PAX VOBISCUM – TEIL 3 – Syd Barrett

mikrofon audio stimme auditorium musik ecke karte, Quelle: HugoAtaide, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Barrett

„…und wie man Helden nachspricht,

kann ich wohl sagen, dass mich Apollo

geschlagen.“

Hölderlin

Von einer künstlerischen Laufbahn im herkömmlichen Sinne kann man im Falle dieses eigenartigen Menschen eigentlich gar nicht sprechen. Mit einem einzigen kühnen Sprung aus dem Stand ließ Barrett, gerade einmal einundzwanzig Jahre jung, die Konkurrenz sofort um Längen hinter sich. Und setzte damit sogleich Maßstäbe. Doch rührte er sich dann nicht mehr vom Fleck. Das Jahr 1967 markiert den einsamen, allein verbliebenen Höhepunkt einer Karriere, die nicht auf Dauer angelegt war. Ihre Erträge verdichteten sich im knisternden Brennpunkt, in der Glut des Augenblicks, der keine weiteren Höhepunkte mehr duldet. Hier war eine Art Rubikon erreicht, den zu überschreiten dem kreativen Tausendsassa nicht mehr gegeben war. Die unvergleichliche Schaffenskraft verausgabte sich komplett im schicksalsträchtigen Jahr, auf einem einzigen, unerhörten Album – einen einzigen Moment lang: in ihm ballten sich sämtliche Energien, die dann so jäh und unvermittelt wieder verpufften. Von neuem konnten sie offenbar nicht mehr mobilisiert werden. Das Gefäß war leer. Kein zweites Mal küsste die Muse ihren Liebling noch. Der hatte es hinzunehmen.

Barretts kurzer, kühner Gipfelsturm bleibt im Letzten unbegreiflich. Von der ´Beflügelung´, die ihn ermöglichte, bis hin zum Schwindel, der den Unglückseligen packte: war es nur ein Atemzug, kaum mehr. Womöglich lähmte die Höhenluft, eben noch als Rausch empfunden, sämtliche Wahrnehmungsfunktionen auf einmal. Dem wiederspräche, dass es diesen Hitzkopf nicht in die Eiseskälte ausgestorbener Gletscherlandschaften zog. Seine visionären Ausgeburten atmen weit eher die Schwüle einer sämtliche Sinne befeuernden und endlich einschläfernden Tropenluft, die ohne passenden Ausgleich Halluzinationen zeitigt. Den Fiebervisionen folgte, einmal ´ausgeschwitzt´, die Apathie, dem Sonnenstich der Dämmer des Entzugs.

Recht eigentlich glich unser Held wohl dem Ikarus, dessen Hochmut ihn zur Sonne drängte, in deren Nähe er sich die eigenen Flügel versengte und kläglich abstürzte. Barrett kracht aber nicht in Windeseile zur Erde herab; vielmehr scheint es, als habe er sich beim anschließenden ´Gleitflug´ in den undurchdringlichen Nebeln der Lüfte verloren, die wie trübe, aschfahle Schwaden zwischen Himmel und Hölle hängen. Irgendwann muss auch dieser ´Pechvogel´ wieder festen Boden unter den eigenen Füßen verspürt haben, aber da war es längst zu spät. Er fand sich in den Niederungen nicht mehr zurecht und verdämmerte den Rest seines Lebens im toten Winkel, der seine letzte Zuflucht werden sollte. Ein Umstand, der gleichzeitig den Mythos befeuerte. Um den Verbleib des nutzlos Dahinvegetierenden rankten sich im Laufe der Jahrzehnte die tollsten Gerüchte. Man kennt das in einem anderen, ähnlichen Zusammenhang; bei ständiger Gelegenheit tauchen dann die allzu früh verstorbenen Heroen der Unterhaltungsbranche, allen voran Elvis, urplötzlich doch wieder auf: vor einem Supermarkt oder in einem herunter gekommenen Reihenhaus. Ein tief im menschlichen Archetypus verankertes Bedürfnis kommt hier, in zeittypischer Verkleidung, noch einmal recht armselig zum Ausdruck. Einst kehrt, weiß die Sage, der Held wieder zurück zu den Seinen, und strahlender denn je: dann kann die Geschichte von neuem beginnen, dann schließt sich auch ein Kreis. Übrig davon blieb freilich nur ein plumper Voyeurismus, der sich am Elend gestrauchelter Existenzen labt. Barrett zählte ganz gewiss zu den unausrottbar Untoten, den vor der Zeit verblichenen Schattenexistenzen: er lebte wohl noch, aber nur mehr im Verborgenen und auf letzter Sparflamme. Der Kult galt einem einsamen Kauz, der inzwischen seinen Frieden mit der Welt gemacht hatte und eigentlich nur noch in Ruhe gelassen werden wollte. Doch blieb er, mehr denn je: ein Held. Der hatte in jungen Jahren alles auf einmal gegeben, sich selbst gleich mit; mehr ging gar nicht. Er ähnelt so in manchem dem eingangs erwähnten Hölderlin, doch trifft er sich, im Typischen, weit eher mit Rimbaud, über dessen schmales, früh abgeschlossenes Werk in einer Brockhaus Ausgabe aus dem Jahre 1956 Worte fallen, die man als Begleit-Kommentar durchaus den visionären Ausgeburten dieses unglückseligen Himmelsstürmers anheimstellen könnte. Rimbaud schrieb 1872 Les Illuminations (in der deutschen Übersetzung: Erleuchtungen, aber auch Farbstiche),“deren Gehalt eher in dem halluzinatorischenBewegungsablauf sinnlich scharfer, aber irreal gemeinter Bilder“ zu suchen sei. Den Dichter fasste bereits der Halbwüchsige als einen von „irrationalen und vorpersönlichen Tiefenschichten gelenkten, auf das Unbekannte, schlechthin andere gerichteten Seher und als ´Arbeiter´ an einer überlieferungs, – und weltvernichtenden Explosion, an der er selbst zugrunde geht.“ Demnach sei das Werk „gekennzeichnet durch eine diktatorische Phantasie, die nicht einen Kosmos errichtet, sondern rätselhafte Fetzen eines Chaos blitzartig erleuchtet. Seine Bildmassen und assoziativen Anrufe verlaufen in bizarren Bewegungslinien, die sich des Gegenständlichen nur als Medium der eigenen trunkenen Dynamik bedienen. Inhaltlich vollziehen seine Dichtungen immer von neuem widerholte Akte der Abstoßung von Vertrautem, des Aufruhrs und des Ausbruchs in exotische, schließlich unwirkliche und überdimensionale Weiten; radikal verneinen sie die gesamte abendländische Überlieferung, doch zeigt sich das Neue, zu dem sie hinstreben, bestenfalls als geheimnisvolle Wirrnis.“ Im Ergebnis vollziehe „eine solche Dichtung das Äußerste an Vereinsamung und Kontaktlosigkeit.“ Wie gemünzt auf Barrett, der sich zwar gern an bereits ´vorgefertigte´ Literatur hielt, in der musikalischen Ausgestaltung dann allerdings ganz eigene Wege ging.

Der exzentrische Kunststudent bevölkerte seine Schaumwelten mit sehr ´Handfest´ anmutenden Geschöpfen, die im überkommenen Rahmen ein seltsam burleskes Eigenleben führten und keinen Moment lang den Anspruch erhoben, ´echt´ zu sein. Die klanglichen Preziosen boten, so merkwürdig das klingt, keine Probleme. Denn mit der bloßen Realität hatten sie nichts mehr zu schaffen. Das meint weniger die entsprechenden Kausalitäten, mehr den vielzitierten menschlichen Faktor, der einem Leben überhaupt erst die entsprechende Würde verleiht. Das Drama der Existenz, immer im Tragischen wurzelnd, ist nie Barretts Thema gewesen. Auf Anhieb ungemein bezwingend, zünden seine Lieder eher wie Blendraketen, die im Siedepunkt aufheulen und dann zerplatzen. Einen Augenblick lang zeitigt das herrlich bunte, glitzernd nachschillernde Farbfetzen am Nachtdunklen Himmel; der Rest rieselt unbesehen zur nackten Erde herab. Barrett selbst war, so scheint es, eine Art Feuerwerkskörper. Er zielte auf irisierende, intensiv nachwirkende Effekte. Seine Kunst schmeichelt denn auch mehr den Sinnen, weniger unserem Gemüt. Da ist nichts, was an tiefere Gefühle appellierte oder im Innersten anrührte. Diese Kunst kulminiert im permanenten Ausnahmezustand, in der vorrausetzungsfreien Welt wunderlichen Geschehens. Wir begegnen recht eigentlich den Fabelwesen J.R.R.Tolkiens, seinen urigen Zwergen, Elfen und Feen. Unter psychedelischer Flagge marschieren sie in ´Barretts World´ neu auf.

