Massaker unter den Gläubigen in Nigeria interessieren keinen – Erträgliche Blutbäder

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Alarm auf sämtlichen Kanälen! Die prächtige Kiewer Nikolauskathedrale wurde am Pfingstsonntag von einer russischen Hyperschallrakete getroffen. Über zweitausend Gläubige hatten sich in dem Gotteshaus des römisch-katholischen Bistums eingefunden um der heiligen Messe beizuwohnen. Das Geschoß vom Typ Ch-47M2 Kinschal traf den Eingangsbereich und hinterließ dort einen Wohnzimmergroßen Krater. Die Wucht der Detonation erfasste mühelos die hinteren, vollbesetzten Bankreihen. Zahlreiche Tote und Schwerverletzte konnten inzwischen aus den Trümmern geborgen werden. Aktuellen Angaben zufolge ließen annähernd hundert Menschen, unter denen sich auch zahlreiche Kinder und Jugendliche befanden, ihr Leben. Der freie Westen zeigte sich fassungslos angesichts dieser ´neuen Qualität russischer Kriegsverbrechen´. Ein barbarischer Akt! „Wir sind entsetzt und erschüttert darüber, zu welchen Mitteln Putin mittlerweile greift.“ Im Kreml stritt man zunächst jede Verantwortung ab, musste dann allerdings zugeben, dass es sich um ein ´Versehen´, um technisches Versagen handelte. Das eigentliche Ziel sei nur um Haaresbreite verfehlt worden: eine Villa, auf der gegenüberliegenden Straßenseite gelegen. Dort verstecke der Gegner chemische Waffenlabore. Wolodymyr Selenskyi, erster Soldat der Ukraine und ungekrönter Social-Media-König, holte umgehend zur Generalabrechnung aus. Ein Schnellfeuergewehr der Marke Lockheed im Anschlag, redete er den Verbündeten einmal mehr forsch und fordernd ins Gewissen. Das Reich des Bösen habe wieder einmal seine finstere Fratze offenbart. Der Westen dürfe nicht länger zögern. Die bisherige Zurückhaltung Russland gegenüber müsse ab sofort durch konsequentes Handeln ersetzt werden. Putin ist der neue Hitler. Rote Linien darf es nicht mehr geben. Ihr Völker der freien Welt: blickt auf Kiew! Tag der Schande – Tag der Vergeltung! Und aus dem Generalstab im fernen Washington ertönte das alles erlösende Signal:“ Ab Montagmorgen wird zurück geschossen!“

Zweites Beispiel. Was wäre wohl geschehen, hätten irgendwelche Fanatiker christlicher Konfession irgendwo in der islamischen Welt, von Marokko bis Insulinde, an einem Freitag irgendeine x-beliebigen Moschee gestürmt und die dortselbst rechtgläubig versammelte Gesellschaft brutal zusammen geschossen? Um bei der Gelegenheit noch ein paar Stangen Dynamit hinter her zu werfen. So abwegig der Gedanke auch scheinen mag, das dies tatsächlich einmal geschehen könne (im Orient schlachten sich hauptsächlich Sunniten und Schiiten gegenseitig ab): der gerechte muslimische Volkszorn forderte umgehend und mit viel Randale blutige Revanche. Die regen sich, wie wir wissen, schon über ein paar harmlose Karikaturen unsäglich auf.

Letztes Beispiel. Am Pfingstsonntag stürmten fünf schwerbewaffnete Täter angeblich unbekannter Herkunft eine Kirche im nigerianischen Owo und richteten ein Massaker unter den Gläubigen an. Anfangs war von bis zu fünfzig Toten die Rede, dann verdoppelte sich diese Zahl, offiziell wurden schließlich deren zweiundzwanzig genannt. Unstreitig ist, dass vor allem Kinder und schwangere Frauen zu den Opfern zählen. Die Kliniken der Umgebung sind seitdem überfüllt mit Schwerverletzten. Bis zu 1200 Menschen fasst die Kirche. Das Gotteshaus war voll besetzt, als die Mörder kurz vor Mittag zuschlugen. Ein Augenzeuge berichtete: „Sie kamen von vorn herein und hinten durch die Seiteneingänge und begannen zu schießen. Aber niemand wurde entführt, kein Priester, niemand von der Kirchenleitung wurde gekidnappt. Sie kamen nur, um zu töten.“ Sowohl Gewehre als auch Sprengstoff hätten die Männer eingesetzt. Sie schossen Augenzeugen zufolge auch Flüchtenden in die Beine. Ganze Familien seien ausgelöscht worden, sagte ein Mitglied des Kirchenchors Journalisten der BBC.

Nun: dieses Beispiel passt nicht nur, es stimmt sogar. In der Saint-Francis-Church gab sich Satan in seiner ganzen Nacktheit und Reinheit zu erkennen. Das Gotteshaus wurde binnen Minuten zur Richtstätte: zu einer Schlachtbank. Die frohe Pfingstbotschaft erstickte im Chaos bluttriefender Heimsuchung, die man sich entsetzlicher kaum vorstellen kann. Ein einziges Bild vom Tage tauchte anschließend im bundesdeutschen Mainstream auf: vor dem Altar hängt der Gekreuzigte, den Kopf leicht zur Seite und nach unten geneigt; solcherart unendlich müde auf den steinernen Boden herabschauend, den Reste von Trümmern und Bekleidungsstücken säumen…

Ein Ort des Grauens. Unbegreiflich bleibt, was hier geschah – was einmal mehr der Mensch dem Menschen antat.

