PAX VOBISCUM – Teil 2 – Mark Hollis

Die künstlerische Entwicklung von Mark Hollis verlief in organischen Schritten

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In Schlummer ist der dunkle Wald gesunken,
Zu träge ist die Luft, ein Blatt zu neigen,
Den Blütenduft zu tragen, und es schweigen
Im Laub die Vögel und im Teich die Unken.“
Lenau

Die künstlerische Entwicklung des Mark Hollis verlief in organischen Schüben; solcherart, dass sich am Ende dann ein Kreis schloss. Er begann als Dilettant, und irgendwie hörte er als solcher auch wieder auf. Dazwischen lag der Erfolg; ohne den der seltsame Ausklang dieser ´Karriere´, dessen eigentümlicher Verlauf alles besiegelte, gar nicht zu begreifen oder zu bemessen wäre.

Eigentlich hatte Mark Hollis Kinderpsychologe werden wollen. Über seinen Bruder, der aufstrebende Bands betreute und sich als DJ versuchte, kam er, wohl eher beiläufig, zur Musik. Das geschah in London, wo der Zwanzigjährige mit den frühen Ausgeburten des Punk Bekanntschaft schloss, den die Sex Pistols soeben Massenkompatibel ´ausgekotzt´ hatten. Der Nicht-Musiker fand dann Anschluss in einer Band namens The Reaction, die sich rasch wieder auflöste – Punk eben. Diese Phase, äußerlich unbedeutend, war dennoch wichtig, denn etwas vom rebellischen, anarchischen Gestus derer, die auf bequeme Art und Weise ablehnten, was ihnen nicht passte, bewahrte sich Hollis in den nun folgenden Jahren des Ruhms, entlang gewisser Haltungen und Manierismen, die deutlich und variantenreich im Video zu ´Such a Shame´ aufmucken. Hier excelliert der verhinderte Kinderpsychologe selbst wie ein in die Jahre gekommenes, albernes Kind: trotzig und spitzbübisch, so verlegen wie verwegen Grimassen schneidend; im Ganzen einen vordergründig fröhlichen Irrsinn austobend, der sich um nichts und niemanden mehr schert. Die forschfidele Maskerade täuscht nur halbherzig über Wut und Verzweiflung, Frust und Weinerlichkeit hinweg.

Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Jugend tickte damals so. Von der unbeschwerten Ausgelassenheit der späten sechziger und frühen siebziger Jahre mit ihrem revolutionären Pathos war nicht mehr viel übrig geblieben; auch und gerade im britischen Königreich. Die Szene fragmentierte. Katerstimmung machte sich breit. Ein Punk wollte die Gesellschaft nicht mehr verändern. Er wandte sich genervt von ihr ab. Im Grunde war auch das ein Rückzug ins Private, in die schräge Schmollecke – ins bequeme, selbstgewählte Exil. In dem gar nicht unsympathischen Bemühen, sich über möglichst alles lustig zu machen kam eine tiefe Verunsicherung zum Ausdruck. Viele der Jungen wussten mit dem Kult um Konsum und Komfort immer weniger anzufangen, weil seine Verheißungen innerhalb bestehender Vereinbarungen kaum noch verfingen und diesen Wohlstandszöglingen doch im letzten unentbehrlich blieben. Daher rührte das nicht selten infantile, im Zustand ständiger Zerknirschung beheimatete Grundgefühl einer ´Bewegung´, deren Selbstverständnis schließlich in der simplen Parole ´No Future´ schnöden Ausdruck fand. Damit war nichts zu holen, und im Grunde noch weniger gesagt: ein kalter Furz hätte es auch getan. Kein Wunder, das die korrespondierende Leere irgendwann in ihr Gegenteil umschlug. Fast alle, die in den frühen Achtzigern auf elektronisch dominierten Pop umstiegen kamen aus der Punk Ecke. Die überkommene Kälte hielt sich noch lange als Spurenelement in der Musik (vgl. Visage, Ultravox oder Depeche Mode), auch der Minimalismus simpler Akkordfolgen, die nun immer variantenreicher ausgeschmückt wurden; moderne Technik machte es möglich. Modisch trennten sich die Wege der Epigonen bald deutlich voneinander: etliche hielten bis auf weiteres am schrägen Outfit fest, nicht wenige setzten früh auf Maßanzug und fesche Frisi.

Nach den Reaction kräht heute kein Hahn mehr. Hollis Bruder knüpfte neue Kontakte. Er schwamm in der Szene wie ein Fisch. Dank ihm fand der eher zurückhaltende Mark Kontakt zu neuen Musikern, die fortan das klassische Line-Up von Talk Talk bildeten. Ihr Debut-Album (The Party´s over), 1982 erschienen, war schon voll auf der Höhe seiner Zeit und variierte die damals gängigen Trends des Pop (Synthie, New Wave, New Romantic) entlang gewisser Eigenarten, die aber zunächst nicht sonderlich ins Gewicht fielen. Talk Talk hatten sich noch nicht gefunden und klangen ähnlich wie Duran Duran und Depeche Mode, Human League oder Icehouse, recht konventionell also, und nur in Ansätzen zwiespältig. Galt auch für Hollis´ Gesang. Der suggestive, in sich verstohlene, geheimnisumwitterte Ausdruck seiner im Grunde schwachen Stimme schien hier nur gelegentlich einmal auf: ein wenig verlegen bis verschämt, peinlich berührt – sorgsam dosiert. Er traute sich wohl noch nicht, den Gefühlen freien Lauf zu lassen. Mit ihrem Erstling waren Talk Talk im Grunde kommerzieller als auf dem dann folgenden, ungleich erfolgreicheren Album. Mittels gebrauchsfertiger Harmonien und bewährter Kalküle tastete sich die Band langsam voran und bemühte recht beiläufig die einen oder anderen vom Punk vererbten Schrullen. Auch das fiel kaum ins Gewicht. Erfrischend eingängig, ´Ohrwürmelnd´, doch ohne allzu viel Anbiederung: sind Hollis und Co. damals eigentlich noch nichts Besonderes gewesen. Zahlreiche Newcomer klangen auf Platte ohnehin eher flau, während sie in den Clubs umso überzeugender rüber kamen. Später kehrte sich das dann um: je intensiver die Protagonisten im Studio tüftelten, umso ungelenker, hergeholter und ´bemühter´ geriet das Ergebnis live.

Vom ursprünglichen Lebensgefühl war bis dato nicht mehr viel übrig geblieben. Meist verreckte es schon viel früher an der Peripherie. Oder nach der ersten Platte. Ein Schicksal, das auch dieser Combo drohte. Die Bands der ersten Stunde ´haben was´, wie man zu sagen pflegt; doch das allein reicht nie. Im Gegenteil. Oft hintertreibt das ´nur´ Besondere den Erfolg und verhindert ihn dann ganz. Je außergewöhnlicher der Ansatz, umso gefährdeter das Produkt. Allen Einfällen und Ausgeburten zum Trotz, die im glücklichen Moment jeden Zweifel beseitigen: bleibt der Schaffensprozess stets von Fäulnis und Verwesung, Krankheit und Tod bedroht. Seltene Früchte verderben leicht. Und bedürfen eines ausgewählten Milieus; besonderer Hege und Pflege. Das Meiste, wie billig: geht vor jeder Reife zugrunde. Nicht selten reichen Kleinigkeiten. Am Ende fehlt der lange Atem. Zig Bands werden im passenden Moment vom Zeitgeist an die Oberfläche gespült, doch die meisten verschwinden anschließend ganz schnell wieder in der Versenkung. Gute und schlechte. Echte Einser und dutzende Sechser, sozusagen. Immerhin: kam eine Besonderheit im Falle der Talk Talk schon früh trefflich zur Geltung. Fröhlichkeit und Traurigkeit umgarnten einander in den Songs bereits ´wie alte Freunde´: erstere von Nachdenklichkeit und leiser Resignation eingetrübt, letztere in Ansätzen bereits euphorisch und empathisch gestimmt. Das entbehrte nicht einer gewissen Originalität. Tief veranlagte Menschen kennen solcherlei ´gemischte Gefühle´, die eher dumpf und behäbig dahin vegetierende Mehrheit muss immer wieder darauf gestoßen werden. Der Talk Talk – typische Gestus hymnischer Verklärung verfängt da schon sehr viel leichter. Auf dem Debut schien er noch wie in Watte gepackt. Hier fehlte nämlich, wie wir noch sehen werden, der passende Zugriff – der richtige Mann.

Die Musik schöpfte also, über den Daumen gepeilt, aus dem seinerzeit üblichen Fundus, ohne ihn schon überbieten zu können. Auf Hate klingt die Band phasenweise wie Duran Duran mit Wild Boys, die extravaganten Einschübe im Mirror Man erinnern an das Getüftel der Eurythmics. Gelegentlich rockt es recht ordentlich. Auf Another World divergiert das simpel poppige Einstiegsthema zum weiteren Verlauf des Liedes, doch kommt im Refrain der Kommerz schon wieder voll zum Zuge. Die Platte endet mit Candy, das irgendwie orientierungslos vor sich hin dümpelt und überhaupt nicht in Gang kommt. Schon ein echter Fingerzeig, wie mir scheint…

Es erschienen nun im Abstand von je zwei Jahren drei weitere Alben, das vierte und letzte brauchte ein Jahr länger. Die beiden Nachfolger waren kommerziell durchschlagend, die letzten zwei nicht mehr. Doch der Reihe nach.

It´s my life wurde zum echten Quantensprung, in kommerzieller wie auch künstlerischer Hinsicht. Die Platte tönte insgesamt subtiler und war ungleich raffinierter arrangiert als der Vorgänger; dazu zwingender und ausschweifender im Ausdruck der Gefühle, mit denen Hollis rang: so verträumt wie verzweifelt, so zögerlich wie blind entschlossen. Mit diesem Album verabschiedete sich die Band auch vom Rock, der noch in Resten auf dem Vorgänger irrlichterte. Ähnlich wie bei Pink Floyd, deren Klangkaskaden durch den Einsatz von Rick Wrights Synthies und Keys im Laufe der Zeit immer ausladender und umfassender gerieten, dominierten nunmehr die Tasteninstrumente das musikalische Geschehen, um eine ganz eigene Welt in der bis dato gewachsenen zu etablieren; dies aber noch immer Rahmen klassischer kurzminütiger Popsongs. Mastermind Tim Friese-Greene zeichnete für diese Entwicklung verantwortlich. Maßgeblich am Songwriting beteiligt, sorgten seine Soundbögen und Klangtüfteleien für eine unerhörte Bereicherung des musikalischen Ausdrucks. Was wäre wohl geschehen, hätte Simon Brenner seinen Job an den Tasten behalten?