Wir wissen vom Freddie Mercury, dass ihn ein Meisterwerk bildender Kunst tief beeindruckte. Ganz sicher galt das auch für Syd Barrett. In dem berühmt gewordenen Gemälde Fairy Fellers Master Stroke von Richard Dadd kommt die Obession, skurileErscheinungen in verworrener Kulisse kunterbunt anzuhäufen, blendend zum Ausdruck. Der Künstler verlor nach einer Reise in den Orient zunehmend den Verstand, ziemlich in Barretts Alter übrigens, und fand seither nicht mehr zurück ins ´wirkliche´ Leben. Sein ´Meisterstreich des Feenburschen´ bildet vielerlei winzig kleine Figürchen in Stufenförmiger Anordnung ab. Auf Anhieb findet man sich überhaupt nicht zurecht in den Gewimmel zierlicher, sehr behutsam in Szene gesetzter Winzlinge, doch macht es andererseits Spaß, den unzusammenhängend anmutenden Ansammlungen bis in kleinste Kleinigkeiten nachzuforschen. Man ahnt: der Schöpfer hat sich einiges dabei gedacht. Allein: man versteht es nicht. Irgendwie erinnert das fulminante Aufgebot zahlloser Kleinstlebewesen auf dem Bild an die Altäre des Hieronymus Bosch; ein Geschehen aufzeigend, das sich jeder herkömmlichen Deutung keck entzieht und doch einer inneren Logik folgt, die der Homo Saecularis nicht mehr nachzuvollziehen versteht. Es scheint fast, als träumten sich in diesen Gespinsten mehrere Kinderseelen auf einmal in zahllose Alp, – und Glücksträume zurück. Sie sind von einer Intensität, die im Detail kumuliert und dementsprechend jede Nuance als echte Kostbarkeit liebkost. Das Kaleidoskopartig aufgebaute Gemälde Dadds mag man sich auch ganz gut als orientalischen Wandteppich vorstellen. 1001 und Nacht: neu aufgelegt in den Wäldern von Swinley Forest; ein Forst, der an Broadmoor grenzt, in dessen Irrenanstalt der Maler den Rest seines Lebens verbrachte. Auf den ersten Blick wird man förmlich erschlagen vom wuselnden Sammelsurium der mit viel Liebe nachgezeichneten Erscheinungen in pittoresker, eigenartig ´enthobener´ Umgebung. Wo anfangen? Und wie den tolldreisten Haufen ungemein plastisch wirkender Fabelwesen irgendwie ´auf einen Nenner bringen´? Folgt das Bild einer durchgehenden Handlung oder bildet es nur lauter gleichberechtigt nebeneinander stehende Trauminhalte ab? Halme, Nüsse und Margheriten ´umkränzen´ prächtig eingekleidete Zwerge beiderlei Geschlechts. Nichts stößt sich in dem Bilde, dem man eine fügliche Ordnung kaum absprechen kann. Der Schöpfer mag sie gekannt und schnell wieder vergessen haben, oder anders formuliert: verlor er die hundertfältigen Fäden, die das Bild durchspinnen, denn wahrlich: ist dies eine Phantasterei, die ´keinen Kosmos errichtet, nur rätselhafte Fetzen eines Chaos blitzartig erleuchtet.´ Im Ganzen wirkt das Werk herrlich dekorativ, ist ungemein formstreng im Aufbau und in allerlei kleinste Kleinigkeiten verliebt, die zum greifen nahe scheinen. Und doch bleibt alles unwirklich, unfasslich – unendlich fern. Die putzigen Persönchen haben zweifelsfrei rein gar nichts mit der realen, der ´normalen´ Welt zu schaffen.

Dadd und Barrett taten es ihnen irgendwie nach. Letzterer vermochte, auf einer einzigen Platte, einen Eindruck davon zu geben, was es bedeuten mag, ganz aus der eigenen Phantasie zu schöpfen, bis zur Erschöpfung, die sich in letztes Schweigen hüllt. Von Dadd ist nur dies eine einzige Gemälde wirklich bekannt und berühmt geworden. Ein irrsinnig ausufernder Tagtraum; freilich penibel eingebettet, ja geborgen in den Schößen eines höheren Mutterbauches. Die Realität gleicht, vor diesem Kolossalgemälde, einem tiefen Schlummer: wacht der Schlafende erst einmal auf, ist es aus und vorbei mit allem. Im Grunde spielt sich der ganze Irrwitz im Kopf eines hellsichtig brütenden Hirns ab: die Außenwelt hat sich dem zu fügen. Das erinnert ein wenig an Franz Kafka. Der konnte nachts nie richtig schlafen und ´arbeitete´ dann im Zustand wachen Dämmers seine luziden Tagträume aus, holte so gewissermaßen das verlorene Pensum der Nacht nach und überführte den Verlauf seiner Gespinste in Realien, deren Alptraumhafter Grundtenor schon die beginnende Katastrophe des eigenen Volkes ´vorweg tastete´. Barrett träumte, darf man annehmen, gleichsam bei Tage. Wer ständig auf dem Säuretrip ist, halluziniert im Grunde 24 Stunden am Stück und wacht erst wieder auf, wenn das Gespinst sich endgültig totgelaufen hat. Man kennt sie, die unsägliche Schwere, die entsetzliche Leere nach entweder schlafloser oder allzu tief durchschlummerter Nacht: anschließend kannst du nichts mehr mit dir selbst anfangen. Madcap Barrett konnte das dann auch nicht mehr; ein restliches Leben lang.

Er mag eine Menge vom eigenen Vater vererbt bekommen haben. Der war Polizeipathologe und  galt als medizinischer Experte für plötzlichen Kindestod. Musikbegeistert, versammelte er die Familie stets zum Singen um einen großen Hausflügel. Barrett sen. malte Aquarelle und schrieb Bücher über Pilze (sic!). Einer von Barretts späteren Cambridge-Kumpanen verriet, dass Barrett sen. unter Anfällen von Geisteskrankheit litt. Der Junge selbst galt als fröhliches, freundliches Kind, allerdings mit einem auffälligen Hang zu Trotz und Schulmüdigkeit. Mit vierzehn bekam er von seiner Mutter eine Gitarre geschenkt, auf der er sofort die angesagten Hits der Shadows, aber auch die bereits zu Klassikern avancierten Gassenhauer Buddy Holliesnachklampfte. Syds Vater starb kurz vor SydsSchulabschluss. Die Mutter beteuerte, dass dies den pubertierenden Sechzehnjährigen tief traf, denn seine Beziehung zum Alten war stets durch eine besondere Nähe gekennzeichnet gewesen. Der Tagebucheintrag vom Tag des Todes blieb: leer. Sehr bezeichnend, das. Nichts vom eigenen Schmerz drang so nach außen. Vielleicht starb mit dem Vater auch ein Teil von Barrett selbst.

Der Aufstieg Syd Barretts zum Popstar fiel in eine Zeit, als die Beat-Bands diesseits und jenseits des Atlantiks gerade dazu übergingen, ihre stereotypen Uniformen abzulegen, um sie gegen grellbunte Klamotten einzutauschen. Auch das Fernsehen bekam nun Farbe, die freilich anfangs nur sehr selten in die miefig muffigen Alltagsstuben vordrang. Der Schwarzweißbildschirm dominierte, passend zu den Verhältnissen, die sich ja immer mit reichlich Verzögerung den neuen anpassen. Junge Musiker ließen sich die Haare bereits deutlich länger wachsen. Der klassische Dreiminuten Song bekam epische Konkurrenz. Noch waren das Ausnahmen. Vieles gärteund brodelte unter der Oberfläche. Nichts deutete, vordergründig, auf einen künstlerischen Quantensprung hin.  

