Kyffhäuserdenkmal in Thüringen – Kultstätte mit Fragezeichen

Beim Blick vom Kyffhäuserdenkmal vermischen sich Mythus und Wirklichkeit, Foto: Vallendar

Das Kyffhäuserdenkmal in Thüringen gilt als Erinnerungsort deutscher Geschichte – wo Mythen gedeihen und Menschen unterschiedlicher Herkunft ihre Wochenenden verbringen

Ja, es könnte ein Anziehungspunkt für rechtsradikale Umtriebe sein: Das Kyffhäuserdenkmal in Thüringen. Ist es aber nicht. „Was wohl auch daran liegt, dass wir verkehrstechnisch recht ungünstig liegen“, sagt Heiko Kolbe. „Bereichsleiter“ steht auf seiner Visitenkarte, und dass er seit 1986 im Dienst sei. In der Tat. Um zum Kyffhäuser zu gelangen, muss man mit dem Auto über enge, kurvige Straßen und durch mehrere Ortschaften fahren. Anschließend geht es zu Fuß noch ein gutes Stück bergauf. Von einem Parkplatz durch dichten Wald bis zu einer Anhöhe mit stählernem Tor, das nur befugten Besuchern und Journalisten den Zugang per Pkw gestattet. Bis auf ein paar bunt bemützte Studentenverbindungen, die sich in der Öffentlichkeit meist unpolitisch geben, habe es auf dem Areal bislang keine rechtsradikalen Aufmärsche, Treffen oder gar Fackelumzüge gegeben, sagt Kolbe. Und dass das bitte auch so bleiben möge, fügt er hinzu.

Buntes Publikum

Trotz Corona strömen auch in diesen Tagen wieder zahlreiche Menschen auf den Kyffhäuser, Familien, Pärchen und viele Gruppen, die in Bussen aus ganz Europa angereist sind. Das Publikum ist bunt gemischt und zu hören sind unterschiedliche Sprachen. Offenbar hat sich die Schönheit des Ortes auch im Ausland herumgesprochen. In einem Selbstbedienungsbistro gibt es Obsttorte, Käsekuchen und kühle Getränke. Vereinzelt sind Frauen zu sehen, deren Bekleidung darauf schließen lässt, dass sie muslimischen Glaubens sind und wahrscheinlich aus dem Orient stammen. Eine von ihnen ist Aria Saleh (32). Sie sei aber nicht Muslima, sondern Jesidin, sagt sie, und dass sie aus Syrien stamme. Die Bloggerin und Fotografin lebt in Hannover und hat vor ihrer Flucht aus dem Bürgerkriegsland Anglistik studiert. Vom Kyffhäuserdenkmal habe sie im Internet gelesen, sagt Saleh, und dass sie sich das Denkmal unbedingt mal aus der Nähe anschauen wollte.

Die syrische Bloggerin Aria Saleh (32) zu Besuch auf dem Kyffhäuserdenkmal in Thüringen, einer nur scheinbar „deutschen Kultstätte“. Fotos: Vallendar

Mythus begann mit Bismarck

Auch zu DDR-Zeiten war die Anlage, 50 Kilometer südlich von Weimar, ein touristischer Anziehungspunkt, bei dem das Politische aber weitgehend im Hintergrund blieb. Es hatte nach 1945 zwar Pläne gegeben, die Anlage als mögliche Brutstätte neuer, nationalistischer Bewegungen zu sprengen, was aber zum Glück unterblieben ist, sagt Bereichsleiter Kolbe. Im Vordergrund steht von jeher die bombastische Aussicht aus knapp 500 Metern Höhe über das Thüringer Land, in den Südharz und ins angrenzende Erzgebirge.

Der Mythus um das Kyffhäuserdenkmal begann vor 180 Jahren. Bis auf den Ruinen der mittelalterlichen Burganlage an der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt Ende des 19. Jahrhunderts ein Monument zu Ehren Friedrich Wilhelm I., dem preußischen König und deutschen Einigungskaiser von 1871 errichtet wurde; zu einer Zeit, als Politiker und Lobbyisten in Deutschland fieberhaft nach zentralen Identifikationsorten für das frisch aus der Taufe gehobene Reich suchten und dabei schon bald auf die steinernden Überreste am Kyffhäuser stießen. Der Grund: In deren Nähe soll, was historisch als relativ gesichert gilt, im 12. Jahrhundert wiederholt der legendenumwobene Kaiser Barbarossa mit seinem Gefolge campiert haben. „Campieren“ ist dabei wörtlich zu nehmen, denn im Mittelalter war es üblich, dass ein König sein Territorium durchwandernd regierte. Barbarossa war es gelungen, die zerstrittenen deutschen Reichsterritorien zumindest zeitweilig an sich zu binden und wichtige Impulse zu deren weiterer Entwicklung zu setzen. Genau darauf setzten die PR-Strategen aus dem Umfeld Otto von Bismarcks, indem sie auch auf Vorarbeiten bekannter und weniger bekannter Literaten rekurrierten; literarische Werke, darunter viele Gedichte, die dem so genannten „Kyffhäuserkult“ schon Jahrzehnte vor der Reichsgründung 1871 auf die Sprünge geholfen hatten. Angeblich, so besagt es die Sage, schlummert der mittelalterliche Kaiser Barbarossa bis heute unterhalb des Kyffhäusers, um dort eines Tages hervorzukriechen und dem Reich zu Einheit, Glück und Wohlergehen zu verhelfen. Dieser Zeitpunkt schien mit der Reichsgründung tatsächlich gekommen zu sein, was zur Folge hatte, dass Friedrich Wilhelm I. auf dem Kyffhäuser ein bis heute dort stehendes Reiterdenkmal errichtet wurde. In Personalunion mit seinem mittelalterlichen Vorgänger sollte der Preuße fortan über das Reich herrschen und den Mythus der „guten alten Zeit“ begründen. Soweit zur Sage, die Generationen deutscher Schulklassen auswendig lernen mussten. Doch daraus auch einen „Kult der Deutschen“ zu machen, wie auf manchen, rechtsnationalen Portalen zu lesen ist, wollen im analogen Leben offenbar nur wenige. „Unstreitig ist das Kyffhäuserdenkmal ein Kristalisationsort deutscher Geschichte, der Menschen anzieht, ohne dass man jedoch von einem ‚Kultort‘ sprechen könne“, sagt der Historiker Uwe Puschner von der FU Berlin. Vielmehr verkörpere das Denkmal den alten Wunsch der Deutschen nach Einheit, Frieden und Gerechtigkeit; zeitlosen Idealen, die Menschen aus vieler Herren Länder dazu bewegt, hier zu leben und hin und wieder auf den Kyffhäuser zu wandern.

Kyffhäuserdenkmal in Thüringen, Foto: Vallendar

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Benedikt Vallendar
Über Benedikt Vallendar 7 Artikel
Dr. Benedikt Vallendar wurde 1969 im Rheinland geboren. Er studierte in Bonn, Madrid und an der FU Berlin, wo er 2004 im Fach Geschichte promovierte. Vallendar ist Berichterstatter der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main und unterrichtet an einem Wirtschaftsgymnasium in Sachsen.