Friese-Greene erweiterte den Kanon des Haupt-Ideengebers und erschloss dessen Vorstellungen ungeahnte Möglichkeiten im Klang-sinnlichen Bereich. Die Musik begann jetzt förmlich aufzublühen, vor Phantasie zu sprühen – inniger zu atmen. Der Flaschengeist kam zum Vorschein. Was bis dahin in der stillen Reserve verharrte, verselbständigte sich nun auf sehr überzeugende Art und Weise. Nichts davon klang gespreizt oder gewollt, erzwungen oder erklügelt. Leicht und leger, mitunter sphärisch tönten die Lieder ab sofort; eigenartig luftig und getragen, und doch gleichzeitig wie in herbe, fast altersmilde Melancholie getränkt. Passend dazu Hollis geläuterter Gesang, der um Jahre gealtert schien und doch den Gefühlsfundamentalismus eines ewigen Teenagers verriet. Wäre da nicht der zusätzlich zum Schlagzeug verwendete Drum Computer: alles versänke alsbald in uferloser Schwelgerei. Das ist eine, die sich kein Erwachsener mehr leisten kann, wohlgemerkt! Man spürt: hier entstand etwas Großartiges. Friese-Greene ´entsorgte´ den simplen New Wave Sound nicht, verhalf ihm vielmehr zu frischem Glanz und neuer Würde. Artrock als Pop, oder Pop mit Bombastanleihen: beides bestach; in überzeugender Verrechnung.

Dum Dum Girl bildet den noch recht überkommen anmutenden Einstieg in diesen unerhört bezwingenden Klangkosmos, dessen Kaskaden nie aufdringlich wirken. Such a shame wurde zum größten Single-Hit der Band. Das Lied beginnt mit einem Elefantenschrei. Die Trübseligkeit des Hauptthemas drängt immer wieder zum wütenden, rhythmisch aufpolierten Befreiungsversuch, der am Ende des Refrains versickert und die begleitende Verzweiflung betont. Entfernt impressionistisch tönt das Mittelstück des Songs, der dann so zögerlich wie verhalten, recht eigentlich ratlos und ´Achselzuckend´ endet. Auf Renee schwelgt sich Hollis schon aus allem fort, in eine seltsame Ferne, die immer wieder am Zwielicht verreckt und sich von neuem streckt: von einem Dämmer zum nächsten. Hier wächst sich reine Hingabe zur grenzenlosen Sehnsucht aus. Es ist also eine, die nie gestillt werden kann. Frei nach Ernst Jünger: man wird gerufen und weiß doch nicht wohin. Das Titelstück verbindet eingängige Popmusik mit echter Melodramatik: locker leichte Kost einerseits, tiefgründige, Gemütsfiebernde Entladung andererseits. Besser geht es gar nicht, denn hier stört kein Klischee, wie denn jeder zusätzliche Effekt aus der Zauberkiste Friese-Greenes das Ganze auf fast mystische Weise adelt und erhöht. Verzweiflung und Erlösung, Schmerz und Balsam ergänzen einander wie die Botenstoffe eines fiebernden Hirns. Irgendwie tönt Hollis Vortrag wissend, und nichtsahnend zugleich. Tomorrow started klingt hinreißend tragisch, auflockernd angejazzt durch eine nervöse Trompete im Instrumentalteil, die keine Sekunde lang stört, vielmehr der unterschwelligen Depression entspricht, die das Lied drückt und drängt. Zunächst recht zaghaft in seiner Verzweiflung, schafft sich Hollis immer leidenschaftlicher rein, um erneut in der Agonie des Anfangs zu versacken, aus der es kein Entrinnen gibt. Das will sagen: es hat ja doch alles keinen Zweck. Und: richte dich ein in diesem Leben, es geht irgendwann auch mal zu Ende. The last time beginnt beton feierlich, beinahe fröhlich. Doch schleicht sich im weiteren Verlauf viel heitere Resignation ein (Bring out the clown, smiling sweetly). Dennoch behauptet sich hier die Hoffnung des Anfangs beharrlich. Call in the night boy klingt wie ein Überbleibsel vom ersten Album, zugleich geläutert durch den feingliedrigen, sorgsam abgestimmten Synthie-Teppich, den ein wiederum jazzig angehauchtes Klaviergeklimper konterkariert, bevor das Lied über sich selbst hinauszuwachsen scheint. Does Caroline know – das ist fast Reggae. Und zugleich so flehentlich fordernd, fast jammernd im Gesang und von den jetzt bereits fest einkalkulierten Klangeffekten ´umzwitschert´, das man verzückt aufhorcht. Hier tanzt sich eine schwere Seele unwirklich leicht aus allen je lastenden, drückenden Zusammenhängen, die sie bis ins Mark beherrschen. Spaced out. Die Müdigkeit des Sängers wirkt seltsam befreiend; der nahtlos daran anknüpfende Überschwang erschöpft sich schnell wieder. It´s You beginnt wie It´s my life und scheint im Übrigen ein weiterer Restposten des Vorläuferalbums gewesen zu sein, aber auch der wirkt nunmehr wie wunderlich gewandelt, geläutert – gesalbt. Hollis Vortrag ´zaubert´ hier eine Unerbittlichkeit und Strenge in den Vollzug, die zu den verträumten Anwandlungen weniger divergiert, diese vielmehr betont und ins rechte Verhältnis setzt. Und man fragt sich, unweigerlich: meint der es ernst oder ist alles nur gefühlsseliger Affekt: schnell erzwungen, rasch verklungen? Schaumgeboren oder totgeweiht? Verzehrt er sich bis auf den letzten Rest oder therapiert er damit den eigenen Seelenschmerz? Alles also halb so wild oder im letzten bitterernst?

The colour of spring ähnelt dem Vorgänger in vielerlei Hinsicht, wiewohl all jene, die ´anhörig´ der noch folgenden Alben erschraken, hier bereits hätten gewarnt sein können. Man lausche nur genau genug zu: die Musik verselbständigt sich bereits entlang der Konventionen, die noch dem üblichen Schema verpflichtet bleiben. Schon der Einstiegstrack (Happiness is easy) wirkt eigenartig entrückt, wie von einem anderen Stern. Er beginnt locker jazzig und bleibt auf eindringliche Art und Weise eingängig, doch wirken die begleitenden Spielereien (Kinderchor, simples Trompetensolo) schon beunruhigend schwerelos, ziellos – wie ´gesponnen´; als verlöre sich bereits der Teppich unter dem Füssen. Hollis scheint mehr und mehr in seiner Gefühlswelt aufzugehen, in der er sich bislang eher tastend eingerichtet hat; und erteilt im entscheidenden Moment folgerichtig den Kindern das Wort. Auch I don´t believe in you kommt im Slow Motion Groove daher: gemütlich und alle Zeit der Welt heischend, wie denn Hollis Vortrag so behutsam wie gepresst tönt, auf die ihm eigene Art unentschlossen und fordernd zugleich. Hier wird nach meinem Ermessen sehr deutlich, dass bestimmte Gefühlslagen nur in bestimmten Lebensaltern überzeugend ´herüber gebracht´ werden können. Alles andere ist reine ´Mache´. Das Gitarrensolo (wenn es eine Gitarre ist, die da schrebbelt) scheint Wut und Schmerz ausdrücken zu wollen; ´getragen´ von einer anämischen Lethargie, die das ganze Stück mit sich ´fortschleppt´ und doch echte Weiten, Fernen öffnet, ja endlich die schon erwähnte hymnische Exaltation ermöglicht. In der Enttäuschung darüber, nicht an diesen oder jenen Menschen glauben zu können, bestätigt sich nur eine tiefe Liebe zum Menschen, die jeder willentlichen Abscheu enträt. Hollis Schrulle, vage und unschlüssig zu beginnen, um sich dann unsäglich in seinen Seelenschmerz hineinzusteigern, der dann wieder müde verblasst, kommt auch hier schön zum Tragen. Life´s what you make it gehört zu den Songs, die man nie mehr vergisst, hat man sich einmal im passenden Moment in sie verliebt. Radiotauglich und ziemlich abgehoben zugleich, eingängig und alles andere als einfältig, im Slow Motion Tempo gehalten und ungemein bezwingend, wirkt hier das kurze, stets widerkehrende Gitarrenthema wie ein Signal zum Aufbruch in Welten, die kein menschliches Hirn mehr fasst. Der Song ist mir, aus eigener Erfahrung, so heilig, das ich über alles weitere schweigen möchte. April 5th klingt nach endlos langen, vergeblich vertrödelten Herbstnachmittagen im heimischen Exil: unaufhörlich prasselt der Regen  gegen die Fensterscheiben, während es draußen langsam dunkel wird. Von lauter kleinen und größeren Irrlichtern umzittert, versinkt endlich auch der Novembernebel in der erlösenden Allumfassung des heranrückenden Abends, dessen Aura schon die ganze Nacht in sich birgt. Das Lied gospelt belanglos vor sich hin und zwingt so den Hörer, etwas genauer auf Hollis Worte achtzugeben, die er in Zwiesprache mit sich selbst an alle und an keinen zu richten scheint. Immer wieder bäumt sich ein Gefühl tief empfundener Resignation auf, vom Ständchen am Klavier zärtlich umklimpert. Man spürt, dass der solcherart Leidende im Grunde nichts anderes will als loslassen, langsam dahingehen oder darnieder sinken, und letzten Atem dabei schöpfen. Die Tristesse mag nicht enden, genießt sich in lauter vergeblichen Anläufen, die der begleitenden Düsternis bedürfen, weil nur diese den Raum öffnet und alle Zweifel, Sorgen und Nöten zerstreut. Singlehit Nummer Zwei, Living in another world, zeigt einmal mehr, das Talk Talk verblüffend eingängig sein konnten ohne auch nur einen Augenblick lang simpel zu wirken oder eintönig zu klingen. Das stets wiederkehrende Fluchtmotiv, im Grunde eine dauernde Beschwörung, wird auf überzeugende Art variiert, und irgendwie gekrönt vom kurz und keck tönenden Mundharmonika-Solo, wie denn ferner deutlich werden will, das im Strom der Gefühle, die einander stoßen und steigern, umschmeicheln und befeuern, ein jedes zu seinem Recht kommt. Wirkt der Song auch mitunter gehetzt und getrieben, so doch auf nahezu traumwandlerische, fast verzückte Art und Weise. Hollis singt sich, wie üblich, in seinen Traum hinein, dann packt er ihn an die Gurgel, jauchzelnd vor Verzweiflung, die jäh befreit und doch nicht auf Dauer erlöst. Give it up lässt sich, von allen Songs auf dem Album, am wenigstens auf die übermächtigen, unterschiedlich entrückenden oder erlösenden Transzendenzen ein, mit denen das Duo Hollis/Friese-Greene spielt. Der Refrain mutet entsprechend herkömmlich an, für Hollis Verhältnisse fast hergeholt. Der Schmerz freilich: ist echt. Eine zauberhafte Leichtigkeit liegt in den Übergängen, die in Müdigkeit münden, bevor dieselbe vor neuer Wehklage erzittert. Der Anfang von Chameleon Day hätte schon ganz gut auf eines der beiden Nachfolgealben gepasst. Hollis scheint allein an einem Tisch zu sitzen, von schwachem Zwielicht matt umwölkt, das so nur die solitäre Finsternis betont, die ihn im Ganzen umgibt. Aus allem scheint jetzt irgendwie die Luft raus zu sein, in Wahrheit aber wächst sich hier etwas völlig Neues aus seinen schwachen Anfängen heraus; noch weiß keiner, was das sein könnte. Hollis ist wie gewohnt verzweifelt und kleinlaut im Wechsel; auch gewinnt man den Eindruck, er wolle sich im trüben Singsang selbst auflösen. Die autistisch anmutenden jazzigen Einsprengsel steigern noch das Gefühl der Entfremdung, von  dem uns der Abschlusstrack (Time it´s Time) nur vordergründig erlöst; mit acht Minuten das längste Stück dieses Albums. Sanft und versöhnlich gleitet das Eingangsthema dahin, heiter elegisch und ohne jede Eile, krass einmündend in eine Beunruhigung, die  alle möglichen Zweifel bestätigt und noch übertrumpft, sozusagen: die Banalität des Anfangs Blutschwitzend widerlegt. Der Refrain klingt so tragisch wie unversöhnlich. Hier scheint jemand einmal mehr keinen Ausweg mehr zu kennen. Doch führt das Thema dann wie selbstverständlich zur Ruhe des Anfangs zurück. Ganz entfernt erinnert man sich, nachträglich, an die Songs von Kurt Cobain und Nirwana, die auch mit solcherlei Gegensätzen spielten, auf freilich ganz eigene Art. Hollis zelebrierte die Wechselbäder der Gefühle mit Innbrunst und Wonne: sie maßen sich an, das ganze Leben in Frage zu stellen; und adeln es zugleich.

