Josip Broz-Tito: Titan eines untergegangenen Zeitalters

jugoslawien flagge nicht vorhandene land fähnrich, Quelle: Clker-Free-Vector-Images, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Der Name Tito taucht in den Massenkompatiblen Erinnerungs,- und Aufarbeitungsformaten unserer Tage allenfalls am Rande auf. Zahlreichen anderen Gewaltmenschen kommunistischer Prägung, die das letzte Jahrhundert hervorbrachte, wird bis heute enorme publizistische Aufmerksam zuteil, während die Gestalt dieses Giganten nämlicher Gesinnung schon mit dem Ende seines eigenen Lebens weniger verblasste, mehr sang, – und klanglos aus dem kollektiven Gedächtnis verschwand. Die ganz großen Vollstrecker, man denke nur an Stalin oder Mao, sind und bleiben verlässlich in aller Munde, auch Lenin oder Trotzki, und noch den nicht minder rücksichtslosen Provinzfürsten, als bloßen Paladinen der Macht, errichtet man, haben sie nur genügend Trümmer und Elend hinterlassen, in gewissen Abständen ein entsprechendes Mahnmal. Über Josip Broz Tito hören und lesen wir wenig bis nichts. Bis heute liegen ganze zwei Biografien in deutscher Sprache vor, die sein Leben umfassend und abschließend darstellen.

Das scheint auf Anhieb kaum verständlich, denn jenseits der alles überragenden und verdunkelnden Gestalt Adolf Hitlers, der als konkurrenzloser Satan des Säkulums gilt und in notorischer Folge auf sämtlichen Kanälen kursiert, werden wiederkehrend weitere Persönlichkeiten politischer Prominenz bemüht, deren Namen auch weiterhin in aller Munde bleiben. Im deutschsprachigen Raum sind dies zum einen solche, deren Einfluss vornehmlich in der ersten Hälfte des Jahrhunderts kulminierte. Sie folgten mehrheitlich den Maximen einander unversöhnlich begegnender Totalitarismen: des Faschismus und Kommunismus. In ihrer zumeist schroffen Ablehnung bis dato geltender, für überkommen gehaltener Werte und Normen forderten sie die monarchistisch angehauchten bürgerlich-liberalen Grundordnungen ihrer Zeit immer dreister heraus. Das nach dem ersten Weltkrieg entstandene weltanschauliche Vakuum glich einer Blase, die von den Empörern bis zum Platzen gereizt wurde. Die Künder einer neuen Weltordnung boten der Orientierungslosen Jugend Antworten, die gerade ob ihrer Schärfe und Radikalität verfingen und auch den ratlos gewordenen Älteren zunehmend entgegen kamen. Mit Inbrunst verkündete das neue Führerkorps die zum Teil plumpen Programme, als handele es sich um echte Gewissheiten. Aber auch jene, die weder dem einen noch dem anderen Lager angehörten und als Vertreter freiheitlich-rechtlicher Gesinnung auftraten, die Churchill, Chamberlain oder Roosevelt, fanden eigentlich erst in der Begegnung mit den mächtig auftrumpfenden ´Populisten´ ihrer Zeit zur eigenen Größe, zur Ohnmacht auch, und man möchte fast sagen: im Ganzen schließlich zu sich selbst.

Während Anspruch und Geltung des Faschismus nach Kriegsende zunehmend an Einfluss verloren, verschwand die Spielart des Nationalsozialismus in ihrer zuletzt barbarischen, alle Maße übersteigenden, den halben Erdball verheerenden Erscheinung jäh; wie ein Spuk. Hingegen nahm der Einfluss des Kommunismus-Leninismus nunmehr endgültig weltumspannende Züge an. Inzwischen traten weitere bedeutsame Staatenlenker in Erscheinung, deren Erwähnung posthum obligatorisch blieb und bald durch eine Riege nicht minder rücksichtslos agierender Damen Erweiterung finden sollte. Es wurde und wird regelmäßig an die Herren Kennedy und Castro, Chruschtschow oder ´Che´, an Adenauer und an Brandt, Richard Nixon oder Ho Tschi Minh, die Walker Bush und Saddam Hussein, an Gandhi oder ´Gorbi´, ´Maggie´ oder ´Mutti´ erinnert; um nur diese zu erwähnen. Sie alle und deren etliche, kleinere Kaliber mehr erregen oder erhitzen die Gemüter, bis weit in die Gegenwart hinein. Sie blieben ihrerseits auf unterschiedliche Art und Weise beeinflusst oder beeinträchtigt von den ´Bekehrungen´ sowjetischer Prägung. Passend zu gewissen Jubiläen, wurde und wird ihrer, im Großen wie im Kleineren, mehr oder weniger nachhaltig gedacht.

An den Marschall Tito denkt kaum einer mehr. Der steht heute weniger im Schatten erwähnter ´Heroen´ als das er vorzeitig in das Halbdunkel einer Erinnerung zurück gesunken ist, die der breiten Öffentlichkeit in ihren Zusammenhängen offenbar nichts mehr zu sagen hat. Dabei spielte gerade dieser Machtmensch, im Fadenkreuz international agierender Kräfte, schon vor und erst recht während des bis zum erbrechen behandelten zweiten Weltkrieges eine politisch entscheidende, noch gar nicht hinreichend erfasste, geschweige denn gewürdigte Rolle. In den Jahrzehnten, die der Katastrophe folgten erweiterte sich sein Machtbereich noch. Der Einfluss des jugoslawischen Alleinherrschers auf die globale Nachkriegsordnung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er hat sowohl dem Sowjetkommunismus als auch dem Faschismus auf beeindruckende Art und Weise die Stirn geboten, früh der freien Welt die Hand gereicht und gleichzeitig die festgefahrenen internationalen Beziehungen mittels eigener Visionen merklich aufgelockert. Seine aktive politische Laufbahn umfasst, von den Anfängen bis zum Schluss, etwas mehr als sechs Jahrzehnte in Folge. Gut vierzig Jahre lang hat er den Gang der Weltgeschichte maßgeblich mit beeinflusst und auch mitbestimmt. Tito zählt somit zu den ganz wenigen Potentaten autoritärer Provenienz, ohne deren Einfluss das 20. Jahrhundert globalpolitisch einen merklich anderen Verlauf genommen hätte. Anhand zahlreicher Beispiele lässt sich noch im Detail mühelos nachweisen, dass der Wirkungsgrad dieses Despoten viel weiter, vor allem tiefer reichte als dies bei den meisten derer der Fall ist, die ihm bis heute publizistisch vorgezogen werden. Gerade in der ermüdenden, nicht enden wollenden Auseinandersetzung mit dem dritten Reich müsste sein Name eigentlich an vorderster Stelle genannt werden, was aber kurioserweise nie geschieht. Dabei darf der Marschall Tito als erster wirklicher Herausforderer Hitlers gelten, wollte man den Willen zur umfassenden Gegenwehr bei denkbar eingeschränktesten Voraussetzungen in Kriegszeiten als echten Maßstab nehmen. Tito tat, wovor seinerzeit die meisten zurück schreckten.

Zu Lebzeiten bereits eine Legende, hat sich die Beschäftigung mit diesem Ausnahmemenschen mittlerweile gründlich zerstreut. Erinnerte man sich seiner noch zu Beginn der Sezessionskriege recht wehmütig bis verschämt, geriet der Souverän im Laufe sich überschlagender, bald bluttriefender Ereignisse zunehmend ganz in Vergessenheit. Das kuriose Vielvölkergebilde überlebte seinen Schöpfer nur um wenige Jahre und zerbrach anschließend in seine Bestandteile, deren rauchende Trümmer zukünftiges Unheil schon andeuteten. Aus den überkommenen Republiken sind Nachfolgestaaten hervorgegangen, deren Eliten das Andenken an den Diktator unter Quarantäne gestellt und solcherart zu den Akten gelegt haben. Vom Mythos Tito, der wie ein Monarch zu herrschen gewohnt war, ist auch jenseits der alten Machtzentren wenig übrig geblieben. Obschon man in einer umfassenden, ernsthaften Beschäftigung mit den politischen und strategischen Besonderheiten des 20. Jahrhunderts am jugoslawischen Staatschef kaum vorbei kommt, erwähnen ihn die Forscher allenfalls beiläufig und am Rande, entlang gewisser Daten und Ereignisse, die seinen Rang eher vertuschen.