Wie reagierte nun der freie, wertebasierte Westen auf den heimtückischen Massenmord? So ziemlich gar nicht. Die Meldung machte kurz die Runde, rangierte aber von Anfang an am hintersten Ende der Berichterstattung; noch dem Klatsch vom Tage wurde ungleich breitere publizistische Aufmerksamkeit zuteil. Bis auf die ersten Seiten schaffte es hingegen eine andere Nachricht: die ´frohe Botschaft´, dass es der heldenhaften ukrainischen Heimwehr gelungen sei, einen weiteren russischen General zu liquidieren. Man habe den Mann „offiziell entnazifiziert und entmilitarisiert.“ So geschmacklos und zynisch sich das anhört: wurde die ´Wortwahl´ von keinem einzigen Leitmedium beanstandet. Also: Kommentarlos übernommen. Auch eine Art Kommentar, wie ich finde. Damit zeigt man, das gezielte Tötungsaktionen wie diese, am passenden Subjekt vorgenommen, durchaus begrüßt werden und da fallen dann, pardon: auch ein paar massakrierte Schwarzafrikaner nicht mehr sonderlich ins Gewicht. Black live matter?  Nur, wenn es sich um solche handelt, die als Kleinkriminelle ihrer Festnahme (durch böse weiße Männer) erliegen oder vor dem Kölner Dom fröhliche Notstände feiern – auf Kosten ahnungsloser weißer Schlampen. Völlig straffrei, versteht sich. In Owo haben Menschen schwarzer Hautfarbe ihres gleichen umgebracht. Das passt nicht ins schwarzweiß gemalte Bild.

Und muss nicht weiter beklagt oder betrauert werden. Wo blieben die Empörungsarien der üblichen Verdächtigen? Der Damen und Herren Baerbock, Habeck oder Scholz – was sagten sie dazu, was fiel ihnen zum ´Vorfall´ ein? Haben die sich mittels Entrüstungssturm auf eilig einberufenen Pressekonferenzen entsprechend vernehmen lassen? Iwo. Keiner tat das. Nicht einmal die reflexartig vorgebrachten Aktionen öffentlicher Anteilnahme fanden dieses Mal statt. Fehlanzeige. Keine Lichterketten oder Schweigeminuten, mit Duftkerzen und Kuscheltierchen; keine Solidaritätsbekundungen in dieser oder jener Stadt. Auch keine martialischen Vergeltungsappelle, die doch neuerdings unter Pazifisten zur täglichen Routine zählen.

Denn: man weiß ja noch immer nicht so genau, wer eigentlich dahinter steckte und was mit dieser Tat bezweckt werden sollte. Hieß es umgehend in den deutschsprachigen Medien. Kann man die Heuchelei frecher auf die Spitze treiben? Wir kennen den Feind! Ultra-Islamisten vom Schlage der Boko Haram verüben schon seit Jahren Angriffe auf Kirchen im Norden Nigerias und verschleppen auch gerne junge Mädchen zwecks Vergewaltigung und Beschneidung; inklusive Lösegeldforderung. Aber alles halb so wild. Sozusagen: schon wieder vergessen. Am vergangenen Pfingstsonntag wurden völlig wehrlose Menschen allein aufgrund ihrer konfessionellen Zugehörigkeit wie Vieh abgeschlachtet. Einzig weil sie Christen waren. Sie feierten unser Fest, unseren Glauben. Ihr gewaltsamer Tod hat dennoch keinen Aufschrei hier bei uns verursacht.

Bei Gelegenheiten wie diesen wird auch deutlich, dass vom christlichen Glaubensbekenntnis, gerade an den Festtagen, nichts als harmlose Folklore übrig geblieben ist, um deren lausige Reste sich ohnehin kaum jemand schert. Fragen sie mal auf der Straße nach, was es mit Pfingsten auf sich habe. Pfingsten: das ist für die allermeisten zunächst mal arbeitsfreie Zeit. Die man kaum in der Kirche vertrödelt. Deren Gemeindevorsteher nehmen sich auf´s Geratewohl der woken Reizthemen unserer Zeit an, die sie dementsprechend ´Evangelien-konform´ herunter kochen und vor halbleeren Rängen armselig zum Besten geben: wie in einer echten Selbsthilfegruppe. Wozu sich das antun? Das Original ist immer besser als seine Kopie. Abends lockt die Ü-30 Fete in der Markthalle. Der Ausgehmuffel bleibt daheim und schaut bei Netflix rein. Danach wird die Alte geknallt. Kevin und Larissa schlafen irgendwann vor der Spielkonsole ein. Wer sich´s (noch) leisten kann: macht einen Kurzurlaub auf Malle. Wer´s aushält: schaut mal wieder bei den Verwandten rein. So geht Pfingsten.