Talk Talk hätten mit dieser ´Masche´ noch eine ganze Weile lang weitermachen können. Der Erfolg gab ihnen, gab Hollis und Friese-Greene recht. Stattdessen kam im Spätsommer des Jahres 1988 Spirit of Eden heraus. Die Band holte sich für die Aufnahmen zwölf weitere Musiker an Bord (unter anderem Nigel Kennedy am Fidelzupf) und bot zusätzlich einen ganzen Chor (der Kathedrale von Chelmsford) auf. Mike Oldfield lässt  grüßen. Man könnte die Platte folgerichtig unter der Rubrik Modern Art Rock verbuchen, aber das greift doch zu kurz. Den Befürchtungen seitens der Plattenfirma zum Trotz verbuchte das nunmehr orchestral verstärkte Ensemble noch einmal einen weiteren Erfolg, der freilich deutlich bescheidener ausfiel und erkennen ließ, dass die fetten Jahre vorbei waren. Die Musik sprengte jeden Rahmen. Das gehörte sich aber nicht mehr. Ende der Sechziger, vor allem zu Beginn des 70er Jahrzehnts konnten Künstler solcherart noch kommerziell punkten, etwa Pink Floyd (Ummagumma), Yes (Close tot he edge) oder Genesis (Foxtrot). Die Plattenfirmen taten wenig bis nichts, das Produkt irgendwie zu ´pushen´; oft half der pure Zufall nach. Jetzt stand auch das zahlende Publikum solchen Kühnheiten eher ablehnend gegenüber. Die Meisten werden irritiert, die wenigsten fasziniert gewesen sein. Der Entstehungsprozess des Albums verriet einiges vom Anspruch, den Hollis sich gesteckt hatte. Die Band verbarrikadierte sich in einer Kirche, die der Meister zusätzlich abdunkeln ließ. Er verbat den Managern, auch nur hereinzuschauen. Der Herstellungsprozess überreizte mit 14 Monaten sämtliche Befürchtungen und sprengte das vom Label zugesicherte Budget unmäßig. Damit nicht genug, erklärte der Sänger kategorisch, dass es weder eine Singleauskopplung noch irgendwelche Auftritte der Band geben werde. Donnerwetter, würde man heute raunen: da hat jemand aber wirklich einen ziemlichen Arsch in der Hose gehabt. Mit alledem fing sich der Unerbittliche natürlich jede Menge Ärger ein. Die Plattenfirma verklagte ihn und den Rest der Band. Begründung: das „Produkt“ sei kommerziell nicht befriedigend ausgefallen. Das stimmte auch wirklich. Die Gruppe konnte sich ihrerseits wieder ´heraus klagen´ und unterschrieb anschließend bei dem eigens für ihre nächste Platte noch einmal neu aufgelegten, legendären Verve Label; ehedem für alle Arten von Jazz verantwortlich.

Aber so weit sind wir bis hierhin noch nicht. Was kann, was darf man über ein Album wie Spirit of Eden mutmaßen? Was fiel den Zeitgenossen dazu ein? Wie so häufig, in ähnlichen oder vergleichbaren Fällen, stahl und stiehlt sich die schnellschreibende Journaille mit Plattitüden und abgekautem Wortspeck aus jeder echten Betrachtung heraus. Wegweisend sei die Platte gewesen, Vorbild für zahlreiche Nachfolger, Klassik und Jazz verbindend, den sogenannten Post Rock (was für ein dämliches Wort) vorwegnehmend; und so fort. Bringt uns das jetzt weiter? Schon im lauwarmen, tieftrunkenen, in sich vernebelten Intro des Albums kam zum Ausdruck, dass sein Schöpfer mehr wollte. Und auf´s Ganze ging. Der Beginn markiert im Grunde eine Art Kurskorrektur. Eine Zeitenwende gar? Hier schwebte jemandem eine Musik vor, die den Hörer auf eine lange Reise schicken wollte. Es ist, als reibe man sich verwirrt den Schlaf der Realität aus den Augen, um anschließend wachen Blickes umso befreiter in die Ferne zu schweifen; noch durch die letzten Reste verhangener Nebelschleier hindurch, deren schaurig schöne Schemen sanft nachglühen. Von den Möglichkeiten maximalen Ausdrucks ermuntert, stockt und zweifelt der Hörer vielleicht noch, bevor er sich den Eingebungen öffnet, die ihrerseits zögerlich bis abwartend aufhorchen.