Im London der Swinging Sixties kündigte er sich dann immer vernehmlicher an. Die Metropole an der Themse war ein Magnet. Aus allen Teilen des Landes strömten die hippen, Musikbegeisterten Talente dorthin, aus Amerika kam Jimi Hendrix, dessen exotische Erscheinung schnell zur Nachahmung reizte. Die neblig trübe Hauptstadt des Empire stand den nicht minder angesagten urbanen Großkörpern an der amerikanischen Westküste (LA und San Francisco) in Punkto Jugendkult und Kreativität kaum nach, ja ihr Einfluss übertraf ab einem bestimmten Punkt sogar den aller übrigen Zentren, bevor sich einige der großartigsten Bandkollektive davon machten und in ländlicher Abgeschiedenheit weiterwerkelten (Genesis, Yes uvm.). Nirgends, so schien es, wurde kompromissloser experimentiert als im London der späten sechziger Jahre, wo sich eine ganz eigene Art Underground etablierte, vergleichbar eigentlich nur dem, der sich mit zeitlicher Verzögerung in der Zonenstadt Berlin abzeichnete, die auch als Brutstätte des westdeutschen Terrorismus schnell auf sich aufmerksam machte und bis weit in die achtziger Jahre hinein eine wesentliche Rolle in der Entwicklung künstlerischer Ausnaheerscheinungen spielte. Krautrock ohne Berlin? Unvorstellbar.

65 – 70: Eine hochinteressante, bis heute nicht einmal ansatzweise in ihrer Bedeutung ausgeleuchtete Zeit. Da kam vieles auf einmal zusammen, und keiner derer, die damals dabei waren, wusste recht eigentlich, wie ihm geschah. Auch und gerade in London. In der zweiten Hälfte der 60er Jahre braute sich in den Clubs und Kaschemmen mehr zusammen, als man zu Beginn der Beatles Ära auch nur ahnen konnte oder durfte. Psychedelic, ursprünglich ein Synonym für Sonnenschein und Liebe, mutierte, einmal ´exportiert´, in der ewig klammen, herbstlich anmutenden Regenstadt auf recht eigentümliche Art und Weise zu etwas sehr Eigenem. Anfangs beschränkte sich der aufkommende Dämon Genresprengender Gewalt auf die Enge nächtlicher Zusammenkünfte, wie denn das UFO irgendwann den legendären Marquee Club an Bedeutung übertraf; dort hatte sich die Gegenkultur anfänglich etablieren und entfalten können. Im UFO, unter einer konventionellen Kneipe gelegen, spielten Pink Floyd als Hausband auf. Und entwickelten Nacht für Nacht ihren eigenen, unverwechselbaren Stil. So lief das auch bei den Doors im Whiskey a Go Go, oder den Velvet Underground in Warhols Factory. Nach Auskunft von Jenny Fabian, die als Edelgroupie eine Menge mitbekam, waren Pink Floyd damals „unser lebendig gewordenes lokales Bewusstsein. Es war, als wären sie immer dort gewesen…Dichter aus dem Kosmos.“ Die Szene bildete eine Art Schattenreich, das die Zeremonienmeister grell ausleuchteten, bis der Abglanz des Geschehens aus der Decke krachte und wie ein Irrlicht um die ganze Welt fegte.

Für die frühen ´Heldengesänge´ Pink Floyds war fast ausschließlich Barrett verantwortlich. Freilich bedurfte es der ordnenden Gewalt, um irgendwie einfangen zu können, was das übersprudelnde Hirn eines Einzigen aus sich herausschäumte. Der Kunststudent traf glücklicherweise auf drei Architekturstudenten, und darin lag im Grunde schon der ganze Mythos begründet. Sie konnten, einmal inspiriert oder befeuert, füglich bauen, während die Gebilde des reinen Künstlers wohl schnell wieder formlos auseinander geflossen wären. Im Unterschied zu Barrett waren die anderen drei eher behäbig veranlagt, nüchtern in der Betrachtung und distanziert im Umgang. Ihre Aufgabe bestand also darin, auch weiterhin auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben und irgendwie im Zaum zu halten, was jeder Gravität trotzte. Einzig zu Beginn hielt das Korsett der anderen zusammen, was bereits aus sämtlichen Nähten zu platzen drohe. Das galt auch hinsichtlich gewisser dramaturgischer Effekte, die damals gerade an Fahrt aufnahmen. Pink Floyd begründeten mit ihren LSD-affinen Farbprojektionen bereits die Bühnenspektakel der Folgezeit. Im digitalen Zeitalter kommt eigentlich kein Konzert mehr ohne entsprechende ´Untermalung´ aus, die mittlerweile längst das ganze Geschehen dominiert und den Künstler zum Statisten degradiert. Damals freilich, als Pink Floyd in der ehrwürdigen Queen Elizabeth Hall mit quadrophoner Soundverstärkung, tausenden von Seifenblasen und Happening-ähnlichen Aktionen auf merkten, war die Aufregung groß: keiner kapierte, was die Jungs da eigentlich trieben. Sie selbst wohl auch nicht. Heute ist längst zur Masche mutiert, was hier noch verstörte und von den Artrockern der frühen Siebziger professionell weiterentwickelt wurde. Pink Floyd überforderten ein noch in öden Konventionen befangenes, allzu träges Publikum. Im ländlichen Raum bewarf man sie mit Plastikbechern und goss Bier auf die Bühne. Ähnliche Erfahrungen notierte ein gewisser Edgar Froese, der mit Tangerine Dream etwas später nicht minder konsequent zu Werke ging. Alles auf Anfang – immer volles Risiko. Die Leute waren noch nicht reif für den begleitenden, schwer begreiflichen Wust aus Vision und Konvulsion, Licht, – und Schallcharge – es war zu viel auf einmal. Es war vor allem: noch von keinerlei Kalkül hintertrieben. Irgendwie jungfräulich, unschuldig – rein. Uns sind nur Bruchstücke von solchen Liveauftritten erhalten geblieben, und die fangen die begleitende Atmosphäre ohnehin nicht ein. Eine echte Performance lässt sich nicht abbilden, nur nachäffen; ganz gleich, wie sehr sich der Techniker müht. Das Wesentliche widersteht der nachgepeppten Widergabe, entschwindet mit jedem allzu frechen Eingriff, der nur die Perfektion der Apparatur spiegelt.

Wie auch immer: schoss Barrett bereits jetzt über jedes festgesteckte Ziel hinaus. Das war der Preis, den er zu zahlen hatte. Benannt nach den eher spärlich bekannten Bluesmusikern Pink Anderson und Floyd Council, wäre die Band, nach Auskunft von Roger Waters, ohne den Einfluss des Seiteneinsteigers eine mittelmäßige Bluesband geblieben. Erst Barrett also öffnete den andern die Augen, gab ihnen eine Ahnung davon, was alles möglich ist. Oft waren und sind es geniale Einzelne, die einer Band gehörig auf die Sprünge helfen und sich selbst dabei abhandenkommen (vgl. FleetwoodMac und Peter Green, Genesis und Anthony Phillipsund zahllose Beispiele mehr). Barrett lernte übrigens schon vor der Zeit mit Pink Floyd seinen eigenen Nachfolger kennen: auf der Kunsthochschule befreundete er sich mit David Gilmour. Dieser war der technisch versiertere Gitarrenspieler. Doch profitierte er vom Genius des andern, den er anschließend beerbte. Beide reisten damals an die französische Südküste und begannen, mit LSD zu experimentieren. So kam eins zum anderen. Pink Floyd kann man sich nach wie vor nicht ohne diesen entscheidenden ´Seiten-Link´ vorstellen. Gilmour passte viel besser zu den anderen; in seiner ganzen abwartenden, ruhigen Art. Ihm wäre es nie in den Sinn gekommen, Halluzinogene wie Grundnahrungsmittel zu konsumieren. Er probierte sie aus. Barrett konsumierte sie. Beide freilich trafen sich, wo es um musikalische Visionen ging. Die hatte man damals noch. Alles war neu, total ergebnisoffen. Pink Floyd und zahlreiche andere, früh verschollene Kollektive, kamen gerade erst dahinter, was sich an Möglichkeiten bot. Mit denen spielten sie; so unbekümmert wie furchtlos. Lange konnte das nicht gut gehen. Weshalb Pop Musik von Zeit zu Zeit auch trivialisiert.

Die damalige Szene, als frisch erblühter Biotop, zog Menschen an, die ähnlich dachten oder fühlten wie Barrett und Gilmour, denn die Verhältnisse, denen sie entliefen und die Vorlieben, die miteinander teilten, bestimmten ihres gleichen füreinander. Einander näher rückend, und gleichsam einer Welt den Rücken kehrend, der doch jeder von ihnen entschlüpfte, machten sie ihre wichtigsten Erfahrungen in denkbar kürzester Zeit; das ist immer eine, in der Zeit selbst keine Rolle mehr spielt.