Josip Broz, der einer kleinbäuerlichen kroatischen Familie aus der Zagorije entstammte, wuchs nicht auf Anhieb, mehr nach recht zögerlichem Verlauf über sich und die je vorgefundenen Verhältnisse hinaus. Seine irdische Laufbahn zählt zu den verblüffendsten politischen Karrieren überhaupt. Sie hat im Wechselspiel günstiger oder widriger, mitunter extrem verwickelter Verhältnisse eine Konsequenz behauptet, die im insgesamt so starr und farblos anmutenden, wesentlich gleichgeschalteten sozialistischen Lager nie der begleitenden Originalität entbehrte. Immer wieder sorgte seine Haltung für Bewegung, wie denn der Marschall selbst zeitlebens erstaunlich rege blieb und sein Umfeld, Freund und Feind, mit verblüffenden, wiewohl stets folgerichtigen Kurswechseln überraschte. Er widerstand damit den Nötigungen der seinerzeit allmächtig scheinenden ´Supermächte´, an deren Gängelband zahlreiche Staaten in Ost und West verlässlich baumelten. Schon der noch junge, treu ergebene Anhänger Stalins blieb, bei aller Begeisterung für die gemeinsame Sache, in seinen Entscheidungen erstaunlich unabhängig. Hörig war er nie, und folgsam nur bis zu einem bestimmten Punkt, wie wir noch sehen werden. Jahre vor dem Bruch mit Moskau, spätestens in den Wirren des Befreiungskampfes, zeichnete sich die Entfremdung mit dem ´großen Bruder´ bereits in Umrissen ab, wiewohl sich der Genosse Broz fast bis zuletzt der Autorität des brutalen Georgiers unterwarf. Freilich: immer weniger im ´Glauben´, umso häufiger aus taktisch-pragmatischen Erwägungen heraus. Instinktsicher und Illusionslos.

Zu den zahlreichen Besonderheiten seines Wirkens zählt denn auch, dass er den Evangelien der säkularen Heilslehre zunehmend kritisch begegnete, ohne doch im Ganzen einigen wenigen Maximen abschwören zu müssen, an denen er zeitlebens weniger aus Überzeugung, mehr in opportunistischer Manier festhielt. Zäh und unnachgiebig, behauptete er seinen Willen folgerichtig und nach Maß und Muster. Natürlich blieb auch er nicht frei von Schuld und Feme, Anmaßung und Ignoranz. Mit den Jahren zunehmend selbstherrlich auftretend, erlag der große Tito seinerseits den Annehmlichkeiten einer Macht, die auch ihnen schließlich dazu verführte, lästigen Kontroversen nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen oder in Eigenregie zu ´erledigen´. Das hieß auch: unliebsame Gegner fallen zu lassen, etwa die nach dem Bruch mit Moskau nicht einzig unbequem sondern auch gefährlich gewordenen Stalinisten in der Partei, die er zu hunderten auf die Strafinsel Goli Otok verschleppte. Einer von den treusten Paladinen, der in jungen Jahren ungleich unversöhnlicher auftretende Milovan Djilas, hat derlei Anmaßungen in seinen Erinnerungen ehrlich und schonungslos aufsummiert. Und doch überwog auch und gerade bei dem von einem Saulus zum Paulus konvertierten Djilas und den noch etwas strikter gestimmten Empörern im Schnitt der Respekt, der bis hin zu echter Bewunderung reichte und etwas von der Faszination erahnen lässt, die diesen ´Giganten´ (O-Ton Helmut Schmidt) zeitlebens wie eine Aureole umgab.  

Tito war und blieb ein erstaunlich kompakter, klug und berechnend agierender und im letzten doch ganz unauffindbarer Mensch. Der verließ sich, trotz aller rotgetünchten Weihen, weniger auf die Programme der Partei, mehr auf seinen Instinkt und ein äußerst scharfes Urteilsvermögen. Wenn Entschlusskraft, schnelle Auffassungsgabe und nüchterner Tatsachensinn zu den Tugenden großer Staatsmänner zählen, dann hat er, eigene menschliche Schwächen nicht ausgenommen, schon zu Beginn seiner ´Karriere´ die entsprechend höheren Weihen empfangen. Was ihn bis zuletzt im Sattel hielt, war gerade nicht die allzu übliche Politik der eisernen Faust, von der er meist nur in Ausnahmen und Notfällen Gebrauch machte. Mehr bewegte sich sein Tun zwischen Aufmerksamkeit und Augenmaß, auch und gerade gegenüber einer ´Schutzmacht´, deren fortwährender Umklammerung er bald so kühl und nüchtern begegnete wie der Partisanenführer den Unwägbarkeiten eines unmenschlichen Krieges, den er bereits ohne Schützenhilfe Moskaus für sich und sein Land gewinnen konnte.

Betrachten wir uns den Weg des Josip Broz entlang seiner auffälligsten Geraden oder Kurven, durch mitunter unwegsamen Geländes, vorbei an den Abgründen, auch den nicht minder gefährlichen, allzu offenen Hochebenen, und finsteren Tälern obendrein: so werden wir finden, das der heute Totgeschwiegene uns manches mehr zu sagen hat, als in den Geschichtsbüchern noch über ihn zu finden ist. Genauer: so sein Wirken denn überhaupt passend Erwähnung gefunden hat. Geht es um den Verlauf des zweiten Weltkrieges, so zählt der Balkan als Kriegsschauplatz zu den eher stiefmütterlich bzw. am Rande behandelten Themen, und wenn die Nachkriegszeit entlang des Jahrzehnte währenden Antagonismus der Blöcke interessiert, dann ist von der konträren Existenz jener Blockfreien Staaten, die er inspirierte, nur mehr selten bis nie die Rede. Und damit eben auch nicht von jenem Mann, der maßgeblich im Fokus korrespondierender Ereignisse stand. Mag seine Gestalt auch mühelos dem typischen Erscheinungsbild eines kommunistischen Gefolgsmannes gleichen, wie ihn das 20. Jahrhundert in nicht enden wollender Folge hervorbrachte, so verbirgt sich doch hinter der verbürgten Fassade ein verblüffend selbstständiger, freier Geist, der die verordneten Spielräume überschritt und so das große Spiel immerzu bei Laune hielt. Schon in den Anfängen wird diese Tendenz spürbar, wenn wir nur etwas genauer hinsehen.

Es dauerte relativ lange, bis aus dem gelernten Schlosser ein Beinharter Berufsrevolutionär wurde. Bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges verlief sein Lebensweg eher unauffällig. Bereits zu Beginn des Krieges zum Feldwebel befördert, war er damit bereits der jüngste ´nicht-österreichische´ Soldat, dem diese ´Ehre´ überhaupt zuteilwurde. 1915 geriet Broz im Osten in russische Kriegsgefangenschaft. Hier begann eine wahnwitzig anmutende Odyssee im revolutionären Russland, deren Stationen bis heute nicht lückenlos rekonstruiert worden sind. Zeuge der Oktoberrevolution, trat der aus Kriegsgefangenschaft Entlassene in die rote Armee ein und kämpfte auf Seiten der Bolschewiki im Bürgerkrieg. Man darf sagen: als überzeugter, glühend gläubiger Kommunist.

