzt worden. Mitten in der Nacht weckte man dann den Mann auf, der deutlich älter war als die meisten der Besucher und mit Revolten nun wahrlich nichts mehr am schlaffen Hut hatte. Cohen schlurfte in Schlafanzug und Ledermantel auf die Bühne und stimmte, scheint´s völlig abwesend, zwanzig Minuten lang seine Gitarre. Dann spielte er siebzehn Songs, fast alle ruhig und leise, und las aus seinen Gedichten vor. Die Menge war, wie sein Biograf Ira Nadel berichtet, völlig ruhig und gleichzeitig hellauf begeistert. Cohen selbst schien die Leute zu verspotten als er, mit zärtlicher Stimme, die ein Hauch leisen Bedauerns nur noch gefügiger machte, bemerkte, wie schwach und gebrechlich jene seien, die da vor ihm im Dreck hockten. Wohlgemerkt: während des Auftritts sagte er denen das, mild lächelnd, doch irgendwie an allen vorbei, in den dunklen Nachthimmel hinein, den er verklärt anblinzelte, als spräche die Sonne selbst aus seinen Worten. Aber keiner murrte. So schläfrig und betäubt wie jener sang und sprach schien auch die Gemeinde selbst, die ihm da lauschte. Das, freilich, hielt nicht lange vor.

Eine unselige Atmosphäre, die sich im weiteren Verlauf der Veranstaltung nahezu bleiern, wie eine dunkle Wolke über dem Gelände ausbreitete, verdüsterte den weiteren Verlauf der ganzen unseligen Veranstaltung. Es war, als stieße der Himmel stündlich Blitze aus. Es kam zu bissigen Schlagabtäuschen zwischen den Veranstaltern und besagten ´Zaunrebellen´. Schon nach dem Auftritt Kristoffersens hatte der Chefstratege die Unruhestifter als ´Pigs´ beschimpft und sehr konservativ daran erinnert, das sie hier nichts als Gäste seinen.

Zu allem Überfluss hatten die Bands mit Unzulänglichkeiten allerlei Art zu kämpfen. Während des Auftritts von Jimi Hendrix fing das Bühnendach Feuer. Es war einer seiner letzten Auftritte, dem eigentlich noch eine Europatournee folgen sollte. Er habe Hendrix, so der Veranstaltungs-Impressario Fritz Rau, nie gesammelter erlebt als in jenen Tagen. Wie sich die Schicksale gleichen. Einen Monat nach dem Auftritt auf der Isle of Wight wurde Jim Morrison in San Diego interviewt. Auch er wirkte erstaunlich gelöst und zuversichtlich. Und gab zu hoffen, dass die ins Wasser gefallene Europatournee doch noch stattfinden könne. Beide, Hendrix und Morrison, hatten von da ab nicht mehr lange zu leben. Tatsächlich befand sich unser Held in einem miesen Zustand, wovon die Mitschnitte des Sets auf der Isle of Wight nur zu deutlich zeugen. Matthias Fanck, ein neunzehnjähriger Festivalbesucher aus Nürnberg, meinte später:“ Die Doors waren sehr düster.“

Und so ziemlich am Ende. John Densmore hat in seinem Buch recht ausführlich geschildert, warum der Auftritt seiner Meinung nach einen echten Tiefpunkt in der Bandgeschichte darstellte. Morrison kam mit erheblichem Schlafdefizit in England an und hatte zudem einen Prozesstermin am darauffolgenden Montag im Nacken, der zu allem Überfluss auch noch frühmorgens beginnen sollte. Er musste also noch am selben Tag zurück fliegen. Im Vorfeld sprach er kaum, lehnte sogar Schnaps und Drogen ab und schien total von der Rolle zu sein.

Circa 2 Uhr nachts schlichen die Doors auf die lausig kleine Bühne: ein Tautropfen in einem Meer aus letzter Erwartung, Müdigkeit und Marschähnlichem Morast, den unzählig viele Menschen wie Insassen eines Internierungslagers abgrasten. Während des Auftritts blieb Jim ohne Regung, rauchte unentwegt und musste sich, um nicht zusammenzubrechen, immer wieder am Mikroständer festhalten. Da sei wirklich nichts mehr mit ihm losgewesen, meinte Densmore: keine Energie – nur Müdigkeit. Man spürt förmlich, sieht man sich heute die einzelnen Sequenzen an, das der Mann keine Lust mehr hatte. Jims Stimme, bereits hinüber, konnte nur noch extrem wackelig mithalten, und er sang ohne jeden Einsatz, meist eintönig und Leidenschaftslos. Morrisons Darbietung war so schwach, wie er auf den Beinen war. Insgesamt wirkte er nun wieder so unbeholfen und hilflos wie am Anfang. Er ging nicht länger in der Musik auf, und fast jeder Versuch, ihr auch nur halbwegs zu entsprechen scheiterte schon im Ansatz. Die Versuche des Sängers, halbwegs mit der Musik mitzuhalten, blieben kraftlos und halbherzig. Die anderen Doors waren gleichsam schlecht in Form und verpassten immer wieder ihre Einsätze. Das ganze Zusammenspiel wirkte verkrampft und ungelenk, wo es in besseren Zeiten nahezu telepathisch funktionierte. Die Spieler hatten es in der Vergangenheit vorzüglich verstanden, einander spontan Signale zu geben: an passenden Stellen, die markante Übergänge bildeten, galten dieselben als Einsätze. Entweder gab Jim mit einer heiß ersehnten Zeile den Ausschlag oder die andern servierten ihm eine gespielte ´Einladung´, mittels kurzer Phrase; je nachdem. Davon strotzten die längeren Stücke und Improvisationen. Das funktionierte nun nicht mehr. Sie selbst funktionierten nicht mehr: als Band. Die Gemeinschaft hatte sich aufgebraucht. Ihre Spirits, Jims allenthalben, waren flöten gegangen. Es war, als verflüchtigte sich mit dem Fokus (Jim) auch die ihn ausleuchtende Kraftquelle. Eine Art Kurzschluss hatte sie außer Betrieb gesetzt; der Rest lief nur noch über Notstrom. Dazu passte auch das ganze Bühnenbild. Die Doors hatten keine eigene Anlage mitgebracht und mussten vorlieb nehmen mit dem, was da war oder übrig blieb. Man sah ob der spärlichen, dämmrigen Beleuchtung, die hauptsächlich blutrot troff, kaum etwas von der Band, wie denn das Publikum in der Schwärze der Nacht verschwand. Morrison suchte während der Instrumentalparts von sich aus das verbliebene Dunkel auf, mitunter auch wieder mit dem Rücken zum Publikum. Es schien, als wolle er sich vor allen denen, die er gar nicht sehen konnte, verstecken; lautlos verschwinden – ganz in Luft auflösen. Meistenteils abwesend, aber ohne begleitenden Rausch, schleppte sich Jim durch das schaurig klapprige Set, dem er nur im Mittelteil von When the music´s over noch einmal, in allerletzten Resten, den alten Zauber einzuhauchen verstand. Die wenigen, peinlich bemühten Reibeisenversuche versandeten kläglich.