Auf dem Erstling von Pink Floyd fand recht wesentlich seinen Ausdruck, was maßgeblich in Barretts Hirn raunte und rumorte, flatterte und umher spukte. Ein Stück nur stammt von Waters, zwei weitere von allen, aber der Rest ist reinster Barrett. Auch der Gesang wird hauptsächlich von ihm bestritten; Gitarrensoli dito. Die anderen rahmten passend ein, was schon ganz unruhig hin und her zitterte: in Andeutungen hört man aus jedem der Songs bereits das haltlose Gekicher eines irrlichternden Berserkers heraus. Eine Art Hintergrundrauschen, dies: verräterisch noch in den unscheinbarsten Details, die mal nervös zuckend, dann wieder unkontrolliert kollernd, noch gerade eben in die hergebrachte Form gepresst werden können, deren Ränder bereits Feuer fangen. Mit dem Titel des Albums nahm Barrett Bezug zu einem Kapitel des 1908 veröffentlichten Kinderbuchklassikers The wind in thewillows von Kenneth Grahame. Eine Wasserratte und ein Maulwurf begeben sich darin auf die Suche nach einem verloren gegangenen Tier. Die Wasserratte gerät dabei in transzendente Verzückung, in eine Art religiösen Rausch, der ganz wesentlich durch Musik erzeugt wird. Eine Erfahrung, die Barrett nunmehr auf eigene Weise nachvollzog.