Lässig swingt und jazzt die Musik im Anschluss an das Eingangsthema. Man erinnert sich entfernt an Planet Caravan von Black Sabbath, auch an die Band Caravan selbst, deren unaufgeregte, lässige Improvisationen das Prinzip Freiheit auf verblüffend bodenständige, sehr dezente Art und Weise zelebrierten. Hollis scheint seinen Frieden mit der eigenen Seelenmarter gemacht zu haben, er verharrt nun immer öfter in einer Art Anbetung. Die typisch ´Talk-Talk´sche  Theatralik klingt nunmehr gewöhnlicher, griffiger, anheimelnder. Mir persönlich will, höre ich mich heute in derlei Fantasien rein, immer ein einsamer Nachen einfallen, der bei Sonnenuntergang ablegt und ganz langsam und sinnig auf´s offene Meer ausläuft, dessen sanfte Wellen glutrot flackern. Nun schaukelt das Gefährt von einem Traumbild ins nächste, deren Gespinste schmachtschmissig oder aufschäumend fröhlich vor sich hin dümpeln; so selbstverliebt wie selbstvergessen, und alles bloß Alltägliche endlich einmal ganz weit hinter sich lassend. Das klingt verdächtig nach überkommener Klassik und dem guten alten Jazz, gewiss. Aber auch das sind nur Worthülsen, denn unter dem entschiedenen Zugriff des Meisters wird doch etwas unerhört eigenes daraus. Spirit of Eden: im Vergleich zu allem, was man von der Band bis dato gehört hatte, drängt hier der Melos aus dem Zwiespalt heraus ins Numinose. Trotz des enormen instrumentellen Aufwandes wird die Musik immer spartanischer, ja geradezu minimalistisch, wenn man so will: über-persönlich und überzeitlich bis hin zum Übersinnlichen, trotz des experimentell anmutenden Lärms, der die ätherische Ruhe immer wieder aufscheucht und in die nächste begleitet. Eine Musik, die sich ständig selbst unterbricht und dann von neuem ansetzt: herrlich unprofessionell! Die Platte hat weder Anfang noch Ende, alles fließt ineinander und wieder aus allen Bezügen heraus, doch bildet das Gesamtprodukt einmal mehr eine Art magischen Kreis, der alle Schwünge schlüssig in sich birgt. Man gewinnt, füglich gestimmt, den Eindruck als töne besagter Melos in einem abgedunkelten oder grell erleuchteten, schallisolierten Raum, was aber nur scheinbar differiert zur Weite, die sich diese Musik erspielt. Tatsächlich gehört beides zusammen. Erinnert: in der totalen, allen Außenreizen abholden Abschottung karger Klausen empfingen die Heiligen dieser Welt ihre taghellen, Grenzen sprengenden und neue setzenden Visionen. Hollis, der es mit dem Singen auf dieser Platte gar nicht mehr sehr eilig hat, wird zum Medium dieser Visionen: zwischen Ekstase und wachträumender Seligkeit hin und her pendelnd, wie besagter Nachen auf hoher See. Doch irgendwie von Anfang bereits eigentümlich geläutert. Nachdem ungefähr die Hälfte der Spielzeit abgelaufen ist flackert ein Feuer der Erregung auf. In allem eben nimmt sich diese Platte Zeit. Die Tracklist kann man getrost ignorieren, da hier im Grunde ein einziges Stück Musik ertönt, ja stets von neuem erwacht: sich in immer neuen Anläufen entfaltet und alle Pforten der Wahrnehmung mit Bedacht durchmisst. Auch wieder die des Rock, der an passender Stelle fast wie bei Jimi Hendrix rotzt und rackert. Die ruhigen, Pausenhaft anmutenden Schübe klingen verlegen, aber sie entbehren allzu großen Schmerzes, obschon Hollis Gesang sich im Wesentlichen gleich bleibt. Die Klänge beruhigen, besänftigen das Gemüt. Hat man sich erst einmal an diese Art Musik gewöhnt, spürt man die Wonnen voraussetzungslosen Hinhörens. Deutlich wird ferner, dass die Band hier aus einem reichen Erbe schöpft und doch immer wieder, nach Bedarf, die allzu lästigen Grenzen der Überlieferung sprengt. Und jede Menge unnützen Ballast los wird. In ständig neuen Anläufen, so scheint es, kämpft sich Hesses Vogel aus dem Ei, aus der Welt, als Abraxas – als Gottesgeschöpf. Jazz und Klassik bleiben Anleihen, die den Prozess begleiten und bereichern, die Glut der Hingabe befeuern und den Willen, alles zu geben, steigern: ohne dabei zu schwitzen. Irgendwie ist das eine Musik, die sich ständig häutet. Hollis lässt nichts gelten als den Traum von Vollendung und Vollzug. Immer wieder will uns der Sänger bedeuten, etwas und mehr von der anderen Seite gesehen zu haben, etwas und mehr in sich gefühlt zu haben, als den arglos Empfänglichen gegeben ist. Vielleicht hätte nach dem Ausspruch ´Heaven bless you´ schon alles vorbei sein dürfen. Aber es geht mit den letzten beiden Tracks noch einmal weiter; von einem ziemlichen Hochplateau aus. Den Niederungen entrückt, Himmelwärts schweifend: immer dem Lichte entgegen. Hollis Vortrag ist jetzt weniger flehentlich, mehr wissend, weise – seiner selbst gewiss. Einer Art Gnade teilhaftig geworden, gerinnt die Wehklage zum Gebet. Versöhnlich klingt nun, was eines enormen Vorlaufs bedurfte: fast eine Art Kirchenmusik, innerhalb derer die Improvisationen ungleich zwingender tönen, nicht länger verwirren oder brüskieren, denn jeder Transzendenz eignet die unendliche Symbiose. Spirit haucht Hollis, immer wieder – und meint es ernst. So entspannt, ja gemütlich fast kann Hingabe, reines Empfinden ´rüber kommen´. Mit Wealth verabschiedet sich das Album vom Hörer. Hier vollzieht sich, nach meinem Ermessen, eine Vergegenwärtigung, als Vergewisserung darüber, was es heißt, ganz im Absoluten aufzugehen: take my freedom. Oder, altreligiös gesprochen: nun lebe nicht mehr ich, nun lebt ER in mir, ganz und gar… das könnte man so auch heute noch an den Anfang oder das Ende eines Gottesdienstes stellen, der nicht mit den Beliebigkeiten einer säkularen Wellnessrotte wetteifert, wie er das leider immer häufiger tut und sich solcherart der Beliebigkeit preis gibt, also: austauschbar und nichtig wird. So schlicht und rein, wie ihm dies, im letzten erregt und erleuchtet, möglich war, verabschiedet sich Hollis nun von seiner Gemeinde: das Unsägliche beschwörend und endlich empfangend. Da ist einer mal wirklich angekommen. Wahrlich und wahrhaftig: Pax Vobiscum – et cum spiritu tuo. So verdämmert die Musik in ihren letzten Klängen. Und man ist geneigt, sich in die eigene Po-Hälfte zu kneifen um zu fragen: kann das noch irgendwie übertroffen werden?

Es kam dann um etliches dicker, sozusagen. Das Nachfolgealbum (Laughing Stock – zu Deutsch: Lachnummer) sorgte als fünfte und letzte Platte weniger für Furore, mehr für ungläubiges Staunen und noch deutlichere Ablehnung bei all jenen, denen schon der Vorgänger verdächtig genug vorgekommen war. Als Pionieralbum des Postrock abgetan, wartet die Produktion, ganz in der ´Tradition´ von Spirit of Eden, mit einem abermals klassisch verstärkten Ensemble auf. Die Aufnahmesessions gestalteten sich äußerst schwierig. Hollis, dem man nachträglich Perfektionismus vorwarf, geriet in seinem Bestreben, die ´richtigen´ Vibes einzufangen zunehmend exzentrischer. Mit Kerzen und Räucherstäbchen suchte er passende Stimmungen herbei zu zwingen. Der coole Paul Webb schien so etwas schon geahnt zu haben und verließ die Band noch vor Beginn der Aufnahmen. Ganz klar: um Chartplatzierungen ging es längst nicht mehr bei Talk Talk, auch nicht um Erfolg. Hollis Bestreben schien auf weitere Vollendung zu zielen.

Die Platte beginnt gewohnt unschlüssig, fast ein wenig fahrig, uninspiriert und stümperhaft. Des Meisters Stimme klingt gealtert, rau und abweisend, und sie tastet sich solcherart durch den Anfang, der jeder Gehörfreundlichen Anbiederung widersteht und an Stockhausen und Varese gemahnt. Es ist, als habe weder die Musik noch der ihr hörige Gesang Lust, aus der halbgaren, Urnebelhaften Reserve des Anfangs heraus zu kriechen, und man fragt sich unentwegt, ob das bei einer Dreiviertelstunde Spielzeit gut ausgehen kann. Irgendwie sehnte sich Hollis wohl in den warmen, schützenden Mutterschoß zurück. Heute weiß man: das tut jeder von uns. Unbewusst. Und ohne Unterlass.

Zurück zum Anfang des Albums. Entfernt erinnert das Gedudel an Cocain von Jackson Browne; als wolle Hollis sagen: mir ist alles ziemlich gleichgültig, ich will nur langsam im Dunst dieser Eingebung verdampfen. Nach fünf Minuten kommt endlich so etwas wie Laune auf. Das, was sie Postrock nannten, weil ihnen nichts Gescheiteres einfiel, ist fast Punk (sic!), gerät dann sogar kurz hymnisch, aber mit einsetzendem Gesang wird das Ding recht zwiespältig. Fast alles auf Laughing Stock klingt irgendwie nach einer zufällig mitgeschnittenen Bandprobe. Etwa Ascension Day, das mit Noise-Effekten spielt und sich einen Dreck um irgendwelche Zuhörer schert. Anfang der 90er klingt das alles schon wieder unglaublich zeitgemäß, Sup-Poppig,  nach Grunge auf Diazepam – Independent im Weichspülermodus. After the flood fluddelt so vor sich hin, mit einem Schlagzeug, das wie eine Mülltonne scheppert. Dazu Hollis vergeistigter Gesang, nervös untermalt (unterzuckert?) – herrlich. Die Musik wirkt irgendwie dreckig, fast wie falsch gespielt, aber das verstärkt nur den Kontrast. Viel Lärm mischt sich in den Flow: eine Ohrfeige an all jene, die es gern stimmiger, sauberer – leidig geglättet gehabt hätten. Eine Musik die dazu verführt, nur noch nebenbei gehört zu werden. Erklänge sie aus irgendeinem Nebenzimmer, hätte man in der Tat das Gefühl, dort werkele eine Combo für den nächsten Auftritt in irgendeiner Kaschemme. Entfernt erinnert das an den Beginn eines klassischen Konzertabends: das Orchester stimmt gerade die Instrumente, das Publikum hustet und schneuzt. Seite Zwei beginnt mit Taphead, das gleichsam unschlüssig und abweisend vor sich hin dudelt, unglaublich karg und reduziert in der ´Gestalt´. Schrill und verzweifelt klingen die folgenden instrumentalen Einschübe, als bespritzte jemand eine weiße Leinwand mit blutroter Farbe. Viel Schmerz wird hier fühlbar; einer, der göttliche Fügung erfleht. Solcherart gerät der herunter gekommene Song erst in Fahrt, in eine Art Rage, um dann wieder in Agonie, Monotonie – eine verdrießliche Verlegenheit zurück zu sacken. Immer mächtiger macht sich eine alles umfassende und endlich richtende Stille breit. Die letzte Vierteilstunde beginnt mit einer Hawaii-Gitarre, umspült vom Geschepper der unterproduzierten Schießbude. Hollis lässt sich davon fortragen. Im weiteren Verlauf suggerieren Orgelklänge sakrale Gemütlichkeit, die verblüffenderweise immer weiter anwächst und diese Musik verzaubert – und damit schon erlöst? Der Rest der Platte erinnert an den tastenden Mittelteil von Take a Pebble (ELP). Die auseinanderlaufenden Strukturen werden immer wieder von einzelnen Instrumenten und Hollis entrücktem Gesang in Reichweite gehalten. Besagte Stille lässt sich indes nicht länger narren. Sie wird jetzt allmächtig, allwesentlich. Hollis kann nur verstummen. Und auch die Musik tut das dann. Unsäglich kläglich. Als verlöre sich jeder störende Affekt im Geistigen selbst, das keine sichtbaren Spuren mehr hinterlässt. Die Improvisation erlahmt, gleich den Höhepunkten, die sie vorbereiten half, und mit ihr der Gesang, der offenbar alle Erregung weniger eingebüßt, mehr abgetragen, sagen wir: abgebüßt hat. Hier stehe ich, nackt und rein: nimm mich, Allmächtiger… heim in dein Reich. Bis dahin war es ein recht ´krummer´ Weg. Verwirrung und Verklärung, Aufruhr und Erschlaffung, Improvisation und Vereinheitlichung wechselten einander scheint´s wahllos ab auf dem Album, das offenbar in allem nur auf dem letztgültigen Ausgleich zielt, der zeitlebens Illusion bleibt. Jim Morrison:“ Back, going back, in all directions… thank you, oh lord, for the white blind light…“