Der hielt sich zunächst noch an die von den jeweiligen Komitees und Gremien erlassenen Vorgaben oder Direktiven. Kaum in die Heimat zurück gekehrt, begann er wieder in seinem alten Beruf zu arbeiten. Als Mitglied einer verbotenen Partei musste er sich schon jetzt vorsehen. Broz half beim Aufbau illegaler Zellen, agitierte wo er konnte, machte sich damit natürlich umgehend verdächtig und landete bereits in dieser frühen Phase illegaler Betätigung für einige Tage im Gefängnis. Was ihn schon in den Anfängen des revolutionären Kampfes aus der Masse willfähriger, blind ergebener Anhänger des Marxismus-Leninismus heraushob, war die Art und Weise, wie er die jeweiligen Aktionen den vorgefundenen Verhältnissen anpasste und damit auf je unterschiedliche Weise den vorgegebenen Radius entweder dezent zurückschraubte oder kühn überschritt. Zeitlebens zog sich dies wie ein roter Faden durch das Gewirr umstürzlerischer Umtriebe, denen er sich willig zur Verfügung stellte. Den Auspizien solcher, die als gutsituierte Kader von den Büros aus Anweisungen gaben und ihren Maximen stets den passenden theoretischen Anstrich verpassten, misstraute er bald und handelte ihnen so oft zuwider, wie es die tatsächlichen Umstände erforderten.

So führte ein von ihm organisierter Streik in der Kraljevica recht unerwartet zu den ersten großen, stark beachteten Unruhen im serbisch dominierten Königreich Jugoslawien; damals ein typischer Polizeistaat mit pseudo-parlamentarischem Anstrich. Die seinerzeit wie Pilze aus den Böden schießenden kommunistischen und sozialistischen Ortsgruppen und Vereine blieben lange in den Schlacken dezentraler Anläufe stecken, und jedes bloße Aufbegehren in den jeweiligen Republiken des Landes wurde von der Staatsmacht und ihren Organen rigoros im Keim erstickt. Insofern verblüfft die erstaunlich durchdachte, nahezu Generalstabsmäßig abgewickelte Aktion, als einer, die den ursprünglich vorgegebenen Rahmen unerwartet sprengte. Ihr folgten dann auch umgehend die entsprechend rüden Nachstellungen seitens der Staatsmacht. Broz tauchte unter und schuf, scheinbar unbeeindruckt vom enormen Fahndungsdruck, andernorts binnen kurzem eine „quicklebendige Parteizelle“, wie Sir Fitzroy Maclean, im zweiten Weltkrieg britischer Verbindungsoffizier, in einer gediegenen Studie glaubhaft versicherte.

Was freilich keinem der wenigen Biografen bis heute wirklich aufgefallen ist: das besagter Genosse Broz, der es damals als einfaches Parteimitglied noch nicht einmal zum Sekretär der kommunistischen Partei gebracht hatte, in den nun folgenden 20 Jahren, abzüglich einer zwischenzeitlich verbüßten Haftstrafe (fünf Jahre und fünf Monate), praktisch pausenlos auf der Flucht war. Das ewige Katz und Maus Spiel mit den Behörden trieb er, der im Untergrund so emsig wie umtriebig Kontakte knüpfte und stets neue, gewagte Aktionen vorbereitete, auf die Spitze. Zunächst noch in der zwielichtigen Umgebung eines ´zivilen´ Unrechtsstaates, zwischen den jeweiligen, nicht minder konspirativ gehegten Parteizentralen hin und her pendelnd, und jeden Moment in Gefahr aufzufliegen. Dann erst recht auf dem Boden eines besetzten, blutig umkämpften Gebietes, wo keine zivilisatorisch verbürgten Rechte und Regeln mehr Geltung fanden. Erst der über Fünfzigjährige konnte, als Alleinherrscher, den Raum dauernder Illegalität endlich hinter sich lassen und frei, sozusagen: offiziell agieren.

Mit viel Geschick wand sich dieser Mann vor und nach der Gefängniszeit durch´s Leben, ausgestattet mit immer neuen Identitäten, stets dicht am Feind, ständig auf dem Sprung: heimatlos und doch der eigenen Heimat verbissen die Treue haltend. Nur mit Vorsicht, Kaltblütigkeit und echter Schauspielkunst gelang es, vogelfrei und geächtet, innerhalb der Verhältnisse überhaupt längere Zeit zu bestehen. Broz, der sich unter anderem die Tarnung eines Geschäftsmannes zulegte, geriet gerade in dieser Rolle nie ernsthaft in Verdacht. Später im Krieg, als der Gegner gleichsam überall lauerte, reagierte er, entsprechend abgebrüht, umso gelassener in den entsprechend brenzligen, lebensbedrohlichen Situationen.

Innerlich gelassen war er auch in Lebenslagen, deren Diktum andere schnell mittels opportuner Anpassung erliegen. Aufschlussreich, ja bezeichnend, wie er sich verhielt, als man seiner in den zwanziger Jahren nach zahlreichen misslungenen Zugriffen endlich aufgrund eines Verrats habhaft wurde. Zügig vor Gericht gestellt, ließ Broz nichts unversucht, das Strafmaß mittels flammender Reden immer weiter in die Höhe zu treiben. Er nutzte den Prozess also als Bühne. Und beeindruckte damit Freund und Feind. Maclean meinte später, das ein anderes Benehmen zu einer sehr viel geringeren Strafe geführt haben würde. Der Mann legte es also ganz bewusst darauf an, ein Beispiel zu geben. Und zahlte dafür den entsprechenden Preis.

Kaum aus der vollständig verbüßten Haft entlassen, die ihm die Bekanntschaft mit dem jüdischen Intellektuellen Mose Pijade einbrachte, tauchte er sofort wieder unter. Die Welt ringsum hatte sich in der Zwischenzeit dramatisch verändert. Aber von einer revolutionären Stimmung, der von ihm und den Genossen ersehnten werktätigen Erhebung, war im damaligen Jugoslawien noch immer wenig zu spüren. Und doch, das zählt zu den Mysterien dieser Dekade, kam es unter unsäglich erschwerten Bedingungen schon wenige Jahre später zum bewaffneten Volksaufstand, den der Genosse Broz von Anfang an organisierte, wiewohl zunächst so gar nichts darauf hin zu deuten schien, das sich die Mehrzahl seine Landsleute einer Sache anschließen werde, die unverhohlen unter kommunistischer Flagge lief. Bemerkenswerter noch: er beschwor mit Erfolg eine nationale Einheit, die es bis dato gar nicht gegeben hatte. Noch im jugoslawischen Königreich gehörte das Gezänk unterschiedlicher Volksgruppen zur nicht enden wollenden, oft blutig ausgetragenen Tagesordnung.

Das ein Krieg käme und das er von Deutschland ausgehen würde, hing damals schon seit Jahren in der Luft. Broz´ Entlassung aus dem Gefängnis deckt sich mit dem Beginn der Ära Hitler. Es ist, wie oben erwähnt, die Zeit der strammen Ideologen, des Faschismus und seiner Ableger, der Lehre des Marxismus-Leninismus vor allem, die bei der Jugend so hinlänglich verfing wie das Pendant von ganz rechts außen. Die Veteranen der kommunistischen Bewegung, deren etliche in der Komintern residierten und mittlerweile mehrheitlich behäbig bis abwartend gestimmt waren, lieferten mit den von ihnen verausgabten, hinlänglich bekannten Floskeln und Parolen den jungen Heißspornen jede weitere Rechtfertigung. Die Verheißungen der neuen Heilslehre forderten unbedingte Hingabe und Opferbereitschaft. In einer so gründlich vom großen Pathos vergangener Erweckungen gereinigten Dekade wie der unseren kann man sich kaum noch vorstellen, mit welchem Eifer, mit wie viel Herzblut und gläubiger Gewissheit damals um den Einzug in das werktätige Paradies (oder die von allem artfremden Unrat gereinigte Volksgemeinschaft) gestritten und gerauft, gemordet und gemetzelt wurde.