Die meisten Songs sind in der Tat: Kinderlieder. Aber was für welche! Gleich das erste entführt uns in die ´Obhut´ eines Weltenraumes, dessen Äonenhafte, über weite Strecken nackt und leer, öde und dunkel sich dehnende Weiten nunmehr wie auf ein Kommando hin zu leuchten, zu flirren und zu flackern beginnen, sich also dem unter halluzinogenen Einfluss stehenden Menschen, als einem wahrhaft Erleuchteten noch einmal neu öffnen. In der ehedem heimlichen, weil hinter den Erscheinungen waltenden Kraft offenbart sich das Numinose in Extravaganz: einen einzigen Rausch zeitigend, wie denn das All im Ganzen, mit seinen Nebeln, Staubhaufen und ultravioletten Strahlen vor Leben ohnehin sprudelt, schäumt und schillert. Eine Art Countdown eröffnet den Reigen, das Raumschiff ´lädt´ und startet voll durch. Die ziemlich ruppige, bedrohlich schreddernde Gitarre markiert den Start, vom polternden Schlagzeug fanfarenhaft umpaukt, und mit dem für spätere Entwicklungsphasen so kennzeichnenden, mehrstimmigen Gesang geht es sanft und selig, von inniger Wärme beseelt auf die alle Grenzen sprengende Reise. Tatsächlich: wie in Trance. Und immer weiter weg von allem. So schwelgt sich die Musik, aller Eindrücke anteilig, die sich erheischen lassen, in sämtliche Fernen fort, doch nach anderthalb Minuten stockt das Raumschiff plötzlich zum ersten Mal, wie von einem psychedelischen Schluckauf aus der eigenen Bahn geworfen. Danach geht der Trip in psychotrop-anarchischer Manier weiter. Ähnlich wie bei den Doors, deren ausufernde Titel (The End, When themusic´s over) über zahllose Improvisationen während der Auftritte ihre monströse Gestalt annahmen, merkt man auch dieser ´Endlos-Passage´ die Wehen ihrer Entstehung an. Es klänge wie früher Punk, drängte sich nicht der vom Lärm seltsam unberührte, saumselige Gesang aller in die kühne Kakophonie, die darob nur umso schräger tönt. Der Song mündet, über einzelne Stimmen (Wright und Barrett) in ein gemächlicher fließendes Fahrwasser. Das Chaos scheint sich also zu beruhigen, in eine Art Abdrift zu geraten. Die Reise selbst hinterlässt einen eher zwiespältigen, verstörenden Eindruck. Wahrlich: eine Art Kinder-Alptraum. Der Text ergeht sich in dunklen Andeutungen über Treppenangst und eisige Wasser, Farborgien (sic) und schreckende Sterne. Hier scheint sich, aller Trunkenheit zum Trotz, die im Grunde eher beunruhigt statt befreit, der reinste Horror abgespielt zu haben: irgendwo zwischen den Planeten des Systems. Barrett beschwört Oberon, den König aller Elfen; der Mond wird zur Titania. Lucifer Sam klingt zu Beginn noch wie eine Reminiszenz an seinen Vorgänger. Barrett erzählt uns von einer Siam Katze (als Vorbild diente die eigene Hauskatze) und der Ginger Hexe. Fabelwesen also, wie anders. Schon jetzt will irgendwie deutlich werden, dass man auf vielerlei Art und Weise irre tun kann ohne es ernst zu meinen – hier steht einer schon kurz davor, es wirklich zu werden. Zum ersten Mal wird die Gitarre in ein bedrohlich surrendes Streichinstrument verwandelt, Jimmy Page war insofern nur Epigone. Viel böse Vorahnung scheint in der allzu dünnen Luft zu hängen, wie denn das nervöse Hauptthema ein dauerndes Fortlaufen assoziiert: passende Begleitmusik für einen Psycho-Thriller mit Verfolgungsjagd. Tatsächlich läuft hier ein Schlummernder vor den Gespenstern fort, die er ohne Unterlass träumt. Mit Mathilda Mother beruhigt sich alles wieder – scheinbar. Denn auch auf dem elegisch eleganten Orgelintro lastet eine Art Fluch. Barrett beginnt seinen Vortrag mit einem hypnotischen ´Es war einmal…´ Die ´Story´ bezieht sich auf die Cautionary Tales for children, vom Dichter Hilaire Bellock 1907 veröffentlicht. In der Nachdichtung von Hans Magnus Enzensberger wurde daraus die Klein-Kinder-Bewahr-Anstalt – mit 15 erbaulichenGeschichten zur Warnung vor den schlimmen Folgen jugendlichen Überschwangs. Syd Barrett wird sich mit den zu Beginn des 19. Jahrhunderts erschienenen Kunstprodukten der Gattung Märchen intensiv auseinander gesetzt haben. Es handelte sich um hochsensible Gebilde des Post-Fien de Siecle, letzte Ausgeburten eines zur Neige gehenden Zeitalters; eines auf die Spitze getriebenen, weltflüchtigen und im letzten lebensuntüchtigen Symbolismus. Barrett liest uns hier vor. Immer wieder unterbricht er sich dabei:“ Oh Mother, tell me more…“ Das Stück zerfällt folgerichtig in zwei einander ebenbürtige Teile, sozusagen zwei Songs in einem: der hymnisch wohltönenden, reinen Erzählung folgt immer wieder eine Art unruhig hektischer Leerlauf, so etwas wie das quengeln oder nölen eines verwöhnten Kindes, das unbedingt wissen will, wie die Geschichte weitergeht. Es sind diese atmosphärischen Brüche, als putzige Einfälle, die in der Popmusik bis dato neu waren; erfrischend provozierend und überzeugend in der Spontaneität, die ihnen anhaftet. Kurz bevor die Hälfte des Liedes erreicht ist kommt es zu einem weiteren Bruch, der das Märchen von der bloßen Erzählung in einen echten, hautnah nachempfundenen Trip überführt: von der ´reinen´ Vorstellung in ein sinnlich dichtes Erleben. Die begleitenden Atemgeräusche erinnern an schamanistische Initiationen zwecks Aktivierung erhellender oder verdüsternder Visionen. Fast scheint es, als hauche Barrett so dem Gerüst der Geschichte den Odem einer Echtheit ein, die alle Wirklichkeit übertrifft und doch nur Schein zu sein beliebt. Oder ist das eine Art stockendes Angstkeuchen? Vom sinistren Orgellauf getragen, hält sich der Rausch, bis er durch einen jähen Schnitt wieder in den Vortrag mündet, der jetzt wie eine Bestätigung wirkt. Gegen Ende verliert sich BarrettsStimme, mehrfach zum Chor gedoppelt, im uferlosen Schmachten. In Flaming hat sie sich, zu Beginn, noch nicht wiedergefunden: seltsame Geräusche, die wie Signale aus der Unterwelt klingen, deuten einen Horror Trip der übelsten Sorte an. Ab Sekunde 15 wird dann ganz unvermittelt ein fröhlich flippiges, leicht angeflashtes Liedchen draus. Beinahe triumphierend stellt der Sänger fest:“ Jippie! You can´s see me, but i can you!“ So frohlockt einer, der sich in der unwirklichen Welt der Märchen und Träume großzügig eingerichtet hat und all jene mit Hohn und Spott überzieht, die im Grau in Grau des Alltags nichts von alledem sehen, hören, fassen können. Voller Übermut, von schrulligen Geräuschen befeuert, tanzt der Zeremonienmeister sich in den jauchzenden Wahnsinn hinein. Ein Gebräu fremdartig anmutender, übermütig aufschäumender Klänge verduzt und verblüfft, bevor die Litanei in Resten triumphal ausklingt. Wofür die Helden des Artrock später ganze Plattenseiten brauchten: Barrett und Co. verpackten es in weniger als drei Minuten Spielzeit. Pow R Toc H, an dem alle Floyds gleichberechtigt teil hatten, treibt den Spaß an schräg-klanglichen Effektheischereien munter fort. So entsteht im Nu eine ganz neue, eine ganz eigene Welt. Toc H, ursprünglich ein Armee-Code, der noch während des ersten Weltkrieges in Flandern zum Einsatz kam, gerät hier zu einem Signal aus Utopia. Eine Art Dschungel erblüht, mit seltsamen Vögeln und Nagern darinnen; Kreaturen vornehmlich, die aus dem Versteck heraus rumoren. Du musst schon deine ganze Phantasie anstrengen, um sie dir passend ´auszumalen´. Eigenartigerweise folgt im weiteren Verlauf ein anmutiges, gemütliches Geklimper auf dem Klavier, von einem tribal anmutenden Trommeln begleitet, aber dann explodiert das Lied im Sinne von ´der hat sie doch nicht mehr alle´: die Urwaldbewohner scheinen durch irgendetwas aufgescheucht, in fieberhafte Wallung gebracht worden zu sein. Die Gitarre lärmt wie tausend Elefanten, Wrights Orgel steigt krachkackig ein, und schon ist ein neues Lied im alten entstanden, das gleichzeitig am eigenen Überschwang verreckt, bevor es erneut anzieht, als jage Barrett eine Meute munterer Dämonen vor sich her; die wollten sich eben erst schlafen legen. Die letzte Minute trabt im lässigen Galopp dahin, herrschaftlich und hochmütig, sehr gesammelt und irgendwie dem kreuchen und fleuchenentronnen, dem das sonderbare Liedchen seine Eigenart dankt. So werden Pink Floyd später immer öfter klingen. Aber von wegen: der Urwald meldet sich noch einmal zurück und verreckt endlich im eigenen Störfeuer. Take up thy stethoscope and walk greift den Geräuschekanon des Vorgängers noch einmal in Form einer Dauerschleife auf, als rhythmische Unterfütterung einer Art psychedelischen Agitprops für Durchgeknallte. Das Lied scheint in lauter Anläufen steckenzubleiben, als habe es einen Sprung in der Rille, doch dann folgt ein jazzig-poppiges Improvisationsgeturtel. Wild entschlossen, spielt sich Barretts Gitarre um seinen eigenen Verstand, von einer munteren Orgel mutwillig begleit-befeuert. Diese Passage erinnert an Karussellfahren, an ein ´immer schneller und schneller´ bis zum schwindel – bis zum erbrechen. Der Gesang groovt sich dann noch einmal rein und würgt den Rest konsequent ab. Und man kann sagen, dass Waters, der sich das Lied ausdachte, hier seinen überkandidelten Lehrmeister zum Teil noch übertraf. Interstellar Overdrive macht da weiter, wo schon Astronomy Domine begann. Sehr deutlich wird der Unterschied zu anderen Bands, die zeitgleich und früher ähnliche Längen wagten: es tanzt und wirbelt hier ein Furor frenetisch angefachter Freiheit, in freilich eigener Umfriedung, aber auf verstörend direkte und fast patzige, mitunter plumpe Art. Das verschrobene Riff zu Beginn dunkelt alsbald ab und macht einer zwielichtigen Improvisation Platz, die sich schnell totläuft und in eine Art Anti-Musik mündet, einmal mehr mit einer Schluckauf-Gitarre und sphärischem Dudel, kompromisslos alle Form, – und Gestaltungsgesetze missachtend, ein reinstes Tollhaus – irrwitziges Tabula Rasa. Die Musik scheint sich zu verselbständigen; jeder der vier, die hier noch einmal gleichberechtigt neben Barrett als Autoren genannt werden, spielt irgendwie für sich und im Halbdunkel des anderen, in spontaner Ergänzung und Abstoßung; je nachdem – wohin die Launen der Einfälle gerade tendieren. Das alles ist ganz klar live aus der Taufe gehoben worden und wird wohl immer etwas anders geklungen haben. Tangerine Dream haben sich hier so ziemlich alles abgeschaut, was auf den ersten beiden Platten zu hören war. Die Dynamik pendelt zwischen Entstehung und Zerfall; Ballung und Auflösung. Immer dann, wenn das Schlagwerk aussetzt, fließt der ganze Brei auseinander, aber irgendwie läuft die resultierende Suppe dann auch wieder in den Teller zurück. Dennoch wird das ganz nie allzu ´wässrig´. Die Jungs scheinen dem Hörer zurufen zu wollen: Lasst uns auf die Reise gehen, egal wohin, egal wie – im Rahmen dieser Musik ist endlich einmal alles möglich. Das wirre Durcheinander bezeichnet im Grunde einen einzigen Rausch, der die erreichbaren Höhen und Tiefen eines Säuretrips durchmisst, bevor in der letzten Minute das Eingangsthema alles fortfegt. The Gnome – hier kommt wieder der Märchenonkel Barrett zum Zuge. Wie bei einem alten Disney Trickfilm scheinen purzeligeZwerge aufzumarschieren, watschelnd und mit roten Bäckchen in ihren feisten Gesichtlein. Der Taktschlag im Hintergrund stört überhaupt nicht, er passt zur Vorstellung munter auf und ab trampelnder Fabelwesen. Wahrlich: ein vollendetes, euphorisch auftrumpfendes Kinderlied. Und wenn Barrett mit Hallverblendeter Stimme haucht: „Look at the sky, look at the river: isn´tgood?“, dann klingt das wie geheimnisvolles Geflüster – Horch, was kommt von draußen rein… Chapter 24 verläuft zögerlich, im Stil einer nicht enden wollenden Initiation. Eine Art ´Sesam Öffne dich wird hier beschworen, doch öffnet sich´s immer nur Spaltweise. Das Lied gleitet ruhig und unaufgeregt, völlig entspannt und ohne Brüche dahin, verrät auch keinerlei Abnormität und kann als eine Art Bekehrung gelten. So ausgeglichen, rein und vollendet tönte des Madman´sKunst kaum je. Nach seinem Abgang konzentrierte sich die Band zunehmend auf derlei meditative Ansätze. Barrett lieh sich Passagen aus dem I Ging, das erst zu Beginn der 50er in englischsprachiger Übertragung vorlag. Scarecrow wartet wieder mit einer Vorliebe für skurile Geräuscheassoziationen auf. Die Vogelscheuche scheint, obwohl sie als stehend beschrieben wird, durch das karge Ambiente einer klanglichen Mondlandschaft zu klappern. Barretts einfältig anmutender, anmutig entrückter Gesang durchbricht die klackernde Monotonie, Wrights Farfisaorgel zaubert so etwas wie abendliche Stimmung herbei, auf eine Art Sonnenuntergang zu, dessen sacht verglimmende Farbtupfer das Gemüt in sanfte Wallung versetzen. Bike: hier singt Syd wie ein dummer Junge, entlang einer auf Anhieb nicht minder beschränkt daher oder drein scheppernden Melodie, die aber durch raffiniert gesetzte klangliche Akzente gewinnt, ja über sich hinauswächst. Kaum sind indes die ersten anderthalb Minuten verklungen, folgt ein folgenschwerer Bruch: bizarre Fetzen einander gegenseitig anblaffender Geräusche steigern sich im weiteren Verlauf zur kakophonen, Störfeuernden Orgie, die endlich in einer Art Entengeschnatter erstickt. Irrer Einfall – irrer Typ. Als solcher wird sich Barrett fortan treu bleiben.