Laughing Stock war kommerziell ein Desaster. In Amerika kam es gar nicht erst in die Charts. In Deutschland, der Heimat des Krautrock, hielt es sich knapp einen Monat und erreichte Rang 65. Im britischen Königreich flog der Longplayer nach zwei Wochen wieder raus, schaffte es aber immerhin auf die 26te Position. Freilich: spielte das schon keine Rolle mehr. Ursprünglich war ein weiteres Album geplant („The Mountains Of The Moon“), aber konnte nach diesem ´Wurf´, mit dem Hollis recht eigentlich schon ´hinschmiss´, noch ein weiterer folgen? Talk Talk gingen in Frieden auseinander. Der Meister selbst verschwand komplett von der Bildfläche. Und irgendwie tauchte er auch bei seinem letzten Versuch, der Musik noch einmal alles abzuverlangen, nicht wieder auf. Sein Entschwinden erbat sich eine Wiederkehr, die nur noch als Abgang funktionierte. Der war dann endgültig. Auf seinem Jahre später erschienen einzigen Solo Album (er konnte es nur nach sich selbst benennen) trieb der Künstler sein unbändiges Verlangen nach Reinheit und Erlösung in die letzte Leere, in eine Art Aeternum Nihil, das von Ewigkeit zu Ewigkeit ruht und alle Weiten spannt. Hollis Spätwerk markiert gleichzeitig die Entwicklung hin zu immer mehr sanfter Versponnenheit. Befangen in nunmehr heiterer Ratlosigkeit, und subtiler denn je, mündet alles in einer langsam versandenden, sich selbst genügenden, durch nichts mehr zu verunreinigenden Stille. Der Zeremonienmeister ´besingt´ dieselbe zart wehklagend, versponnen in sich und seinen Bezügen zur Welt, die in ätherischer Verdünnung Rinnsale zeitigen, die ihrerseits in endloser Weite versickern. Lohnt es da noch, die Lieder einzeln abzuhandeln? Zusätzlich zur Klampfe und dem unerhört wirren, aber befreiender und anarchischer denn je jubilierenden Begleitinstrumentarium schmeichelt sich vor allem das Klavier ins Gemüt, wie denn die Tasten ihr begriffliches Synonym – als ein vorsichtiges, seiner selbst gewisses abtasten – solcherart trefflich bestätigen. Ein wenig erinnert all das an den abgewrackten Syd Barrett; an seine letzten ´Gehversuche´, mit denen er schon am Stock lief.

Man träume sich an dieser Stelle zu den Anfängen zurück. Als Hollis Mitte der Achtziger die Möglichkeit erhielt, aus dem Vollen zu schöpfen, tat er es schon bis zur ersten Neige, wie denn die schwer deutbaren Klangkaskaden im Laufe der Zeit wie unnützer Tand von den Songs abfielen. Das erleichterte die Musik und bereicherte sie ungemein. Auf dem Solo-Album schwelgt der verbliebene Rest absichtslos, schwerelos vor sich hin, nur gelegentlich verdichtet sich das Gespinst zur drückenden, dräuenden Gewitterwolke, die doch schwebt und leis vorüber zieht. Die starken Gefühle beruhigten sich, der Überschwang ebbte langsam ab, und hob nur einmal an, um langsam zu verrinnen. Wirkte der Künstler ehedem noch unterschiedlich wütend, ungestüm, unkontrolliert, in sich zerrissen, hochemotional: geriet er jetzt immer zarter, gemächlicher und abwartender in Ausdruck und Gebärde; als lebte die Seele, sich spreizend, in den erlösten Tag hinein. Solcherart gibt sie sich auch langsam auf. Und geht so wohl endlich in der alles umfassenden Natur auf, die ja schon früh auf den Covern und in den Videos der Band präsent war und in letzteren unruhig und nervös herumgeisterte. Jetzt glich sie wirklich dem stillen Gang der Jahreszeiten. Nun trug sie der laue Wind, die stille See – das eine große Versprechen. Alles hatte seine Zeit. Überhaupt: war Zeit fortan in Überfülle vorhanden. Nichts schien mehr wichtig oder von Belang. Alles wird, wächst und vergeht ja im Leben; driftet immer schwereloser vom Irgendwo ins Nirgendwo, nirgendwann, so dann und wann – egal wann.

Die Musik war am Ende abgrundtief. Sie scheute das Licht und beschwor es immerzu herauf, und immer dann, wenn noch einmal die Gitarren krachten oder schredderten, taten sie es schon losgelöst von jeder allzu ichbezogenen, ums eigene Selbst kreisenden Verengung oder Verortung. Hollis schien, ganz zum Schluss, ein Unsagbares zu beschwören, manisch zu umkreisen: das Wesen endloser Verlangsamung. Freilich immer wieder von letzten Irrungen und Wirrungen umtost, die in Sekundenschnelle altern und am Ende wie Herbstblätter langsam vom Baum des Lebens abfallen: alles mündet, endlich, in wohltätiger Zersetzung. Das Spätwerk des Marl Hollis gibt ein beredtes Beispiel. Der Melos sehnt sich nach Erlösung, Zeitlosigkeit, Vergessen. Alte Seelen tun das auch. Und verbummeln irgendwann das Leben, verliert sich darin, chillen so rum, in den Tag rein. Was soll´s. Traurigkeit wird zur samtweichen Wehklage. Schmerz wandelt sich in wohlige Betäubung. Alle Regungen scheinen sich dem Diktum totaler Selbstauflösung zu ergeben… und alles sehnt sich darob in die Ferne, die Weite, fort von allem, von den Verstrickungen eines unermüdlich fordernden Daseins, das noch einmal in Resten gelebt und gelitten sein möchte, bevor es sich verliert…

Hollis wusste: jetzt konnte nichts mehr kommen. Und es war gut. Überhaupt wurde nun deutlich, was es mit der ganzen Odyssee überhaupt auf sich gehabt hatte. Schon Spirit of eden wirkte, trotz glänzender Produktion und kompaktem Songwriting unfertig und unschlüssig, unausgegoren und wie beiläufig hingeworfen, und doch in der Tendenz völlig mit sich im Reinen: locker vollendet, lässig in sich abgeschlossen, als verabschiede sich jemand von der täppischen Welt der Erscheinungen und empirischen Verhältnisse, indem er all das noch mal auf´s Korn nimmt und dann streckt… Jazz und Blues, Ambient und etwas Klassik erweiterten den Kanon und überführten die Eingebungen zunehmend in besagte slow motion, immer heimlicher über die nur scheinbare Allmacht der Materie triumphierend. Art-Rock auf Sparflamme. Entspannungsmusik für Ausgewählte. Anrufungen des Allmächtigen. Was waren die stärksten Momente denn anderes als Beschwörungen, Stoßseufzer, Litaneien? Und irgendwie Bekenntnisse. Hollis untermalte und überzeichnete seine  ´Einfälle´, bevor sie Vision wurden und sich von allem sakralen Schmuck lösten. Sie bedurften seiner nicht länger.

Sein Gesang zeugt von dieser Entwicklung. Er kehrte den Singsang immer mehr in sich ein, befreite ihn von allen Schlacken, bis er, trotz aller Schwächen, dem Flügelschlag einer Libelle glich. Sehnsucht und Unruhe mündeten am Ende in eine Gewissheit, die keine Fragen mehr kennt und auf Antworten endgültig verzichten kann. Ein Stein, der ins Wasser plumpst und Ringe an der Oberfläche zeitigt, deren Radien sich rasch vergrößern und in steter Verlangsamung so unauffällig wie selbstverständlich wieder verschwinden: versinkt in der Tiefe und berührt endlich den Grund. Am Ende bedarf es keiner Worte, keiner Regung – keiner Umstände mehr. Die stille See, den Himmel spiegelnd und auch das Ufernahe, sanft schwingende Geäst: deutet auf nämlichen Geist, der im Zen erfasst, nicht ergründet werden kann. Hollis Stimme klagte zum Schluss auch nicht mehr, sie schien, bei aller Müdigkeit, eher vernehmlich aufzuatmen. Etwas sagen: wollte sie immer weniger. Und schließlich gar nichts mehr. Nur Ruhe, mochte ihr Träger flüstern: nur niemanden mehr stören, nur immer weiter träumen und alle stillen, heimlichen Pfade erkunden, die zur Freiheit verführen. Erlöst von den Antagonismen des Seins, seinen Extravaganzen und Verrücktheiten, befreit von den empirischen Verhältnissen, den verworrenen und verfahrenen, den immerzu verfluchten Verstrickungen: vollendet sich etwas und mehr im Augenblick, der keine Zeit mehr kennt. Hollis am Klavier: das ist zum Schluss, als spiele Wilhelm Killmayer, der in seinen Werken gleichsam den Paradiesen der Kindheit nachspürte, noch einmal auf. Auch er an den Tasten, von denen beide bis zuletzt nicht lassen konnten.