Tatsächlich war dies der einzig passende, das nahe Ende wirklich bestätigende Abgang; als Reinfall. Gleichzeitig sah man sie alle noch einmal in den gewohnten, den vertrauten Körpersprachen – aneinander vorbei kommunizieren. Das gemeinsame Band war zerrissen. Der Kitt hielt nur noch zusammen, was die Routine in letzten Resten aufbrachte. Manzarek: konzentriert und ungerührt. Den heimlichen Bandleader mimend, bis zuletzt. Krieger: ein wenig verlegen auf und abgehend. Immer auf Horchposten. Densmore: fiebrig, nervös, impulsiv. Jazzlike. Und Jim? Schon nicht mehr von dieser Welt. Wie fremd geparkt. The lonesome cowboy.

Dazu passte auch der Schluss des Films. Die Macher überraschten einen zuvor aufgelesenen, nicht unsympathischen Anarcho beim Kacken, um ihn bei der Gelegenheit noch einmal auszufragen. Die Szene hätte besser nicht getroffen werden können. Alles für den Arsch sozusagen. Einmal spülen bitte – weg den Dreck. Der Festivalbetreiber hatte sich zuvor mit nassen Augen und einem Massenständchen vom Publikum verabschiedet. Und meint später, seltsam gelöst, dass dies wohl das letzte Großereignis seiner Art gewesen sei – und er sich nun deutlich älter fühle. Und klar, wie bei Woodstock: war es ein finanzielles XXL-Desaster. Auch hier musste man zuletzt freien Eintritt gewähren. Auch hier lief schief, was schief laufen konnte. Nur anders eben.

Das Jahr endete für Jim mit einer Gedicht-Session, passend zu seinem letzten Geburtstag. Das meiste davon blieb unbrauchbar, weil der Dichter bereits besoffen im Studio erschienen war und im Laufe der Aufnahmen immer mehr in sich hineinschüttete. 1970 war sein Jahr der Abgänge, vor dem wirklich letzten im darauf folgenden. Das Zerwürfnis der Band mit ihrem Produzenten fügte sich ins trübe Bild. Paul Rothchild konnte mit dem neuen Material nicht mehr viel anfangen und bot seinen Rücktritt an. Statt seiner nahm sich Toningenieur Bruce Botnick der Produktion an. Die Gruppe raufte sich ein letztes Mal zusammen und spielte in chilliger Atmosphäre das finale Album ein. Man merkte ihm an, dass es nicht mehr unter dem strikten Dirigat Rothchilds entstand. Die Doors klangen noch einmal mit Abstrichen knackig, lyrisch – frühlingshaft frisch. Jim balzte und brüllte, keuchte und koste sich durch ein sehr unterschiedliches Programm; mit letzter Kraft und letzem Einsatz. Zwischen bluesiger Ermattung und sanfter Verklärung, gereift wie gerädert, reizte er sein Potential bis zur Neige aus. LA Woman feierte noch einmal die Lebensfreude; Riders on the storm begrub sie wieder.

Im Rahmen seiner Möglichkeiten hatte Jim ein letztes Mal alles gegeben. Die Plattewurde Morrisons musikalisches Abschiedsgeschenk. Der Vertrag mit Electra Records lief aus. Ein neuer blieb, unter den gegebenen Umständen, mehr als fraglich. Die stabilen Verkaufszahlen ihrer Alben konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit den Doors nicht mehr viel los war. Sie galten seit Miami als Risikofaktor und hatten ihrerseits jedes Interesse an Live-Auftritten verloren, die ihnen ohnehin kaum noch gewährt wurden. Die wenigen verbliebenen hauten niemanden mehr vom Hocker. Alles hing jetzt irgendwie in der Luft. So wie Jim, der einfach nicht mehr weiter wusste. Damals begann er damit, seine Bücher aus dem Fenster zu werfen, nur um sie am nächsten Morgen wieder einzusammeln. Das alte Bildungserbe, macht diese Notiz deutlich, hatte sich, wie die Drogen, längst aufgebraucht; beides konnte, im lausigen Wechsel, abgetan und aktualisiert werden, ohne das es den Mann irgendwie weiter gebracht hätte. Der Alkohol erledigte den Rest. Die vielen halbgaren, übrig gebliebenen Vorhaben, denen sich Jim weniger widmete, mehr umständlich oder plump annäherte, zerstreuten ihn allenfalls. Echte Sammlung, die für einen Neuanfang nötig gewesen wäre, fand so nicht mehr statt. Er bestellte damals zig Essen auf einmal und stocherte dann in jedem etwas herum. Dieser Mensch wollte noch immer alles, aber nichts mehr so richtig. Nichts lief auch nur halbwegs oder einigermaßen: auf ein konkretes Ziel zu. Jim waren im Laufe der Zeit sämtliche Maßstäbe verloren gegangen; neue ließen sich kaum setzen. Er hatte verlernt, Trennlinien zu ziehen. Ohne halbwegs sichtbare Grenzen verlor sich jeder noch so klägliche Ansatz im Maß, – und Grenzenlosen.

In einem Interview, das Jim seinem späteren Biografen Jerry Hopkins im Frühjahr 69 für den Rolling Stone gewährte, brachte er wiederholt, in immer neuen Anläufen, seine Ansicht zum Ausdruck, das die Dekade des Überschwangs, des Aufbruchs und der Himmelstürmenden Hoffnungen schon ein Jahr früher vollends vorbei gewesen sei. Demnach markierte 1968 das Ende einer „spirituellen Renaissance“, wie er sich ausdrückte. An ihrem Anfang stand das berauschende Erlebnis von 1965, als ihn die Musik wie ein Fieber überkam. Und er musste zugeben: seither war nicht mehr viel dazugekommen. Die von unsichtbarer Hand herbei gezauberten, bezwingend intensiven und doch flüchtigen Visionen des numinos wirkenden Beginns hatten sich in alle Winde zerstreut. Der Ruhm zehrte bis zuletzt von diesem magischen Moment einer unerklärlichen Frühe, die als Anfang schon ihr eigenes Ende bedeutete. Bezeichnenderweise kam Jim am Ende des Interviews auf seinen Alkoholismus zu sprechen. Er empfand das saufen als Akt einer Kapitulation, die statt des anverwandten Selbstmordes viele kleine Schritte erlaubte, um den letzten noch ein wenig hinauszögern zu können. Soll heißen: Er hatte, wie Rimbaud, mehr oder weniger alles gegeben und nichts Nennenswertes mehr nachzureichen. Das überschwängliche Frühwerk war längst Geschichte, das trunkene Schiff gestrandet, die jähen Einfälle vorbei – der Quell versiegt.  Jim war reif geworden für die letzte Reise, von der er sich selbst vielleicht nichts weiter als einen möglichst schmerzfreien, halbwegs erträglichen Abgang versprach.

I drink so i can talk to assholes. This includes me

All jene, die Jahre zu vor so hoffnungsfroh losgelegt hatten, fand eigene, mitunter fragwürdige Ausweg aus der Misere. Die Wege führten in den Terror oder in die Öko-Kommune, begannen als Marsch durch die Institutionen oder verliefen sich im Privaten; je nachdem. Fakt bleibt: ohne den magisch-mythischen Vorlauf wäre der weitere Verlauf ein gänzlich anderer gewesen. Die vor allem in Deutschland ermüdend häufig und so ernüchternd plakativ abgehandelten 68er bildeten tatsächlich einen fatalen Achsenbruch, der dem  ´Karriereknick´ unseres Stars – das sollte bis hierhin deutlich geworden sein – nahezu deckungsgleich entsprach. Das mag abschließend noch einmal beispielhaft in Erinnerung gebracht werden.