In summa bot dieser LP-Erstling, als Syds Letztling innerhalb der Band, hauptsächlich fröhliche, forsch fidele, so überschwänglich wie kindlich-naiv auftrumpfende, Melodieselige Popsongs. Mehrheitlichkurz und bündig gehalten, im Vollzug und in der Begleitung schräg bis schrill, psychotisch und entrückt, übergeschnappt und ausgetickt: unwiederholbar in ihrer visionären Wut. Der Mix aus Verstörung und Entfremdung, munterer Entfesselung, experimentellen Spielereien und Tripaffinen Flashs kannte wahrlich keine Vorbilder, doch in Legion folgten bald all jene, die von einzelnen Ideen oder bloßen Schlenkern dieses Meisterwerks profitierten, indem sie diese ihren eigenen Vorstellungen ´nutzbar´ machten.

Beschäftigen wir uns an dieser Stelle noch mit dem einen oder anderen ´Überbleibsel´ der Ära Barrett; letzten Eingebungen, denen nichts Gleichwertiges mehr folgen sollte. Gilmour, der die Band während der Aufnahmen zur Single See Emily Play besuchte, war bereits schockiert über die Veränderung, welche er an seinem alten Kumpel Barrett wahrzunehmen glaubte; dieser erkannte ihn zunächst gar nicht. Das Stück fehlte übrigens auf dem in England erschienen LP-Debut, in den Staaten packte man es drauf. Ursprünglich in einer längeren, längst verschollenen Fassung aufgenommen, verhalf der Band das Liedchen schon zu einiger Popularität. Weniger gelang dies mit Arnold Layne, mit Candy and a current bun auf der B – Seite. Das Lied selbst enthält schon alle Zutaten, die Pink Floyd seinerzeit zu den Meisterköchen psychedelischer Gaumenfreuden machten: überraschende solistische Einschübe, wohltönend melodische Bögen, spielfreudige Ausgelassenheit, trunken taumelnd und beglückend im Überschwang, der sich noch ganz unbekümmert gibt. Im Mittelteil scheinen bereits Emerson Lake & Palmer aufzumucken, der Rest klingt in Resten klassisch Beatles-like. Das Lied ist so eingängig wie nur irgendwie; und Emily muss einfach ein Mädchen, kann keine Dame oder Frau sein. Arnold Layne galt seinerzeit als sittenwidrig und wurde demzufolge kaum im Radio publiziert. Ein Kleiderfetischist klaut Büstenhalter und Slips: das reichte. Der Song klingt insgesamt nach mehr, als sein Inhalt nahe läge. Eine Art Heldenepos, hymnisch im Ausdruck, abwechslungsreich im Verlauf, verklärend zum Ende hin. Candy and a current bun mutet ungleich mysteriöser an, auch schroffer; und ist verblüffend einfach strukturiert. So ähnlich schallerten die PrettyThings oder The Who, etwas Stones-like kommt sogar der Gesang rüber. Das ist dennoch Space Rock vom feinsten, pop-mäßig verpuppt, im Mittelteil schon reinster, feinster Barrett: interstellar ´abhustend´ – sowas von stoned.  Das kuriose, posthum erschienene Scream thy last scream beginnt im Stile einer grotesken Deklamation, gesungen übrigens von Mason, der reichlich überkandidelt skandiert: wie Syd es selbst getan hätte. Der klangselige Mittelteil scheint sich am Ende förmlich zu überschlagen, bevor Masons Singsang noch einmal zum abschließenden  Experimentalteil überleitet, der folgerichtig an sich selbst verendet.

Es bleibt bemerkenswert, das Pink Floyd in der Ära Barrett auf Platte – im Kontrast zu den damals bereits ausufernden Live Improvisationen – die kompakte, überschaubare Form simpler Drei, – bis Vier Minuten Songs beibehielten, während der Ideengeber im Innern bereits jeden Halt verlor und immer weiter von den andern und dem Rest der Welt abdriftete. Ein Vierteiljahr früher überraschten die Beatles mit ihrem bahnbrechenden Seargent peppers Album die Welt: auch sie einen Überfluss an Ideen und Einfällen verarbeitend, doch konzentrierte sich das alles gleichsam in der überkommenen, bis dato gültigen Form. Die Fab Four fanden nach endlosem Tourneestress im Studio zur Meisterschaft, denn sie hatten fortan Zeit ohne Ende und probierten dementsprechend unbeschwert herum. Pink Floyd taten es, umgekehrt, auf der Bühne. Und zwangen auf ihrem Debüt nahezu jeden Song in das überkommene Schema. Dementsprechend ´aufgeladen´ und randvoll bis zum platzen tönen die Songs. Allerlei Gegensätzliches gerät, aufs Geratewohl, in magische Beziehung zueinander, aber abzüglich der beiden längeren Songs in nahezu kristalliner, farbtrunkener Immanenz: unglaublich konzentriert und gerundet, kraftvoll prunkend und pochend wie ein Aneurysma. Die späteren Floyd kehrten dann zu den ausufernden, orchestral anmutenden Improvisationen ihrer Clubphase zurück und erlösten sich endgültig erst mit The Wall davon; so staubtrocken und ´diesseitig´, wie dies schon auf The dark side of the moon zum Erfolg führte, der ihnen Recht gab. Sie klangen dabei immer noch interessant und vielschichtig, avantgardistisch und nonkonform, doch nicht länger so haarsträubend verrückt und verspielt, wie unter Barretts Tuchfühlung. Die glutlüsterne Treibjagd nach fetter, Artenreicher Beute: blieb Episode. Sie konnte schwerlich überboten werden. Die Band hatte das Gehege sozusagen leer geschossen. Fortan kehrte wieder mehr Ruhe ein. Gilmour sorgte mit seinem müden melancholischen Gesang, gleich Wright, für Entspannung, wie denn letzterer mit den Synthies noch mehr kosmische Beruhigung ins Spiel brachte; nur Waters blieb zeitlebens vom Beispiel Barretts tief berührt, ja besessen. Auf Ummagumma konnte jedes einzelne Bandmitglied noch einmal für sich aus dem Vollen schöpfen, alle Genre-Grenzen sprengen; danach war das für immer vorbei. Auf Wish you were heregelang ihnen, längere und kürzere Songs recht überzeugend zu bändigen, zu vereinheitlichen, wenn man so will: konventionell zu machen; und just zu dem Zeitpunkt tauchte noch einmal der verwirrte Barrett wie ein Gespenst im Studio auf

Wie auch immer: zehrte ihr seinerzeit zweites Album unerhört vom Vorgänger. Barrett taucht auch hier, im kläglichen Rest, ein letztes Mal auf. Mit dem JugbandBlues, der irgendwie gar nicht mehr aufs Album passt, überspannte der Meister noch einmal sämtliche Bögen. Die Lyrics komprimieren einen Mix aus wirren Visionen und gleichmütigen Abschiedserklärungen:“ And i´m wondering who could be writing this song, andi don´t care if the sun don´t shine, and i don´t care ifnothing is mine, and i don´t care if i´m nervous withyou…“ Und am Ende dann, so ratlos wie gleichgültig, voll drauf und völlig von der Rolle:“And what exactly isa dream? And what exactly is a joke?“ Traum und Irrwitz, Wahn und Gelächter – Illusion und Ironie: so verabschiedete sich der Superfreak von seiner Gefolgschaft. Hier wird wahrlich deutlich, wie eingangs erwähnt, dass Barretts Kunst ohne allzu lästige Nachdenklichkeit, ohne echte Menschlichkeit, ohne Melancholie und ´wahre´ Freude blieb, ganz der überspitzten Verzückung hingegeben, die den Besessenen schließlich unfehlbar richtet. Armer SydBarret! Erst ganz zum Schluss stellt er sich Fragen, die nicht mehr zu beantworten waren. Immer schon zu abgehoben, zu weltenfremd und visionär, in aller Kindlichkeit und Spontaneität: mangelte seiner mit viel Glut und Herzblut aufgeladenen Phantastik echte Wärme. Sie nimmt nicht wirklich für sich ein – sie überwältigt mittels urwüchsiger Emanation. So fehlt auch, wie billig, der Abstand; und damit jene Reife, die einem Menschen erst den Adel verleiht, den er allen Unzulänglichkeiten zum Trotz als echte Würde empfängt. Barrett blieb mit Haut und Haaren genialer Dilettant; einer, der alles bis auf die Spitze treiben musste und wie ein echter Kamikaze den großen Knall, das jähe Feuer, die Glutstürze einsamer Volltreffer bevorzugte. Statt Heiterkeit nur irrsinniges Gekicher; statt Frohsinn die an sich selbst krepierende, visionäre Glückseligkeit. Es war Barrett nicht gegeben, zur seelischen Ausgeglichenheit vorstoßen zu können: an der ist er allzu früh mit ziemlicher Geschwindigkeit vorbei gerast. Er nahm die ersten Hürden mit Bravour und verstolperte sich rasch wie ein hybrides, vielfüßiges Trampeltier. Und blieb in Bizarrerien befangen, die freilich ihres gleichen suchen und für sich genommen kaum mehr überboten werden können. Weshalb der solcherart Auftrumpfende folgerichtig ´Bodenlos´ fiel. Das wurde im weiteren Verlauf auf tragische Art und Weise deutlich; schmerzlich für alle, die den ´Leidensweg´ noch in seinen Anfängen mitbekamen.