Mark Hollis Solo-LP ist sein Abschied von einer Welt, in der er es noch eine Weile lang aushielt. Der sakrale Hauch ganz am Ende des Werkes besänftigt und betört. Die Nebel lichten sich: nun kann der Suchende endlich alles hinter sich lassen, ganz nackt und rein vor seinen Schöpfer treten. Die Songs des Albums erinnern entfernt, abzüglich vokaler Besonderheiten, an den unseligen Nick Drake, der für die Aufnahmen zu seinem dritten und letzten Studioalbum gleichsam allen Ballast über Bord geworfen hatte. Nur mit seiner Stimme und einer Akustikklampfe ´ausgestattet´, mitunter noch spärlich begleitet von einem Klavier (sic), nahm der dauernd trübsinnige Künstler die Platte in zwei Nächten auf. Es war seine dritte und letzte. Er hielt auch nur noch drei weitere Jahre durch, bevor man ihn schließlich tot in seinem Bett auffand, gestorben an einer Überdosis Antidepressiva. Leonard Cohen war, auf seine Weise, ganz ähnlich drauf. Mir fällt kaum jemand ein, der seine eigene Schwermut so stimmig in Wort und Ton überführt hätte, wie dies dem Kanadier in Winter Lady gelungen war: aus dem Schattenreich des Traumes tritt hier eine seltsam vergeistigte Stimme noch einmal ins dürre Diesseits, um an seinen Gestaden schmerzlos zu verenden. Von Nick Drake erschienen posthum vier letzte, im Februar desselben Jahres aufgenommene Lieder, auch diese ganz spartanisch gehalten, sehr im Unterschied zu den ersten beiden Platten, auf denen er noch mit aufwendigem Orchester, E-Gitarre und Schlagzeug aufwartete. Vorbei. Drake wirkte zeitlebens linkisch, verstohlen, in sich gekehrt. Cohen und Hollis kamen ähnlich rüber. Lächelten sie, dann immer verlegen, fast peinlich berührt. Meist fühlt sich so jemand deplatziert, schlicht überfordert von der jeweiligen Situation, die täppisch scheinen mag oder nicht: ihn zieht es aus den Zusammenhängen fort in die Reinheit ruhiger Momente, für die allein er lebt: alles andere ist Kompromiss. Hollis blieb zeitlebens ehrlich bemüht, sich irgendwie verständlich zu machen, wohl wissend, das auch er am Unvermögen einer Sprache scheitern werde, die über bloße Annäherung nie hinaus gelangt. Typen wie er ahnen das früh. Daher die Albereien, das törichte Getue (Such a shame). Begegnet man denen auf der Straße, fallen sie einem kaum auf, denn meist gehen sie allem und jedem aus dem Weg, und immer ihren eigenen, verschlungen Pfad. Sie fühlen sich eigentlich nirgends so richtig wohl, gut aufgehoben oder halbwegs ´am Platze´, und ihnen ist, als beobachte man sie ständig, weshalb sie sich noch mehr verstecken und irgendwie ist das ihr Problem: sich unter Menschen zu bewegen, ohne aufzufallen; es denen irgendwie recht zu machen, ihren Beschränktheiten zu genügen, was den Bewegungen etwas dauerhaft Unbeholfenes verleiht. In allem ein Unvermögen: nur die Kunst kann, Augenblicke lang, davon erlösen.

Dieser Hollis, dem man den Popstar nun wirklich nicht ansah und der auch selbst nie einer sein wollte noch konnte, überzeugte  in den Videos als Clown so gut wie in der Rolle des einsamen Spinners. Erinnert: In den entsprechenden Produktionen bemühte er sich anfangs noch, gleich den andern, im ´Stil der Zeit´ zu agieren, in der Pose des lässigen Poppers vor allem, fesch eingekleidet und frech auftrumpfend. Die Grimassen, die dabei rauskamen, entlarvten ihn bereits. Im Video zu Today fand Hollis schon so langsam den eigenen Ausdruck, aber immer noch entlang der typischen Körpersprache, die in den Achtzigern en vogue war. Der verhinderte Kinderpsychologe begleitete hier, als singender Erzähler, den Traum eines kleinen Jungen (damals wurden noch richtige kleine Geschichten in den Videos erzählt). Kaum aus dem Bett hervorgekrochen, eilt der Bube von Tür zu Tür, und immer wieder der Band in die Quere, rastlos suchend – von einem Raum in den nächsten. Nicht immer ist jede Tür offen. An einer Stelle des Videos steht der Junge dann vor lauter offenen Türen; unschlüssig – zaudernd. Die grell erleuchteten, stockfinsteren Korridore bilden eine Art Labyrinth, die Erwachsenenhölle also, von der ein gewisser Klaus Kinski einmal in ähnlichem Zusammenhang sprach. Das Video zu My Foolish Friend taucht in die Welt öder Industrielandschaften und schäbiger Arbeiterviertel ein. Zusätzlich treten auf alten Wochenschau-Aufnahmen die Lohnsklaven früherer Zeiten in Erscheinung. Vergangenheit und Gegenwart vermählten sich in diesem Video zu einer Tristesse, die keinen Funken Hoffnung mehr birgt. Wer wohl in diesem wie auch den anderen Videos maßgeblich an den Ideen beteiligt gewesen ist? In einer Szene sehen wir, wie Hollis von einem alten Mann begleitet wird, der ihn erst wieder vor einer Schlange anstehender Arbeiter verlässt und dann noch einmal in unterschiedlichen Lebensaltern in Erscheinung tritt. Hollis selbst schlendert in der ihm typischen, unbeteiligten Art durch die erbärmliche Szenerie. Und findet eine weggeworfene Puppe; die er aus der Kloake zieht. Das armselige Bündel starrt uns, gleich dem Jungen aus dem Vorgängervideo, fordernd, ja anklagend mit seinen riesengroßen Augen an. Irgendwie fühlt man sich an den todunglücklichen Ian Curtis von Joy Division erinnert, der den Mief und Muff der eigenen Herkunft nie überwand und freiwillig noch vor Vollendung des 24zigsten Lebensjahres aus dem Leben schied. Das Video klingt denn auch wie eine Anklage, wider eine düster stickige Verwertungsgesellschaft, die das Göttliche im Menschen gnadenlos erstickt. Interessante Notiz am Rande: just zu der Zeit erschien auch das Video zu Owner of a lonely heart von Yes, das mit ähnlichen Bildern spielt, seinen Helden am Ende allerdings erlöst; befreit von den Zwängen einer Welt, die sich nicht abschaffen, wohl aber gekonnt hintertreiben lassen.

Seltsam, wie es danach mit den Videos weiter ging. In Such a shame stand Hollis noch ganz im Mittelpunkt des Geschehens. Man merkt schnell, dass hier einfach alle möglichen Takes ineinander geschnitten wurden, wie denn der Produzent mit den mimischer Einfälle spielte, die Hollis ihm ´zuwarf´. Es hat den Anschein, dass dieser sich bei der Gelegenheit vorzüglich amüsiert hat. Die Bandmitglieder waren im Grunde nur noch Statisten, wie denn Hollis, der einem sorgsam eingekleideten Vorschüler ähnelt, die Bandbreite ihm möglicher, irgendwie erfahrbarer Emotionen spontan ausspielte. Im Hintergrund taucht immer mal wieder die neblige Ödnis urbaner Zentren auf. Der Sänger erweckt den Eindruck, als friere er die ganze Zeit. Er langweilt sich und ist doch aufgekratzt, macht Faxen und findet alles Scheiße; spielt mit – und auch den ständigen Spielverderber. Die Stimmung beim Dreh muss wirklich ziemlich locker gewesen sein. Frei nach dem Motto: mach mal, Junge – das gibt ein Klasse Anti-Video. Und eben das wird Hollis spontan zugesagt haben. Zwei Mal begegnete sich der geniale Komödiant in dem Video selbst, und immer im Stil der Verwunderung, die sich umgehend selbst auf den eigenen Arm nimmt.

It´s my life. Hier wurde der selbstironische Ansatz erweitert und in Schüben erlöst, durch einen eigentümlichen Kunstgriff, der sich bis auf die Albencover der nächsten Zeit erstreckte. Das Debüt zierte noch eine bleiche Maske. Der Nachfolger präsentiert ein davon schwebendes hölzernes Puzzle, das im wesentlichen Auszüge aus dem Gemälde The boyhood of raleigh von J. E. Millaris adaptiert. Der Rest besteht aus unterschiedlichen Tiergestalten. Vor dämmernder Kulisse, die in violettem Glanz strahlt, schweben Blasen. Eine Möwe, die nicht zum Puzzle gehört, kreuzt eine noch sehr hoch stehende Abendsonne: sie ähnelt einem Eidotter. Das Albumcover von The colour of spring ziert eine sorgsam aufeinander abgestimmte Anordnung farbiger Falter. Wirkt wie der Ausschnitt einer witzigen Wandtapete. Spirit of Eden: hier krönt der Baum des Lebens das Bild. Unterschiedliche Tiere hängen von den Ästen und Zweigen herab, gleich reifen Früchten. Die Krone des Baumes wölbt sich auf dem nächsten Album zur Kugel; nur mehr von Flügeltieren bevölkert, deren Anordnung die Kontinente beschreibt. Man könnte den Eindruck gewinnen: der Hollis hat´s halt mit den Tieren. Doch steckt sehr viel mehr dahinter als man meint. In Wahrheit geht es um die Kraft der Natur einerseits, und die Ohnmacht der eigenen andererseits. Um den Menschen als entlaufenen, völlig verlorenen Sohn also. Im Video zu It´s my life erscheint uns die alles einende, Meereswimmelnde Welt der Herden und Horden, Schwärme und Kolonien. Wo einzelne Tiere in Aktion erscheinen, sind sie stolz und unbändig, herrschaftlich und frei: selbstbestimmt in ihren natürlichen Anlagen, in ihren gesunden Trieben und Instinkten. Das wird sehr spürbar. Hollis taucht immer wieder sprachlos, mit zugeklebtem Mund auf, wie denn der Klebestreifen selbst als animierter Trickeffekt ein kurzes Eigenleben führt. Es gibt da diese Szene vor dem Gehege, im Zoo: Hollis steht unschlüssig zwischen dem eingesperrten Nashorn und einem außerhalb der Absperrung trottenden jungen Elefanten; sozusagen zwischen den Stühlen. Die Pracht der Bilder, die Gewalt der Elemente, der unerschöpfliche Reichtum der Natur: scheint das Getier zu adeln – und den in eigener Umpanzerung befangenen Menschen zu beschämen. Die Vielfalt an lebendigen Formen, deren jede eigenen Gesetzen gehorcht: erzeugt in Verbindung mit der Musik das Gefühl rauschhafter Überwältigung. Der Mensch steht im Grunde kläglich außen vor, als Zuschauer am Rande, seltsam starr und unbeweglich, unschlüssig und in sich gefangen, befangen und beschwert. Wie der arme Hollis. Alles was da fliegt oder schwimmt, kreucht und fleucht, springt, rennt und stolziert: ist dem Homo Sapiens ein Gleichnis und offenbar weit, weit überlegen. Weil wirklich frei? Die klägliche Vereinzelung, innerhalb bedrückender gesellschaftlicher Verhältnisse, die eine Art Gefängnis schmieden: richtet den, der noch nach Freiheit lechzt, zugrunde. Die andern vegetieren bloß. Und werden, angesichts einer vor Saft und Kraft förmlich auflodernden Natur in ihr Unrecht gesetzt, wie denn der unermessliche Artenreichtum berauscht, der in diesem Video nur angedeutet werden kann. Das Tier lebt, weil es dem Instinkt gehorcht, also: von keinerlei Intellekt gestört wird, wie denn das drückende Bewusstsein, des Menschen Fluch und Unsegen, als stolzes Blendwerk aller Leichtigkeit entbehrt, die der bunte Reigen suggeriert.