In den Staaten fing alles an, wie wir sahen. In dämonischer Übereinkunft schlugen die Befindlichkeiten einer ganzen Nation dann auf deren weitere über, und die begleitenden gesellschaftlichen Tumulte überschnitten sich ihrerseits mit lauter kleineren und größeren Ereignissen, deren Wucht den Lebensläufen junger Menschen einen unerhörten Schub verpasste und nicht wenige von ihnen aus der verlässlichen Umlaufbahn katapultierte. Was damals alle Welt bewegte, das erregte und erhitzte die Gemüter im einzelnen so gut wie in ihrer kollektiven Verrechnung; auf eine Weise, die heute allenfalls nachvollzogen, kaum mehr authentisch nachempfunden werden kann. Entsprechenden Ereignisse sind mittlerweile aufgearbeitet, eingeordnet und  entsprechend ´dingfest´ gemacht worden. Damals freilich, als alles noch im Fluss war, wusste keiner, ob dieser Strom sich ein ruhiges Bett graben würde oder – alles mit sich fort reißen könne. Jim, der mit alledem erstaunlich wenig zu tun hatte und sich auch nur selten konkret zum Tagesgeschehen äußerte, verkörperte auf ganz eigene Weise die Anmaßungen und Überhebungen einer Generation, die im Ganzen scheitern musste, wiewohl sie ein Einzelnen unendlich viel bewegt hat.

Das setzte eine echte Brandbeschleunigung voraus. Erinnert: anno 68 wurden nicht nur Robert Kennedy und Martin Luther King gemeuchelt, in diesem Jahr fand auch die verheerende Tet-Offensive statt, beginnend im Januar des Jahres bis in den September hinein. Das amerikanische Volk bekam in schonungsloser Direktheit den entsprechenden Bilderreigen schon zum Frühstück frei Haus ´serviert´. Und immer öfter dann. Die sorgsam aussortierten Szenen, gipfelnd in der Hinrichtung eines Vietcong mittels Kopfschuss vor laufender Kamera, einen Tag nach Beginn der Tet-Offensive, versetzten die Nation in Aufruhr und verwirrten solcherart liebgewonnene, unhinterfragt gebliebene Selbsteinschätzungen. Die moralischen so gut wie jene, denen man die eigene Übermacht zurechnete. Der Überraschungsangriff des Vietcong zeigte den USA deutlich auf, das es einen Willen gab, der sich gegen den ihren energisch zu behaupten verstand. Wiewohl das amerikanische Militär mit Unterstützung der südvietnamesischen Armee den tollkühnen, von vornherein zum Scheitern verurteilten Vorstoß rasch und blutig niederschlug, bei weit geringeren eigenen Verlusten, verlor doch die Fernsehgesellschaft in der Heimat mit jedem neuen, Gräuelüberladenen Exklusivbericht das Vertrauen in einen Waffengang, der nunmehr schmutzig, schaurig – schändlich wirkte. Und als ungerecht empfunden werden durfte. Wen scherte da noch, das die wenigsten der für maximal ein Jahr verpflichteten Soldaten kaum je in echte Kampfhandlungen verwickelt wurden und bis zum Schluss die eisgekühlte Coca Cola binnen fünfzehn Minuten bis in die vordersten Linien geliefert bekamen? Der Wurm war drin, und er nagte unablässig am Gewissen einer Nation, die eigentlich nie zimperlich gewesen war; die einiges ertrug. Schon zuzeiten des Sezessionskrieges wurde die ´Heimat´ mit drastischen Daguerreotypien versorgt. Das lag nun allerdings schon hundert Jahre zurück. Hanoi war nicht Gettysburg. Die Stimmung, Anfang 68 eher angespannt, schlug deutlich um. Amerika war sich seiner gerechten Sache nicht mehr sicher. Robert Kennedy artikulierte das sehr glaubwürdig in Anschluss an den Mord des Bürgerrechtlers King, als er öffentlich und vor laufender Kamera fragte, was für ein Land das eigentlich sei und wo es hin wolle. Wenige Wochen später kam er selbst an die Reihe.

Kennedy und King galten als Hoffnungsträger. Um Ausgleich bemüht und von authentischer, liberal-demokratischer ´Konfession´, versprach man sich gerade von ihnen das Unmögliche. Ihre Ermordung trug viel zur Radikalisierung des Protests bei, der am Unmöglichen festhielt. Sowohl die jungen Schwarzen als auch einflussreiche Teile der Studentenbewegung muckten nun immer merklicher auf und reizten die unnachgiebig knüppelnde und bald schon scharf schießende Nationalgarde. Auch hier wurden die entsprechenden Bilder nahezu täglich im Fernsehen gezeigt und von einem zunehmend nachdenklichen Walter Cronkite entsprechend kommentiert. Der wusste schon vor dem in Chicago stattfindenden Parteikonvent der Demokraten, das die ihn begleitenden Proteste in Chaos und Anarchie, in schiere Gewalt münden würden; und sprach von den Exzessen eines Polizeistaates, die aber, laut Umfrage, noch immer von 65 % der Bevölkerung gebilligt wurden. Tatsächlich ähnelten die entsprechenden Bilder mehr einem Krieg, den man zeitgleich aus Fernost nachgeliefert bekam.

Der Vietnamkrieg lieferte sozusagen die Steilvorlagen. Noch einmal: nie zuvor und erst recht nicht mehr danach ist in so schonungsloser Offenheit über einen Waffengang berichtet worden, der doch insgesamt weit glimpflicher verlief als die vorangegangenen Einsätze. Das galt aber nur für die ´Ordnungsmacht´ selbst. Die nordvietnamesische Befreiungsarmee und die ihr entweder verpflichteten oder ausgelieferten ländlichen Bevölkerungsteile: hatten ungleich mehr Verluste zu beklagen. Der Durchschnittsamerikaner konnte sich das wöchentlich im Fernsehen anschauen: brennende Dörfer, verwesende Leichen – vernichtende Abwürfe und Abschüsse. Es gab in den späten Sechzigern keine Zensur, keine roten Linien für vor Ort recherchierenden Journalisten, wo früher nur Militärberichterstatter an passenden Filmen für die im Kino gezeigten Wochenschauen bastelten. Die Reporter ´genossen´ in Vietnam völlige Bewegungsfreiheit, konnten jederzeit und überall voll drauf halten. Keiner kassierte das Filmmaterial.

