Kein Grund zur Panik, auf der schwäbischen Titanic…

Amor fati – pati querentibus

Winfried Kretschmann, Bildschirmfoto: Quelle: extra 3

Stell dir vor, es steht jemand neben dir und ein paar anderen Leuten; und lässt, ohne vorher zu fragen, einen Riesenfurz ab. Ihr haltet euch die Nase zu. Der eine oder andere rümpft sie gar. Da ertönt, erlösend, eine Stimme, die da spricht: “Was regt ihr euch auf? Hat doch bloß einer gepupst.“

Die Stimme schwäbelt verdächtig. Und klingt verräterisch nach Elite. Baden Württembergs Ministerpräsident Kretschmann war`s. Einer, der auch Kanzler kann, lässt man ihn nur endlich ran. Beschwichtigend in der ´Sache´, genervt in Ton und Gebärde, rückt er die lästigen Dinge des Lebens zurecht; solche, die der doofe Pöbel einfach nicht kapieren will. Im gemütlichen SWR-Sommerinterview belehrt uns dieser Mann also, die jüngsten ´Ereignisse´ in seiner Landeshauptstadt nüchtern einordnend, folgendermaßen: “Der allergrößte Teil der Einwanderer, die sind integriert, viele sogar sehr gut integriert. Das sind kleine Minderheiten, die da Krach und Krawall machen.“

Sicher: an dieser Stelle hätte sofort nachgehakt werden müssen. Beweisen kann der Grünen-Mufti nämlich beides nicht. Wer von den Einwanderern wirklich lieb und nett geblieben ist und einer geregelten Arbeit nachgeht und noch die vom Steuerzahler finanzierten Sprachkurse besucht, ohne sie vorzeitig abzubrechen (was die Regel geblieben ist): will uns der Oberlehrer aus dem Musterländle (es ist längst keines mehr) net sage. Er wird seine Gründe haben. Schon die Fragen danach, woran man eine gelungene Integration eigentlich erkennt und wie lange es braucht, um sie zu bewerkstelligen, was sie kostet und wie nachhaltig sie ist: blieben bis heute unbeantwortet. Sie werden auch gar nicht mehr gestellt. Ist etwa ein junger Syrer, der eine Ausbildung antritt und auch tatsächlich bis zum Abschluss durchhält, anschließend sogar einen Job erhält und regelmäßig arbeitet allein deswegen schon ´sehr gut integriert´? Hat es sich damit? In seiner Freizeit lauscht er vielleicht den Scharfmachern irgendeiner Ortsteil-Moschee, im Netz zieht er sich die Predigten anderer Zottelbärte rein, wie ihm denn jede Abweichung vom rechtgläubigen Weg Todsünde bleibt, und dies erst recht, hat man ihn endlich passend unter die Haube gebracht. Privatsache? Sicher. Bis zum Beispiel der jüngere, per Familiennachzug nachgerückte Bruder, vom Älteren (den er bewundert) täglich belehrt, eine ungläubige Schlampe auch endlich als solche beschimpft, gleich draußen auf der Straße, um sie dann zusätzlich, schaut sie ihn schief an, mit etlichen Fausthieben zur Räson zu bringen. Das haben er und seine Brüder so oder ähnlich ja schon oft gesehen. Es gibt Typen, die sammeln in ihrer Freizeit die entsprechenden Handyvideos, denn immer sind etliche von den Kumpels dabei, um die Gaudi festzuhalten. Keine Einzelfälle, aber im Fernsehen bekommen Sie derlei nicht zu sehen. Wir wollen an dieser Stelle gar nicht erst fragen, ob die Jungs einer geregelten Arbeit nachgehen.

Dass in Sachen Integration der Schein oft trügt, weil das Phänomen als solches zwiespältig ist, darf nicht einmal gemunkelt werden. Entweder sie klappt oder sie wird noch klappen oder IHR habt alles falsch gemacht. Und zwar eine ganze Menge. Vom Schwimmunterricht in der Schule bis zur todernst geführten Debatte darüber, was Halal ist und was nicht: Hat der biodeutsche Dauerdepp den ermüdend Schutzbefohlenen einfach noch nicht richtig vermittelt, was Integration ist oder sein soll. Ein halbwegs verlässliches Mit- oder Nebeneinander bleibt ohnehin, über die notorisch kolportierten Zusammenhänge hinaus, extrem gefährdet, gelingt selten vollständig, hat immer mehr als nur einen Haken und scheint irgendwie gar kein Ende zu finden. Die Typen, denen wir die Stuttgarter Krawallnacht zu verdanken haben, gehören strenggenommen gar nicht in das Raster, denn in ihrem Fall kann von einer gescheiterten Integration kaum die Rede sein, da es hier nicht zu einem Scheitern kommen konnte, weil die eben von Anfang an null Anstalten in diese Richtung machten. Das darf es eigentlich auch nicht geben, nicht einmal als Ausnahme, die der Herr Kretschmann als solche bemüht. Integration scheitert aber gerade dort am deutlichsten, wo der bloße Augenschein glänzend (aufpoliert) sein mag, die verdeckten oder verborgen Ansichten, Haltungen und Affekte jedoch finster bleiben. Zu den ´schwarzen Schafen‘, die sich gern wie Lämmer geben, zählen allzu oft die ´sehr gut Integrierten´.