Gemeinsam mit einer Freundin und einem ganzen Rattenschwanz nassauernder Gefolgsleute quartierte sich der Ausnahmekünstler in einer Wohnung in Kensington ein. Peter Jenner sprach vom ´Katastrophenhaus´, wo es schon morgens zum Kaffee LSD gab; auch die Hauskatze bekam was ab. Für gemeinsame Auftritte mit der Band wurde der Psycho-Barde zunehmend unbrauchbar. Im Zustand dauernder Katatonie musste er förmlich auf die Bühne geschleift werden, wo er oft nur apathisch herumstand und keinen einzigen Ton mehr spielte. Im August des Jahres wurden schließlich alle weiteren Konzerte abgeblasen. Ähnliche Probleme sollten sich bald auch für die Doors oder die Rolling Stones ergeben: deren ´Sorgenkinder´ bekanntlich rasch das Zeitliche segneten. Barrett blieb den ganzen Sommer über teilnahmslos, geistig abwesend. Für die Aufnahmen zum Jugband Blues, der als Single rauskam, verlangte er eine ganze Heilsarmee. Und schottete sich fortan immer mehr von allen andern ab. Einer seiner allerletzten Beiträge für die Band, Apples and Oranges, dreht sich stilistisch bereits im Kreis, wirkt in seiner Akzentfreien Improvisation kraft, – und saftlos; dümpelt solcherart seltsam lustlos und abgeschlafft vor sich hin. Krasser konnte man sich den Kontrast zum ´alten´ Barrett gar nicht vorstellen. Es fehlten nun die ehedem so selbstherrlich aufmuckenden dramaturgischen Akzente und melodischen Varianten. Da war nichts mehr, was aufhorchen ließ; es schien, als schläferte sich die Musik selbst ein, um endlich Ruhe vor ihres gleichen und der ganzen Welt da draußen haben zu dürfen: beide waren einander abhanden gekommen. Barretts Zustand verschlimmerte sich mit jedem neuen Tag. Trotzdem nahm ihn die Band mit auf Amerika-Tournee. Große Hallen, viel Trara. Ob der Umnächtigte viel davon mitbekam? Während der Konzerte stand er meist mit hängenden Armen da und trillerte nur gelegentlich auf einer Pfeife. Einmal ließ er ein Konzert ganz sausen, weil er sich stundenlang vor dem Spiegel mit seiner Frisur beschäftigte, ein anderes Mal, ausgerechnet bei Dick Clarks landesweit ausgestrahlten, überaus populären American Bandstand, hielt er zum eigenen Gesang die Lippen geschlossen. Während eines weiteren Fernsehauftritts verließ Barrett mitten im Song das Studio. Alle übrigen Fernsehauftritte an der Ostküste wurden abgeblasen, der Rest der Tournee schließlich auch. Mason meinte später, das Barrett vor ihren Augen wegschmolz. Um eine weitere Single rauszubringen entschied man sich einmal mehr für einen seiner Songs (Vegetable Man); so sehr zehrten die andern noch immer vom Genie dessen, der nur mehr ein armseliges, bemitleidenswertes menschliches Wrack darstellte. Total hilflos: dümpelte er so vor sich hin, hangelte sich von einem Tag in den nächsten, den anderen zum Entsetzen. Der VegetableMan stampft, gleich seinem Schöpfer, völlig uninspiriert auf der Stelle herum. Und wird im Mittelteil durch ein scheeles Gelächter gecuttet. Gegen Ende des formlos ausfransenden Liedes bringt der Text auf den Punkt, was längst für den Song und seinen Schöpfer galt: I’vebeen looking all over the place for a place for me, but itain’t anywhere, it just ain’t anywhere.

Traurig aber wahr: um als Band irgendwie weiter machen zu können, musste man sich vom einstigen Mastermind trennen; den schleppten sie eigentlich nur noch nutzlos mit sich herum. Und es wurde nicht besser. Im Pariser Olympia stand Barrett, wie mittlerweile üblich, untätig herum, die Arme schlaff zur Seite herabhängend; und sturstracks vor sich hinstarrend. Sein letzter Auftritt fand ziemlich genau einen Monat später im Hastings Pier in Sussex statt. Danach war er endgültig raus. Gilmour war als Ersatz längst am Start. Es fanden anschließend noch Treffen statt, an denen Barrett teilnahm, aber man sprach in seiner Anwesenheit bereits in der dritten Person von ihm. Er, der laut Auskunft der anderen keinerlei Hilferufe von sich gab, vielmehr stoisch immer tiefer in den eigenen Wahnsinn hinein trudelte, hatte noch nicht ganz begriffen, was um ihn herum eigentlich los war. Wright, der damals mit Barrett zusammen in einem Haus lebte, musste den Freund sogar belügen, wenn es um Auftritte ging, an denen dieser eben ab sofort nicht mehr teilnahm. Einmal verlief sich der solcherart Genarrte in ein Konzert der Band und starrte, vor der Bühne stehend, die ganze Zeit über zum Nachfolger, zu Gilmour herauf. Herzzerreißend. Wer dafür sorgte, dass er einige Monate später in psychiatrische Obhut kam, ist bis heute ungeklärt. Syd Barrett verschwand von der Bildfläche.

Einen ´richtigen´ Abschied von den andern hat es nie gegeben. Der heillos verwirrte Jüngling verflüchtigte sich vielmehr in Schüben. Vom Publikum verabschiedete er sich mit seinen letzten beiden Soloalben (The Madcap laughs, Barrett) und dem posthum erschienenen Opel. Auf ihnen ist der esoterische Vorrat an kreativer Verrücktheit auf ein absolutes Minimum herunter geschmolzen. SpartanischeFolk Songs halten zusammen, was an Dürftigkeit nicht mehr zu überbieten ist. Von den funkelnden, mitunter atemberaubend farbigen und komplex ineinander geflochten Gebilden des Debuts war nur mehr ein zerbrechliches, durchsichtiges Gerippe übrig geblieben, dessen einzelne Glieder kläglich ineinander greifen und den Rest eines sehr müde gewordenen Leibe leidig bei Laune halten. Ein wenig erinnert das alles an den späten Mark Hollis. Gehen wir ganz kurz auch darauf ein, entlang einzelner Songs, stellvertretend für alle andern, die sich irgendwie in einer Trostlosigkeit gleich bleiben, die ihren Grundtenor ausmachen.