Auch über den exzessiven Drogenmissbrauch völlig überforderter Soldaten wurde frank und frei berichtet. Nicht selten direkt im Einsatzlager, häufiger in den Spelunken; in der Etappe Saigon. Die Metropole hatte sich durch die Ankunft der Besatzungsarmee binnen kurzem in ein einziges, riesiges Bordell verwandelt. In der südvietnamesischen Hauptstadt versorgten sich die GI´s auch mit Drogen jeglicher Art. Im Unterschied zu denen, die noch in Korea unter der Flagge der UN fochten, waren diese Männer aus einem anderen, sehr viel weicheren Holz geschnitzt. Insgesamt sensibler, nachdenklicher und entsprechend kritisch gestimmt, zerbrachen sie unter der Last eines Waffenganges, der sie fern der Heimat verpflichtete und den die meisten in einer trügerischen, tropisch aufgeheizten Atmosphäre zunehmend als Alptraum empfanden oder erlebten. Es war der erste Fernsehkrieg der Geschichte, womit keiner in den verantwortlichen Stäben gerechnet hatte, und als solcher geriet er nun zum medialen Groß, – und Dauerereignis. Je entsetzter das Publikum auf die bereits erwähnten Aufnahmen reagierte, umso exzessiver wurde es mit weiteren versorgt. Davon bekam gerade der Soldat am wenigsten mit. Zwischen Langeweile, Angst und mildernder Betäubung irrlichternd, verschwand der Waffengang für nicht wenige der im Durchschnitt 19 Jahre jungen Soldaten hinter einer dämmrigen, diffus ausgeleuchteten Nebelwand. Ein seinerzeit beliebter Schlager hieß denn auch A foggy day in Vietnam. Die ´Boys´ saßen ihre ´Frontbewährung´ mehr oder weniger auf halber Backe ab, dröhnten sich entsprechend zu und hofften zugleich, dass in der Zwischenzeit nichts Schlimmes passieren möge. Untätigkeit, Rausch und latente Angstbereitschaft kennzeichneten den Realitätsverlust derer, die als einfache Wehrpflichtige 12 Monate in Fernost auszuhalten hatten, bevor man sie wieder zurück in die Heimat schickte. Durch passende Drogen halbwegs beruhigt oder berauscht, wurde der Soldat im Laufe der Zeit nervös oder lethargisch, im Ganzen ein einziges Nervenbündel. Vor diesem psychosozialen Hintergrund verwandelte sich der umliegende Dschungel in eine Hölle aus Fieber und Tod. Er blieb stets in Reichweite und verfolgte die Menschen als tropischer Irrsinn bis in ihre Träume hinein. Die Neurosen der Heimkehrer hatten sehr viel mehr mit den atmosphärischen Eigentümlichkeiten einer ihnen grundfremden Welt zu tun als mit den eigentlichen Kampfhandlungen, deren wackelige Verläufe mittels Luftunterstützung prompt und zuverlässig bereinigt werden konnten. Die für das heimische Publikum ´abgegrasten´  Bilder, denen man kaum ansah, dass sie Ausnahmen bildeten, täuschten darüber hinweg, dass hier weniger das Gefecht, mehr die dauernde Alarmbereitschaft eine ganze Generation um den Verstand brachte. In Francis Ford Coppolas Apocalypse Now wird manches davon spürbar, passend zum ödipalen Meisterwerk der Doors, mit dem der Film stilsicher beginnt.

Weniger beim kämpfen, das selten im bedrohlich ausufernden Dschungel, viel häufiger in den umliegenden Reisfeldern stattfand, verloren die blutjungen Uniformträger ihre Unschuld, als in den schwülen Bars der großen Stadt, vollgepumpt mit Drogen und von spärlich bekleideten Animierdamen umgeben, die für einen Bruchteil des eigenen Solds zu haben waren. Vietnam wurde zum moralischen Menetekel einer Nation, die sich so viel auf ihre vorgeblich weltumspannenden, allerorten gültigen Werte einbildete, die hier so schnöde und vor aller Ohnmacht Augen verkamen. Das Fernsehen verwandelte diesen Waffengang in eine frühe Reality-Show, was damals unerhört und neu war. In den Staaten folgte das Fernsehen als Massenphänomen  dem schon erwähnten Korea Krieg, der so noch einmal in den entsprechenden Formaten ´schadlos´ gehalten werden konnte. Im Staate Israel, anderes Beispiel, nahm der erste Fernsehsender im Mai 1968 seinen regulären Betrieb auf, also gut ein Jahr nach dem fulminant gewonnenen Sechs Tage Krieg. Der nächste Waffengang fand gut fünf Jahre später statt und liefert schon die ersten beklemmenden Bilder, die ihrerseits viel dazu betrugen, der Mythos von der Unbesiegbarkeit Zahals zu erschüttern.

So ähnlich fühlte es sich auch drüben in der neuen Welt an. Die gebannt vor den Bildschirmen versammelten Zuschauer verfolgten so neugierig wie zunehmend irritiert, was sich fernab der Heimat zusammen braute. So auch in Europa und bald im ganzen Rest der Welt. Den täglichen Unzumutbarkeiten konnte man nur noch mit Abscheu und Entrüstung begegnen. Gleichzeitig entwickelte sich schon jener unselige Voyeurismus, der wie von selbst dafür sorgte, dass die lüsterne Gemeinde nach mehr lechzte. Die Erwartungshaltung zielte, einmal entsprechend konditioniert, auf immer weitere Ungeheuerlichkeiten. Die vor Ort akkreditierten Journalisten lieferten. Die Söhne der Nation auch. Das Massaker von My Lai, datiert auf den 16 März 1968, stellte dies schonungslos und schauerlich unter Beweis. Die Manson Familie wütete ein Jahr später nicht minder monströs.

Und doch: blieben dies Ausnahmen. Im Rausch, der das unerträgliche Nichtstun betäubte, so gut wie in der situativen Bewährung, von der Apathie bis zum unvermittelt auftretenden Ausnahmezustand: verbummelte der Soldat sein Jahr in Vietnam sozusagen auf der eigenen Überholspur. Das galt auch für jene, die kraft ihrer Kommandogewalt dazu übergingen, ganze Urwälder zu entlauben, solcherart also den vielzitierten totalen Krieg erprobten, der dennoch als verloren galt. Nichts von alledem blieb der Öffentlichkeit lange verborgen. Die Berichterstattung, brutal ehrlich und gnadenlos direkt, mochte den Manipulationen des Body Count noch nicht auf die Schliche gekommen sein, doch ließ sie nichts unversucht, das Spektakel in seiner entwürdigenden und verstörenden Nacktheit für´s Publikum einzufangen.

Ähnlich unverstellt und unverfroren lebte auch Jim sein damals nicht minder zugespitztes, täglich gefährdetes Leben, das sich in Rekordgeschwindigkeit aufrieb bzw. abnutzte: tragisch sichtbar für alle, die Zeugen wurden, wie sich der Schönling in ein Ungeheuer verwandelte. Er exekutierte den amerikanischen Traum auf eigene, nicht minder fatale Weise, und jener Schneise der Verwüstung, welche im fernen Indochina der gewaltigen Streitmacht zu fragwürdigem Ruhm verhalf, entsprach die zunehmend heruntergekommene Erscheinung eines Menschen, der dabei war, sich selbst zu zerstören, wie denn der amerikanische Traum seinerseits im Schatten schauriger Ereignisse immer fragwürdiger zu werden begann. Und Schaden an der eigenen Volksseele nahm. Die der Jugend wurde dadurch nur zusätzlich erregt.

In seinen Ansprüchen, die jedes Maß überstiegen, traf Jim sich mit den Protagonisten einer Bewegung, deren Pathos eine Zeit lang echt war und schnell von der eigenen Unruhe in den Infarkt getrieben wurde. Die Wucht der Ereignisse trug manchen über alle Ziele hinaus, und sie zerstreute die geballte Kraft, was so schließlich auch auf Morrison zutraf. Ihn verband mit den seinerzeit revoltierenden Massen junger Menschen vor allem die gemütsinterne Hypertrophie, der auch das Ausmaß intellektueller Überspitzung entsprach, doch fanden beide – ´Volk und Führer´ – jenseits der Ereignisse, die für Furore sorgten, nie wirklich zueinander. Wie gesagt: hat Jim sich seltsam fern von alledem gehalten, und litt doch, gleich denen, die es ihm auf eigene Weise nachtaten, ganz an sich und seiner Zeit. Im Scheitern der 68er spiegelte sich denn auch, wie in einem vergrößerten Glas, die Vergeblichkeit dessen, der als hemmungsloser Individualist überkommene Gewissheiten herausforderte und in Frage stellte, die wärmenden Kollektive verlässlicher Überlieferungen zerschmetterte und mit der Eiseskälte eines in sich erstarrten Feldherren ein Schlachtfeld inspizierte, das er selbst angerichtet hatte. Umgekehrt schlug der Überschwang der 68er im Siedepunkt einer geschichtlich einmaligen Konstellation Funken aus, die ein Feuer entzündeten, das nur kurz wild um sich schlug, bevor der Flammenfuror an sich selbst erstickte. Ein Flächenbrand wurde eigentlich nur in der sogenannten Dritten Welt daraus. Jims Genius traf sich weniger mit den Zufällen der Zeitläufe als das er ihnen als ein einsamer Stern vorausleuchtete: ein echtes Irrlicht, das jäh und prächtig in Erscheinung trat, bevor sein Leuchten in den Weiten des Alls verpuffte.