Broz war nach Verbüßung seiner Haftstrafe ein merklich anderer Mensch geworden, wie etwa der Schriftsteller und Freund Miroslav Krleza im Verlaufe einer hektisch vereinbarten, natürlich konspirativen Begegnung festzustellen glaubte. Im Ganzen härter und vor allem ´säkular´ gestimmt, blieb er der Lehre dennoch treu. Den Genossen Kidric und Kardelj, die schon damals zu den wichtigsten Figuren im Umkreis des Alleinherrschers zählten, fiel früh auf, dass ihr Parteifreund bereits ganz anders aufgetreten sei als die Funktionäre dies im eigenen Dunstkreis zu tun gewohnt blieben. Wenn man ihn etwas Passendes gefragt habe, antwortete er eben nicht, wie damals üblich, mit einem Zitat von Lenin, Marx oder Engels auf den Lippen, auch ersparte er sich den üblichen Rattenschwanz ideologischer Indoktrinationen leninistischer oder neuerdings stalinistischer Prägung. Auch die nicht minder umständlichen ´Interpretationen´ ersparte er sich. Und äußerte sich vielmehr ganz praktisch, nüchtern – Theorielos. Dennoch, da sind sich rückblickend alle Biografen einig, wusste er die Leute zu fesseln, zu begeistern – mitzureißen. Und hörte geduldig zu, wann immer sich Gelegenheit dazu ergab. Das tat auch später noch der sichtlich in die Jahre gekommene Marschall, fesch und feierlich eingekleidet in seine glänzend weiße, Ordengeschmückte Operetten-Uniform, die sich unter der Fülle ihres Trägers zusehends spannte und diesen in eine barocke Karikatur verwandelte. Noch in der Maskerade eines Emporkömmlings blieb sich dieser Mann bis zuletzt treu.

Es führte zu weit, den allzu verworrenen, in sich widersprüchlichen geostrategischen Entwicklungen nachzuforschen, die am Ende zum totalen Krieg führten, der den Aufstieg Broz´ begünstigte. Kaum wieder in Freiheit, empfing er die entsprechenden Aufträge von der Parteileitung und setzte diese so unermüdlich wie unerschrocken um. 1934 wurde der emsige Parteisoldat endlich in das Zentralkomitee des Politbüros der KPJ gewählt. Aber erst sechs Jahre später, am Vorabend des zweiten Weltkrieges, vertraute man ihm formell die Führung der kommunistischen Partei im Amt des Generalsekretärs an. Tito ging schon wacker auf die fünfzig zu. Doch entwickelte sich der frisch gekürte Apparatschik in den nun folgenden Kriegsjahren zu einer Art Heilsgestalt, die den Mythos begründete, der sich hinter dem Kampfnamen Tito verbarg, den er nie wieder ablegte. Lange Zeit war man sich seitens der Achsenmächte gar nicht sicher, ob dieser Empörer denn überhaupt existiere, oder ob sich nicht eigentlich ein Phantom hinter der erst spät verbürgten Erscheinung verberge. Sein Stab hielt sich vorsorglich im Schutz der bosnischen und montenegrinischen Bergen auf, auch dann noch, als die Aufstände längst sämtliche Republiken erreicht hatten. Den vor Ort agierenden Kommandeuren erteilte Tito eigene Vollmachten, wiewohl auch weiterhin sämtliche Fäden bei ihm zusammenliefen. Ironischerweise griff hier schon das später umgesetzte Prinzip lokaler Selbstverwaltung, entlang gewisser Direktiven, deren Überwachung obligatorisch blieb. Als sich im slawonischen Kroatien die Sabotageakte häuften, vermutete man den Rädelsführer vor Ort, denn die erstaunliche Präzision der Anschläge deutete auf dichte Kommunikationslinien hin, doch handelten die territorialen Einheiten relativ autonom. Es ging, so wurde bald gemutmaßt, nicht mit rechten Dingen auf dem Balkan zu. Im Übrigen hatte niemand auch nur entfernt mit einem solchen Widerstand gerechnet. Weniger noch, dass es ein Einzelner sein sollte, der hier die Zügel in der Hand hielt und das einseitige Kräfteverhältnis früh so empfindlich störte.

Die Rolle des Partisanenführers kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Nachdem die deutsche Wehrmacht Belgrad im Handstreich nahm und im Anschluss an die nur elf Tage andauernden Kampfhandlungen dazu überging, die verbliebenen Brocken des eroberten Staates zu verteilen, entschied sich Broz sofort zum bewaffneten Widerstand. Man halte einen Moment inne und bedenke, was solches damals nur bedeuten konnte. Das großdeutsche Reich hatte bereits einen Staat nach dem anderen überrannt, jede seiner Schlachten wurde zügig, ja oft rasend schnell zu eigenen Gunsten geschlagen. Die damaligen Blitzkriege waren im Ergebnis auch Blitzsiege gewesen. Als die Truppen der Wehrmacht, nicht lange nach der Kapitulation Belgrads, in Windeseile tief in sowjetisches Gebiet vorstießen (Unternehmen Barbarossa), gab es kaum Anlass, am Erfolg auch dieses Unternehmens zu zweifeln. Mag heute alle Welt zu wissen vorgeben, dass der grandios aufgezogene Feldzug im Unterschied zu sämtlichen vorangegangenen scheitern musste: damals rechnete alle Welt eher mit der Zerschlagung des Sowjetsystems. Nicht einzig die BBC ließ sich entsprechend vernehmen. Erinnert: schon ein Vierteljahrhundert zuvor hatten die Truppen des Kaisers ein Gebiet besetzt gehalten, dass vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer reichte. Das Ende des kommunistischen Riesenreiches schien nunmehr gekommen, das aber hätte automatisch zur totalen Isolierung des noch in armseligen Anfängen steckenden Aufstands geführt, den Tito anführte. Stalin, der zu Beginn der deutschen Offensive fest damit rechnete, abgesetzt zu werden, rührte für die Partisanen bis zur Offensive gegen Belgrad keinen Finger, blieb aber als Anführer der ´roten Kolonne´, im Mindesten als Symbol ihres umfassenden Behauptungswillens unentbehrlich.

Man kann nachträglich nur staunen, mit welcher Konsequenz sein späterer Widersacher in der eigenen Heimat zu Werke ging. Anfangs nur mit versprengten Haufen schlecht bewaffneter Freiwilliger agierend, ohne Brigaden, nennenswerte Verwaltungen oder Kader, hielt Tito trotz erster Rückschläge auf serbischem Territorium am einmal gefassten Entschluss zur militärischen Gegenwehr eisern fest. In keinem der Staaten, die bis dahin unter deutsche Kontrolle geraten waren, wurde ein so umfassender und unbedingter Aufstand auch nur erwogen, wie er dann einzig auf dem Boden des ehemaligen jugoslawischen Königreichs stattfinden sollte. Churchills England wurde und wird oft als solitäres Bollwerk zähen Widerstandes gefeiert, aber die Briten hatten ´nur´ deutsche Flugzeuge abzuwehren. Und befanden sich zudem in der bequemen Insellage. Weder in Polen noch in Griechenland, am wenigsten in Frankreich oder in den anderen besetzten Gebieten kam es, abzüglich der zeitlich und räumlich begrenzten Sabotage-Akte oder Scharmützel zu einer wirklich umfassenden, weitflächigen Gegenwehr. Dazu rang man sich erst später durch, da die Aussichten langsam günstiger zu werden schienen, weil sowohl die Westmächte als auch die Sowjetunion Nazi Deutschland in die Zange nahmen. Als der Genosse Tito erste größere Aktionen plante, steckte die Koalition der getrennt voneinander aufmarschierenden Großmächte noch nicht einmal in den Starlöchern. Im Übrigen taten die Alliierten lange nichts, den Widerstand der Partisanen auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Churchill äußerte in seinem Memoiren ein gewisses Befremden, das auch aus Moskau keine Schützenhilfe zu erwarten war, aber das lag wohl hauptsächlich daran, dass der Obergenosse Stalin keine Volkshelden duldete, die nicht peinlich von ihm inthronisiert und entsprechend abgerichtet bzw. korrumpiert worden waren.