Golden Hair umkreist so unablässig wie teilnahmslos den Zustand eigener Entrückung, die in einer Art Schwebezustand verharrt. Das gilt eigentlich für fast alle Songs, denen einfach zwecks Belebung die alte Begleitmannschaft fehlt. Brauchten Mason, Wright und Waters einst den verrückten Barrett, um als Band einen Anfang zu setzen, war dieser nun ohne sie nur noch ein in eigener Indifferenz verharrender Autist: Gefangener seiner selbst. So klang jemand, der gestern noch vor lauter Fieber tobte! Jetzt dumpfte und stumpfte er, von den passenden Medikamenten ruhig gehalten, harmlos und nichtig vor sich. Traurige Lagerfeuerromantik. Belangloses Geklampfe. Halbgar und unfertig, ohne den Treibstoff der Befruchtung, wälzt sich die Plazenta im trockenen Staub: zu dünn und klebrig, um auch nur den geringsten Anflug innerer Aufwallung irgendwie auffangen oder weiten, befruchten oder befeuchten zu können. Diese Musik findet nicht mehr zu sich selbst zurück, sie verhaspelt sich ständig auf halber Strecke, und kennt auch kein Ziel, wie denn der Schöpfer selbst nirgends mehr ankommen kann oder möchte. Im Grunde hat Barrett, nachdem er seiner alten Band und dem eigenen Verstand abhandenkam, nur noch Stückwerk, Halb, – und Viertelfertiges, auf der Strecke gebliebenes Material aufgenommen. Die Songs klingen so beliebig wie belanglos; ratlos, seicht und gefällig. Abweisend auch und irgendwie unendlich matt; ausgemergelt. Lauter kleine Erinnerungen an unerhörte, heroische Zeiten, deren Erlebnisdichte nicht mehr erreicht wird, weshalb die Erzeugnisse wie Spülwasser versickern. Es sind immer noch Kinderlieder, freakyaber flau, Eight miles high – und kommen doch keinen Millimeter mehr von Fleck weg. Auf Barrett´sZweitling wird sehr deutlich, dass er über gute Ansätze und vielversprechende Ideen nicht mehr hinausgelangt, weil ihm die Kraft fehlt, schöpferisch auszugestalten, was ohnehin als kümmerlicher Rinnsal vom Ozean der Erregung übrig geblieben ist. Man höre, geduldig, auch nur eine Viertelstunde hin: irgendwann verpufft das Interesse, wie der Born des Schöpfers versiegt, tröpfchenweise: letzter Auswurf einer abgewrackten Fontäne, aus der es täppisch pullert statt zu gischten und zu schäumen. Es ist egal, welchen Song man gerade hört, ob man sich auf ihn konzentriert oder nebenbei die Wäsche wechselt. Man kann auch ganz gut dazu einschlafen, übrigens. Manches klingt durchaus interessant, zunächst; und zieht sich doch ohne echtes Zünden dahin und am Ohr vorbei. Was hätten die andern von Pink Floyd aus einem Stück wie Opel, eventuell, noch raushauen können… das Lied klingt aber nur wie ein kalter Furz. Barrett und seine Klampfe und ein Wust wirrer Worte: das war alles, was am Ende übrig blieb.

Nach diesen letzten Aufnahmen, alle noch 1970 erschienen, machte sich der Künstler aus dem Staub. Er verließ London und kehrte zur Mutter nach Cambridge zurück. Nach ihrem Tod im Jahre 1991 lebte er völlig allein in dem Haus. 15 Jahre später starb der wunderliche Mann dann selbst. Wir wissen herzlich wenig über all die Jahre totaler Zurückgezogenheit, die dem endgültigen Abschied von dieser Welt vorangingen. Lohnt es wirklich, auf sie einzugehen um sich in unnütze Spekulationen zu verrennen? Der Mann hatte fertig. Erst sehr viel später, als dieBewusstseinserweiternden Ausschweifungen seiner wilden Jahre längst Vergangenheit waren, bot der einstige Adonis das Bildnis einer hässlichen alten Ente, im Unterschied etwa zum nicht minder exzessiv veranlagten Jim Morrison, der schon binnen kurzem alterte und verfiel und doch bis zuletzt eine beeindruckende Ruine darbot. Barrett nahm sich Zeit. Zunächst noch feist und aufgedunsen, dann hager und verhärmt, ähnelte er nach meinem Empfinden anfangs noch dem späten Rimbaud, in seiner ´fetten´ Phase aber ganz dem farbtrunkene Abbild Dorian Greys, wie er im berühmten Film von Albert Lewin zu sehen ist (1945).

Der Kerl wollte, salopp formuliert, nur noch in Frieden gelassen werden. Eigentlich, seien wir ehrlich, sah und sieht ein kreuznormaler Mann in mittleren Jahren ähnlich, im Mindesten kaum anders aus. Bachansatz, Glatze – lässige Alltagsklamotten: ein Normalo, dem man den Irrgeist seiner Vergangenheit jetzt nicht mehr ansah. Aus einem schillernden Gesamtkunstwerk war so etwas wie Konfektionsware geworden: leicht abgestanden und gehörig angeranzt. Punkt, aus. Dabei sah er bis zuletzt gar nicht sonderlich alt oder abgezehrt, krank oder entrückt aus. Schrecklich gewöhnlich vielmehr, ein klein wenig verstört, muffelig allenthalben.

Umso seltsamer berührt, im Vergleich, die einstige Fabelgestalt, deren Eigentümlichkeiten wir an dieser Stelle noch einmal streifen wollen. Schon Barretts Art zu singen, herrlich naiv und nobel zugleich, keck und aufmüpfig, hypnotisch und übersprudelnd, wirkte berauschend und auf der Stelle ansteckend. Er hatte einen echten Draht zu den stammesgeschichtlich stets sparsam und im Zaum gehaltenen Urkräften des Lebens, die er mittels Drogen ständig anzapfte und in sich einsog. Deren Gewalt konnte der schmächtige, kümmerliche Leib nicht lange widerstehen. Rasch erlag der ganze Mensch dem Überschwang geistig-seelischer Potenz. Er brauchte Jahrzehnte, um sich von dieser ´Party´ wieder zu erholen. Anfangs, bei Pink Floyd, hatte Barrett den stieren, starren Blick eines Sehers, der sich aber erst nach dem Abgang eintrübte und ins Schläfrige, schemenhafte überging; so ähnlich wirken auch die letzten Aufnahmen von Brian Jones oder Jim Morrison. Syds Feuergeist verrauchte. Sein Gemüt, ehedem mimisch kaum fassbar, wurde zunächst über eine Art Entsetzen, das ihm ins Gesicht geschrieben stand, transparent. Er wirkte dann Ende der Sechziger rasch abgekämpft und übernächtigt, erschöpft und irgendwie paranoid. Verzweifelt? Vielleicht auch nur unendlich traurig, aber zu stolz, um andern etwas vor zu jammern.

Um es zu wiederholen: fanden Pink Floyd nach seinem Ausscheiden zu ihrem ´klassischen´ Stil, der in großangelegte Soundbögen kulminierte, die oft melancholisch,  mitunter hochherrschaftlich tönten und ganze Seelenlandschaften ins Universelle schraubten. Das erinnert einmal mehr an Hollis, der auf freilich eigene Weise diese Hochplateaus erklomm. Barrett hat derlei ´Hochalmen´ nie erreichen können oder wollen, Klarheit und Weite des Blicks waren dem Visionär nicht gegeben. Vor seinem geistigen Auge jagte eine Vision die nächste, und sie alle verstellten das Panorama, wie sich denn in dem Hirn dieses Hypertrophen verhängnisvoll verdichtete, was locker in drei weitere Köpfe gepasst hätte. Barrett blieb dem Ornament und der raffinierten Oberfläche verpflichtet, auf deren Böden hochfahrende Trolle ihr seltsames Unwesen trieben. Im Grunde war er, als Brite, ein später Nachfahre der Symbolisten um Gustave Moreau oder Dante Gabriel Rosetti, die ihre überbordenden Phantasien gleichsam grell ausleuchteten. Auch Rosettiergab sich dem exzessiven Gebrauch von Drogen, die ihn bald in unkontrollierte Wahnvorstellungen versetzten. Gleich Barrett veränderte sich der in jungen Jahren bildhübsche Mann äußerlich deutlich, und tatsächlich, gleich diesem, in dieselbe Richtung: er wurde fett und hatte markante, dunkle Ringe unter den Augen, die ihn nach Auskunft der Zeitgenossen finster aussehen ließen. Syd fiel in den späten Sechzigern gerade durch besagte Eintrübungen all jenen auf, die in den verlorenen Blicken dieses armen Kerls das Schicksal am Werke sahen, dem er innerlich erlag. Tatsächlich waren Barrett und die ihm vorangegangenen Heroen allesamt sture Tagträumer, verliebt ins Exotische, Abseitige, verführerisch Aufreizende; grundehrlich in ihrem Bemühen, der öden Wirklichkeit auf die Sprünge zu helfen, auch auf die Gefahr hin, sich dabei selbst aus ihr heraus zu katapultieren. Kleinen Kindern bekommt das noch vorzüglich. Großen freilich bricht es das Genick. Barrett hätte man sich ganz gut im Kreis der Jünger um Stefan George vorstellen können, dessen Autorität er sich womöglich nicht bis zur Neige gefügt hätte.

Dass Abenteuer eines freien, sehr freien Geistes begann früh und endete zügig; sei´s drum. Mag die Gestalt am Ende auch zerbrochen sein, hinterließ ihr Träger doch ungemein kunstvolle, vollendet gefertigte Kleinodien, deren Brillanz über bloße Betrachtungen erhaben bleibt und überzeugend wirkt in den hinreißenden Überzeichnungen, im schieren Überfluss ihres Ausdrucks, und der Intimität zugleich, die noch einmal im letzten Form und Festigkeit wahrt, bevor der ganze Laden heillos auseinander kracht.

Über Shanto Trdic 125 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.