Dass Jim nicht wirklich in eine Zeit hineinpasste, in die er doch gehörte, weil sie den Mythos Morrison barg und begründete, formte und vernichtete, zeigt sich in seinen Anfängen so gut wie am Ende: zu Beginn und ganz zum Schluss. Venice und Paris: beiden Orten eignet eine verschlungene Verwandtschaft, die man nur über den biografischen Zusammenhang erfasst, ohne sie ganz zu Ende begreifen zu können. Der Kunsthistoriker Walter Riezler beschäftigte sich in einer noch während des zweiten Weltkriegs verfassten Schrift mit dem genialen, nicht unumstrittenen Dirigenten Wilhelm Furtwängler und stellte, den Jüngling  betreffend, folgendes über dessen Aufenthalt in Florenz fest:“ Er sah Michelangelo, vor allem die Figuren der Medicikapelle, und erfuhr dort eine Erschütterung ganz besonderer Art. Offenbarte sich ihm in der Matthäus-Passion der Geist der Musik selber, der sich des genialen Menschen nur wie eines vollkommenen Werkzeuges  bedient, so erlebte er vor den Figuren des Michelangelo die schöpferische Gewalt des Künstlers, der auf sich selbst gestellt eine ganze Welt mächtigster Gestalten wie aus dem Nichts erschafft, auf einem Wege, den ihm kein Vorgänger gewiesen und der nach ihm jeden, der ihm folgen wollte, in die Irre führte.“ Furtwängler wollte Komponist sein und als solcher ernst genommen werden, er wurde dann aber fast ausschließlich als Dirigent wahrgenommen, was ihn durchweg mit Verachtung und Verbitterung erfüllte. Wiewohl von aller Welt, trotz tragischer Verstrickung mit dem dritten Reich, gefeiert und bewundert, lag dem Interpreten wenig bis nichts daran. Auch er verstummte dann am Ende seines Lebens und gab jede weitere künstlerische Betätigung preis. An der Seite seiner Frau, der er versicherte, dass er nun bald sterben werde, zog er sich ganz aus dem öffentlichen Leben zurück. Ein Star-Dirigent, der Komponist sein wollte, und ein Dichter, den man als Popstar feierte: beiden eignet eine innere Tragik, die doch in den entscheidenden Momenten das Überzeitliche, das recht eigentlich Wesentliche ihres Waltens zum Ausdruck brachte.

VII.

Wer im Verkehr mit Menschen die Manieren einhält,

lebt von seinen Zinsen. Wer sich über sie hinwegsetzt,

greift das Kapital an.

Hugo von Hofmansthal

Bis zum Schluss blieb es äußerst schwierig, mit einem Menschen wie Morrison halbwegs verlässlich auszukommen. Er hielt sich nicht an Termine und Vereinbarungen, war oft tagelanglang verschwunden und strapazierte, je nach Laune, den zwischenmenschlichen Umgang bis auf´s Äußerste. Die vor allem von Sugarman und Hopkins gesammelten Anekdoten legen den Verdacht nahe, dass hier ganz wesentlich Kompensationsbedürfnisse eine Rolle gespielt haben. Jim wird die für ihn so typische, nie ganz überwundende Verklemmtheit, seine Unsicherheiten und Zweifel über derlei inszenierte, situative Zuspitzungen auszuloten versucht haben. Erinnert: früh ging er dazu über, mittels gezielter Provokationen sich selbst und andere zu ´testen´. Sorgsam auf Abstand bedacht und unfähig, sich dem Gegenüber auch nur halbwegs zu öffnen, spielte er ständig seine Spielchen mit den anderen. Nicht wenige seiner Anmaßungen trugen gehässige, mitunter sadistische Züge, weshalb John Densmore in seinen Erinnerungen bekannte, die Biografie von Sugarman und Hopkins lese sich als sei Morrison „ein komplettes Arschloch gewesen.“ Andererseits potenzierten Jims Extravaganzen auch jene schwer fassbare, von niemandem ernsthaft bestrittene Faszination, die zweifelsohne bis zuletzt von ihm ausging. Ihr erlagen auch und gerade solche, denen der Psychoterror jeweils galt. Seine ständigen Provokationen waren Selbstschutz und Angriff zugleich. Über diese ´Versuchsreihen´ ermittelte er weniger den eigenen Standort, mehr die erreichte Position. Die blieb vakant. Morrison musste sich wieder und wieder den anderen überlegen zeigen, denn nur so konnte er eigene Gefühlslagen, Scheu und Scham vor allem, überhaupt: den eigenen inneren Widersprüchen aktiv begegnen. Banal formuliert, musste er ständig was loswerden, und er tat das recht unverfrorenen mit denen die er kannte und solchen, die als Publikum abstrakt blieben. Seinen Konfrontationen eignet im Grunde eine Art Verlegenheit, die sich der passenden Mittel bedient, um nicht aufzufliegen. Jim kam so meist zu den gewünschten Ergebnissen, anhand derer er sich auch seine Theorien zu recht reimte. Die Reaktionen der anderen bestätigten ihn nur in seiner Überheblichkeit, mittels  derer sich die mickrigen Reste mangelnder Selbstbehauptung kaschieren ließen. Je unverfrorener in der Brüskierung, umso sicherer irritierte er damit sein Umfeld. Morrison neigte überhaupt zur Übertreibung: überheblich und überspannt wie er war. Mit jeder neuen Unverschämtheit, die er anderen zumutete, verwirklichte sich ein Stück weit auch das Vorhaben, Grenzen auch im Zwischenmenschlichen zu überschreiten. Insofern handelte es sich um weitere, teils an den Haaren herbei gezogener Ausbruchsversuche. Ihm war wohl weniger daran gelegen, entlang erwarteter oder beabsichtigter Reaktionen Klarheit zu erlangen: eher blieb er scharf drauf, dieselben emotional auszukosten. Was es mit ihm und den andern machte: das zählte. Nicht selten nahmen sich die entsprechenden Versuche albern aus. Einmal rief er die Journalistin Gloria Stavers an und bat sie, zu ihm ins Chelsea zu kommen. Die Tür stand offen, die Dame trat ein, rief nach ihm, suchte ihn: vergebens. Später rief Morrison zurück und fragte, wo sie bleibe. Stavers beteuerte, ihn überall gesucht zu haben. Daraufhin er:“ Nicht unter´m Bett.“

Entgegen kommend im intimen Gespräch, spontan hilfreich und sogar empathisch, erlaubte es die eigene Gefühlslage, konnte Morrison ohne große Umschweife umschalten und schnell sehr gemein, hinterhältig und listig wie eine Schlange sein. Freilich schonte er sich selbst nicht minder. Die zahlreichen, mitunter närrisch anmutenden Mutproben, mit denen er bis zuletzt sich und anderen beweisen musste, wer er war oder sein wollte, legen nahe, dass ihm gerade hier die letzte Festigkeit fehlte. Vor allem vor der eigenen Person hatte er zu bestehen. In den entsprechenden Situationen begegnet einem, so ironisch das klingen mag, einmal mehr der Soldat: Grenzgänge als Maximal-Erfahrungen, die gleich einem Fronteinsatz keine Ausflüchte mehr duldeten und den ganzen Menschen fordern.