In London setzte man zudem viel zu lange auf die völlig bedeutungslose Exilregierung Jugoslawiens und, umso sträflicher, auf deren halboffizielle Vorhut im Aufstandsgebiet, die sogenannten Tschetniks, die der bis dato honorige Oberst Draza Mihailovic befehligte. Seine Truppe bestand anfangs hauptsächlich aus ´entlaufenen´ Offizieren jener königlichen Armee, die so rasch kapitulierte. Die meisten versteckten sich anschließend in den Wäldern und verharrten lange in Untätigkeit. Wiewohl es zunächst Gespräche auch zwischen ihnen und den Partisanen gab und einige von den Kommandeuren anfangs sogar Seite an Seite mit den Partisanen fochten, kollaborierten die ´Königstreuen´ früh mit den Besatzungstruppen und kämpften schließlich zusammen mit Deutschen und Italienern gegen die verhassten Kommunisten. Genauer: als deren feige, barbarisch wütende Nachhut. Fatalerweise unterstützte London noch bis Jahresende 1943 die ausschließlich aus serbischen Nationalisten bestehenden Freischärlerverbände. Als im Herbst desselben Jahres Titos Partisanen binnen weniger Wochen sechs italienische Divisionen entwaffneten, schien Churchill sich endlich eines besseren zu besinnen, jedenfalls deutete er das in seinen Nobelpreis-gekrönten Memoiren an. Dennoch schickte man den Partisanen nur Verbindungsoffiziere, keine Waffen.

Es wäre sicher verkehrt, auf dem Balkan besondere, den Widerstand irgendwie begünstigende Umstände zu vermuten. Die Situation in diesem Teil Südosteuropas unterschied sich anfangs kaum von der in anderen eroberten Ländern. Anschließende Untaten und Gräuel haben das in der Aufarbeitung der Geschehnisse stark verdeckt. Abzüglich der gängigen Repressalien und Einschränkungen kam es, sieht man vom zeitweiligen Wüten einzelner Ustascha-Verbände ab, zu echten Übergriffen gegen Minderheiten oder verfemte Volksgruppen erst mit dem Aufflammen der Kämpfe selbst. Dann umso blutiger und unnachgiebiger, allerdings. Auch untereinander. Eigentlich hätte im Blick auf weit zurückreichende, alles andere als ausgestandene Rivalitäten, die zwischen den ansässigen Ethnien noch immer bestanden, die Zerschlagung des widernatürlichen staatlichen Gebildes zunächst eher befriedend, ja befreiend wirken müssen. Der völkisch-identitär justierte Widerstand bescherte den Königstreuen Tschetniks in Serbien anfangs großen Zulauf, scheiterte aber am eigenen Unvermögen, vor allem an der hemmungslosen Brutalisierung eigener Mittel. Ähnlich verhielt es sich in dem vom dritten Reich begünstigten und doch um die gesamte Küste betrogenen Kroatien, dessen rabiate Ustascha-Nationalisten vor dem Krieg noch in gemeinsame Hungerstreiks mit den inhaftierten Kommunisten getreten waren. Auch in den ethnisch gemischten Gebieten des zerschlagenen Reiches hätte im Anschluss an Flucht und Vertreibung, die jeden Feldzug begleiten, eine gewisse Ruhe einkehren können. Obschon die territoriale Neuordnung des Balkan schnöden machtpolitischen Kalkülen folgte, vollzog sich innerhalb neu entstandener Einflussgebiete nur jene leidige Ordnung, die auch in den übrigen von den Nazis besetzten oder beherrschten Gebieten galt. Den Exzessen paramilitärischer Verbände hätte freilich das totale Chaos folgen können, wonach es anfangs sogar aussah. Warum, so muss an dieser Stelle gefragt werden, verzettelte sich das unerwartete Aufbegehren der Völker des mittleren und nördlichen Balkan nicht dauerhaft in lauter kleine, unbedeutende ´Stammesfehden´? Noch in der Vorkriegszeit war die kommunistische Partei kaum minder ´tribal´ in Erscheinung getreten, sichtbar nur im Aufflackern des verzweifelten Widerstandes, den sie nicht preisgab. Im Ganzen kaum der Rede wert, ein Ärgernis allenthalben – ein Fall für die Schergen von der Staatspolizei. Warum hielten die ´Südslawen´ nicht überhaupt einfach still, wie die meisten Völker Europas es taten, um erst im passenden Moment aus der Reserve zu kriechen? Warum also scharten sich im Laufe der Zeit die meisten derer, denen das ´alte´ Jugoslawien wenig bis gar nichts bedeutet hatte, hinter dem alten Kommunisten Tito, um ein ´neues´ zu erstreiten?

Die Offiziere im deutschen Generalstab interessierte anfangs allenthalben, wie viele Wochen, eventuell Monate es noch dauern würde, bis mit der ´lächerlichen kleinen Räuberbande´ auf dem Balkan endlich Schluss sein würde. Zunächst belächelt und kaum wirklich beachtet, erzwang der Widerstand am Ende maximale Gegenwehr. “Der Mann hatte doch nichts, gar nichts!“ bestätigte kein geringerer als Heinrich Himmler in einer Geheimrede vor Angehörigen der SS zu einem Zeitpunkt, als sich das Blatt schon gewendet hatte. Tito sei „ein Mann, der konsequent ist. Leider Gottes ist er unser Gegner. Der hat seinen Marschall Titel eigentlich richtig verdient.“ Er wünsche sich, so der Reichsführer SS weiter, in Deutschland einige Dutzend Titos:“ Männer die führen! Und die ein solch starkes Herz und so gute Nerven haben, das sie, ewig eingeschlossen, niemals nachgeben.“ Und noch einmal mit Entschiedenheit:“ Er war ewig, immer wieder, eingeschlossen – immer wieder fand der Mann einen Ausweg! Er hat niemals kapituliert!“

Das stimmte auch wirklich. Tito sah sich von Gegnern mehr als umzingelt. Er kämpfte unter anderem gegen Wehrmacht und Waffen-SS, Truppen des kollaborierenden Nedic Regimes und die der italienischen Faschisten, in deren Gefolge berüchtigte Einheiten der Schwarzhemden zusätzlichen Schrecken verbreiteten, ferner wider besagte, nicht minder zimperliche Tschetniks und die reguläre kroatische Armee, deren Einheiten ihrerseits von den mörderischen Ustascha-Milizen nahezu diskreditiert wurden, des weiteren traten bosnisch-muslimische Traditionalisten auf Seiten der Besatzer auf, die dann im Verlaufe der Krieges auch dazu übergingen, Truppen verbündeter Staaten (Bulgaren, Rumänen etc.) ins Feld zu schicken. Der Anteil muslimischer Freiwilliger am Heer der Partisanen blieb übrigens, im Vergleich zu den übrigen Ethnien und Volksgruppen, verschwindend gering. Auch darf nicht unerwähnt bleiben, dass diese im Verein mit den Ustaschi schlimmster Gräuel schuldig wurden. Tatsächlich gelang nur den kommunistischen Kadern, aus einem Sammelsurium unterschiedlicher Ethnien und Stände eine echte Volksbefreiungsarmee zu formen. Nicht wenige verließen ihre Familien, um sich dem anfangs aussichtslos scheinenden Kampf anzuschließen; andere nahmen ihre Angehörigen einfach mit.