Von der Ausgießung des Heiligen Geistes haben die allermeisten noch nie etwas gehört. Sie verstünden das gar nicht mehr. Folglich wird jetzt auch nicht als Ungeheuerlichkeit empfunden, was als Blasphemie jeden Rahmen sprengt. Sowas funktioniert nur mittels Hype; und die blieb aus.

Die ´Leithammel´ selbst, als Resteverwalter sakraler Kümmerlichkeiten, hielten gleichsam feige das Maul. Die Herren Woelki oder Bedford Strohm, Marx oder Müller: schweigen sich auch weiterhin ganz eisern aus zur Tat. Wo sie doch sonst immer die ersten sind, wenn es um moralische Belehrungen oder zeitgeistige Anbiederungen geht. Hallo Frau Kässmann: was fällt IHNEN zu dem Anschlag ein? Hallo – leben sie noch? Papst Franziskus, immerhin: bekundete sein Beileid. Kurz und bündig; im Telegrammstil. Wütend wird der Stellvertreter Christi auf Erden aber sofort, erwischt es diverse Bootsflüchtlinge im Mittelmeer: dann zürnt und zetert dieser Säulenheilige und kriegt eine rote Giftbirne. Meist gütig lächelnd und stets in ein strahlend weißes Engelsgewand gehüllt, gebärdet sich Papst Franziskus gern auf´s Grantigste, passt ihm der Vorfall in den eigenen Kram. So ticken sie alle, so trist nimmt sich das Bild im Ganzen aus. Geschenkt. –

Zweierlei Maß –  zweierlei Betroffenheit. Erträgliche Blutbäder wie jene, die derzeit im Jemen triefen, oder einst das winzig kleine Ruanda bis in den gewaltigen Kongo hinein befleckten: gehen uns allen ziemlich am Arsch vorbei. Das hat sich nun erneut gezeigt. Die Macher entscheiden, was richtig zieht – und was als kalter Furz verpufft. Wen kratzt denn schon, dass der Nato-Verbündete Erdogan derzeit den Norden Syriens aufmischt um dort eine ´Kurden-freie´ Zone zu errichten? Jüngst griff er, zum wiederholten Mal, den Irak an. Er macht´s wie der böse Russe, nur etwas weniger zimperlich. Dennoch fällt es der Frau Baerbock nicht im Traum ein, die türkische Wirtschaft ruinieren zu wollen – am besten für immer. Vielleicht schafft das der Kalif vom Bosporus am Ende ganz allein. Mit den Golfrandpotentaten, die im benachbarten Jemen unzählige Zivilisten mittels ´koordinierter militärischer Spezialoperationen´ schon seit Jahren meucheln, indem sie einen Wohnbezirk nach dem anderen pulverisieren: unterhält der koschere, lupenreine Westen beste Beziehungen. Heuer mehr denn je. Da macht unser Herr Habeck schon mal einen ziemlichen Bückling. Wird nicht der letzte gewesen sein. Die lukrativsten Waffendeals, angeführt vom großen Partner jenseits des Atlantiks, wurden zuletzt mit den ´Partnern´ auf der arabischen Halbinsel abgeschlossen. Sie wissen schon: alles vorbildlich rechtstaatlich organisierte Staaten. In Saudi Arabien hat man allein im letzten Jahr an einem einzigen Tag 81 Menschen geköpft. Ehebruch, ´Hexerei´ und Abfall vom rechten Glauben: reichen schon aus, um bei denen mittels Schwerthieb einen Kopf kürzer gemacht zu werden.

Pfingsten ist vorbei. Wer verschwendet jetzt noch irgendeinen lästigen Gedanken auf das, was sich am Sonntag in der nigerianischen Provinz ereignet hat? Tun SIE das vielleicht? Vom Anschlag ist in den Gazetten kaum mehr die Rede. Es wurde kein Sturm entfacht; folglich kann nur eine Flaute folgen. Wir sind jetzt sowieso mit wichtigeren Dingen beschäftigt. Den Folgen des überhastet eingeführten 9 Euro Tickets zum Beispiel. Dem ja bekanntlich keine nennenswerten Aufstockungen der Zugkontingente vorausgingen. Vom total überlasteten Personal ganz zu schweigen. Bei so viel Stegreif-Stümperei kann eine Lappalie wie die in der afrikanischen Provinz schon mal dauerhaft zurückstehen, bevor sie endgültig in Vergessenheit gerät. Überhaupt: gilt alle Aufregung ab sofort der ´Amokfahrt´ vom Vortage. Tatort Breitscheidplatz. Da werden böse Erinnerungen wach. All jene, die noch am Sonntag schwiegen, haben jetzt verlässlich ihre Sprache zurückgewonnen. Bilanz der Irrsinnstat: sechs Schwerverletzte und eine Tote; dazu zahlreiche traumatisierte Kinder.

Ein britisches Sprichwort besagt, dass der Tod ein großer Gleichmacher sei. Das stimmt. Doch bleiben auf Erden, davon unbemerkt, einige stets gleicher als die jeweils anderen.

Über Shanto Trdic 127 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.