Jims mutwillig herausgeforderte Gewalterfahrungen deuten diesbezüglich auf einen gewissen Masochismus hin. Stiftete der Volltrunkene in Kneipen Krawall an, zog er fast immer den Kürzeren und bekam schwer was auf´s Maul, aber das feuerte ihn nur zusätzlich an. Dennoch musste er sich stets einen ansaufen, unter Strom stehen, sich selbst entsprechend ´erden´, um das physische Elementarerlebnis in die Wege zu leiten. Saufen half, den inneren Schweinehund zu überwinden. Es törnte wohl auch an. Der Kick zählte.

In alledem konnte er sein Geltungsbedürfnis ausleben; narzisstisch bis zur Neige auskosten. Die mal kühl und kalkuliert, dann wieder hemmungslos in Szene gesetzten Selbstdarstellungen entsprachen einer Verlegenheit, die er nie ganz los wurde. Vordergründig handelte es sich um lauter Ersatzhandlungen, die Aufmerksamkeit um jeden Preis erzwangen. Neugier und Befriedigung, Behauptung und Befreiung blieben als Antriebe zeitlebens symptomatisch. Abgründe auszureizen, auch im Zwischenmenschlichen, wurde er nie müde. Das geschah auf mitunter sehr subtile Art und Weise, versteckt bisweilen und nicht immer in der Absicht, Außenstehende auf direktem Wege zu konfrontieren. Während des Auftritts in der Hollywood Bowl, im monotonen, die Musik auf stethoskopische Pulsschläge verlangsamenden Mittelteil von When the music´s over, rülpste er zunächst ins Mikro bevor er schrie. Häufig zögerte er Gesangseinsätze absichtlich hinaus, um zusätzlich Spannung zu erzeugen.

Solcherart zog der Grenzgänger ganz bewusst eine zusätzliche Grenze zwischen sich und den anderen, die er damit vor den Kopf stieß. Mit Bedacht tat er das Gegenteil von dem, was diese Anderen von ihm erwarten durften. In dem zwanghaften Bemühen, seine Person von allen – auch und gerade den jeweils nächsten – abzuheben, abzusetzen: gab er nie klein bei. Jim machte keinen Unterschied zwischen Einzelnen oder Vielen, zwischen Freunden oder Fremden. Auch hier sind es gewisse Kleinigkeiten, die das umso deutlicher zum Ausdruck bringen. Im Juli 1967, bei Dick Clark im ´American Bandstand´,  nahm er sich ganz bewusst von den andern in der Band aus. Als sie sich mit Namen vorstellen sollten, taten dies Densmore und Krieger, indem sie ihre Vornamen nannten. Dann kam die Reihe an den Sänger. Er antwortete mit ´Jim Morrison´. Manzarek kroch ihm, treuhündisch und um Ausgleich bemüht, sogleich hinterher. Als man sie ein gutes Jahr später in England, noch am Flughafen, um Name, Alter und Beruf bat, passierte dasselbe wieder, nur andersherum: die Bandmitglieder stellten sich hier mit ganzem Namen vor, er selbst aber, als natürlich letzter von allen, scherte aus: empfahl sich, betont locker, einzig mit Vornamen. Und klar: seinen Part bei den Doors konnte er, so simpel und banal wie die andern, auch nicht zum Besten geben. Die Posse klang mit einem spitzbübischen Lächeln aus, und damit hatte er die Sympathien gleich wieder auf seiner Seite.

Morrison reizte andere bis zur Weißglut oder bis zum abwinken. Wenn ihn, nach eigener Auskunft, die Paradoxien und Absurditäten des Lebens anzogen, so machte er auch daraus eine ziemliche Nummer; groß oder klein, je nachdem. Im ´Roadhouse Blues´ reduzierte er den Text im Mittelteil auf besagte Wortspielereien, vor denen seine improvisierte Dichtung nur so strotzt. Etwa: Dead cats, dead rats – ein einziges doof dreistes Limerick. Aber eben: ein Spiel. Oder, wie Jim meinte: Crap – that´s crap. Die um alberne Sprüche oder Wortspielereien bereicherten Textzeilen wirkten überraschend und zogen das Publikum an der Nase herum.  

I think you know, the game i mean, i mean the game, called go insane…

In nüchternem Zustand blieb Jim stets ruhig und höflich, im Ganzen freundlich und distanziert. Seiner Versponnenheit eignete eine gewisse Verstohlenheit, die sich mitunter peinlich berührt gab. Man könnte ihn so vielleicht etwas milder zu beurteilen, als er das eigentlich verdient hätte. Das Scheusal konnte in der Tat sehr charmant sein. Der Unhold, halbwegs klar im Kopf, sprach auf eloquente Weise einnehmend und aufreizend, trat man ernsthaft an ihn heran. Statt zu sprechen flüsterte er fast, zart im Teint und melodisch in der Note; und nahm sich überhaupt viel Zeit beim reden. Klang dieser Mann dann erstaunlich einfühlsam, behutsam und empathisch, sah sich fast jeder darin bestätigt, dass er aus dem Gros konkurrierender Exponenten deutlich herausragte. Man muss abermals an Nietzsche denken, über den der Essayist Egon Friedell in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit abschließend befand:“ Der Weltgeist liebt es, sich in den sonderbarsten Verkleidungen zu offenbaren (…) warum nicht auch einmal in einem sanften deutschen Professor?“ Der Verächter des Mitleids, Prophet des Übermenschen und Philosoph mit dem Hammer war nämlich einer – jenseits der Eruptionen, die seine Nachhut erschütterten. Galt wohl ganz ähnlich auch für den Lizard King, der alles kann. Nett sein. Und unübertroffen schäbig.