An dieser Stelle muss noch einmal nachdrücklich betont werden: Weder Alliierte noch Sowjets lieferten den Kommunisten Waffen. Die mussten anfangs erst vom Gegner erbeutet werden. Einige Ortsgruppen hatten sich mit Flinten und Mistgabeln zu begnügen. Die Ausgangslage war im Grunde ähnlich der, in welcher sich die Staatsgründer Israels nur wenige Jahre später befanden. Auch sie mussten, gleich den Partisanen, ständig improvisieren und mit einem Minimum an eigenen Mitteln das Maximum möglicher Erfolge erzwingen. In den oft nur vorübergehend befreiten Gebieten bauten die Partisanen unter kläglichsten Bedingungen eigene Waffenschmieden, gründeten Schulen und unterhielten mustergültig geführte Hospitäler, die allerdings aufgrund der stets prekären Versorgungslage oft mangelhaft ausgestattet blieben. Man schuf vor allem eigene Verwaltungen, deren ständige Ortswechsel obligatorisch blieben. Der Aufbau ziviler Strukturen wurde durch den anhaltenden militärischen Widerstand immer wieder selbst in Frage gestellt. Je heftiger man ihn führte, umso gnadenloser schlug das ´Imperium´ zurück. Dennoch hat der Einsatz der Partisanen mehr zur Verkürzung und Entscheidung des großen Krieges beigetragen, als dies Russen und Amerikanern allein, denen üblicherweise auch der ganze Ruhm zuerkannt wird, je hätte möglich sein können. Im Jahre 1943 beschäftigten Titos Verbände allein 33 deutsche Divisionen. Auf dem pausenlos unbefriedeten Balkan wurden Kräfte gebunden, die andernorts fehlten, und je mehr sich das Großdeutsche Reich im Laufe dieser Jahre auf die ehedem als zu eng empfundenen alten Landesgrenzen zurück ziehen musste, umso unnachgiebiger behaupteten die Aufständischen ihre eigenen Stellungen und gingen, auch das ist hinreichend verbürgt, zunehmend selbst zum Angriff über. Man könnte, in gewisser Analogie, von einem pausenlosen Aderlass sprechen, den sie damit den Deutschen und ihren Unterstützern zumuteten. Er hat den allmählichen Schwund, dem eigentlich erst nach Stalingrad der Zusammenbruch an allen Fronten folgte, enorm beschleunigt und tiefe Löcher gerissen, die sich nicht mehr stopfen ließen.

Der Marschall wählte eine Art der Kriegsführung, die schon in früheren Befreiungskämpfen Anwendung fand, von ihm allerdings unter den gegebenen Umständen auf beeindruckende Weise weiterentwickelt und letzthin perfektioniert wurde. Er ist nicht der Erfinder der Guerilla, – oder Partisanentaktik gewesen, zweifelsohne aber, in Abgrenzung zu den strategisch noch unfertigen, ´spielerischen´ Vorläufern, eine Art Vollender und, was kommende Exponenten betraf, auch deren Inspirator gewesen. Freilich wären seine taktischen Möglichkeiten ohne den stetigen Zulauf an Freiwilligen auf Ausweichmanöver und Scheinangriffe beschränkt geblieben. Doch muss die Koordinierung versprengt agierender Brigaden und kleinerer Einheiten, deren erstere eher die Ausnahme bildeten, in der sowohl materiell als auch geographisch heillos verworrenen Gesamtlage auf dem Balkan als eine militärische Meisterleistung betrachtet werden, was nicht zuletzt von der deutschen Generalität umso häufiger eingeräumt wurde, je zäher der Widerstand sich trotz zahlreicher ´Säuberungen´ hielt. Die Verhältnisse konnte einseitiger nicht sein, und sie waren, folgt man den Erinnerung Djilas´, meistenteils unsäglich primitiv und entbehrungsreich; führende Kader nicht ausgenommen.

Fraglos ungewöhnlich, ja recht eigentlich bemerkenswert für die damalige Zeit bleibt auch der Umstand, dass so verhältnismäßig viele Frauen bei den Partisanen mitmachten: aktiv im Kampf, vor allem aber in der Versorgung und Verpflegung der Mannschaften und in der Betreuung von Verwundeten.  Als Lehrerinnen und Schreibkräfte wurden sie bald unentberhrlich. Das alles geschah auf Augenhöhe mit ihren männlichen Geschlechtsgenossen, also tatsächlich gleichberechtigt. Der große Tito, dies am Rande, wurde von seiner Sekretärin Zdenka mehrfach, auch im Beisein hoher Funktionäre oder Kommandeure, harsch und lauthals zu recht gewiesen, was seiner Autorität offenbar keinen dauerhaften Schaden zufügte, abzüglich der entsprechenden Witze, die unter der Hand kursierten und genüsslich ausgebreitet wurden.

Um es auch an dieser Stelle noch einmal mit Nachdruck zu betonen: bis heute bleibt im Grunde ungeklärt, ja rätselhaft, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass sich so viele Menschen aus so unterschiedlichen Schichten und nationalen Volksgruppen gemeinsam einem Kampf anschlossen, der ihnen allen nur Blut, Schweiß und Tränen, und zwar in ununterbrochener Folge abforderte. In keinem anderen Land der Welt, die Sowjetunion ausgenommen, tobte die Auseinandersetzung so grausam und unerbittlich, so unübertroffen rücksichtslos wie auf dem Balkan. Nirgends sind mehr Dörfer zerstört, mehr Menschen hingerichtet oder im Kampf getötet worden, sind mehr von ihnen an den Entbehrungen gestorben, die Flucht und Vertreibung erwirken; nimmt man, wie billig, die durchschnittliche Bevölkerungszahl als schnöden Maßstab. Im Traum ist damals keiner auf die aberwitzige Idee gekommen auch nur zu erwägen, dass die schlecht ausgerüsteten, versprengt agierenden Partisanengruppen der übermächtigen, dazu noch von zahlreichen Bundesgenossen unterstützten Großmacht länger als einen Atemzug lang das Wasser reichen könnten. Wie oft wurde erklärend behauptet, sie hätten sich des Rückhalts und der Versorgung durch die Bevölkerung sicher sein können. Von denen, die fleißig ihre Äcker bestellten und sich nie um Politik geschert hatten, waren aber die wenigsten Moskau-hörige Kommunisten. Erst recht nicht in den meisten Gebieten Serbiens, Bosnien-Herzegovinas oder Montenegros, deren Bewohner meist noch mit den Königstreuen Tschetniks sympathisierten. Anhand erhaltener Dekrete und Erlasse ließ sich übrigens längst feststellen, dass die Partisanen Plünderungen unter Strafe und das Privateigentum unter besonderen Schutz stellten, sich also nicht einfach nahmen, was sie brauchten. Auch der überkritische, sich selbst und seine Rolle nicht schonende Djilas weist immer wieder darauf hin, dass die Vorgaben größtenteils eigenhalten wurden, wiewohl es unter dem Druck der Verhältnisse auch zu entsprechenden Vergehen kam. Die entsprechenden Eigenmächtigkeiten einzelner Kommandeure mögen den Gesamteindruck schmälern, aber wann hätte es je einen Krieg auf Leben und Tod gegeben, der sich an die Maximen des Völkerrechts hielt?

Die Situation war tatsächlich eine ganz traurige. Wenn der Feind, wie dies im raschen Verlauf des Krieges allzu üblich wurde, qua Vergeltungsmaßnahme Massenexekutionen anordnete, ganze Ortschaften und Gehöfte niederbrannte und deren Ernten vernichtete, Brunnen sprengte und Wälder abfackelte, dann war der vielgerühmte Rückhalt der je ansässigen Bevölkerung im Ergebnis wenig wert. Das aber blieb die Lage – die Misere. Daran hätte der Widerstand eigentlich, selbst nur mangelhaft mit dem Nötigsten versorgt, zerbrechen müssen.

Fast tat er es auch. Vor allem in der ersten Hälfte des Jahres 1943 standen die Partisanen kurz vor der Vernichtung infolge Einkesselung. Dennoch versicherte Tito seinem Mitstreiter Djilas noch im April, als die sogenannte fünfte Offensive bevorstand, das Fachleute meist nicht genügend mit der Stärke des menschlichen Willens rechneten:“ Wenn ein Mensch wirklich entschlossen ist, etwas zu tun,“ wies der Marschall den zaudernden Gefolgsmann zurecht,“ wird er es tun! Selbst wenn es nach menschlichem Ermessen unmöglich ist.“ Das war es tatsächlich, hält man sich an den bloßen, blassen Augenschein. Und es blieb so, als kurz nach der Befreiung des Landes erste Verstimmungen mit dem ´großen Bruder´ spürbar wurden. Schon der Titel eines Marschalls, der dem Partisanenführer von seinen Offizieren ohne vorherige Absprache gegen dessen eigenen Willen verliehen wurde, missfiel dem brutalen Georgier. Stalin tönte:“ Ich bewege meinen kleinen Finger, und es gibt keinen Tito mehr.“ Auch er irrte.