Life´s what you make it. Aus der Dunkelheit, die alle Geheimnisse birgt, krabbelt und kriecht, flattert und streunt das tierische Leben durchs grell erleuchtete, nächtliche Sein. Alles spielt sich im Wald ab. Scheinwerfer fangen seine Bewohner wie beiläufig ein. Jenseits der Lichtkegel versinkt die Szenerie im Zwielicht, in einer Welt hinter der Welt; der bloß sichtbaren. Unnahbar, und doch zum greifen nah: huschen die einzelnen Lebensformen aus ihren Versteckplätzen hervor, um rasch wieder in der bergenden Obhut des Schattenreiches zu verschwinden. Das alles wirkt wie ein Spuk: jäh eingefangen, und schnell wieder der allzu neugierigen Blicke ledig. So entsteht eine sehr natürliche Dynamik. Alles scheint wie von unsichtbarer Hand dirigiert und dementsprechend traumwandlerisch in Szene gesetzt. Ulkig der Einfall gleich zu Beginn, ein winzig kleines Insekt über die schwarze Taste des Klaviers krabbeln zu lassen. Das bleibt die Ausnahme. Die Kreatur geht ganz in der Natur, im natürlichen Lebensraum auf. Hier werden keine Zoos oder Freiluftgehege mehr abgefilmt. Begrenzt wird das Treiben allenfalls durch den umliegenden Dämmer, der einen magischen Kreis beschwört. So tastet sich die Kamera in geheimnisreiche Bezüge hinein. Was da lebt und webt, spreizt sich und sprudelt nur so aus dem Rätselreich des Zwielichts hervor. Hollis sitzt die ganze Zeit und spielt auf dem Klavier, mit Sonnenbrille. Tiefnachts. Auf so einen Einfall muss man auch erst kommen. Und es kam ihm wohl auch selbst sehr entgegen, dass er im Halbdunkel verharrte, um solcherart einfach nur sein Lied singen und spielen zu können. So auch der Drummer. Im Unterschied freilich zum Bassisten, der sich grell ausleuchten lässt und das sehr witzig findet. Im Grunde ähneln die Lichtverhältnisse denen eines Livekonzerts. Vom Video selbst geht eine irisierende, knisternde, vibrierende Wirkung aus. Als es draußen endlich hell wird, scheint alle Welt erlöst, geläutert: geerdet zu sein.

Living in another world. Die Tiere sind verschwunden. Das begleitende Zwielicht oder Halbdunkel ist, als Gefäß, geblieben. Hollis spielt auch hier am Klavier sein Ding durch, verzichtet jetzt allerdings auf die Sonnenbrille. Immer wieder bläst ihm ein wahrer Orkan um die Ohren, passend zu der sich steigernden Erregung in den entsprechenden Songpassagen, die den dürren, sogleich grell ausgeleuchteten Typen unbändig erfasst und annähernd umhaut: ein Sog der Befreiung, bis das gnädige Dämmerlicht zurückkehrt und alles sich zu beruhigen scheint. Doch bleibt der Wind, als Brise, ihm und den andern erhalten, die einander zuspaßen und eine Art Böen-Boogie-Woogie hinlegen. Derlei absurdes Affentheater gehörte in der Popmusik von frühen Tagen an zum Standard, egal, wie seriös oder krachkackig man zu Werke ging: ob bei den Beatles (man schaue sich nur die ersten beiden Filme an) oder den frühen Yes, die für´s belgische Fernsehen in einer knallgelben Karre durch die Gegend bretterten und herumdamelten; so auch in einigen flippig anmutenden TV-Aufnahmen von Pink Floyd kurz nach dem Abgang Barretts (See emily play) oder bei den Cream im Schnipsel zu I feel free, bis hin zu den frühen Flippers, damals noch in doppelter Besetzung, die für den Mühlacker Sender ihre kleine Eva regelrecht verblödhunzelten. Sie alle kamen ja vom Beat, der sie anfangs noch einte. Anbei: zählt das Schräge, Schrille – Schrullige noch immer zum Bestand, der aber zunehmend aus der Retorte schöpft und vor lauter Retro nur mehr röchelt.

Soweit ich weiß, entstand mit I believe in you das letzte Video der Band, die eigentlich gar keine mehr war. Als abschließende Konzession an Konventionen, als müder Kompromiss, der sich selbst ad absurdum führt: sehen wir Hollis noch einmal, halb angeleuchtet, vom Zwielicht geschützt, sein Liedchen singen. Hier passiert recht eigentlich gar nichts mehr. Kindlich ergriffen, erhaben in der Reinheit des Ausdrucks, ein Lächeln scheu unterdrückend, wiederholt er am Ende dann das Wort Spirit, als Ausdruck einer Gewissheit, die er niemanden mehr erklären muss. Der Mann wirkt ziemlich fertig, aber auch erleichtert; irgendwie angekommen. Nicht, um abzuheben. Eher, um komplett abschalten zu können. Fortan gab es von Talk Talk keine Videos mehr zu sehen. Statt der Bilder bot die Musik den einzig gültigen, noch verbliebenen Zugang.

Hollis Worte und Wendungen sprechen eine ganz eigene Sprache, der wir uns abschließend in gebotener Kürze widmen wollen. Ohne den Gesang stünden sie ziemlich leer und nichtssagend im Raum. Sein Vortrag, der zwischen Beschwörung und Befreiung, Frust und Feierlichkeit seltsam unentschieden hin und her hastet, verleiht ihnen eine sehr menschliche Wärme, passend zur zarten Künstlerseele, deren assoziative ´Ausgeburten´ in der Musik schwimmen wie Schwärme von Fischen, die ganz im Körper verschwinden, der sie birgt und stets von neuem bricht…

Es sind recht eigene, schwer deutbare, doch immer grundehrliche Empfindungen, die er in eine magische, sehr direkte oder absichtlich diffuse Prosa übersetzt, ähnlich den letzten Versuchen Rimbauds, deren reimlose Folgen schon den Ruch der Selbstaufgabe in sich bargen. Hollis schien die ganze Verwirrung der Pubertät noch einmal auf höherer Ebene zu erfassen und zu erleiden, und das mit wahrer Wonne, sozusagen ohne Rücksicht auf eigene Befindlichkeiten: trennscharf in der Betrachtung – ausufernd im Erleben. Die Eingebungen oder Ausgeburten des Sängers erscheinen auf Anhieb als Bekenntnisse eines schwächlichen, lebensuntüchtigen Jünglings, der dann vor der Zeit ergraut und in den Tonfall eines Visionärs verfällt, dem zunehmend die passenden Worte entlaufen, bis nur mehr letzte Runen das Unsägliche raunen und solcherart in Zeitlosigkeit betten. Bis dahin kam er am überzeugendsten als frustrierter Empörer herüber, der dem Leben mit Haut und Haaren erliegt und immer wieder von seinen Härten gestreckt wird. Was nützt dem Dünnhäutigen die Klugheit seiner Einsichten? Das Problem ist bekannt und geht, philosophisch, bis auf Kierkegaard zurück. So einer hält stur an den unerbittlich in ihm tobenden Gefühlen fest; und den Gedanken auch, die sich gefügig allen Stürmen beugen. Solche Seelen ähneln Schwämmen, die filterlos in sich aufsaugen, was auf sie einregnet. Wie anders all jene, die in allem nur Zerstreuung suchen und darum keinen Deut glücklicher oder zufriedener sind. Typen wie Hollis stehen wohl über den Dingen, doch auch vor lauter Abgründen, die sie angähnen. Immer wieder zieht es sie dorthin, an die Klippen, an die Ränder der Realität. Ihr ganzer Ehrgeiz zielt auf Wahrhaftigkeit, die bloße ´Wirklichkeit´ ist ihnen zu wenig. Doch zögern auch sie, den letzten Schritt zu tun.

Am Ende schluckt die Stille jeden Einwand fort. Hölderlins Spätwerk kommt einem hier verdächtig in den Sinn. Das Unsägliche wird Ereignis, nunmehr umwoben von einer himmlischen Reinheit und Ruhe die erlöst, obschon der ´Normale´ als Wahnsinn wertet, was als Erwachen den Alptraum des Lebens beschließt. Der Menschheit nunmehr unendlich entrückt, beschwört dieser ´Sehende´ mehr denn je seinen nächsten, der ihn doch nicht mehr versteht. So einer suchte ja zeitlebens nach Liebe, die er bis zuletzt nirgends fand, weil wir sie, vor lauter Verzweiflung, immerzu meucheln. Er meinte und er meint: jeden einzelnen von uns.