Aller Exzentrik zum Trotz können wir kaum umhin festzustellen, das vor allem der reife, der ´späte´ Morrison trotz aller Tiraden andern gegenüber ein Entgegenkommen offenbarte, das zweifelsfrei auch zu seinem Wesen zählte und insofern versöhnlich stimmt; mochte er im Ganzen noch so schwierig, ja kaum auszuhalten sein. Man folge nur aufmerksam den Tonbandaufnahmen der letzten Interviews, die seinerzeit mit Jim geführt wurden, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie geduldig und entgegenkommend dieser Mensch im Zweifel war, nahm man ihn nur richtig ernst. In diesen Gesprächen auf Augenhöhe blieb er unübertroffen höflich; manierlich durch und durch. Ein braver Junge, irgendwie. Seine Diktion kam dann fast ein wenig eintönig herüber, von schleppender Beharrlichkeit, ohne große Schwankungen oder Schwingungen, wie er sehr ehrlich und direkt, doch gleichzeitig auch eigentümlich kreisend in seinen Ausführungen wirkte. In dem Bemühen um Klarheit des Ausdrucks blieb er entgegen kommend und distanziert zugleich. So sprach einer, der das Grübeln nicht verlernt hatte, weil es ihn, als ´Übung´, ein Leben lang begleitet hatte. Es ist, als lauschte oder horchte diese Stimme beharrlich in das Wesen ihres Trägers hinein. Noch in den sprödesten Analysen schien sich der begleitende Zusammenhang in Fernen zu verlieren. Es fällt in der Tat auf, das sich diese wohltönende, durch nichts aus der Fassung zu bringende Stimme keine Gefühlsausbrüche oder schräge Töne leistete; die wohlerwogenen Sätze wirkten gleichsam wohlerzogen und folgten, einer nach dem anderen, einem festen Plan oder Muster, meist ohne nennenswerte Wechsel in den Tempi, überhaupt ohne große Varianten im Ausdruck, der doch um seiner selbst willen kultiviert wurde.  Die für ihn so typischen, gelegentlich bis häufig ausgehauchten ah´s und eh´s, als kurze Pausen, in denen er ein wenig stockte, deuteten an, das ihrem Sprecher der passende Ausdruck auf der Zunge lag. Jims Statements wirkten erstaunlich druckreif, sorgsam ineinander gefügt, geordnet und geduldig in eine schlüssige Reihe gesetzt, wie denn bei der Gelegenheit überdeutlich wird, das man es mit einem eifrigen, unermüdlichen Leser zu tun hatte. Der nahm sich Zeit, war die Ruhe selbst, und auch die Stimme beruhigte, und wirkte doch zwiespältig, als spräche sie aus einer großen Entfernung, einer Beschwörung gleich, die den simplen Hausgebrauch erprobt. Hier äußerte sich einer, dem man die schnelle Auffassungsgabe sofort anmerkte, doch hörte man seiner Stimme auch eine gewisse Hemmung an, als zögere er noch, die Ergebnisse seiner Gedanken sofort mitzuteilen, denn er war ein Mann der Worte, dessen sorgfältiger Gebrauch ihm am Herzen lag. Solches kontrastierte nur scheinbar zum Visionär, der den Sinnen auf´s Äußerste entgegen kam. Das begleitende ´Hintergrundrauschen´ glich im Gespräch eher einem keck dahinfließenden, verwegen plätschernden Bach, der aus tiefen Quellen schöpft. Eine sehr junge, wohltönende Stimme erklang, wann immer sie, recht würdig, das Wort erhob, doch sprach sie wie ein Uraltes zu uns: vor der Zeit ergraut und doch jugendlich blühend, und immer wenn sie stockte und unsicher wirkte, schien das ungläubige Erstaunen Anlass scheinbar gedankenverlorener Absenz gewesen zu sein. Gelegentlich hörte man sogar eine freudige Verwunderung aus alledem heraus, aber dann schlug alsbald der matte Überschwang in Müdigkeit um: stets umspannt von luzider Hellsicht, die an Vollmondnächte erinnert. Traum und Wirklichkeit, Vision und Alltagstauglichkeit überschnitten sich mit jeder neuen, sorgsam abgewogenen Wendung, derer er sich bediente. Man merkte ihm, der sich solcherart vernehmen ließ, den hohen Bildungsstand deutlich an: das Wissen, den intellektuellen Hintergrund, die vielen Bücher und das Bedürfnis, all dies verwerten, mustergültig auf die Reihe bekommen zu können. Freilich wirkte er sehr einsam in dem Bemühen, so zu sprechen, so zu sein.

Jim kultivierte denn auch, wie Nietzsche, das Bild vom einsamen Wolf. Das hat viel zum späteren Phantasma, das man sich von ihm zurechtmachte, beigetragen. Der Künder des Übermenschen hielt sich stets an Einzelne; in Gruppen und Bünden hielt er es nie lange aus. Wer konnte so einen schon, jenseits der Literatur, erreichen, beeinflussen – bewegen? Die tiefe Kluft zwischen ihm und den Anderen gründete jenseits mangelnder Verständigungsbasis wohl hauptsächlich auf unterschiedlichem Temperament. Gerade das Gemüt eines Menschen kann als Gradmesser echten Ranges gelten, betrachtet man sich die Gesamtheit seiner Ausprägungen unter den Auspizien divergierender, nur mühselig in Einklang zu setzender Wechselwirkungen. Die ´Fabrikware Mensch´, von der Schopenhauer so verächtlich sprach, schlug auch Jim mit einer gewissen Ohnmacht.

Ohnmächtig blieben freilich auch etliche derer, die sich geschäftlich oder privat um Jim scharten. Die meisten ahnten wohl nicht, worauf sie sich eingelassen hatten. Nicht wenige von ihnen wurden durch Morrison in ihren Haltungen und Vorsätzen ernsthaft auf die Probe gestellt. Man war diesem meistenteils eher ruhig und unauffällig agierenden Menschen entweder schnell verfallen oder unfreiwillig ausgeliefert. Je nach den Umständen, die sich Morrison entlang eigener Schrullen zurechtlegte, um ihre Folgen auf die Spitze zu treiben, konnte es jederzeit zu Eskalationen kommen, die dann mit auszubaden hatte, wer zufällig in seiner Nähe weilte. Ob es sich um Kleinigkeiten wie einen abendlichen Restaurantbesuch handelte oder um die bloße Einhaltung fester Termine: keiner konnte wissen, wie Jim gerade drauf war und was er bei der Gelegenheit ausheckte, anstellte – anrichtete. Er polarisierte nicht nur, er verunsicherte die Leute auch; und führte sie in Versuchung. Man wusste nie so recht, woran man bei ihm gerade war. Ein meist ungutes Gefühl wird denn auch, nicht ausschließlich aber doch im Mindesten unterschwellig, die Beziehung zu einem Mann bestimmt haben, der das eigene Leben ständig auf die Probe stellte. Harrison Ford, bei den Doors für kurze Zeit als Roadie und Kamera-Assistent zuständig, bekannte später freimütig, dass der Job am Ende einfach zu viel für ihn gewesen wäre:“ I was one step away from joining a Jesuit monastery.“

Jim forderte den ganzen Menschen. Mehr oder weniger mochten die meisten gespürt haben, dass er ein echter Kartenspieler war. Jim allein bestimmte den Einsatz, und er trieb ihn um jeden Preis in die Höhe, mit jeder neuen Runde, die noch anstand. Er bluffte gern, hielt etliche Trümpfe im Ärmel, reizte wie beim Skat, obwohl er ständig pokerte. Wer da aussteigen wollte, musste das rechtzeitig tun, weil sich die Regeln ständig änderten und endlich auf ein russisches Roulette hinausliefen. Hopkins und Sugarman zitieren denn auch an irgendeiner Stelle einen Zeitzeugen, der gerade diesen Umstand betonte. Die Leute spürten instinktiv, dass sie es mit einem Kamikaze zu tun hatten. Ein Umstand freilich, der eigene Phantasien befeuerte und Energien freisetzte, die mitunter im kollektiven Koller gipfelten: einige der Konzerte liefen entsprechend aus dem Ruder. Es gab und gibt sie, diese tödlich entschlossenen, unerbittlich ihren Manen Folge leistenden Menschen, deren Gemüt wie vom Raureif emotionaler Kälte umspannt zu sein scheint. Jäh und unerwartet platzt dann glühend heiße Lava aus der harten Gesteinskruste, das Feuer der Enthemmung.