In der Außendarstellung sind das alles furchtbar nette, schrecklich entgegenkommende Menschen, denen der sogenannte Alltagsrassismus unsäglich zusetzt. Mit ihnen kann es also keinen Ärger geben. Der biodeutschen Mehrheit muss vor allem klar gemacht werden, dass die ´kleinen Minderheiten, die da Krawall machten´, auch kein Problem darstellen, weil sie weder zählen noch ins Gewicht fallen. Dass man ´Vorfälle´ wie die in Frankfurt oder Stuttgart so noch nie erlebt habe, wie uns Politiker und Polizisten versichern, trübt den Befund kaum, das muss man dann wohl aushalten können, sind alle andern nur super integriert, nachdem man freilich die Grundlagen des Miteinander ´jeden Tag neu ausgehandelt´ hat, sodass am Ende eher die Autochthonen integriert worden sind als umgekehrt das Gros zugewanderter Fachkräfte. Kommt`s richtig dicke, entlang besagter Ausnahmen, die Kretschmann aber gerne aus dem öffentlichen Diskurs heraus halten möchte, muss halt mehr investiert werden, auch wenn es sich ´nur´ um eine lückenlose Video-Überwachung handelt, die den Steuerdepp zwar ein paar Millionen mehr kosten wird, aber das soll uns die renitente, bald sowieso rechtsstaatlich bekehrte Minderheit schon wert sein, oder? Überflüssig zu bemerken, dass der knorke Kretsche die Randale von ganz Rechts ungleich strenger einordnet. An Stuttgart oder Frankfurt reichten diese zwar nie auch nur annähernd heran, trotzdem ist im Zweifel die ganze Republik bedroht, mucken Reichsbürger und Pegidisten auf.

Sie war es also nicht, als eine dubiose Event-Szene in Stuttgart wütete. Zwar habe alle überrascht, dass so etwas in Stuttgart passiert ist, so Kretschmann selbst. Aber: „Wir müssen jetzt das auch nicht aufblasen, als würden wir dauernd in solchen Zuständen leben. “Man werde vielmehr den Ursachen auf den Grund gehen und sorgfältig analysieren, was das für junge Männer waren. Und dann noch einmal, als verweigere ihm die Allgemeinheit Treu und Glauben: „Aber wir müssen jetzt auch nicht so tun, als hätten wir ein völlig ungelöstes Problem und jeden Tag überall Krawall. Das ist nicht der Fall.“ Man lebe nämlich in einer der sichersten Regionen der Welt. „Das sollte man sich schon einmal bewusst machen.“ Was kann, was darf man dazu noch sagen? Auch das antike Rom galt, von Legionen geschirmt, seinerzeit als eine der sichersten Regionen der zivilisierten Welt, und wurde doch mehr als nur einmal verwüstet und geplündert, bevor es die Barbaren ganz in Beschlag nahmen. Selbst der geneigte Leser empfindet solcherlei Vergleiche gern als übertrieben. Doch stellten sich die damaligen ´Zuwanderer´, denen man großzügig Grund und Boden schenkte und alle Karrierewege in der Armee offen hielt, als echte Epigonen heraus, die an den Grundlagen des bröckelnden Reiches festhielten und keinen eigenen Rigorismus exekutierten, der das ungeschaffene Wort des Allmächtigen heute über jegliche Zweifel hebt. Es wird dann auch nicht mehr sehr viel vom angestammten ´Rest´ übrig geblieben sein, wenn in einer gar nicht mehr fernen Zukunft Halbmond und Scharia Nation und Rechtsstaat verdrängt haben werden. Die Erben kommen ohne Randale aus, und werden jede weitere, mit der dann ohnehin kaum noch zu rechnen ist, im Keim ersticken. Nein, es ist wahrlich nicht nötig, solcherlei Ärgerlichkeiten wie die von Frankfurt und Stuttgart, deren Fortsetzung bald in Hamburg, München oder Berlin stattfinden wird, unnötig ´aufzublasen, als würden wir dauernd in solchen Zuständen leben´. Besser, wir gewöhnen uns so langsam dran. Und an die neue Ordnung, die der alten folgt. Dann muss der Herr Kretschmann auch nicht mehr ´den Ursachen auf den Grund gehen und sorgfältig analysieren, was das für junge Männer waren´. Sie tauchen in der überlieferten Geschichte nicht einmal am Rande auf, wie die schweigende Mehrheit selbst, an deren Gelassenheit der große Vorsitzende im Interview noch einmal appelliert. So geht Abgang.

Paul Valery hat im ersten Brief seiner ´Krise des Geistes´ einer düsteren Vision Nachdruck verliehen, die in Zeiten verordneter Völkerliebe seltsam fremd klingt, doch haben Jahrtausende überlieferter Kulturgeschichte nur bestätigt, was damit gemeint gewesen ist. Die Wahrheit dieser Worte wird gnadenlos durch eine Wirklichkeit bestätigt, die sich nicht narren oder lumpen lässt. „Wir sehen jetzt,“ so heißt es da, “dass der Abgrund der Geschichte Raum hat für alle. Wir fühlen, dass eine Kultur genau so hinfällig ist wie ein einzelnes Leben.“

Amor fati – pati querentibus

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Über Trdic Shanto 71 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.