Hollis hielt sich gern mit wendigen Wortspielereien über Wasser. Eine Besonderheit, die schon recht überzeugend in Today zum Ausdruck kam, dessen Text durchtränkt ist mit Metaphern und Philosophemen: von einem jugendlichen, heißblütig aufwallenden Gemüt so rein und unverstellt dargeboten, wie es seinem Träger gerade noch möglich schien. Merke: was in jungen Jahren mühelos verfängt, verträgt das Alter doch nicht mehr. Dann wirkt es schnell peinlich. Der junge Hollis litt, wie man eben nur als Jungspund leiden kann. Das Empfinden einer verstörten, zutiefst empfänglichen Seele stieß anfangs auf sehr nahe liegende, infolge Gewöhnung und Entzauberung bald vergessene Fragen (Can happiness be someone else’s dream? Was everything a fact of what i read?). Visions in my cell begin to bread: in solchen Worten deutet sich ein tiefes Wissen um die verloren gegangene Einheit sämtlicher Erscheinungen an. Was im Einzelnen blüht und verwelkt, gedeiht und verdorrt, geboren wird und sterben muss: bleibt im Ganzen der Lebendigkeit allen Seins unsterblich verhaftet. Das Unverwesliche überdauert alle Zyklen. Noch freilich sind das dumpfe Ahnungen, die den Schmerz nicht zu besänftigen vermögen. In My foolish friend scheint Hollis mit sich selbst zu sprechen, verzweifelt und abgeklärt im Wechsel, den das Gemüt vorgibt. Such a shame: hier gerät diese Art der Zwiesprache zu einer Art Selbstanklage; angelehnt an den Würfler aus dem Roman von Luke Rhinehart (The dice man). Der steckt irgendwie in uns allen. Jeder wird schuldig – was für eine Schande. In Renee werden Reinheit und Unschuld immerzu schmerzlich beweint, denn der Verlust kann nur in stiller Resignation ertragen werden. Auf den folgenden Alben verlieren sich dann die konkreten Bezüge zum bloß Alltäglichen, das Besondere geht im Typischen, Universellen – in der Metaphorik vieldeutiger Umfassung auf. Life´s what you make it: der banalen Wirrnis wohltätig entrückt oder entwichen, hat man sein Leben vollgültig selbst zu leben. Du allein entscheidest, jeden Augenblick, wohin die Reise geht. Living in another world. Die Liebe, als unglückliche, hat ihr Heil verloren und nähert sich, einmal gründlich von den Illusionen trauter Zweisamkeit gereinigt, ihrer wahren Bestimmung, die im Universellen wurzelt und alle individuellen Ansprüche preisgibt: so befreit sich in diesem Lied eine unglückliche Seele von der Plage des Schmerzes, und wiederholt immer wieder: forget…forget…forget…

Ab jetzt wird der Tonfall gesetzter. Die Verzweiflung nutzt sich langsam ab und mündet in Gelassenheit. Man weiß dann um die eigenen Unzulänglichkeiten bestens Bescheid und kann sich immer leichter von den entsprechenden Bezügen lösen; ihren Fesseln, die so tief ins Seelenfleisch hineinschneiden. Hollis Sprache wird nicht einfacher, nur immer klarer, deutlicher – und damit wieder vieldeutig genug, denn einzig in Klarheit und Strenge ballt sich ja die Vielfalt allen Seins; in annähernder Vollendung. Ähnlich, wie sich in den späteren Werken Edvard Munchs die existentielle Krise langsam beruhigt und in visionären Überschwang mündet, so wachsen die Worte nun über sich hinaus und stoßen in Sphären letztgültigen Ausdrucks vor. Munch brachte damit alles zum Leuchten: in lauter bunten Farben. Bei Hollis lief es anders. Frei nach Cat Stevens: everything emptyin´ into white… Unser Held sprach schließlich immer weniger zu sich selbst oder noch irgendwie zu den andern. Er wandte sich ab vom Chaos der Gefühle und dem Chaos einer blindwütig tobenden, nie zur Ruhe kommenden, dauernd kranken Gesellschaft. Tatsächlich wurde ihm zum Gebet, zur leuchtenden Litanei, was ehedem flüchtig wie fieberkrank umher flackerte; wie ein Irrlicht. Nun litt er nicht länger, er berauschte sich vielmehr immer passiver an den Visionen, die der Weltgeist selbst zu decken scheint und die ihm, nach langer Odyssee, empfänglich wurden. Endlich wird Mark Hollis bekennen dürfen: And yet i´ll gaze, the colour of spring, immerse in that one moment, left in love with everything. Wie sich die Kreise schließen: alle möglichen Themen inbegriffen, in die sich feiernde Stille fort…

Nach der sich der Künstler zeitlebens verzehrte. Das wurde immer auch in seiner Körpersprache deutlich: in der ´Performance´, die keine war und sich auch jenseits der Bühne in lauter Verlegenheiten flüchtete. Meist stand er denn auch oben auf der Bühne in leicht nach vorne gebeugter Haltung, als jemand der ständig des Schutzes, der Obhut – der eigenen Intimität bedurfte und sich eine einsame Höhle herbeisehnte. Gern mit Sonnenbrille, der aufdringlichen Blicke fern. Beharrlich hielt sich Hollis am Mikro fest und sah dann nach unten statt nach vorn; warf seine unsichtbaren Blicke der Bestie sozusagen vor die Füße. Er mied so jeden echten Kontakt mit der Meute, und noch die klebrigen Strähnen seiner schütteren, blonden Mähne boten Schutz; eine Art Helm. In den gesangsfreien Passagen wandte er sich oft ganz ab, doch trat er dann wieder nach vorne, erinnerte seine Haltung direkt an einen Stier, der die Hörner reckt, bevor er den angriffslustigen Schädel doch noch ausweichend zur Seite neigt. Steif bis zum Nacken, den er nie begradigte: wehrte er alle Blicke von sich ab und zog sie damit magisch an. Ein wenig erinnert mich dieser ´Frontman´ an Quasimodo, den Glöckner zu Notre Dame: der war auch eine Art Heiliger.

Die Abwehrhaltung spricht für sich. Sehr im Unterschied zu fast allen, die gleich ihm im Rampenlicht agierten, wurde er im mit beginnendem Erfolg immer scheuer; wenn man so will: immer abwesender, sich selbst verbergender. Bühnenuntauglich und Rampenlichtflüchtend. Das Entschwindende am ihm, gleich der bald folgenden Musik, überhaupt die lebenslange Scheu vor zu viel Aufdringlichkeit und Nähe, bis zur Vereinsamung, die sich in steter Abwesenheit gefällt und ganz den eigenen, auf ein Minimum reduzierten Bedürfnissen genügt: nimmt mit den Jahren folgerichtig zu. Auftritte finden, passend zur ´unspielbar´ gewordenen Musik, immer weniger und endlich gar nicht mehr statt. Künstler und Kunst: ziehen sich zurück, werden unauffindbar, unerklärlich – unerhört. Und es ist gut.

Womit wir bei einer Art Fazit dieses Künstlerdaseins angelangt wären. Es war sicher kein Zufall noch das Ergebnis irgendeiner Laune, das auf dem Cover seines letzten Albums, mit dem er sich aus der Öffentlichkeit verabschiedete, ein Keks abgebildet ist: als furziges Opferlämmchen. Sein letzter, ironischer Versuch, den Abgesang symbolisch auszudrücken. Begonnen hatte alles mit Synthie Pop, der seinen Eingebungen zunächst noch genügte. Am Ende sind sie an den Grenzen des Machbaren weniger gescheitert, mehr wie sanfte, letzte Wellen versandet. Wollte er uns mit diesem Cover bedeuten, dass man möglichst viel und bis zur Verzweiflung gelitten haben muss, um zur Verklärung, zur Offenbarung zu gelangen? Eben: wie ein Opfertier? Noch in der totalen Selbstauflösung, ja: gerade in der ätherischen Verfeinerung seiner letzten Versuche: waltet reines Empfinden, tief und trächtig. Erhöht einen Menschen einzig die Selbstaufgabe? Zuletzt ließ sich dieser Mensch einfach davon treiben, immer weiter oder immer höher: von uns allen fort. Nur so konnte er im passenden Moment seinen treusten Hörern noch einmal am nächsten sein.

Dass Melancholie und höchste Verzückung einander symbiotisch bedingen, also: direkt miteinander zu tun haben und im Wechselspiel erstere endlich in letzterer aufgeht: muss der nette Junge aus Tottenham früh gespürt haben. Das machte, in summa, seine Musik aus. Je autistischer er Außenstehenden anmutete, umso offener, nackter und reiner geriet das Kunstprodukt. Er selbst entschied, aus eigenem Empfinden, wann es auch damit ein Ende habe. Im glücklichen Moment fanden Klassik und Pop, Jazz und Rock, Krach und Stille, Improvisation und Konzentration zueinander. Momente solcher Art lassen sich weder beliebig wiederholen noch Retro-technisch in die Retorte zwingen. Man kann das wohl machen, und es wird auch immer wieder getan, heute im endlosen Dutzend, bis zum Überdruss, bis zur Langeweile, die sich schnell einstellt und die Hollis mied. „Damit Musik gut ist,“ meinte er einmal,“ braucht sie Kraft, Gefühl. In der Minute, in der das Gefühl verschwindet, wird es Kabarett.“ Das war noch sehr höflich formuliert. Es würde ein Witz, eine Lachnummer; Comedy und Klamauk. Damit spielte Hollis eine Weile lang. Es darf uns ganz gleich sein, womit er sich nach der letzten Platte privatim die Zeit vertrieb; wie er finanziell über die Runden kam und welche Runden er überhaupt noch drehte. Tatsächlich hat es dann auch niemanden mehr interessiert. Der Künstler verschwand von der öffentlichen Bildfläche, die ihm stets suspekt geblieben ist.

Uns bleiben seine Lieder. Die erfolgreich gewordenen tauchen ab und an im Radio auf. Die anderen gleichen Morsezeichen aus einer Welt, die schon immer war und doch nie ist. Das wirkliche Leben sei abwesend, stellte der Dichter Rimbaud resigniert fest, bevor er verstummte. Doch haucht sein Geist, gleich dem des Musikers, einer abgewirtschafteten Materie stets neues Leben ein, sowie sie einen Spalt weit ihre Poren öffnet.

 

Über Shanto Trdic 125 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.