Jim bemühte sich stets um Konsequenz. Ihn selbst konnte man nur selten von den einmal gefassten Entschlüssen abbringen, denn den eigenen, mitunter mutwillig heraufbeschworenen Dämonen hielt er stur die Treue. Er blieb, zeitlebens, unnachgiebig und irgendwie unbelehrbar, wiewohl auch kleine, klägliche Konzessionen drin blieben. Jim wiedersetzte sich zwar grundsätzlich, aus Prinzip oder Überzeugung, den Normen und Werten; doch nicht ausschließlich. Kompromisse gab es und musste es auch in seinem Fall geben. Blieb er etwa bei der – hinter seinem Rücken ausgeheckten – Autowerbung für Light my fire stur, eben: weil man ihn hinterging, brachte er doch allzu oft, schon aufgrund der heute vielzitierten, reinen ´Sachzwänge´, den Willen auf, im Zweifel dennoch nachzugeben – halbwegs mitzuspielen. Beispiele zuhauf. Als die anderen Doors sich, unter gehörigen Bauchschmerzen, endlich trauten, seinen immensen Alkoholkonsum zu thematisieren und ihm gegenüber auch einmal klar anzusprechen, ihn damit also direkt zu konfrontieren: hörte er sich das ruhig an, pflichtete kleinlaut bei und ließ das Saufen eine Woche bleiben. So lange also, steht zu vermuten, wie er es gerade noch ohne aushielt. Die Studioversion von ´The end´ kam, nächster Fingerzeig, auch ohne den alles entscheidenden Zusatz ´i want to fuck you´ auf Platte, er verzichtete also auf die Alternative, den Song ganz fallen zu lassen, und das ´high´ in ´Break on through´ blieb gleichsam außen vor, wurde einfach vom Zeilenende getilgt. In der Ed Sullivan Show vernuschelte Jim zunächst das vom Produzenten beanstandete Wörtchen, bevor er sich selbiges im zweiten Durchlauf nicht mehr durchgehen ließ. Letzteres wird bis heute ausgeschlachtet, letzteres nicht einmal erwähnt.

Eigentlich erfüllte Morrison auf recht eigene Weise die Erwartungshaltungen eines Sensationsgeilen Publikums, und dazu zählten zunehmend die Paradoxien, die Widersprüche und Provokationen, mit denen er so lässig spielte. Das schaffte er sozusagen mit links. Jim gefiel sich in den entsprechenden Rollen, bis er ihrer überdrüssig wurde. Gab er sich später in Interviews locker und unkompliziert, auskunftsfreudig und offen, dazu recht transparent in den Ansichten, die er vertrat: umgab ihn davor noch die Faszination des Unergründlichen, die den Nimbus zu bestätigen schien, der ihn kraft eigener Vermarktung stets umgab. Es war einer, der im Absurden wurzelt und als Baum der Versuchung lauter Schlangen im wirren Geäst barg. Die einem Halbgott nachempfundene Aureole strahlte ganz unterschiedlich auf andere ab. Niemanden ließ freilich unbeeindruckt, was schon mittels weniger Andeutungen und Wendungen dem herkömmlichen Ausdruck wiedersprach, denn die begleitende Atmosphäre wob ein seltsam sphärisches Netz um den, der sie bemühte. Die kurzen Gesprächsfetzen, denen wir in der Doku ´The Doors are open´ begegnen, zeugen ziemlich davon. In einem Zustand innerer Verklärung, seltsam benommen und in sich versunken, der Welt entrückt und doch in Resten zugehörig, hauchte er seine Ansichten wie kleine Beschwörungen aus sich heraus: irgendwie unbeteiligt und doch eigenartig präsent, ganz befangen, nein fast schon verhangen in den Schemen einer eigenen, aus vielerlei abgewirtschafteten Divergenzen dahindämmernden Welt, die der Alkohol schon gnädig zersetzte. Dann schien er fast ein wenig zu singen, Traumverloren und doch seltsam präsent. Man gewann in diesen Momenten den Eindruck, das eine Art Nebelwand zwischen ihm und dem Publikum stünde: noch durchsichtig genug, um irgendwie den Kontakt herzustellen, aber undurchlässig auch, wollte man dem Wesen am anderen Ende mir reiner Verstandeskraft beikommen. So baute er Barrieren auf und lud doch dazu ein, diese einzureißen. Die Schlange schien zu flüstern: folgt mir unauffällig, denn hier geht es zu Freiheit, sie ist nicht billig zu haben, aber immerhin möglich.

Es liegt nahe, Jims Einzelgängertum als pathologisches Phänomen zu begreifen. Wiewohl leicht eine Krankenakte daraus würde, betont dieser Ansatz doch die begleitenden Besonderheiten eines Lebens, das eher im Unbestimmten wurzelte und somit unauffindbar blieb. Morrisons Manien, sein in der Tiefe schürfendes, durch massiven Drogenkonsum unerhört geweitetes Innenleben lässt sich schwer ausloten, doch ähneln die korrespondierenden Einstellungen und Verhaltensmuster autistischen Typizismen;  auch jenen, die man schizophren veranlagten Menschen nachsagt (und wie sie die klinische Psychiatrie schon vor über hundert Jahren beschrieb). Solche Charaktere sprechen nahezu zwanghaft auf magisch-symbolhafte Signalreize an, wovon die gelungensten sprachlichen Eingebungen des Dichters Morrison eindrucksvoll künden. Bei aller krankhaften Abschottung gegen die Außenwelt sind und bleiben solche unerhört aufnahmefähig, man könnte sagen: im speziellen hypersensibel und ´geöffnet´, verschlossen aber im Umgang selbst, der das feine innere Gefüge leicht gefährdet. Auf dem Grunde einer solchen Verhaltensanomalie werden affektbesetzte Grundkomplexe vermutet, deren häufigste in der frühen Kindheit zu suchen sind: Spannungen im Verhältnis zu den Eltern, zum Eros und zur religiösen Erwartungshaltung.

Bezeichnend, das in der Literatur die Hochbegabung solcher Sonderlinge betont wird. Phasen hemmungsloser Produktivität verlaufen demnach meist stürmisch, oft begleitet von einem Erlebnis mystischer Entrückung, die als Offenbarung empfunden wird, doch folgt dem durchweg eine lange Phase äußerster Lähmung, die in die vielfach zitierte gähnende Leere mündet. Jims Entwicklungskurve verlief ganz ähnlich, wie wir sahen, allzu deutlich in der letzten Phase, die sein Ende besiegelte. Entlang der Sprache, die er wählte werden Parallelen zu bedeutsamen Schizoiden deutlich, auch und gerade den Genies der Worte; deren Dichtkunst fiel nicht minder durch Auflösungen sprachlich-logischer Bindungen auf. Gleich Hölderlin oder Rilke, Rimbaud und Mallarme, ersetzte Jim das Sortiment klar umrissener, plastischer Begrifflichkeiten durch vieldeutige, im letzten nicht mehr deutbare Symbole. Das bloß Rationale gerät über die Rhythmik begleitender Verse in bindungslose, frei strömende Fahrwasser; von Wellen, Wirbeln und Schüben schier zum schäumen gebracht. Dem entspräche, im Absoluten, das dunkle Rauschen kosmischer Strahlung, dessen Ursprung die Anfänge der Welt markiert. Wer so dichtet, lässt sich fortragen – und kehrt unter Umständen nie wieder ganz zurück. Er ist, um mit Rilke zu sprechen,“ den Menschen ferner als den Dingen“, was in der psychiatrischen Fachsprache als Depersonalität bezeichnet wird. Das sich der Mensch Morrison am Ende selbst abhandenkam, macht ihn zum vollgültigen Dichter, den er sich früh selbst erträumte.

Über Shanto Trdic 127 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.