Wir wollen uns hier nicht näher mit den begleitenden Umständen des Bruchs aufhalten. Tito war immerhin der erste und lange Zeit einzige Staatsmann aus dem roten Lager, der das überhaupt wagte. Er brach damit auch das für Bruchfest gehaltene Gefüge des sowjetischen Blocks stalinistischer Prägung auf, als ein Rebell, auf den sich noch der späte Dubcek berufen konnte. Tito hatte auch jedes Recht, so zu tun. Im Krieg ganz auf sich und sein Volk gestellt, schuldete er anschließend niemanden mehr allzu viel. Ein Land, das sich aus eigener Kraft unter den geschilderten Umständen den Klauen einer Übermacht entzog, konnte kaum in das riesige Gefängnis des Warschauer Pakts eingehegt werden.

Im neu gegründeten Jugoslawien kam nun alles darauf an, die angestammten Antagonismen erfolgreich gegeneinander auszuloten, vor allem für materiellen Ausgleich zu sorgen, indem man so schnell wie möglich allen ein halbwegs würdiges Dasein verschaffte. Dies war, im Rückblick betrachtet, alles andere als ´machbar´. Das vom Krieg verwüstete Land bestand aus einer Vielzahl heterogener, einander insgeheim noch immer verdächtiger Volksgruppen, die einzig der gemeinsame Kampf für kurz geeint hatte. Nach dem Zerwürfnis mit Stalin mussten zudem neue ´Freunde´ gefunden werden. Das Schicksal des Landes hing damals an einem seidenen Faden. Die ersten Versorgungsengpässe konnten gerade noch mittels Umkehr der strategischen Ausrichtung abgemildert werden. Sie zielte, wie jedermann weiß, zunächst auf die Westmächte. Geschmeidig und gewitzt, wie er war, wechselte Tito in den kommenden Jahren immer wieder die Seiten und spielte so die Big Player geschickt gegeneinander aus. Eine ´Geostrategie´, derer sich anschließend, wie schon angedeutet, einige der vom Marschall beförderten blockfreien Staaten bemächtigten.

Die größte staatsmännische Leistung geht zweifellos auf das Konto nationaler Befriedung. Tito scheiterte, im Unterschied zu allen seinen Vorgängern, nicht an den unterschwelligen, nie ganz ausgemerzten ethnisch-kulturellen Rivalitäten, den völkisch-zentrifugalen Kräften des Landes, die trotz allen Befreiungspathos der frühen Jahre, das auf die üblichen ideologische Allgemeinplätze setzte, nie ganz verschwanden. Das lag nicht allein an der ´Strahlkraft´ eines Helden, der den ganz Großen bis zuletzt Paroli bot, eher noch an seiner Überzeugungskraft, die ohne lästige Umschweife auf den Punkt kam und entsprechend verfing. Dem schon erwähnten Hang zu pragmatischen, unorthodoxen Lösungen verdankte er, banal gesprochen, auch seinen Erfolg. Nach dem Eklat mit der Sowjetunion fiel es Tito umso leichter, die im sozialistischen Block als ´alternativlos´ geltenden planwirtschaftlichen Auflagen aufzulockern und das Modell der betrieblichen Selbstverwaltung dauerhaft zu etablieren, dem freilich, seien wir ehrlich, ohne westliche Finanzspritzen kein dauerhafter Erfolg beschieden gewesen wäre. Seine Wirtschaftspolitik verwandelte das Land dennoch innerhalb von 20 Jahren von einem Agrar- in ein Industrieland. In den Nachkriegsjahren war eine Begeisterung für die gemeinsame Sache zu verspüren, von der am Ende wenig bis gar nichts mehr übrig blieb. In den frühen sechziger Jahren verzeichnete Jugoslawien kurzzeitig die weltweit höchsten realwirtschaftlichen Zuwachsraten. 1964 äußerten sich über siebzig Prozent der Bevölkerung dementsprechend positiv zu ihrem Land, aber solche Umfragen fanden später nicht mehr statt, weil der Vielvölkerstaat längst mit den typischen realsozialistischen Miseren zu tun bekam: Korruption und Misswirtschaft, Einnahmen auf Pump und zügellose Subventionen, die wie üblich im krassen Missverhältnis zur tatsächlichen, nunmehr stagnierenden Produktivität standen. Wiewohl in den siebziger Jahren der Massentourismus einen bescheidenen Aufschwung erzwang, verschärfte sich gerade entlang langanhaltender ökonomischer Schieflagen der Gegensatz zwischen den nördlichen und südlichen Republiken, zugespitzt vor allem im Streit zwischen Kroaten und Serben: letztere dominierten vor allem das Militär, während erstere in der Erwirtschaftung des Staatsvermögens führend blieben. Laut Satzung musste das meiste davon an die ärmeren Republiken abgetreten werden, denen man sich auch kulturell überlegen fühlte. So kam es zum Zagreber Frühling, den Tito kurzerhand beendete, indem er tausende Stellen neu besetzte, während er anschließend, in der für ihn typischen Art und Weise, den aufmüpfigen Slowenen und Kroaten eher beiläufig und in Raten mehr Eigenständigkeit und Autonomie einräumte.

Er regiere, so meinte Tito einmal selbst,“ ein Land mit zwei Alphabeten, drei Sprachen, vier Religionen und fünf Nationalitäten, die in sechs Republiken leben, von sieben Nachbarn umgeben sind und mit acht Minderheiten auskommen müssen.“ All diese Menschen irgendwie zu einen, und zwar ohne den allzu obligatorischen Gebrauch bequemer Repressalien: war schon eine Lebensleistung an und für sich. Wiewohl am Ende auf Sand gebaut, erwies sich die jugoslawische Identität, trotz ständig aufflammenden Widerstands vor allem seitens der Kroaten, als erstaunlich krisenfest. Die gewaltige Erb, – und Konkursmasse dessen, was unter der Ägide des Alleinherrschers als Jugoslawien ein letztes Mal firmierte, erwies sich bei näherem Hinsehen als eine junge Nation in alter Verrechnung: ein KuK im Kleinen. Er allein hielt zusammen, was nach ihm krachend wieder auseinander brach. Er formte nacheinander eine Armee, einen Staat und ein Staatenbündnis: das macht ihm so schnell keiner mehr nach.

Das Prinzip wechselnder, je opportuner Bündnisse und Konzeptionen, dem der Marschall zuneigte, tauchte denn auch, wie mehrfach erwähnt, im globalen Maßstab wieder auf. Sein Ehrgeiz konnte sich kaum auf nationale Politik beschränken. Hatte er in den Jahren nach dem Krieg bereits seine Fühler ausgestreckt und mit etlichen der Anrainerstatten eine Art Union im Stile lockerer Abkommen vereinbart (was dann aber am Einspruch Moskaus scheiterte), so machte er, nach dem Bruch, endgültig ernst mit einer solchen ´Vision´. Die folgenreiche Gründung der sogenannten Blockfreien Staaten ging, wiewohl mit Nasser und Nehru ausgehandelt, ganz wesentlich auf seine Initiative zurück. Es war dies eine eigene, recht eigentümliche Internationale. Ihre Mitglieder standen weniger zwischen den Stühlen als das sie diese dauernd wechselten, nach Bedarf; wie es ihnen der Gründervater bereits vorgemacht hatte. Hier bereicherte er die monolithisch anmutende Nachkriegsordnung um eine Alternative, die sich unter den damaligen geopolitischen Bedingungen als heilsam, im Mindesten als opportun und nützlich erwies. Warschauer Pakt und Nato standen einander vor allem auf europäischem Boden waffenstarrend gegenüber, während in den Entwicklungsländern sogenannte Stellvertreterkriege ausgefochten wurden. Die Existenz einer dritten Kraft, den beiden anderen Kräften sowohl militärisch als auch wirtschaftlich hoffnungslos unterlegen, übertraf doch an Mitgliedstaaten die der Blöcke bei weitem, weshalb an ihr auf internationalem Parkett auch nicht mehr vorbei zu kommen war. Man musste sie ernst nehmen; eine wirkliche Gefahr bildeten sie aber nicht. Solange der Ost-West-Gegensatz bestand, trug die artifiziell anmutende multinationale Schöpfung zum Ausgleich wiederstreitender Interessen bei, ohne das ein nachhaltiges Fundament dabei herausgekommen wäre, wie wir heute wissen. Sie band immerhin das in der dritten Welt jederzeit drohende Chaos, die unterschwellig brodelnde Anarchie, welche entlang besagter Konflikte immer wieder aufflammte. Und trug so ganz wesentlich dazu bei, dass der kalte Krieg nicht jenseits dieser lokal gehaltenen Brandherde in einen großen heißen umschlug. Im Alter hatte der alte Fuchs noch einmal den Lauf der Dinge weniger beschleunigt, mehr in sorgsame, verlässliche Bahnen geleitet. Insofern eignete seinen Vorstößen Verbindendes und Trennendes zugleich. Die in der Auseinandersetzung mit den Blockfreien latenten, dezent geschürten Spannungsverhältnisse sorgten qua Reibung für eine Bewegung, die nie aus den sorgsam gefestigten Fugen geriet und so auf ein im Grunde verlässliches Einvernehmen zwischen Nord und Süd hinauslaufen konnte. Im Grunde schuf der jugoslawische Staatspräsident mit den Blockfreien einen riesigen Katalysator: der freilich an den seinerzeit vorherrschenden Bauplan gebunden blieb. Die Blockfreien sind heute zu einem bedeutungslosen Debattierclub herunter gekommen, dem mittlerweile sowohl demokratische wie auch autokratische Staaten angehören. Er ähnelt darin der UNO, deren Einfluss bekanntlich maßlos überschätzt wird.

Am 04. Mai 1980 starb Tito im Alter von fast 88 Jahren. Mit ihm endete eine Ära. Das Volk reagierte mit Trauer und Entsetzen auf die Nachricht seines Ablebens. Betrachtet man sich heute die erhaltenen Aufnahmen von den tagelangen Trauerfeierlichkeiten, vornehmlich aber jene, die unmittelbar nach Bekanntgabe seines Todes entstanden sind, so ist vor allem eine tiefe Ratlosigkeit zu verspüren, die noch immer ungemein beklemmend wirkt. Annähernd eine Million Menschen aus sämtlichen Teilrepubliken pilgerten damals nach Belgrad ins ´Haus der Blumen´, wo sein Leichnam  seither in einer Art Mausoleum ruht. Ahnten diese Menschen bereits, dass dem strengen, aber verlässlichen Regime des ´ewigen´ Staatspräsidenten der blutige Furor folgen würde? Die gesamte damals verfügbare Politprominenz kondolierte noch einmal dem großen Mann, um dessen Person es zum Schluss freilich deutlich stiller geworden war. Eine unheimliche Stille fast. Das war wohl diese Ruhe vor dem Sturm, die jeder kennt. Und man fällt umso leichter darauf herein, je überfälliger das sich ankündigende Unwetter bereits geworden ist. Modern und ironisch formuliert: der begleitende Klimawechsel duldete keinen allzu großen Aufschub mehr.

Natürlich bringt unsere Gegenwart Typen wie den Marschall Tito nicht mehr hervor. Das ist, begleitende Umstände eingerechnet, auch ganz gut so. Aber wer will garantieren, dass die blinde Zerstörungswut im 21. Jahrhundert nicht wieder ähnlich rasend um sich peitscht? Josip Broz wurde in eine Ordnung hineingeboren, die als friedlich galt. Es ginge, hieß es damals etwa hierzulande, goldenen Zeiten entgegen. Wir wissen, was daraus wurde.

Allen Brüchen zum Trotz, ähnelte die Laufbahn dieses Mannes weniger den oft vergleichsweise flach ansteigenden und dann eher steil abfallenden Kurven als vielmehr einer beharrlichen Abfolge anfangs noch vom Zwielicht weiter Schatten gedeckter, zunehmend breiter auslaufender Stufen, deren letzte endlich vor einem Hochplateau endet: einer für Aufmärsche und Paraden ideal geeigneten Fläche, die sich aber abzüglich solcher Spektakel leer ausnimmt und in perspektivloser, zunehmend hoffnungsloser Weite verliert. So stand es, leider, am Ende um die jugoslawische Föderation. Im anliegenden Dickicht, das den öden Platz umfassend schirmt, sammelten sich, recht bald nach dem Ende der Blöcke, einander unversöhnlich gestimmte Geister, mit denen damals keiner mehr rechnen wollte. Der Marschall freilich wusste es besser. Die einzelnen Republiken befriedete er auf recht fragwürdige, insgesamt aber leidig funktionierende Art und Weise. Stets zum Nachteil der entwickelten im Norden, die dann auch als erste das sinkende Boot verließen. Den Kenterkahn hielt im Grunde nur noch die strenge Fuchtel des Alten über Wasser.“ Wenn ich euch die Demokratie gebe,“ versicherte er dem Volk kurz vor seinem Tod in einer Ansprache,“ werdet ihr euch gegenseitig die Köpfe einschlagen.“

Womöglich hat das Vergessen, dem dieser Titan des 20. Jahrhunderts anheimfiel, auch und gerade damit etwas zu tun. Der Vielvölkerstaat, den er noch einmal erzwang, unter der vergleichsweise recht moderaten Knute kommunistischer Räson, hat sich nach seinem Tod nicht mehr lange halten können. Multikulti unter gemäßigter, fortschrittlich sozialistischer Führung: ging am Ende eben auch schief. Die sich gern progressiv gebärdenden Verkünder einer Brave New World, in der die Kulturen einander angeblich friedlich begegnen und harmlos bereichern, verwinden kaum, dass ihre Blütenträume bislang nirgends dauerhaft in Erfüllung gehen konnten. Auch nicht auf dem Balkan, wo es derzeit ohnehin schon wieder brodelt, ohne dass dies überhaupt zur Kenntnis genommen würde. Im Grunde deutet ihr Anspruch auf Arroganz und Größenwahn. Er begleitet die stürmischen Tiraden so gut wie das Schweigen, in das sich die ewigen Weltverbesserer stets hüllen, hat sich die nächste Illusion verflüchtigt oder in einen Alptraum verwandelt. Gewachsene Strukturen und kulturelle Selbstverständnisse lassen sich eben weder auf dem Reißbrett noch im Anschluss an heroische Momente nachhaltig außer Kraft setzen. Es grenzt an Hybris glauben zu wollen, entsprechende Projekte versprächen Erfolg, weil ihnen angeblich die Zukunft gehöre. Die ist und bleibt aber: offen. Das mag auch den späten Tito bekümmert haben, als er sich zuletzt immer mehr vom tagespolitischen Geschäft zurück zog und auf internationalem Parkett noch einmal den Ruhm auskostete, der im eigenen Land zunehmend zu hohler Folklore verkam. Daran erkannte man sie zuletzt immer, diese Überlebensgroßen, deren byzantinische Portraits jede miefige Amtsstube zierten: das sie sich selbst und ihr Werk noch zu Lebzeiten überdauerten. Als Monument einer Vergangenheit, die schon damals in weite Ferne gerückt war, ähnelte die Erscheinung des alten Mannes zum Schluss verdächtig jenen starren, unbeweglichen Denkmälern, die vor unseren im protz-prunkenden Stil erbauten Bahnhöfen thronen, während die Masse Mensch ganz gleichgültig an ihnen vorüber eilt.

Alles hat seine Zeit. Auch der Ruhm, den die Geschichte so ungleich verteilt.

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Über Trdic Shanto 74 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.